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Sprachwandel in den Medien: Print und TV - Eine empirische Untersuchung zum Kasuswandel im Gegenwartsdeutschen

Magisterarbeit 2003 101 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die deutsche Gegenwartssprache
2.1 Die Entwicklung der Gegenwartssprache und ihre Definition
2.2 Allgemeine Sprachentwicklungstendenzen der heutigen Gegenwartssprache
2.2.1 Veränderungen im Bereich des Lexikons
2.2.2 Veränderungen im Bereich der Morphologie
2.2.3 Veränderungen im Bereich der Syntax
2.2.4 Phonologische Veränderungen und allgemeine Anmerkungen

3. Die Kasus des Deutschen in ihrer Entwicklung
3.1 Eine allgemeine Einführung zu den Kasus im Deutschen
3.2 Entwicklungstendenzen der Kasus im Gegenwartsdeutschen
3.3 Der Nominativ
3.4 Der Genitiv
3.4.1 Theoretische Grundlagen und seine Erscheinungsformen
3.4.2 Die Entwicklung des Genitivs in der Gegenwartssprache
3.5. Der Dativ
3.5.1 Theoretische Grundlagen und seine Erscheinungsformen
3.5.2 Die Entwicklung des Dativs in der Gegenwartssprache
3.6 Der Akkusativ
3.6.1 Theoretische Grundlagen und seine Erscheinungsformen
3.6.2 Die Entwicklung des Akkusativs in der Gegenwartssprache

4. Die untersuchten Medien
4.1 Unterschiede zwischen geschriebener und gesprochener Sprache
4.1.1 Besonderheiten der Schriftsprache
4.1.2 Das Medium „Zeitung“
4.1.3 Besonderheiten der gesprochenen Sprache
4.1.4 Das Medium „Fernsehen“
4.2 Ein Exkurs: Sprachentwicklung durch den Gebrauch neuer Medien – das Internet

5. Empirische Untersuchung der deutschen Mediensprache anhand von ausgewählten Beispielen
5.1 Fehlerhafter Kasusgebrauch in der Schriftsprache
5.1.1 Beispielsätze Zeitraum September 2002 bis Januar 2003
5.1.1.1 Beispiele des Nominativ-Gebrauchs
5.1.1.1.1 Die Verwendung des Nominativs anstelle des Genitivs
5.1.1.1.2 Die Verwendung des Nominativs anstelle des Dativs
5.1.1.1.3 Die Verwendung des Nominativs anstelle des Akkusativs
5.1.1.2 Beispiele des Genitiv-Gebrauchs
5.1.1.3 Beispiele des Dativ-Gebrauchs
5.1.1.4 Beispiele des Akkusativ-Gebrauchs
5.1.2 Beispielsätze Zeitraum Dezember 1969
5.1.3 Analyse der Beispiele der Schriftsprache
5.2 Fehlerhafter Kasusgebrauch in der gesprochenen Sprache
5.2.1 Beispielsätze Zeitraum Oktober 2002 bis Februar 2003
5.2.1.1 Beispiele des Nominativ-Gebrauchs
5.2.1.2 Beispiele des Dativ-Gebrauchs
5.2.1.3 Beispiele des Akkusativ-Gebrauchs
5.2.2 Stichprobenartige Beispielsätze aus den Jahren 1974-1982
5.2.3 Analyse der Beispiele der gesprochenen Sprache
5.3 Schlußanalyse und Ergebnis

6. Fragebogenuntersuchung zum Kasusgebrauch

7. Resümee

8. Anhang
8.1 Beispielsätze, geschriebene Sprache
8.2 Beispielsätze, gesprochene Sprache
8.3 Fragebogen, blanko
8.4 Fragebogen, Ergebnisse
8.5 Leserbriefe, Zeitungsartikel

9. Bibliographie
9.1 Literatur
9.2 Internet- und Zeitungsquellen, weitere Quellen der Beispiele

1. Einleitung

„Gegen den gerichteten Strom der Sprache kann auf die Dauer niemand schwimmen, der seine Kraft behalten will.“ (Tschirch: 1968, S. 130)

Das einleitende Zitat von Tschirch belegt, daß Sprache lebendig ist und sich im Laufe der Zeit wandelt ebenso wie sie verändert wird. Hiervon sind alle Bereiche der Sprache betroffen, wie auch der Kasusgebrauch im Deutschen, auf den der Fokus der vorliegenden Arbeit gerichtet ist.

Es ist unbestritten und zahlreichen Grammatiken[1] zu entnehmen, daß die reinen Kasusobjekte im Gegenwartsdeutschen seltener werden und daß statt dessen verstärkt Präpositionalgefüge verwendet werden. Da dies hinreichend bekannt ist, wird in der vorliegenden Arbeit darauf verzichtet, Beispiele zu sammeln, die diese Tendenz belegen. Vielmehr werden Veränderungen, „Fehler“[2] und Wandlungen im jeweiligen Kasusgebrauch thematisiert.

Zur Hinführung an das eigentliche Thema „Sprachwandel in den Medien: Print und TV“ speziell in Bezug auf den Kasusgebrauch erfolgt zunächst ein Überblick, wodurch sich die Gegenwartssprache des Deutschen auszeichnet und welche allgemeinen Sprachentwicklungstendenzen zu beobachten sind. Im Anschluß daran wird der Begriff „Kasus“ erläutert, und die vier Kasus des Deutschen werden sowohl in ihrer Erscheinungsform als auch in Bezug auf deren jeweilige Entwicklung detailliert dargestellt. Bevor unterschiedliche Beispiele der deutschen Mediensprache, die Unregelmäßigkeiten im Kasusgebrauch aufweisen, kategorisiert und analysiert werden, findet eine Erörterung der untersuchten Medien, die ebenfalls die jeweiligen Spezifika von geschriebener bzw. gesprochener Sprache thematisiert, statt. Der Schwerpunkt, der in der hier vorgelegten Untersuchung gesammelten Daten, liegt auf der Schriftsprache, da man bei dieser eher „standardsprachlich korrekte“ Formulierungen erwartet. Die Beispiele der gesprochenen Sprache dienen dazu, zu hinterfragen, ob in dieser verstärkt Fehlerquellen zu finden sind, da die gesprochene Sprache immer stärkeren Einfluß auf die Schriftsprache nimmt (vgl. Stedje: 1994, S. 162). Daher müßten erwartungsgemäß die Kasusfehler der geschriebenen Sprache prozentual stärker in der gesprochenen Sprache vertreten sein. Printmedien und Fernsehen wurden als Basis für die Untersuchung gewählt, da Medien die Sprache der jeweiligen Generation widerspiegeln. Zusätzlich wurde ein Vergleich zwischen der Schriftsprache der Vergangenheit (1969) und der Gegenwart und der gesprochenen Sprache im Fernsehen von früher (um 1980) und heute angestrengt, um festzustellen, welche Entwicklungen innerhalb der geschriebenen bzw. gesprochenen Sprache erkennbar sind.

