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Gewalt im Heavy Metal

Zwischen Abschreckung, Appell und Aushängeschild

Examensarbeit 2009 133 Seiten

Musikwissenschaft

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung
1.1 Das Ziel der vorliegenden Arbeit
1.2 Begriffsklärungen und themenspezifische Besonderheiten

2 Das Gewalt -Image des Heavy Metal
2.1 Ursachen in der Geschichte des Genres
2.2 Stimmen in der Öffentlichkeit
2.2.1 Das Parents Music Resource Center (PMRC)
2.2.2 Vance vs. Judas Priest
2.2.3 Pseudowissenschaftliche Veröffentlichungen
2.2.4 Fundamentales Christentum
2.3 Stellungnahme von Künstlern und resultierende Bewegungen .

3 Die Ambivalenz und Vielfalt der Gewaltdarstellungen
3.1 Inhaltliche Bezüge
3.2 Formen der Darstellung
3.3 Die Adressaten von Gewalt
3.4 Der Grad der Ernsthaftigkeit an Hand ausgewählter Beispiele
3.4.1 Manowar
3.4.2 Rammstein
3.4.3 Knorkator
3.4.4 Norwegische Black Metal Bands

4 Mögliche Gründe für gewaltbezogene Inhalte
4.1 Schock durch Konfrontation mit Gewalt
4.2 Aufruf zu Gewalttätigkeit
4.3 Gewalt als Marketingstrategie
4.4 Spaßfaktor - (warum) macht die Darstellung von Gewalt Spaß ?

5 Zusammenfassung und Schlussfolgerungen
5.1 Weiterführende Fragestellungen

Anhang A: Songtexte

INHALTSVERZEICHNIS

Abbildungsverzeichnis

Quellenverzeichnis

Abschlusserklärung

1 Einleitung

Der Zusammenhang zwischen Aggression und Musik ist in den letzten Jahren immer wieder diskutiert worden. Ist Musik, die kontroverse Texte beinhal- tet und musikalische Formen, die den vorangegangenen Generationen meist unverständlich bleiben, dafür verantwortlich, dass ihre Hörer eine erhöhte Ge- waltbereitschaft entwickeln und Straftaten begehen? Oder hat die Musik keinen Einfluss auf das Sozialverhalten und sind es vorwiegend Menschen mit gewis- sem Problemhintergrund, die sich zu ihr überhaupt erst hingezogen fühlen? Oder ist Musik eine Kunstform wie jede andere und sollte daher unbehelligt ihre Enwicklung vollziehen?

Bei der gegenseitigen Abwägung der Standpunkte gibt es Parallelen zur aktuellen und ebenfalls immer wieder neu geführten Diskussion über gewalt- haltige Computerspiele. Obwohl sich beide Phänomene in einigen Punkten auch nicht vergleichen lassen, wie z.B. das Element des selbst aktiv werdens bei Spielen, das einem eher passiven Hören von Musik gegenübersteht, so gibt es doch auf beiden Gebieten sowohl positive als auch negative Auswirkungen, die durch Studien nachgewiesen werden konnten.1 Durch den schwer nach- weisbaren kausalen Zusammenhang ist ein klarer ja/nein bzw. gut/schlecht Umgang mit dem Thema unmöglich.

Viele Eltern und Pädagogen2 fühlen sich verantwortlich, diesen Beziehungen auf den Grund zu gehen, mit unterschiedlichen eigenen ästhetischen Vorstellungen sowie pädagogischen Mitteln.

1.1 Das Ziel der vorliegenden Arbeit

Die Zusammenhänge zwischen Musik und deren Auswirkungen auf das Aggres- sionspotential eines Menschen fallen eher in den Bereich der Psychologie und stehen daher nicht im Zentrum dieser Arbeit. Vielmehr sollen die verschiedenen Formen von Gewalt, die unmittelbar oder eher indirekt in der Musik verankert sind, analysiert werden. Betrachtet wird dabei nicht nur die Musik als akustisches Phänomen, sondern alles, was zu einem Titel gehört, von den musikalischen und instrumentalen Merkmalen über den Text, das Plattencover, das Musikvideo bis hin zur Präsentation auf einem Livekonzert. Darüber hinaus werden auch die Hintergründe nicht außer Acht gelassen, die eventuelle sekundäre Ziele erklären könnten, die durch das Element Gewalt in der Musik erreicht werden sollen. Hierzu zählen unter anderem auch die als Mittel des Marketings gezielt eingesetzten Provokationen.

Da der Bereich der gesamten populären Musik zu groß ist, um ihn aus die- sem Blickwinkel zufriedenstellend zu betrachten, werde ich mich einem Teilbe- reich daraus widmen, nämlich dem Genre, welches wohl neben wenigen anderen am meisten mit einem gewalthaltigen Image behaftet ist: dem Heavy Metal. Selbst im Heavy Metal ist die Unterteilung in sich massiv unterscheidende Un- tergenres so groß, dass ich hin und wieder Einschränkungen und Zugeständ- nisse machen werde, um ein aussagekräftiges Bild zu bekommen, welches auch den vielen Unterkategorien noch ausreichend gerecht wird.

In dieser Arbeit möchte ich einer Beantwortung der folgenden Fragen näherkommen: Woher kommt das (Vor)Urteil, dass der Heavy Metal gewalthaltig ist? Was hat es mit diesem Image tatsächlich auf sich?

Dafür werde ich mich zunächst mit diesem Image und dessen Herkunft und Bedeutung befassen. Darauf folgt ein Abschnitt, der eher beschreibenden Charakter besitzt und die unterschiedlichen Formen von Gewalt im Zusammenhang mit Heavy Metal darlegt. Im anschließenden Kapitel werden mögliche Gründe aufgezeigt, die Gewalt als Stilmittel im Heavy Metal attraktiv machen. Mit den dann gewonnenen Informationen und möglichen Zusammenhängen werde ich in der Lage sein, ein auf fundierten Fakten basierendes Bild des Zusammenhangs von Gewalt und Heavy Metal darzustellen.

Sämtliche angesprochenen Songtexte sind im Anhang dieser Arbeit alphabetisch sortiert angefügt.

1.2 Begriffsklärungen und themenspezifische Besonder- heiten

Es wird kaum eine Aussage über Heavy Metal geben, die universell gültig ist für alle Teilgebiete des Genres. Selbst bei einer allgemein als zutreffend empfundenen Aussage wie ”ImHeavyMetalgibtesimmermindestenseinen Musiker, der Gitarre spielt.“ lassen sich Ausnahmen finden wie Apocalyptica oder Bassinvaders.

Die Anzahl der Untergenres des Heavy Metal ist schlichtweg so unüber- schaubar und obskur, teilweise von Bands selbst kreiert und mit jeweils ande- rem ästhetischen Schwerpunkt versehen, dass dieser Oberbegriff kaum als ab- grenzbare musikalische Form gesehen werden kann. Zwischen Twisted Sister, die den sogenannten Glam Metal und Hair Metal adäquat vertritt und Theatre of Tragedy, die wiederum als Vertreter des Gothic Metal und des Doom Metal gesehen werden kann, liegen Welten. Schwenken der Blick und das Ohr weiter zu Marilyn Manson, einem Vertreter des Industrial Metal und des sogenannten Shock Metal, so ist die Frage berechtigt, ob es überhaupt einen ernstzunehmen- den Musikgenrebegriff geben kann, in den alle drei passen könnten. Eine der wenigen Verbindungen wäre hier vielleicht das obige Beispiel der gemeinsam gespielten E-Gitarre.

Beim Nachschlagen des Begriffs Heavy Metal in verschiedenen Enzyklopädi- en findet sich meist eine recht lange Liste von Untergenres. Interessanterweise sind nur etwa 2/3 der angeführten Genrebezeichnungen deckungsgleich mit de- nen eines anderen Nachschlagewerkes, die übrigen gibt es nur in einem Werk. Dieses Verhältnis hängt auch vom tatsächlichen Umfang der jeweiligen Liste ab.3

Und so vielfältig wie die Bezeichnungen sind häufig auch die musikalischen Eigenheiten.

Der erste eigenständige Begriff, der sich kurz nach der Entstehung des Mu- sikstils zum Ende der 1960er Jahre herausbildete, war allerdings tatsächlich Heavy Metal. Erst darauf folgten die stilistisch spezifischen Unterscheidungen und musikalischen Abgrenzungen, die eine eigene Namensgebung nach sich zogen. Somit ist es interessant zu bemerken, dass es neben den verschiedenen Bezeichnungen, die meist auf Metal enden wie Black Metal, Progressive Me- tal oder andere, es kein Untergenre gibt, welches den konkreten Namen Heavy Metal trägt. Selbst die Musik der Bands, die sich ’auf die Fahnen schreiben’, die ursprünglichste aller Formen des Heavy Metal zu spielen, wird in der Regel als True Metal oder Power Metal bezeichnet. Das Wort Metal am Ende der Bezeichnung ist also eher als Nachname zu verstehen, der sämtliche Untergen- res als eine Art musikalisch ästhetische Familie zusammenfasst, ungeachtet der gravierenden Unterschiede, die inzwischen bestehen. Und tatsächlich ist im allgemeinen Sprachgebrauch häufiger nur von Metal die Rede, wenn es um die allgemeine Musikbezeichnung geht. Geschmäcker sind ja bekanntlich ver- schieden und auch in Bezug auf Heavy Metal sind die musikalischen Grenzen fließend, also ist es in Unterhaltungen viel naheliegender, sich als Metal -Fan vorzustellen anstatt jedes gern gehörte Untergenre aufzuzählen oder, weil auch dort nicht jede Band gleichermaßen gefällt, jede Band einzeln zu nennen.

