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Adornos Begriff der "Kulturindustrie" und seine Anwendung auf die modernen Medien

Hausarbeit 2009 24 Seiten

Literaturwissenschaft - Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Konzept der Kulturindustrie nach Theodor W. Adorno
2. 1. Der Begriff der Kulturindustrie
2. 2. Mittel der Kulturindustrie
2. 3. Effekte der Kulturindustrie

3. Sozial- und geistesgeschichtliche Hintergründe

4. Fernsehen als Ideologie

5. Kulturindustrie heute
5. 1. Die heutigen Medien
5. 2. Beispiele für die politische Nutzung der heutigen Medien

6. Fazit

7. Literatur

1. Einleitung

Max Horkheimer und Theodor W. Adorno veröffentlichten im Jahr 1944 das Werk „Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente“[1]. Es ist „wohl die folgenreichste Veröffentlichung der kritischen Theorie der Frankfurter Schule und eine ihrer theoretisch dichtesten“[2]. Ein wichtiges Kapitel des Werkes stellt der Aufsatz „Kulturindustrie – Aufklärung als Massenbetrug“, welchen Adorno in den vierziger Jahren im amerikanischen Exil verfasste, dar. Die Schrift „Dialektik der Aufklärung“ hat bis heute eine große geisteswissenschaftliche Bedeutung und wird immer wieder zu verschiedensten philosophischen, soziologischen und literaturwissenschaftlichen Fragestellungen herangezogen. Auch medientheoretisch wird vor allem das bereits genannte Kapitel noch heute thematisiert.

Entwickelt hatte Adorno sein Konzept von der Kulturindustrie bereits in den 1920ern anhand seiner Musikrezeption. Im amerikanischen Exil arbeitete er dann von 1941 bis 1943 im „Princeton Radio Research Project“ mit. Dieses untersuchte die Wirkung von Musik auf verschiedene Hörergruppen.[3] Durch diese Arbeit sah Adorno seine Thesen zur Kulturindustrie bestätigt und weitete sie in der „Dialektik der Aufklärung“ von der Musik auf weitere Medien aus. In den Aufsätzen „Prolog zum Fernsehen“[4] und „Fernsehen als Ideologie“[5] aus dem Jahr 1953 wandte er seine Thesen dann auf ein konkretes Medium an. Im Aufsatz „Résumé über Kulturindustrie“[6] fasste er seine Erkenntnisse nochmals zusammen.

In der vorliegenden Arbeit soll das von Adorno aufgestellte Konzept der Kulturindustrie zunächst beleuchtet und anschließend auf die heutigen Meiden angewandt werden. Dazu wird zuerst der Begriff im Sinne Adornos näher definiert, um anschließend die Mittel der Kulturindustrie sowie ihre Wirkung auf die Menschen genauer zu betrachten. Im dritten Kapitel wird der sozial- und geistesgeschichtliche Kontext der Theorie dargestellt, ist dieser doch für ein wirkliches Verständnis des medientheoretischen Konzeptes maßgeblich. Im vierten Kapitel wird die Anwendung des Konzeptes auf das Medium Fernsehen, wie Adorno es bereits in den Aufsätzen „Kulturindustrie. Fernsehen als Ideologie.“ und „Prolog zum Fernsehen“ veröffentlichte, dargelegt. Folgend soll versucht werden die Aktualität des Konzeptes der „Kulturindustrie“, soweit es auf heutige Medien übertragbar ist, zu untersuchen. Abschließend wird ein Fazit gegeben und auf offene Fragestellungen hingewiesen.

2. Das Konzept der Kulturindustrie nach Theodor W. Adorno

2.1. Der Begriff der Kulturindustrie

Der Begriff der Kulturindustrie wurde erstmals im Werk „Dialektik der Aufklärung“ verwendet. Adorno und Horkheimer versuchten in dieser Studie, unter dem Eindruck des Holocaustes, aber auch des Kapitalismus, mit welchen sie sich im amerikanischen Exil ständig konfrontiert sahen, zu ergründen, wie es zu der beinahe industriellen Vernichtung der Juden in Europa kommen konnte. Für die Autoren stand dies nicht im Gegensatz zu den Idealen der abendländischen Aufklärung, vielmehr sei in der Aufklärung selbst die Barberei schon immer mit angelegt, würde doch bereits die Unterdrückung der Menschen durch andere Menschen aus der Unterdrückung der eigenen Natur der Menschen erwachsen.

