Lade Inhalt...

Wolfram von Eschenbachs Parzival: Die Bedeutung des Gesprächs zwischen Trevrizent und Parzival

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 18 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Gespräch zwischen Trevrizent und Parzival, Vers 456 –

3. Aspekte des Gesprächs
3.1. Zeitverständnis
3.2. Gralsgesellschaft
3.3. Gottesgläubigkeit
3.4. Sündenbekenntnis
3.5. Herkunft

4. Fazit

1. Einleitung

Ich beschäftige mich mit der Bedeutung des Gesprächs zwischen Trevrizent und Parzival: Ist Parzival nach diesem Gespräch Mitglied der höfischen Gesellschaft?

Ich betrachte genauer, welche Aspekte im Dialog angesprochen werden und wie sich das Gespräch auf Parzivals Verhalten auswirkt. Ebenfalls wird betrachtet, ob Parzival eine anerkannte Stellung innerhalb der höfischen Ordnung erhalten kann.

Im Gespräch in Buch 9 (V. 456 – 502) spricht Parzival alle Fragen an, die ihn quälen, besonders seine Verfehlung auf der Gralsburg beschäftigen ihn.

Er blickt zurück auf seine Fehler und gesteht seine t umbheit ein. Mit Trevrizents Hilfe lernt er, diese Fehler einzuordnen und zu beurteilen. Dies geschieht „im 9. Buch ineins mit einer Deutung des Grals als Zeichen der Gegenwart Gottes.“[1]

Nach dem Gespräch wendet sich Parzival wieder Gott zu und lernt, seine Fehler zu verbessern, die Welt und sein Verhältnis zu ihr nicht mehr bloß mit Blick auf seine subjektive Befindlichkeit zu betrachten.

Voraussetzung für dieses Thema der Hausarbeit ist das Bild des Ritters, wie Wolfram von Eschenbach es im Parzival-Roman zeichnet. Schließlich ist es ja das höfische Ideal des Ritters, nach dem Parzival strebt.

Allerdings soll auch eine vorsichtige Einschätzung der Parzival-Problematik aus heutiger Perspektive versucht werden.

In Wolfram von Eschenbachs Roman „Parzival“ repräsentiert Gawan, dem Parzival einige Male begegnet, das Bild des idealen Ritters. Seine Entwicklung wird parallel zu Parzivals Reifeprozess beschrieben, so dass Wolfram einen Kontrast schafft.

Als Mitglied der Artusgesellschaft ist Gawan nicht nur ein guter Kämpfer, sondern auch „empfänglich für die Reize der Frau; tiefer Liebe fähig; dazu stolz, tapfer, beherrscht; ein treuer Freund und liebevoller Bruder; hilfsbereit [...]; voller Verständnis“[2]. Er vertraut auf Gott und bewahrt andere und sic) vor Problemen und Konflikten.

2. Gespräch zwischen Trevrizent und Parzival, Vers 456 – 502

Das Gespräch zwischen Trevrizent und Parzival beginnt bei Vers 456 und endet mit Vers 502.

In den vorigen Büchern beschreibt Wolfram Parzivals Kindheit und Erziehung der Mutter. Diese verheimlicht das Rittertum vor ihm, um ihn zu beschützen. Nachdem er jedoch einem Ritter begegnet ist, zieht es ihn von zu Hause fort. Die Ratschläge seiner Mutter[3], die sie ihm mit auf den Weg gab, setzt er wörtlich in die Tat um. Als er Jeschute, die erste Frau, die er trifft, begegnet, „trotzt er ihr Kuss und Brosche ab“[4]. Dadurch stürzt er sie in großes Unglück, da Jeschutes eifersüchtiger Mann Orilus dies sieht und missversteht.

Er begegnet im „Zustand der tumbheit[5] Gurnemanz, der ihm die „Lehren des höfischen Ritters [...] nur äußerlich“[6] beibringen kann. Dieser gibt ihm Ratschläge zu ritterlichen Tugenden, seinem Erscheinungsbild und erläutert den Umgang mit Frauen, und den verhängnisvollen Hinweis, nicht zu viele Fragen zu stellen:: „nu lât der ungefuoge ir strît. / irn sult niht vil gevrâgen“[7].

Nach dem Gespräch zieht Parzival weiter und tötet auf „unritterliche Art Ither, den roten Ritter, und raubt ihm seine Rüstung“[8].

