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Diversität durch Diffusion

Die Prinzipien der Weltkultur als Venezuelas Instrument zur Emanzipation vom Westen?

Wissenschaftlicher Aufsatz 2011 34 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Globalisierung, pol. Ökonomie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

1. Einleitung

2. Theoretischer Rahmen
2.1 Vorbemerkung
2.2 Grundlagen und Begrifflichkeiten des Neo-Institutionalismus
2.3 Der „hypocrisy“-Ansatz Nils Brunssons
2.4 Zwischenfazit

3. Die weltpolitische Rolle Venezuelas
3.1 Politische Ausgangslage
3.2 Analyse

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

Abstract

Indem der venezolanische Präsident Hugo Chávez und seine linksgerichtete Regierung sich auf Prinzipien wie kulturelle Selbstbestimmung und nationalstaatliche Souveränität berufen, um damit vor allem gegen die amerikanische Außenpolitik und das liberale Wirtschaftsmodell zu argumentieren, nutzen sie gezielt westliche Institutionen, um sich auf ihrer Basis vom Westen abzugrenzen. Aus politikwissenschaftlicher und soziologischer Perspektive ergibt sich daraus die scheinbar paradoxe Erkenntnis, dass die die vielfältigen Dimensionen dessen, was man als Globalisierung bezeichnet, zwar einerseits Diffusion zur Folge haben, dass die sich daraus institutionalisierte und institutionalisierende Weltkultur jedoch zugleich in zunehmender Weise Diversität und somit Homogenisierung eine neue Heterogenisierung ermöglicht.

1. Einleitung

Wenn man fragt, welche Staaten und weltpolitischen Akteure sich bei der Artikulation von Kritik an Entwicklungen der Globalisierung und der Politik der USA, die insbesondere deren wirtschaftspolitische Dimension seit Ende des Kalten Krieges stark vorangetrieben haben, am lautesten hervortun, so muss die Antwort in jedem Falle auch Venezuela bzw. den venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez enthalten. Der sozialistische Politiker und seine Regierung, die sich in ihrer Selbstdarstellung in die Tradition des Unabhängigkeitskämpfers Simon Bolivar stellt, treten dabei nicht nur besonders exponiert und zuweilen aggressiv-polemisch auf, sondern sie koppeln diese anti-westliche Rhetorik auch an die aktiv verfolgte Zielsetzung einer „multipolaren Weltordnung“, die die vermeintliche Hegemonie der Supermacht USA zunächst im Raum Südamerika und schließlich weltweit beenden soll. Was sie aber ebenfalls verfolgen, ist die Anwendung einer besonders ambivalent erscheinenden politischen Strategie.

In dieser Arbeit wird zu zeigen sein, dass ein zentraler Bestandteil der venezolanischen Argumentation der Verweis auf die Prinzipien des kulturellen Selbstbestimmungsrechts und der nationalstaatlichen Souveränität ist. Diese Prinzipien dienen als Legitimation für eine Politik, die sich gegen eine weltwirtschaftliche Liberalisierung und Globalisierung richtet und zugleich jeder Einmischung der Vereinigten Staaten oder Europas nicht nur in die Belange Venezuelas, sondern auch in die von mit Venezuela befreundeten Staaten entgegentritt.

