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Die Rolle von Medizin und Wissenschaft in “Tiempo de silencio“ von Luis Martín Santos

von Lorena Greppo (Autor)

Hausarbeit 2011 15 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Die Figur des Pedro
2.2 Die wissenschaftliche Perspektive als Methode der desmitificación
2.3 Eine Psychoanalyse der Figuren und der Gesellschaft
2.4 Das kranke Spanien – Ist eine Heilung möglich?

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Spanien unter Franco stellte es für regimekritische Autoren ein beträchtliches Hindernis dar, ihre politische Einstellung in literarischer Form zu veröffentlichen. Um die Zensur zu umgehen war es daher unabdingbar, kritische Elemente gut zu tarnen. In Tiempo de silencio von Luis Martín-Santos geschah dies unter anderem durch die metaphorische Bedeutung der Wissenschaft, die als Element der desmitificación dazu diente, die wahre Situation in Spanien einige Jahre nach dem Bürgerkrieg aufzuzeigen und durch das Bewusstsein dessen einen Wandel innerhalb der Gesellschaft zu erzeugen. „La novela de la desmitificación hace una radiografía de la vida nacional para mostrar el anquilosamiento de las estructuras mentales colectivas.”[1]

Der ganze Roman ist eine umfassende Psychoanalyse der spanischen Gesellschaft unter Franco, beobachtet und beschrieben aus verschiedenen Perspektiven. Hauptsächlich mitgeteilt werden die Anhaltspunkte hierfür durch die Ansichten des Protagonisten Pedro und durch Passagen, die oftmals nicht eindeutig zuzuordnen sind, die unter anderem eine Art Kollektivbewusstsein darstellen und die ich der Einfachheit halber die Erzähler-Perspektive nennen werde.

Dass sich hinter dieser Analyse Luis Martín-Santos selbst verbirgt lässt sich schon erahnen, wirft man einen Blick auf dessen Biografie, denn auch er war, ebenso wie seine Hauptfigur Pedro, Mediziner und zeitweise an einem Forschungsinstitut tätig. Diese Tatsache erlaubt es ihm, „[…]con verdadero espíritu clínico[…]“[2] ein wahrheitsgetreues Bild der Wissenschaft in Spanien unter Franco wiederzugeben und die Mängel und Rückständigkeit des Landes auf dem Gebiet der Forschung darzulegen. Später dann leitete Martín-Santos eine psychiatrische Klinik in San Sebastián, weshalb die Vorstellung, dass er die Gesellschaft mit fachkundigem Wissen analysiert, durchaus plausibel erscheint. Sowie Pedro versucht herauszufinden, ob die Krebserkrankung der Mäuse genetisch oder viral bedingt ist, so untersucht Martín-Santos, ob die „Spanische Krankheit“, sprich die Rückständigkeit und Schwäche Spaniens die natürliche Konsequenz der Schwäche der Gesellschaft ist oder ob sie ein Resultat der Umstände ist und somit geändert, also geheilt, werden kann.

Im Folgenden will ich also zeigen, wie es Luis Martín-Santos schafft, die Wissenschaft der Medizin als Sinnbild für die Gesellschaft Spanien darzustellen. Hierzu stelle ich zuerst den Protagonisten des Romans, Pedro, vor, um dann anhand der Ereignisse, die diesem widerfahren, nachvollziehen zu können, inwiefern es sich hierbei um eine Psychoanalyse Spaniens in der Posguerra handelt.

2. Hauptteil

2.1 Die Figur des Pedro

Neben den bereits erwähnten Parallelen zwischen Martín-Santos und seinem Romanhelden Pedro dient dessen Charakter unter anderem dazu, sein Umfeld und die spanische Gesellschaft allgemein aus einer objektiven und weniger durch Emotionen getrübten Forscherperspektive zu beschreiben. “Es la novela de un intelectual, escrita para un público de intelectuales, con un intelectual como protagonista.”[3]

Schon in der Anfangssequenz des Romans wird Pedro, der als Stipendiat an einem Madrider Forschungsinstitut tätig ist, bei seiner Arbeit vorgestellt und dabei werden auch schonungslos die Bedingungen beschrieben unter denen seine Forschung vonstatten geht. Die kanzerösen Mäuse, die er untersucht, wurden speziell für diesen Zweck aus den Vereinigten Staaten importiert und Pedros Aufgabe besteht darin herauszufinden, wodurch deren Krebszellen übertragen werden. Als diese ihm aber ausgehen, ohne dass er zu einem Ergebnis gekommen ist, muss er sie von Muecas, einem Barackenbewohner der ein Paar dieser Mäuse unter dubiosen Umständen von Amador bekommen hat, erwerben, da das Forschungsinstitut aufgrund der Kosten nicht bereit ist, weitere Mäuse aus den USA zu importieren.

