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Die Entzauberung der Welt nach Weber, Adorno und Horkheimer

Essay 2010 7 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Die Entzauberung der Welt nach Weber, Adorno und Horkheimer

Die kritischen Sichten auf Aufklärung und Rationalität im Fokus.

Max Weber, Theodor W. Adorno und Max Horkheimer haben sich als bedeutende Figuren der Soziologie mit der Rationalität in der Gesellschaft beschäftigt, wenn auch zu unterschiedlichen Zeiten und mit unterschiedlichen Herangehensweisen. Weber zu seiner Zeit, und Adorno und Horkheimer zu ihrer, sprechen von der „Entzauberung der Welt“. Was sie damit meinen, will dieser Essay erörtern. Zuerst werden die Positionen der Autoren vorgestellt und erläutert, ehe sie einen tieferen Vergleich unterzogen werden. Auf Basis dieser Erkenntnisse soll die Aktualität des Problems untersucht werden.

Der Ausspruch „Entzauberung der Welt“ ist Dreh- und Angelpunkt der Gesellschaftskritik von Weber und Adorno/Horkheimer. Er fasst die Art und Weise zusammen wie die Aufklärung des Menschen seit ihrem Beginn wirkt, nämlich in Form eines Rationalisierungsprozesses.

Max Weber ist der Schöpfer des Begriffs. Er hat ihn im Rahmen seines Vortrages Wissenschaft als Beruf geprägt.[1] Obwohl hier zum ersten Mal in einer derart konkreten Art und Weise verwendet, zieht sich die Untersuchung dieser Problematik doch durch das ganze Schaffen des Soziologen, wie eben zu den Arbeiten am Rationalisierungsprozess der erstarkten Bürokratisierung der modernen Staaten oder in der berühmten Verbindung von Protestantismus und Kapitalismus. Bezeichnet hat Weber die „Entzauberung der Welt“ nun wie folgt:

„Die zunehmende Intellektualisierung und Rationalisierung bedeutet also nicht eine zunehmende allgemeine Kenntnis der Lebensbedingungen, unter denen man steht. Sondern sie bedeutet etwas anderes: das Wissen davon oder den Glauben daran: daß man, wenn man nur wollte, es jederzeit erfahren könnte, daß es also prinzipiell keine geheimnisvollen unberechenbaren Mächte gebe, die da hineinspielen, daß man vielmehr alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen beherrschen könne. Das aber bedeutet: die Entzauberung der Welt. Nicht mehr, wie der Wilde, für den es solche Mächte gab, muss man zu magischen Mitteln greifen, um die Geister zu beherrschen oder zu erbitten. Sondern technische Mittel und Berechnung leisten das. Dies vor allem bedeutet die Intellektualisierung als solche."[2]

Dieses Phänomen ist für Weber einmalig im Okzident vertreten. Folgt man seiner Argumentation in die heutige Zeit, dem Siegeszug des Kapitalismus, kann man sehen, wie sich die westliche Lebensweise über den gesamten Erdball ausgebreitet hat.

Der einhergehende Rationalismus im Westen nun, das Ersetzen von übernatürlichen Mächten mit Erklärungen die sich aus dem rationalen, vernunftorientierten Handeln, hier insbesondere durch die Wissenschaft, hat sich schon zur Zeit der alten Griechen ausgebreitet. Kurz gesagt, schildert Weber den Weg von magiebeseelten Gesellschaften, die Mythen und Erzählungen zugunsten eines plastischeren, eindeutigeren und eher ordnungsbeseelten Gottesbegriffs, in Form der großen katholischen Kirche, aufgeben, diesen ebenfalls überwinden und nur noch die aufklärerischen Mittel des eindeutig beweisbaren zuzulassen.[3] Genau daraus speist sich schließlich auch das Dilemma des Wissenschaftlers, welches Weber in dem erwähnten Vortrag thematisiert.[4] Ein Wissenschaftler kann sich nur einer bestimmten Fragestellung widmen und somit einen Ausschnitt aus dem Leben bearbeiten, nicht aber die großen Fragen nach der Sinnhaftigkeit des Lebens beantworten. In einer stark rationalisierten Welt ist das auch nicht mehr der Anspruch an die Wissenschaft: Da die Welt nun technisiert ist und nur rationale Antworten einen wirklichen Gehalt haben, erwartet man statt einer aufgeschobenen Erklärung (wie durch den Begriff des allmächtigen Gottes) lieber gar keine. Im Rahmen des gesamten Prozesses der Rationalisierung erfüllt die Wissenschaft also auch nur eine Aufgabe, wie es auch die Ökonomie oder Politik auf anderen Gebieten tut.