Es ist wichtig hervorzuheben, daß sich die in der vorliegenden Arbeit skizzierte Gegenwartssprache und sämtliche verwendeten Beispiele auf das Standarddeutsche beziehen. Mögliche andere Varianten wie verschiedene Dialekte und Mundarten, in denen manche der als „falsch“ angeführten Beispiele als „richtig“ gelten, werden nicht berücksichtigt.

Auch wenn Polenz (1983, S. 47) anmerkt, daß der Rückgang der Kasusendungen nicht als Zeiterscheinung betrachtet werden darf, sondern eine Entwicklung sei, die seit Jahrhunderten vonstatten geht, wird in der vorliegenden Arbeit die Sprache vor 40 Jahren und heute untersucht und die Ergebnisse werden fixiert. Zu deren Untermauerung wird im Anschluß an die Datenanalyse ein Fragebogen erstellt werden, bei dem Gymnasiasten ihre Sprachkompetenz in Bezug auf den Kasusgebrauch im Deutschen beweisen können.

Es wird an dieser Stelle kein Kapitel geben, das explizit „Forschungsüberblick“ genannt wird. Ansonsten wären Doppelungen und Wiederholungen mit dem nachfolgenden Text nicht zu vermeiden, da die ersten Kapitel ausschließlich auf unterschiedlichen Literaturquellen basieren. Statt dessen sei auf die vier Abschnitte 3.2 „Entwicklungstendenzen der Kasus im Gegenwartsdeutschen“, 3.4.2 „Die Entwicklung des Genitivs in der Gegenwartssprache“, 3.5.2 „Die Entwicklung des Dativs in der Gegenwartssprache“ und 3.6.2 „Die Entwicklung des Akkusativs in der Gegenwartssprache“ verwiesen, in denen allgemeine und spezielle Veränderungen der Kasus detailliert dargestellt werden.

2. Die deutsche Gegenwartssprache

2.1 Die Entwicklung der Gegenwartssprache und ihre Definition

Allein die Existenz des Begriffes „Gegenwartssprache“ impliziert, daß die heutige Sprache eine andere ist als die, die in der Vergangenheit verwendet wurde und eine andere ist als die, die in der Zukunft gebraucht werden wird.

Nach Drosdowski/Henne (1980, S. 620) ist der Beginn der Gegenwartssprache im Jahr 1945 zu sehen. Als Begründung führen die Autoren das Ende des 2. Weltkrieges, die politische Entwicklung in Westdeutschland sowie den Neuaufbau des Pressewesens an. Es gilt allerdings zu berücksichtigen, daß diese Datierung inzwischen 23 Jahre zurückliegt. Dennoch wird dieselbe zeitliche Einordnung auch 1997 von Braun noch bestätigt (vgl. Braun: 1997, S. 1). Die heutige Verwendung des Begriffes Gegenwartssprache grenzt die Sprache vom Ende der Epoche des „Neuhochdeutschen“ ab. Braun (1999, S. 18) schlägt als neue Begriffe zur Kennzeichnung dieser Epoche „Spätneuhochdeutsch“ oder „Postneuhochdeutsch“ vor. Durch viele technologische Entwicklungen besonders in den vergangenen Jahrzehnten, wie z. B. der Einführung des Privatfernsehens in Deutschland, der Erfindung des Computers und somit des Kommunikationsmediums Internet und des Massenmediums Mobiltelefon, ergeben sich insbesondere im lexikalischen Sprachgebrauch Änderungen[3], was zu einer gewissen Zäsur im Lexikon des heutigen Gegenwartsdeutschen führt. Drosdowski und Henne führen an: „Das Moment der Veränderung ist das einzige Konstante an Sprache.“ (1980, S. 621). Die Schwierigkeit liegt darin, den Zeitpunkt festzulegen, zu dem eine Veränderung abgeschlossen ist und sich zum Standard entwickelt hat. Hierzu werden, wie die Definition von Drosdowski/Henne deutlich macht, auch andere weitreichende Veränderungen in einem Land (z. B. politische) verwendet.

Sprache und somit auch die Gegenwartssprache ist lebendig und veränderlich und läßt sich ebenfalls definieren als „die Sprache der jeweils lebenden Generation“ (Eggers: 1973, S. 15).

Die gegebenen Definitionen verdeutlichen nicht, inwiefern sich die heutige Gegenwartssprache vom früheren Sprachgebrauch unterscheidet und wodurch sie sich auszeichnet. Daher wird im folgenden ein kurzer Überblick über die allgemeinen Entwicklungstendenzen[4] der deutschen Gegenwartssprache gegeben.

2.2 Allgemeine Sprachentwicklungstendenzen der heutigen Gegenwartssprache

Der Wandel im Gegenwartsdeutschen bezieht sich auf alle Bereiche der Sprache. Vorrangig betroffen sind die Lexik, die Morphologie und die Syntax (vgl. Haller-Wolf: 1998, S. 246). Jegliche Veränderung, die in Verbindung mit dem Kasusgebrauch steht, wird im Verlauf des Kapitels 3 „Die Kasus des Deutschen in ihrer Entwicklung“ dargestellt. Die folgenden Ausführungen gehen, soweit nicht anders gekennzeichnet, auf Polenz (1999, S. 338ff.) zurück.

2.2.1 Veränderungen im Bereich des Lexikons

Der in der Sprache verwendete Wortschatz, auf dem der Duden basiert, verändert sich. Daher entfallen mit jeder neuen Auflage des Dudens bis dato gelistete Wörter, die vorher schon als „veraltet“ gekennzeichnet waren und neue kommen hinzu (vgl. Braun: 1997, S. 3ff.). Gerade im lexikalischen Bereich sind außersprachliche Ursachen für diese Entwicklung verantwortlich. Dabei lassen sich sowohl wirtschaftliche (z. B. Berufswandel, zunehmende Technisierung, Arbeitslosigkeit) als auch politische (z. B. Teilung und Wiedervereinigung Deutschlands, das Ende des Kalten Krieges) und soziale (z. B. Modifizierung des Familienbildes) Veränderungen nennen, durch die Neologismen geschaffen werden oder Wörter und Phrasen aussterben.

