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Der Zusammenhang zwischen dem Erfolg einer Partnerschaft und der Geschwisterposition beider Partner in der Ursprungsfamilie

Diplomarbeit 2001 115 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

Geschwisterkonstellation und Paarqualität

1 Die Paarbeziehung
1.1 Charakteristika enger Paarbeziehungen
1.2 Messung von Paarqualität
1.3 Determinanten der Paarqualität
1.3.1 Einfluß der Familienbeziehungen in der Kindheit
1.3.2 Austausch-und Interdependenztheorien
1.3.3 Ähnlichkeit versus Komplementarität
1.3.4 Rollentheoretische Überlegungen
1.3.5 Persönlichkeitsmerkmale des einzelnen Partners
1.3.6 Paarqualität im Licht der Alltagspsychologie
1.3.7 Zusammenfassung

2 Geschwisterkonstellation und Persönlichkeitsentwicklung
2.1 Entwicklung der Persönlichkeit
2.2 Vermittelnde Prozesse für den Einfluß der Geschwisterstellung auf Persönlichkeit
2.2.1 Einstellungen der Eltern
2.2.2 Rollenzuschreibungen der Eltern an das Kind
2.2.3 Annahmen der Eltern über die Persönlichkeit ihrer Kinder
2.2.4 Geteilte und nicht geteilte Umwelt
2.2.5 De-Identifikation
2.3 Die Eigenschaften der einzelnen Geschwisterstellungen

3 Bereits vorliegende Untersuchungen und Befunde
3.1 Überblick über bisher durchgeführte Studien
3.2 Zusammenfassung der Befunde

4 Untersuchung und Ergebnisse
4.1 Fragestellungen
4.2 Das Untersuchungsverfahren
4.2.1 Der Partnerschaftsfragebogen PFB (II)
4.2.2 Das Subjektive Familienbild - SFB (VI)
4.2.3 Das NEO-Fünf-Faktoren Inventar - NEO-FFI (VIII)
4.2.4 Die Erfassung der unabhängigen Variable (V)
4.2.5 Weitere erhobene Daten
4.3 Die Stichprobe.
4.4 Datenauswertung und Ergebnisdarstellung
4.4.1 Methodischer Zugang
4.4.2 Die abhängige Variable – Paarzufriedenheit
4.4.3 Die unabhängige Variable - Geschwisterstellungen der Partner
4.4.4 Unterschiede in der Paarqualität zwischen den Kategorien
4.4.5 Einflußfaktoren auf die Glückseinschätzung
4.4.6 Vergleich der Wirkung Neurotizismus – Geschwisterstellung der Partner
4.4.7 Neurotizismus und Paarqualität in den einzelnen Untergruppen
4.4.8 Zusammenhang von Qualität der Geschwisterbeziehung und Paarqualität
4.4.9 Unterschiede in der Geschwisterbeziehungsqualität
4.4.10 Wahrnehmung von Ähnlichkeit und Ergänzung
4.4.11 Themenbereiche, in denen eine Ergänzung wahrgenommen wird
4.4.12 Bedeutung von Ähnlichkeit und Ergänzung für die Befragten
4.4.13 Geschlechtsrollenerwartung an den Partner und Paarqualität
4.4.14 Subjektive Wahrnehmung des Einflusses der Geschwisterstellung
4.4.15 Persönlichkeit und Geschwisterstellung
4.5 Zusammenfassung der Ergebnisse
4.5.1 Vergleich der Paarqualität über die einzelnen Gruppen
4.5.2 Unterskalen des PFB und Globale Glückseinschätzung
4.5.3 Neurotizismus als Einflußvariable auf die Paarqualität
4.5.4 Geschwisterbeziehung früher und heute
4.5.5 Ähnlichkeit und Ergänzung
4.5.6 Wahrgenommener Einfluß der eigenen Geschwisterstellung und der des Partners
4.6 Diskussion

Anhang

Literaturverzeichnis

Zusammenfassung

In der vorliegenden Arbeit sollte geprüft werden, inwieweit sich der Einfluß der Geschwisterstellung beider Partner in der Ursprungsfamilie auf die Paarqualität empirisch nachweisen läßt. Es wurden mit einem selbst entwickelten Fragebogen 104 in einer festen Partnerschaft lebende Personen untersucht, von denen 18 Klientinnen bzw. Klienten einer Paar-und Familienberatungsstelle waren. Resultate von Befragten in Beratung und nicht in Beratung Befindlichen sowie von Männern und Frauen wurden getrennt ausgewertet. Zur Auswertung wurde vorwiegend die Methode der Explorativen Datenanalyse genutzt. Neben Angaben zur Paarqualität und Geschwisterstellung wurden weitere Variablen erfragt wie die wahrgenommene Ähnlichkeit und Ergänzung durch den Partner, Neurotizismus, Qualität der Geschwisterbeziehung und subjektiv wahrgenommener Einfluß der Geschwisterstellung durch die Befragten. Es konnte gezeigt werden, daß ein Zusammenhang zwischen der Geschwisterkonstellation der Partner und der Paarqualität besteht und daß die weiteren erfragten Variablen zur näheren Erklärung dieses Zusammenhangs beitragen.

Geschwisterkonstellation und Paarqualität

Einer der wichtigsten Faktoren für das persönliche Lebensglück in unserem Kulturkreis ist eine glückliche und harmonische Partnerschaft. Dies zeigt sich unter anderem in der Tatsache, daß das psychische und physische Wohlbefinden Verheirateter höher ist als das Lediger oder gar Geschiedener (Mookherjee, 1997). Auch ist die Sterblichkeit verheirateter Menschen deutlich niedriger als die lediger oder verheiratet gewesener (Dorbritz und Gärtner, 1995).

Daß der Bestand einer Partnerschaft allein aber nicht ausreicht, um höheres Wohlbefinden zu garantieren, zeigt die Tatsache, daß Unzufriedenheit in der Partnerschaft zu (auch längschnittlich nachweisbaren) Beeinträchtigungen der Befindlichkeit führt. (Karney & Bradbury, 1995). In konfliktbelasteten Ehen läßt sich zudem eine erhöhte Belastung der Kinder feststellen. (Schneewind, 2000)

So erstaunt es nicht, daß bereits in über 700 Studien versucht wurde, die Determinanten von Ehe- bzw. Paarqualität zu definieren (vgl. Hahlweg 1991). Das Wissen darum, welche Faktoren eine erfolgreiche Partnerschaft ausmachen, kann für die Paare selbst, aber auch für Therapeuten und Paarberatungsstellen zu einer wichtige Informationsquelle werden, wenn es darum geht, die Paarqualität zu verbessern.

Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit war eine Beobachtung von Therapeuten einer Familienberatungsstelle. Diese stellten fest, daß einige der von ihnen beratenen Paare sich bei Konflikten in der Beziehung durch das Verhalten des Partners an eines ihrer Geschwister in der Ursprungsfamilie erinnert fühlten. Besonders auffällig war dabei, daß diese Paare des öfteren eine komplementäre Paarstruktur in Bezug auf ihre jeweiligen Geschwisterstellungen aufwiesen, das heißt, beide Partner hatten einander so gewählt, daß sie die Geschwisterkonstellation ihrer jeweiligen Ursprungsfamilie wiederholten. Ein Beispiel hierfür wäre die Partnerschaft eines Menschen, der in seiner Herkunftsfamilie das älteste Kind war mit einer Person, die in ihrer eigenen Familie das jüngste Kind war.

Den Therapeuten fiel außerdem auf, daß es diesen Paaren in der Sexualität an Leidenschaft fehlte, einige äußerten sogar, sie lebten zusammen wie Bruder und Schwester.

Diese Beobachtungen legten nahe, daß die Geschwisterstellung und –beziehung der Partner in ihrer jeweiligen Ursprungsfamilie stärker auf die Paarbeziehung wirkt, als es vielen Menschen bewußt ist.

Es sollte deshalb in dieser Arbeit ein empirischer Beitrag zur Beantwortung der Frage geleistet werden, inwieweit die Geschwisterkonstellation beider Partner in der Ursprungsfamilie die Paarqualität tatsächlich beeinflußt und inwieweit dieser Einfluß durch andere Variablen wie die Qualität der früheren Geschwisterbeziehung vermittelt wird.

