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Die Entwicklung und Manifestierung der Geschlechtscharaktere und deren Auswirkungen auf die Lebenswelten der Frauen im speziellen auf die Erwerbsarbeit

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 19 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Historischer Überblick der Entwicklung der Geschlechtscharaktere

Familie

Die gesellschaftliche Konstruktion von Geschlecht und geschlechtsspezifische Sozialisation

Bildung und Ausbildung

Auswirkungen der Geschlechtscharaktere auf die Erwerbsarbeitswelt von Frauen

Männliche und weibliche Berufe? Männliche und weibliche Bezahlung?

Schluss

Literatur

Einleitung

Bis heute sind Frauen in der Gesellschaft benachteiligt. Vielleicht sollte man lieber sagen, dass es bis heute Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, die ihren Ausdruck findet im Sozialprestige, im Beruf und in der Bezahlung für die Arbeit die geleistet wird. Bis heute bekommen Frauen weniger Geld für die von ihnen geleistete Arbeit als ihre männlichen Mitstreiter, die gleichwertige Arbeit verrichten.

Bis heute ist es für die Frauen auf dem Arbeitsmarkt schwieriger als für die Männer, einen unbefristeten Arbeitsplatz zu finden. Bis heute erhalten die Frauen geringere Löhne als die Männer.

Mit „die Frauen“ und „die Männer“ wird eine Universalisierung der Geschlechter angedeutet, die sich aus der Entwicklung der Dichotomie der Geschlechter und der Festsetzung der Geschlechtscharaktere für Männer und Frauen ergibt.

Dies macht es schwer, jedes Individuum als dieses anzusehen, denn jedes Individuum wird als erste Handlung des Gegenübers und seiner Umwelt in Bezug zu seinem Geschlecht kategorisiert und eingeordnet.

Dies geschieht nicht, weil es den (biologischen) Geschlechtern immanente Eigenschaften gibt, die diese speziell auszeichnen, sondern weil durch die Belegung der biologischen Geschlechter mit charakterlichen und scheinbar charakteristischen Eigenschaften und den damit einhergehenden sozialen Aufgaben eine Zweiteilung der Gesellschaft geschaffen wurde, die durch die ständige Reproduktion dieser Vorstellung nur schwer wieder aufzulösen ist. Die Aufteilung der Geschlechter liegt nicht einfach so schon immer vor, sondern ergab sich aus einer zunächst verwirrend erscheinenden Entwicklung der Geschlechtscharaktere, die vom Bürgertum des 18. Jahrhunderts ausging. Hier wurden den jeweiligen Geschlechtern Charaktereigenschaften und damit verbundene soziale und gesellschaftliche Aufgaben zugesprochen. Diese Geschlechtscharaktere bestimmen noch heute unsere Einteilung der Gesellschaft in zwei Gruppen: in Männer und Frauen.

Historischer Überblick der Entwicklung der Geschlechtscharaktere

Karin Hausen legt in ihrem Aufsatz „Die Polarisierung der ‚Geschlechtscharaktere’ Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben“[1] die Gründe für die historische Entwicklung einer zweigeschlechtlichen Gesellschaft dar.

Ende des 18. Jahrhunderts werden Charakterschemata „erfunden“, so schreibt sie zu Beginn ihres Aufsatzes, welche als eine merkwürdige Mischung aus „traditioneller und moderner, physiologischer, psychischer und sozialer Eigenschaften das Wesen des männlichen und weiblichen Geschlechts ausmachen.“[2] Gründe für die Entwicklung dieser Melange aus Biologismen und zugeschriebenen Charakteristika, die sich scheinbar auf biologische Eigenheiten der Geschlechter beziehen – so wurde zumindest damals argumentiert – lassen sich bei näherer Betrachtung der Umbrüche und Wandlungen der damaligen Zeit und der damaligen Gesellschaft finden.

Die Industrialisierung Ende des 18. Jahrhunderts kann als die Triebfelder angesehen werden, welche die Entwicklung und die Dissoziation, Polarisierung und Dichotomisierung der Geschlechter begünstigte, vorantrieb und schließlich manifestierte. Die Polarisierung stellte die Legitimationsgrundlage des bürgerlichen Gesellschafts- und Familienmodells dar, denn das vom Bürgertum proklamierte Familienmodell war zuvor in dieser Art nicht vorhanden.

Vor der Industrialisierung befanden sich sowohl Arbeitsstätte als auch der Wohnraum unter einem Dach. Es gab also keine Trennung von Familie und Arbeit beziehungsweise privatem und öffentlichem Leben. Das Haus stellte den örtlichen Lebensmittelpunkt dar, an dem sowohl gemeinsam gelebt als auch gearbeitet wurde. Eine Trennung von Leben und Arbeit, wie wir sie heute kennen, war zu diesem Zeitpunkt also nicht vorhanden. Da die Produktion von Gütern und Waren bei beziehungsweise nach der Industrialisierung professionalisiert in Fabriken vonstatten ging, zog es zumeist Bauern und Menschen aus niederen Ständen, die wenig Geld zum Leben und vor allem zum Überleben hatten, als Arbeiter in die neu gegründeten Fabriken. Sie arbeiteten in der Produktion. Diese Menschen waren allerdings nicht diejenigen, welche die Polarisierung der Geschlechter voran trieben, sondern es waren diejenigen, die als Verwalter und Sachbearbeiter aus gutem Hause eine ‚saubere Arbeit’ in der Verwaltung annahmen und dieser nachgingen.