Anglizismen sind verstärkt in der deutschen Sprache zu finden. Einerseits handelt es sich um Lehnwörter, die vollständig in den Sprachgebrauch integriert sind (z. B. „Baby“, „Hobby“; Braun: 1997, S. 5), andererseits um Fachtermini, deren Bedeutung nicht allen Hörern und Lesern verständlich ist. In diesem Zusammenhang ist besonders die Computer-Sprache zu erwähnen mit Begriffen wie z. B. „Browser“, „Homepage“, „booten“ (vgl. Schlobinski: 2001, S. 240). Auch die zunehmende Globalisierung trägt zur Schaffung von Neologismen bei – und dies nicht nur in der Entwicklung der deutschen Gegenwartssprache. Stedje (1994, S. 162) führt hierzu an: „Im Interesse der internationalen Kommunikation werden viele Neuwörter zu Internationalismen, teils Lehnwörter anglo-amerikanischen Ursprungs, teils Neubildungen lateinisch-griechischer Herkunft.“ Als problematisch kann sich in diesem Zusammenhang die rasante Geschwindigkeit, mit der sich einige Begriffe besonders im Bereich der Wirtschaft ausbreiten, erweisen. Ein Großteil der Bevölkerung weiß erfahrungsgemäß Begriffe wie z. B. „Management-Buy-Out“ oder „CEO“ („chief executive officer“) nicht mit Inhalt zu füllen.

Die Standardsprache wird inzwischen durch Fachsprachen stark bereichert. So sind in diesem Zusammenhang nicht nur reine Fachtermini zu nennen, auch einige umgangssprachliche Metaphern sind durch Fachsprachen erst entstanden, wie z. B. „eine lange Leitung haben“ oder „mit Hochdruck arbeiten“ (Stedje: 1994, S. 167).

2.2.2 Veränderungen im Bereich der Morphologie

Im Bereich der Flexion setzen sich Tendenzen, die bereits im 19. und 20. Jahrhundert festzustellen waren, fort. So nimmt der Gebrauch des s-Plurals weiterhin zu und wird „zunehmend als regelhafte Lückenfüllung des deutschen Pluralsystems anerkannt“ (Polenz: 1999, S. 344). Dies wird auch durch zunehmende Anglizismen im deutschen Wortschatz begünstigt, die in ihrer Ursprungssprache den regulären Plural immer mit „ -s “ bilden. Weiter zurück geht dagegen in der Verbflexion die Klasse der starken Verben. Allerdings betrifft dies keine Verben, die sehr häufig gebraucht werden, wie z. B. „gehen“, „kommen“, „nehmen“ etc. Diese Entwicklung ist auch bei der Bildung vieler Imperative festzustellen. In diesem Fall ist ein Wechsel von „ i “ zu „ e “ festzustellen. Hinzu kommt das Phänomen des „Präteritumschwunds“ (Haller-Wolf: 1998, S. 248): die Präteritumform von Verben wird häufig durch die Perfektform ersetzt.

Der Ersatz des Konjunktivs durch umschreibende Bildungen mit „würde“ ist eine Tendenz der deutschen Gegenwartssprache, die viele Sprachkritiker zu „Klage(n) über den ‚Untergang’ des Konjunktivs“ (Polenz: 1999, S. 347) anregen. Häufig wird anstelle des Konjunktivs auch der Indikativ mit zusätzlichen Modalwörtern, die den Grad der Wahrscheinlichkeit anzeigen, verwendet. Durch die Entwicklung im Konjunktiv-Gebrauch der Standardsprache besteht keine Homophonie mehr zwischen Indikativ- und Konjunktivform. Dies erleichtert manchem Hörer das Verständnis. Die allgemeine Akzeptanz der Veränderungen beim Einsatz des Konjunktivs wird dadurch verdeutlicht, daß der Duden Regeln zur Verwendung des Konjunktivs in der indirekten Rede zwischen 1959 und 1995 abbaute (vgl. Glück/Sauer: 1997, S. 64). In den Anfangsjahren (1959) wurde es als Fehler gewertet, wenn in mehreren Gliedsätzen der Konjunktiv nicht beibehalten wurde. 1973 hieß es, daß der Konjunktiv durchgehalten werden „sollte“ und in der Ausgabe von 1995 ist die Regel zu einer Möglichkeit („kann verwendet werden“) geworden.

Im Bereich der Wortbildung ist das Aufkommen von Abkürzungswörtern besonders auffallend (vgl. Polenz: 1999, S. 364). Bei 70-80 % der gebildeten Wörter handelt es sich um Initialkurzwörter, die entweder als normales Wort gesprochen werden (z. B. „UNO“ oder „Agfa“) oder bei denen jeder einzelne Buchstabe für sich ausgesprochen wird (z. B. „SPD“ oder „dpa“). Stedje (1994, S. 173) bezeichnet diese Tendenz als „Aküsprache“ („Abkürzungssprache“). Die neue Schaffung von Abkürzungswörtern ist von Kurzwörtern (wie z. B. „(Regen)Schirm“, „(Schall)Platte“) zu unterscheiden, die als Teil eines längeren Wortes benutzt werden und die es schon seit längerer Zeit gibt.

2.2.3 Veränderungen im Bereich der Syntax

Eine Tendenz, die sich erst im 20. Jahrhundert bemerkbar macht, ist der Nominalisierungsstil. Dies stellte Tschirch schon 1968 fest: „die immer weiter um sich greifende Ersetzung eines Verbums durch eine (für gewöhnlich dreigliedrige) nominale Umschreibung“ (S. 121). Beispiele hierfür sind u. a. „eine Veranstaltung findet statt“ anstelle von „veranstalten“ oder „eine Anweisung geben“ anstatt „anweisen“. Dies ist zu erklären mit einem Anspruch an die Sprache, die der zunehmenden Bürokratisierung und Industrialisierung entsprechen sollte.

Insgesamt ist eine teilweise Annäherung der Schriftsprache an die gesprochene Sprache auffallend (vgl. Stedje: 1994, S. 162). Dies wird besonders bei Kurzsatzformen deutlich, die in Schlagzeilen, der Werbesprache und auf Schildern verwendet werden.

Auch wenn bei den oben genannten Beispielen der nominalen Umschreibung umfangreichere Konstituenten entstanden sind, ist in verschiedenen Untersuchungen zur Satzlänge in diversen Tageszeitungen eine Reduzierung des Satzumfangs und eine Tendenz zur Vereinfachung von Sätzen festgestellt worden (vgl. u. a. Braun: 1993, S. 104ff. oder Sommerfeldt: 1971, S. 208f.). Die Reduzierung ist besonders bei Regional- und Boulevard-Zeitungen zu erkennen. Auch die Anzahl der Nebensätze ist zurückgegangen.

Gerade im Nebensatz-Gebrauch ist eine immer häufiger verwendete Konstruktion zu beobachten: die Verbzweitstellung. Dieses Phänomen ist gerade bei der Konjunktion „weil“ festzustellen, die häufig nicht mehr untergeordnet sondern nebengeordnet eingesetzt wird. Allerdings ist dieser Gebrauch der Verbzweitstellung nicht erst in letzter Zeit in den deutschen Sprachgebrauch gedrungen, wie folgendes Zitat von Haller-Wolf belegt: „In der Sprachgeschichte des Deutschen ist die Verbzweitstellung im Übrigen keine Neuerscheinung, sondern sie war bis ins 16. Jahrhundert allgemein möglich und akzeptiert.“ (1998, S. 246f.). Bei dieser Verwendung der Konjunktion erfolgt beim Sprechen meistens eine kurze Pause, was darauf verweisen mag, daß dieser Gebrauch nach wie vor von der Norm abweicht.

