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Besteht eine Chancengleichheit für Sonderschüler mit einer Lernbehinderung bei der Wahl ihres Ausbildungsberufs und den Übergangsmöglichkeiten in den Beruf?

Hausarbeit 2010 16 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Historische Einordnung und Begriffsdefinition der Institution Sonderschule
2.2 Begriffsdefinition Lernbehinderung
2.3 Bedeutung von Arbeit für lernbehinderte Jugendliche und Situation nach der Schulzeit
2.4 Möglichkeiten der Berufsausbildung für Sonderschüler mit Lernbehinderung und Rolle des Staates bei der Förderung
2.6 Kritik an der Umsetzung der Fördermaßnahmen

3. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Im sich wandelnden Arbeitsmarkt sind berufliche Ausbildung und Bildungsabschlüsse grundlegende Voraussetzungen, um dauerhaft am Arbeitsleben teilnehmen zu können.“[1] Dieses Zitat aus dem Berufsbildungsbericht für das Jahr 2008 macht deutlich, dass es in der heutigen Zeit eines Schulabschlusses und einer abgeschlossenen Berufsausbildung bedarf, um zunächst erst einmal die Möglichkeit zu schaffen längerfristig in einem Beruf arbeiten zu können. Es wird die Wichtigkeit von schulischen und beruflichen Qualifikationen für die Zukunft eines Menschen unterstrichen und erklärt, dass die Bildung der Schlüssel für ein zufriedenstellendes Leben innerhalb einer Gesellschaft ist. Folglich müsste jedem Menschen die Möglichkeit des Erlangens eines Schulabschlusses und des Erlernens eines Berufs eingeräumt werden. Es gibt allerdings Menschen mit körperlichen bzw. geistigen Einschränkungen, denen das Erreichen eines Schulabschlusses, geschweige denn einer beruflichen Ausbildung, aufgrund des Grades der Einschränkungen verwehrt bleibt. Für diese Menschen übernimmt die Gesellschaft in Form des Sozialstaats Verantwortung und sichert somit deren Existenz. Aber es dürfen nicht diejenigen vergessen werden, bei denen zwar eine Einschränkung vorliegt, die aber durch entsprechende Förderung und Unterstützung einen Schulabschluss erreichen bzw. einen Beruf erlernen können. Behinderten Menschen soll durch den sozialen Aspekt von Ausbildung und Arbeit aus ihrer Isolation geholfen werden. Die Bundesregierung hat das Bestreben behinderten Menschen die Teilhabe an Ausbildung und Arbeit zugänglich zu machen, unabhängig davon, ob die gebotenen Möglichkeiten genutzt werden oder nicht.[2] Betrachtet man die aktuelle Bildungs- und Arbeitsmarktsituation in der Bundesrepublik Deutschland, drängt sich die Frage auf, ob es wirklich jedem Menschen möglich ist seine Zukunft auf dem Arbeitsmarkt durch einen entsprechenden Schulabschluss und eine berufliche Ausbildung erfolgreich zu gestalten.

Diese Hausarbeit setzt sich mit der Situation auseinander, der sich Sonderschüler mit einer Lernbehinderung nach Beendigung der Schulzeit stellen müssen. Es soll die These verfolgt werden, dass keine Chancengleichheit für Sonderschüler mit einer Lernbehinderung bei der Wahl ihres Ausbildungsberufs und den Übergangsmöglichkeiten in den Beruf besteht. Neben der Bedeutung von Ausbildung und Arbeit sowie der Darstellung der Situation, in der sich Sonderschüler mit Lernbehinderung nach Beendigung ihrer regulären Schulzeit wiederfinden, soll aufgezählt werden, welche Perspektiven sich für diese Klientel bieten und welche Rolle dabei die Bildungspolitik spielt. Außerdem sollen Kritikpunkte aufgezeigt werden, die im Rahmen der Untersuchung aufgeworfen wurden.

