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Integration und ethnische Schichtung

Hausarbeit 2008 34 Seiten

Soziologie - Kultur, Technik und Völker

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorbemerkungen
2.1. Terminologische Probleme: Inländer und Ausländer
2.2. Ethnische Minderheiten in Deutschland

3. Theoretische Grundlegung
3.1. Das Integrationskonzept nach Hartmut Esser
3.2. Soziale Schichtung
3.3. Ethnische Schichtung
3.4. Strukturelle Assimilation und ethnische Schichtung

4. Bestandsaufnahme: Ethnische Schichtung in Deutschland
4.1. Schulische und berufliche Bildung
4.1.1. Schulische Bildung
4.1.2. Berufliche Bildung
4.2. Stellung im Erwerbsleben und Beruf
4.2.1. Stellung im Erwerbsleben
4.2.2. Berufsstellung
4.3. Haushaltsnettoeinkommen

5. Interpretatorische Einschränkungen: die Unterschichtungshypothese

6. Niveau der strukturellen Assimilation in Deutschland

7. Fazit

8. Anhang

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Integration der Einwanderer und ihrer Nachkommen in die deutsche Gesellschaft ist ein Dauerbrenner der Tagespolitik und der deutschen Medienlandschaft. Kaum ein anderes Thema wird im Zusammenhang mit dem Thema Migration heißer diskutiert als die Eingliederung der Migranten und Migrantinnen[1]. Angela Merkel bezeichnete die Integration der ethnischen Minderheiten dabei als „ein wirkliches Schlüsselthema der Zukunftsfähigkeit Deutschlands“[2]. Maria Böhmer, Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, deklariert sogar: „2008 ist das Schlüsseljahr der Integration“[3]. Neben der großen Aufmerksamkeit, die das Thema in der Tagespolitik und den Medien erhält, gibt es auch eine hohe Anzahl von unterschiedlichen Ansätzen und Konzepten in der soziologischen und politikwissenschaftlichen Analyse, die wiederum zum Teil eine starke Rezeption in der Politik erhalten haben. Hier sei nur auf die Diskussion um die multikulturelle Gesellschaft oder die Idee der Leitkultur verwiesen. Ethnische Schichtung als Spezialfall sozialer Ungleichheit ist ebenfalls ein Thema, welches immer wieder in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Nicht zuletzt der Dritte Armutsbericht der Bundesregierung von 2008 weist auf die Problematik dieses gesellschaftlichen Phänomens hin. Darin wird auch festgestellt, dass die Lebenschancen einer Person elementar von der sozialen Positionierung der Eltern – sprich der sozialen Herkunft – abhängig sind[4].

Die vorliegende Arbeit widmet sich einem Aspekt des allumfassenden Themas sozialer Integration: die soziale Distanz zwischen der deutschstämmigen Bevölkerung und den ethnischen Minderheiten. Soziale Distanz wird dabei in erster Linie als sozioökonomische Distanz interpretiert. Im Mittelpunkt steht hier das Konzept der ethnischen Schichtung. Herausgearbeitet wird, inwieweit die deutsche Gesellschaft ethnisch geschichtet ist. Hauptsächlich wird dazu Datenmaterial des Statistischen Bundesamtes ausgewertet. Daneben werden allerdings auch weitere empirische Untersuchungen zum Vergleich herangezogen. Nach dieser Analyse der Schichtungssituation in Deutschland stellen sich verschiedene Fragen, die es zu klären gibt: Liegt ethnische Schichtung vor? Welche ethnischen Gruppen sind dabei besonders benachteiligt? Welche Gruppen schneiden überdurchschnittlich gut ab? Schlussendlich soll geklärt werden, ob die erarbeiteten Ergebnisse Rückschlüsse auf das Integrationsniveau der jeweiligen ethnischen Minderheiten zulassen; speziell hinsichtlich der Eingliederung der ethnischen Minderheiten in den deutschen Arbeitsmarkt. Hier ist die zentrale Frage: Sind die Migranten

