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Wolfgang Borchert und seine Trümmerliteratur

Seminararbeit 2010 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

1 Einleitung - Das Leben des Wolfgang Borchert und der Einfluss auf die Literatur

Im Jahr 1921 wird Wolfgang Borchert in Hamburg geboren. Im jungen Erwachsenenalter beginnt er eine Lehre in einer Buchhandlung. Da sein beruflicher Wunsch jedoch das Schauspielern ist, lässt er sich hierfür privat ausbilden. Nach bestandener Schauspiel-Prüfung arbeitet Borchert bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahr an der Landesbühne Osthannover in Lüneburg, bis er an die Ostfront als Kriegssoldat einberufen wird. Doch während seines Einsatzes muss Borchert einige Gefängnisstrafen, aufgrund kritischer oder staatsgefährdender Äußerungen, absitzen. Das Infragestellen des Krieges und der sinnlosen Gewalt und die darauf folgende Wehrkraftzersetzung waren Grundlage für insgesamt vier Anklagen Borcherts. Er konnte seine Abneigung gegen Gleichmacherei, Vorschriften und jegliche Art von Uniformierung bereits im jungen Alter nicht verbergen.1 Mit demotivierenden Äußerungen der Kampfgruppe gegenüber, sowie durch das Erzählen politischer Witze, artet Borcherts provokanter Protest aus. Eine, zur Bewährung ausgesetzte, neunmonatige Gefängnisstrafe, kam aufgrund dessen auf Borchert zu. Schon damals kritisierte Borchert die Gesellschaft als unselbstständig und unmündig.

1945 geriet er in französische Kriegsgefangenschaft, aus der er jedoch später fliehen konnte. Insgesamt machte er angesichts der grausamen Kriegserlebnisse an der Ostfront und den Gefängnisstrafen als politischer Gefangener schon als junger Mann schwere Zeiten durch.2

Die Ablehnung eines diktatorischen Regierungssystems und seine politische Haltung werden bereits in seinem Lebenslauf deutlich. Er stand mit Überzeugung zu seiner Meinung und seinem Freiheitsstreben.3 Der Drang nach Freiheit äußerte sich bei Wolfgang Borchert besonders im Brechen von für ihn unverständlicher Regeln und Verbote. Er beschäftigte sich mit verbotener, expressionistischer Literatur, wie beispielsweise einer provokanten Ode, die von einer sexuellen Beziehung zwischen Männern handelte. Das Lesen dieser verbotenen Ode wurde mit einem Tag Haft geahndet. Neben protestierenden oder ironisierenden Äußerungen sowie dem Erzählen politischer Witze machte er den Staat außerdem mit selbstverfassten, unzeitgemäßen Gedichten gegen den Nationalsozialismus auf sich aufmerksam.4

Er kritisierte jedoch nicht nur das freiheitsraubende Regime, sondern ebenfalls die Menschen, die aus Angst parieren und weder den Mut noch die Stärke besitzen gegen die Diktatur anzukämpfen. Das Gemeinschaftsgefühl, das in der Hitlerjugend den Kampfgeist stärken solle, tritt bei Borchert nicht ein. Das Gefühl, lediglich ein Teil des Ganzen sein zu können, stößt ihn regelrecht ab.5 Die Kritik an der Gesellschaft, nur als Typ und nicht als selbstständig denkender Mensch zu handeln, wird später auch in seiner Literatur erkennbar.

1942 setzte ihm zudem eine schwere Lebererkrankung zu, die ihn die letzten Jahre seines Lebens quälte. Aus diesem Grund wurde er 1943, im Alter von 22 Jahren, aus der Wehrmacht entlassen. Borchert erhielt jedoch trotz seiner Krankheit, mit der noch weitere Infektionen einsetzten, kaum ärztliche Betreuung. Grund für die Vernachlässigung waren seine Wehrmachtzersetzung, sowie die politisch-, kritischen Äußerungen, die ihm Gefängnisstrafen einbrachten. In den Jahren 1946-1947 entstanden zahlreiche Kurzgeschichten Borcherts. Nach wochenlanger, krankheitsbedingter Qualen stirbt Borchert bereits im Alter von 26 Jahren in Basel.6

In den folgenden Kapiteln soll nun anhand von zwei bekannten Kurzgeschichten Borcherts seine politische und kritische Einstellung veranschaulicht werden. Durch die Analyse der ausgewählten Kurzprosa wird der Versuch unternommen, Regelmäßigkeiten in Borcherts Arbeit zu erkennen und diese auf sein weiteres Werk zu beziehen. Auch wenn die Interpretationen zweier Kurzgeschichten nur einen Ausschnitt seines sowohl inhaltlichen als auch sprachlichen Stils repräsentieren können, wird hiermit ein Ansatz geliefert, der für die Deutung weiterer Kurzprosa Borcherts aufschlussreich sein kann. Die Analyse weiterer Kurzgeschichten Borcherts wäre für eine Charakterisierung seines Gesamtwerkes hilfreich, dennoch würde sie den Rahmen dieser Arbeit sprengen.