Die von vielen Sprachpflegern als Sprachverfall gescholtene Konstruktion versucht Pflug (1991, S. 137) als „eine Art Balanceakt zwischen Nebenordnung und Begründung“ zu erklären.

Eine Tendenz zur Ausklammerung ist ebenfalls feststellbar. Diese tritt besonders häufig bei trennbaren Verben und längeren präpositionalen Objekten auf. Eine besondere Form der Ausklammerung kommt bisher fast nur in der gesprochenen Sprache vor: Pronominaladverbien werden in Einzelteile zerlegt und in Klammerstellung verwendet, z. B. „da bin ich nicht für“ (vgl. Haller-Wolf: 1998, S. 249).

2.2.4 Phonologische Veränderungen und allgemeine Anmerkungen

Weitere Veränderungen der deutschen Gegenwartssprache sind im Bereich der Aussprache zu finden, welche durch das Medium Fernsehen auch stark beeinflußt wird. So sind aus dem Gebiet der Lautung u. a. die Reduktion des „Schwa“ in Nebensilben zu nennen. Daraus folgt häufig Assimilation, z. B. [ ’ha:bn/’ha:bm/’ha:m ] für „haben“ (Polenz: 1999, S. 342). Eine weitere Veränderung im phonologischen Bereich ist die Artikulation des r-Lautes. Das Zungenspitzen- r geht zugunsten des Zäpfchen- R s weiter zurück. Die Vokalisierung des r am Wortende nimmt hingegen zu. Zum Teil wird es gar nicht mehr realisiert und nur durch Vokaldehnung angezeigt, z. B. „war“ [ va: ]. Auch der Aspekt der Apokopierung, auf den im Zusammenhang mit der Darstellung der einzelnen Kasus im weiteren Verlauf der Arbeit näher eingegangen wird, ist als Sprachentwicklungstendenz anzusprechen.

Als Gründe für die bisher genannten Veränderungen in der Sprache führt Starke (1986, S. 605f. u. 1988, S. 522ff.) folgende Entwicklungstendenzen an: Tendenz der Differenzierung und Spezialisierung, Tendenz der Internationalisierung, Tendenz der Integration und Generalisierung und die Tendenz der Rationalisierung und der Sprachökonomie.

Zur Tendenz der Differenzierung und Spezialisierung wird der Ausbau der Fachsprachen, die ständige Bereicherung des Wortschatzes durch Neologismen, Neuprägungen und Neubedeutungen und der Gebrauch unterschiedlicher Sprachvarietäten gezählt. Die Tendenz der Internationalisierung steht in engem Zusammenhang mit der gerade beschriebenen, geht allerdings noch weiter, da sie in Beziehung zur Geschichte der deutschen Sprache insgesamt steht und alle Einflüsse fremder Sprachen auf das Deutsche berücksichtigt. Bei der Tendenz der Integration und Generalisierung ist vor allem ein Rückgang der Bedeutung der Dialekte zu nennen, sowie eine wachsende Funktionalität der Umgangssprache und deren Einfluß auf die Schriftsprache. Dadurch erfolgt eine allmähliche Annäherung der geschriebenen an die gesprochene Sprache im Satzbau und in der Lexik. Die Tendenz der Rationalisierung und der Sprachökonomie bezieht sich auf Veränderungen, die der Systematisierung und der Vereinfachung des Sprachbaus dienen (insbesondere bei der Bildung und Verwendung grammatischer Formen).

3. Die Kasus des Deutschen in ihrer Entwicklung

3.1 Eine allgemeine Einführung zu den Kasus im Deutschen

In diesem Kapitel werden die einzelnen Kasus des Deutschen (Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ) und die Veränderungen, die im Gebrauch der Kasus zu beobachten sind, detailliert dargestellt. Die Darstellung bezieht sich ausschließlich auf die in der Literatur aufgezeigten Beobachtungen und Analysen. Der Schwerpunkt liegt vorerst auf der Erklärung der Substantiv-Deklination. Falls es erforderlich ist, oder auch, um besondere Schwierigkeiten deutlich werden zu lassen, wird ebenfalls auf die Deklination von Artikeln, Pronomina und Adjektiven[5] eingegangen werden.

Während es im Deutschen heute nur noch vier Kasus gibt, gab es im Indogermanischen noch acht verschiedene Fälle. Aufgrund von Formgleichheit waren diese jedoch nicht immer zu unterscheiden, so daß bereits damals eine Verminderung der Kasuszahl begann (Synkretismus). Ersetzt wurden die weggefallenen Kasus entweder durch andere mit der gleichen Lautung oder es wurden andere sprachliche Hilfsmittel verwendet, um das Gewünschte auszudrücken (vgl. hierzu und dem folgenden: Duden: 1966, S. 175f.). Auch heute noch gibt es im Deutschen einige Deklinationsendungen, die keine eindeutige Bestimmung von Kasus, Genus oder Numerus zulassen (vgl. Abb. 1: „Die Deklinationstypen“, S. 11ff.; z. B. Typ I, Endung -e oder Typ X, Endung -s). Erst durch die Verbindung mit anderen Wortarten (Artikel, Adjektiv, Pronomen) wird die genaue Bestimmung möglich. Anhand dieses Unterschiedes wird deutlich, weswegen man im Deutschen sowohl von einer morphologischen als auch von einer syntaktischen Kasusmarkierung sprechen kann (vgl. Wegener: 1985, S. 45). In einigen Fällen wird lediglich durch die Wortstellung (oder den inhaltlichen Sinn einer Aussage) deutlich, welcher Kasus einem Substantiv zuzuweisen ist. Dies ist z. B. in Sätzen wie den folgenden der Fall: „ Robbi beißt Frau Meier.Frau Meier beißt Robbi.

Im Lateinischen und Russischen verwendet man derzeit sechs verschiedene Kasus, im Finnischen sogar mehr als acht.[6]

Unterscheiden muß man zwischen dem „reinen“ Kasus, auch Flexionskasus genannt, und dem Präpositionalkasus, der durch eine Präposition eingeleitet wird, durch welche konkrete Lage- und Richtungsbezeichnungen möglich sind. Generell wird der Begriff Kasus in der vorliegenden Arbeit im Sinne der traditionellen Grammatik verstanden, d. h. als eine morphologische Kategorie der Nomina, die die syntaktischen Beziehungen im Satz zum Ausdruck bringt (vgl. Helbig: 2000, S. 10).