Dabei ist von Beginn an klar, dass diese Arbeit es nicht vermag das Thema der sozialen Integration ganzheitlich zu erfassen. Dies wird auch nicht beabsichtigt. Lediglich ein Teilaspekt der Problematik soll hier angesprochen werden – nämlich die sozioökonomische Integration beziehungsweise die strukturelle Assimilation. Diese soll aufgrund der Analyse der ethnischen Schichtung in Deutschland herausgearbeitet werden. Es sollen demnach auch keine normativen Vorgaben für eine gelingende Integration gegeben oder die Frage nach dem besten Weg beantwortet werden. Vor der eigentlichen Analyse müssen allerdings einige theoretische Aspekte angesprochen und geklärt werden. Neben einigen grundlegenden Erläuterungen zu den dichotomen Kategorien Inländer/Ausländer aus soziologischer Perspektive, soll sodann der Begriff der ethnischen Gruppe beziehungsweise der ethnischen Minderheit expliziert werden. Im Anschluss daran wird das Konzept der strukturellen Assimilation nach Hartmut Esser erläutert. Daraufhin erfolgt eine Darlegung der Theorie sozialer Schichtung im Allgemeinen und der ethnischen Schichtung im Speziellen. Erst im Anschluss daran wird das vorliegende Datenmaterial ausgewertet.

2. Vorbemerkungen

2.1 Terminologische Probleme: Ausländer und Inländer

Die vor allem in der Rechtswissenschaft gebrauchten Kategorien Ausländer und Inländer sind für eine soziologische Analyse nicht angemessen. Verschleiern sie doch, dass Integrationsprobleme mit der Verleihung der Staatsbürgerschaft keineswegs aufgehoben werden. Ob ein Individuum in eine soziale Gemeinschaft integriert ist, hat zunächst nichts mit seiner Staatsbürgerschaft zu tun. In Deutschland geborene Nachkommen von Migranten können durchaus vor den gleichen Schwierigkeiten bei der Integration stehen, gleichwohl sie die deutsche Staatsbürgerschaft erlangen können[5]. Natürlich kann es durchaus sein, dass der Besitz der Staatsbürgerschaft als integratives Symbol durchaus Wirkung zeigt. Das dieses aber Problem durchaus Relevanz besitzt, zeigen die Zahlen aus den Tabellen 1a und 1b: Im Jahre 2005 gab es in Deutschland 7,3 Millionen Ausländer, was einem Anteil von 8,9 Prozent entsprach. Weitere 9,1 Prozent der Bevölkerung, nämlich 7,5 Millionen Menschen, haben einen Migrationshintergrund, gleichwohl sie rein rechtlich gesehen deutsche Staatsbürger sind. Das heißt, dass sie zwar die deutsche Staatsbürgerschaft haben, aber entweder vor einiger Zeit in Deutschland eingewandert sind oder aber die Nachkommen von Migranten sind. Das Begriffsduo Ausländer/Inländer lässt diese detailierten Betrachtungen freilich nicht zu. Bei der soziologischen Analyse der Integration sollte vielmehr auf die ethnische Zugehörigkeit der einzelnen Individuen oder Gruppen abgehoben werden. Hier ist der Begriff der Person mit Migrationshintergrund, wobei die Migrationserfahrung selbst gemacht worden sein kann oder von den Eltern beziehungsweise einem Elternteil herrühren kann, angebracht. Soweit möglich wird sich diese Arbeit auf alle Personen mit Migrationshintergrund beziehen, also sowohl auf deutsche als auch auf ausländische Personen. Die Begriffe Migrant oder Einwanderer werden im Folgenden zudem äquivalent zum Begriff der Person mit Migrationshintergrund oder der ethnischen Minderheit gebraucht und beziehen somit auch solche Personen ein, die keine eigene Migrationserfahrung haben. Das Statistische Bundesamt bietet dementsprechend folgende Definition an: „Zu den Menschen mit Migrationshintergrund zählen alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland Geborenen mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil.“[6]