Es waren Adorno und Horkheimer, die sich gut 20 Jahre später an die Bewertung der Aufklärung machten.[5] Ihr Hauptwerk, die Dialektik der Aufklärung, befasst sich noch einmal konkreter mit der Entwicklungslinie bzw. dem vermeintlichen Gegensatz zwischen Mythos und Aufklärung. Das Werk besitzt vier Eckpfeiler, auf die sich ihre Kritik aufbaut: „Reduktion der menschlichen Vernunft auf rein instrumentalistische Denkweisen, Vermarktung der Kultur (Kulturindustrie), wachsender Antisemitismus, Unterordnung humaner Interessen unter ökonomische Prioritäten“.[6] Für sie ist die Grundannahme dieselbe wie bei Weber, doch schlägt die Aufklärung in den Mythos zurück.[7] Dies ist insofern eine ihrer wichtigsten Aussagen, als das mit diesem Vergleich die Art und Weise, wie mit der Aufklärung umgegangen wurde, dargelegt wird. Rational zu leben wurde selbst zu einem Lebensgefühl erhoben und mit den Verweisen auf Wissenschaft und Technik, als neue Möglichkeiten der Erkenntnis abseits der Magie deklariert. Oder anders gesagt: Besonders logisch, besonders mathematisch zu denken ist die neue Antwort, weil es einfach das „bessere Argument“ sein soll.[8] So bekommt diese Art zu leben selbst etwas, das, ähnlich wie damals die Mythen, nicht in Frage gestellt werden darf. In ihren modernsten, von der Rationalität getragenen Zügen, hat die Aufklärung mit ihrer Fixierung darauf beispielsweise die modernen Waffensysteme hervorgebracht und die Herrschaft des Menschen über den Menschen neu in den Fokus gerückt. Das Individuum wird entmündigt und geht in der Masse unter.[9] So entstanden laut Adorno und Horkheimer die totalitären Staaten, die das rationale Denken aufgriffen und verkörperten. Die pessimistische Perspektive des Werkes zeigt sich mit seinem Verweis auf den Faschismus im nationalsozialistischen Deutschland. In den Zeiten davor, besonders im 18. Jahrhundert, bescheinigen die Beiden der Aufklärung aber durchaus noch einen positiven Einfluss, was sich z.B. in der Mündigkeit des Individuums niederschlägt.[10] Dann aber hat die Aufklärung die erwähnte Mythologisierung ereilt.

[...]


[1] Vgl. Weber, 1988, S. 583 ff.

[2] Ebd. S. 594

[3] Vgl. Bendix, 1964, S. 58ff: Hier im Zusammenhang mit dem Beispiel der protestantischen Ethik.

[4] Vgl. neben dem erwähnten Vortrag auch den darauf bezogenen Essay in Weiß, 1991, S. 23ff.

[5] Vgl. Horkheimer/Adorno, 1977, S. 7: Hier taucht der Begriff bei ihnen auf.

[6] Rejien, 1990, S. 45

[7] Vgl. Horkheimer/Adorno, 1977, S. 22 (der neue Mythos), S. 25 und S. 27ff.

[8] Vgl. Horkheimer/Adorno, 1977, S. 26

[9] Ebd. S. 4, aber auch S. 38

[10] Vgl. Rejien, 1990, S. 53

Details

Seiten
7
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640970124
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v175886
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
entzauberung welt weber adorno horkheimer

Autor

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