Hierzu wird zunächst in Kapitel eins dargestellt, welche Charakteristika eine romantische Paarbeziehung aufweist, wie man die Qualität einer solchen Beziehung messen kann und durch welche Faktoren diese Qualität bedingt wird. Es wird darauf eingegangen, inwieweit die beschriebenen Theorien zu den Determinanten der Paarqualität Schlüsse dahingehend zulassen, daß auch die Kombination der Geschwisterstellungen beider Partner auf die erfolgreiche Ausgestaltung einer Partnerschaft wirkt.

In Kapitel zwei wird dann näher auf den Einfluß der Geschwisterstellung auf die Persönlichkeit des einzelnen Partners eingegangen. Es wird erläutert, wodurch die Persönlichkeit eines Menschen allgemein beeinflußt wird und weshalb sich dieser Einfluß von Geschwisterposition zu Geschwisterposition unterscheiden kann. Es werden zusammenfassend „typische“ Merkmale der einzelnen Geschwisterstellungen genannt.

Kapitel drei stellt die international bereits vorliegenden empirischen Befunde zu Geschwisterkonstellation und Paarqualität vor. Sie werden daraufhin verglichen, wie die abhängige und die unabhängige Variable operationalisiert und welche Resultate gefunden wurden.

Kapitel vier enthält den empirischen Teil der Arbeit. Es werden zunächst Untersuchungsgegenstand und Fragestellungen vorgestellt, um dann auf den selbst entwickelten Fragebogen sowie die Eigenschaften der erhobenen Stichprobe näher einzugehen. Dem folgend werden die gefundenen Daten und Ergebnisse mittels Explorativer Datenanalyse dargestellt und anschließend noch einmal zusammengefaßt.

Es wird dann eine abschließende Diskussion der Ergebnisse angefügt, in der die untersuchungsleitende Fragestellung beantwortet und auf die Relevanz der vorliegenden Daten in Forschung und Praxis Bezug genommen wird.

1 Die Paarbeziehung

In den nun folgenden Ausführungen sollen Charakteristika enger Paarbeziehungen erarbeitet, die Problematik der Meßbarkeit von Paarqualität verdeutlicht und Theorien zu Einflußfaktoren einer erfolgreichen Partnerschaft dargestellt werden, die dann mit ersten Ideen verknüpft werden sollen, warum auch die Geschwisterkonstellation der Partner zu diesen Einflußfaktoren gehören könnte.

1.1 Charakteristika enger Paarbeziehungen

Eine romantische Partnerschaft läßt sich unter Bezugnahme auf Bierhoff und Grau (1999) sowie Weiland-Heil (1993) mit folgenden Charakteristika beschreiben:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Sternberg (1986) führt zusätzlich zur oben schon genannten „Intimität“ im Sinne von Vertrautheit als zentrale Komponenten enger Beziehungen „Leidenschaft“ im Sinne sexueller Anziehung sowie „Bindung“ im Sinne der Entscheidung für den Partner ein. Seiner Meinung nach sind in einer erfüllten, vollendeten Liebe alle drei Komponenten gleichermaßen hoch ausgeprägt. Eine Beziehung, die nur auf Bindung beruht, nennt er „leere Liebe“, eine Beziehung ohne Leidenschaft, aber mit Vertrautheit und Bindung „kameradschaftliche Liebe“.

Bierhoff und Grau (1999) kritisieren Sternbergs Auffassung, daß nur eine Beziehung, in der alle drei Komponenten vorhanden sind, erfüllend sei. Sie glauben, daß auch eine „kameradschaftliche Liebe“ von den Partnern als individuell sinnvoll und befriedigend erlebt werden kann.

Zu klären, welche der beiden Auffassungen zutreffend ist, kann nicht Anliegen dieser Arbeit sein. Es soll jedoch der Gedanke mit aufgenommen werden, daß es in jeder einzelnen Partnerschaft durchaus unterschiedliche Schwerpunktsetzungen geben kann, was die Wichtigkeit des Aspektes „Leidenschaft“ betrifft.

1.2 Messung von Paarqualität

Die Bestimmung eines reliablen und validen Kriteriums der Paarqualität ist ein grundlegendes Problem bei der Erforschung ihrer Determinanten. Genutzt werden Konzepte wie Eheanpassung, -erfolg, -zufriedenheit, und -glück[1], obwohl keiner dieser Begriffe bisher genau definiert werden konnte. Da aber die Instrumente zu ihrer Erfassung hoch miteinander korrelieren (vgl. Bodenmann 1993), verwendet man in jüngerer Zeit das Konzept Ehequalität, definiert als Ehezufriedenheit beider Partner (Hahlweg 1991). Diese wird wiederum von Jäckel (1980, S. 5) folgendermaßen definiert:

Ehezufriedenheit ist „das durch Test oder Befragung wiedergegebene subjektive Erleben von Glück und Zufriedenheit mit der eigenen Ehe und dem Ehepartner.“ (Jäckel, 1980, S.5).

Ein großes Problem in der Ehe-und Partnerschaftsforschung stellt die Operationalisierung der abhängigen Variable Paarzufriedenheit dar. Erhoben werden meist nur globale Kriterienmaße mit Verfahren, deren Grundprinzip seit Jahrzehnten unverändert ist. Dies ist im Hinblick auf die Komplexität des zu beforschenden Gegenstandes sowie den kulturellen Wandel, dem die Konzepte von Ehe und Partnerschaft in den letzten Jahrzehnten unterworfen waren, nicht angemessen. Versuche, die Paarqualität mit „objektiven“ Kriterien wie Trennung oder Kinderzahl zu messen, waren nicht sehr überzeugend (Heil, 1991).

Die Messung der Paarzufriedenheit mittels eines einzelnen Items „Wie glücklich schätzen Sie Ihre Partnerschaft ein?“, wie sie von vielen Autoren (u.a. Phláková und Osecká, 1993; Allred & Poduska, 1988; Birtchnell & Mayhew, 1977) praktiziert wurde, ist insofern problematisch, als nicht geklärt ist, wodurch diese Glückseinschätzung zustande kommt. Klug (2000) hat in ihrer Arbeit zu diesem Thema herausgestellt, daß ein glücklicher Partner progressiv zufrieden, stabil zufrieden oder auch resignativ zufrieden sein kann. In den einzelnen Zufriedenheitsformen kommt es entweder zu einer Steigerung des Anspruchsniveaus, da im bisherigen Partnerschaftsverlauf alle Bedürfnisse erfüllt wurden und der Befragte überzeugt ist, gemeinsam mit dem Partner noch mehr erreichen zu können (progressiv). Oder aber das Anspruchsniveau bleibt gleich, alle Bedürfnisse des Befragten sind erfüllt und er möchte das Erreichte aufrechterhalten (stabil). Die Bedürfnisse der resignativ Zufriedenen konnten in ihrer Partnerschaft nicht erfüllt werden, sie sind dennoch zufrieden, da sie im Verlauf der Partnerschaft ihr Anspruchsniveau gesenkt haben. Die Zusammenfassung dieser verschiedenartigen Zufriedenheitsform in eine einzige Kategorie erscheint nicht sehr aussagekräftig.

Ein weiteres Problem der Zufriedenheitseinschätzung in der Partnerschaft durch die Frage danach, als wie glücklich sie eingeschätzt wird, ist, daß ein Großteil der Befragten in einer noch bestehenden Paarbeziehung diese als glücklich oder sehr glücklich einschätzt, da eine als unglücklich wahrgenommene Partnerschaft mit hoher Wahrscheinlichkeit aufgelöst wird (Asendorpf und Banse 2000). Außerdem orientieren sich derartige Selbstbeschreibungen an gesellschaftlich vermittelten Idealnormen von „harmonischer Partnerschaft“, so daß die angegebene Zufriedenheit durchgängig überhöht ist (Heil, 1991; Jäckel, 1980). Dies macht die Erforschung von Zusammenhängen anderer Faktoren mit diesem Item schwierig.

Deshalb erachten Asendorpf und Banse (2000) es für sinnvoll, für die Messung von Paarqualität differenzierendere, wenn auch unökonomischere Verfahren zu nutzen. Diese Verfahren sollten außerdem nicht nur die subjektive Zufriedenheitseinschätzung nutzen, sondern auf konkretes Verhalten zurückgreifen, auch wenn ein solcher Fragebogen natürlich schon bestimmte theoretische Vorannahmen darüber enthält, welche Verhaltensweisen innerhalb eines Paares eine glückliche, zufriedene Beziehung ausmachen.