Der Mensch wolle sich von jeher aus dem Naturzusammenhang ausgrenzen und als Gattung etablieren. Um sich vom Zwang der Natur zu emanzipieren, würde er Wissenschaft und Technik entwickeln. Mit diesen Entwicklungen würde die Aufklärung einhergehen. Horkheimer und Adorno merken allerdings an, dass es sich hier nur um einen scheinbaren Sieg handelt, da es sich bereits in der menschlichen Vernunft um eine natürliche Eigenschaft, also um unbegriffene Natur, handeln würde. Das Ziel der kritischen Theorie im Verständnis Horkheimers und Adornos ist dabei die Aufklärung über sich selbst aufzuklären.

Die Dialektik, welche der Aufklärung innewohnt, zeigt sich laut Adorno nicht zuletzt deutlich in der Rolle, der Produktion und der Rezeption von Kulturgütern im industriellen Zeitalter. Trotz massenhafter Verbreitung von Kunst und Kultur durch Medien wie Film, Radio, Zeitschriften und Fernsehen würden diese nicht zu einer aufgeklärten Gesellschaft beitragen, sondern stattdessen von den Mächtigen instrumentalisiert werden und somit gar eine gegenteilige Wirkung erzielen.

„Unter Kulturindustrie verstehen Horkheimer und Adorno die gesellschaftlich verfügbaren und der Unterhaltung dienenden Reproduktionstechnologien, die mit der im späten 19. Jahrhundert entstandenen Vergnügungsindustrie im 20. Jahrhundert zu einem System verschmolzen, das durch Standardisierung und Serienproduktion von Kulturprodukten gekennzeichnet ist. Diese sind kapitalistischen Produktionsprozessen unterworfen, werden zu Waren, die den Gesetzen des Marktes unterliegen.“[7]

Adorno lehnt den Begriff des Massenmediums ab, würde dieser doch den Eindruck vermitteln die Medien würden in erster Linie den Massen dienen.[8] In Wirklichkeit würden die Massen der Rezipienten aber Opfer einer Manipulation zugunsten der, in den instrumentalisierten Medien vermittelten, Ideologie sein. Zu diesem Zwecke nutzt die Kulturindustrie laut Adorno verschiedene Mittel wie beispielsweise die Angleichung von Allgemeinem und Besonderem oder die Verdoppelung der Realität zur Stärkung der Ideologie. Diese Mittel, sowie ihre Wirkungen sollen im Folgenden betrachtet werden.

2. 2. Mittel der Kulturindustrie

Nach Adorno wurde die Medienlandschaft, genau wie der Rest des alltäglichen Lebens, dem System dienend eingerichtet. Oberste Priorität ist stets die, von den „ökonomisch Stärksten“[9] angestrebte, Ideologie zu vermitteln bzw. zu stärken. Grundlegend sei dabei das Zusammenwirken aller Medien. Es würde eine für Waren typische Uniformität herrschen, welche sich sowohl in den Handlungsabläufen, als auch in den Themen und den Charakteren ablesen läßt. Nur oberflächlich würde die Warenproduktion variieren.[10] Es würden keine individuellen Produkte mehr entstehen, sondern lediglich immer gleiche Aussagen in verschiedenen Formen vermittelt werden.

„Kultur heute schlägt alles mit Ähnlichkeit. Film, Radio, Magazine machen ein System aus. Jede Sparte ist einstimmig in sich und alle zusammen.“[11]

Durch dieses Zusammenwirken aller Medienerzeugnisse würde die Spannung zwischen Allgemeinem und Besonderem negiert werden. Gleichzeitig sei die Ideologie allgegenwärtig, würden doch nicht nur in der Arbeitszeit, sondern auch in der Freizeit die immer gleichen Aussagen vermittelt werden.

„Indem sie alle Zweige der geistigen Produktion in gleicher Weise dem einen Zweck unterstellt, die Sinne der Menschen von Ausgang aus der Fabrik am Abend bis zur Ankunft bei der Stechuhr am nächsten morgen mit den Siegeln jenes Arbeitsganges zu besetzen, den sie den Tag über selbst unterhalten müssen, erfüllt sie höhnisch den Begriff der einheitlichen Kultur, den die Persönlichkeitsphilosophen der Vermassung entgegenhielten.“[12]

Die Kulturindustrie würde immer wieder die gleichen geplanten und auf den Konsum der Massen zugeschnittene Produkte herstellen und damit „Altgewohntes zu einer neuen Qualität“[13] zusammenfügen.[14]

„Weitergeben und Weitermachen überhaupt wird zur Rechtfertigung für den blinden Fortbestand des Systems, ja für seine Unabänderlichkeit. Gesund ist, was sich wiederholt, der Kreislauf in Natur und Industrie. Ewig grinsen die gleichen Babies aus den Magazinen, ewig stampft die Jazzmaschine. Bei allem Fortschritt der Darstellungstechnik, der Regeln und Spezialitäten, bei allem zappelnden Betrieb bleibt das Brot, mit dem Kulturindustrie die Menschen speist, der Stein der Stereotypie.“[15]

