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Der ärztliche Behandlungsfehler

Was passiert, wenn Ärzte Fehler machen

Bachelorarbeit 2011 38 Seiten

Gesundheit - Public Health

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG
1.1 PROBLEMSTELLUNG
1.2 ZIEL UND AUFBAU DER ARBEIT

2. DER ÄRZTLICHE BEHANDLUNGSFEHLER
2.1 DEFINITION
2.2 ARTEN VON BEHANDLUNGSFEHLERN
2.2.1 Diagnosefehler
2.2.2 Therapiefehler
2.2.3 Übernahmeverschulden
2.2.4 Therapeutische Aufklärung
2.2.5 Organisationsfehler

3. SCHADENERSATZANSPRÜCHE
3.1 VORAUSSETZUNGEN FÜR DIE ARZTHAFTUNG
3.2 BEWEISLAST
3.3 DER EINGETRETENE SCHADEN

4. RISIKOMANAGEMENT
4.1 RISIKOMANAGEMENTPROZESS – 5 PHASEN
4.2 INSTRUMENTE

5. ABSCHLUSSBETRACHTUNG

6. LITERATURVERZEICHNIS

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Schadensaufwendungen bei Haftpflichtschäden aller Krankenhäuser in Deutschland (in Mio €)

Abbildung 2: Schadensverteilung auf Disziplinen nach Stückzahl

Abbildung 3: Der Risikomanagementprozess

Abbildung 4: Beispiel einer Risikomatrix

Abbildung 5: Risikomatrix des HANSE-Klinikum Stralsunds

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

1.1 Problemstellung

Jeden Tag werden in Deutschland zehntausende Patienten behandelt. Im Kranken- haus beträgt die durchschnittliche Behandlungszahl etwa 17,2 Mio. Fälle im Jahr. Die Häufigkeit von Vorwürfen potentieller Behandlungsfehler gegenüber Ärzten beträgt derzeit 40.000 pro Jahr. Dabei sind nach dem RKI bei 12.000 Patienten tatsächlich Behandlungsfehler nachgewiesen worden. Die Vorwürfe richten sich hauptsächlich gegen die operativen Fachbereiche und besonders auffallend gegen Krankenhausärz- te. Das RKI sieht neben den fachspezifischen Problematiken die Fehler in der Organi- sation, der Dokumentation und die Behandlung der Patienten in nicht geeigneten Ein- richtungen1.

Behandlungsfehler werden immer mehr in den Medien thematisiert. Dies geschieht unter anderem aus dem Grund, dass die Schäden auf unsere höchsten Rechtsgüter abzielen – unser Leben und unsere Gesundheit. Die Summe der Arzthaftpflicht- schäden nimmt immer mehr zu. Waren es 1991 nur 80 Mio. €, welche die Betriebshaft- pflichtversicherungen aufbringen mussten, so hat sich dieser Betrag im Jahre 1994 mit 210 Mio. € mehr als verdoppelt. Im Jahr 2003 sind die Schadensaufwendungen sogar auf 400 Mio. € gestiegen. Dies liegt mitunter darin begründet, dass die Patienten immer besser durch die Medien oder Patientenschutzverbänden aufgeklärt werden und da- durch sich eher dazu im Stande fühlen, ihre Rechte einzuklagen. Weitere Gründe fin- den sich im ständig steigenden Anspruchsdenken der Patienten. Es besteht immer weniger Verständnis oder Akzeptanz für schicksalhafte Entwicklungen oder eigene Fehler2. Patienten sind aber auch neugieriger geworden und recherchieren über ihre Krankheit und die aufgetretenen Symptome im Internet. Dadurch haben sie einen hö- heren Bildungsstand als früher und sind eher dazu in der Lage sich selbst ein Bild über die Krankheit und den Krankheitsverlauf zu machen.

Abbildung 1: Schadensaułwendungen bei Hałtpłlichtschäden aller Krankenhäuser in Deutschland (in Mio €) 3

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Schadensaufwendungen in den einzelnen Fachdisziplinen sind unterschiedlich verteilt. Aus der nachfolgenden Auswertung der ECCLESIA-Gruppe von fast 100.000 Schadensfällen, wird deutlich, dass die meisten Schäden in der Unfallchirurgie vor- kommen. Die Aufstellung der Schäden erfolgt nach Stückzahl und Schadensaufwen- dung4.

