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Suchtbehandlung - Die Wirksamkeit des Zwölf-Schritte Programms

Essay 2010 19 Seiten

Medizin - Therapie

Leseprobe

INHALT

ABSTRACT

METHODOLOGIE

WAS IST AA?

WIRD MAN MIT AA TROCKEN?

DISKUSSION

SCHLUSSFOLGERUNG

LITERATUR

ANHANG

ABSTRACT

Eingeleitet wird diese (ursprünglich auf Englisch verfasste) Studie mit einer umfassenden Analyse der Literatur über die Wirksamkeit des Zwölf-Schritte Programms der Anonymen Alkoholiker (AA), die den Erfahrungen des Autors, die er in verschiedenen Kulturen gemacht hat, gegenüber gestellt wird. Dabei gab es weder zeitliche noch sprachliche Einschränkungen. Studien in peer-reviewed akademischen Zeitschriften, Büchern und Internetseiten wurden aufgrund ihrer "Nützlichkeit" berücksichtigt. Die Untersuchung kam zum Schluss, dass sich das Zwölf-Schritte Programm (AA-Programm) durch seine "acting into thinking"-Philosophie wesentlich von anderen Behandlungen unterscheidet. Seine Wirksamkeit lässt sich jedoch mit einer Ursache-Wirkung-Methodologie nicht nachweisen. Aufgrund der Komplexität menschlichen Verhaltens wie auch der Tatsache, dass das AA-Programm nicht einheitlich praktiziert wird, ist fraglich, ob seine Wirksamkeit mit einer Ursache-Wirkung-Methodologie überhaupt gemessen werden kann. Zeugnisse persönlicher Erfahrungen wie auch während Jahrhunderten praktizierte menschliche Weisheit scheinen jedoch den Schluss nahezulegen, dass das Zwölf-Schritte Programm in der Tat wirksam ist – für diejenigen, die das Programm auch wirklich praktizieren.

METHODOLOGIE

Die vorliegende Arbeit vergleicht die in der einschlägigen Literatur vorgefunden Erkenntnisse mit des Autors AA-Erfahrungen in verschiedenen Kulturen. Dabei war es unumgänglich, entgegen akademischen Gepflogenheiten, gelegentlich auch die Ich-Form zu benutzen. Die Untersuchung unterlag weder zeitlichen noch sprachlichen Einschränkungen. Die folgenden Suchbegriffe wurden benutzt (sowohl einzeln als auch in verschiedenen Kombinationen – die Liste ist nicht erschöpfend) und zwar in Google und Yahoo: alcohol treatment, treatment outcomes, alcohol treatment efficacy, addiction treatment effectiveness, AA success, alcohol treatment outcomes, measuring treatment, addiction therapy success, alcohol therapy success, twelve step effectiveness, twelve step efficacy, AA programme, AA promises, cause and effect proof, recovery, definition recovery, AA cult, AA religion, AA testimonials, AA statistics, personal AA experiences, addiction treatment scientific evidence.

Folgende Datenbanken wurden konsultiert: Alcohol Concern Online Library, Drugscope database, NIDA database, Robin Room Archive, SAMHSA's National Clearinghouse for Alcohol and Drug Information, Scottish Addiction Studies Online Library, Social Science Information Gateway, Stirling University Library E-Journal Gateway, World Health Organization database.

Folgende Blogs und Websites wurden berücksichtigt: Addiction Search, Alcoholic Anonymous, Alcohol Reports, Dirk Hanson's Chemical Carousel Website, Drink and Drugs News Website, Spiritual River Website, The Orange Papers, The Stanton Peele Addiction Website, Wired in to Recovery Website, Websites of Recovery Centers.

Folgende Fachzeitschriften wurden konsultiert: Addiction, Addiction Research & Theory, Addiction Treatment Forum, Alcohol, Alcohol and Alcoholism, Alcohol Research & Health, BMC Health Services Research, Drug and Alcohol Dependence, Drug and Alcohol Findings, Journal of Substance Abuse Treatment, The Journal of Studies on Alcohol and Drugs.

Auswahlkriterien für die verwendeten Studien: Blogs und Websites dienten hauptsächlich dem Zweck, "ein Gefühl" für die unterschiedlichen ideologischen Positionen zu bekommen. Spezifische Restriktionen gab es keine: Studien in peer-reviewed akademischen Zeitschriften wie auch Bücher wurden ausschliesslich unter dem Gesichtspunkt ausgewählt, ob sie geeignet waren, substantiell zur Beantwortung der Forschungsfrage, ob das Zwölf-Schritte Programm wirksam sei, beizutragen.

Aufgebaut ist diese Studie wie folgt: in einem ersten Schritt wird versucht, aufzuzeigen, was genau AA ist, bevor, in einem zweiten Schritt, untersucht wird, ob das AA-Programm erfolgreich ist. In einem dritten Schritt werden die Ergebnisse diskutiert, bevor dann in einem letzten Schritt die Schlussfolgerung gezogen wird.

WAS IST AA?