Diese Tatsache sagt mehr über die Struktur der Weltgesellschaft aus, als es auf den ersten Blick scheint. Der Soziologe John W. Meyer und seine Kollegen in Stanford haben mittels ihres „world polity“-Ansatzes die Theorie einer Weltkultur aufgestellt, die sich durch bestimmte zentrale soziale, wirtschaftliche und politische Institutionen, Werte und Prinzipien westlichen Ursprungs auszeichnet, welche sich über die Welt ausgebreitet haben (vgl. Meyer 2005). So wie das, was mit der Globalisierung assoziiert wird, zweifellos ein Teil dieses Diffusionsprozesses ist, so zählen auch kulturelle Selbstbestimmung (Meyer / Boli / Thomas / Ramirez 2005: 125) sowie Nationalstaatlichkeit und Souveränität (ebd.: 105 ff.) zweifellos zu den wichtigsten Institutionen der Weltkultur. Aus diesen Feststellungen ergibt sich nun die interessante Frage, ob es nicht gerade die „Verwestlichung“ ist, die ihren Gegnern das politische und semantische Rüstzeug liefert, um eben diese bekämpfen zu können. Ist die Weltkultur innerlich so zerrissen, so widersprüchlich, dass sie gerade durch die sie generierenden Diffusionsprozesse erst Differenzierung ermöglicht? Diese Frage wurde anhand des empirischen Beispiels Venezuelas untersucht. Gegenstand der Forschung war hierbei einerseits das neo-institutionalistische Theoriegebäude, bei welchem ich den Fokus insbesondere auf die Perspektive auf derlei institutionelle Widersprüche gelegt habe, und andererseits die politische Rhetorik der venezolanischen Regierung, welche ich anhand von Beispielen aus der aktuellen Literatur zur jüngeren venezolanischen Geschichte, journalistischen Quellen, UN-Länderprofilen sowie Publikationen der venezolanischen Botschaft in Deutschland untersucht habe.

Der erste Teil der Arbeit wird sich der Beschreibung des theoretischen Rahmens und der Erkundung der oben beschriebenen Problematik widmen. Im zweiten Teil wird es um die empirische Untersuchung des Falls Venezuela und deren Auswertung aus einer neo-institutionalistischen Forschungsperspektive heraus gehen. Im dritten Teil werden in einem Fazit Rückschlüsse gezogen auf die Frage der Beschaffenheit der Weltkultur (und damit auch den neo-institutionalistischen Ansatz selbst), um schließlich etwaige Konsequenzen für den sozialwissenschaftlichen Diskurs über Weltgesellschaft zu erörtern.

2. Theoretischer Rahmen

2.1 Vorbemerkung

Das neo-institutionalistische Theoriegebäude ist keine einheitliche, in sich geschlossene oder immer konsistente Theorie, sondern ein Theoriegebäude mit einer Fülle von verschiedenen Ansätzen. Relevant für diese Arbeit ist insbesondere der „world polity“-Ansatz von John W. Meyer, in dessen Rahmen die Weltkultur-These vertreten wird und der die Global-Governance-Debatte erheblich erweitert hat. Relevant sind nicht zuletzt auch die Arbeiten von Walter Powell und Paul DiMaggio (1991) über Isomorphie und ihr Zustandekommen sowie von Nils Brunsson (1989) über organisationale Heuchelei.

2.2 Grundlagen und Begrifflichkeiten des Neo-Institutionalismus

Zentrale Begriffe einer Forschung, die sich mit der Konstitution der Weltkultur befassen will, sind Institution und Institutionalisierung. Der Begriff der Institution bezeichnet „kulturelle Regeln, die bestimmten Einheiten und Handlungen kollektiven Sinn und Wert verleihen und sie in einen größeren Rahmen integrieren“ (Meyer / Boli / Thomas 2005: 18). Institutionen leisten also Integrationsarbeit für die Weltgesellschaft, indem sie ihr Sinn verleihen und somit zu einer zunehmend global entfalteten Weltkultur transformieren. Diese Entwicklung lässt sich als Institutionalisierung bezeichnen, welche wiederum definiert wird als „Prozeß, durch den bestimmte Einheiten und Handlungsmuster normative und kognitive Gültigkeit erlangen und praktisch als Selbstverständlichkeiten und Gesetzmäßigkeiten akzeptiert werden“ (ebd.: 18). Von besonderer Relevanz ist an diesem Punkt auch die Abgrenzung zu Ansätzen, die einer Rational-Choice-Perspektive entstammen. Bei Akteuren im neo-institutionalistischen Sinne handelt es sich um soziale Konstruktionen, die sich auf verschiedene Art und Weise manifestieren können und erst durch die entsprechende Zurechnung (Individuum, Organisation, Staat etc.) zum Akteur werden. Handlung ist dementsprechend definiert als „Inszenierung übergreifender institutioneller Drehbücher und nicht das Produkt intern erzeugter, autonomer Entscheidungen, Motive und Zwecke“ (ebd.: 18). Grundlegende Prämissen der westlichen Hemisphäre wie Individualität und das daraus folgende Recht auf Selbstbestimmung, das schließlich auch auf die Makro-Ebene projiziert wurde im Sinne des Rechtes einer Kultur, Ethnie oder Nation auf Selbstbestimmung, sind demnach nicht ontologische Gegebenheiten, sondern soziale Konstruktionen, die, inzwischen auf globaler Ebene, eine Institutionalisierung erfahren haben. Dadurch zu einem entscheidenden Element der Weltkultur geworden, determinieren sie das Handeln von Menschen, Organisationen und Staaten. Diese Prämisse wird im empirischen Teil dieser Arbeit von hoher Relevanz sein. Sie sollte allerdings nicht zu dem falschen Schluss führen, die Weltkultur sei ein starres Gebilde voller unbeweglicher und statischer Institutionen. Stattdessen ist alles konstant im Fluss: Institutionen prägen ihrerseits neue Institutionen und tragen ihrerseits zum Vorgang sozialer Konstruktion und Diffusion bei (nicht selten über Organisationen). Institutionen sind zwar für gewöhnlich gekennzeichnet durch das nicht mehr geschehende Hinterfragen sozialer Beziehungen und Handlungen (vgl. Walgenbach 2002: 320 f.; Walgenbach / Meyer 2008: 180), dies kann sich jedoch in dem Moment ändern, in dem etwaige Widersprüche von zwei oder mehr Institutionen sichtbar werden oder offen zu Tage treten. Näheres werde ich dazu später noch ausführen.