Damit jeder diese Arbeit lesen kann und sich niemand, ob Fan oder nicht, in seinem ästhetischen oder Genreempfinden vernachlässigt fühlt, werde ich den allgemeinen Begriff des Heavy Metal verwenden, da viele der von mir bearbei- teten Themen mit geringfügigen Einschränkungen auf sämtliche Untergenres anwendbar sind. Im weiteren Verlauf werde ich auch einige Genres detaillier- ter vorstellen und dort selbstverständlich die entsprechenden Unterscheidungen machen.

James Hetfield, Sänger der Band Metallica, die für eine Heavy Metal Band eine nahezu einzigartige Karriere und Popularität erreichen konnte, hat zu der Unterteilung von Heavy Metal folgende sehr treffende Aussage gemacht: ”Call it what you will: Trash, Speed, Hardcore, Black Metal, Grindcore, Grunge, Speedcore, Acid Metal, Funk Metal, Fuck Metal..., who cares!! As long as the attitude lives.“4

2 Das Gewalt -Image des Heavy Metal

Trotz inzwischen riesiger Fangemeinschaften, unzähliger Bands und einem fe- sten Platz in der Marktwirtschaft der Musikindustrie ist der Heavy Metal nach wie vor mit einem eher negativen Image behaftet. Die Assoziationen mit dem Musikstil sind vielfältig, sie reichen von Gesundheitsschädigungen durch extreme Lautstärken oder Drogen über antisoziales Verhalten wie Aggression und Gewalt bis hin zu Religionsfeindlichkeit, die teilweise sogar im Satanismus ihren Höhepunkt finden soll.

Dabei ist es naheliegend, dass nicht alle Vorwürfe zutreffen, denn sonst hätte der Heavy Metal vermutlich auch nicht den Zuspruch, den er besitzt. Immerhin ist die einzige Band, die es jemals geschafft hat, mit 5 Alben in Folge in der ersten Woche nach Veröffentlichung auf Platz 1 der US-amerikanischen Album-Charts zu landen, ausgerechnet eine Heavy Metal Band, nämlich Metallica.5 Maßgeblich für diese Billboard 200 Charts sind die Verkaufszah- len, sowohl von CDs im Laden als auch von online erworbenen Exemplaren, was die zumindest in Teilen der Gesellschaft trotz zahlreicher Vorurteile vor- handene Akzeptanz belegt.

Einfach scheint es also nicht zu sein, das unangenehme Image des Heavy Metal als Tatsache zu bestätigen oder als Trugbild zu entlarven. Aus ver- schiedenen Gründen jedoch lässt sich diesen Vorurteilen nur schwer ’zu Leibe rücken’.

Zum einen sind nicht alle Vorwürfe und negativen Assoziationen in jedem Fall unberechtigt. Überall gibt es ’schwarze Schafe’, welche eine differenzierte Sichtweise zwar nicht unmöglich machen, aber die Revision liebgewonnener Vorurteile erschweren.

Des Weiteren erfordert die korrekte Deutung teilweise verschleierter, ironischer, obszöner, kritischer, provokanter oder anderweitig kontroverser Inhalte einiges an Engagement, was womöglich nicht jedes Elternteil oder jeder Erzieher bereit ist zu investieren, um das Bild des Heavy Metal klarer, wenn auch nicht zwingend besser, werden zu lassen. In einfachen Schemata zu denken ist immer leichter, als genauer hinzusehen.

Außerdem gibt es immer wieder Äußerungen von Musikern, Kritikern oder der Presse, die das vorliegende Image zu bestätigen scheinen. Wenn etwa Klaus Miehling, seines Zeichens Musikwissenschaftler, selbst ”Salsa, lateinamerikanische Tänze, Jazz und sogar Rock“ als eindeutig so genannte Gewaltmusik bezeichnet6 und im Zuge dessen den Heavy Metal als tremste Ausprägung“ benennt7, so bildet sein Buch zu dem Thema ein ”dieex- Ärgernis in der Welt der Musikwissenschaft und erschwert überdies den sachlichen und klärenden Umgang mit der Thematik enorm.

2.1 Ursachen in der Geschichte des Genres

Um dieses scheinbar sehr fest sitzende negative Image des Heavy Metal genauer zu untersuchen und um Ursachen für etwaige Vorurteile zu finden ist ein Blick in die Entwicklung des Genres hilfreich.

Sehr viele der meist negativen Assoziationen hängen bereits mit den beiden Bands zusammen, die rückblickend als die Pioniere des Heavy Metal bezeichnet werden können: Black Sabbath und Led Zeppelin.

Tatsache ist, dass niemand die Absicht hatte, einen neuen Stil zu erschaffen, dass vielmehr eine Vielzahl von Zu- und Unfällen dazu geführt hat. Earth (später Black Sabbath) war eine ganz normale Blues und Jazz Band, deren Mitglieder aus schlechtergestellten Arbeitervierteln aus Birmingham in England kamen und deren Alltag bestimmt war von harter körperlicher Arbeit in der Metallindustrie, die nahezu ganz Birmingham beherrschte. Rob Halford, Sänger der Band Judas Priest, beschreibt in einem Interview Episoden sei- ner Schulzeit in Birmingham. Direkt neben seiner Schule gab es eine riesige Stahlfabrik, deren Maschinen so laut waren, dass die Schulbänke davon leicht erzitterten. Neben dieser Belastung, die den ganzen Tag andauerte, wurden in regelmäßigen Abständen Ventile entlüftet und der Dampf der Stahlfabrik wehte in die Schulfenster. Er beschreibt diese Situation als Gefühl, der Stahl (Metal ) würde direkt in seinen Körper dringen, als atmete er ihn förmlich ein.8 In diesem Umfeld hatte Tony Iommi, Gitarrist bei Earth, 1968 einen Un- fall in einer solchen Stahlfabrik, der die maßgebliche Gestaltung des Hea- vy Metal Sounds nach sich ziehen sollte. Während eines Einsatzes an einer Stahlschneidemaschine, an der er nur Aushilfe leistete, verlor er am linken Mittel- und Ringfinger das jeweils erste Fingerglied. Er fiel eine Zeitlang in starke Depressionen, wollte sich jedoch nicht damit abfinden, nie wieder richtig Gitarre spielen zu können. So baute er sich, entgegen den Empfehlungen und Erfolgswahrscheinlichkeiten, die ihm die Ärzte gaben, seine eigenen Prothesen, indem er unter furchtbaren Schmerzen geschmolzene Plastikdeckel auf die noch vorhandenen Fingerenden klebte. Sobald es ihm möglich war, die Schmerzen bei jedem Ton auszuhalten, spielte er wieder Gitarre, doch hatte sein Spiel nun einen langsamen, schweren, depressiven und gepeinigten Charakter, der ganz automatisch durch die Schmerzen beim Spielen entstanden war. Um seinem inneren Gefühl mehr Luft zu machen, stimmte er zusätzlich häufig die tiefe E-Saite der Gitarre auf D und sogar C# herunter.

Die Mitglieder seiner Band nahmen diese stilistische Veränderung im Spiel Iommis mit Interesse auf, da noch niemand zuvor so gespielt hatte. Unter ihnen war auch der begnadete Sänger Ozzy Osbourne, der seine eigene schwierige Lebenssituation zu meistern hatte. Regelmäßig in Straftaten verwickelt und am Rande des Alkoholismus, schlug er sich mit Nebentätigkeiten durch. Der Aussage Osbournes nach soll sein Vater über ihn ebenfalls eine entsprechende Meinung gehabt haben. In einem Interview sagt er: ”Myfathersaidtome before he died, he always expected me to be in prison all my life, you know, because I just wouldn’t conform to the system.“9

Bassist Geezer Butler lieferte den Großteil der Texte und hatte großes Inte- resse an mystischen und religiösen Themen sowie an Horror. Er war außerdem einer der ersten Bassisten, die ihr Instrument herunterstimmten, um den Gi- tarristen in den entsprechend tiefen Tonlagen mit ebenfalls tiefen Tönen zu unterstützen und nicht oktavieren zu müssen. Während der Zeit der Verände- rung des Bandsounds durch Iommis Spiel und die daraus folgenden Anpassun- gen der Bandmitglieder kam es zu einem Albtraum des Bassisten, der ihn und auch die Mitglieder von Earth zutiefst erschreckte. Dieser Traum bildet die Thematik zum Titel Black Sabbath, in welchem der Protagonist in der Nacht von einer unheimlichen Gestalt am Bettrand heimgesucht wird und dessen angsteinflößender Charakter die Band zu einer entsprechenden Umbenennung inspirierte. Nach diesem Ereignis beschloss die Band, von nun an so gruselig wie möglich zu spielen, mit welchen Mitteln auch immer. Die Band wollte das musikalische Pendant zum Horrorfilm kreieren. ”Let’sscarepeople!“lautete die Devise. Das depressive Spiel Iommis, die erheblich düster werdenden Texte vom Bassisten Butler sowie der extrovertierte Gesangsstil Osbournes waren dafür wie geschaffen.