Das Buch "Alcoholics Anonymous" (1994), auch bekannt unter dem Namen "Big Book", ist der "basic text for our Society" (Alcoholics Anonymous 1994: i) und nennt als die wesentlichen Merkmale des AA-Ansatzes "the need for moral inventory, confession of personality defects, restitution to those harmed, helpfulness to others, and the necessity of belief in and dependence upon God" (Ibid, vi).

Die folgende Erkärung, die Präambel, wird zu Beginn von AA-Meetings vorgetragen und hat zum Ziel, die Teilnehmer daran zu erinnern, worum es bei diesen Meetings gehen soll:

Anonyme Alkoholiker sind eine Gemeinschaft von Männern und Frauen, die miteinander ihre Erfahrung, Kraft und Hoffnung teilen, um ihr gemeinsames Problem zu lösen und anderen zur Genesung vom Alkoholismus zu verhelfen.Die einzige Voraussetzung für die Zugehörigkeit ist der Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören. Die Gemeinschaft kennt keine Mitgliedsbeiträge oder Gebühren, sie erhält sich durch eigene Spenden. Die Gemeinschaft AA ist mit keiner Sekte, Konfession, Partei, Organisation oder Institution verbunden; sie will sich weder an öffentlichen Debatten beteiligen, noch zu irgendwelchen Streitfragen Stellung nehmen. Unser Hauptzweck ist, nüchtern zu bleiben und anderen Alkoholikern zur Nüchternheit zu verhelfen (AA 2010).

Das AA-Programm basiert auf den zwöf Schritten und den zwölf Traditionen (siehe Anhang). Es ist ein spirituelles Programm – "spiritus contra spiritum", wie es C.G. Jung in einem Brief an Bill Wilson, einen der beiden Gründer der AA, ausdrückte (Alcoholics Anonymous 1984: 384) – und hält explizit fest, dass nur eine 'Höhere Macht' Süchtige von ihrem Alkoholismus befreien kann.

Our description of the alcoholic, the chapter to the agnostic, and our personal adventures before and after make clear three pertinent ideas: (a) That we were alcoholic and could not manage our own lives. (b) That probably no human power could have relieved our alcoholism. (c) That God could and would if He were sought (Alcoholics Anonymous 1994: 60).

Das klingt, als ob es sich bei den AA um eine religiöse Bewegung handle. Auch Jacques T. (1991: 50) stellt einen religiösen Bezug her: er vergleicht die Wirkung der zwölf Schritte, sofern sie wirklich praktiziert werden, mit der dramatischen Konversion des heiligen Paulus auf der Strasse nach Damaskus. Eine Konversion ist in der Tat zentraler Bestandteil des AA-Programms. So hält William James (1994: 125). in The Varieties of Religious Experience, einem Werk, das Bill Wilson nachhaltig beeinflusste, fest:

... the salvation through self-despair, the dying to be truly born, of Lutheran theology, the passage into nothing of which Jakob Behmen writes. To get to it, a critical point must usually be passed, a corner turned within one. Something must give way, a native hardness must break down and liquefy; and this event (as well shall abundantly see hereafter) is frequently sudden and automatic, and leaves on the Subject an impression that he has been wrought on by an external power.

Das bedeutet, "dass ein neuer Mensch geschaffen werden musste", meint Enquist (2008: 494) und fügt hellsichtig hinzu: dies könne möglicherweise Widerstand hervorrufen.

Das klingt schon sehr stark nach Religion, zudem legen auch einige Aussagen von Bill Wilson diesen Verdacht nahe. Diese hier zum Beispiel: "I must turn in all things to the Father of Light who presides over us all" (Alcoholics Anonymous 1994: 12). In dieselbe Richtung weist, dass fünf der zwölf Schritte explizit Gott erwähnen und einige Meetings, die ich besuchte, mit dem 'Vater Unser' schlossen. Trotzdem: bei AA handelt es sich nicht um eine Religion, das "Big Book" hält explizit fest: "Alcoholics Anonymous is not a religious organization" (Alcoholics Anonymous 1994: x).

Einige nordamerikanische Bundesgerichte sehen das allerdings anders und behaupten laut Trimpey (1997), AA sei "'unequivocally religious.' They only looked at AA’s doctrinal literature, and unhesitatingly declared what is obvious to anyone". Rudy & Greil (1988: 41) gehen nicht gar so weit, doch auch für sie ist AA "properly classified as a quasi-religion in so far as a tension between sacred and secular is crucial to its functioning." Goethals, Broekaert und Yates (forthcoming) wiederum argumentieren, es sei gefährlich, wenn eine Behandlungsideologie mit quasi-religiösen Tönen vermischt werde.

Dass es bei AA quasi-religiöse Töne und auch kult-ähnliche Elemente gibt, daran kann so recht eigentlich kein Zweifel bestehen: so gibt es Mitglieder, die Bill Wilson verehren, als wäre er ein Heiliger, und andere, welche das "Big Book" so lesen, als sei es von Gott persönlich geschrieben. Wer Kritik äussert, wird argwöhnisch betrachtet. So notierte etwa der Schriftsteller Wilfrid Sheed (1995: 89): "In the new world I was about to enter, the assumption was that it was always the truth you were flinching from like a vampire at high noon, and never just from cliché or, in this case, a shower of clichés, the bane of my profession".