Durch Rektion[7] wird der zu wählende Kasus eines Substantivs bestimmt. Soweit noch unterschiedliche Deklinationsendungen der Substantive vorhanden sind, sind sie ein wichtiges Mittel, um die Funktion des jeweiligen Kasus im Satz zu verdeutlichen. Wichtig ist es, hierbei zu berücksichtigen, daß es keine 1:1-Beziehung gibt, so daß nicht die Aussage getroffen werden kann, daß Kasus X stets die Satzgliedfunktion[8] Y anzeigt (vgl. Dürscheid: 1999, S. 22).

Vielfach ist bereits eine Auflösung der Flexionsendungen zu erkennen. Dieser Abbau der Kasusformen hat lautgeschichtliche Gründe (vgl. Dürscheid: 1999, S. 15f.). Sowohl beim Übergang vom Alt- zum Mittelhochdeutschen als auch beim Übergang zum Neuhochdeutschen, sowie im Laufe der Zeit, sind Endungsformen verloren gegangen. Auch Dürscheid (ebenso wie Starke, vgl. S. 8f. dieser Arbeit) sieht diese Entwicklung als Folge einer Tendenz zur Sprachökonomie: wird der Kasus bereits durch einen Artikel deutlich, neigen manche Sprecher dazu, auf die Kasusmarkierung am Substantiv zu verzichten.

Zur Veranschaulichung der derzeitigen Deklination der Substantive in den einzelnen Kasus und der Formveränderung, die damit verbunden ist, ist die folgende Abbildung aus der neuesten Auflage des Grammatik-Dudens entnommen worden.

Die Deklinationstypen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Duden: 1998, S. 223f.

Es gibt nur drei verschiedene Formveränderungstypen des Singulars (S1-S3)[9], denen fünf verschiedene Pluralformveränderungen (P1-P5)[10] gegenüberstehen.

Am häufigsten kommen im Deutschen Substantive der Deklinationstypen I, II und IX vor. Auf diese Gruppen entfallen ca. 90 % der Substantive (vgl. Duden: 1998, S. 223).

Im weiteren Verlauf der Arbeit wird im Zusammenhang mit den festgestellten Kasusveränderungen erneut auf die einzelnen Deklinationstypen zurückgegriffen werden.

3.2 Entwicklungstendenzen der Kasus im Gegenwartsdeutschen

Bevor auf die Besonderheiten der jeweiligen Kasus explizit eingegangen wird, folgt ein kurzer Überblick über Aussagen, die die Entwicklungen des gesamten Kasussystems betreffen. Sommerfeldt (1971, S. 212ff.) beobachtete die Entwicklungen der Objektkasus, indem er Lokalzeitungen von 1860 mit Ausgaben von 1960 untersuchte. Hierbei stellte er fest, daß die Kasusobjekte zurückgehen (Genitivobjekte traten, prozentual vom Auftreten aller Objekte gesehen, 1860 zu 1,5 % auf, während sie 1960 nur noch zu 0,6 % vorkamen, Dativobjekte 15,9 % zu 10,9 % und Akkusativobjekte 60,3 % zu 56,2 %), während präpositionale Objekte im Verlauf der 100 Jahre zugenommen haben (1860: 22,2 %; 1960: 32,3 %). Eine besonders starke Zunahme war bei Präpositionalgefügen mit von, mit und zu festgestellt worden. Als Gründe für diesen Zuwachs führt Sommerfeldt an, daß häufiger Angaben über das Ziel getroffen werden wie z. B. suchen nach, warten auf, erziehen zu, daß Bezeichnungen des Urhebers bzw. der Ursache zunehmen wie z. B. gelesen werden von und daß sich präpositionale Objekte auf etwas Ganzes beziehen, auf das sich die Handlung richtet wie z. B. verfügen über, erzählen von. Mehr als 25 Jahre später stellt ebenfalls Sommerfeldt gemeinsam mit Starke (1998, S. 107) fest, daß die Kasuskennzeichnung durch das syntaktische Umfeld in den Vordergrund getreten ist; die Kennzeichnung durch morphematische Mittel hingegen an Bedeutung verliert. Hier findet ein Wechsel der sprachlichen Mittel statt. Des weiteren führen sie aus, daß sich das System der reinen Kasus durch Phänomene wie Synkretismus oder auch durch die Rolle des Artikels bzw. des Kontextes in einem Übergangsstadium befindet.

Drosdowski/Henne (1980, S. 624) belegen ebenfalls anhand verschiedener Beispiele, welche die fortschreitende Nichtkennzeichnung der Kasus beweisen, daß sich die Tendenz, „den Kasus nicht mehr synthetisch durch Endungen am Wortkörper anzuzeigen, sondern analytisch“, ausbreitet. Neben dem sprachökonomischen Aspekt sehen Drosdowski/Henne das Bestreben der Sprecher, bestehende Homonyme zwischen den Kasusendungen und den Pluralendungen zu beseitigen, als weiteren Grund. Auch Eisenberg (1998, S. 152f.) sieht die Tendenz einer Angleichung der Kasusformen. Er führt weiter aus, daß Synkretismen zunächst in dem Bereich des Substantivs stattfinden, der markiert ist, d. h. daß die Kasusmarkierung vor der Markierung des Numerus abgebaut wird (S. 147). Darin sieht er allerdings nicht zwangsläufig einen kompletten Abbau der Kasus im Deutschen. Vielmehr nimmt er insofern einen Wandel wahr, daß der Kasus eines Substantivs eher durch einen begleitenden Artikel als durch das Substantiv selbst markiert wird.

Nachfolgend werden die einzelnen Kasus des Deutschen mit ihren Besonderheiten detailliert beschrieben, um eine theoretische Grundlage für die daran anschließenden erhobenen Daten zu bilden.

3.3 Der Nominativ

Der Nominativ wird zur Vereinfachung für Lernende auch als „Wer-Fall“ oder „1. Fall“ bezeichnet. Generell ist der Nominativ als sogenannter „Casus Rectus“ (gerader Fall) von den anderen Objektkasus zu unterscheiden. Genitiv, Dativ und Akkusativ werden zur Abgrenzung des „Casus Rectus“ auch als „Casus Obliqui“ (schiefer Fall) bezeichnet. Diese Benennungen gehen darauf zurück, daß der Nominativ im Vergleich zu den anderen Kasus das nicht markierte Element darstellt, d. h. daß er üblicherweise im Singular ein Nullmorphem aufweist (vgl. Bußmann: 2002, S. 472). Teilweise gibt es im Nominativ Singular bei einigen Substantiven Doppelformen, welche meist von der schwachen zur starken Deklination übergegangen sind. Eine Erklärung hierfür ist, daß das „ n “ der bisherigen schwachen Deklination in den Nominativ der starken Deklination übergegangen ist, da diese Endung als fester Bestandteil der jeweiligen Wörter empfunden wurde (vgl. Duden: 1998, S. 227f.). Beispiele für dieses Phänomen sind u. a. „ Frieden – Friede “ oder „ Samen – Same “. Nach wie vor sind beide Doppelformen in entsprechenden Rechtschreibbänden gelistet (vgl. z. B. Duden, Die deutsche Rechtschreibung: 2000).