Neben der immer düsterer werdenden Musik von Black Sabbath erreichte eine weitere Band die Öffentlichkeit, Led Zeppelin. 1968 gegründet und ebenfalls aus Birmingham, werden sie häufig nicht als Mitbegründer, sondern vielmehr als richtungsweisend in der Entwicklung des Heavy Metal gesehen. Musika- lisch sind sie jedoch eher noch dem Hard Rock zuzuordnen, wobei sie diesen stark veränderten, hauptsächlich durch den Gesangsstil Robert Plants und die beeindruckenden Fähigkeiten des Schlagzeugers John Bonham.

Led Zeppelin hatte andere Ziele als Black Sabbath, anstatt so gruselig wie möglich, wollte die Band so erfolgreich werden wie möglich.10 Für diesen sich auch einstellenden Erfolg bildete selbst die mystische und okkulte Aura, die die Band umgab, kein Hindernis. Im Gegenteil, die Fans schienen davon eher begeistert und angezogen zu werden. Ursache dafür war hauptsächlich Jimmy Page, der ein großer Bewunderer des okkulten Autors Aleister Crowley war. Er sammelte alles, was er im Zusammenhang mit Crowley finden konnte und diese Passion wurde gekrönt durch den Kauf des Boleskine House am Ufer des Loch Ness, in dem Crowley selbst eine Zeit lang lebte. Dieses Haus soll angeblich magische und bösartige Kräfte freisetzen können, nicht nur als heilige Stätte zur Zeit Crowleys, sondern bereits davor. Neben dem Brand einer Kirche, bei dem zahlreiche Gemeindemitglieder ums Leben kamen, soll es dort auch eine Enthauptung gegeben haben.11 Crowley selbst hat es gekauft um dort ungestört okkulte Riten zu vollziehen.12

Dieses okkulte und mystisch umwobene Image umgab mit der Zeit auch Gitarristen Jimmy Page und später die gesamte Band. Das führte letztendlich dazu, dass dem Titel Stairway to Heaven 1971 satanische Heilsbekundungen zugesprochen wurden, die beim Rückwärtsabspielen der Platte hörbar sein sollten. Diese Unterstellung wurde scheinbar bestätigt durch das ominös symbolhaft bzw. gar nicht betitelte Album, auf dem der Song enthalten ist. Heute allgemein als Led Zeppelin IV bekannt, sind auf dem Album 4 Symbole zu sehen, und kein expliziter Titel. (siehe Abbildung 1)

Die Symbole stehen von links nach rechts für die Bandmitglieder von Led

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Symbole auf dem 4. Album von Led Zeppelin: Led Zeppelin IV

Zeppelin: Jimmy Page, John Paul Jones, John Bonham und Robert Plant.13 Dabei ist bei genauerer Betrachtung das Symbol für Plant (englisch für Pflanze) auch eher einfallslos als mystisch.

Aus welcher Ecke um das Seelenheil der Jugend besorgter Menschen die Vorwürfe derartiger sogenannter Backmasking-Botschaften zuerst kamen, ist nicht mit Sicherheit nachzuweisen, doch war Stairway To Heaven der erste Titel einer Heavy Metal oder Hard Rock Band, dem so etwas unterstellt wurde. Wenn es auch damals niemandem aufgefallen ist, so ist eine gewisse Absurdität des Vorwurfs bereits dadurch erkennbar, dass sich niemand einig war über die eigentlichen Worte, die bei der Rückwärts-Version zu hören sein sollten. Die Band selbst hat in Interviews immer wieder Abstand von solchen Techniken genommen und dementiert, rückwärtige Texte unter ihrer Musik zu haben.14

Nahezu alle Bands des Heavy Metal beziehen sich in irgendeiner Weise auf Black Sabbath oder Led Zeppelin, wollen imitieren, erweitern und verändern, womit die musikalischen Vorfahren begonnen haben. So werden auch Elemen- te wie Horror, Okkultismus, soziale Probleme, Gewalt, Schmerzen und Tod immer wieder aufgegriffen und thematisch verarbeitet. Bereits mit diesen bei- den Bands der Anfangszeit sind sowohl die Grundsteine für die musikalische Entwicklung, als auch für etliche Vorurteile gegenüber dem Heavy Metal ge- legt. Spätere Weiterentwicklungen einiger ästhetischer Merkmale entstanden zwar aus verschiedenen Zielstellungen heraus, hängen aber doch fast immer mit den gleichen Emotionen zusammen, die auch Black Sabbath, Led Zeppelin oder andere Bands der frühen Heavy Metal Phase bewegten. Dazu gehört et- wa die starke Stahl- und Lederzentriertheit bei Judas Priest, das übertrieben kraftvolle, männliche Posieren bei Manowar, grenzwertiger Gesang als Wut- oder Frustrationsgeschrei, düstere Horrorszenarien bis hin zum skurrilen und schockierenden Auftreten eines Alice Cooper oder Marilyn Manson. Gepaart mit Ärger und Frust, der sich musikalisch Ausdruck verschafft, ergibt sich somit ein Bild des Heavy Metal, was in mehreren Punkten den Vorurteilen entspricht.

Ob Led Zeppelin nun tatsächlich rückwärtige Texte in ihre Titel eingeflochten haben oder nicht, es ist jedenfalls nicht verwunderlich, dass andere Bands im Laufe der Zeit diese Praktik durchaus interessant fanden und zur Anwendung brachten, sei es um Zensur zu entgehen, um einen Titel ästhetisch anders zu gestalten, um witzige Aussagen als Parodie zu verstecken oder um tatsächlich satanische Verse unbemerkt zu äußern.

Die Entwicklung des Heavy Metal war kontinuierlich durchzogen von Kampf, Rebellion und Auflehnung. Da Musik besonders bei jungen Menschen zum Teil ihrer Identität wird, kam es zu einigen besonderen Auseinandersetzungen, von denen einige nun näher betrachtet werden.

Gegen Ende der 1960er Jahre war es vor allem die Hippiebewegung, ge- gen die sich der Heavy Metal musikalisch auflehnte um zu zeigen, dass der nicht unsympathische, aber unter Umständen etwas naive Gedanke an eine ’bessere Gesellschaft’ jeglicher Realität entbehrt und um den bunt bemalten Friedensbussen und Blumenfrisuren ein Stück harte Wirklichkeit entgegenzu- setzen. Dabei stellte ein solcher Blick auf die Flower-Power-Bewegung letztlich auch nur ein Vorurteil dar. Interessant hierbei ist allerdings, dass die meist lang getragenen Haare der Heavy Metal Musiker, eines der wichtigsten Erkennungs- merkmale des Genres, vermutlich trotzdem der Mode der Hippies entstammen.

Die nächste Herausforderung kam Mitte der 1970er Jahre, als der Punk die Jugendkultur für sich gewann, und das ausgerechnet in England, dem Heimat- land des Heavy Metal selbst. Vorher war der Heavy Metal die Musikszene, der sich jeder anschließen konnte, der sich nirgendwo anders kulturell beheima- tet fühlte. Hier spielte das Aussehen und die soziale Herkunft keine Rolle, es ging um Musik und freigesetzte Emotionen. Und genau diese Vorherrschaft als ’Kultur der Außenseiter’ wurde vom aufkommenden Punk in Frage gestellt und sogar teilweise übernommen. Da dieser auch noch den Ruf hatte, so einfach zu sein, dass selbst Nicht-Musiker damit auf der Bühne stehen konnten, muss- te der Kreis eingeschworener Heavy Metal Musiker und Fans zusammenhalten und ihre Musik umso energischer und imposanter gestalten, um den Status des wilden Außenseiter-Genres wiederzugewinnen. Judas Priest hat gerade auch durch die spektakulären Bühnenshows in dieser Epoche enorm an Popularität gewonnen.

Musik ist für jugendliche Hörer fast immer auch Rebellion gegen vorhan- dene Normen und besonders auch gegen die Eltern. Durch den aufbäumenden und revolutionären Charakter des Heavy Metal eignet er sich bis heute hervor- ragend dazu (Beispiele werden im Verlauf der Arbeit noch besprochen). Dieses Phänomen ist zwar in jeder Generation zu beobachten, doch gab es zu Beginn der 1970er Jahre eine Besonderheit, nämlich der sich in der breiteren Öffent- lichkeit entwickelnde Wohlstand in der westlichen Welt. Die Rebellion, die zu der Zeit mit Hilfe des Heavy Metal von jüngeren Generationen geführt wurde, richtete sich nicht nur gegen die jeweils ältere Generation, sie richtete sich vor allem gegen die Langeweile schlechthin. Die jungen Leute wollten sich nicht damit abfinden, einen langweiligen festen Arbeitsplatz bis zum Rentenalter zu besitzen und tagein, tagaus den gleichen eintönigen Tagesablauf zu erleben, wie ihn die Eltern inzwischen vorlebten und genossen. Sie wollten mehr, sie wollten Aufregung, Spannung, Abenteuer und vor allem Nervenkitzel. Dave Ellefson von Megadeth (gegründet 1983) hat die Situation folgendermaßen be- schrieben: ”We are the lost generation. People who don’t nessecarily fit in. [...] Heavy Metal is about stirring up the pot. It gives you the feeling of being alive, it hits you right here, in the face.“15

Bei den angesprochenen Beispielen ist der Heavy Metal als Mittel zur Äuße- rung und Anprangerung von Problemen eingesetzt worden. Er wurde als Mu- sikform eingesetzt, um sich Gehör zu verschaffen, sich mit aller Kraft bemerk- bar zu machen. Dabei erscheint es fast banal, dass eine friedliche, langsame und fröhliche musikalische Form diesem Zweck nicht dienlich gewesen wäre, sondern dass sie eben aufrührend, provokant und auffällig sein musste. Für die Fans selbst hatte der Heavy Metal aber teilweise noch eine andere Bedeu- tung. Er diente teilweise als Ventil, um mit den eigenen Emotionen zurecht zu kommen und angestaute Gefühle, meist Aggressionen, Wut und Hoffnungslo- sigkeit, loszuwerden. Das gemeinschaftsfördernde Element von Musik, welches Menschen verbindet, die ähnliche Probleme haben und sich durch ähnliche Le- benssituationen besser verstehen, ist beim Heavy Metal seit Beginn ebenfalls vorhanden.