Weiterhin sollte ein solches Verfahren möglichst nicht die subjektive Einschätzung von eigener Zufriedenheit, eigenem Verhalten, Verhalten des Partners und Beziehungsmerkmalen vermischen.

Der Partnerschaftsfragebogen von Hahlweg (1996) erfüllt zu einem großen Teil diese Anforderungen. Er erfragt konkretes Verhalten und fast alle Items beziehen sich auf das Verhalten des Partners des Befragten. Nur vier der dreißig Items beziehen sich auf Verhaltensweisen, die beide Partner einbeziehen (Bsp.: „Wir planen gemeinsam, wie wir das Wochenende verbringen wollen“). Weiterhin ist mit diesem Fragebogen eine differenziertere Einschätzung der Paarqualität möglich, da das Verhalten der Partner in den drei partnerschaftsrelevanten Verhaltensbereichen Zärtlichkeit, Kommunikation und Streitverhalten erfragt wird.

Laut Hahlweg (1996) wurde die gute diskriminative und prognostische Validität des Fragebogens sowie die Tatsache, daß er sensitiv Veränderungen aufgrund von Ehetherapie abbildet, in mehreren Studien nachgewiesen. Seine Verwendbarkeit zur Messung von Paarqualität ist also gut belegt.

1.3 Determinanten der Paarqualität

In den einzelnen Gebieten der Psychologie gibt es verschiedene Theorien dazu, welche Prozesse dazu führen, daß eine Partnerschaft von beiden Beteiligten als erfolgreich und zufriedenstellend wahrgenommen wird.

Im folgenden sollen einige von ihnen näher erläutert und mit Überlegungen dahingehend ergänzt werden, inwieweit diese Theorien Rückschlüsse darauf ermöglichen, wie die Geschwisterstellung und –beziehung beider Partner eines Paares die Paarqualität beeinflussen könnten.

1.3.1 Einfluß der Familienbeziehungen in der Kindheit

In psychoanalytischen Theorien zur Partnerschaft wird die Bedeutung der individuellen Kindheitserfahrungen betont. Die Beziehungen eines Menschen zu den Mitgliedern seiner Ursprungsfamilie sollen einen großen Einfluß darauf haben, wie seine eigene Partnerschaft verlaufen wird. So nimmt Toman (1959, 1960, 1996) an, daß frühere soziale Dauerbeziehungen der Beteiligten einer Beziehung die Erwartungen und Vorstellungen von der gegenwärtigen neuen Beziehung mitbestimmen, da man nur aus dem längeren Zusammenleben mit vertrauten Personen entnehmen kann, wie man eine Beziehung im Alltag lebt. Deshalb glaubt er, daß eine soziale Beziehung unter sonst vergleichbaren Umständen umso erfolgreicher und dauerhafter ist, je mehr sie früheren und frühesten sozialen Beziehungen der Beteiligten ähnelt. (Duplikationstheorem).

Die von Bierhoff und Grau (1999) sowie Weiland-Heil (1993) genannten Charakteristika romantischer Paarbeziehungen sind den Charakteristika einer Geschwisterbeziehung recht ähnlich (vgl. Abschnitt 2.1). Eine Paarbeziehung ähnelt einer Geschwisterbeziehung außerdem in der Fülle gemeinsam genutzter Lebensbereiche. Hinzu kommt die ähnliche Altersstruktur von Paar- und Geschwisterbeziehung. Aufgrund dieser Ähnlichkeit bezieht sich Tomans Duplikationstheorem vor allem auf die Wiederholung des Verhältnisses zum Geschwister. Er geht davon aus, daß die befriedigendste Partnerschaft diejenige ist, in der sowohl das Geschlecht als auch die Geschwisterstellung eines früheren Geschwisters mit dem des jetzigen Partners übereinstimmen. In diesen Partnerschaften kommt es kaum zu Konflikten über die Rollenaufteilung zwischen den Partnern. Wenn beispielsweise eine älteste Schwester, die es von Kindheit an gewohnt ist, sich um andere zu sorgen und Verantwortung zu übernehmen, mit einem jüngsten Bruder zusammentrifft, der immer umsorgt wurde und gern die Verantwortung abgibt, so werden beide schnell ihre jeweiligen Rollen in der Partnerschaft gefunden haben. Eine solche Partnerschaft nennt Toman „komplementär“, da die beiden Partner einander in ihrer Rollenaufteilung ergänzen.

Besonders konfliktträchtig sollen dagegen Partnerschaften sein, in denen beide Partner in ihrer Kindheit die gleiche Geschwisterstellung innehatten, da dann die Rollenaufteilung unklar ist und entweder beide dominieren und Verantwortung übernehmen wollen, oder aber keiner von beiden (Toman, 1996).[2]

Leider macht Toman keine Aussagen dazu, wie sich Partnerschaften gestalten, in denen Muster einer Geschwisterbeziehung wiederholt werden, die als emotional unbefriedigend und konflikthaft empfunden wurde. Birtchnell und Mayhew (1977) gehen davon aus, daß in solchen Partnerschaften einer oder beide der Partner immer noch dabei sind, Konflikte im Zusammenhang mit der Geschwisterbeziehung durchzuarbeiten. Außerdem glauben sie, daß eine geschwisterähnliche Beziehung einer Partnerschaft nicht angemessen sein dürfte und sprechen von der Gefahr der Enttäuschung der Partner, wenn sie feststellen, daß sie mit dem geschwisterähnlichen Partner nicht die idyllischen Erfahrungen der Kindheit wiederholen können.

Dieser Kritik folgend soll in der vorliegenden Arbeit die emotionale Qualität der Geschwisterbeziehung mit einbezogen werden, wenn es darum geht, den Einfluß der Geschwisterstellungen der Partner auf die Paarzufriedenheit zu erfassen.

Kreische (1998) nimmt an, daß sich die Ähnlichkeit eines Partners zum Geschwister hemmend auf die sexuelle Anziehungskraft der Partner aufeinander auswirken kann. Er nimmt dabei Bezug auf Norbert Bischof (1989), der in seiner Abhandlung zum Urkonflikt zwischen Intimität und Autonomie in der Partnerschaft schreibt, daß zu starkes Vertrautheitsempfinden mit dem Partner das Inzesttabu mobilisiert, das dafür sorgt, daß wir nach genetisch möglichst unähnlichen Partnern suchen. Bischof ist der Ansicht, daß in einer wirklichen Liebesbeziehung ein immer neu auszuhandelndes Gleichgewicht zwischen Fremdheit und Vertrautheit vorherrscht:

„Und das also ist, in den Augen des Dichters, das Geheimnis der Liebe und das Paradox, in dem die Nichteinlösbarkeit ihrer Verheißung wurzelt – sie verlangt vom Partner die Quadratur des Kreises: daß er neu und erregend bleibe wie am ersten Tag und daß er doch Geborgenheit spende, wie einst nur die Mutter es vermocht hat.“ (Bischof, 1989, S. 439).

Diese Überlegungen sollen in der vorliegenden Arbeit Anlaß sein, zu prüfen, ob sich Paare, die die Geschwisterkonstellation ihrer Ursprungsfamilie wiederholen (komplementäre Paare), in ihrem physischen und psychischen Ausdruck von Zärtlichkeit von anderen Paaren unterscheiden. Sollten komplementäre Paare tatsächlich ein geringeres Zärtlichkeitsverhalten zeigen, wäre zu prüfen, ob in diesen Paaren Zärtlichkeit überhaupt für das Glücksempfinden in der Partnerschaft wichtig ist, oder ob sie durch die stärkere Betonung anderer Bereiche ersetzt wird.

Ebenfalls psychoanalytisch geprägt ist die Kollusionstheorie von Willi (1990), der davon ausgeht, daß alle Paare bestimmte Beziehungsthemen zu bearbeiten haben. Diese Beziehungsthemen decken sich weitgehend mit den prägenitalen Entwicklungsmustern der Libido (oral, anal, phallisch).