Diese Wiederholung des Immergleichen sollte ein Wiedererkennen des schon Bekannten und weiterführend eine Festigung dessen unterstützen. Zu diesem Zweck opperiere die Kulturindustrie auch stetig mit den gleichen Stereotypen. Die einzige Neuerung bestehe in der stetigen Verbesserungen der Reproduktionen.[16]

Adorno betont die Medien würden die Wirklichkeit verdoppeln. Das Ideal des Natürlichen, sei umso wichtiger, je weiter „die perfektionierte Technik die Spannung zwischen dem Gebilde und dem alltäglichen Dasein“[17] herabsetzen würde.

Bereits im Vorwort der „Dialektik der Aufklärung“ weisen Horkheimer und Adorno darauf hin die Medienkonzerne würden sich bei jeglicher Kritik auf ihren kommerziellen Charakter berufen. Somit würden sie sich zur „gemilderten Wahrheit“[18] bekennen, sich aber gleichzeitig der Verantwortung für ihre Lügen entziehen. Auch würden sie lediglich die Bedürfnisse der Konsumenten bedienen. Warum es sich hierbei um auf den Kopf gestellte Abhängigkeitsverhältnisse handelt, wird genauer im Kapitel vier zu untersuchen sein. Horkheimer und Adorno weisen die Berufung auf den kommerziellen Charakter zurück und betonen die Produkte der Kulturindustrie hätten den „innewohnenden Anspruch […] ästhetisches Gebilde und damit gestaltete Wahrheit zu sein“[19].

2.3. Effekte der Kulturindustrie

Der angestrebte Effekt der Kulturindustrie ist laut Adorno die ständige Suggerierung und damit Festigung der herrschenden Ideologie. Durch die ständige Wiederholung würde die Kulturindustrie jeden „Einwand gegen sich so gut nieder[schlagen] wie den gegen die Welt, die sie tendenzlos verdoppelt“[20].

[...]


[1] Für die vorliegende Arbeit wurde die Ausgabe aus dem Jahr 1988 verwendet. Horkheimer, Max/ Adorno, Theodor W. : Dialektik der Aufklräung. Philosophische Fragmente, Frankfurt am Main 1988.

[2] Waschkuhn, Arno: Kritische Theorie. Politikbegriffe und Grundprinzipien der Frankfurter Schule, München u.a. 2000, S. 28.

[3] Vgl. Kleiner, Marcus S.: Wer küsst den Froschkönig heute? Die Medienkulturindustriekritik von Theodor W. Adorno, in: Winter, Rainer/ Zima, Peter V.: Kritische Theorie heute, Bielefeld 2007, S. 134.

[4] Adorno, Theodor W.: Prolog zum Fernsehen, in: Adorno, Theodor W.: Kulturkritik und Gesellschaft II. Eingriffe, Stichworte. Anhang (Theodor W. Adorno. Gesammelte Schriften, Band 10.2) Frankfurt am Main 1977, S. 506-517.

[5] Adorno, Theodor W.: Fernsehen als Ideologie, in: Adorno, Theodor W.: Kulturkritik und Gesellschaft II. Eingriffe, Stichworte. Anhang (Theodor W. Adorno. Gesammelte Schriften, Band 10.2) Frankfurt am Main 1977, S. 518-532.

[6] Adorno, Theodor W.: Résumé über Kulturindustrie, in: Pias, Calus u.a. (Hrsg.): Kursbuch Medienkultur Die maßgeblichen Theorien von Brecht bis Baudrillard, Stuttgart 1999, S. 202-208.

[7] Winter, Rainer/ Zima, Peter V.: Adorno als Medienkritiker, in: Winter, Rainer/ Zima, Peter V.: Kritische Theorie heute, Bielefeld 2007, S. 116

[8] Adorno: Résumé über Kulturindustrie, S. 202.

[9] Horkheimer/Adorno: Dialektik, S. 129.

[10] Winter/Zima, S. 116.

[11] Horkheimer/Adorno: Dialektik, S. 128.

[12] Ebenda, S. 139.

[13] Ebenda.

[14] Vgl. Ebenda.

[15] Vgl. Horkheimer/Adorno: Dialektik, S. 157.

[16] Vgl. Ebenda, S. 144.

[17] Ebenda, S. 136.

[18] Ebenda, S. 6.

[19] Ebenda.

[20] Horkheimer/Adorno, S. 156.

Details

Seiten
24
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640968510
ISBN (Buch)
9783640968312
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v175736
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Institut für deutsche Philologie
Note
2,3
Schlagworte
Adorno Horkheimer Kulturindustrie Medien

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