2.2 Stimmen in der Öffentlichkeit

Bereits seit Bands wie Black Sabbath und Led Zeppelin wurde dem härtesten Strang des Hard Rock ein schädigender Einfluss auf die Jugend vorgeworfen. Ihr exzessives Spiel mit okkulten Themen, gruseligen Songtexten und umge- drehten Kreuzen auf den Plattencovern provozierten die Moralvertreter gewal- tig. Doch auch die Musik- und Kritikerbranche war alles andere als begeistert. In der April-Ausgabe der Musikzeitschrift Rolling Stone von 1971 schrieb Nick Tosches über Black Sabbath: ”Noactistoodepraved,nothoughttoobizarre as they plunge deeper and deeper into the realm of perversion, into the ultima- te trip of their own self-fashioned hell. [...] And this is their music. Although you may not enjoy its message, although you may not enjoy a lead singer who sounds like Keith Relf whining about the tampons stuck up his nostrils, you owe it to yourself as a person concerned with contemporary society [...] to be aware of the heavy sounds of bubble-gum Satanism [...].“16 Auch das zu damaliger Zeit sehr angesehene amerikanische Rock ’n’ Roll Magazin Creem titelte in der März-Ausgabe von 1976, nachdem sich der Erfolg trotz massiver Opposi- tion nicht aufhalten ließ, folgendermaßen: ”BLACKSABBATH-ShouldThey Exist? Ozzy’s Barnyard Habits“.17 Der Popularmusik-Journalist Chuck Klo- sterman, dessen Schwerpunkt im Bereich des Rock und Metal liegt, äußerte sich zu der entsprechenden musikalischen Ära um 1970 herum folgenderma- ßen zu Black Sabbath: ”NobodythoughtBlackSabbathwasmakingart.“18 Die Band wurde zwar scheinbar von allen Seiten abgelehnt, füllte aber trotzdem Konzerthallen und auch die Platten waren enorm gefragt.

Anderen Bands erging es ähnlich, besonders auch Led Zeppelin mit ihrer besonderen Vorliebe für okkulte Symbole und mystische Themen, die auch vor Unterweltlichem nicht Halt machten. Der Zusammenhang mit diversen Backmasking-Vorwürfen, seien sie nun beabsichtigt oder zufälliger Natur, un- termauerte die verbreitete Meinung von Heavy Metal als seelenzerstörerische Kraft.

2.2.1 Das Parents Music Resource Center (PMRC)

Erst Jahre später, nachdem der Heavy Metal die verhältnismäßige Flaute durch den Punk-Boom in der 2. Hälfte der 1970er Jahre überdauert hatte, begann sei- ne zweite Blütezeit, auch die New Wave Of British Heavy Metal (NWOBHM) genannt. In dieser Zeit ließen die Bands neue, aus dem Punk transferierte Ele- mente mit einfließen und erhöhten das Spieltempo. Kurz darauf kam es zu einer der größten öffentlichen Debatten um potentiell jugendgefährdende Musik und deren etwaige gesetzliche Einschränkung. Gegründet 1985 von den 4 Ehefrauen amerikanischer Regierungsmitarbeiter (Tipper Gore, Susan Baker, Pam Howar und Sally Nevius), wollte die Vereinigung des Parents Music Resource Center (PMRC) gegen explizite Inhalte in populärer Musik bzw. gegen deren unkon- trollierte Verbreitung vorgehen. Nachdem ein diesbezügliches Schreiben von der National Parent-Teacher Association an 30 Plattenfirmen und den Ver- band der Musikindustrie in den USA (RIAA) unbeantwortet blieben und nur eine neutral gehaltene Antwort der RIAA darauf hinwies, dass zwischen der Vielzahl an Künstlern und deren Labels Verträge bestehen, die nicht zentral von der RIAA übergangen werden könnten, organisierte das PMRC, welches inzwischen an Mitgliedern gewann, eine Anhörungsreihe im amerikanischen Se- nat, um diesen Disput mit Vertretern aus allen beteiligten Bereichen, der Re- gierung, der Musikindustrie, der Künstler, der Wissenschaft und des PMRC, zu diskutieren.

Mit dem vorgehaltenen Ziel, keine Zensur anzustreben und sich lediglich ge- genseitig über die Problematik der womöglich jugendgefährdenden Rockmusik- Inhalte aufzuklären, wurden dem Senat vom PMRC sämtliche Vorwürfe gegen Hard Rock aufgetischt, die es derzeit gab. Immerhin wurde, wo es denn möglich war, ernsthaft versucht, die Vorwürfe zur negativen Verhaltensbeeinflussung wissenschaftlich zu analysieren. Doch waren in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre noch sehr viel mehr Menschen, auch Wissenschaftler, von der Wirksam- keit des Backmasking überzeugt, wie sie von David A. Nobel in seinem 1965 erschienenen Buch Communism, Hypnotism and the Beatles dargestellt wird. Er behauptet darin: ”[...]durch unterschwellige Indoktrination in Rocksongs solle die kapitalistische Ordnung unterminiert werden. [...] Eine ganze Genera- tion amerikanischer Jugendlicher werde durch Nervenstauung, geistigen Ver- fall und Retardierung nutzlos gemacht.“ Der Autor und Referent Bob Larson hat darauf folgend in seinem Buch Rock and Roll: The Devils Diversion 1967 eine ”SymbiosevonRockundSatanismus“diagnostiziert.19 Soveraltetwiedie Veröffentlichungsdaten wirken, war der Erkenntnisstand scheinbar nicht, denn selbst Dr. Joe Stuessy, Leiter und Professor der University of Texas at San An- tonio sagte während der PMRC Hearings 1985 folgendes über die unbewusste Aufnahme eines Musiktextes aus: ”Themessagemayalsobecovertorsublimi- nal. Sometimes subaudible tracks are mixed in underneath other, louder tracks. These are heard by the subconscious but not the conscious mind. Sometimes the messages are audible but are backwards, called backmasking.“20 In seiner im Nachhinein verschriftlichten Aussage ist zu lesen: ”Somemessagesarepre- sented to the listener backwards. While listening to a normal forward message (often somewhat nonsensical), one is simultaneously being treated to a backwards message (in other words, the lyric sounds like one set of words going forward, and a different set of words going backwards). Some experts believe that while the conscious mind is absorbing the forward lyric, the subconscious is working overtime to decipher the backwards message.“21

Nach der angeblichen Zielstellung des PMRC und der Aussage während der Begrüßungsrede des Chairman John C. Danforth ( ”Thereasonforthishea- ring is not to promote any legislation. Indeed, I do not know of any suggestion that any legislation be passed.“) wird im Verlauf der Anhörungen sehr schnell deutlich, dass Rockmusik gefährlich ist, mit einer freiwilligen Inhaltswarnung der Plattenfirmen auf den Tonträgern nicht zu rechnen ist und eine gesetzli- che Regelung notwendig ist. Diese fällt dann allerdings doch als Kompromiss aus, denn der Verband der Musikindustrie der USA erklärte sich bereit, die Tonträger mit unangemessen vulgären Texten mit explicit lyrics kennzeichnen zu lassen. 1990 wurde dann in Zusammenarbeit mit dem PMRC der bekannte Aufkleber Parental Advisory - Explicit Content eingeführt und das Material neben Vulgarität zusätzlich auf Gewaltverherrlichung und sexuelle Anzüglich- keit überprüft. Die Entscheidung über den Erhalt des Aufklebers liegt interes- santerweise bei der jeweiligen Plattenfirma.

Neben der zeitweiligen Befriedigung des PMRC und anderen besorgten Or- ganisationen hatte die Einführung dieser Kennzeichnung noch einen weiteren Effekt, denn was verboten ist, das ist gerade erst interessant: Es wurden mehr Platten produziert, die den im Volksmund genannten Tipper Sticker trugen und er wurde zum Anreiz vieler Bands.22 Etliche machten sich auch über diese Art der Zensur auf ihre Art lustig, wie zum Beispiel Metallica, die auf einer Serie ihres 1986 erschienenen Albums Master of Puppets einen eigenen Aufkle- ber hatten mit den Worten: ”The only track you probably won’t want to play is Damage inc. due to the multiple use of the infamous F word. Otherwise, there aren’t any shits, fucks, pisses, cunts, motherfuckers or cocksuckers anywhere on this record.“ Als derartige Zensurversuche auch in Europa praktiziert wur- den, reagierte unter anderem die deutsche Punk-Band Die Ärzte damit, ein Album in genau diesem provokanten Stil zu produzieren und ihm einen ent- sprechenden Namen zu geben, die Platte Ab 18 von 1987. 3 der 7 Titel wurden sofort in Deutschland indiziert, doch die Band hatte bereits ins Coverdesign eine Notiz eingearbeitet, in der darauf hingewiesen wurde, dass die CD aus Jugendschutzgründen nicht an Jugendliche unter 18 Jahren verkauft und nicht öffentlich umworben werden darf.

