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Ist der „Nord-Süd-Konflikt“ eine adäquate Bezeichnung für den Zustand des internationalen Systems?

Essay 2011 9 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit

Leseprobe

Das internationale System wird bereits seit den sechziger Jahren wesentlich durch den „Nord-Süd-Gegensatz“ bestimmt[1]. Dieser basiert im Allgemeinen auf einem Gefälle zwischen Industrie – und Entwicklungsländern bezüglich wirtschaftlicher , sozialer und politischer Bedingungen. Im Zuge veränderter Rahmenbedingungen seit den Entkolonialisierungsprozessen der Nachkriegszeit rückten auch demographische, ökologische oder sicherheitspolitische Aspekte und deren Auswirkungen ins Blickfeld dieses Gefälles. Es fragt sich deshalb, ob diese Veränderungen, nicht zuletzt durch den Wegfall der ideologischen Konfliktlinie des „Ost-West-Konflikts“, auch zu einer veränderten Auffassung des „Nord-Süd-Konflikts“ als Bezeichnung für den Zustand des internationalen Systems beigetragen haben.

Aus diesem Anlass versucht das vorliegende Essay eine Antwort auf die Frage zu geben, ob der „Nord-Süd-Konflikt“ eine adäquate Bezeichnung für den Zustand des internationalen Systems darstellt.

Zunächst erfolgt eine Erörterung des Begriffs „Nord-Süd-Konflikt“ mit Blick auf seine historische Entstehung, seiner inhaltlichen Zuschreibung und der damit verbundenen Problematik. Im Anschluss wird dargestellt welche Umstände des internationalen Systems zu einem Wandel der Entwicklungspolitik beigetragen haben. Davon ausgehend soll die zugenommene Komplexität der „Nord-Süd-Beziehung“ festgemacht werden, die den aktuellen Zustand des internationalen Systems skizzieren kann. Die Frage, ob der „Nord-Süd-Konflikt“ in diesem Kontext auch heute noch aktuell ist und angewendet werden kann, soll davon ausgehend diskutiert werden.

Die Entstehung des Begriffs „Nord-Süd-Konflikt“ geht zurück auf die Entkolonialisierungsprozesse der Nachkriegszeit. Unter der Bezeichnung „Dritte Welt“ fasste man die Entwicklungsländer Afrikas, Lateinamerikas und Asiens zunächst als Abgrenzung gegenüber der ersten (kapitalistischen) und zweiten (kommunistischen) Welt zusammen. Man begann die heterogenen, unterentwickelten Ländergruppen des „Südens“ als Einheit zu sehen, die in einem Abhängigkeitsverhältnis zu den Industriestaaten des „Nordens“ standen.

Für die Optimierung der Entwicklungszusammenarbeit wurden verschiedene Theorien entworfen, die dabei helfen sollten, die Ursachen für Rückständigkeit „Dritter Welt“-Länder zu finden und durch gezielte Strategien, Entwicklungsmöglichkeiten voranzutreiben. Die konzeptionelle Entwicklung und praktische Umsetzung vollzog sich in Dekaden und verlief in manchen Entwicklungsländern erfolgreicher als in anderen. Zu diesen Theorien zählt beispielsweise die Modernisierungstheorie, die Dependenztheorie und die grundbedürfnisorientierte Projekthilfe[2].

Im Allgemeinen bezeichnet der „Nord-Süd-Konflikt“ also das Verhältnis zwischen Entwicklungsländern, welche größtenteils auf der Südhälfte der Erde angesiedelt sind, und den Industrieländern auf der Nordhälfte. Diese Beziehung ist gekennzeichnet durch Interessengegensätze, die aus einem wirtschaftlich-sozialen und politisch-kulturellen Entwicklungsgefälle bestehen. Dennoch weist der Begriff „Nord-Süd-Konflikt“ zunächst eine Problematik hinsichtlich seines geografischen Inhalts auf: Der "Süden" als Sammelbezeichnung für Entwicklungsländer ist dahingehend problembehaftet, als dass sich die geographische Zuordnung als ungenau erweist. Wohlhabenden Staaten wie Australien und Neuseeland befinden sich beispielsweise auch auf der Südhalbkugel. Die Ungenauigkeit des Begriffes drückt sich auch darin aus, dass Schwellenländer wie Indien oder Südkorea weder als Industrie – noch als Entwicklungsland zu charakterisieren sind.

Hier besteht die Gefahr, dass mit dem geographischen Sammelbegriff auch eine Ursachenzuordnung verbunden ist, die mit der Idee einhergeht, dass im Süden angesiedelte Länder weniger wohlhabend sind als die im Norden. Auch der Politikwissenschaftler Franz Nuscheler hält den Begriff „Nord-Süd-Politik“ für problematisch, da man annehmen könnte der Norden würde den Süden entwickeln[3].

[...]


[1] Vgl. Senghaas, D. 1988. Konfliktformationen im Internationalen System. Frankfurt: Suhrkamp Verlag, S. 7.

[2] Vgl. Menzel, U. (2005). Entwicklungszusammenarbeit versus Containment. Sechs Dekaden Entwicklungspolitik. In: Nord-Süd aktuell. Vierteljahreszeitschrift für Nord-Süd- und Süd-Süd-Entwicklungen (Jg.19, Nr. 1/2005). Hamburg, S. 99ff.

[3] Vgl. Nuscheler, F.⁵ 2004: Lern - und Arbeitsbuch Entwicklungspolitik. Eine grundlegende Einführung in die zentralen entwicklungspolitischen Themenfelder Globalisierung, Staatsversagen, Hunger, Bevölkerung, Wirtschaft und Umwelt. Bonn: Dietz Verlag.

Details

Seiten
9
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640970018
ISBN (Buch)
9783640970506
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v175601
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Note
1,3
Schlagworte
Nord-Süd-Konflikt Global Governance Good Governance NordSüdKonflikt Nordsüd-Konflikt Industrieländer Entwicklungsländer

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