Die sich global vollziehende Herausbildung der Weltkultur ist von Isomorphie („Strukturähnlichkeit“) gekennzeichnet: „Das theoretische Konzept, mit dem der Prozeß der Homogenisierung gefaßt wird, ist das des Isomorphismus. Isomorphismus meint den Prozeß, der eine Einheit in einer Population dazu bewegt, sich anderen Einheiten anzugleichen, die mit den gleichen Umweltbedingungen konfrontiert sind“ (Hawley 1968, zitiert in Walgenbach 2002: 334; Hervorhebungen vom Autor entfernt). Eine solche Homogenisierung mit der Folge von Institutionalisierung und damit schließlich Isomorphie kann sich auf drei verschiedene Arten vollziehen, wie Paul J. DiMaggio und Walter W. Powell (vgl. 1991 a: 67 ff.) erforscht haben: Über Zwang, mimetische Prozesse (Imitation) oder normativen Druck. Bei der Kategorisierung der drei Mechanismen der Institutionalisierung handelt es sich um ein organisationssoziologisches Modell der neo-institutionalistischen Theorie, das nicht zwingend im Zusammenhang mit Meyers „world polity“-Ansatz gesehen werden muss. Da jedoch auch bei der Projektion der neo-institutionalistichen Theorie auf die Global-Governance-Debatte und im „world polity“-Ansatz Internationale Organisationen und NGOs als Agenten der Weltkultur und ihrer Institutionalisierungsprozesse von sehr hoher Relevanz sind, sollte an dieser Stelle nicht darauf verzichtet werden, die Konzeption noch einmal genauer darzustellen.

