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Das Lehrstück in Theorie und Praxis am Beispiel der Werke „Die Maßnahme“ (Bertolt Brecht) und „Mauser“ (Heiner Müller)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 21 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Kurzer Einblick in die klassische Dramentheorie

3. Entwicklung und Definition des Lehrstücks

4. Analyse der Textbeispiele
4.1 „Die Maßnahme“ von Bertolt Brecht
4.2 „Mauser“ von Heiner Müller
4.3 Gegenüberstellung der beiden Werke

5. Schluss

6. Literaturliste

1. Einleitung

Brecht ist zur Zeit in aller Munde, jährt sich doch 2006 sein Todestag zum fünfzigsten Mal. Erstaunlich oft findet man seine Stücke derzeit in den Spielplänen der Theaterhäuser und nicht nur in Berlin. Auch eine Inszenierung der Dreigroschen- Oper mit Klaus Maria Brandauer als Regisseur und dem Sänger Campino der Punkband „Die Toten Hosen“ als Mackie Messer wird in sämtlichen Feuilletons besprochen. Es wird wohl Spekulation bleiben , ob Brecht damit einverstanden gewesen wäre, dass diese Aufführung seines Stücks mit Hilfe einer großen Bank realisiert wurde.

Bertold Brecht kennt jeder. Von der Dreigroschen-Oper hat jeder schon einmal gehört, jeder kann Mackie Messer dem Werk Brechts zuordnen und mit der Mutter Courage und ihren Kindern wurden ganze Schülergenerationen konfrontiert. Auch der Terminus Episches Theater ist ein (zumindest literaturwissenschaftlich) prominenter Begriff. Was genau sich dahinter verbirgt soll im Folgenden geklärt werden.

Um zu verstehen, was Brecht mit seiner Theorie des Theaters bewirken wollte, wird zuerst die klassische Variante der Dramentheorie Aristoteles und Schillers kurz beleuchtet, um dann Rückschlüsse auf die Verlagerungen der Schwerpunkte und die Veränderungen des Dramenverständnisses ziehen zu können.

2. Kurzer Einblick in die klassische Dramentheorie

Tragödie ist laut Aristoteles die Form des Dramas, welche durch „ Nachahmung von Handelnden und nicht durch Bericht, die Jammer und Schauder hervorruft und hierdurch eine Reinigung von derartigen Erregungszuständen bewirkt.“[1] Aufgrund des unerwarteten Eintretens eines Ereignisses wird Jammer, Schauder und Mitgefühl beim Publikum erzeugt.

Neben der Tragödie, die hier näher beleuchten werden soll, ließen sich auch Epik, Komödie und Dithyrambendichtung als Teile der aristotelischen Poetik aufführen.

Mimetische Dichtung ahmt Handlungen nach und beschreibt gleichwohl gute wie schlechte Menschen .Dementsprechend kann man sagen, dass die dargestellten Charaktere auf der Bühne für den Zuschauer als eine Art Gradmesser der Moral fungieren sollen. In der Komödie werden meist schlechtere Menschen vorgeführt, in der Tragödie, auf welcher hier der Fokus liegt, vergleichsweise moralisch integere. Unmittelbar am Geschehen beteiligte Personen stellen auf der Bühne in Rede und Gegenrede, im Dialog also, unmittelbare Handlung dar. Schnelle Kulissenwechsel und Sprünge in der erzählten Zeit sind nicht möglich. Dieses Problem, vor welches Dramaturgen und Schauspieler am Theater gestellt werden, löst Brecht durch die Übernahme der retrospektivischen Szenen durch die agierenden Schauspieler selbst. Es kommt zu der Darstellungsmöglichkeit des Spiels im Spiel.

Allen Dramen liegt die Problematik zu Grunde, dass sich aus der Kollision polarer Kräfte und Willensrichtigen, dem Zusammentreffen verschiedenster Ansichten und Haltungen der dramatis personae, ein Antagonismus zweier Ansprüche entwickelt, der den Protagonisten in unlösbare Dilemmata stürzt. Er kann sich gar nicht richtig entscheiden, da immer ein Pol, ein Standpunkt, obwohl er genauso wichtig wie der andere ist, ins Hintertreffen gerät und somit das Leiden des Helden vertieft.

