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Gesellschaftliche Modernisierungsdimensionen - Ausführungen zur Jugendhilfe in Deutschland

Seminararbeit 2011 17 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Bestrebungen und Veränderungen der Jugendhilfe

3 Modernisierungsdimensionen
3.1 Differenzierung
3.2 Individualisierung
3.3 Rationalisierung
3.4 Domestizierung
3.5 Beschleunigung
3.6 Globalisierung

4 Ausführungen zu Modernisierungsdimensionen
4.1 Ausführung zu Differenzierung
4.2 Ausführung zu Rationalisierung
4.3 Ausführungen zu Globalisierung

5 Ausleitung

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Seit Ihren Anfängen sieht sich die (professionelle) Kinder- und Jugendhilfe (im Folgenden soll der Terminus „Jugendhilfe“ verwendet werden) verschiedenen gesellschaftlichen Veränderungen, aber auch Anforderungen und Erkenntnissen gegenüber. Waisenhäuser oder auch Pflegekinderwesen bilden in Ihren heutigen Ausführungen bzw. Bezeichnungen eine seit langem bestehende Hilfeform. Schaffung von Schulpflicht und Schutz vor allzu frühem Arbeitseintritt waren Entwicklungen hin zu einer anerkannten Phase der tendenziell „beschützten“ Jugend.

Kinder, bzw. Waisen in Armut und mit abweichendem Verhalten beschäftigten bereits Vorreiter der Heimerziehung wie August Herrmann Francke, oder, etwa 150 Jahre später, Johann Hinrich Wichern mit dem Rauhen Haus in Hamburg. Themen der zu seiner Zeit fortschreitenden Industrialisierung waren „Jugendverwahrlosung“ oder „Zwangserziehung“.

Alice Salomon sah bereits zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts für Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik Herausforderungen, unter anderem bezüglich mangelnder innerer und äußerer Bedürfnisbefriedigungsmöglichkeiten in modernen Gesellschaften.

Mit einer Professionalisierung der Sozialen Arbeit, nicht zuletzt nach Schaffung der Fachhochschulausbildung in den 1960er und 70er Jahren ist die Jugendhilfe eines ihrer originären Aufgabengebiete (vgl. jew. Schilling 2005, 18ff).

Der zu jeder Legislaturperiode erscheinende Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung, welcher aktuell in seiner 13. Auflage vorliegt, gibt zu unserer Zeit Auskunft zu bestimmten Themen der Kindheit und Jugend in Deutschland. Gesellschaftlichen Entwicklungen soll adäquat begegnet werden. In der vorliegenden Arbeit werden so anhand von Modernisierungsdimensionen Stand und Entwicklungen des Aufwachsens im Blick der Jugendhilfe als Teildisziplin Sozialer Arbeit aufgezeigt und beispielhaft Modifikationen der Jugendhilfe erklärt. Hilfe für junge Menschen soll im Kontext eines sich veränderten Hilfesystems betrachtet werden. Eine Verknüpfung mit weiterhin noch zu beschreibenden Modernisierungsdimension soll weiterhin zentrale Vorgehensweise bilden. Diese werden in einem ersten Überblick in Auszügen dargestellt werden. Weiterführend sollen die Modernisierungsdimensionen (s.u.) „Differenzierung“, „Rationalisierung“, und „Globalisierung“ näher ausgeführt werden.

2 Bestrebungen und Veränderungen der Jugendhilfe

Die Jugendhilfe beschäftigt sich seit ihrer Entstehung nicht nur mehr mit dem Umgang mit Gefährdung des Kindeswohls, wenngleich es eines ihrer Aufgabenfelder stellt. Gesellschaftlichen Veränderungen sollte Rechnung getragen werden.

Nach der Überwindung der überwältigenden Problemlagen der Nachkriegszeit ab 1945 und der Schaffung politischer Strukturen bezüglich Kindern und Jugendlichen bestand in Deutschland die Bestrebung zum Wiederaufbau der Hilfe für junge Menschen.