Hierbei wird nur allzu bald deutlich, mit welch unterentwickelten und rückständigen Mitteln die spanische Forschung ausgestattet ist. „El problema de los ratones cancerígenos (con un cáncer hereditario que no impide la reproducción de la especie) que Pedro necesita para sus investigaciones, sirve para hacer la caricatura de las aludidas circunstancias adversas: de los ejemplares adquiridos en Estados Unidos gracias a un crédito del Instituto de la Moneda , los que permanecen en los Institutos se mueren “por culpa de falta de vitaminas” […]”.[4]

Pedro ist sich dieser Tatsache durchaus bewusst, er schreibt dem spanischen Volk eine „[…] inferioridad nativa ante la ciencia […]“ zu und beklagt „[…] la falta de créditos.“ (beide S.7)[5]. Indirekt angeführt wird in dieser Szene außerdem der bis dato einzige spanische Nobelpreisträger für Medizin Ramón y Cajal. Unter anderem handelt es sich hier auch um eine „[…] Selbstkritik der technisch instrumentalisierten Wissenschaft […]“[6] Spaniens.

Zum Vergleich werden die Vereinigten Staaten herangezogen, in denen die Frauen und Mädchen wohlgenährt und darum auch nicht so krankheitsanfällig sind, während in Spanien Mädchen wie die Töchter Muecas’ unterernährt sind und in untragbaren hygienischen Verhältnissen leben müssen. Daher vermutet und hofft Pedro, dass die beiden jungen Frauen sich durch das enge Zusammenleben mit den kanzerösen Mäusen angesteckt haben könnten und er somit beweisen könne, dass es sich um einen Virus handelt.

Als dann Muecas ihn aufsucht und Pedro bittet, ihn in die Barackensiedlung zu begeleiten, da ein medizinischer Notfall bei einer seiner Töchter vorliegt, stimmt Pedro zu, obwohl er selbst kein praktizierender Arzt ist und es auch eigentlich nicht sein wollte. Bemerkenswert ist, dass obwohl “[…] Pedro von allem Anfang an keineswegs als der leidenschaftliche Forscher dargestellt [wird] […]”[7], sagt Amador über ihn: „[…] lo único que le gusta es estar mirando por el micro a los ratones. Ése es todo su vicio.” (S.195). Trotzdem sieht er sich dazu gezwungen zu handeln, denn Florita, Muecas’ Tochter, ist das Opfer eines stümperhaften und daher missglückten Abtreibungsversuches geworden, den ihr Vater organisiert hat aufgrund der Tatsache, dass er selbst der Vater des Kindes ist. Der Gewissenskonflikt, indem sich Pedro befindet, nennt Guillermo Cabrera Infante „ doctor’s dilemma “.[8]

Exkurs: Doctor’s Dilemma

Muecas bringt Pedro in einen moralischen Zwiespalt, denn dieser ist kein Arzt im eigentlichen Sinne und hat somit auch nicht die Lizenz dazu, kranke oder verletzte Menschen zu versorgen. Trotzdem bittet er ihn um Hilfe, da Florita dem Tod nahe ist und er sie nicht in ein Krankenhaus bringen konnte. Eine Abtreibung ist im Spanien nach dem Bürgerkrieg nicht nur ein gesellschaftliches Tabu,„ […] el momentáneo mohín de auténtica repulsión no fingida que la palabra aborto, con su correlato apenas imaginable de suciedad, contagio, afecciones venéras y relaciones inconfesables, provoca en corazones limpios […]” (S.229), sie ist durch die katholische Kirche verboten und außerdem auch illegal. Dieser Aspekt hat dann im Verlauf des Romans noch schwerwiegende Folgen für Pedro, denn dieser entschliesst sich, den Hippokratischen Eid[9] zu befolgen und jedem Kranken oder Verletzten ohne Beachtung der sozialen Umstände bestmöglich zu helfen (wobei anzumerken ist, dass der Hippokratische Eid einen Schwangerschaftsabbruch als Verbrechen gegen das Recht auf Leben des Kindes sieht und deshalb untersagt) und versucht, Floritas Leben durch eine Ausschabung zu retten. Sie stirbt trotz seines Eingreifens und kurze Zeit später wird Pedro deswegen festgenommen.

Zwar wird er durch die polizeiliche Aussage der Mutter Floritas entlastet und freigesprochen, jedoch verliert Pedro aufgrund dieses Vorfalls sein Stipendium am Madrider Forschungsinstitut, was gleichbedeutend mit dem Ende seiner wissenschaftlichen Karriere ist.