Was mit Zwang als Mechanismus gemeint ist, sollte leicht deutlich werden. Isomorphie entsteht durch Zwang, wenn die betreffende Organisation, oder allgemeiner, der betreffende Akteur keine Alternative hat, als den Erwartungen seiner Umwelt gerecht zu werden, ohne dadurch erhebliche negative Sanktionen in Kauf nehmen zu müssen. Maßgebliche Institutionalisierungsmechanismen, die in diese Kategorie fallen, sind demnach insbesondere Gesetze (vgl. Powell 1991: 188), auf internationaler Ebene können darunter auch Resolutionen und Sanktionen etwa der UN verstanden werden oder die Konditionspolitik der Weltbank, mit der Entwicklungsländer vor die Wahl gestellt werden, entweder die verlangten Reformen durchzuführen, oder aber erhebliche finanzielle Nachteile in Kauf nehmen zu müssen. Neben äquivalenten Mechanismen in anderen gesellschaftlichen Funktionssystemen wie etwa der Wirtschaft, in der ein Konzern auch sein Tochterunternehmen zu etwas „zwingen“ kann, fallen unter Zwang auch allgemeine „kulturell bedingte Erwartungen in einer Gesellschaft“ (Walgenbach 2002: 334; Hervorhebungen vom Autor entfernt), die nicht unbedingt im Recht manifestiert sein müssen, aber den Charakter einer sozialen Norm annehmen können, deren Nichtbeachtung sozial sanktioniert werden kann. Zwang als ein Mechanismus zur Herstellung von Isomorphie ist eine analytische Kategorie, die unter Neo-Institutionalisten nicht unumstritten ist: So nimmt etwa Lynne G. Zucker, Vertreterin des mikrosoziologischen Ansatzes innerhalb der Theorie, an, dass Zwang vielmehr ein Mechanismus zur Deinstitutionalisierung sei und begründet dies damit, dass die Notwendigkeit, ein bestimmtes Ziel mittels rechtlicher Bestimmung und daher Androhung negativer Sanktion durchzusetzen, darauf hinweise, dass ansonsten letztlich auch immer andere Handlungsoptionen möglich gewesen wären, weswegen man hier gerade nicht von einer Institutionalisierung einer Norm ausgehen könne (vgl. Zucker 1991: 83 ff.). Die betreffende theorieinterne Debatte soll an dieser Stelle nicht nochmals wiederholt werden; es sei allerdings in aller Kürze darauf hingewiesen, dass die Einschätzung Zuckers in der Konsequenz ein sehr „enges“ Verständnis von Institutionen voraussetzt – nämlich, dass diese prinzipiell unhinterfragt sein und bleiben müssten. Dieser Position möchte ich mich nicht anschließen; allein die Tatsache, dass Institutionen sich gegenseitig widersprechen können, wie diese Arbeit zeigen wird, ermöglicht es Organisationen wie auch Personen, die jeweils andere, der positiv bewerteten Norm in Konkurrenz gegenüberstehende Institution auch hinterfragen zu können. Wer etwa dem Prinzip universal geltender Menschenrechte anhängt, wird irgendwann automatisch dazu kommen, das Prinzip staatlicher Souveränität in einem inneren Abwägungsprozess mindestens zu hinterfragen. Gleiches gilt natürlich auch umgekehrt.

Institutionalisierung durch mimetische Prozesse bezeichnet den Vorgang der Imitation. Dies tritt für gewöhnlich ein, wenn Organisationen Elemente ihrer Umwelt aufgreifen, die sich dort zuvor bereits, tatsächlich oder nur scheinbar, als vorteilhaft oder gewinnbringend erwiesen haben und deswegen mit der Spekulation auf eigenen Nutzen kopiert werden. Besonders Akteure, die in großer Unsicherheit agieren müssen, sind auf Mechanismen wie diese angewiesen (vgl. Hasse / Krücken 2005: 26) und müssen konstant nach Fixpunkten suchen, die als Orientierung dienen können: „Je uneindeutiger die Ziele der Organisation sind, und je mehr Unsicherheit von der Umwelt ausgeht, um so stärker ist das Ausmaß, in dem Organisationen ihre Strukturen und Prozesse nach dem Vorbild solcher Organisationen gestalten, die als erfolgreich wahrgenommen werden“ (Walgenbach 2002: 335).

Der dritte Mechanismus, normativer Druck, enthält Elemente der beiden anderen. Mit ihm wird der Druck zur Professionalisierung beschrieben, denen Organisationen unterliegen, wenn sie in einem Feld operieren, indem Qualifikation über gemeinsame Standards gemessen wird. Dadurch wird Berechenbarkeit, Expertise und Vergleichbarkeit gewährleistet und damit Legitimität geschaffen: „We interpret professionalization as the collective struggle of members of an occupation to define the conditions and methods of their work, to control „the production of producers“ (...) and to establish a cognitive base and legitimation for their occupational autonomy“ (DiMaggio / Powell 1991 a: 70). Wichtige, prägende Organisationen im Zusammenhang mit diesem Mechanismus sind vor allem Ausbildungsinstitute und Universitäten, die definieren, was in einem bestimmten Bereich „Qualifikation“ bedeutet und die die Aufgabe haben, Personen zu professionalisieren. Gerade innerhalb der letzten Jahre lässt sich dieser Prozess in verschiedensten Bereichen global beobachten: Standardisierung ermöglicht Globalisierung, indem sie die Voraussetzungen dafür schafft, Vergleiche anzustellen und Differenzen zu registrieren, und damit die Welt erst global beobachtbar macht. Die damit entstandenen, global homogenen Beobachtungsmaßstäbe und –kriterien schaffen zugleich eine Art gemeinsamen „bias“, der von den Prinzipien und Institutionen der Weltkultur geprägt ist. Damit schließlich gelingt es dieser, sich von nun an selbst zu reproduzieren. Mit dieser Feststellung wird deutlich, dass es sich bei normativem Druck um einen sehr entscheidenden Institutionalisierungsmechanismus handelt, der nicht zuletzt etwa bei der Rationalisierung und Schaffung von Nationalstaatlichkeit seine Wirkung entfaltet und sich somit als höchst prägend für die Struktur der Weltgesellschaft erwiesen hat.