Interessant und etwas ironisch ist zu bemerken, dass die vom PMRC als besonders verderblich eingeschätzten Filthy Fifteen23 keiner bis auf eine Aus- nahme (Madonnas Erotica) einen Aufkleber zur Inhaltswarnung bekam.

2.2.2 Vance vs. Judas Priest

Im Dezember 1985 ereignete sich ein versuchter Doppel-Suizid zweier Jugend- licher aus Reno, Nevada, der erneut weite Kreise zog und den Kritikern von Hard Rock und Heavy Metal weiteres Wasser auf die Mühlen gab. So haben die beiden Jungen an jenem Tag mehrere Stunden mit Alkohol- und Mari- huanakonsum verbracht sowie ausgiebig das Stained Class Album (produziert 1978) von Judas Priest gehört, bevor sie sich zu dem gemeinschaftlichen Sui- zid entschlossen, der bei einem der beiden, James Vance, misslang und in ei- ner komplizierten, gesichtsentstellenden Verwundung endete. Er wurde darauf mehrfach operiert und starb 3 Jahr später an einer selbstverabreichten Überdo- sis Schmerztabletten. In einem Titel des besagten Albums, namentlich Better by You, Better than Me, soll die unterschwellig versteckte Botschaft ”Doit!“ enthalten gewesen sein, die den Selbstmord der beiden Jungen ausgelöst haben soll.24 Nach eigener Aussage Vances haben die beiden die Aufforderung gehört, sie als Bestätigung der Selbstmordgedanken empfunden und danach gehandelt. Die Diskussionen darüber, ob nun Judas Priest direkt oder indirekt für den Tod der Jugendlichen verantwortlich gemacht werden kann, flammten auf und 1990 kam es zur Anklage und Gerichtsverhandlung. Dieser Prozess ist in mehrerer Hinsicht interessant, da er nicht nur die sachliche Aufklärung einer Gewalttat zum Ziel hatte, sondern sich an ihm viele, besonders auch religiös motivierte, Kritiker des entsprechenden Musikgenres aufrieben und nicht nur eine Band, sondern den Heavy Metal selbst vor Gericht stellten. Schließlich waren die ver- meintlichen ’Verdachte und Methoden’ längst bekannt: Unterschwellige Bot- schaften machen den Hörer willenlos und verleiten ihn zu schlimmen Taten. Durch die unterbewusst aufgenommenen Inhalte wird die Saat des Bösen di- rekt in die Seelen Unschuldiger eingepflanzt. Somit kann sich nicht mal mehr der Verstand dagegen wehren, selbst wenn er noch wollte.25 Mit dem Prozess Vance vs. Judas Priest war dafür endlich ein Podium gefunden worden.

Doch die Band wurde freigesprochen. Es konnte eine Vielzahl von entscheidenden Aspekten nicht wissenschaftlich nachgewisen werden. So konnte nicht gezeigt werden:

(1) dass die Textstelle

”Do it!“ tatsächlich beabsichtigt in den Titel projiziert wurde. Beim rückwärtigen Abspielen von Tonaufnahmen, besonders bei gesanglichen Stellen, wird es immer Lautkombinationen geben, die wie Wor- te einer Sprache klingen. Die Jury war hier der Meinung, dass vielmehr das zufällige Zusammentreffen eines Gitarrenakkordes mit einem Ausatemgeräusch zu dem besagten ”Do it!“ geführt haben.26

(2) dass die von den Jungen wahrgenommene Aufforderung den versuchten

Selbstmord auslöste. Ein zusammenhangsloses ”Do it!“ ist schließlich noch lange keine Aufforderung zum Suizid. Die Jury entschied nach Aufklärung durch die anwesenden Experten, und darin waren sich alle einig, dass eine derartig unfokussierte Aufforderung lediglich bereits vorhandene Dispositio- nen in den Jungen verstärken konnte. Dies passte auch mit den etwas wi- derwillig veröffentlichten Informationen zur bisherigen Vergangenheit der bei- den, denn dort gab es bereits Selbstmordversuche, Ankündigungen dazu, einen gewalttätigen Familienhintergrund und psychologische Befunde, dass beide über lange Zeit schwere Anpassungsprobleme hatten und unterschiedlich starke Ausprägungen von depressivem Verhalten zeigten.27

(3) dass unterschwellige Textstellen oder Botschaften (Subliminals) überhaupt eine Wirkung zeigen, seien sie nun vorwärts und leiser, rückwärts oder ander- weitig versteckt eingebunden und nur mit technischen Hilfsmitteln erkennbar. Derzeit liegen keine Studien vor, die entsprechendes belegen. Nach dem Rechts- psychologen und kanadischen Professor für Psychologie Timothy E. Moore ha- ben die angeblich vergleichbaren, im Prozess für die Seite der Kläger angeführ- ten, Studien nichts mit dem Wirkungsgrad von unterschwelligen Botschaften zu tun.28 Auch hier entsprach die Meinung der Jury etwa dem Konsens führen- der Psychologen, nämlich dass unterschwellig empfangene Nachrichten besten- falls extrem wenig und unvorhersehbaren Effekt auf den Empfänger haben können.29

Die besondere Wirkung von Subliminals, so zweifelhaft diese auch sein mag, liegt unumstritten in dem Punkt, dass der Empfänger sich ihrer Existenz nicht bewusst ist. Wie in einem Traum, in dem man beim Gedanken daran, dass dies ein Traum sein könnte, sofort erwacht, verliert die unterschwellige Botschaft beim bewussten Erkennen sofort ihre vermeintliche Wirkung. Dieser Zusam- menhang ist genau dann interessant, als dass die gehörte Aufforderung ”Do it!“ genaugenommen nicht unterschwellig war, da die Jungen in Reno sich ihrer Existenz sehr wohl bewusst waren und angaben, sie kognitiv verstanden und für sich interpretiert zu haben. Diese Diskrepanz ist im Gerichtsprozess allerdings unbemerkt geblieben.30

Auch wenn eine Verurteilung von Judas Priest ausblieb und vorhandene Vorwürfe und Vorurteile im Zusammenhang mit Heavy Metal nicht belegt werden konnten, so ist Vance vs. Judas Priest doch ein Beispiel dafür, wie zielgerichtet einige gesellschaftliche Gruppen den Heavy Metal als Dorn im Auge empfinden. Natürlich war der Doppelsuizid kein geplanter Akt der Heavy Metal Gegner, doch ist es erstaunlich, wie schnell sich ein Heer an sogenann- ten Spezialisten finden ließ, die mit Bestimmtheit Thesen gegen den Musikstil aufbrachten und wie realistisch diese, in ihrer Gesamtheit alle gescheiterten, sogenannten wissenschaftlichen Thesen klangen, dass sie überhaupt einen Pro- zess wie diesen herbeiführen konnten. Doch damit nicht genug, die entsprechen- den Vorurteile und nach Moore scientific opinions, not scientific facts, waren bereits 1990 so fest in den Köpfen der Bevölkerung verankert, dass selbst eine in allen Punkten fallengelassene Anklage auch nur als Bestätigung im Gedächtnis hängen bleibt, dass der Heavy Metal ganz bestimmt mit Verführung, Gewalt und ähnlichem verknüpft ist, das war er schließlich schon immer!

2.2.3 Pseudowissenschaftliche Veröffentlichungen

Da die Menschen seit den 1990er Jahren knapp 20 Jahre älter geworden sind und die Generationen sich langsam verschieben, hat sich auch die öffentliche Meinung über Heavy Metal etwas gewandelt, wenn auch nur minimal. So ist der Stil halbwegs als ein eigenständiger anerkannt, wenn er auch nicht jedem gefal- len muss, und Elemente des härteren Rock und Metal haben inzwischen auch in der weitestgehend akzeptierten Popularmusik Fuß gefasst. Die Vorwürfe des Backmasking sind auf Grund der schwierigeren technischen Handhabung bei der CD zurückgegangen. Dafür sehen Kritiker die Demoralisierung, Verrohung und Entwicklung einer antisozialen Einstellung zunehmend als Problem, was stark an die Debatten über die potentielle Gefahr von einigen Computerspie- legenres bis hin zum Medienkonsum Jugendlicher generell erinnert.