Beginnend mit einer historischen Einordnung und Begriffsdefinition der Institution Sonderschule und der Klärung des Begriffs der Lernbehinderung, soll in einem weiteren Schritt die Bedeutung von Arbeit für lernbehinderte Jugendliche herausgestellt werden und die Situation beleuchtet werden, die sich für diese Jugendliche nach der Schulzeit darstellt. Anschließend sollen Möglichkeiten der Berufsausbildung für Sonderschüler mit Lernbehinderung vorgestellt werden und die Rolle des Staates bei der Förderung betrachtet werden. Daraufhin wird der offizielle Anspruch der Bundesregierung behinderten Menschen die Teilhabe an Ausbildung und Arbeit zugänglich zu machen, einer kritischen Würdigung unterzogen. Abschließend wird im Schlussteil die Leitfrage nach der Chancengleichheit für Sonderschüler mit einer Lernbehinderung bei der Wahl ihres Ausbildungsberufs und den Übergangsmöglichkeiten in den Beruf nochmals aufgegriffen und geprüft, ob sie im Hauptteil beantwortet wurde. Zudem werden die Forschungsergebnisse zusammengefasst und eine Bewertung dieser vorgenommen.

2. Hauptteil

2.1 Historische Einordnung und Begriffsdefinition der Institution Sonderschule

Bevor man sich mit dem Übergang von Sonderschülern in die Berufsausbildung beschäftigt, muss ein einheitliches Verständnis über die Institution Sonderschule geschaffen werden. Im Folgenden soll die Sonderschule vor dem Hintergrund ihrer historischen und aktuellen Entwicklungen betrachtet werden, sowie einige Beschlüsse der Bildungspolitik mit ihren Folgen kurz vorgestellt werden.

Das Förder- bzw. Sonderschulwesen findet seinen Ursprung in der gezielten Unterrichtung von taubstummen und blinden Kindern, die vor ungefähr 200 Jahren in privat oder kirchlich betriebenen „Blinden- und Taubstummenanstalten“[3] durchgeführt wurde. Nach der Einführung der Schulpflicht für behinderte Kinder um das Jahr 1900 offenbarte sich in diesem Prozess, dass es Kinder gab die nicht in der Lage waren dem allgemeinen Unterricht zu folgen. Aus diesem Grund entstanden zwischen 1880 und 1920 die ersten öffentlichen Hilfsschulen in Deutschland, die eine Art Sammelbecken für Kinder mit unterschiedlichen Lern- und Verhaltensstörungen oder Behinderungen bildeten.[4] Nach dem Aussetzen der Weiterentwicklung der Förderung bedingt durch die vom Nationalsozialismus geprägten Zeit von 1933 bis 1945, wurden nach dem Zweiten Weltkrieg jeweils Schulen für Lernbehinderungen, Verhaltensstörungen und geistige Behinderungen gegründet. In der Folge verfolgten die Bundesländer besonders in den Jahren zwischen 1960 und 1980 das Ziel des Ausbaus und der Differenzierung des Förder- bzw. Sonderschulwesens. Auf der Grundlage von Beschlüssen der Kultusministerkonferenz von 1960 und 1972 versuchten sie das Recht auf Bildung für alle behinderten Kinder und Jugendliche zu verwirklichen und ihren unterschiedlichen Bedürfnissen bestmöglich gerecht zu werden.[5]