Nach einigen weiteren Reisen und Begegnungen kommt er auf die Gralsburg. Obwohl die Gralsgesellschaft versucht Parzival zum Fragen zu bewegen, erinnert er sich an Gurnemanz Rat und verweigert die Fragenach dem Befinden des Gralskönigs,die diesen von seinem Leid erlöst und Parzival zum Gralskönig gemacht hätte.

Von da an begibt sich Parzival auf die Suche nach dem Gral und seiner Gesellschaft.

Nach einem Zeitsprung von vier Jahren – hier fügt der Erzähler die Geschichte Gawans an – befindet sich Parzival immer noch auf der einsamen Suche nach dem Gral. Er lebt in Hass auf Gott und abgeschieden von der Gesellschaft u.a. dem Artushof .

Parzival passiert die Stelle, an der er Orilus und Jeschute wieder vereinte und somit seinen ersten Fehler wieder gutmachte. Er begegnet einem Ritter namens „Gahenis“, der an Karfreitag Buße tut. Gahenis schickt ihn zu Trevrizent, einem Einsiedler im Wald, weil Parzival Hilfe und Rat sucht, da er Sünde auf sich geladen hat. Parzival bezeichnet sich hier zum ersten Mal als Sünder: „[…] hêr, nu gebt mir rât: / ich bin ein man der sünde hât.[9]

Trevrizent erteilt Parzival einen ersten Ratschlag, die das Verhalten in der Gesellschaft erläutert , als er ihm sagt:

iwer zuht iu des niht giht,

daz ir strîtet wider decheinen wirt,

ob unfouge iwer zuht verbirt.[10]

Daraufhin beugt sich Parzival dem Willen seines Gastgebers und lässt Trevrizent sein Pferd zur Tränke führen. Auf dem Weg dorthin deutet Trevrizent seinem Gast gegenüber seine vergangenen Rittertaten an.

Als sie in die Hütte Trevrizents kommen, erkennt Parzival auf einem Altar das Reliquiar, auf das er geschworen hatte, um Jeschutes Leid zu erlösen und seine Sünde aufzuheben.

Dadurch, dass er das Reliquiar erkennt, kann er sich an seinen Schwur auf das Symbol Gottes erinnern.[11] Er identifiziert das Reliquiar als Lanze, mit der er erfolgreich kämpfte:

ein gemâlt sper derbî ich vant:

hêr, daz nam al hie mîn hant:

dâ mit ich prîs bejagte,

als man mir sider sagte.[12]

Diese Erinnerung verleitet Parzival zu der ersten wichtigen Frage, er fragt Trevrizent, wie viel Zeit seit seinem letzten Besuch vergangen sei: „wie lanc ist von der zîte her / hêr, daz ich hie nam daz sper?“[13] Da er sich auf seiner Reise nur auf der Suche nach dem Gral befand und keinen Kontakt zur Gesellschaft hatte, reiste er ohne jedes Zeitgefühl. Die Frage macht die momentane Einsamkeit Parzivals deutlich. Sogar der Einsiedler Trevrizent lebt im Rhythmus der Gesellschaft. Das heißt, er hat die selbe Zeiteinheit und den selben zeitlichen Rahmen wie die gesamte Gesellschaft.

Trevrizent rechnet ihm anhand von Psalmen die vergangene Zeit vor: Parzival war viereinhalb Jahre auf aventuîre und auf Gralssuche. Durch Trevrizents Antwort ist gelangt Parzival in den gesellschaftlichen und zeitlichen Rahmen, er nimmt den Rhythmus der Gesellschaft an.

Dies führt zu einem ersten Rückblick und einer kritischen Einschätzung Parzivals[14]: er sieht, wie lange er schon führungslos umherzieht. Er gab seine Freuden auf, mied Kirchen, da er nur auf der Suche nach kämpferischen Auseinandersetzungen war. Er gesteht seinen Zorn auf Gott und stellt in Frage, ob Gott ihm jemals helfen könne: „ouch trage ich hazzes vil gein gote: / wand er ist mîner sorgen tote.“[15]

Trevrizent, der von großem Gottesglauben geprägt ist, möchte wissen, woher Parzivals Hass auf Gott kommt. Erbetont, dass auch Parzival schließlich wieder auf Gott vertrauen wird, da es keinen anderen Ausweg gibt:

[…] hêrre, habt ihr sin,

sô schult ir gro getrûwen wol:

er hilft iu, wand er helfen sol.[16]

Trevrizent wird von Parzival unterbrochen, der Verständnis- und Sinnfragen einbringt, um das Gesagte zu verstehen. Am Ende von Trevrizents Erklärungen hat Parzival sein Gottvertrauen wiedergefunden:

hêrre, ich bin des immer frô,

daz ir mich von dem bescheiden hât,

der nihtes ungelônet lât,

der missewende noch der tugent.