2.2 Ethnische Minderheiten in Deutschland

Ethnische Gruppen sind Wir-Gruppen; sie haben ein Wir-Gefühl. Der Gemeinschaftsglaube (Max Weber) dieser Gruppen beruht dabei auf – realen, aber auch fiktiven – Gemeinsamkeiten zwischen den Individuen[7]. Dies können Gemeinsamkeiten hinsichtlich Abstammung, Kultur, Sprache und Geschichte und ähnliches sein. Der Gemeinschaftsglaube der Gruppenmitglieder impliziert dabei nicht nur den Glauben an eine gemeinsame Herkunft oder eine gemeinsame Geschichte, sondern auch ein Zusammengehörigkeitsbewusstsein. Die ethnische Grenzziehung, also die Kennzeichnung von In- und Out-Group aufgrund der Gemeinsamkeiten, ist in diesem Falle also eine Selbstdefinition. Gruppen bedürfen aber auch der Anerkennung durch die Umwelt, um als Gruppe existieren zu können. Dementsprechend ist die Fremddefinition ein weiterer wichtiger Faktor. Ethnische Grenzziehung ist also ein wechselseitiger sozialer Tatbestand[8]. In manchen Fällen beruht die ethnische Differenzierung allerdings nicht auf dem freien Willen der Individuen, sondern wird von der Gesellschaft an die Gruppe herangetragen, ihr aufgezwungen, so dass die Selbstdefinition die Folge gesellschaftlicher Stigmatisierung ist. Für die Fremddefinition gilt dabei: Je größer die Unterschiede (Hautfarbe, Sprache, Religion etc.) zwischen den Individuen sind, desto eher kommt es zu ethnischer Grenzziehung[9].

Ein Aspekt, der bei diesen Überlegungen oft nicht beachtet wird beziehungsweise implizit unterstellt wird, ist die Vorstellung einer konformen, internen Gruppenstruktur. Die ethnischen Gruppen sind keineswegs homogen; es handelt sich hier vielmehr um „sehr vielgestaltige und facettenreiche Gruppen“[10], die oftmals die landesspezifischen Eigenarten und Unterschiede (verschiedene Dialekte, Kulturen etc.) im Aufnahmeland wiederspiegeln. Die Homogenität der ethnischen Gruppen ist in erster Linie nur die Anschauung der Gruppenumwelt. Bei den sogenannten ethnischen Gruppen handelt es sich zudem im Regelfall gar nicht um Gruppen im eigentlichen Sinne, sondern eher um soziale Kategorien[11].

Statt ethnischer Gruppen wird bei dem Thema dieser Arbeit vor allem der Begriff der ethnischen Minderheit benutzt. Dieser impliziert einige weitere wichtige Aspekte. Minderheit bedeutet nicht nur zahlenmäßige Unterlegenheit im Vergleich zur ethnischen Majorität, sondern auch Minderheit in einem weiteren Sinne: Sie werden benachteiligt, diskriminiert und haben eine schlechtere Stellung im Schichtungsgefüge. Des Weiteren haben sie weniger Rechte (im Fall von Ausländern), weniger Ansehen und verfügen in schlechterem Ausmaß über gesellschaftlich relevante Ressourcen[12]. Heckmann fasst diese Umstände wie folgt zusammen: „Ethnische Minderheiten sind innerhalb eines Systems ethnischer Schichtung benachteiligte, unterdrückte, diskriminierte und stigmatisierte Gruppen. Ethnische Mehrheiten dagegen sind die im System ethnischer Schichtung dominierenden ethnischen Gruppen“[13].

Ethnische Gruppen müssen freilich per se keinen Migrationshintergrund haben. Hier sei beispielsweise an die Sorben in Ostdeutschland oder die dänische Minderheit in Norddeutschland erinnert. Für die vorliegende Arbeit von Belang sind allerdings nur die ethnischen Minderheiten mit Migrationshintergrund. Tabelle 1c gibt einen Überblick über die Verteilung der knapp 15 Millionen Personen mit Migrationshintergrund auf die in Deutschland am stärksten vertretenen Ethnien. Am stärksten präsent sind demnach die türkischstämmigen Personen, die mit 2,5 Millionen 16,5 Prozent der Bevölkerung mit Migrationshintergrund ausmachen. Auch die anderen ehemaligen Gastarbeiterländer Italien (0,76 Millionen) und Griechenland (0,37 Millionen) sind stark vertreten. Aus dem ehemaligen Bürgerkriegsland Jugoslawien stammen weitere große Gruppen: Serbien und Montenegro mit 0,49 Millionen, Kroatien mit 0,38 Millionen und Bosnien und Herzegowina mit 0,29 Millionen Personen. Daneben hat vor allem die russisch- (0,94 Millionen) und polnischstämmige Bevölkerung (0,85 Millionen) großen Anteil an den Migranten. Die vorliegenden Untersuchungen werden sich größtenteils auch auf diese Gruppen beschränken, da hier die meisten Daten vorliegen.

