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Über die Angemessenheit literaturkritischer Wertung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 22 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Thompsons Kategoriensystem

3. Wie Texte rezipiert werden

4. Probleme literarischer Wertung

5. Die Abfall-Kategorie

6. Der Kontrollmechanismus

7. Die Transaktionstheorie

8. Allesistim Fluss

9. Die Realisierbarkeit von Weltanschauungen

10. Ästhetischer und ökonomischer Wert

11. Fazit

12. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Streit um Literatur in Form der Kritik setzte im deutschsprachigen Raum vor nunmehr über 200 Jahren ein.1 Es ist nicht zu erwarten, nicht einmal auf lange Sicht, dass jene, die ihn austragen, sein Ende erleben werden. Wenn sich die Streitenden auf ihr Handwerk verstehen, werden sie daran aus vitalen Gründen gar kein Interesse haben. Grund zur Beunruhigung besteht, wie gesagt, nicht. Selbst die zunächst schockierende Erkenntnis, dass drastische Uneinigkeit über den Streitwert herrscht, hat der Kritik - gemessen daran, dass sie noch existiert - nicht wirklich schaden können.

Was Literatur ist, lässt sich nicht absolut und für alle Zeit bestimmen, stattdessen ist das, was unter Literatur verstanden wird, eine Projektion der historischen und gesellschaftlichen Fakten. „Die Theorie des Abfalls: über die Schaffung und Vernichtung von Werten“ (1979, Übersetzung 1981) von Michael Thompson legt diesen Schluss nahe. Sie, die Theorie des Abfalls, thematisiert die Mechanismen, die für den radikalen Wertewandel von Gegenständen verantwortlich sind. Darüber hinaus ermöglicht es die Theorie, jeder noch so ausgeklügelten Kritiker-Regel den Boden unter den Füßen wegzuziehen und den Reglementierenden als jemanden zu outen, der lediglich glaubt, er wisse, was zu tun sei.

Herbert Jaumann versteht 'Literaturkritik' ganz allgemein als "Institution des literarischen Lebens, die literarische Texte, Autoren und andere Phänomene der Literatur kommentiert und bewertet."2 Selbstverständlich bleiben diese Kommentierungen und Bewertungen nicht innerhalb der Sphäre dieser Institution; sie existieren, um über Literatur zu kommunizieren.3 Gleichwohl beschränkt sich die Vermittlung von Literatur nicht auf die professionelle Tätigkeit des Kritikers4: wenn Vermittlung von Literatur heißt, sie zum Gegenstand zu machen, dann sind private Leseempfehlungen, von Laien verfasste Blogs, Besprechungen im Deutschunterricht, Bibliotheksbestände, 'Bookcrossing'5 oder auch Theaterabende ebenso literarische Schauplätze, wie das hoch kulturelle Feuilleton, das täglich sechsstündige "Radiofeuilleton" auf D-Radio-Kultur, oder das nunmehr geschichtliche Fernsehquartett.

Nicht zufällig beschäftigt sich diese Arbeit mit der zuletzt genannten Gruppe. Nicht nur, weil die Kritiken dieser Gruppe - im besonderen jene der Feuilletonisten und der Rundfunkjournalisten - zugänglicher sind als z.B. mündliche Empfehlungen, auch nicht nur, weil in Zeitungen abgedruckte Kritiken archetypisch für die Literaturkritik sind, sondern, weil diese Form der Kritik - vorausgesetzt sie eröffnet die kritische Rezeption eines Werkes - sich nicht auf bereits vorhandene Meinungen berufen kann, vor allem aber, weil die Folgen der literaturkritischen Arbeit potentiell zu Ungerechtigkeiten führen.

Jedes Verhältnis zur Literatur ist das Resultat sozialer Bearbeitung, wobei die Art und Weise der Bearbeitung von der jeweiligen Blindheit des Kritikers abhängig ist. Mit der tatkräftigen Unterstützung des Soziologen, Mathematikers und Philosophen Michael Thompson versucht die vorliegende Arbeit also zu beschreiben, warum eine wertende Kritik injedem Fall problematisch ist.

2. Thompsons Kategoriensystem

„Wenn es so etwas wie ein lyrisches Ich gibt, dann gibt es ganz zweifellos auch das literaturkritische Ich.“6 Dem Kritiker eines neu erschienenen Buches steht ein ganzer Kosmos an Möglichkeiten offen. Weder ist die Rezension auf eine bestimmte Textsorte festgelegt, noch besteht ein Zwang zur Sachlichkeit und Präzision. Die Rezension arbeitet, wie das, was sie rezensiert, literarisch. Gründe dafür gibt es zuhauf, doch besonders ins Gewicht fällt die Beschaffenheit ihres Gegenstandes.