Auch wenn die heutige Musikwissenschaft vergleichsweise vernünftig mit Stilen wie Heavy Metal oder auch Hip Hop, der ebenfalls als Kunstform we- nig Akzeptanz findet, umzugehen versteht, gibt es immer noch Menschen, die es vorziehen, ihre eigene Meinung möglichst wissenschaftlich klingend und so stichhaltig wie möglich darzustellen, als objektive und vor allem ergebnisoffene Forschung zu betreiben. Dass solche Leute unter Umständen sogar ein abge- schlossenes Studium der Musikwissenschaft vorweisen können macht die Sache leider auch nicht besser, nur verwirrender, da es sie glaubwürdiger erscheinen lässt. Im Zusammenhang mit Heavy Metal ist eine solche Veröffentlichung das Buch Gewaltmusik - Musikgewalt von Klaus Miehling, erschienen 2006, was durchaus als aktuell mit Blickwinkel auf die Publikationsdichte auf diesem Gebiet bezeichnet werden kann. Das Buch ist beängstigend, da nicht nur ver- meintliche Belege angeführt werden, dass die Welt seit Existenz der Popmusik zugrunde geht, natürlich ihretwegen, sondern auch weil sich der Leser perma- nent ertappt fühlt, dieser Musik, mit der ”diemoralischnegativenAnlagen der Menschen voll zur Entfaltung kommen, die positiven aber unterdrückt wer- den“31, selbst gelegentlich zu lauschen. Dabei spielt der eigene Musikgeschmack kaum eine Rolle, denn Gewaltmusik ist nicht nur Heavy Metal, sondern der gesamte Bereich der populären Musik. Kapitelweise werden die Seiten gefüllt mit Darlegungen, wie die Popmusik zu Hedonismus und Leistungsverweigerung anstiftet, Vulgarität predigt, Zügellosigkeit und Sex sowie Wahnsinn themati- siert, Satanismus und Blasphemie sowieso, zu Anarchie aufruft und kriminelle Energie freisetzt, Aggression und Gewalt fördert, zu Drogen motiviert, für Vermögensdelikte verantwortlich ist, sowie für Lüge, Betrug und Bestechung und der ahnungslose Hörer den Gewaltmusikkonzernen hilflos ausgeliefert ist.32 Popmusik ist und macht verdorben, ohne Ausnahme. Kein ernstzunehmender Wissenschaftler würde heute noch auf die Idee kommen, Musik in gute und schlechte zu unterteilen, doch Miehling tut genau das und verdeutlicht diese Trennung mit der Unterscheidung von Musik nach ihrem moralischen Wert : Ernste Musik und Gewaltmusik.33 Dabei übt Miehling genau das aus, woge- gen er vorzugehen versucht: ”WerMenschenihrermusikalischenOrientierung wegen verunglimpft, predigt Gewalt.“34. Schipperges fragt im gleichen Artikel, ob es nicht Sinn ergeben würde, nach diesem Schwarzbuch der Popmusik ein entsprechendes Weißbuch zu schreiben, doch beantwortet diese Frage nicht. Schließlich bringe das Werk von Miehling keinerlei Einsichten, provoziert lediglich und erregt Anstoß.

Sollte jemand, der sich ernsthaft mit Heavy Metal oder anderen Genres der populären Musik auseinandersetzten möchte, auf der Suche nach Klärung etwaiger Unwissen- oder Unsicherheit, dieses Buch in die Hände bekommen, so wäre dies äußerst bedauernswert.

2.2.4 Fundamentales Christentum

Ein Kreis, der immer wieder führend bei der Verurteilung des Heavy Metal ist, sind christliche und andere religiöse Einrichtungen. Kaum eine Gruppe hat bisher so intensiv gegen den Musikstil Stellung bezogen wie die Kirchen, und allen voran die fundamentalen Christen in England und den USA. Auch in anderen Ländern, auch in Deutschland, gibt es fundamentalistische Strömun- gen, teilweise sogar gegen die katholische oder evangelische Kirche eingestellt, doch ist deren öffentlicher Einfluss in den USA um ein Vielfaches größer als hierzulande. So kam es denn auch zu unzähligen öffentlichen Plattenverbren- nungen, in denen zu Predigten wider den Teufel tausende Tonträger vernichtet wurden. Ein besonderes Ereignis dieser Art war die Verbrennung im April 1982 in Huntersville, North Carolina, geleitet von einem Pastor, der selbst einmal Rockmusiker war. Der am besten greifbare Stein des Anstoßes waren dabei die Backmasking-Vorwürfe. Doch was unterscheidet den Heavy Metal von anderen moral-relativierenden Jugendbewegungen, was macht ihn in den Augen der christlichen Fundamentalisten so satanisch? Neben den vielleicht ernsthaft vertretenen Ansichten zum Backmasking fühlen sich die Würden- träger womöglich zusätzlich des Privilegs beraubt, als einzige über Himmel, Hölle sowie von Gott, Satan und Sünde predigen zu dürfen. Ob nun der eigene Glauben daran existiert oder nicht, eine Vorstellung von diesen Dingen hat jeder, und die ist über Jahrhunderte hauptsächlich von der Kirche geprägt. Werden plötzlich reihenweise Musikstücke komponiert, in denen diese spiritu- ellen Vorstellungen neu interpretiert, relativiert und persifliert werden, und das ganze sogar Zulauf findet, so ist das als klarer Angriff auf das Recht zu werten, über solche Glaubensfragen als einzige, sozusagen als Fachleute, urteilen zu dürfen.

Natürlich ist die besondere Beziehung zwischen Kirche und Heavy Metal nicht in jedem Fall eine negative, sich gegenseitig ausschließende. Sehr viele Musiker aus dem Heavy Metal Bereich haben spirituelle Wurzeln im Chris- tentum. Der ehemalige Ministrant Julian Rohrer, der während seiner Jugend mehrere Heavy Metal Bands gegründet hat und der heute als bekennender Katholik und ehrenamtlicher Mitarbeiter lebt, hat in einem Interview zu der Diskrepanz Heavy Metal - Kirche folgendes gesagt: ”KircheundMetal,das ist beides Rebellion. Auch das Christentum hat sich immer wieder aufgelehnt gegen Unterdrückung.“35 Er sieht kein Problem in der parallelen Zuneigung zu Kirche und Heavy Metal. Da der Musikstil in erster Linie durch seinen Sound charakterisiert ist, gibt es nicht notwendigerweise Konflikte mit der eigenen religiösen Einstellung. Erst bei Hinzunahme der Texte und anderer Merkmale kann es nötig sein, für sich die Frage nach Verträglichkeit neu zu bewerten, doch gilt dies ebenso für jede andere Kunstform. Dass Stile wie Heavy Metal mit deren harscher Realität, die sich immer wieder in sich aggressiv entladender Musik und harten Texten äußert, mögli- cherweise nicht Ursache für den moralischen Wertverlust, sondern eher Anzie- hungsmagnet, gewiss auch für sozial stigmatisierte Menschen, ist, diese Frage stellt sich den Kritikern und fundamentalistisch Gläubigen eher selten.

2.3 Stellungnahme von Künstlern und resultierende Be- wegungen

Nur zu bekannt ist die Frage ”Was will der Künstler damit sagen?“, wenn wir ein Bild sehen, ein Buch lesen oder auch ein Musikstück hören. Doch wie finden wir die Antwort? Eine Analyse des Werdegangs des Künstlers kann dabei helfen, auch der Vergleich mit anderen Werken kann Hinweise geben. Doch solange der Künstler nicht selbst sein Kunstwerk kommentiert hat, ist alles Spekulation, unterschiedlich korrekt womöglich. Eine häufig praktizier- te Art, herauszufinden, was der Künstler mit seiner Kreation sagen will oder dem zumindest näher zu kommen, ist, sich diesen Kommentar auf Anfrage zu holen, ihn selbst danach zu fragen. Doch ist dieses Vorgehen nicht immer zuverlässig, denn angenommen, die Aussage des Objekts, im konkreten Fall das Musikstück, findet auf breiter Linie keine Akzeptanz, so ist dem Künstler womöglich nicht sehr daran gelegen, die ursprünglich gewollte Aussage korrekt darzustellen. Es ist vorstellbar, dass er gerade hier eine Antwort gibt, die ver- träglicher mit der allgemeinen Meinung ist. Natürlich kann es auch sein, dass der Künstler so sehr hinter seiner Aussage steht, dass er die geballte Kritik und etwaige Zurückweisung auf sich nimmt und die Wahrheit preisgibt. Ge- rade im Heavy Metal, der in den überwiegenden Fällen angreifende, morbide, gewalttätige oder sonstige anzügliche Themen behandelt, ist der erste Eindruck oft schockierend für Nicht-Heavy-Metal-Hörer. Wer sich nicht mit bloßer Ab- lehnung allein durch eine harte Sprache zufrieden gibt, der stellt genau hier die erwähnte Frage, was die Band damit sagen will, warum sie von so unangeneh- men Dingen redet, singt oder schreit. Und genau in diesem Musikstil ist für die Musiker der Spagat zwischen Popularitätsgewinn, Verkaufszahlen, öffentlichem Image und der eigenen tatsächlichen Meinung so groß, dass ein Statement des Künstlers unmittelbar davon beeinflusst wird. Wenn also Paul Stanley, Front- mann und Songwriter bei KISS, im Interview zu genau dieser Frage nach dem Zweck seiner Musik folgende Aussage macht: ”Mypurposewasalwaysjustto express myself. People are kidding themselves when they think music is going to change the world or enlighten people. It’s a bunch of hogwash.“36, so ist dies eine vielleicht zu erwartende, etwas stereotype Antwort, die trotzdem mit Vorsicht zu genießen ist. Ob sie 30 Jahre früher genauso ausgefallen wäre ist fraglich, zumal er in einem vergleichbaren Interview während ihrer größten Erfolgsphase Ende der 1970er Jahre andere Schwerpunkte setzte: ”Whenwe started with merchandise it was considered very uncool. Merchandise for us is something that goes hand in hand with Rock ’n’ Roll.“37 Der Musikjournalist Klosterman bestätigt die ausgeprägte Gewinnorientierung der Band: ”KISS has never really ever had an agenda besides capitalism.“38