3. Theoretische Grundlegung

3.1 Das Integrationskonzept nach Hartmut Esser

Eine einheitliche Definition des Begriffs Integration sucht man in der Soziologie vergebens. Hubert Rottleuthner schildert die sich daraus ergebenden Probleme wie folgt: „Das begriffliche Chaos ist nämlich beträchtlich. Irgendwie geht es um sozialen Zusammenhalt oder Zusammenhang, Vergemeinschaftung, um Kohäsion und Kohärenz, manchmal auch um soziale Ordnung, um Handlungskoordinierung, Interdependenzen, sogar die moralische Integrität taucht als eine ‚Form der sozialen Integration‘ auf. Mal wird Integration als Ergebnis, als resultierender Zustand konzipiert, mal als Prozess, mitunter auch als ‚Optimierungsproblem‘ und gleich noch als dessen Lösung. […] In solchen Momenten, in denen die Sprache anfängt zu feiern, ist es sinnvoll, sich die Erfahrungen und Probleme zu vergegenwärtigen, auf die hin der Begriff der Integration in mögliche Lösungskontexte eingestellt wurde und wird“[14]. Genau das soll nun passieren. Um die im späteren Verlauf der Arbeit präsentierten Daten zur ethnischen Schichtung sachgemäß bewerten zu können, muss zunächst ein geeignetes Konzept von Integration vorgestellt werden. Schulische und berufliche Bildung, Erwerbstätigkeit und Einkommen sind Daten zur sozioökonomischen Situation; entsprechend sollte der Integrationsbegriff auch diese Dimensionen beinhalten. Einen guten Ansatz dafür bietet das Integrationskonzept nach Hartmut Esser, das im Folgenden vorgestellt werden soll[15].

Einwanderung bedeutet für Esser zunächst Auswanderung aus bekannten sozialen Kontexten mit bekannten sozialen Normen und Werten. Das Individuum muss sich in der Aufnahmegesellschaft an andere Normen- und Wertsysteme anpassen. Folglich ist es in einem Zustand der Desintegration[16]. Dieser ist umso größer, je unterschiedlicher die kulturellen Kontexte zwischen Auswanderungs- und Einwanderungsland sind. Aus Desintegration folgen dabei durchaus relevante Probleme für die Migranten und die Aufnahmegesellschaft: Handlungsunsicherheiten in alltäglichen Situationen, Stärkung der sozialen Distanz, Entwicklung von Stereotypen und Vorurteilen.

Unter dem Begriff ‚Integration‘ wird zunächst der Zusammenhalt von Teilen in einem Ganzen verstanden[17]. Integration lässt sich dabei hinsichtlich zweier Sichtweisen untersuchen: auf der Ebene der Systemintegration und auf der Ebene der Sozialintegration, eine Unterscheidung, die auf David Lockwood zurückgeht[18]. Systemintegration hebt dabei auf den Zusammenhalt eines Systems – zum Beispiel der Gesellschaft – als Ganzes ab. Mit Sozialintegration wird dahingegen die Integration einzelner Individuen oder Gruppen von Individuen in das System, die Gesellschaft, bezeichnet[19]. Die folgende Analyse hinsichtlich der Integration der ethnischen Minderheiten in die deutsche Gesellschaft hat demzufolge die Ebene der Sozialintegration im Fokus, so dass diese im weiteren Verlauf näher betrachtet werden muss.

Für Hartmut Esser ist eine Integration der Migranten und ihrer Nachkommen nur über eine Assimilation möglich: „Die Sozialintegration in die Aufnahmegesellschaft ist also, wie man dann sofort sieht, eigentlich nur in der Form der Assimilation möglich“[20]. Allgemein meint Assimilation die Angleichung der Einwanderer hinsichtlich bestimmter Eigenschaften – so beispielsweise die Sprache, aber auch die Einnahme gesellschaftlicher Positionen – an die Aufnahmegesellschaft. Dies darf allerdings nun nicht als eine implizierte Homogenisierung der verschiedenen ethnischen Gruppen missverstanden werden. Das Gegenteil ist der Fall: Kulturelle Pluralität kann durchaus erhalten bleiben und existiert in jeder Gesellschaft ja auch ohnehin schon[21]. Angleichung ist ferner auch als ein wechselseitiger Prozess zu verstehen; das heißt, dass auch die Aufnahmegesellschaft sich verändern kann. Dies ist umso wahrscheinlicher, je größer die ethnische Gruppe ist[22].