Für den Fortgang der Arbeit ist es zunächst ausreichend, anzuerkennen, dass sich der Umgang der Literaturkritik mit ihrem Gegenstand in einem „Bereich der Flexibilität“7 bewegt. Vereinfacht lässt sich daher sagen, dass eine Rezension eine wie auch immer geartete Empfehlung artikuliert bzw. noch vorsichtiger formuliert, eine Orientierung gibt. Und insofern zwei Rezensionen des selben Werkes unterschiedliche Meinungen kommunizieren, sind sie ein Beweis dafür, „daß Gegenstände auf verschiedene Weise gesehen werden können, deren eine ästhetisch und ökonomisch der anderen überlegen ist [...]“8. Dieser Bereich der Flexibilität erstreckt sich jedoch nur über einen Bruchteil der in der Welt vorkommenden Gegenstände. Denn ganz anders als der neu erschienene Text, ist die Masse der Gegenstände nur in der einen oder in der anderen Gestalt wahrnehmbar. Diese Gegenstände befinden sich in einem Bereich feststehender Annahmen. Dieser Bereich hilft uns, zwischen zwei Kategorien von Gegenständen zu unterscheiden. Wenn die ästhetisch und ökonomisch überlegene Sichtweise dominiert, was üblicherweise bei Kunstwerken der Fall ist, nimmt der Gegenstand während seiner theoretisch unbegrenzten Lebensdauer stetig an Wert zu. Das Merkmal der Wertsteigerung ist Gegenständen Vorbehalten, die der Kategorie des Dauerhaften zugeordnet sind. Ist hingegen die andere Sichtweise dominant, verliert der Gegenstand, in der Regel ein Gebrauchsgegenstand, im Lauf der Zeit an Wert, bis sein Wert schließlich null und er zu Abfall geworden ist. Gegenstände, die eine derartige Wertveränderung durchlaufen befinden sich der Kategorie des Vergänglichen.

Wenngleich die Kategorienzugehörigkeit in anderen Bereichen feststehender sein mag, als auf dem Feld der Literatur, so können Thompsons Beobachtungen doch auch für die Literatur Gültigkeit beanspruchen. Ein einfaches Beispiel soll dies verdeutlichen. Überträgt man Thompsons Sicht der Dinge auf die Literatur, befände sich z.B. Goethes „Wahlverwandtschaften“ in der Kategorie des Dauerhaften. Dagegen würde der Groschenroman im Wartezimmer aus literaturkritischer Sicht eher als Vertreter der Kategorie des Vergänglichen gelten. Entsprechend der Kategorie, in der sich die Beispiele befinden, gehen Interessierte mit ihnen um. Auf der Suche nach Literarizität wird niemand versuchen Trivialliteratur zu dechiffrieren. Gleichsam existieren vermutlich wenige Menschen, die „Ulysses“ auf der Toilette lesen. Unsere Weltsicht verbietet uns beide Vorhaben.

Im Falle des pünktlich zur letzten Buchmesse erschienen Romans existiert noch keine orientierende Weltsicht. Die Kritik muss der Weltsicht voraus gehen, da die besagte Veröffentlichung zu diesem Zeitpunkt weder der einen noch der andern Kategorie zugeordnet ist. Hier wird besonders deutlich, „dass Objekte [nicht] als Folge ihrer intrinsischen physikalischen Eigenschaften so sind, wie sie sind“9 ; andernfalls gäbe es keinen Bereich der Flexibilität. Die Tätigkeit des Kritikers würde sich darauf beschränken, das Lesen zu erledigen, gleichsam an einem Fließband zu stehen, um sich an der Masse der Neuerscheinungen abzuarbeiten, nach dem Motto „Die guten ins Töpchen, die schlechten ins Kröpchen“. Vielmehr resultieren Merkmalszuschreibungen aber aus der Art und Weise, wie Texte rezipiert werden, sprich, wie man sich ihnen gegenüber verhält.10

3. Wie Texte rezipiert werden

Sofern Literatur als Transportmedium, als Beförderer oder Behälter verstanden wird, als Aufbewahrungsort eines wie auch immer gearteten Inhalts, der sich durch Loyalität zu einer Autorität auszeichnet, die außerhalb der Literatur selbst liegt, dann ist Kritik in Form der Beurteilung des „logistischen Vermögens“ möglich.11

Nach eben dieser Prämisse geht die Literaturgeschichte vor. Das Vergangene hält sie für bewahrenswert und versteht alle Dichtung vor dem außersprachlichen Hintergrund des jeweiligen historischen Kontextes. Methodisch korreliert sie mit der gewachsenen Tradition, Literatur setzte sich aus einer Reihe fest verwurzelter Bedeutungen zusammen. Auf dieser Grundlage ist die Literaturgeschichte die (Ideen)-Geschichte der Bemühungen, zu verstehen, was der Literatur, sofern es sich im Einzelnen tatsächlich um Literatur handelt, a priori eingeschrieben ist. Das „Eingeschriebene“ ist Daseinsberechtigung. Der nicht fortwährend gleiche, doch aber immer existierende Gegenstand wird unterstellt und als sinn-, wert- oder gehaltvoll eingestuft. Erschöpfung findet er ausschließlich in der Exaktheit des Verständnisses.12