Im Plural kann der Nominativ folgende Endungen aufweisen: -e, -s, -er, -[e]n oder er ist endungslos (vgl. hierzu Abb. 1: „Die Deklinationstypen“, S. 11ff.).

Neben seiner Funktion als Subjekt im Satz, tritt der Nominativ häufig als Prädikativnomen (z. B. Einsteins Ansatz ist doch ein gewaltiger Fortschritt. (Duden: 1998, S. 638) auf.

In der für diese Arbeit verwendeten Literatur wird der Nominativ, insofern er dort erwähnt wird, fast ausschließlich in seinem grammatischen Auftreten erläutert.[11] Es werden so gut wie keine weiteren Aussagen zur potentiellen Entwicklung des Nominativs in Bezug auf einen Kasuswandel getroffen. Starke (1986, S. 606) führt drei Beispiele an, bei denen es inzwischen der Norm entspricht, den Nominativ als Kasus zu wählen, anstatt entsprechend der Syntax des jeweiligen Satzes bzw. der Valenz des Verbs zu deklinieren.[12] Zum einen werden Nominativformen des Gezählten nach Maß- und Mengenangaben verwendet, z. B. mit zwei Eimern heiße(r) Seifenlauge, zum anderen wird die Form des Nominativprädikativs nach reflektiven Verben anstelle des Akkusativs verwendet, z. B. Er betrachtet sich als Held des Tages. Als drittes Beispiel nennt Starke die Verwendung des Nominativs bei artikellosen Substantiven als nachgestellte Apposition, z. B. die Entwicklung eines Landes wie Kampuchea.

Der Nominativ ist der Kasus, der von Veränderungen im Gebrauch bisher am wenigsten betroffen ist. Dies mag damit zusammenhängen, daß ein Substantiv als Subjekt nur im Nominativ stehen kann und es daher keine „Entscheidungsschwierigkeiten“ geben dürfte (wie es bei den verschiedenen Kasus der Objekte der Fall ist), welcher Kasus gewählt wird.

Im Gegensatz zu den nachfolgenden Abschnitten ist dieses Kapitel aufgrund seiner Kürze nicht weiter untergliedert.

3.4 Der Genitiv

3.4.1 Theoretische Grundlagen und seine Erscheinungsformen

Für den Genitiv sind auch die Bezeichnungen „Wes-Fall“ oder „2. Fall“ bekannt. Der Genitiv tritt im Singular[13] mit folgenden Endungen auf: -[e]s, -[e]n oder als Null-Singular (vgl. hierzu Abb. 1: „Die Deklinationstypen“, Typ I, VI und VII, S. 11ff.).

Da sich die Objektkasus einzig beim Singular Typ 1 unterscheiden, wird hier nur auf diesen bei der Darstellung der jeweiligen Kasus eingegangen.

Der Genitiv endet bei Maskulina und Neutra des ersten Typs auf -s oder -es (vgl. hierzu und den folgenden Beispielen: Duden: 1998, S. 224f.). Die Endung -es wird immer verwendet bei Substantiven, die auf -s, -ss [14] , , -x, -z enden (z. B. des Glases, des Überflusses, des Straußes, des Reflexes, des Gewürzes). Hinzu kommen die meisten Substantive, die auf -sch, -tsch und -st enden (z. B. des Busches, des Kitsches, des Zwistes). Die Endung -es wird ebenfalls fast immer gebraucht, wenn ein Genitivattribut vorangestellt wird (z. B. des Tages Hitze), bei einsilbigen Substantiven[15] (z. B. des Tages, des Jahres) und Substantiven, die auf ihrer Endsilbe betont werden (z. B. des Erfolges, des Gemütes) und in Fällen, in denen drei oder mehr Konsonanten aufeinander träfen[16] (z. B. des Hemdes, des Kampfes). Die verkürzte Genitiv-Endung -s wird bei der Substantivierung von Farbadjektiven (z. B. des Grüns), bei Substantiven, deren Endung eine unbetonte Silbe ist (z. B. des Abends, des Vortrags, des Alltags, des Wagens), sowie bei den meisten Substantiven, die auf einen Vokal enden (z. B. des Sofas, des Kinos), verwendet.

Beim Gebrauch des Genitivs gibt es verschiedene Möglichkeiten: ein Substantiv kann im Genitiv als Genitivobjekt, als Adverbialgenitiv oder als Attribut im Satz verwendet werden (vgl. Duden: 1998, S. 221).

Auch nach bestimmten Präpositionen muß ein Substantiv im Genitiv stehen. Präpositionen, die in ihrer Valenz den Genitiv fordern, sind u. a. anläßlich, betreffs, bezüglich, hinsichtlich, ungeachtet, vorbehaltlich.

Das Genitivobjekt, bei dem der Kasus aufgrund der Flexionsform in den meisten Fällen leicht abzulesen ist (vgl. Abb. 1: „Die Deklinationstypen“, S. 11ff.), kommt im Vergleich zu den anderen Objektkasus in der deutschen Gegenwartssprache relativ selten vor. Der Duden (1998, S. 658) gibt folgenden Beispielsatz an: Er wird des Mordes beschuldigt. Verben, die den Genitiv fordern, sind u. a. annehmen, enthalten, entledigen, gedenken, harren, rühmen.

Der Adverbialgenitiv zeichnet sich dadurch aus, daß ein Satzglied zwar im Genitiv steht, sich dieses aber, anders als beim Genitivobjekt, nicht durch ein Pronomen ersetzen läßt. Der Genitiv ist in diesem Fall nicht durch Rektion festgelegt. Dies wird daran deutlich, daß sich die jeweiligen Satzglieder durch Elemente ersetzen lassen, „die nicht im Kasus bestimmt sind“. (Duden: 1998, S. 643). Beispiele hierfür sind u. a.: Eines Abends begegnete sie mir zum ersten Mal. bzw. Da begegnete... oder Meines Erachtens lebt sie hier. bzw. Wahrscheinlich lebt... (Duden: 1998, S. 643).

Ein Beispiel für den Gebrauch des Genitivs als Attribut ist ein Satz wie z. B. Er gedenkt seiner Oma, einer liebevollen Frau, jeden Sonntag. Geläufigere Attribute sind Beispiele wie z. B. das Land des Lächelns (vgl. Eisenberg: 1999, S. 241).

3.4.2 Die Entwicklung des Genitivs in der Gegenwartssprache

Der Genitiv ist der Kasus, dessen Gebrauch, dem öffentlichen Sprachbewußtsein nach, seit dem 19. Jahrhundert am stärksten zurückgeht und statt dessen durch Nullflexion, den Dativ oder durch Präpositionen ersetzt wird (vgl. Polenz: 1999, S. 345). Tatsächlich ist im Zusammenhang mit der Verwendung des Genitivs eine Veränderung zu erkennen, allerdings muß hierbei unterschieden werden zwischen dem reinen Genitiv, der für manche Sprecher und Hörer heute veraltet klingt (z. B. sich einer Sache erinnern), und dem Genitiv als Attributkasus (z. B. das Auto meines Freundes) oder der Verwendung des Genitivs bei „neueren“ Präpositionen[17] (z. B. angesichts des schlechten Wetters).