Der Held der klassischen Tragödie lädt sich dadurch die Schuld auf seine Schultern, dass er vergisst, ein Mensch zu sein, dass er sich selbst erhöht und glaubt, die Mechanismen der Welt greifen bei ihm nicht mehr und meint, er sein den Göttern ähnlicher als den Menschen. Hybris also spielt dort eine große Rolle. Bei Brecht und Müller ist dies nicht der Fall, denn in der Revolution, die ja in deren Lehrstücken Thema ist, kann der Mensch nicht mehr Mensch sein. Er muss getötet werden, damit die Gesellschaft verändert und der Mensch neu definiert werden kann. Hier entwickelt sich die Schuld dadurch, dass sich der Revolutionär im revolutionären Akt plötzlich wieder daran erinnert, ein Mensch zu sein und human handelt.

Die klassischen Tragödien sollen ein Ausschnitt des Laufs der Welt sein, eine Momentaufnahme dessen was in abweichender Form jedem passieren kann. Der Rezipient kann mit Hilfe der Vorführung einer Grundproblematik, die verschiedensten eventuell auf ihn zukommenden Ereignisse bewältigen, da er mit dem Wissen, dass bei ihm durch den Theaterbesuch nun immanent ist, die Fähigkeit besitzt, die Welt zu interpretieren und dementsprechend gut zu handeln.

Dabei strebt Brecht nicht die Interpretation, sondern die Veränderung der Welt an.

Friedrich Schiller definiert die Tragödie in seinen Schriften über die Ästhetik als „[unfehlbaren] Schlüssel zu den geheimsten Zugängen der menschliche Seele“ [2], als Schule der praktischen Weisheit und als überlebenswichtigen Wegweiser durch das bürgerliche Leben. Genauso wie Aristoteles ist Schiller davon überzeugt, dass das Theater, die Tragödie im Speziellen, die Aufgabe hat, auf die Härte des Lebens vorzubereitet. Auch er weiß, dass einen das Schicksal trotzdem trifft, wenn es einen ereilt, aber man ist nicht mehr so sehr von dessen Existenz überrascht und kann das Zusammenspiel der beiden Pole Zufall und Plan akzeptieren. Auf der einen Seite steht der Zufall, dem man sich unterwerfen und dessen Willkür man akzeptieren muss, auf der anderen Seite haben wir den Plan, den man selbst entwirft und nach dem man handelt, soweit der Zufall dies nicht beschränkt. Dieses Wissen überträgt sich durch die Darstellungen auf der Bühne auf den Zuschauer. Weiter definiert Schiller die Schaubühne als „gemeinschaftlichen Kanal, in welchen vom dem denkenden besseren Teil des Volks das Licht der Weisheit herunterströmt und von da aus in milderen Strahlen durch den ganzen Staat sich verbreitet. [3] Auch Brecht sieht die Bühne als Lehranstalt, jedoch spricht er dem Zuschauer mehr Eigenleistung bei der Aufnahme des Kerngehalts, der Wahrheit, die das Stück vermitteln soll, zu. In der Klassischen Tragödie wird die Moral schön zubereitet und nett dekoriert serviert, bei der neuen Theatervariante des Lehrstücks muss man sich sein Stück selbst herausschneiden, sich entscheiden, welche Moral man denn nun haben möchte.

Schiller merkt zudem an, dass das Durcheinander in der Welt, welches auf der Bühne spiegelbildlich wiedergegeben wird, durch die instabilen politischen Verhältnisse erzeugt wird. Gesetze haben nur verneinende Funktion und verbieten den Menschen, etwas zu tun. Die Religion hingegen hegt die Forderung nach wirkendem Handeln. Im Gegensatz zu den menschengemachten Gesetzen sind Religion, Sittlichkeit und Moral streng und ewig bindend. Da die politischen Verhältnisse und die Moral, beziehungsweise die Religion divergieren, wird das Tragische emporgehoben.

Bei Brecht und Müller sind Gesetz und Moral quasi zu einem Stück verschmolzen, denn Gesetz ist, was die Revolution verlangt und moralisch ist das, was revolutionär ist. Bei den Lehrstücken liegt dementsprechend das Tragische nicht in dem Spannungsverhältnis zwischen diesen beiden Polen, sondern darin, dass man sich von dem einen zentralen Punkt, der Moral und Gesetz vereint, individuell entfernt.