2 Die Küchenuhr - Interpretation einer Kurzgeschichte Borcherts

2.1. Zur inhaltlichen Deutung

Die Kurzgeschichte, die 1947 erschien, beginnt mit einer unvermittelten Handlung, wie es typisch für die Gattung der Kurzgeschichte ist. Bereits im ersten Satz werden zwei Parteien beschrieben, die jedoch anonym bleiben. „Sie sahen ihn schon von weitem auf sich zukommen, denn er fiel auf.“7 In den folgenden Sätzen wird jedoch deutlich, dass es sich um einen jungen Mann handelt, der sich zu anderen Menschen auf eine Bank setzt. Diese werden auch im weiteren Verlauf nicht näher beschrieben. Trotz seines noch jungen Alters, das durch seine Art zu Gehen belegt wird, hat er ein sehr alt aussehendes Gesicht.8 Triumphierend zeigt der Mann den anderen seinen gefundenen Gegenstand: eine Küchenuhr. Die Uhr hat die Gestalt eines Tellers und ist mit blauen Ziffern bemalt. Einem Selbstgespräch gleichend berichtet er davon, dass sie übrig geblieben ist.9 Wovon die Uhr allerdings übrig geblieben ist, bleibt zunächst ungeklärt. Obwohl sie nicht mehr funktioniert, freut sich der junge Mann, die Küchenuhr gefunden zu haben. Er betrachtet die Uhr genauer, tupft mit dem Finger die blauen Ziffern ab und umkreist den Rand der Uhr. Ihm ist bewusst, dass die Uhr innerlich kaputt ist. Äußerlich sieht sie jedoch noch aus wie zuvor. Schlicht, aber dennoch ganz hübsch. Es hat den Anschein, als spreche der Mann ins Leere. Die anderen auf der Bank agieren lediglich als stumme Zuhörer.10 Erst nachdem sich der Mann zum wiederholten Mal über den Fund der Küchenuhr freut, fragt jemand, ob er denn sonst alles andere verloren hätte.11

Erst jetzt wird über das Schicksal des jungen Mannes aufgeklärt. Er verlor seine Familie und das Haus, in dem er einst lebte. Alles außer der Küchenuhr, die er in den Trümmern fand. Mit dieser Antwort wird der Stellenwert der Küchenuhr erst verständlich. Erfreut wiederholt er, dass außer der Küchenuhr wirklich alles verloren ist. Diese paradoxe Reaktion weist auf die emotionale Verwirrung hin.12 Der Mann scheint noch nicht realisiert zu haben, welchen Verlust er zu ertragen hat. Er freut sich viel zu sehr darüber, dass er einen Gegenstand, wenn auch nur die Küchenuhr, aus der elterlichen Wohnung unversehrt vorfinden konnte. Das alt aussehende Gesicht, welches zu Anfang beschrieben wird, deutet ebenso darauf hin, dass er etwas Schreckliches erlebt haben muss. Gefühle und Vorgänge der Seele spiegeln sich meist im Gesicht des Menschen wider.13

Es scheint den Mann nicht zu stören, dass die Uhr nicht mehr brauchbar ist. Er findet sogar noch einen Grund zur Freude über die Tatsache, dass die Küchenuhr um halb drei stehen geblieben ist.14 Auf die vermutende Feststellung eines Mannes auf der Bank, die Bombe könnte um halb drei das Haus getroffen haben, reagiert der Junge mit der Küchenuhr abweisend. Er streitet die Vermutung ab, dass der Druck der Bombe die Ursache für die Beschädigung der Uhr sei. Der junge Mann findet einen anderen Zusammenhang, warum die Uhr gerade um halb drei stehen geblieben ist: Er berichtet den Menschen auf der Bank, von denen man immer noch nicht weiß, wie viele es insgesamt sind, dass er jede Nacht um halb drei nach Hause gekommen ist. Als würde die Mutter schon auf ihn warten, kam sie jede Nacht nach seiner Ankunft in die Küche, um ihren Sohn ein warmes Abendessen zuzubereiten. Stumm sitzen sich Mutter und Sohn in jenen Nächten gegenüber, während er sich satt isst. Noch nachdem er schon zu Bett gegangen war, räumte die Mutter nachts die Küche auf. Jede Nacht war es derselbe Ablauf.15