Esser zergliedert Assimilation nun in vier spezielle Ebenen. Er unterscheidet kognitive, identifikative, soziale und strukturelle Assimilation[23]. Kognitive Assimilation meint Akkulturation, sprich das Erlernen ebensolcher Fähigkeiten, die es erlauben sich in der Aufnahmegesellschaft ungehemmt „bewegen“ zu können. Dazu gehört zunächst einmal selbstverständlich das Erwerben von Sprachkompetenzen, daneben aber auch die Habitualisierung der gesellschaftlichen Normen- und Wertkodices. Mit der identifikativen oder emotionalen Assimilation werden nun verschiedene Fragen aufgeworfen, die sich mit der Identifikation des Migranten mit der Aufnahmegesellschaft beschäftigen: Möchte der Wanderer bald in sein Heimatland zurückkehren oder will er für immer im Aufnahmeland bleiben? Wie stark passt er sich bei Sitten und Gebräuchen an die Mehrheitsgesellschaft an? Wie stark ist die persönliche ethnische Grenzziehung zwischen der Majorität und sich selbst als Mitglied einer ethnischen Minderheit? Ferner spricht die emotionale Assimilation auch Loyalitäten gegenüber der Aufnahmegesellschaft an. Bei der sozialen Assimilation wird nun in erster Linie die Teilhabe der Migranten am sozialen Leben untersucht. So wird die Stärke interethnischer Beziehungen bezüglich der einheimischen Bevölkerung – Freundschaften und natürlich Ehegemeinschaften – überprüft, aber auch Segregationsneigungen und die Partizipation an Einrichtungen des Aufnahmelandes, zum Beispiel in Vereinen, Parteien und so fort[24]. Die letzte – und für diese Arbeit wichtigste – Variable stellt nun die strukturelle Assimilation dar. Sie fragt nach der vertikalen und horizontalen Position der Migranten in der Aufnahmegesellschaft – nach der Platzierung im sozialen System. Wichtige Indikatoren sind hier das Einkommen, der Beruf und das Bildungsniveau. Darüber hinaus wird auch der rechtliche Status der Zuwanderer herangezogen.

Bei diesen vier Variablen muss natürlich angemerkt werden, dass sie stets als Ganzes zu lesen sind, wenn man das Integrationsniveau der untersuchten Population darlegen will. Zudem existieren auch hier klare Verknüpfungen und Zusammenhänge zwischen den einzelnen Aspekten. So ist es beispielsweise logisch nachvollziehbar, dass das Erlernen der Sprache (kognitive Assimilation) als Grundvoraussetzung für viele interethnische Kontakte (soziale Assimilation) oder für eine erfolgreiche gesellschaftliche Positionierung (strukturelle Assimilation) gesehen werden kann. Nichtsdestotrotz kann das Niveau der Assimilation in den vier verschiedenen Bereichen sehr unterschiedlich sein, woraus sich durchaus Probleme ergeben können, worauf hier allerdings nicht weiter eingegangen werden soll. Ein Beispiel wäre das Vorkommen von Statusinkonsistenzen, die sich ergeben, wenn ein Migrant mit hohem Bildungsniveau lediglich niedrige berufliche Positionen erreicht[25].

Im Mittelpunkt der folgenden Analyse soll vor allem die sozioökonomische Situation der ethnischen Minderheiten in der Bundesrepublik Deutschland stehen. Dazu gehört natürlich neben der beruflichen Stellung auch das schulische und berufliche Bildungsniveau, die Bedrohung durch Arbeitslosigkeit und die durchschnittlichen Nettoeinkommen. All dies sind Indikatoren der strukturellen Assimilation. Die losgelöste Betrachtung des strukturellen Assimilationsniveaus der Migranten ist natürlich, wenn man die Integration in ihrer Gesamtheit erfassen will, nicht ausreichend; für die in der Einleitung formulierte Forschungsfrage dieser Arbeit nach der sozioökonomischen Stellung der ethnischen Minderheiten, ist die strukturelle Assimilation dahingegen bestens geeignet.