Im Zuge der aktuellen Betrachtungsweise von Schülern mit Behinderungen, erfolgt diese nicht mehr institutionenbezogen, sondern personenbezogen. Dies hat zur Folge, dass statt der Feststellung einer „Sonderschulbedürftigkeit“[6] die Frage nach dem „Sonderpädagogischen Förderbedarf“[7] gestellt wird. Als Grund für die neue Betrachtungsweise ist an erster Stelle ein gewandeltes Verständnis von Behinderung zu nennen. Dieses Verständnis gründet sich auf eine Verbesserung der diagnostischen Möglichkeiten, der Ausweitung der Früherkennung und Vorbeugung, beispielsweise durch geschultes Personal in den Kindergärten und besseren Rahmenbedingungen in den allgemeinen Schulen, wo unter anderem kleinere Klassen und eine umfassendere Lehrerausbildung zu nennen wären. Die Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland stellt folgende Anforderung an die Sonderpädagogische Förderung: „Sonderpädagogische Förderung soll das Recht der behinderten und von Behinderung bedrohten Kinder und Jugendlichen auf eine ihren persönlichen Möglichkeiten entsprechende schulische Bildung und Erziehung verwirklichen. Sie unterstützt und begleitet diese Kinder und Jugendlichen durch individuelle Hilfen, um für diese ein möglichst hohes Maß an schulischer und beruflicher Eingliederung, gesellschaftlicher Teilhabe und selbstständiger Lebensgestaltung zu erreichen.“[8]

Im Rahmen der stetig wachsenden Anzahl an neuen „Organisationsformen der Förderung“[9] ist eines der wichtigsten Ziele die Integration behinderter Schüler in den gemeinsamen Unterricht mit nichtbehinderten. Man muss jedoch nach dem „Hamburger Abkommen zwischen den Ländern zur Vereinheitlichung auf dem Gebiet des Schulwesens vom Oktober 1971“[10] weiterhin zwischen allgemeinen Schulen und Förderschulen, die abhängig vom jeweiligen Bundesland auch Sonderschulen, Förderzentren oder Schulen für Behinderte genannt werden, differenzieren. Bei den verschiedenen Organisationsformen zur sonderpädagogischen Förderung unterscheidet man zehn nebeneinander existierende Typen von Förder- bzw. Sonderschulen. Nach der „Empfehlung zur Ordnung des Sonderschulwesens nach dem Beschluss der Kultusministerkonferenz vom März 1972“[11] gibt es Schulen für Blinde, Gehörlose, Sehbehinderte, Schwerhörige, Geistigbehinderte, Körperbehinderte, Kranke, Lernbehinderte, Sprachbehinderte und Verhaltensgestörte. Innerhalb eines Typus kann zusätzlich die Ausgestaltung, der sonderpädagogische Förderschwerpunkt und das Angebot an Bildungsgängen, z. B. das Angebot eines Hauptschulabschlusses, variieren. Prinzipiell bieten Förderschulen Abschlüsse an, die den Abschlüssen allgemeiner Schulen gleichwertig sind, sofern es die Art der Behinderung und Erkrankung zulässt. Einzige Voraussetzung dafür ist die Unterrichtung nach den Lehrplänen der jeweiligen Schulart.[12] Die Schulen müssen mit allen erforderlichen technischen Mitteln und speziellen Lehr- und Lernmitteln ausgestattet sein und bei den Schülern alle Entwicklungen unterstützen, die zu einem möglichen Wechsel in eine allgemeine Schule bzw. in eine Ausbildung führen können.[13]

Für diese Hausarbeit soll der Fokus auf den Schülern liegen, die eine Sonderschule für Lernbehinderte besuchen bzw. besucht haben.

2.2 Begriffsdefinition Lernbehinderung

Um die Möglichkeiten, die sich für Sonderschüler in Bezug auf die Wahl einer Ausbildungsstätte ergeben, einer Untersuchung zu unterziehen, bedarf es neben der Erklärung der Institution Sonderschule auch einer Definition des Begriffs Lernbehinderung. Nach einer Annäherung über den Begriff Behinderung soll Lernbehinderung von verwandten Begriffen abgegrenzt werden und in das Feld der Sonderpädagogischen Förderung eingeordnet werden.