1953 wurde das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz notdürftig verändert. Die Geschehnisse um die Novellierungen des Reichsjugendwohlfahrtsgesetze ab 1961 legten im Folgenden zwar einen Grundstein für eine modern ausgerichtet Jugendhilfe, welche mit Fragen wie Professionalität, Ausstattung der Jugendämter und sonstiger zugehöriger Einrichtungen, Rechtsanspruch auf Hilfe, Öffnung der Hilfeformen uvm. (vgl. jew. Jordan 2005, 53ff) geschaffen wurden. In der Jugendhilferechtsreform der Bundesregierung unter Bundeskanzler Brandt um 1970 wurden diese Forderungen nach Veränderungen in der Jugendhilfe eingeordnet. Bis zur tatsächlichen Umsetzung als Gesetz sollte es jedoch weitere Jahrzehnte dauern. 1990 trat das reformierte Gesetz (Gesetz zur Neuordnung des Kinder- und Jugendhilferechts) in Kraft (ebd.). Hierbei stellen Themen wie ambulante Hilfen im Gegensatz zu klassischen wie Pflegekinderwesen und Heimerziehung die Modernisierungen.

Den veränderten Lebenslagen und der veränderten Sicht auf Erziehung von Kindern, Jugendlichen und Familien wird hiermit Rechnung getragen. Auch präventive und offene pädagogische Angebote, sowie Themen wie stärkerer Einbezug der Familie, Datenschutz, statistische Erhebung und beteiligende Trägerarbeit sollten verankert werden (Jordan 2005, 65). Die Jugendhilfe ist dauerhaft eingebettet in einen rechtlichen Rahmen, die Aufgabenfelder und Angebote (ebd., 71). So ergibt sich nach Jordan eine aktuelle Erstreckung des Betätigungsfeldes der Kinder- und Jugendhilfe:

– „Angebote zur allgemeinen Förderung der Erziehung und Bildung junger Menschen (Elementarerziehung, Spielangebote, Jugendarbeit),
– Beratungs- und Unterstützungsangebote (Erziehungsberatung, Krisen-Intervention, Schulsozialarbeit, Jugendsozialarbeit),
– Hilfen zur Erziehung (ambulante und teilstationäre Hilfen, Unterbringung außerhalb der eigenen Familie),
– hoheitliche Aufgaben (Pflegschaft und Vormundschaft, Vormundschafts-, Familien- und Jugendgerichtshilfe)“ (2005, 71)

Das Kontroll- und Strafparadigma wurde in der jüngeren Entwicklung durch ein solches der „prophylaktischen, stützenden und korrigierenden Hilfen“ (Schilling 2005, 129) abgewandelt.

Zudem sind einige programmatische Veränderungen (Sozialraumorientierungs-paradigma, Neue Steuerung etc.) zu bemerken, auf welche im Folgenden noch eingegangen werden soll.

Den konkreten rechtlichen Rahmen für die Arbeit der Jugendhilfe bietet aktuell im Wesentlichen das Sozialgesetzbuch (SGB) VIII und weitere Regelungen (vgl. ebd. 163ff). Im SGB VIII findet sich auch die Grundlage der Berichterstattung nach §84 (Kinder- und Jugendhilfebericht, bzw. Bericht über die Lebenssituation von Kindern und die Leistungen der Kinderhilfen in Deutschland). Ebenfalls findet sich hier die entsprechenden Ausführungen des zentralen Elementes der Jugendhilfeplanung als Aufgabe öffentlicher Jugendhilfe nach § 80 SGB VIII, der Qualitätssicherung und Leistungsvereinbarungen (§78b SGB VII) sowie weiterer Regelungen zu Vorgehen, Rechten und Pflichten der Adressaten des Gesetzes. Einer Orientierung an Effizienz und Effektivität wird hiermit Folge geleistet