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts setzte eine Relativierung der maßgebenden Kategorien dieser „Geschichte“ ein. Die Ablehnung geistesgeschichtlicher und hermeneutischer Bedingungen des Verstehens mündete in der Ergänzung des „Geist“-Paradigmas durch die Kategorie der Struktur.13 Die Konvention, Sprache sei ein etabliertes Gefüge von Bedeutungen, wurde durch die Idee, sie sei ein System der Zeichen und der Bezeichnung, ersetzt. In Folge der Neuartigkeit der Beschreibung war nun die Möglichkeit geschaffen, der Referenzfunktion der Sprache Rechnung zu tragen. Bedeutungsträchtig an dieser Neuerung ist der Wortbestandteil '-funktion' in 'Referenzfunktion'. Wo vorher noch von einer konkreten, sprachlichen Intuition die Rede war, geht man nun von einer abstrakten Funktion aus. Diese kennzeichnet die Sprache als System, mit dessen Hilfe jeder wie auch immer geartete Bezug vorgenommen werden kann.14

Zeichentheoretische Annahmen gestehen dem literarischen Text so ein weitaus höheres Maß an Autonomie zu. Literatur wird vom bloßen Transportmittel zum Zweck.15 Diese Autonomie im Sinne der Emanzipation vom Gegenstand ist verantwortlich für die im 20. Jahrhundert einsetzende literaturtheoretische Tendenz zur Heterogenität.16

4. Probleme literarischer Wertung

Der Einfluss der Theoriebildung war enorm. Er führte zu einer großangelegten Problematisierung der Bewertung literarischer Texte, in deren Folge sich erstmals Risse zwischen den unterschiedlichen Bereichen der Beschäftigung mit Literatur zeigten. Pionierarbeit leistete René Wellek, der 1963 zwischen Literaturtheorie, Literaturgeschichte und Literaturkritik unterschied. Welleks Differenzierung blieb dem Gemeinsamen der drei Begriffe noch stark verhaftet, gleichzeitig halfen seine Ausführungen, für die faktischen Unterschiede zu sensibilisieren. Analog zu Wellek beharrten eine Reihe von Germanisten darauf, dass die Fähigkeit zur Beurteilung von Literatur, als Schnittmenge zwischen Wissenschaft und Kritik, die Bedeutungsnuancen nivelliere. In diesem Sinne äußerte sich

[...]


1 Vgl. Neuhaus, Stefan: Literaturkritik. 2004. S. 31. ff.

2 Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. 2000. Band II. S. 463.

3 Vgl. Neuhaus, Stefan: Literaturvermittlung. 2009. S. 7 f.

4 Bei Angaben von Personenbezeichnungen wird der Einfachheit halber nur die männliche Variante verwendet.

5 Bookcrossing meint das "Freilassen" von Büchern "in die Wildnis". Der Weg der freigelassenen, sprich hinterlegten Bücher kann über eine zugewiesene Nummer online verfolgt werden. So lässt sich feststellen, ob das Buch bereits vonjemandem "gefangen" wurde. Zudem besteht die Möglichkeit, sich mit anderen Lesern über das frei gelassene Buch auszutauschen. Vgl. http://www.bookcrossers.de/bcd/home/kurz (Gesehen: 24.02.2011)

6 Vormweg, Heinrich: Literaturkritik ist keine Wissenschaft. In: Barner, Wilfried (Hrsg.): Literaturkritik - Anspruchund Wirklichkeit. 1990. S. 478.

7 Thompson, Michael: Die Theorie des Abfalls. 1981.S.21.ff.

8 Ebd. S.20 f.

9 Ebd. S. 23.

10 Vgl. Neuhaus, Stefan: Literaturvermittlung. 2009. S. 49.

11 Vgl. Schmitz: Zensor, Kunstrichter und inventive Kritik. In: Schmitz/ Egyptien/Neukirchen (Hrsg.): Hat LiteraturdieKritiknötig? 1989. S. 15.

12 Vgl. de Man: Der Widerstand gegen die Theorie. In: Kimmich/ Renner/ Stiegler (Hrsg.): Texte zur Literaturtheorie der Gegenwart. 1996. S. 314.

13 Vgl. Becker: Literatur- und Kulturwissenschaften. Ihre Methoden und Theorien. 2007. S. 45.

14 Vgl. de Man: Der Widerstand gegen die Theorie. In: Kimmich/ Renner/ Stiegler (Hrsg.): Texte zur Literaturtheorie der Gegenwart. 1996. S. 314.

15 Vgl. Becker: Literatur- und Kulturwissenschaften. Ihre Methoden und Theorien. 2007. S. 45.

16 Vgl. von Wilpert, Gero: Sachwörterbuch der Literatur. 2001. S. 480.

Details

Seiten
22
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640968596
ISBN (Buch)
9783640968237
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v175788
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Deutsche Philologie
Note
1,0
Schlagworte
Literaturkritik Wertung Angemessenheit Thompson Michael Rubbish Theory Abfall Theorie Theorie des Abfalls Kritik Feuilleton

Autor

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