Die Mutter kam, ohne sich zu beschweren, in die Küche und sorgte dafür, dass ihr Sohn etwas zu Essen bekam. Außer der Feststellung, dass es wieder spät geworden sei, sagte sie nie etwas.16 Jetzt, da diese Situation nie wieder kommen wird, bemerkt der 20-Jährige, welches Glück er einst hatte.17 Nicht jeder hat eine Mutter, die sich so fürsorglich um ihren Sohn kümmert und ihm nachts um halb drei das Essen warm macht. Oft ist es so, dass man etwas erst dann zu schätzen weiß, wenn man es verloren hat. So geht es auch dem Jungen. Da ihn die anderen auf der Bank aber weder anschauen noch zuhören, spricht der junge Mann zu seiner Küchenuhr, als würde sie ihn hören können. Er nickt ihr zu, als hätte die Telleruhr mit den blauen Ziffern ein Gesicht, welches ihn im Gegensatz zu den anderen anschaut. Der junge Mann scheint einerseits so einsam und andererseits durch die Heimatlosigkeit so verwirrt zu sein, dass die Küchenuhr für ihn in personifizierter Form existiert.18

Die zunächst amüsant wirkenden, paradoxen Verhaltensmuster des Mannes führen vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges jedoch die Tragik der (Nach-)Kriegszeit vor Augen. Die Kurzgeschichte handelt vom Schicksal eines jungen Mannes, der nach einem Kriegsangriff als einziger in seiner Familie überlebte und nun fremden Leuten auf einer Bank über den Fund ihrer Küchenuhr berichtet, was ihn sehr zu freuen scheint. Durch die angesprochenen Bomben, die womöglich um halb drei das Haus des Jungen und dessen Familie getroffen haben könnten, wird deutlich, dass es sich um eine Situation nach einem Fliegerangriff des Zweiten Weltkrieges handelt.19 Die stummen Zuhörer des Jungen sitzen auf einer Bank und schauen ins Leere. Vermutlich sind auch sie von dem schrecklichen Kriegsereignis erschüttert worden. Obwohl man nicht viel von den Menschen auf der Bank erfährt, fällt ihr verträumtes und geistesabwesendes Verhalten auf. Dem Mann mit der gefundenen Küchenuhr ist es nicht möglich, ein Gespräch mit den auf der Bank sitzenden Menschen anzufangen. Bis auf vereinzelte Fragen interessieren sie sich nicht weiter für den Mann und seine Küchenuhr. Sie schauen ihn kaum an, ignorieren ihn regelrecht.20 Die Menschen auf der Bank verbindet die Tatsache, die Gräuel des Krieges miterlebt zu haben. Dennoch scheinen sie kein Gemeinschaftsgefühl aufbauen zu wollen bzw. zu können. Die abwesenden Blicke der Zuhörer lassen die gesamte Situation wie eine Art Trance wirken. Trotz der vereinzelten und persönlichen Fragen entsteht kein Gespräch.21 Nur der junge Mann sticht mit seiner redefreudigen Art heraus. Sein Glück liegt zu diesem Zeitpunkt allein darin, nicht alles verloren zu haben. Denn die Küchenuhr ist übrig geblieben. Sie ist das Symbol für die unwiederbringliche Zeit mit der Mutter. Mit dem Einschlag der Bomben wurde alles zerstört, was der 20-Jährige besaß.22

Auch die tellerartige Form der Küchenuhr erinnert an die immer wiederkehrende Situation jener Nächte. Die Mutter stellt ihrem Sohn einen Teller mit einer warmen Mahlzeit auf den Tisch.

[...]


1 Vgl. Migner, Karl: Leben und Werk Wolfgang Borcherts. In: Große, Wilhelm: Wolfgang Borchert, Kurzgeschichten: Interpretation/ von Wilhelm Große. S.109f.

2 Ebd. S.109ff.

3 Ebd. S.111.

4 Ebd. S.112.

5 Ebd.

6 Ebd. S.111.

7 Vgl. Borchert, Wolfgang: Die Küchenuhr. In: Wolfgang Borchert. Das Gesamtwerk. S.201.

8 Vgl. Graßl, Hans: Interpretation: Die Küchenuhr. In: Große, Wilhelm: Wolfgang Borchert: Kurzgeschichten, Interpretation von Wilhelm Große. S.83.

9 Ebd. S.83.

10 Ebd.S.83f.

11 Vgl. Borchert, Wolfgang: Die Küchenuhr. In: Wolfgang Borchert. Das Gesamtwerk. S.202.

12 Vgl. Graßl, Hans: Interpretation: Die Küchenuhr. In: Große, Wilhelm: Wolfgang Borchert: Kurzgeschichten, Interpretation von Wilhelm Große. S.84.

13 Ebd. S.83.

14 Ebd.

15 Ebd. S.85.

16 Vgl. Borchert, Wolfgang: Die Küchenuhr. In: Wolfgang Borchert. Das Gesamtwerk. S.203.

17 Vgl. Graßl, Hans: Interpretation: Die Küchenuhr. In: Große, Wilhelm: Wolfgang Borchert: Kurzgeschichten, Interpretation von Wilhelm Große. S.86.

18 Ebd. S.85.

19 Ebd. S.83.

20 Ebd. S.84.

21 Ebd.

22 Ebd. S.83f.

Details

Seiten
19
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640970247
ISBN (Buch)
9783640970568
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v175923
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,7
Schlagworte
wolfgang borchert trümmerliteratur

Autor

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