3 Modernisierungsdimensionen

Im Folgenden sollen Modernisierungsdimensionen von Modernisierungstheorie nach Darstellung von Degele/Dries beschrieben und auf das Thema angewandt werden. Unter Modernisierung sei hierbei ein Begriff der gesellschaftlichen Veränderungen erfasst, sie betrifft Struktur, Kultur, Individuum und das menschliche Naturverhältnis. Eine phasenhafte Veränderung (Spät- Post- Hochmoderne etc.) ist mitunter zu schematisieren (vgl. jew. Degele/Dries 2005, 33ff), soll jedoch nicht tiefgehend Gegenstand der vorliegenden Arbeit sein. Die Moderne sei grundsätzlich als „historische Periode“ (Baumann 1991, 348 - zit. in Kleve 2007, 18), angesiedelt im 17. Jahrhundert, (ebd.) beschrieben. „Die Durchsetzung der Moderne kann um die Zeit des Eintritts in das 20. Jahrhundert datiert werden“ (in Anlehnung an Merten/Olk 1996, 583 - in Kleve 2007, 18).

Degele und Dries schlagen hierbei ein Acht-Faktoren/-Dimensionen-Modell zur Erfassung der Veränderungen mit folgenden Dimensionen vor (vgl. jew. Degele, Dries 2005, 23):

– Differenzierung
– Individualisierung
– Rationalisierung
– Domestizierung
– Beschleunigung
– Globalisierung
– Ver- und Entgeschlechtlichung
– Integration

Des Weiteren ist eine Einteilung in Dimensionen der Horizontalen und Vertikalen nach Degele und Dries aufzeigbar. Hierbei werden verschiedene gesellschaftswissenschaftliche Stränge angemerkt, wobei sich in einer „Ungleichheitsperspektive“ vertikale Rollenverteilung auf Ungleichverteilung in „Macht, Herrschaft und Hierarchie“ (jew. ebd., 40) bezieht, wohingegen horizontale Verteilung eine Ausdifferenzierung, beispielsweise im Bereich Arbeitsteilung oder Privatleben, von Rollen oder Lebensstilen aufzeigt. (funktionale Differenzierung)(ebd.).

Die Modernisierungsdimensionen sollen in Auswahl dargestellt werden. Im weiteren Verlauf der Arbeit werden die Modernisierungsdimensionen Differenzierung, Rationalisierun g, sowie nicht zuletzt Globalisierung ausgeführt. Es wird hierbei von prozesshaften, zusammenhängenden Modernisierungsdimensionen ausgegangen. (ebd., 41).

Degele und Dries stellen acht Modernisierungsdimensionen vor, welche in Auswahl (Differenzierung, Individualisierung, Rationalisierung, Beschleunigung, Domestizierung, Globalisierung) mit Beispielen aus der Hilfe für junge Menschen versehen werden sollen:

3.1 Differenzierung

Differenzierung wird von genannten Autoren als die womöglich zentrale Modernisierungsdimension begriffen (vgl. 2005, 24). Gemeint ist hierbei die „Entstehung neuer Einheiten durch Aufspaltung eines ursprünglich Ganzen“ (ebd.), die Ausgliederung neuer Einheiten. Der Weg in einer Gesellschaft kann hierbei als ein solcher vom Einfachen zum Komplexen betrachtet werden. (vgl. ebd. 47). In der Kinder- und Jugendhilfe kann hierbei ein Eingehen auf veränderte, mitunter komplexer Lebensweisen mit der Reaktion der Schaffung vielfältigerer Hilfeformen und eines Hilfesystems (s.u.) verstanden werden. Jordan gibt beispielsweise für den Bereich der sozialpädagogischen Familienhilfe nach §31 SGB VIII an: „Im Rahmen des Ausbaus familienorientierter ambulanter Erziehungshilfen hat der Einsatz der sozialpädagogischen Familienhilfe (SPFH) bundesweit Beachtung und Verbreitung gefunden“. Diese Hilfeform kann vor allem zum individuellen Einsatz in Familien und deren Umfeld herangezogen werden.