Es sollte hinzugefügt werden, dass es sich bei den drei genannten Kategorien um eine analytische Unterscheidung handelt. Alle drei Mechanismen können sich auch in Kombination entfalten oder sich gegenseitig begünstigen: So ist etwa denkbar, dass eine Regierung, die beobachtet hat, dass eine bestimmte Institution kopiert wird, weil sie für die betreffenden Akteure vorteilhafte Wirkungen entfaltet, beschließt, diese per Gesetzgebung zu verankern, woraus letztlich der Mechanismus des Zwangs hervorgeht. Ebenso ist die Vorstellung möglich, dass ein normativer Druck einen politischen Akteur dazu veranlasst, etwa Standardisierungen gesetzlich festzulegen. Gleichzeitig können auch Imitation und normativer Druck miteinander einher gehen, wenn man etwa bedenkt, dass die Imitationsprozesse der Mehrheit der Organisationen eines bestimmten Feldes letztlich zu einem normativen Druck auch für die übrige Minderheit führen kann. Die Kombination der drei Mechanismen ist insofern eher die Regel als die Ausnahme.

Eine der wichtigsten Qualitäten des neo-institutionalistischen Ansatzes ist die Unterscheidung zwischen einer strukturell-materiellen Ebene einerseits und einer semantisch-formalen Ebene andererseits, welche miteinander gekoppelt oder entkoppelt sein können (vgl. Meyer / Rowan 1991: 57 f.). Zahlreiche Organisationen erreichen ihre Legitimation gegenüber der Umwelt nicht, indem sie tatsächlich immer rationale Kriterien befolgen, sondern – und hier liegt eine wichtige Differenz zur Theorie Webers (vgl. Hasse / Krücken 2005: 22) – in vielen Fällen ihre Rationalität lediglich auf der semantisch-formalen Ebene darstellen, diese Selbstdarstellung aber auf der strukturell-materiellen Ebene nicht selten unterlaufen: Beide Ebenen sind in diesem Fall also voneinander entkoppelt. Dies provoziert im Alltag zwar oft genug Kritik, ist aber auch wichtige Bedingung für Handlungsfähigkeit, Flexibilität, Legitimation und damit das Überleben der betreffenden Organisation: „Decoupling enables organizations to maintain standardized, legitimating, formal structures while their activities vary in response to practical considerations. The organizations in an industry tend to be similar in formal structure – reflecting their common institutional origins – but may show much diversity in actual practice“ (Meyer / Rowan 1991: 58). Uneinig sind sich Vertreter der Theorie über Ausmaß und vor allem Folgen von Entkopplungserscheinungen. So sehen Meyer und Rowan diese eher als Normalzustand an (vgl. ebd.), während DiMaggio und Powell auch von einem institutionellen Wirken der drei Mechanismen auf der strukturell-materiellen Ebene ausgehen (vgl. Hasse / Krücken 2005: 27). Es würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, die Debatte hier auszuführen. Es scheint mir jedoch von Bedeutung zu sein, zumindest auf die Tatsache hinzuweisen, dass die Entkopplung beider Ebenen nicht heißen kann, dass sie vollkommen unabhängig voneinander existieren können. Es sollte außer Frage stehen, dass Semantik, etwa in Form von Selbstbeschreibungen, einen wichtigen Einfluss auf die Struktur entfalten kann; wenn nicht sofort, dann aber langfristig. Selbiges gilt natürlich auch umgekehrt. Insofern scheint es mir angebrachter, fortan, statt von Kopplung versus Entkopplung, nun von „enger“ versus „loser“ Kopplung zu sprechen, da beide Termini keine vollständige Losgelöstheit implizieren.