Bei der Bearbeitung des analen Themas beschäftigen sich die Partner beispielsweise mit dem Ausmaß von Autonomie und Abhängigkeit in der Beziehung, im oralen Thema wird ausgehandelt, inwieweit der einzelne den anderen umsorgt oder sich umsorgen läßt. In der Bearbeitung dieser Themen muß die für beide Partner zuträglichste Lösung gefunden werden. Ein Paar, dessen Partner in der Kindheit nicht lernen konnten, wie man diese Beziehungskonflikte in fairer Form für alle Beteiligten bewältigen kann, wird auf die Verarbeitung des nicht gelösten Themas in der Partnerschaft fixiert. Alle psychischen Energien werden darauf gebündelt, so daß das Paar nicht mehr funktionsfähig ist. Typischerweise kommt es laut Willi (1990) in diesen Paaren zu neurotischem Abwehrverhalten der Partner, das als Selbstheilungsversuch verstanden werden kann, wobei einer der Partner die regressive, der andere die progressive Position einnimmt. Der regressive Partner fällt in kindliche Verhaltensweisen zurück, läßt sich umsorgen und schützen. Der andere nimmt dauerhaft die progressive Position ein als Versuch, eigene Schwäche mit „Erwachsenheitsfassade“ zu überspielen. So versorgt er den anderen Partner und hält ihn von sich abhängig. In einer gesunden Paarbeziehung können dagegen beide Partner flexibel zwischen beiden Positionen wechseln und je nach Situationsanforderung den anderen stützen oder von ihm gestützt werden.

In Bezug auf die Geschwisterstellung beider Partner könnte man vermuten, daß Paare, die Schwierigkeiten mit der Bearbeitung eines der genannten Themen haben, besonders leicht in die regressive bzw. progressive Abwehrhaltung verfallen, wenn diese Haltung mit typischen Eigenschaften ihrer Geschwisterstellung zusammenfällt (Beschreibung dieser Eigenschaften siehe Abschnitt 2.3). Das wäre für ein jüngstes Geschwister in der regressiven und ein ältestes Geschwister in der progressiven Position der Fall. Trifft nun ein Mensch, der in seiner Ursprungsfamilie der Älteste war auf einen Partner, der in seiner Ursprungsfamilie der Jüngste war, ist anzunehmen, daß beide einander in ihren regressiven bzw. progressiven Abwehrhaltungen bestärken, da ihnen die gezeigten Verhaltensweisen aus der Kindheit vertraut sind. Sie kennen sie schon von ihrem jüngeren bzw. älteren Geschwister. Wenn nun noch Schwierigkeiten bei der Bearbeitung eines konflikthaften Beziehungsthemas hinzukommen, dürfte es in einer solchen Partnerschaft besonders schwierig sein, flexibel zwischen der progressiven und der regressiven Position zu wechseln, wie es von Willi empfohlen wird.

Auch von anderen Autoren wird die Bedeutung der frühkindlichen Erfahrungen für die spätere Partnerschaftsqualität betont. Ruthe (1972) führt das in der Partnerschaft gezeigte Verhalten auf Lernerfahrungen in der Kindheit zurück. Schon das Baby begreift schnell, welche Methoden sich in zwischenmenschlichen Beziehungen bewähren, um Liebe und Fürsorge zu bekommen. Hat es mit diesen Methoden Erfolg, wird es sie gewohnheitsmäßig beibehalten. Die gelernten Methoden hängen vom Familienklima und von der Geschwisterstellung eines Kindes ab. Ruthe meint, daß die Beziehung zwischen Eltern und Kind und die Beziehung der Geschwister untereinander die dauerhaften gestörten oder gelungenen Beziehungen zu anderen Personen widerspiegeln und das Verhältnis zum Ehepartner schon in den Kinderschuhen gelernt wird. Er ist der Ansicht, daß Geschwisterstreit oft ein Einübungsfeld für späteren Ehestreit ist und die Stellung in der Geschwisterreihe der späteren Rolle im Ehealltag gleicht. Da er davon ausgeht, daß ein ältestes Kind an seine Vormachtstellung in der Familie gewohnt ist und sich eifrig bemüht, diese auch in der Ehe zu verteidigen, folgt er der Meinung von Toman, daß es günstiger ist, wenn dieses älteste Kind als Partner kein anderes ältestes Kind wählt, da es sonst zu Machtkämpfen kommt. Auch sollte ein jüngstes Kind keinen Partner wählen, der ebenfalls jüngstes Kind war, da beide sich nach Führung sehnen würden und keiner sie übernehmen könnte. Im Gegensatz zu Toman (1996) glaubt er jedoch nicht, daß Beziehungen, in denen die Geschwisterstellungen der Partner der Geschwisterkonstellation in der Ursprungsfamilie gleichen, in jedem Fall besonders glücklich sind. Dies trifft nur dann zu, wenn auch die Beziehung zum Geschwister glücklich war.

1.3.2 Austausch-und Interdependenztheorien

Im Gegensatz zu den oben genannten Theorien beziehen sich die sogenannten Austausch- und Interdependenztheorien nicht auf frühkindliche Erfahrungen. Austauschtheorien vergleichen soziale Gruppen mit ökonomischen Märkten, indem sie zwischenmenschliche Interaktion als Austausch von Handlungen und der damit verbundenen Belohnungen und Kosten interpretieren. Vertreter dieser Theorien nehmen an, daß der Mensch bestrebt ist, ein Maximum an Befriedigung bei einem Minimum an Kosten zu erhalten und gehen davon aus, daß belohnende Interaktionen wiederholt werden und nur solche Beziehungen eingegangen werden, die erwarten lassen, daß sie belohnend sind (Mikula & Stroebe, 1991). Thibaut & Kelley (1959) präzisieren diese Annahme dahingehend, daß nicht der absolute Gewinn aus einer Interaktion entscheidend für die Bewertung des Interaktionspartners ist, sondern die relative Größe des Gewinns verglichen mit einem Vergleichsstandard. So gilt, daß eine Interaktion oder Beziehung als um so befriedigender erlebt wird, je höher ein tatsächlich erzielter oder antizipierter Ertrag über diesem Vergleichsstandard liegt. Gebildet wird dieser Vergleichsstandard als ein gewichteter Mittelwert von Interaktionsergebnissen, die eine Person in der Vergangenheit selbst erzielt und bei anderen Personen beobachtet hat. Aufgrund dieser Erfahrungen und Beobachtungen kommt eine Person zu einem Schluß darüber, was ihr in einer Beziehung ihrer Meinung nach zusteht. Diese Theorie läßt keine eindeutigen Schlüsse darauf zu, welche Kombination von Geschwisterstellungen in einer Partnerschaft besonders förderlich sind, solange man nicht weiß, welche Art Belohnungsprozesse in Partnerschaften, die die Geschwisterkonstellation in der Ursprungsfamilie wiederholen, ablaufen und wie die einzelnen Erträge von den Partnern gewichtet werden. Sollte es zum Beispiel aufgrund zu starker Vertrautheitsgefühle gegenüber einem Partner, der an das eigene Geschwister erinnert, zu einer Abschwächung leidenschaftlicher Gefühle beider Partner kommen, wie es Kreische (1998) annimmt, ist nicht geklärt, inwieweit das positive Gefühl der Vertrautheit diese mangelnde Leidenschaft ausgleicht.

Es können allerdings aus dieser Theorie Hinweise darauf entnommen werden, daß eine Beziehung leichter als befriedigend empfunden wird, wenn bisherige Beziehungen der Interaktionspartner eher wenig belohnend waren, da dann das Anspruchsniveau an zu erzielende Erträge gesenkt ist. So könnte es also sein, daß Menschen mit einer emotional unbefriedigenden Geschwisterbeziehung ihre Paarqualität höher bewerten als Menschen mit einer guten Geschwisterbeziehung.

Einen etwas anderen Ansatz als die Austauschtheorie von Thibaut und Kelley (1959) verfolgt die Equitytheorie von Walster, Berscheid und Walster (1973; Walster, Walster und Berscheid, 1978, nach Mikula & Stroebe, 1991). Auch hier werden die Beiträge, die ein Partner in die Beziehung einbringt, vom Anderen bewertet und als belohnend oder nicht eingeschätzt. Es kommt nun aber nicht auf eine Gewinnmaximierung beider Partner an, sondern vor allem auf Ausgewogenheit von Erträgen und Beiträgen beider Partner. Die Gewinne beider Partner können mit folgender Formel ins Verhältnis gesetzt werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Unausgewogenheit von Erträgen und Beiträgen wird von beiden Partnern als unangenehm empfunden, auch wenn die eigenen Erträge größer als die Beiträge sind. Je stärker die Unausgewogenheit ist, desto unzufriedener sind die Partner. Sie werden versuchen, die Ausgewogenheit der Beziehung wiederherzustellen. Dies geschieht entweder über eine tatsächliche Veränderung der Beiträge und/oder Erträge der Partner oder aber über eine kognitive Neueinschätzung dieser Variablen, wodurch es zu einer Veränderung des Anspruchsniveaus kommt.

