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Der Behinderungsbegriff aus konstruktivistischer Sicht: Behinderung als eine Kategorie des Beobachters

Seminararbeit 2011 7 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Konstruktivistische Sichtweisen

3. Behinderung als eine Kategorie des Beobachters

4. Fazit und Schlussbemerkungen

I Literaturverzeichnis

II Eidesstattliche Erklärung

1. Einleitung

Vor allem in den letzten Jahrzehnten gab es immer mehr Kritik am Behinderungsbegriff. So gilt „Behinderung“ z.B. als eine zu allgemeine Kategorie, als Ressourcenkategorie oder entwickelt sich immer mehr zu einem festgeschriebenen Personenmerkmal, was wiederum zu einer Stigmatisierung der einzelnen Person führt (Moser/Sasse 2008, 35). In der folgenden Arbeit soll eine recht neue Sichtweise auf den Begriff der Behinderung dargestellt und analysiert werden. Hierbei soll kurz auf die Theorien des Konstruktivismus und deren Ansichten zur Wirklichkeitskonstruktion von verschiedenen Menschen eingegangen werden. Aufbauend auf diesem Wissen soll der Behinderungsbegriff als eine Kategorie des Beobachters, d.h. also als eine subjektive Kategorie näher beleuchtet werden, um letztendlich zu erklären, wie sich der Behinderungsbegriff in verschiedenen Kontexten, Situationen und durch verschiedene Einstellungen von Mensch zu Mensch unterscheidet.

2. Konstruktivistische Sichtweisen

Der Konstruktivismus, eingebettet in die Systemtheorie, entwickelte sich in den 1960er bis 1980er Jahren und gehört im Bereich der Sonderpädagogik zu den noch jungen Theoriemodellen. Immer noch vorherrschend ist hier die Theorie des Realismus, welche besagt, dass alles zu Beobachtende immer auch objektiv betrachtet und beschrieben werden kann. Der Realismus beschreibt Sprache als etwas informatives, d.h. Sprache als Werkzeug, Beobachtetes zu beschreiben. (Palmowski 1997, 149)

Im Gegensatz dazu gelangen konstruktivistische Sichtweisen zu der Erkenntnis, dass Sprache nicht darstellt, sondern konstruiert. Der Sprache wird hierbei ein formativer Charakter zugeschrieben. Begründet wird diese These damit, dass alle Erkenntnisse, bei denen es sich immer um Konstruktionen von Wirklichkeiten handelt, beobachterabhängig und subjektiv sind. Erkenntnisse beruhen damit auf den individuellen Erfahrungen des Beobachters und bilden keine Wirklichkeit ab, sondern beschreiben lediglich die Wirklichkeit, über die die einzelne Person verfügt. (Moser & Sasse 2008, 89ff.)

Dies lässt sich an einem Beispiel verdeutlichen: „Ich zeige jemandem ein Bild und frage ihn, ob es obszön sei. Er sagt <Ja>. Ich weiß jetzt etwas über ihn, aber nicht über das Bild.“ (Foerster in: Palmowski 1997, 149). Man erkennt an diesem Beispiel, dass einzelne Aussagen von Personen immer subjektiv sind und auf seinen Erfahrungen und Meinungen beruhen. Somit sind Aussagen, die allgemeingültig und zeitlos sind, nicht möglich, da sich jeder einzelne Mensch seine individuellen „räumlich und zeitlich begrenzten Wirklichkeiten“ (Palmowski 1997, 149) schafft. Beobachterunabhängige Aussagen und demnach auch wahre und eindeutige Aussagen über Wirklichkeit sind nicht möglich. Somit ist auch unser aller Verständnis von verschiedenen Begriffen immer relativ, was am Beispiel des Behinderungsbegriffes im folgenden Punkt genauer betrachtet werden soll.

3. Behinderung als eine Kategorie des Beobachters

Die konstruktivistischen Sichtweisen relativieren den Begriff der Behinderung. Behinderung wird damit nicht mehr als objektive Realität gesehen, sondern als eine vom Beobachter geschaffene soziale Kategorie betrachtet. Kurz: „Die Behinderung liegt im Auge des Betrachters.“ (Lindemann/Vossler 1999 in: Moser/Sasse 2008, 92).

Auch der Soziologe Günther Cloerkes spricht von einer Relativität von Behinderung. Behinderung sei erst als soziale Kategorie begreifbar und nichts Absolutes (Cloerkes 2007, 9). Er unterscheidet dabei u.a. verschiedene Dimensionen und Zusammenhänge, in denen Behinderung als relativ erscheint. Zum einen können Menschen zeitlich begrenzt als „behindert“ gelten. Beispielsweise gilt ein Schüler mit Lernbeeinträchtigungen nur während seiner Schulzeit als „behindert“ bzw. „lernbehindert“, wobei die Dauer der Stigmatisierungskonsequenzen für diesen Menschen noch wesentlich länger anhalten kann. Zum anderen spielt die eigene Wahrnehmung, d.h. die subjektive Auseinandersetzung mit der „eigenen Behinderung“ eine wichtige Rolle. So könnte z.B. das Fehlen eines Fingers für einen leidenschaftlichen Pianisten weitaus schlimmer wahrgenommen werden als für beispielweise einen talentierten Fußballspieler. Somit wird Behinderung auch in verschiedenen Lebensbereichen bzw. -situationen relativ, d.h. verschieden wahrgenommen. Die wohl aber wichtigste von Cloerkes dargestellte Dimension ist die, dass Behinderung immer auch von der sozialen Reaktion der Gesellschaft abhängt, da diese bestimmt, ob eine Behinderung vorliegt oder nicht. (Cloerkes 2007, 9f.)

Behinderung wird somit zu einer sozialen Kategorie und durch andere Personen bestimmt. Sie wird zu einer sprachlichen Konvention und ist nie eindeutig fassbar. Wichtig dabei ist allerdings, dass diese Einstellungen in den meisten Fällen gar nicht der Auffassung der betroffenen Person entsprechen, was sich an zahlreichen Beispielen, bei denen Personen, die für „behindert“ gehalten werden, befragt wurden, zeigt (vgl. dazu Palmowski 2002, Sorge 2010). So befragt z.B. Nancy Sorge 30 Menschen, die für „geistig behindert“ gehalten werden, ob sie sich selbst als „geistig behindert“ bezeichnen würden. Von den 30 Befragten verneinten 21 diese Frage (Sorge 2010, 57).

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Details

Seiten
7
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640971749
ISBN (Buch)
9783640972784
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v176024
Institution / Hochschule
Universität Erfurt – Erziehungswissenschaftliche Fakultät
Note
1,3
Schlagworte
behinderungsbegriff sicht behinderung kategorie beobachters

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Titel: Der Behinderungsbegriff aus konstruktivistischer Sicht: Behinderung als eine Kategorie des Beobachters