Natürlich ist es ganz verständlich, dass sich innerhalb eines Vierteljahrhun- derts die Meinung und das Selbstverständnis ändern kann. Außerdem steht jedes Statement eines Künstlers auch immer in direktem Zusammenhang zu seinem eigenen Image und Ziel. Nicht zu unterschätzen ist ebenfalls das Phäno- men, dass ein Kunstwerk, ein Musikstück, ein Eigenleben entwickelt, welches neben den gesellschaftlichen Umständen seiner Erscheinung auch maßgeblich von der Art der Rezeption abhängt. Auf diese Weise kommt es vor, dass Titel umgedeutet werden, entgegen der ursprünglichen Intention, und sich das Pu- blikum der Umdeutung überhaupt nicht bewusst ist. Der Beastie Boys Titel (You Gotta) Fight For Your Right (To Party!) ist ein gutes Beispiel für solch eine Umkodierung von Songtexten. Er ist urspünglich als Parodie auf derarti- ge Attitude Songs gedacht und ironisch gemeint. Doch nicht nur die Ironie ist verlorengegangen, auch der Nachsatz To Party! wird gern weggelassen. Somit ist daraus eine Art Kampfansage geworden, was lediglich der Zeile Fight For Your Right im Titel zu danken ist.39

Mit diesem Beispiel soll darauf hingewiesen werden, dass Künstlerstate- ments ebenso kritisch hinterfragt werden müssen wie Kritikeraussagen und dass in gewisser Weise der Künstler nach der Veröffentlichung auch nur Rezi- pient ist.

Ein Künstler, der gleich in 2 Musikstilen gleichzeitig durch massive Provokation und Brutalität negativ herausragt, ist der Rapper Ice-T, der neben seiner Vorreiterrolle im Hip Hop auch noch Frontmann und Songwriter der Heavy Metal Band Body Count ist. Bereits der Bandname, der der Militärsprache entstammt und als Opferzählung im Vitnam-Krieg besonders populär wurde, ist Gesellschaftskritik.

In einem seiner Titel (Momma’s Gotta Die Tonight ) beschreibt er als Pro- tagonist seine Mutter als rassistisch. Sie lässt über Jahre nicht von dieser Ein- stellung ab und bringt den Protagonisten dazu, die Mutter zu hassen. Im folgenden Abschnitt beschließt er, sie zu töten und tut dies auf besonders un- gewöhnliche Weise, musikalisch ebenfalls sehr vielseitig untermalt. Die Leiche wird zerstückelt und von ihm in jedem US-Staat verteilt, dessen Menschen von der Rassistin besonders gehasst wurden. Den Abschluss bildet die Aufforde- rung, mit ähnlich fremdenfeindlich eingestellten Familienangehörigen ebenfalls harsch umzugehen und einem ”[...]ordolikeBodyCountdoes.“amEnde.

In einem weiteren Beispiel, dem Titel Cop Killer, wegen dem eine ganze CD umbenannt werden musste und der Song davon entfernt wurde, wird laut- stark die Brutalität der Polizei gegenüber schwarzen Amerikanern angegriffen. In der Tat hatte diese wenige Monate vor der geplanten CD-Veröffentlichung 1991 mit dem brutalen Übergriff von 4 Polizisten auf den schwarzen Rodney King einen gewissen Höhepunkt erreicht. In dem Titel bezieht sich die Wut allerdings auf die gesamte Polizei. Es wird beschrieben, wie der Protagonist auf Grund von police brutality die Geduld verliert, sich entsprechend ausrüstet und auf die regelrechte Jagd nach Polizisten geht. Der Refrain ist geprägt von Gnadenlosigkeit und Rachegefühl: ”I’m a cop killer, better you than me. /Cop killer, fuck police brutality! / Cop killer, I know your family’s grieving (fuck ’em!) / Cop killer, but tonight we get even.“

Gerade Ice-T ist jemand, der mit Statements zu seiner Musik nicht geizt. In seinem Buch The Ice Opinion erklärt er den Text zu Momma’s Gotta Die Tonight methaphorisch. ”Jeder,derdenRassismusamLebenerhält,mußster- ben, nicht unbedingt physisch, aber der entsprechende Teil seines Gehirns sollte vernichtet werden. Ab sofort ist diese ganze Haltung gestorben.“40

Cop Killer, so Ice-T, ist als Protestsong gedacht, es sollte eher eine War- nung anstelle einer Drohung sein. Allein 1991 wurden in Los Angeles durch nachweisliches Fehlverhalten 81 Menschen von Polizisten getötet: ”Sobald ihr das Gesetz übertretet, ist es nur fair, wenn wir dasselbe tun.“41

Rechtfertigt hier das Ziel die Mittel? Ist es in Ordnung, auf der Bühne die Jagd auf Polizisten zu feiern, aus welchem Grund auch immer? Können wir die Wut und Trauer, die jemand wie Ice-T erfahren musste, um solche Songs zu schreiben, überhaupt nachvollziehen und ist sie Rechtfertigung dafür? Das Phänomen der Rechtfertigung von Gewalt durch ein höhergestelltes, objektiv gutes Ziel ist nicht neu und taucht immer wieder auf. Selbst in der aktuellen Weltpolitik werden Kriege gegen Terrorismus und für den Frieden geführt. Auch in der Musikbranche ist Ice-T nur einer von vielen Künstlern, die sich dieser Erklärung bedienen.

Eine weitere Form im Umgang mit dem Randgruppen- und Gewalt-Image des Heavy Metal aus den eigenen Reihen selbst, hatte die Gründung eines neuen Untergenres zur Folge. Ein zentraler Angriffspunkt des Heavy Metal war schon immer der thematische Bezug zum okkulten, von Kritikern gern vereinfacht als Hang zum Satanismus bezeichnet. Abgesehen davon, dass sich die meisten so- genannten Indizien dafür auf Missverständnissen, Fehlinterpretationen oder einfach Nichtgefallen gründen, sahen sich einige Metal-Liebhaber, die eben- falls kein Interesse an Satansverehrungen hatten, in der Pflicht, Heavy Metal mit bewusst und vor allem deutlich erkennbaren christlichen Schwerpunkten zu schaffen. Das entstandene Genre wird als White Metal, als unmissverständ- licher Gegenpol zum Black Metal, oder auch als Christian Metal bezeichnet. Musikalisch gibt es kaum Einschränkungen und es gibt christliche Metal Bands in jeder musikalischen Unterkategorie. Prominente Vertreter des White Metal sind Stryper, besonders markant mit der Platte To Hell With The Devil von 1986 und die Band Vengeance, die beide eher am Power Metal orientiert sind. Da sich der christliche Strang des Heavy Metal rein auf die inhaltlichen The- men bezieht, ist es denkbar, solche Texte mit musikalischen Elementen auch z.B. des Black Metal zu verbinden, was schnell zu begrifflichen Schwierigkeiten führt, somit wird diese spezielle Kombination Unblack Metal genannt.

Christlich orientierte Metal Bands haben Bedeutung vor allem in den USA. Anderswo, auch hier in Europa, ist das Interesse weitestgehend gering. Es gibt auch Bands, deren Mitglieder allesamt bekennende Christen sind, z.B. Creed, doch das ist nicht zu verwechseln mit Bands des White Metal, denen es um die gesungenen Inhalte geht. So haben Creed auch immer Abstand davon genommen, als christliche Band des Heavy Metal zu gelten.

Ob nun die Bewegung des White Metal das allgemein vorherrschende Bild des Heavy Metal etwas ins Positive verschieben konnte ist fraglich. Es bietet jedoch Anlass zu Diskussionen und genauerem Hinhören, da bei diesem Phäno- men genau zwischen Musik und Inhalt unterschieden werden muss. Was die begriffliche Konfusion etwa beim Unblack Metal hervorruft, der einerseits kon- trär zum Black Metal ausgerichtet ist, andererseits genau diese musikalischen Elemente benutzt, ist eben die gleiche Ungenauigkeit, die zu Tage tritt, wenn Texte oder auch nur Songtitel und Phrasen vorgeschoben werden um Bands zu kritisieren und ihnen ein verderbliches Image anzuhängen.