Der Objektsgenitiv ist in der deutschen Sprache seltener geworden und spielt in der Gegenwartssprache nur noch eine untergeordnete Rolle (vgl. hierzu und dem folgenden Drosdowski: 1997, S. 17f.). Nur wenige Verben fordern in ihrer Valenz heute noch den Genitiv. Häufig wird heutzutage daher das ursprüngliche Genitivobjekt durch ein Akkusativobjekt ersetzt, wie z. B. in dem Satz: Er vergaß seine Pflichten. im Vergleich zu früher: Er vergaß seiner Pflichten. Als Gründe für diesen Übergang führt Ogawa (1998, S. 313) die „geschichtlich geänderten Bedingungen zur Akkusativzuweisung“ an. Der „seltenere“ Wechsel von einem Genitivobjekt zu einem Dativobjekt, liegt nach Ogawa darin begründet, daß die syntaktischen Strukturen dieser Objekte einen solchen Übergangsprozeß nur schwer ermöglichen.

Kolvenbach (1973, S. 125f.) führt an, daß es nicht zwangsläufig mit einer „Abneigung“ gegen den Kasus Genitiv zu werten ist, wenn ein Genitivobjekt durch Präpositionalobjekte ersetzt wird. Ihrer Ansicht nach erfolgt in Sätzen wie z. B. Er rühmte sich seiner Taten. – Er rühmte sich wegen seiner Taten. und Er klagte ihn des Diebstahls an. – Er klagte ihn wegen des Diebstahls an. die Verwendung der Präposition „ wegen “ aufgrund des Bemühens, größere Exaktheit und eine explizitere Angabe der zwischen den Satzgliedern bestehenden Relationen zu zeigen. Da die Präposition „ wegen “ den Genitiv fordert[18], bleibt der Kasus selbst, auch bei der Umwandlung in ein Präpositionalobjekt, bestehen. Drosdowski (1997, S. 18f.) hingegen nennt verschiedene Beispiele, bei denen der Genitiv durch ein Präpositionalgefüge ersetzt wird. Diese Beispiele beziehen sich sowohl auf den besitzanzeigenden Genitiv (z. B. die Museen von München anstelle von die Museen Münchens) als auch auf den Genitivus partitivus (z. B. ein Strauß aus duftendem Flieder anstelle von ein Strauß duftenden Flieders).

Bezüglich der Präposition „ wegen “ ist derzeit zu beobachten, daß sowohl Formulierungen wie „ wegen Umbau geschlossen “ als auch „ wegen Umbaus geschlossen “ zu finden sind (vgl. Clyne: 1995, S. 179).

Hentschel (1993, S. 320ff.) untersuchte speziell die Kasusmarkierung bei partitiven Genitiv-Attributen, indem sie Muttersprachlern des Deutschen einen Fragebogen vorlegte, bei dem die Attribute nach dem eigenen Sprachempfinden ergänzt werden mußten. Das Ergebnis unter Berücksichtigung der Tatsache, daß ein Rückgang des Genitiv-Gebrauchs festzustellen ist, überrascht: es gab keine Neigung zur „Bevorzugung eines bestimmten Kasus“ (Hentschel: 1993, S. 331) anstelle des Genitivs. Statt dessen waren verschiedene Tendenzen feststellbar, u. a. die, daß bei den partitiven Genitiv-Attributen im Plural der Genitiv bevorzugt verwendet wurde.

Einen Denkanstoß über den korrekten Gebrauch des Genitivs, zu weiteren Präpositionen mit schwankender Rektion (z. B. ab, dank, laut, trotz) und der Verwendung des falschen Kasus gibt eine Glosse der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ mit dem Titel „Des Genitivs und dem Dativ auch“ (vgl. Wermelskirchen: 1999, S. 111f.). Wermelskirchen erläutert, daß der Genitiv bei den Präpositionen „ wegen “ und „ dank “ von vielen verwendet wird, um die eigene Sprachkompetenz aufzuwerten. Übertragen wird dies dann auf Präpositionen, die in ihrer Valenz den Dativ fordern, z. B. „ entsprechend “ oder „ gegenüber “. So zitiert er die Werbung eines Sportstudios, das *„ gegenüber des Schloßparks “ liegt oder einen Reiseprospekt, in dem sich ein Hotel *„ nahe des Palmenstrands “ befindet. Auch Di Meola (1999, S. 344ff.) beobachtete das Problem des „falschen” Genitiv-Gebrauchs. Er untersuchte in diesem Zusammenhang die Dativpräpositionen entgegen, nahe, entsprechend und gemäß. Seine Ergebnisse zeigen, daß sich in Poststellung der Adposition stets der Dativ findet, während bei Prästellung auch der Genitiv gewählt wird. Dieser wird als „neuer Genitiv“ bezeichnet. Es wird allerdings keine Begründung geliefert, weswegen der Rektionswechsel stattfindet.

Eine Entwicklung, die 1971 von Mackensen schon stark kritisiert wurde, scheint inzwischen weitgehend anerkannt zu sein. So prangert Mackensen die „Leugnung einer Genitivbildung bei Namen und Titeln“ (S. 152) an, welche er nur akzeptiert, wenn die Eigennamen in Anführungszeichen gesetzt werden. Als Beispiel nennt er die Formulierung: „ die Bilder des ‚Spiegel’ “, welche in der gesprochenen Sprache dekliniert werden müßte („ die Bilder des Spiegels “). Der Duden (vgl. Duden: 1998, S. 243f.) merkt diesbezüglich an, daß Eigennamen (hier: Personennamen), insofern sie durch Begleitwörter (z. B. Artikel oder Pronomen) in ihrem Kasus bestimmbar sind, meist ungebeugt bleiben, wie z. B. „ die Verehrung des heiligen Joseph “ oder „ die Erkrankung unseres Lothar “. Rowley (1988, S. 59f.) führt in diesem Zusammenhang ein Beispiel aus dem Verlagswesen an: Der Diogenes-Verlag veröffentlichte einen bekannten Roman Goethes, ohne den Eigennamen zu deklinieren: „ Die Leiden des jungen Werther[19]. Allerdings, und dies gibt der über 30 Jahre alten Kritik von Mackensen recht, fordert der Duden (vgl. 1998, S. 250f.) auch dann die Beugung von Straßennamen, Gebäuden, Zeitschriften u. ä., wenn die jeweiligen Begriffe in Anführungszeichen stehen. Demnach muß es nach wie vor heißen: „ die Bilder des ‚Spiegels’ “. Schwankungen, ob mit Genitiv -s dekliniert wird oder statt dessen ein Null-Allomorph verwendet wird, gibt es in dem Bereich, in welchem nicht eindeutig geklärt ist, ob ein Name noch als Personenname gilt oder ob er bereits zu einer Gattungsbezeichnung geworden ist. Beispiele hierfür sind u. a. des Duden[s] oder des Ohm[s]. Entscheidet man sich dafür, den Namen als Gattungsbezeichnung zu sehen, muß dekliniert werden.