Abbildung 2: Schadensverteilung auł Disziplinen nach Stückzahl5

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Damit die Qualität des ärztlichen Tuns gesichert wird, wurde das Qualitätsmanagement um das Risikomanagement erweitert. Bei einer korrekten Umsetzung dieser Systeme können Organisationsmängel aufgedeckt und beseitigt, aber auch der ärztliche Stan- dard gewahrt werden6. Patientensicherheit wird zu einer großen Herausforderung und hat oberste Priorität für das Gesundheitswesen.

1.2 Ziel und Aufbau der Arbeit

Mit Hilfe der vorliegenden Arbeit sollen die Wege aufgezeigt werden, die ein Patient gehen kann, wenn er einen ärztlichen Behandlungsfehler vermutet. Gleichzeitig wird dargelegt, was Krankenhäuser tun können, um medizinischen Fehlern vorzubeugen.

Um diese Thematiken zu klären, wird zunächst eine Definition des ärztlichen Behand- lungsfehlers dargestellt und anschließend die verschiedenen Formen von Behand- lungsfehlern erläutert. Im nächsten Kapitel wird erläutert, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, um Schadensersatzansprüche geltend machen zu können und wie sich die Beweislast verschiebt, wenn es sich um einen groben Behandlungsfehler han- delt. Außerdem wird die Vorgehensweise des Patienten im Falle eines erlittenen Scha- dens dargestellt, welche Rolle dabei die Krankenkasse spielt und was in Bezug auf die Verjährungsfrist zu beachten ist. Im letzten Kapitel wird auf das Risikomanagement eingegangen. Dabei wird deutlich gemacht, welche Phasen ein Risikomanagement beinhaltet und welche Instrumente es zur Umsetzung gibt. Am Ende dieses Kapitels wird die Wichtigkeit des Risikomanagements für den Krankenhausalltag beschrieben und wie dadurch Haftpflichtansprüche gegen Ärzte gemindert werden können.

2. Der ärztliche Behandlungsfehler

2.1 Definition

Kommt es zu juristischen Auseinandersetzungen zwischen einem Arzt und einem Pati- enten, liegt dies in der Regel darin begründet, dass der Patient mit dem Behandlungs- ergebnis unzufrieden ist. Tritt bei dem Patienten anlässlich der Behandlung ein Ge- sundheitsschaden auf, so wird dem Arzt meist ein Behandlungsfehler unterstellt. Je- doch ist nicht jeder bei einem Patienten aufgetretene Gesundheitsschaden auch ein schuldhaft verursachter Fehler eines Arztes. Der Arzt ist dazu verpflichtet die diagnos- tischen und therapeutischen Maßnahmen mit der erforderlichen Sorgfalt durchzuführen und muss um einen Behandlungserfolg bemüht sein. Ist dies nicht der Fall kann ein Behandlungsfehler vorliegen Es handelt sich um einen verschuldeten Behandlungsfehler, wenn der Arzt dem aktuel- len Stand der medizinischen Wissenschaft und den vorgeschriebenen Regeln der me- dizinischen Forschung sowie der Sorgfalt, die von einem pflichtgetreuen Arzt im kon- kreten Fall erwartet werden darf, nicht nachkommt7. Der Begriff des ärztlichen Behand- lungsfehlers schließt den Fehler bei der Anamnese, der Therapie, der Prophylaxe, der Erstellung der Diagnose, der Beratung und der Patientenaufklärung sowie bei der Nachsorge ein. Auch gehören Organisationsfehler, Konsultationsfehler und fehlerhafte Überwachungen der Apparaturen dazu. Ein Behandlungsfehler kann nicht nur durch das Tun, sondern auch durch das Unterlassen medizinisch notwendiger Maßnahmen begründet werden8.

Zur Klärung der Frage nach einem Behandlungsfehler wird in der Regel ein Sachver- ständigengutachten angefordert, da ein Richter üblicherweise nicht über die notwendi- ge Sachkunde verfügt. Der Sachverständige, der dieses Gutachten anfertigt, sollte aus dem medizinischen Bereich kommen, in dem auch der angeklagte Arzt tätig ist. Unter Berücksichtigung der Darlegung des Falles durch den Sachverständigen ergibt sich die Frage, ob es sich um einen einfachen oder groben Behandlungsfehler handelt. Dies ist von entscheidender Bedeutung für die Beweislast, denn diese liegt bei einem einfa- chen Behandlungsfehler auf Seiten des Patienten. Bei einem groben Behandlungsfeh- ler ist es Aufgabe des Arztes bzw. des Krankenhauses, die Unschuld zu beweisen9.