Ich hân mit sorgen mîne jugent

alsus brâht an disen tac,

daz ich durch triwe kubers pflac.[17]

Parzival breitet seinen größten Kummer vor Trevrizent aus. Die Suche nach dem Gral und die Sehnsucht nach seiner Frau lassen ihn nicht los: „mîn hôhsiu nôt ist umben grâl; / dâ nâch umb mîn selbes wîp“[18].

So fragt er seinen Gastgeber, ob er etwas über die Gralsgesellschaft wüsste.

Darum klärt Trevrizent ihn in einem langen Gespräch, das sich über die Verse 468, 23 bis 471, 23 erstreckt, über die Gralsgesellschaft auf: er erläutert die Beschaffenheit des Grals (ein Stein, der die gesamte Gesellschaft ernährt), die Unsterblichkeit des Gralskönigs und die Berufung zum Gralskönig durch Gott[19].

Trevrizent erzählt ihm die Geschichte des Gralshüters Anfortas und seinem Leiden, dass noch nicht erlöst wurde, obwohl ein Auserwählter kommen sollte. Daraufhin macht Parzival seine Kampfeslust und seinen Willen, zur Gralsgesellschaft zu gehören, deutlich:

ist got an strîte wîse,

der sol mich dar benennen,

daz si mich dâ bekennen:

mîn hant dâ strîtes niht verbirt.[20]

Trevrizent nennt diesen Auserwählten einen „tumben man“[21], der Sünde auf sich lud durch sein Frageversäumnis. Er klärt Parzival über sein Pferd auf, denn es ist das Gralspferd von Llewelyn, und stellt damit die Frage nach Parzivals Herkunft.[22]

Parzival beginnt seine Geschichte zu erzählen. Er informiert Trevrizent über seinen Vater Gahmuret. Und bekennt und erkennt die Sünde an Ither:

der selben sünde mouz ich jehn.

Ithêrn von Cucûmerlant

den sluoc mîn sündebæriu hant:

ich leit in tôten ûffez gras,

unt nam swaz dâ ze nemen was.[23]

Nach dieser Offenbarung erkennt Trevrizent Parzival als seinen Neffen wider: „[...] lieber swester suon“[24] Er bezichtigt ihn der Sünde an einem Verwandtenmordes, da er und Ither verwandt waren. Er überbringt Parzival die Nachricht, dass er ebenfalls am Tod seiner Schwester, Parzivals Mutter schuld ist

Parzival erfährt hier, dass er mit dem Einsiedler verwandt ist und dass er zweifach Sünde begangen hat: er erschlug mit Ither einen Blutsverwandten und seine Mutter starb, weil er sie verlassen hatte.

Parzival reagiert ungläubig und voller Trauer: „neinâ hêrre gouter, / waz sagt ir nu? […]“[25].

Trevrizent fährt fort, Parzival über seine Herkunft aufzuklären und nennt ihm seine Geschwister, demnach Parzivals Tanten und Onkel. Er erwähnt Joisiane und Sigune, die Gralsträgerin Rapanse de Joie, Anfortas und dessen Leiden[26] und Frimutel. Er beschreibt – dies ist eine zentrale Stelle, da hier Parzivals Aufgabe genannt wird – weiter den Tag, an dem der Gral einen Ritter ankündigte:

[…] dar solde ein rîter komn:

wurd des frâge aldâ vernomn,

sô solde der kumber ende hân[27]

Er erzählt über den Tag, an dem ein Ritter angeritten kam, der jedoch offensichtlich die Anforderungen nicht erfüllen konnte.

sît kom ein rîter dar geriten:

der mühtez gerne hân vermiten;