Als dann auch noch seine Verlobte Dorita Opfer eines Rachemordes durch Cartucho wird, ist der einzige ihm ersichtliche Ausweg, Madrid zu verlassen um eine Praxis als Landarzt zu eröffnen. Dass ihm diese Zukunftsperspektive nicht im Geringsten zusagt, zeigt der Wunsch der er eigentlich hegt: “[…] quería que nunca más se acordaran de mí y se olvidaran y me dieran la beca para Illinois y estar allí mirando ingles de ratones por los siglos de los siglos […]” (S.218). Durch den Versuch Gutes zu tun und Floritas Leben zu retten scheitert Pedro beruflich und personell. Diese absolute Niederlage, sowohl beruflich als auch sozial, gipfelt in einer Kastrationsphantasie des Protagonisten und lässt ihn als resignierten und gebrochenen Charakter zurück. „[…] su existencia es una prolongada serie de fracasos […]”[10]

2.2 Die wissenschaftliche Perspektive als Methode der desmitificación

Es ist bezeichnend für den Roman, dass die Einstiegsszene in einem Forschungslabor stattfindet, denn der Ton der Erzählung sowohl aus Pedros als auch der Erzähler-Perspektive ist analysierend und oft befremdend. „Dazu trägt vor allem der Wissenschaftsjargon bei, der auch banalste Verrichtungen überhöht, seziert und analysiert […]“[11]. Schon gleich zu Beginn wird die Forscherperspektive von Pedros Ansichten und Erfahrungen deutlich erkennbar, als er, nachdem er von Muecas, dessen Töchtern und deren Aufzucht der Mäuse erfährt, sofort die Möglichkeit in Betracht zieht, dass die beiden unterernährten Mädchen, ganz anders als die amerikanischen, sich vielleicht angesteckt haben könnten. Und diese Aussicht scheint ihm keineswegs bedauerlich sondern vielmehr wünschenswert, da sie doch die These seiner Forschungsarbeit bestätigen würde und ihm daher ganz neue Wege eröffnen könnte. Pedro malt sich schon seine Dankesrede für den Nobelpreis aus und sieht eine Erkrankung der Töchter Muecas’ als seinen größten persönlichen Glücksfall an. Diese distanzierte und emotional teilnahmslose Art die Dinge zu betrachten und beschreiben, zieht sich durch das gesamte Werk und somit gleicht es einer Psychoanalyse der Gesellschaft, die minutiös auf ihre Schwächen untersucht wird. Auch der Aufbau der Geschichte lässt darauf schließen, „[…] la novela asume dimensiones de procedimiento psicoanalítico: principiando por la destrucción del material en su representación formal (exposición de los síntomas), se establece una compensación mediante la labor reconstructiva que desarrolla el protagonista (proceso psicoanalítico) y se concluye con el intento de consolidar un saludable yo (eliminación de las causas) […]”[12].

[...]


[1] Gil Casado, Pablo: La novela social española (1920-1971). Barcelona: Ensayo Seix Barral, 1973. S.455

[2] Ebd. S.475

[3] Lang, Jürgen: La novela española de postguerra 1939-1975. Diez autores – diez novelas – diez textos. Frankfurt am Main: Verlag Klaus Dieter Vervuert, 1983. S.76

[4] ebd S. 77

[5] In Klammern angegebene Seitenzahlen beziehen sich im Folgenden stets auf: Martín-Santos, Luis: Tiempo de Silencio. Barcelona: Seix Barral, 1980 (edición definitiva).

[6] Helmich, Werner: Der wissenschaftliche Diskurs in Martín-Santos’ Tiempo de silencio. In: Klinkert, Thomas/ Neuhofer, Monika (Hg.): Literatur, Wissenschaft und Wissen seit der Epochenschwelle um 1800. Berlin: Walter de Gruyter, 2008. S.269

[7] Ebd. S.270

[8] Cabrera Infante, Guillermo: Der Waffenstillstand der Zeit. In: Martín-Santos, Luis: Schweigen über Madrid. Frankfurt am Main: Eichborn Verlag, 1991, S.335

[9] Nachzulesen unter: http://www.fachschaft-medizin.de/download/sonstiges/HippoEid.pdf

[10] Gil Casado, Pablo: La novela social española (1920-1971). Barcelona: Ensayo Seix Barral, 1973. S.481

[11] Pohl, Burkhard : Luis Martín-Santos: Tiempo de silencio (1962). In: Junkerjurgen, Ralf: Spanische Romane des 20. Jahrhunderts in Einzeldarstellungen. Berlin: Erich Schmidt Verlag, 2010. S.131

[12] Dolgin, Stacey L.: La novela desmitificadora española (1961-1982). Barcelona: Anthropos, 1991. S.77

Details

Seiten
15
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640975440
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v176265
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück – Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Luis Martín-Santos Spanien Posguerra Franco Gesellschaft Medizin Wissenschaft

Autor

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    Lorena Greppo (Autor)

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