Unter einem groben Behandlungsfehler versteht sich das Fehlverhalten eines Arztes, dass aus objektiver ärztlicher Sicht als nicht verständlich erscheint, da ein derartiger Fehler einem Arzt nicht unterlaufen darf. Der Sachverständige, der den Fall überprüft, beurteilt, ob der Arzt mit seinem Verhalten gegen bereits bewährte medizinische Erfah- rungen und Erkenntnisse verstoßen hat. Bei einem groben Behandlungsfehler wird nicht von grober Fahrlässigkeit ausgegangen. Die Entscheidung, ob es sich tatsächlich um einen groben Behandlungsfehler handelt, übernimmt der Richter. Dieser beruft sich bei seiner Beurteilung auf die Ausführungen des Gutachters. Aus dessen Darlegungen muss ein absolut unverständliches Verhalten des Arztes hervorgehen Dann kehrt sich die Beweislast zum Nachteil des Arztes um. Dieser ist dann gezwungen einen Nach- weis dafür zu erbringen, dass die Schädigung des Patienten nicht aus einem Behand- lungsfehler resultiert10.

2.2 Arten von Behandlungsfehlern

2.2.1 Diagnosefehler

Ein Diagnosefehler in der Form eines Befunderhebungsfehlers liegt dann vor, wenn der Arzt die Erhebung von Befunden unterlässt, obwohl sich diese unter Berücksichtigung des medizinischen Standards aufgedrängt haben. Auch wenn der Arzt der Annahme ist, dass die beim Patienten aufgetretenen Symptome auf eine ganz bestimmte Krank- heit hinweisen und ihm die Diagnose eindeutig erscheint, ist er dazu verpflichtet, diese anhand der gebräuchlichen Befunderhebungsmethoden zu prüfen. Die Diagnose stellt die Grundlage für die weitere Behandlungstherapie dar. Sind die gebräuchlichen Me- thoden der Befunderhebung nicht befriedigend, so muss der Arzt weitere spezifische diagnostische Verfahren anordnen oder verwenden.

Eine weitere Möglichkeit eines Diagnosefehlers stellt der Befundauswertungsfehler dar. Dies ist dann der Fall, wenn die Auswertung der erhobenen Befunde fehlerhaft verlau- fen ist und somit der Arzt die Symptome der zu behandelnden Krankheit deshalb nicht erkennt. Bei der Anerkennung eines solchen Fehlers ist die Rechtsprechung zurückho- lend, da jeder menschliche Organismus unterschiedlich funktioniert und die auftreten- den Symptome sich nicht in jedem Fall einer bestimmten Krankheit zuordnen lassen. Einerseits können die Symptome verschiedene Ursachen aufweisen und andererseits können sie von den Patienten unterschiedlich wahrgenommen werden und auch unter- schiedlich ausgeprägt sein. Aus diesem Grund ist der Nachweis eines Verschuldens des Arztes in derartigen Fällen nur schwer möglich11.

In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass der Arzt dem Patienten keine objektiv richtige Diagnose schuldet. Es ist aber seine Aufgabe, Untersuchungen durchzuführen und zu Erkenntnissen zu gelangen, die dem ärztlichen Standard entsprechen. Der Arzt darf bei Erstuntersuchung des Patienten nicht alle möglichen diagnostischen Therapie- formen anwenden - Überdiagnostik ist ihm sogar untersagt12.

Fehlerhafte Diagnosen können beispielsweise dann zu einer Haftung führen, wenn der Arzt wichtige Kontrollbefunde nicht veranlasst hat, das Krankheitsbild des Patienten falsch gedeutet oder aber wenn im weiteren Verlauf der Behandlung die Überprüfung der Anfangsdiagnose bei Ausbleiben eines Therapieerfolgs nicht stattfindet13. Der BGH hat in einer Entscheidung vom 9.12.2008 das Übersehen eines erkennbaren Bruchs auf Röntgenbildern durch die Röntgenabteilung eines Krankenhauses als schwerwie- genden Diagnosefehler angesehen14.