[…]

unprîs der dâ bejagte,

sît er den rehten kumber sach,

daz er niht zuo dem wirte sprach

>hêrre, wie stêt iwer nôt?<

sît im sîn tumpheit daz gebôt

daz er aldâ niht vrâgte,

grôzer sælde in dô betrâgte.[28]

Nach dem gemeinsamen Mahl und dem Versorgen des Pferdes wird das Gespräch fortgesetzt. Parzival gesteht seinem „hêrre und lieber œheim mîn“[29], dass er falsch gehandelt und große Sünde auf sich geladen hat. Er bekennt seinen Fehler und gibt sich als den Ritter zu erkennen, der die befreiende Frage nicht stellte. Doch Trevrizent gibt ihm den Rat, auch in Verzweiflung und Grämen „mâze“ zu zeigen:

dune solt och niht ze sêre klagn.

Du solt in rehten mâzen

klagen und klagen lâzen.[30]

Trevrizent erkundigt sich nach der Lanze auf der Gralsburg: ob Parzival sie gesehen habe? Er erklärt, warum diese Lanze voller Blut war[31] und nennt den Ort, wo Parzival Anfortas das erste Mal begegnete[32]. Parzival erfährt alles, was er nicht erkannte und was er nicht erfragte.

Nach dieser Information erkennt Parzival Anfortas, den „Anglerkönig“, ebenfalls und bekennt sich seiner tumbheit und Unerfahrenheit.[33]

In einem langen Dialog erzählt Parzival, wie er zur Gralsburg kam , ohne jemandem zu begegnen[34]. Trevrizent liefert weitere Informationen über den Gral und die Gepflogenheiten der Gralsgesellschaft.

[...]


[1] Wieners, Das Gottes- und Menschenbild, S. 148

[2] Wieners, Das Gottes- und Menschenbild, S. 24

[3] Wolfram von Eschenbach: Parzival. V. 216, 26 - 30

[4] Kindlers Literatur Lexikon, S. 7213

[5] H. A./ E. Frenzel: Daten deutscher Dichtung, S. 40

[6] Ebnd.: Daten deutscher Dichtung, S. 40

[7] Wolfram von Eschenbach: Parzival. V. 171, 16 f

[8] Kindlers Literatur Lexikon, S. 7214

[9]: Ebnd.: Parzival. V. 456, 29 f

[10] Ebnd.: Parzival. V. 458, 24 ff

[11] Ebnd.: Parzival. V. 460,2

[12] Wolfram von Eschenbach: Parzival. V. 460, 5 – 8

[13] Ebnd.: Parzival. V. 460, 17 f

[14] Ebnd.: Parzival. V. 460, 28 – 461, 26

[15] Ebnd.: Parzival. V. 461, 9 f

[16] Ebnd.: Parzival. V. 461, 28 – 30

[17] Ebnd.: Parzival. V. 467, 12 – 18

[18] Wolfram von Eschenbach: Parzival. V. 467, 26 f

[19] Ebnd.: Parzival. V. 470, 21 ff; V. 472, 7

[20] Ebnd.: Parzival. V. 472, 8 – 11

[21] Ebnd.: Parzival. V. 473, 13

[22] Ebnd.: Parzival. V. 474, 23

[23] Ebnd.: Parzival. V. 475, 8 – 11

[24] Ebnd.: Parzival. V. 475, 19

[25] Wolfram von Eschenbach: Parzival. V. 476, 14 f

[26] Ebnd.: Parzival. V. 478, 12 – 483, 18

[27] Ebnd.: Parzival. V. 483, 21 – 23

[28] Ebnd.: Parzival. V. 484, 21 – 30

[29] Wolfram von Eschenbach: Parzival. V. 488, 4

[30] Ebnd.: Parzival. V. 489, 1 – 4

[31] Ebnd.: Parzival. V. 490, 1 – 30

[32] Ebnd.: Parzival. V. 490, 6 – 18

[33] Ebnd.: Parzival. V. 491, 20 – 25

[34] Ebnd.: Parzival. V. 492,11 – 13

Details

Seiten
18
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640975419
ISBN (Buch)
9783640975853
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v176258
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
Schlagworte
Parzival; Eschenbach; Gespräch; Minnesang;

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Wolfram von Eschenbachs Parzival: Die Bedeutung des Gesprächs zwischen Trevrizent und Parzival