Unter Anwendung dieser Theorie könnte man annehmen, daß es in einer Partnerschaft, in der ein Mensch dazu neigt, andere Menschen zu beschützen und Verantwortung zu übernehmen und der andere dazu neigt, sich beschützen zu lassen und Verantwortung abzugeben, eher zu Unausgewogenheit der Erträge und Beiträge kommt, als in anderen Partnerschaften. Dies ist in einer komplementären Beziehung nach Toman (1996) der Fall. Dagegen müßte eine Beziehung, in der beide Partner in der Ursprungsfamilie aufgrund ihrer Geschwisterstellung ähnliche Sozialisationserfahrungen gemacht haben, besonders zufriedenstellend sein, da die Vorstellungen beider Partner, wie man eine Beziehung gestaltet, einander ähnlich sind (vgl. Ruthe, 1972).

1.3.3 Ähnlichkeit versus Komplementarität

Ein wichtiger Faktor, der auf die Paarqualität einwirkt, ist die Persönlichkeit beider Partner. Vielversprechend scheinen bei der Untersuchung dieses Aspektes vor allem Ansätze, die nicht nur Schlüsse ziehen von der Persönlichkeit des einzelnen auf seine spätere Paarzufriedenheit, sondern die Passung beider Partner in Bezug auf ihre Persönlichkeitsmerkmale berücksichtigen (Jäckel, 1980). Bei der Suche danach, wie die Persönlichkeitsmerkmale beider Partner aufeinander abgestimmt sein müssen, um zu hoher Paarqualität zu führen, lassen sich zwei Hauptrichtungen herauskristallisieren:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Beiden Richtungen wurde in verschiedenen empirischen Untersuchungen nachgegangen. So fand Dymond (1954), daß glückliche Paare einander in ihren Persönlichkeitsbeschreibungen mit Hilfe von 115 ausgewählten Items des MMPI[3], die für die zwischenmenschliche Interaktion bedeutsam sind, einander ähnlicher waren als unglückliche. Corsini (1956) präzisierte diese Aussage dahingehend, daß Ähnlichkeit der Persönlichkeitsmerkmale beider Partner in einem von Burgess (1939, nach Corsini, 1956) entwickelten Persönlichkeitstest vor allem die Ehezufriedenheit der Frauen vorhersagte. Die Ehezufriedenheit der Männer wurde besser durch ihre eigene Persönlichkeit vorhergesagt. Hassebrauck (1990), der die Persönlichkeit der Partner in Paarbeziehungen mit dem FPI gemessen hat, fand hingegen, daß vor allem für die Männer die Ähnlichkeit der Persönlichkeitsmerkmale beider Partner mit der Paarzufriedenheit zusammenhing, für die Zufriedenheit der Frauen war vor allem die wahrgenommene Einstellungsähnlichkeit mit dem Partner von Bedeutung.

Auch viele andere Autoren (Kotlar, 1965; Grau & Bierhoff, 1998 u.a.) haben den Zusammenhang zwischen Paarzufriedenheit und Ähnlichkeit der Partner in Persönlichkeitsmerkmalen, Interessen und Einstellungen untersucht. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen sind nicht immer widerspruchsfrei, aber es gibt fast keine Hinweise darauf, daß Unähnlichkeit günstig für den Verlauf einer Partnerschaft ist (Hahlweg, 1991). Dies ist nicht erstaunlich, da Einstellungsähnlichkeit des Partners belohnend wirkt aufgrund der Tatsache, daß die „Richtigkeit“ der eigenen Einstellung dadurch bestätigt wird, daß der Partner sie teilt. (Byrne, 1971). Auch fördert die Ähnlichkeit der Partner erfreuliche Interaktionen zwischen ihnen, ohne daß den beiden diese Ähnlichkeit bewußt sein muß (Burleson und Denton, 1992).

Wenn man nun davon ausgeht, daß Menschen gleicher Geschwisterstellung einander in ihren Persönlichkeitsmerkmalen ähnlicher sind als Menschen, die verschiedene Geschwisterstellungen innehatten, müßten Paare, in denen zwei Menschen mit gleicher Geschwisterstellung aufeinandertreffen, zufriedener sein als Paare, bei denen dies nicht der Fall ist. Durch die Erfragung der wahrgenommenen Ähnlichkeit der Partner in der vorliegenden Untersuchung ergeben sich Hinweise darauf, ob Menschen mit gleicher Geschwisterstellung einander tatsächlich als ähnlicher wahrnehmen als Menschen mit komplementärer Geschwisterstellung.

Im Gegensatz zu Dymond (1954), Corsini (1956) und anderen Autoren glauben Winch, Ktsanes & Ktsanes (1954), daß es nicht die Ähnlichkeit der Persönlichkeitsmerkmale zweier Partner ist, die sie zueinander finden läßt und Zufriedenheit garantiert, sondern ganz im Gegenteil ihre Komplementarität. Er ist der Meinung, daß maximale Bedürfnisbefriedigung beider Partner in der Partnerschaft nur dann erreichbar ist, wenn eine Person bei der Befriedigung ihres Bedürfnisses A gleichzeitig das komplementäre Bedürfnis B des Partners befriedigt. Ein Beispiel wäre das Bedürfnis danach, anderen zu helfen, das komplementär zum Bedürfnis „versorgt werden“ ist. In ihrer Untersuchung komplementärer Bedürfnisse von Partnern einer Paarbeziehung finden Winch, Ktsanes & Ktsanes (1954) Komplementarität der Partner in den in Abbildung 1.1 dargestellten Bedürfnissen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1.1: Komplementäre Bedürfnisse der Partner einer Paarbeziehung nach Winch, Ktsanes & Ktsanes (1954)

Die Ergebnisse seiner Untersuchungen konnten bisher nicht bestätigt werden (vgl. Bowerman & Day, 1956; Schellenberg & Bee, 1960; Blazer, 1963). Blazer (1963) fand in seiner Studie sogar signifikante Korrelationen dahingehend, daß Paare umso zufriedener sind, je ähnlicher sich ihre Bedürfnisse sind. Er betont die Wichtigkeit geistesverwandter Beziehungen mit Menschen, die sind wie man selbst. Trotzdem sollen die Ideen von Winch et al. in Bezug auf die Kombination bestimmter Geschwisterstellungen in der Partnerschaft hier diskutiert werden. Falls die Theorie von Winch et al. zutrifft, und falls außerdem die Beschreibungen der typischen Eigenschaften ältester und jüngster Geschwister durch Toman (1996), Adler (1995) und andere Autoren (vgl. Abschnitt 2.3) zutreffen, müßte eine Paarbeziehung, in der ein ältestes und ein jüngstes Geschwister aufeinandertreffen, besonders erfolgversprechend sein, da diese einander in ihren Bedürfnissen in der von Winch et al. beschriebenen Art und Weise ergänzen müßten.

Ob gefundene Unterschiede in der Paarzufriedenheit wirklich auf eine wahrgenommene Ergänzung durch den Partner zurückzuführen sind und in welchen Bereichen vor allem eine solche Ergänzung wahrgenommen wird, soll in der vorliegenden empirischen Untersuchung näher betrachtet werden.

1.3.4 Rollentheoretische Überlegungen

Einen wichtigen Ansatzpunkt für Überlegungen bezüglich des Erfolges oder Mißerfolges von Partnerschaften bildet die Rollentheorie. Sie geht davon aus, daß jeder Mensch verschiedene sozialen Rollen einnimmt, die ihm als Bündel von Verhaltensvorschriften angetragen und zugemutet werden (Dreitzel, 1979). Rollen sind normative Erwartungen, die an das Verhalten eines Menschen in einer bestimmten Position gestellt werden. Sie erleichtern die Interaktion, indem sie Verhalten anderer Menschen vorhersagbar machen. Menschen, die die an sie gestellten Rollenerwartungen nicht erfüllen, bringen die Wahrnehmung der sozialen Wirklichkeit in Verwirrung und erschweren somit die Interaktion (Mann, 1999). In Bezug auf Partnerschaft kann man wohl davon ausgehen, daß eine funktionierende Interaktion zur Paarqualität erheblich beiträgt (vgl. Hahlweg, 1991). Es ist daher weiterhin anzunehmen, daß die Erfüllung der Rollenerwartungen des jeweils anderen in einer Partnerschaft die Zufriedenheit erhöht. Dies bestätigen Untersuchungen von Hawkins und Johnsen (1969) sowie von Ort (1950).