[...]


[1] Vgl. hierzu u. a. Sommerfeldt/Starke (1998, S. 106f.) oder die Ausführungen im Grammatik-Duden (1998, S. 221).

[2] Auch wenn weitestgehend vermieden wird, Begriffe wie „Fehler“, „richtig“ oder „falsch“ zu verwenden, läßt sich in manchen Fällen eine solche Klassifizierung nicht vermeiden. Hierdurch soll nicht ausgedrückt werden, daß derjenige, der nicht der Norm entsprechende Äußerungen produziert, „falsch“ schreibt oder spricht. Es ist jedoch erforderlich, eine Norm anzusetzen. Hierfür wurde der Duden als Grundlage genommen, da dieser die Standardgrammatik der deutschen Sprache darstellt (zu beachten ist, daß es andere Auffassungen geben mag, aber da ein „Richtwerk“ notwendig ist, habe ich mich für den Duden entschieden). Die umfangreiche Grammatik von Eisenberg (1998, 1999) wurde als Hintergrundquelle verwendet; die Darstellung der Normen und Regeln bezieht sich allerdings auf den Duden.

[3] Anmerkungen, welche Änderungen dies sind, finden sich in Kap. 2.2.1 „Veränderungen im Bereich des Lexikons“, S. 4f.

[4] Braun (1993) unterscheidet in diesem Zusammenhang die Begriffe „Veränderung“, „Entwicklung“ und „Tendenz“. Diese Differenzierung wird in der vorliegenden Arbeit nicht vorgenommen. Ich möchte obige Begriffe verstanden wissen als „in der Sprache wahrnehmbaren Wandel“ – unabhängig davon, ob dieser sich zur Norm entwickelt oder verkümmert.

[5] Da deren Deklination kongruent zur Substantivdeklination erfolgt und die detaillierte Auflistung der einzelnen Flexionsendungen sehr umfangreich wäre und somit den Rahmen der Arbeit übersteigen würde, wird hier auf die Einzeldarstellung verzichtet.

[6] Zu berücksichtigen gilt hierbei, daß das Lateinische inzwischen eine sogenannte „tote“ Sprache ist und nur noch gelehrt und gelernt, aber nicht mehr gesprochen wird. Daher ist hier keine gravierende Veränderung der Sprache wahrscheinlich, so daß sich die Anzahl der sechs vorhandenen Kasus nicht verringern wird.

[7] Rektion ist die „lexemspezifische Eigenschaft von Verben, Adjektiven, Präpositionen oder Substantiven, die die morphologische Kategorie (insbesondere den Kasus) abhängiger Elemente bestimmt.“ (Bußmann: 2002, S. 559).

[8] Weitere Ausführungen zu den syntaktischen Funktionen, die die Kasus des Deutschen einnehmen können, finden sich in dem Kapitel, in dem der jeweilige Kasus dargestellt wird.

[9] Es gibt Substantive, die bezüglich ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Deklinationsklasse schwanken (vgl. Duden: 1998, S. 228f.). Hierzu gehören Substantive wie z. B. „der Bär“ – „des Bären“ oder „des Bärs“, „der Spatz“ – „des Spatzes“ oder „des Spatzen“. Da Substantive mit „schwankender“ Deklination im weiteren Verlauf der Arbeit keine Rolle spielen, wird hierauf nicht detaillierter eingegangen.

[10] Da sich die Pluraldeklination der deutschen Substantive als sehr komplex erweist, und es einige Doppelformen, Schwankungen und umgangssprachliche Besonderheiten zu berück-sichtigen gilt, wird diese nur im Zusammenhang mit späteren Beispielsätzen beachtet und nicht im Rahmen der Kapitel zu den jeweiligen Kasus im einzelnen dargestellt.

[11] Einzig Valentin (1998, S. 115ff.) beschäftigt sich darüber hinausgehend mit diesem Kasus. Sein Aufsatz behandelt das Thema „Zur Semantik des Nominativs“.

[12] Zu berücksichtigen sind hierzu auch die Ausführungen meiner Arbeit zu den Veränderungen innerhalb der jeweiligen Objektkasus, da Starkes Beispiele sich auf Fälle beziehen, in denen der Nominativ anstelle eines anderen Kasus gewählt wird. Somit weisen die genannten Beispiele gleichzeitig auf einen Kasusabbau der „ersetzten“ Kasus hin.

[13] Die Endungen der Pluraltypen unterscheiden sich bei Nominativ, Genitiv und Akkusativ nicht (vgl. Abb. 1: „Die Deklinationstypen“, S. 11ff.). Daher wird darauf verzichtet, die jeweiligen Endungen in diesem Kapitel detailliert aufzulisten.

[14] Diese Endung kommt nur bei Verwendung der „Neuen deutschen Rechtschreibung“ vor.

[15] Hier besteht allerdings die Tendenz, nur noch die Endung -s zu verwenden, da das „ e “ nicht obligatorisch ist.

[16] In diesem Fall wird die Endung -es zur Ausspracheerleichterung gewählt.

[17] Zu neueren Präpositionen gehören nach Bußmann (2002, S. 530) Präpositionen wie z. B. „ angesichts “, „ trotz “, „ unweit “, „ entsprechend “.

[18] Auch nach der neuesten Auflage des Grammatik-Dudens (1998, S. 392) ist die Verwendung von „ wegen+ Dativ der Umgangssprache zuzuordnen, es sei denn, beim folgenden pluralischen Substantiv handelt es sich um ein Substantiv des Deklinationstyps I, dem kein bestimmter Artikel oder ein gebeugtes Attribut vorausgeht, durch dessen Endung der Kasus Genitiv deutlich würde. In diesem Fall schreibt der Duden nach „ wegen “ den Dativ vor (vgl. Duden: 1998, S. 395f.).

[19] Dieses Beispiel, allerdings mit s -Deklination, führte Große 1971 noch dafür an, daß Fälle des s -losen Genitivs bei Eigennamen Ausnahmefälle seien, „denen keine Tendenz innewohnt“ (S. 14).

Details

Seiten
101
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638221627
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v17638
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal – Geistes- und Kulturwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Sprachwandel Medien Print Eine Untersuchung Kasuswandel Gegenwartsdeutschen

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Titel: Sprachwandel in den Medien: Print und TV - Eine empirische Untersuchung zum Kasuswandel im Gegenwartsdeutschen