Der Heavy Metal ist vor allem durch seine musikalischen Charakteristi- ka geprägt. Dazu gehört in der Regel die instrumentale Grundausstattung von Schlagzeug, E-Bass, verzerrter E-Gitarre und Gesang, starke Riff-Orientierung, die für die Einprägsamkeit sorgt, ein meist einfach gehaltener Rhythmus wie der 4/4 Takt, eine erhöhte Lautstärke und ein druckvoll nach vorn treiben- der Gestus. Der Gesamtklang ist von größerer Bedeutung als der Text, der in vielen Teilgenres sowieso nicht zu verstehen ist. Auf Grund dieser allgemei- nen Vorherrschaft des Sounds gegenüber der Textaussage gibt es quasi keinen hörbaren Unterschied zwischen White und konventionellem Metal. Das führte dazu, dass die meisten White Metal Bands ihre Priorität auf die Textinhalte legten und nur mittelmäßige musikalische Innovation zeigten. Dabei ist dies enorm wichtig, gerade in einem Genre, was sich kontinuierlich selbst neu er- findet und in den unterschiedlichsten Facetten weiterentwickelt. Musikalischer Stillstand überlebt nicht lange, wenn es nicht eine andere Triebkraft und eine dazugehörige Hörerschaft gibt, womit die eher marginale Bedeutung des White Metal wenigstens teilweise zu erklären ist. Etwas hart ließe sich behaupten, der ganze christliche Strang wäre lediglich ein Aufbegehren gegen ein kaum existierendes Trugbild, da der zu kontrastierende Stil keineswegs durchweg sa- tanisch behaftet ist, das ist er sogar nur in den seltensten und vergleichsweise unpopulärsten Fällen. Doch damit wäre womöglich den wenigen passionierten christlichen Songwritern Unrecht getan, die nicht aus einer Gegenbewegung heraus, sondern aus eigener Überzeugung christlichen Heavy Metal komponie- ren.

3 Die Ambivalenz und Vielfalt der Gewaltdar- stellungen

Im folgenden Kapitel wird die Vielschichtigkeit von Gewaltäußerungen im Heavy Metal genauer betrachtet. Selbstverständlich ist eben nicht der gesam- te Musikstil von Brutalität geprägt, doch werde ich mich im Hinblick auf die engere Thematik dieser Arbeit auf den Bereich des Genres beziehen, welcher Gewalt als Element verwendet. Neben den Texten selbst werden auch weitere Präsentationsformen wie CD-Cover, Musikvideos und ggf. Live-Darstellungen verglichen. Dabei geht es nicht um die Frage nach Angemessenheit oder Be- rechtigung, sondern rein um das beobachtbare Element Gewalt in seinen ver- schiedenen Facetten.

3.1 Inhaltliche Bezüge

Prinzipiell ist im Heavy Metal, wie in jedem anderen Stil auch, kein Thema unmöglich. Für nahezu jedes lassen sich auch hier und da Beispiele finden. Ebenso ist es jedem Künstler freigestellt, ein beliebiges Thema mit oder ohne gewalthaltigem Vokabular zu besingen. Trotzdem gibt es eine Reihe von in- haltlichen Bezügen, die eine gewisse Präferenz bei den Musikern genießen. Die Übergänge sind dabei fließend und es gibt sehr viele Überschneidungen.

Ich möchte exemplarisch an Hand einiger Songtexte häufig anzutreffende Themen vorstellen, die im Mittelpunkt stehen können. Dabei wird es nicht möglich sein, jeder einzelnen Band gerecht zu werden, doch soll ein allgemeiner Einblick in die besungenen Themen des Heavy Metal gegeben werden.

Metallica - Enter Sandman (1991)

Der Titel ist gleich das Eröffnungsstück ihrer 1991 erschienenen CD Metallica, welches wegen des in schwarz gehaltenen Covers und der Nichtbetitelung auch häufig Black Album genannt wird. Er ist einer der bekanntesten Titel der Band und auch darüber hinaus einer der markantesten Heavy Metal Titel überhaupt.

Say your prayers little one
Don’t forget, my son To include everyone
I tuck you in, warm within
3.1 Inhaltliche Bezüge 30
Keep you free from sin
’Til the sandman he comes

Sleep with one eye open
Gripping your pillow tight

Exit light
Enter night
Take my hand
We’re off to never never land

Something’s wrong, shut the light
Heavy thoughts tonight
And they aren’t of snow white
Dreams of war, dreams of liars
Dreams of dragons fire
And of things that will bite

Sleep with one eye open
Gripping your pillow tight

Exit light
Enter night
Take my hand
We’re off to never never land

Now I lay me down to sleep
Pray the Lord my soul to keep
If I die before I wake
Pray the Lord my soul to take

Hush little baby, don’t say a word
And never mind that noise you heard
It’s just the beast under your bed,
In your closet, in your head

Exit light
Enter night
Grain of sand

Exit light
Enter night
Take my hand
We’re off to never never land

[...]


1 Der Umgang mit medialer Gewalt stumpft die normalen negativen Gefühlsreaktionen auf Gewaltszenen ab. Ob es sich um Musik bzw. Songtexte, Computerspiele oder Filme handelt, ist dabei unerheblich. (Paulus: Amoklauf: Mediengewalt ist ein wichtiger Faktor (2009), Psychologie Heute, Juni 2009, Seite 34); Simulierte Gewaltszenarien, wie etwa in einigen Computerspielen, können jedoch helfen, Phobien psychologisch zu behandeln, so das Institut für Cyberpsychologie in Quebec. (Gieselmann: Ego-Shooter auf Rezept, Magazin für Computertechnik, Ausgabe KW 43, 2003)

2 Im gesamten Verlauf der Arbeit schließen die männlichen Formen ebenfalls die weibli- chen Vertreter mit ein. Auf Grund der Lesbarkeit des Textes werden sie jedoch nicht separat angeführt.

3 Zum Vergleich lagen mir die Listen der Untergenres aus dem Handbuch der populären Musik von Wicke & Ziegenrücker, die Unterteilung aus der Rolling Stone Ausgabe vom August 2007 sowie die Genrebezeichnungen aus den Büchern von Weindl (2005) und Wehrli (2005) vor. Ein kurzer Quervergleich dieser Quellen mit der populären und häufig wissenschaftlich umstrittenen Wikipedia(.org) bestätigte das ungefähre Verhältnis.

4 Jeffries, Neil: Kerrang! The Direktory of Heavy Metal (1993). Vorwort

5 Billboard 200, Artikel Metallica Scores Fifth No. 1 Album vom 17.09.2008 ”Salsa,

6 Miehling, Klaus: Gewaltmusik (2006). Seite 12

7 Ebd. Seite 11

8 Heavy - The Story of Metal (2006), Interview mit Rob Halford

9 Ebd. Interview mit Ozzy Osbourne

10 Ebd. Zusammenfassung Led Zeppelin

11 Iverson, Thor: The Led Zeppelin FAQ (1994), Interview mit Jimmy Page, geführt von Steve Pinder

12 Crowley, Aleister: The Confessions of Aleister Crowley (1979), Kapitel 22.

13 Schulps, Dave: Interview mit Jimmy Page in Trouser Press, Oktober 1977. 14 Davis: The Hammer of the Gods, The Led Zeppelin Saga (1985), Seite 335

15 Heavy - The Story of Metal (2006), Interview mit Dave Ellefson

16 Musikmagazin Rolling Stone, Nick Tosches Review des Albums Paranoid von Black Sabbath, Ausgabe April 1971

17 Phillips: Black Sabbath: Frog Princes of Daktari. in Creem, 03/1976 18 Heavy - The Story of Metal (2006), Interview mit Chuck Klosterman

19 beides zitiert nach Wehrli: Verteufelter Heavy Metal (2005), Seite 118 20 PMRC Senate Hearings (1985), Transcript Seite 118 21 Ebd. Seite 125

22 Wehrli: Verteufelter Heavy Metal (2005), Seite 72

23 Liste von 15 Titeln, die so verruchte Inhalte haben, dass sie als negatives Aushängeschild der Popmusik proklamiert wurden und den eigentlichen Anstoß zur Debatte gaben.

24 Magazin Skeptical Inquirer, Moore’s Scientific Consensus and Expert Testimony: Lessons from the Judas Priest Trial (1996), Anklagezusammenfassung 25 Wehrli: Verteufelter Heavy Metal (2005), Seite 118

26 Magazin Skeptical Inquirer, Moore’s Scientific Consensus and Expert Testimony: Lessons from the Judas Priest Trial (1996)

27 Ebd.

28 Ebd., Kapitel Scientific Opinion vs. Scientific Evidence 29 Ebd.

30 Ebd., Kapitel Further Confusion

31 Miehling: Gewaltmusik (2006). Seite 465

32 Ebd., Kapiteltitel 2.1.1 bis 2.1.1233 Ebd., Seite 598

34 Schipperges: Die Kunst soll niemand reizen, darin liegt ihr Reiz, Buchkritik über Miehlings Buch Gewaltmusik, 2008

35 Scheidl, Felix: Wie ein Messdiener zum Metal-Fan wurde, in Spiegel Online, 16.02.2009

36 Snyder: Interview mit Paul Stanley, Oktober 2000

37 Heavy - The Story of Metal (2006), Statements von Paul Stanley38 Ebd., Interview mit Chuck Klosterman

39 Odell: The Greatest Songs Ever! Fight For Your Right. Review des Beastie Boys Titels vom 15.02.2004

40 Ice-T: The Ice Opinion (1995), Seite 208. Übersetzung des Originalzitats: ”Whoeveris still perpetuating racism has got to die, not necessarily physically, but they have to kill off that part of their brain. From now on, consider it dead. The entire attitude is dead.“

41 Ebd., Seite 209f

Details

Seiten
133
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640983391
ISBN (Buch)
9783640983513
Dateigröße
2.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v176648
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Musik und Musikpädagogik
Note
1,3
Schlagworte
Heavy Metal Gewalt Musik Band

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Titel: Gewalt im Heavy Metal