3.2 Soziale Schichtung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Das Schichtungshaus für Deutschland nach Rainer Geißler

Quelle: Geißler (2005), S. 100.

Klären wir zunächst den Begriff der sozialen Schichtung, bevor wir uns dem Konzept der ethnischen Schichtung zuwenden. Das Konzept der sozialen Schichtung bedarf auch deswegen einer Erklärung, zumal es in der wissenschaftlichen Literatur durchaus sehr unterschiedliche Ansätze gibt. Das Anliegen der Schichtungstheorie ist primär Ordnung in das Gesellschaftsgefüge zu bringen. Dies geschieht, indem Personen aufgrund ihrer sozialen Lage in verschiedene Gruppen – die Schichten – eingeteilt werden. Je nach Schichtungstheorie wankt der Umfang eben der Merkmale, die den sozialen Status beschreiben. Die meistgenannten sind: Einkommen, berufliche Stellung, Prestige, Macht, Bildung und so fort[26]. Die so entstehenden sozialen Schichten beschreiben jeweils Personengruppen, deren Mitglieder sich hinsichtlich ihrer Lebenslagen und -chancen ähneln. Zwischen den verschiedenen Schichten entstehen somit Unterschiede, die eine analytische Differenzierung der Gesellschaft ermöglichen. Zumeist erfolgt auch eine hierarchische Ordnung der Gesellschaft und somit ein Indikator für soziale Ungleichheit. Schichtungstheorien wollen demnach also nicht nur eine gewisse – zumeist vertikale – Ordnung in die Gesellschaft zu bringen, sondern versuchen auch die so aufgezeigten sozialen Ungleichheiten in der Gesellschaft zu erklären. Darüberhinaus werden aber auch horizontale Schichtungen aufgezeigt. Die dominante Schichtungsrichtung bleibt aber die vertikale Schichtung (einen beispielhaften Überblick bietet das Schichtungshaus nach Rainer Geißler in Abb. 1[27] ).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Geigers Schichtungstheorie

Quelle: Geißler (1994), S. 9f; eigene Darstellung

Beispielhaft sei hier auf die Schichtungstheorie Theodor Geigers verwiesen[28]. Geiger zergliedert seinen Ansatz sozialer Schichtung in drei Elemente[29]: Soziallagen, Schichtdeterminanten und Schichtmentalitäten. Eine Schicht enthält Personen mit ähnlicher Soziallage; das heißt, dass sie sich in Hinsicht auf ihre Lebenschancen und -risiken oder das öffentliche Ansehen ähneln. Die Soziallage wird dabei durch die Schichtdeterminanten geprägt. Das können die bereits erwähnten Faktoren sein: berufliche Position, Einkommen, Prestige, Bildungsniveau und so fort. Die Bedeutung der einzelnen Schichtdeterminanten schwankt dabei je nach Gesellschaftstyp und im Laufe der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung. Aus der Soziallage ergeben sich wiederum typische Schichtmentalitäten, also typische – nicht unbedingt gleiche – Meinungen und Haltungen der Mitglieder einer Schicht.

Für eine wissenschaftliche Analyse der Sozialstruktur der Gesellschaft ist die Schichtungstheorie durchaus geeignet, allerdings gelten hier einige Einschränkungen, derer man sich bewusst sein sollte. Soziale Ungleichheit in der Gesellschaft ist durchaus individuell im Alltag erfahrbar; man denke hier nur an die Unterschiede zwischen Arm und Reich. Allerdings sollte nicht vergessen werden, dass das Konzept der sozialen Schichtung ein wissenschaftliches Modell ist, das versucht die soziale Wirklichkeit vereinfacht abzubilden, ja greifbar zu machen. Aufgrund dessen können Schichtungsmodelle die Realität immer nur mehr oder weniger gut abbilden. Schichteinteilungen entbehren also nicht einer gewissen Willkür, zumal der Wissenschaftler festlegt, aufgrund welcher Merkmalsausprägungen man in welche Schicht eingeordnet wird. Im besten Falle basiert diese Schichtung natürlich auf gründlichen Hypothesen und Vermutungen[30].