Auch heute noch sind die Rollenerwartungen an Männer und Frauen in einer heterosexuellen Partnerschaft von der Gesellschaft dahingehend vorgeschrieben, daß der Mann relativ dominant und die Frau relativ unterwürfig ist. Verhalten sich beide Partner dementsprechend, nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, daß das Paar glücklich wird (Aronson, 1994).

Bezugnehmend auf den Einfluß der Geschwisterstellung auf die Paarqualität lassen die soeben gemachten Ausführungen den Schluß zu, daß eine komplementäre Partnerschaft dann glücklich wird, wenn der Mann als Kind ältestes Geschwister war und die Frau als Kind Jüngstes. Den Annahmen Tomans (1996) und Adlers (1995) folgend entsprechen die typischen Eigenschaften und Verhaltensweisen dieser Geschwisterstellungen am ehesten den oben genannten Rollenerwartungen an Männer und Frauen in einer Partnerschaft.

1.3.5 Persönlichkeitsmerkmale des einzelnen Partners

Die bisher genannten Theorien bezogen sich unter den verschiedensten Aspekten auf eine gute Passung beider Partner. Wichtig für die Paarqualität erschienen dabei nicht die Persönlichkeitsmerkmale, die der einzelne in die Paarbeziehung einbringt, sondern welche Merkmale beider Partner in der Paarbeziehung kombiniert werden. Es sollen nun einige Persönlichkeitsmerkmale und Fähigkeiten, erläutert werden, die von verschiedenen Autoren als gute Prädiktoren für eine erfolgreiche Partnerschaft angesehen werden, unabhängig davon, wie diese Merkmale mit denen des Partners zusammenpassen.

Neurotizismus ist laut Asendorpf (1999) eines der die Paarzufriedenheit am besten vorhersagenden Persönlichkeitsmerkmale, was bereits in verschiedenen Studien (Kelly und Conley, 1987; Kurdek, 1993; nach Asendorpf 1999) nachgewiesen wurde. Dies ist schon allein dadurch erklärbar, daß Neurotizismus eine Eigenschaft ist, die per definitionem Sorgen und häufige negative Gefühlszustände mit einschließt, so daß neurotische Menschen leichter Unzufriedenheit empfinden als andere. Zusätzlich dürfte die Tatsache, daß ein neurotischer Mensch emotional labil ist, zu unrealistischen Ideen neigt und schlecht in der Lage ist, seine Bedürfnisse zu kontrollieren (Borkenau und Ostendorf, 1993), seine Beziehungsfähigkeit allgemein verschlechtern (vgl. Hahlweg, 1998), so daß auch hierdurch seine Chancen, in einer Paarbeziehung glücklich zu sein, beeinträchtigt sind.

Weitere Persönlichkeitsmerkmale, die die Beziehungsfähigkeit eines Menschen beeinflussen, sind Depressivität, Kommunikationsstil und Problemlösefähigkeiten (Hahlweg, 1998; Hautzinger und de Jong-Meyer, 1998).

Außerdem wird die Partnerschaftsqualität beeinflußt durch den Attributionsstil eines Menschen, das heißt durch Erklärungen, die für das Verhalten des Partners gesucht werden. Dabei sind Erklärungen, die negatives Verhalten des Partners seinen internen Dispositionen zuschreiben, eigenes Verhalten jedoch eher durch externe Umstände verursacht sehen, besonders unkonstruktiv und kennzeichnend für unzufriedene Paare (Fiedler und Ströhm, 1991).

Da ein Zusammenhang zwischen einzelnen Persönlichkeitsmerkmalen und der Geschwisterstellung eines Menschen nicht eindeutig belegt ist, sollen hier keine Schlußfolgerungen gezogen werden, inwieweit die soeben erläuterten Zusammenhänge zwischen der Persönlichkeit des einzelnen und der Paarzufriedenheit Rückschlüsse auf den Einfluß der Geschwisterstellung auf die Paarzufriedenheit zulassen. Es soll allerdings das gut belegte Persönlichkeitsmerkmal Neurotizismus in die spätere empirische Untersuchung einbezogen werden, um einen Vergleich der Wirkung der untersuchten unabhängigen Variable „Geschwisterkonstellation der Partner in der Ursprungsfamilie“ mit der Wirkung von Neurotizismus auf die abhängige Variable Paarqualität zu ermöglichen.

1.3.6 Paarqualität im Licht der Alltagspsychologie

Nachdem nun verschiedene wissenschaftliche Theorien dazu erläutert worden sind, welche Faktoren dazu beitragen können, eine Partnerschaft besonders zufriedenstellend zu gestalten, soll abschließend dargestellt werden, welche Merkmale einer Paarbeziehung in der Alltagspsychologie als Merkmale einer guten Paarbeziehung gelten und inwieweit diese Merkmale als besonders guter Prädiktor für eine gute Paarbeziehung angesehen werden. Um dies festzustellen, hat Hassebrauck (1995) in seiner Untersuchung der Kognitionen von Beziehungsqualität seine Testpersonen zunächst gebeten, alle Merkmale einer guten Paarbeziehung zu nennen, die diesen einfallen. Besonders häufig genannt wurden die in Abbildung 1.2 dargestellten Kriterien:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1.2: Merkmale einer guten Paarbeziehung, die von naiven Versuchspersonen besonders häufig genannt wurden (nach Hassebrauck, 1995)

Weiterhin befragte Hassebrauck seine Versuchspersonen, inwieweit ein bestimmtes Merkmal ein besonders guter Hinweis für Paarzufriedenheit sei. Er legte ihnen Schätzskalen von 1 (sehr guter Hinweis) bis 7 (kein guter Hinweis) vor. Als besonders gute Hinweise wurden Vertrauen und Liebe mit dem Durchschnittswert 1,5 bzw. 1,7 bewertet. „Einander zuhören“ erhielt den Wert 1,9, „miteinander reden“ den Wert 2,0. Ebenfalls als gute Hinweise galten sexuelle Harmonie (2,5) und sexuelle Zufriedenheit (2,6).

1.3.7 Zusammenfassung

Die vorgestellten theoretischen Überlegungen zu den Einflußfaktoren auf die Paarzufriedenheit enthalten viele Ansatzpunkte, die die Wirkung der Geschwisterstellung beider Partner auf die Partnerschaft erklären könnten. Da die empirischen Befunde zum Einfluß der Geschwisterstellung auf die Persönlichkeitsentwicklung jedoch nicht widerspruchsfrei sind, können keine eindeutigen Schlüsse dahingehend gezogen werden, welchen Einfluß die Geschwisterstellung auf die Paarzufriedenheit hat. Deshalb soll in der vorliegenden Untersuchungen auch das subjektive Erleben der einzelnen Befragten berücksichtigt werden, um explorativ zu neuen Erkenntnissen darüber gelangen zu können, wie sich die Geschwisterstellung der Partner auf die Paarbeziehung auswirkt.

2 Geschwisterkonstellation und Persönlichkeitsentwicklung

Im vorangegangenen Kapitel wurde herausgestellt, daß die Qualität einer Partnerschaft entscheidend durch Persönlichkeitsmerkmale beider Partner beeinflußt wird. Es soll nun näher erläutert werden, durch welche Faktoren die Persönlichkeit eines Menschen geformt wird. Bezugnehmend auf das Thema der vorliegenden Arbeit wird dabei der Familienkonstellation und speziell der Geschwisterkonstellation besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Vermittelnde Prozesse des Einflusses der Geschwisterstellung eines Menschen auf seine Persönlichkeitsentwicklung werden aufgezeigt und „typische“ Eigenschaften bestimmter Geschwisterstellungen übersichtlich dargestellt.

2.1 Entwicklung der Persönlichkeit

Als Persönlichkeit eines Menschen werden seine überdauernden, nichtpathologischen, verhaltensrelevanten individuellen Persönlichkeitsdispositionen innerhalb einer bestimmten Population bezeichnet. Eine Disposition ist ein Merkmal einer Person, das eine mittelfristige zeitliche Stabilität aufweist und dazu führt, daß eine Person in bestimmten Situationen mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ein bestimmtes Verhalten zeigt. Die Entwicklung dieser Verhaltensdispositionen wird sowohl von der Umwelt eines Menschen als auch von seinen genetischen Anlagen beeinflußt. Dabei wird in der Persönlichkeitspsychologie der Umweltbegriff eingegrenzt auf mittelfristig stabile Umwelteigenschaften, die Personen charakterisieren und auf sie einwirken (Asendorpf, 1999).