Der Begriff Behinderung ist mit unzähligen unterschiedlichen Definitionen belegt, bei denen es sich nicht um eine „Eigenschaft mit individuell erfaßbaren Merkmalen, sondern um eine Beziehung zwischen individualen und sozialen Gegebenheiten handelt“[14] Eine Behinderung kann als eine vorübergehende oder dauerhafte Veränderung des Gesundheitszustands von Personen verstanden werden, die Auswirkungen auf deren Aktivitäten und Partizipationsmöglichkeiten haben kann und zusätzlich durch die Umwelt unterstützt oder beeinträchtigt wird.[15]

Ähnlich der Behinderung ist auch der Begriff der Lernbehinderung nicht eindeutig zu erfassen, da die Ursachen für eine solche und die Form ihrer Ausprägungen so verschieden sind, wie die Individuen selbst. Unter dem Überbegriff der „Beeinträchtigung im Lernbereich“[16], der alle vom Lernproblemen benachteiligte Jugendliche betrifft, lassen sich neben der Lernbehinderung die ihr verwandten Begriffe Lernschwäche, Lernbeeinträchtigung und Teilleistungsschwäche zusammenfassen. Die Lernschwäche kann als eine „qualitative Stufe einer Lernstörung“[17] angesehen werden, bei der die Störung weder umfassend noch anhaltend erfolgt. Innerhalb eines geschwächten Milieus oder aufgrund des Ausbleibens einer Förderung kann sich eine Lernschwäche zu einer Lernbeeinträchtigung oder gar einer Lernbehinderung ausweiten. Eine weitere Stufe einer Lernstörung ist die Lernbeeinträchtigung, die man in leichtgradig und mittelgradig einteilt. Eine leichtgradige Lernbeeinträchtigung hat keine lange Dauer, wirkt aber umfänglich, wohingegen eine mittelgradige lang anhalten kann, in ihrer Wirkung aber nicht umfassend ist. Eine Teilleistungsschwäche beschreibt kognitive Beeinträchtigungen und Entwicklungsstörungen in einzelnen Funktionsbereichen. Beispiele dafür sind die Lese- und Rechtschreibschwäche Legasthenie oder die Rechenschwäche Dyskalkulie. Ihre Ausprägungen können sehr gering und kaum wahrnehmbar sein, aber auch in Form einer leichten Behinderung auftreten. Der Begriff der Lernbehinderung umfasst dagegen schwere Fälle von Lernbeeinträchtigungen, bei denen Lernprozesse und -ergebnisse einer schweren und dauerhaften Beeinträchtigung unterliegen. Die Ursachen für Lernbehinderung sind sozialer und biologischer Natur, wie beispielsweise das Milieu, in der eine Person aufwächst oder genetische Voraussetzungen, die sie in sich trägt. Diese Faktoren beeinflussen sich zudem gegenseitig. Häufig sind Schwächen innerhalb eines Faches die Symptome für tiefergehende Probleme bei abstrakten Denk- und Transferleistungen.[18]

[...]


[1] Bundesministerium für Bildung und Forschung 2009, S. 21

[2] Vgl. dazu Bundesministerium für Bildung und Forschung 2005, S. 175

[3] Kultusministerkonferenz 2009, S. 267

[4] Vgl. dazu Kultusministerkonferenz 2009, S. 267

[5] Vgl. dazu Kultusministerkonferenz 2009, S. 267

[6] Kultusministerkonferenz 2009, S. 267

[7] Kultusministerkonferenz 1999, S. 6

[8] Kultusministerkonferenz 2009, S. 272

[9] ebenda, S. 267

[10] ebenda, S. 271

[11] ebenda, S. 271

[12] Vgl. dazu Kultusministerkonferenz 2009, S. 275

[13] Vgl. ebenda, S. 271

[14] Stadler, zit. n. Ernst 2002, S.11

[15] Vgl dazu Seyd 2006, S. 18

[16] Bundesministerium für Bildung und Forschung 2005, S. 17

[17] Bundesministerium für Bildung und Forschung 2005, S. 17

[18] Vgl. dazu Bundesministerium für Bildung und Forschung 2005, S. 17

Details

Seiten
16
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640977284
ISBN (Buch)
9783640977611
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v176446
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,3
Schlagworte
Sonderschule Benachteiligtenförderung Übergangssystem Ausbildung Qualifizierung

Autor

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