Bei der klassischen Tragödie soll die Zweckmäßigkeit des Theaters, das Moralisieren des Zuschauers, im Hintergrund bleiben und die Schaubühne nicht als Lehr- und Moralisierungsanstalt entlarven. Theater soll augenscheinlich vergnüglich sein und die Lehre quasi in den Zuschauer hineingemogelt werden, ohne dass er diesen Lernprozess selbst aktiv vollzieht. Schiller beschreibt der Rezeptionsvorgang folgendermaßen:

Man glaubt, ihnen einen großen Dienst zu erweisen, indem man ihnen, anstatt des frivolen Zwecks, zu ergötzen, einen moralischen unterschiebt, und ihr so sehr in die Augen fallender Einfluss auf die Sittlichkeit muss diese Behauptung unterstützen. Man findet es widersprechend, dass dieselbe Kunst, die den höchsten Zweck der Menschlichkeit in so großem Maße befördert, nur beiläufig diese Wirkung leisten und einen so gemeinen Zweck, wie man sich das Vergnügen denkt, zu ihrem letzten Augenmerk haben sollte. [4]

Die Bühne ist genau eines dieser Mittel der Moral, das darstellen und gleichzeitig darauf hinwirken kann, dass das Dargestellte in der Realität so nicht eintritt. Die Kunst ist nicht deshalb sittlich, weil sie durch sittliche Mittel ergötzt, sondern weil das Vergnügen selbst, das die Kunst gewährt, ein Mittel zur Sittlichkeit wird: „ Die Schaubühne ist die Stiftung, wo sich Vergnügen mit Unterricht, Ruhe mit Anstrengung, Kurzweil mit Bildung gattet, wo keine Kraft der Seele zum Nachteil der anderen gespannt, kein Vergnügen auf Unkosten des Ganzen genossen wird.[5]

In der antiken Tragödie soll der Held Schuld haben, die er teilweise selbst herbeigeführt hat (Hybris) und die ihm zum anderen Teil aber auch durch ihm unbewusste Umstände auferlegt wird.

Im Gegensatz zu Aristoteles und auch Schillers Auffassung von Tragödie, nach der die Zuschauer Mitgefühl entwickeln sollen und laut der „ Nachahmung von Handelnden und nicht durch Bericht, die Jammer und Schauder hervorruft und hierdurch eine Reinigung von derartigen Erregungszuständen [bewirken][6] soll, ist es Brecht ein Anliegen, dass die Schauspieler bei der Darstellung eines Bühnencharakters eine persönliche Entwicklung durchleben und belehrt werden: „ Das ´Lehrstück’[...] ist zur Selbstverständigung der Autoren und derjenigen, die sich dabei tätig beteiligen, gemacht und nicht dazu, irgendwelchen Leuten ein Erlebnis zu sein. Es ist nicht einmal ganz fertig gemacht.“[7]

[...]


[1] Aristoteles: Poetik. Reclam Stuttgart 1995

[2] Schiller, Friedlich. Vom Pathetischen und Erhabenen – Schriften zur Dramentheorie. Reclam Stuttgart 2005

[3] Schiller, Friedlich. Vom Pathetischen und Erhabenen – Schriften zur Dramentheorie. Reclam Stuttgart 2005

[4] Schiller, Friedlich. Vom Pathetischen und Erhabenen – Schriften zur Dramentheorie. Reclam Stuttgart 2005

[5] Schiller, Friedlich. Vom Pathetischen und Erhabenen – Schriften zur Dramentheorie. Reclam Stuttgart 2005

[6] Aristoteles: Poetik. Dt. Manfred Fuhrmann. Stuttgart 1995

[7] Programmheft „Deutsche Kammermusik Baden-Baden 1929“. DLA 62.386

Details

Seiten
21
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640962105
ISBN (Buch)
9783640962389
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v175308
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Deutsches Seminar
Note
2
Schlagworte
Bert Brecht Berthold Brecht Brecht Müller Heiner Müller Lehrstück Agitprop Theater Stück Tragik Tragödie Aristoteles Poetik

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