Einen wesentlichen Teil der Umwelteigenschaften einer Person stellen die innerfamiliären Beziehungen seiner Herkunftsfamilie dar. Sie setzen sehr früh ein, sind lang andauernd und betreffen die verschiedensten Lebensbereiche und sind deshalb von großer Bedeutung für die Entwicklung interindividueller Unterschiede. In früheren Forschungsarbeiten wurde vor allem der Einfluß der Eltern auf die Kinder untersucht, heute steht das gesamte Beziehungssystem mit all seinen Wechselwirkungen im Mittelpunkt des Interesses (Schneewind, 2000).

Das Geschwister-Subsystem ist ein wichtiger Teil dieses Beziehungssystems und die zeitlich ausgedehnteste Beziehungsform eines Menschen. Sie ist charakterisiert durch hohe Erwartungen an Solidarität und Unterstützung über die Lebensspanne, einen hohen Intimitätsgrad und damit verbundene intensive positive und negative Emotionen. So ist anzunehmen, daß Geschwister einen gewissen Einfluß auf Persönlichkeit und Entwicklung haben, wenn es auch wegen der Fülle und Komplexität unterschiedlicher Familienstrukturen nicht leicht ist herauszufinden, welche Entwicklungseffekte in ihrem Bedingungskontext zu individuellen Persönlichkeitsunterschieden führen (Schneewind, 2000; Bank und Kahn, 1994).

Dabei ist zum Beispiel von Bedeutung, welche Geschwisterstellung ein Kind in seiner Familie einnimmt. Es kann nicht ohne Wirkung bleiben, über lange Jahre hinweg das physisch schwächste Mitglied der Familie gewesen zu sein, wie es für das jüngste Geschwister im allgemeinen zutrifft, oder häufig die Verantwortung für das kleinere Geschwister übernommen zu haben, wie es beim ältesten Kind der Fall ist. Wie dieser Einfluß genau aussieht ist nicht immer offensichtlich. Eine bestimmte Geschwisterstellung einzunehmen ist nicht dasselbe wie zum Beispiel männlichen oder weiblichen Geschlechts zu sein. Es gibt keine deutlichen physiologischen Anzeichen, die den biologischen Charakter und die erwarteten Handlungen einer Person voraussagen, die Erst-oder Letztgeborene ist. Geschwisterstellung ist eine latente Variable, die in der Interaktion zwischen zwei Menschen nicht sofort offensichtlich wird, und doch verhält es sich wie mit dem psychischen Geschlecht - es gehen mit ihr systematische Verhaltensmuster einher (Rosenberg & Sutton-Smith, 1970).

Eine anderer wichtiger Einflußfaktor für die Entwicklung eines Menschen ist die emotionale Qualität der Geschwisterbeziehung. So fand Amato (1989, nach Kasten, 1998), daß Jugendliche mit einer guten Geschwisterbeziehung auch über ein positives Selbstbewußtsein und Selbstkonzept, gute soziale Kompetenzen und Anpassungsfähigkeiten, Unabhängigkeit und Selbstkontrolle verfügen. Bank und Kahn (1994) nehmen an, daß das Skript für eine Geschwisterbeziehung sich schon in den ersten Jahren weitgehend vorsprachlich und auf rein gefühlsmäßiger Ebene entwickelt. Mit der Kenntnis dieser in der Kindheit entwickelten Skripte und Gefühle lassen sich die Interaktionen zwischen Geschwistern in Adoleszenz und Erwachsenenalter vorhersagen. Die Geschwisterbeziehung wird beeinflußt durch die Persönlichkeit der Eltern, die Qualität der ehelichen Paarbeziehung sowie die Besonderheiten der Eltern-Kind-Beziehung. (Schneewind, 2000; Bank & Kahn, 1994)

2.2 Vermittelnde Prozesse für den Einfluß der Geschwisterstellung auf Persönlichkeit

Die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen läßt sich durch das dynamisch-interaktionistische Paradigma beschreiben. Seine zentrale Annahme ist eine kontinuierliche Wechselwirkung zwischen Person und Umwelt. Änderungen von Person oder Umwelt sind erklärbar durch Veränderungsprozesse innerhalb der Person und der Umwelt sowie aus Einflüssen der Umwelt auf die Person und umgekehrt (Asendorpf, 1999). Im folgenden interessieren vor allem Personänderungen durch den Einfluß der Umwelt auf die Person. Es soll gezeigt werden, daß dieser Umwelteinfluß entscheidend mitbestimmt wird durch die Tatsache, daß ein Kind Geschwister hat und welche Geschwisterstellung ein Kind in der Familie einnimmt.

2.2.1 Einstellungen der Eltern

Schon vor der Geburt eines Kindes sind die Einstellungen seiner Eltern ihm gegenüber davon geprägt, ob dieses Kind ihr erstes oder ein später geborenes ist. Das erste wird meist mit Ungeduld und Freude erwartet, die Hoffnungen und Wünsche aller Familienmitglieder konzentrieren sich auf dieses Kind (Hoopes & Harper, 1987). Wenn es dann geboren ist, sind die Eltern in ihrem Verhalten ihm gegenüber noch unsicher und oft überfürsorglich. Sie beobachten mit Spannung jeden neuen Entwicklungsschritt und spornen ihr Kind zu weiteren Leistungen an. Beim zweiten Kind sind die meisten Eltern sehr viel entspannter und sicherer in ihrem Verhalten ihm gegenüber und verfolgen längst nicht mehr so gebannt seine Entwicklung (vgl. Leman, 2000; Forer & Still, 1991).

2.2.2 Rollenzuschreibungen der Eltern an das Kind

Alle Eltern haben bestimmte Erwartungen an ihr Kind. Wenn sich das Kind entsprechend diesen Erwartungen verhält, wird es belohnt und seine Anstrengungen in dieselbe Richtung verstärkt. Wird ein Geschwisterkind geboren, hat auch dieses Erwartungen an sein älteres Geschwister, genauso wie das ältere Geschwister Erwartungen an das Neugeborene hat. Forer und Still (1991) gehen davon aus, daß die Erwartungen der Familienmitglieder an ein bestimmtes Kind eng mit der Geschwisterposition dieses Kindes verbunden sind. Vom ältesten Geschwister wird erwartet, daß es schon vernünftiger ist als die Kleineren, daß es auch einmal zurücksteckt, Verantwortung für seine jüngeren Geschwister übernimmt und sich um sie kümmert und in Schule und Beruf besonders leistungsfähig ist (Leman, 2000; Toman, 1996; Forer und Still, 1991). Das jüngste Geschwister nimmt in den Augen der Eltern, Geschwister und anderer Verwandter oft die Rolle des Nesthäkchens ein, es wird verwöhnt und man erwartet weniger Leistung von ihm als vom Ältesten.

Wie stark Rollenzuschreibungen und –erwartungen einen Menschen in seinem Verhalten beeinflussen können, zeigt das Stanford-Gefängnisexperiment von Haney, Banks und Zimbardo (1973, nach Fischer und Wiswede, 1997), in dem die Versuchsteilnehmer per Zufall in zwei Gruppen aufgeteilt wurden: die Gruppe der Wärter mit entsprechenden Befugnissen und Rollenzuschreibungen und die Gruppe der Gefangenen. Die Wärter wurden im Verlauf des Experiments zunehmend bösartiger und sadistischer, die Gefangenen resignierten. Die gezeigten Verhaltensmuster konnten nicht durch soziale oder persönliche Merkmale der Teilnehmer vorhergesagt werden, sie kamen also allein aufgrund der Rollenaufteilung zustande.

2.2.3 Annahmen der Eltern über die Persönlichkeit ihrer Kinder

In einer Metauntersuchung aller ihnen bekannten Studien zum Einfluß der Geschwisterstellung auf die Persönlichkeit eines Kindes zwischen 1946 und 1980 fanden Ernst und Angst (1983), daß Eltern ihre älteren Kinder als ruhiger, ernster, introvertierter, empfindsamer, angepaßter und verantwortlicher einschätzten als die jüngeren, obwohl die Selbsturteile der Kinder sich nicht voneinander unterschieden. Asendorpf (1988) nimmt an, daß dies entweder daran liegen könnte, daß das Urteil der Eltern durch Vorannahmen über typisches Verhalten älterer oder jüngerer Geschwister verzerrt wird oder aber daß sich die Kinder nur ihren Eltern (und vermutlich auch Geschwistern, Anm. d. Autorin) gegenüber so verhalten, dieses Verhalten also rollenspezifisch ist. Unabhängig davon, wie das Elternurteil zustandekommt, werden sich die Eltern ihren Kindern gegenüber aufgrund ihres Urteils auf eine bestimmte Art verhalten. Eine Einschätzung des Kindes als verantwortlicher wird zum Beispiel dazu führen, daß es mehr Verantwortung übertragen bekommt als das Jüngere und damit noch mehr Verantwortungsgefühl entwickeln kann.