2.2.2 Therapiefehler

Wurden die Symptome des Patienten durch den Arzt richtig erkannt, so hat die Be- handlung der festgestellten Symptome zu erfolgen. Dabei ist er dazu verpflichtet, sofort alle für den Patienten zumutbaren und notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um so- mit weitere potenzielle Schäden vom Patienten abzuwenden. Wenn die Therapie nicht erfolgreich verlaufen ist, handelt es sich nicht immer um einen Therapiefehler. Der Arzt muss auch in diesen Fällen nicht für alle Gesundheitsschäden eintreten, die nach der Behandlung verbleiben, wenn ihm unter medizinschen Gesichtspunkten keinen Vor- wurf zu machen ist15.

Es handelt sich jedoch dann um einen Therapiefehler, wenn der Arzt eine medizinisch notwendige Therapie nicht oder zu spät durchführt. Die Tätigkeit des Arztes muss dem aktuellen Stand der medizinischen Wissenschaft entsprechen. Bei der Wahl der The- rapie gilt aber der Grundsatz der Therapiefreiheit. Das heißt, dass der Arzt selbst über die Ausgestaltung der Therapie entscheidet – eigenverantwortlich. Dabei ist er nicht zwingend an die Schulmedizin gebunden, sondern kann sich auch für alternative Ver- fahren entscheiden, solange sie wissenschaftlich fundiert und anerkannt sind. Bei der Entscheidung muss er allerdings immer das „Prinzip des sichersten Weges“ anwen- den. Sind mehrere Behandlungsmethoden möglich, so sollte sich der Arzt immer für die Methode entscheiden, die für den Patienten am risikoärmsten hinsichtlich des zu erwartenden Erfolgs ist. Der Arzt kann sich jedoch auch beispielsweise für die Außen- seitermethode entscheiden. Diese Methode weicht zwar von den allgemein schulmedi- zinisch anerkannten Standards ab, ist jedoch als Therapie zulässig, wenn der Arzt so- wohl über die notwendigen technischen Mittel als auch über entsprechende Erfahrun- gen mit der Anwendung verfügt. Der Behandlungsverlauf muss fortwährend kontrolliert werden. Bei Komplikationen muss der Arzt einen sofortigen Abbruch der Behandlung veranlassen.

Die Wahl der richtigen Therapie hängt sowohl von der praktischen Erfahrung des Arz- tes ab, aber auch von den räumlichen und apparativen Gegebenheiten, die in seiner Praxis vorherrschen. Dabei muss es sich allerdings nicht um die neusten Geräte han- deln, die Ausstattung darf jedoch auch nicht veraltet sein. Sie muss lediglich den tech- nisch neuen Geräten entsprechen16.

Das OLG in Karlsruhe hat 2003 einen Behandlungsfehler in Form eines Therapiefeh- lers aufgedeckt, als bei einem Patienten bei einer photorefraktiven Keratektomie beide

Augen operiert wurden. Es darf allerdings immer nur ein Auge operiert werden. Mittels einer photorefraktive Keratektomie wird die Fehlsichtigkeit des Patienten korrigiert17.

[...]


1 Vgl. RKI, 200f, S. 1

2 Vgl. Bergmann, 2009, S. f 11.

3 Quelle: Bermann, 2009, S. 2

4 Vgl. Bergmann, 2009, S. 3

5 Quelle: Petry, 2009, S. 2

6 Vgl. Bergmann, 2009, S. 6

7 Vgl. 2008, S. 196

8 Vgl. tries, 2011, S. 515f

9 Vgl. Neu, 2009, S. 351

10 Vgl. Neu, 2008, S. 196

11 Vgl. Janda, 2009, S. 308 f.

12 Vgl. Terbille, 2009, Rn. 583

13 Vgl. Fenger et al., 2009, S. 27

15 Vgl. Janda, 2009, S. 308 ff.

16 Vgl. Janda, 2009, S. 3f0 f.

17 Vgl. Gei߃ Greiner, 2009, Rn. 273

Details

Seiten
38
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640977451
ISBN (Buch)
9783640977901
Dateigröße
741 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v176472
Institution / Hochschule
Hochschule Neubrandenburg
Note
Schlagworte
Behandlungsfehler Arzthaftung Risikomanagement Krankenhaus Beweislast Schaden

Autor

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Titel: Der ärztliche Behandlungsfehler