Nicht nur in der organisationalen Praxis der Meso-Ebene, sondern auch im weltkulturellen Rahmen bzw. der Makro-Ebene sind lose Kopplungen von Semantik und Struktur ein typisches Phänomen. Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit etwa sind ohne jeden Zweifel mit die prägendsten Institutionen der Weltkultur (vgl. Meyer 2005 a: 152 f.). Nun werden die Menschenrechte längst nicht in jedem Land der Welt respektiert – was jedoch nichts daran ändert, dass selbst die brutalsten Autokratien diese dennoch auf semantischer Ebene anerkennen und postulieren müssen, um auf der weltpolitischen Bühne zumindest als legitime Akteure anerkannt zu werden. Das Aufgreifen weltkultureller Institutionen ist also ein Legitimationsinstrument, welches, wenn man schon nicht willens ist, es auf struktureller Ebene zu tun, auch schon auf semantischer Ebene eine gewisse, für Staaten mitunter existenzsichernde Wirkung entfalten kann. Die Erscheinung loser Kopplungen ist in der Weltkultur Alltag (vgl. Meyer / Boli / Thomas / Ramirez 2005: 99 ff.).

2.3 Der „hypocrisy“-Ansatz Nils Brunssons

Mit dem „hypocrisy“-Ansatz des schwedischen Organisationssoziologen Nils Brunsson wurde dem neo-institutionalistischen Theoriegebäude ein Modell von Unterscheidungen hinzugefügt, dass das Phänomen loser und enger Kopplungen auf plastische Weise konzeptualisiert hat und in Kombination mit Meyers „world polity“-Ansatz eine erquickliche Analyseperspektive darstellt. Vor diesem Hintergrund ist es für diese Arbeit unerlässlich, Brunssons Ansatz dem Beobachtungs- und Begriffsinstrumentarium hinzuzufügen und ihn an dieser Stelle wenigstens in aller gebotenen Kürze darzustellen.

Brunsson unterscheidet zunächst zwischen „action organizations“ und „political organizations“ (vgl. Brunsson 1989: 15 ff.). Der Idealtypus der „action organization“ zeichnet sich in der Regel durch eine enge Kopplung beider, im letzten Abschnitt genannter Ebenen aus und ist eher unter Wirtschaftsorganisationen bzw. Unternehmen wiederzufinden, weswegen wir ihn an dieser Stelle nicht näher beleuchten wollen. Stattdessen konzentrieren wir uns mit Blick auf den hier relevanten Fall auf Brunssons Darstellung des Idealtypus der „political organization“.

Diese Organisationskategorie, unter die laut Brunssons „weitem“ Organisationsbegriff Regierungen und Parlamente fallen (vgl. ebd.: 20), zeichnet sich dadurch aus, dass sie stets mit inkonsistenten Umwelterwartungen umgehen muss. Die politische Organisation steht also konstant der Schwierigkeit gegenüber, mit dem Nachkommen der einen Umwelterwartung zeitgleich die andere zu enttäuschen und dadurch letztlich in Legitimationsschwierigkeiten zu geraten. Konsequenz dieses Dilemmas ist sodann der Versuch eines Spagats: Man muss den Anschein erwecken, beiden Erwartungen zumindest teilweise nachzukommen, mit der häufigen Folge, dass mindestens einem Teil der Umwelt suggeriert werden muss, man käme seiner Erwartung nach – selbst, wenn dies de facto gar nicht der Fall ist. Damit landet die Organisation schließlich unabänderlich in der „Hypocrisy-Falle“: Erkennen die Akteure der Umwelt diese Widersprüche, so kommt der Vorwurf der Heuchelei auf.

Details

Seiten
34
Jahr
2011
ISBN (Buch)
9783640975884
Dateigröße
604 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v176371
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld – Institut für Weltgesellschaft
Note
Schlagworte
diversität diffusion prinzipien weltkultur venezuelas instrument emanzipation westen

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