2.2.4 Geteilte und nicht geteilte Umwelt

Man geht davon aus, daß sich der Umwelteinfluß auf Persönlichkeitseigenschaften von zwei gemeinsam aufwachsenden Geschwistern in zwei Anteile zerlegen läßt: Einflüsse, die auf beide Geschwister in gleicher Weise wirken (geteilte Umwelt) und solche, die nur auf je ein Geschwister wirken (nicht geteilte Umwelt). Früher nahm man an, daß die Persönlichkeit von Geschwistern vor allem durch die von ihnen geteilten Umwelteinflüsse beeinflußt wird wie den Erziehungsstil der Eltern. Dies müßte gemeinsam mit der fünfzigprozentigen genetischen Ähnlichkeit dazu führen, daß Geschwister einander sehr ähnlich sind. Es wurde jedoch in allen Forschungsarbeiten zur Persönlichkeit von Kindern, die mehr als ein Kind innerhalb einer Familie einbezogen, festgestellt, daß Geschwister sich ganz allgemein deutlich voneinander unterscheiden (Dunn, 1990). Dies führte zu dem Schluß, daß die von den Geschwistern nicht geteilten Umwelteinflüsse sehr viel entscheidender für ihre Persönlichkeitsentwicklung sind als die von ihnen geteilten (Asendorpf, 1999).

Ein wichtiger Aspekt der Wirkung von geteilter und nicht geteilter Umwelt besteht darin, daß, selbst wenn sich die Mütter ihren Kindern gegenüber in der jeweiligen Entwicklungsphase gleich verhalten, dieses Verhalten von den Kindern sehr unterschiedlich erlebt wird. (Dunn, 1996). Ein Kind, das als einjähriges von seiner Mutter sehr viel Aufmerksamkeit bekommen hat, wird sich an diese Aufmerksamkeit nicht mehr erinnern, wenn seine Mutter dieselbe Aufmerksamkeit seinem zwei Jahre jüngeren Geschwister schenkt, während sie das nun dreijährige Kind etwas weniger beachtet. Im direkten Vergleich erlebt es also das Verhalten der Mutter ihm gegenüber als verschieden von dem, was sie seinem Geschwister gegenüber zeigt. Dieses unterschiedliche Erleben der Geschwister führt dazu, daß die Geschwister voneinander verschiedene Persönlichkeiten entwickeln.

Ein weiterer Aspekt ist das tatsächlich unterschiedliche Verhalten der Eltern gegenüber ihren Kindern. Dies ist abhängig von den sich schon bei der Geburt unterscheidenden Persönlichkeitseigenschaften der Kinder wie Temperament oder Intelligenz, aber auch von den oben bereits erwähnten Eigenschaftszuschreibungen der Eltern an die Kinder in Verbindung mit deren Geschwisterposition. Die Geschwisterposition ist also eine von den in ein und derselben Familie lebenden Kindern nicht geteilte Umweltbedingung.

2.2.5 De-Identifikation

Die ohnehin voneinander verschieden verlaufende Persönlichkeitsentwicklung von Geschwistern wird verstärkt durch Abgrenzungsprozesse der Geschwister untereinander, die dadurch zustandekommen, daß jedes Kind nach seiner eigenen Identität in der Familie sucht (Lüscher 1997).

Lüscher zitiert das Erklärungsmodell von Schachter (1976), nach dem die Geschwister auf der Suche nach ihrer Identität unter sich die verschiedensten Rollen verteilen in Abhängigkeit von Begabungen, Fähigkeiten und Persönlichkeitseigenschaften. Diese Rollen sind dann „besetzt“ und nicht mehr austauschbar. Über positive oder negative Anerkennung der Umwelt werden diese Prozesse noch verstärkt.

2.3 Die Eigenschaften der einzelnen Geschwisterstellungen

Unterschiedliche Autoren, die sich mit dem Einfluß der Geschwisterstellung auf die Persönlichkeit befassen (Leman, 2000; Toman, 1996; u.a.) kommen aufgrund eigener Untersuchungen und ihrer klinischen Erfahrung zu der Auffassung, daß aufgrund der oben beschriebenen Prozesse der Persönlichkeitentwicklung in der Familie jede Geschwisterposition mit ganz bestimmten Eigenschaften und Verhaltensweisen verbunden ist.

Die Auffassungen der verschiedenen Autoren sind in Abbildung 2.1 in einer Übersicht im Vergleich dargestellt. Es zeigt sich, daß es zwar durchaus Gemeinsamkeiten in den einzelnen Beschreibungen gibt, das Bild aber insgesamt doch recht heterogen erscheint.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2.1: Eigenschaften der einzelnen Geschwisterstellungen im Überblick

Toman (1996) und Forer & Still (1991) sind der Ansicht, daß auch das Geschlecht eines Kindes und seiner Geschwister für die Vorhersage von Konstellationseffekten auf die Persönlichkeit eines Kindes von Bedeutung sind. Forer & Still erwähnen das älteste Mädchen, das eher intellektuelles Leistungsstreben und wenig Interesse an Hausarbeiten zeigt, unabhängig vom Geschlecht seines Geschwisters. Toman glaubt, daß ein Mensch besser auf den Kontakt mit andersgeschlechtlichen Personen vorbereitet ist (und damit auch auf eine spätere heterosexuelle Paarbeziehung), wenn er schon mit Menschen des anderen Geschlechts aufwächst. Menschen, die mit einem älteren Geschwister gleichen Geschlechts aufwuchsen, neigen ihm zufolge dazu, mit anderen in Konkurrenz und Wettbewerb zu treten.

Bemerkenswert in Bezug auf den Effekt der Geschwisterstellung auf die Entwicklung eines Menschen ist der Befund von Allred und Poduska (1988). Sie fanden, daß männliche jüngste Geschwister mit ihrem Leben einschließlich Paarbeziehung deutlich unzufriedener sind als mittlere Geschwister und daß männliche älteste Geschwister insgesamt zufriedener sind als mittlere. Bei den untersuchten Frauen waren sowohl die jüngsten als auch die ältesten Geschwister mit ihrem Leben deutlich unzufriedener als die mittleren Geschwister. Sie führen diese Ergebnisse darauf zurück, daß jüngste Geschwister erwarten, immer so verwöhnt und versorgt zu werden wie in der Ursprungsfamilie, dies aber im allgemeinen nicht möglich ist. Weibliche Älteste sollen deshalb unzufriedener sein, weil sie die führende Rolle, die sie in der Familie eingenommen haben, in der Gesellschaft nicht einnehmen dürfen oder hart erkämpfen müssen, währenddessen männliche Älteste sehr viel eher die Möglichkeit erhalten, die Führungsrolle, die sie aus der Familie gewohnt sind, in der Gesellschaft auch weiterhin auszufüllen.

[...]


[1] diese Konzepte sind auch anwendbar auf nicht verheiratete Paare (vgl. Hahlweg 1991)

[2] Zur Visualisierung komplementärer Partnerschaften und Partnerschaften mit gleicher Geschwisterstellung beider Partner, siehe Kapitel 4.4.3, Operationalisierung der unabhängigen Variablen

[3] Minnesota Multiphasic Personality Inventory

Details

Seiten
115
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638221603
ISBN (Buch)
9783638713221
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v17632
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Entwicklungspsychologie, Persönlichkeitspsychologie und Psychodiagnostik
Note
sehr gut
Schlagworte
Zusammenhang Erfolg Partnerschaft Geschwisterposition Partner Ursprungsfamilie Geschwister Paarbeziehung Geschwisterkonstellation Paar Geschwisterstellung Geschwister Stellung Glück Paar Bruder Schwester Älteste Jüngste Geschwisterreihe

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Titel: Der Zusammenhang zwischen dem Erfolg einer Partnerschaft und der Geschwisterposition beider Partner in der Ursprungsfamilie