3.2 Individualisierung

Individualisierung bezeichnet des gesamtgesellschaftlichen Prozess der Freisetzung des Menschen aus gesellschaftlichen Traditionen und Abhängigkeiten“ (Degele, Dries 2005, 24). Anstelle von Sicherheiten und Normen treten so Freiheit, jedoch auch Ungewissheit. Das Individuum tritt in den Vordergrund, so dass es Wahlmöglichkeiten und Selbstbestimmung erfährt. In der Kinder- und Jugendhilfe kann hierbei mit der Schaffung von Jugendhilfeplanung oder des Einsatzes ambulanter Hilfen auf diese Individualisierung eingegangen wird. Veränderte Möglichkeiten der Lebensgestaltung fordern mitunter eine offenere und vielgestaltige Herangehensweise von Professionellen. In der lebensweltorientierten Jugendhilfe nach dem achten Jugendbericht der Bundesregierung beispielsweise wird eine Orientierung der Jugendhilfe an „Ungleichheiten, der Pluralität der Lebenslagen und der Individualisierung“ (in Thiersch 2009, 25) beschrieben.

Als weitere theoretische Betrachtung ist weiterhin ein Zugang über eine sozialraumorientierte Soziale Arbeit zu beschreiben. Hierbei wird unter Anderem von einer neuen sozialarbeiterischen Raumordnung ausgegangen, die den Bedingungen am Ort entgegenkommen. Auch ist eine Flexibilisierung, Hilfeerbringung vor Ort und in Verbindung der eigenen Maßnahmen mit Regelangeboten vor Ort konzeptionell vorgesehen (vgl. Kessl, Reutlinger 2007, 38f). So angelegte Hilfen können als individuell ausgerichtet betrachtet werden. Unter Einbeziehung der individuellen Gegebenheiten vor Ort soll lebensnah agiert werden können.

3.3 Rationalisierung

Im Sinne von Bürokratisierung, Organisation oder Standardisierung besteht der Versuch, eine überschaubare und beherrschbare Weltsicht zu erhalten, zum „Zweck der Leistungssteigerung“ (Degele, Dries 2005, 24), werden Lebensformen, Kultur und Geist, auch Organisation verrechenbar gemacht. In der Jugendhilfe sind hierbei neue Steuerungsmodelle zu nennen. Neben der Orientierung an Effizienz und Effektivität, der Wirkungs- bzw. Zielorientierung geht es hierbei in der Ausführung auch um Umgang mit Komplexität und der Implementierung von Konzepten oder von Kooperationen der Träger. In der Jugendhilfeplanung beispielsweise sollen Bedarfe und vorhandenen Angebote genau beschrieben werden (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2000).

3.4 Domestizierung

Domestizierung sei in groben Zügen verstanden als „ Unterwerfung der Natur durch den Menschen“ (Degele, Dries 2005, 25). Auch „menschliche Selbstkontrolle“ (ebd.) wird als möglicher Inhalt benannt. Aus anthropologischer Sicht sei der Mensch aufgrund fehlender Instinkte zur Kulturbildung angehalten, um beispielsweise das Zusammenleben zu regulieren, was zur Folge hat, das er einerseits ein weltfremdes, andererseits daraus resultierend eine weltoffenes Wesen sei, beziehungsweise auf diese Eigenschaft angewiesen sei (ebd., 118). Durch die sich insgesamt ergebende Technisierung folgen jedoch neue Abhängigkeiten und Ungewissheiten. Die moderne Hirnforschung beispielsweise lässt zu, sich auf die technische Betrachtung menschlichen Verhaltens zurückzuziehen, welche jedoch in Teilen unausgereift ist (vgl. z.B. Monyer, Rösler et al, 2004), was mitunter z.B. Einfluss auf den Umgang mit jungen Menschen haben kann. Auch Versuche, komplexe soziale Situationen in Befunde, Berichte oder Diagnosen (z.B. kinder- und jugendpsychiatrische, sozialarbeiterische) festzuhalten, scheint mitunter zur Hinterfragung anzuregen (vgl. z.B. Pauls 2004, 234ff).

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Details

Seiten
17
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640975747
ISBN (Buch)
9783640976034
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v176338
Institution / Hochschule
Hochschule Coburg (FH)
Note
1,3
Schlagworte
gesellschaftliche modernisierungsdimensionen ausführungen jugendhilfe deutschland

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