3.3 Ethnische Schichtung

Was genau ist das besondere an ethnischer Schichtung? Nimmt man das Schichtungsmodell nach Geiger, dann lässt sich ethnische Schichtung ganz simpel wie folgt erklären: Im Falle der ethnischen Schichtung ist die dominante Schichtdeterminante nicht etwa das Einkommen oder das Prestige, sondern die ethnische Herkunft. Ethnische Schichtung beschreibt soziale Ungleichheiten zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen in der Gesellschaft, die sich in systematischen Unterschieden hinsichtlich der Verfügung über gesellschaftlich relevante Ressourcen – wie Bildung, Einkommen usf. – niederschlagen. Ethnische Schichtung beschreibt demnach die systematische Kovariation von ethnischen Merkmalen einerseits und bestimmten Ausprägungen sozialer Ungleichheit andererseits[31]. Gäbe es in einer Gesellschaft keine ethnische Schichtung, dann müssten die verschiedenen ethnischen Gruppen in sozialstruktureller Hinsicht ähnlich sein; es dürfte keine größeren, systematischen Unterschiede geben. Dies soll freilich nicht bedeuten, dass es keine soziale Ungleichheit in der Mehrheitsgesellschaft oder in den einzelnen ethnischen Gruppen gibt, aber diese soziale Ungleichheit wird in den bei den ethnischen Minderheiten analog zur Gesamtbevölkerung verteilt sein; die ethnische Komponente verliert ihre Bedeutung[32].

[...]


[1] Im Folgenden wird aus Gründen der Übersichtlichkeit das generische Maskulinum verwendet.

[2] Merkel (2008).

[3] Böhmer (2008).

[4] Bundesregierung (2008), S. 5.

[5] Vgl. Hradil (2001), S. 332; Geißler (2005), S. 231f.

[6] Statistisches Bundesamt (2008), S. 6.

[7] Hansen (1995), S. 152.

[8] Steinbach (2004), S. 22.

[9] Hansen (1995), S. 152f; Steinbach (2004), S. 23; Sackmann (2004), S. 66f.

[10] Geißler (2005), S. 249.

[11] Vgl. Heckmann (1992), S. 55; Steinbach (2004), S. 22.

[12] Vgl. Sackmann (2004),S. 61; Steinbach (2004), S. 25; Heckmann (1992), S. 55.

[13] Heckmann (1992), S. 55f.

[14] Rottleuthner (1999), S. 398f; auf die Probleme in diesem Zusammenhang weist auch Tröster (2003), S. 41ff hin.

[15] Die Anwendung des Esser’schen Ansatzes folgt allerdings nicht nur aus dem Grund der Bequemlichkeit. Essers Konzept ist in der deutschsprachigen Migrationsforschung absoluter Standard; vgl. dazu Tröster (2003), S. 54. Aufgrund dessen wird auch darauf verzichtet andere Theorien vorzustellen.

[16] Vgl. Esser (1980), S. 71f.

[17] Vgl. Esser (2001b), S. 97.

[18] Vgl. den Aufsatz von Lockwood (1991), insbesondere S. 36f.

[19] Vgl. Esser (2001b), S. 98.

[20] Esser (2001b), S. 99; vgl. auch Esser (2004), S. 47f.

[21] Vgl. Esser (2004), S. 45; Esser (2001b), S. 99f.

[22] Vgl. Esser (2004), S. 100 und S. 105.

[23] Vgl. Esser (1980), S. 213; Esser (2001b), S. 45f.

[24] Vgl. Esser (1980), S. 213; Esser (2001b), S. 46; Tröster (2003), S. ????.

[25] Vgl. dazu Esser (2001b), S. 48f.

[26] Vgl. Geißler (1994), S. 7.

[27] Vgl. Geißler (2005), S. 100.

[28] Neben der Geiger’schen Schichttheorie gibt es durchaus noch andere Ansätze; vgl. die Übersicht bei Hradil (2001), S. 41f.

[29] Vgl. Geißler (1994), S. 9f.

[30] Vgl. Geißler (2005), S. 97f.

[31] Vgl. Esser (2001a), S. 33f.

[32] Vgl. Luft (2006), S. 319.

Details

Seiten
34
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640975471
ISBN (Buch)
9783640974832
Dateigröße
600 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v176286
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
Schlagworte
integration schichtung

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Titel: Integration und ethnische Schichtung