Trotzdem handelt es sich bei AA ganz klar nicht um einen Kult: weder gibt es einen Führer, noch werden Mitgliederbeiträge erhoben, auch wird niemand gezwungen, mitzumachen (obwohl, und dies ist die Ausnahme, nordamerikanische Gerichte durchaus Leute zum AA-Besuch verdonnern), und jedermann ist frei zu gehen (Bufe 1998). Wie das "Big Book" sagt: "We are not allied with any particular faith, sect or denomination, nor do we oppose anyone" (Alcoholics Anonymous 1994: iv).

Was die AA-Literatur sagt, ist das eine, wie AA in der Praxis funktioniert das andere. Obwohl AA-Meetings weltweit nach demselben Schema ablaufen (wobei es ganz verschiedenartige Meetings gibt: von Schritte-Meetings zu Diskussionsmeetings, von offenen zu geschlossenen etc.), sind es die Teilnehmer, welche letztlich bestimmen, wie diese Meetings ablaufen, und es sind auch die Teilnehmer, von welchen die Stimmung im Meeting abhängt (und es ist oft die Stimmung – und gar nicht so sehr das Programm – , die darüber entscheidet, ob jemand bei AA bleibt oder eben nicht). Ich habe von Meetings auf den Philippinen und in Italien gehört, bei denen angeblich Alkohol getrunken worden sein soll; war in Meetings, die ich schwer erträglich fand – David Foster Wallace (1995) hat sie so beschrieben: "So then at forty-six years of age I came here to learn to live by clichés ... To turn my will and life over to the care of clichés. One day at a time. Easy does it. First things first. Ask for help. Thy will not mine be done. It works if you work it. Grow or go. Keep coming back"; und ich war in Meetings, die ich wegen der dort gehörten persönlichen Geschichten als hilfreich und bereichernd empfand. Zu fragen ist also: welche AA meinen wir eigentlich, wenn wir eine Antwort darauf finden wollen, ob das AA-Programm wirksam sei?

Eine weitere Schwierigkeit die Effizienz von AA nachzuweisen, liegt darin, dass das 12-Schritte-Programm nicht für einmal in Stein gemeisselt wurde, sondern sich fort entwickelt hat und dies immer noch tut. Gemäss Miller and Rollnick (2009) ist das 12-Schritte-Modell des 20. Jahrhunderts nicht dasselbe wie das ursprüngliche AA-Programm: "At some point, such a reinvention no longer contains and may even violate the spirit and elements that defined the original approach" (Miller and Rollnick 2009: 130). Und auch über die Frage, wie das AA-Programm zu praktizieren sei, gehen die Meinungen auseinander. So hielt ein AA-Veteran (seit 36 Jahren aktiv) im Jahre 1976 fest: "There are three ways to work the program of Alcoholics Anonymous. (1) The strong, original way, proved powerfully and reliably effective over forty years. (2) A medium way – not so strong, not so safe, not so sure, not so good, but still effective. And (3) a weak way, which turns out to be really no way at all but literally a heresy, a false teaching, a twisting corruption of what the founders of Alcoholics Anonymous clearly stated the program to be" (24 Magazine 1976).

Summa summarum: Einerseits scheint es so viele Interpretationen des AA-Programms zu geben wie AA Mitglieder hat. Andrerseits wiederum gibt es AAs, welche nicht nur das "Big Book" als sakrosankt begreifen, sondern auch Ratschläge wie "90 meetings in 90 days" und "Get a sponsor", die sich gar nicht im "Big Book" finden. Und dann gibt es auch noch die, welche – wie ich – vom Programm einfach nur das nehmen, was ihnen gefällt und/oder hilft. Anders gesagt: es ist fraglich, ob die freiwillige und informelle Natur von AA eine Beurteilung nach wissenschaftlichen Kriterien überhaupt erlaubt.

WIRD MAN MIT AA TROCKEN?

"Erfahrung, Kraft und Hoffnung teilen, um nüchern zu bleiben – das ist im Grunde schon das ganze AA-Geheimnis" schreibt Zocker (1989: 19). Und das "Big Book“ hält fest:

Rarely have we seen a person fail who has thoroughly followed our path. Those who do not recover are people who cannot or will not completely give themselves to this simple program, usually men and women who are constitutionally incapable of being honest with themselves. There are such unfortunates. They are not at fault; they seem to have been born that way. They are naturally incapable of grasping and developing a manner of living which demands rigorous honesty. Their chances are less than average. There are those, too, who suffer from grave emotional and mental disorders, but many of them do recover if they have the capacity to be honest (Alcoholics Anonymous 1994: 58).

[...]

Details

Seiten
19
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640970186
ISBN (Buch)
9783640970421
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v175896
Institution / Hochschule
University of Stirling
Note
with merit
Schlagworte
Therapie Alkohol Zwölf Schritte Suchtbehandlung Anonyme Alkoholiker

Autor

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Titel: Suchtbehandlung - Die Wirksamkeit  des Zwölf-Schritte Programms