Hier war es nun möglich so viel Geld zu verdienen, sodass nur einer der Lebensgemeinschaft Geld verdienen musste, um die Familie zu ernähren. Die nicht für Geld arbeitende Frau, die zu Hause blieb, sich um die Kinder, den Haushalt und den Erhalt des Hauses als emotional aufgeladenen Ort des Rückzugs und der Erholung von der Arbeitswelt für den Mann kümmerte, wurde als Luxus angesehen und als eine Art Prestigeobjekt der bürgerlichen Familie gehandelt.

Nicht arbeiten zu müssen bedeutete und bedeutet immer noch, genügend Geld zu haben um leben zu können. So ist die bürgerliche Frau ein Zeichen der Prosperität, gleichzeitig ist sie aber auch gebunden an den Ehemann, der für das Einkommen sorgt.

Sie selbst ist Aufgrund ihrer finanziellen Abhängigkeit handlungsunfähig.

Argumentiert wurde, dass Frauen durch ihre Natürlichkeit und ihre Emotionalität für die Aufgaben im Haus und die Fürsorge für die Familienmitglieder geschaffen seien; der Mann hingegen, als kulturgeschaffener und kulturschaffender Mensch, der rational und objektiv sei, für die Außenwelt, sprich für die gesellschaftlichen Belange und Kontakte. Abgeleitet wurden die Charakteristika vom Körper. Man ging, von am Leib ablesbaren, psychischen Eigenheiten von Mann und Frau aus.

Die Wahrheit über den Mann und über die Frau, über ihre jeweiligen Lebensphären und –aufgaben ließe sich primär aus dem Leib ausforschen – so lautet seit der Aufklärung der Imperativ aller humanwissenschaftlichen Disziplinen. [...] Die Festschreibung geschlechtstypischer psychischer Eigenschaften erfolgte vorerst in Berufung auf die vergleichende Anatomie der ‚Körper’. Wurde das Körperbild bis weit hinein ins 18. Jahrhundert von einem offenen, dem Sozialen zugängigen ‚Organismus’ geprägt, so trat spätestens mit der Aufklärung eine geschlossene Körperorganisation an seine Stelle: Nicht mehr die sozial anschlussfähigen ‚Temperamente’ und ‚Humores’ von Mann und Frau, sondern die durch ‚moderne’ Medizin unter Verweis auf die ‚Bescheidenheit des Wahrgenommenen’ erforschte Physis erhielt die Regentschaft über die menschliche Psyche zugesprochen.[3]

Zuvor waren die Menschen natürlich nicht geschlechtslos, doch wurde die gesellschaftliche Einstufung nicht mittels Geschlecht betrieben. Die Kategorie Geschlecht gab es in dieser Form noch nicht, vielmehr zählte zur Kategorisierung der Stand, dem eine Person angehörte. So hatte eine Bäuerin keine sich überschneidenden Charakteristika mit einer Aristokratin oder einer Bürgerin. Durch die Zuschreibung der Geschlechtscharakteristika gab es plötzlich ‚die Frau’ und ‚den Mann’ und Eigenschaften, welche diese beiden neu geschaffenen, die Gesellschaft dichotomisierenden Pole exklusiv in sich trugen und diese auch lebten.

Die Charakterdefinitionen der Männer und Frauen waren demnach also plötzlich universaler Natur und nicht mehr partikularer. Es wurde ein Schritt weg vom Individuum gemacht und dabei die Kluft zwischen den Geschlechtern vergrößert.

Die Definitionen der Geschlechtscharakteristika geht auf das Verständnis der Sexualität des 18. Jahrhunderts zurück. Man glaubte, die Geschlechtsorgane der Frau seien direkt mit dem Nervensystem verbunden und würden dadurch alles was von der Frau getan, gefühlt oder gedacht wird bestimmen. Jede Handlung der Frau sei eine direkte Auswirkung ihrer Sexualität. Die Frau wurde als Naturwesen begriffen und definiert und stand somit im Kontrast zum Mann, der als kulturschaffender und kulturgeschaffener nicht von der Natur regiert werde. Er habe seine Natur durch Kultur überwunden.

Durch diese Aufteilung in Kultur und Natur wurden die Frauen quasi matt gesetzt, denn Kultur bedeutet Fortschritt, Vorankommen und Innovation. Kultur ist ein Überwinden des Natürlichen, des Rohen und des Unzivilisierten. Das Bürgertum war Kultur; doch leider nur die eine Hälfte, denn die Frauen, mit ihrer ‚Natürlichkeit’ standen im starken Kontrast zu der Kultur des Bürgertums.

Gleichzeitig wurden mit der Definition der Geschlechter auch die ihnen zugesprochenen Lebenswelten definiert. Sowohl der Mann als auch seine Lebenswelt, der öffentliche Raum und die Arbeit in der Produktion im weitesten Sinne, waren mit Fortschritt gleichgesetzt. Frauen und der ihnen zugesprochene Bereich des Hauses und der Familie hingegen, war reproduktiv und demnach also nicht innovativ.

Frau stickte, strickte, nähte, spann und webte scheinbar unentwegt und das, obschon [...] die Drosselspinnerei erfunden worden [war] und damit wesentlich billigere und qualitativ nicht unbedingt schlechtere Textilien käuflich zu erwerben waren. Es ging um das dem weiblichen Geschlechtscharakter eigene ‚Verschönern und Erfreuen’ und nicht um die ökonomische Wertschöpfung. [...] Gerade die Tatsache, dass diese Tätigkeiten ökonomisch bedeutungslos waren und sie damit eben nicht den Charakter von Arbeit hatten, machten sie zur bevorzugten Beschäftigung bürgerlicher Frauen.[4]

Auch wurden in der wissenschaftlichen Diskussion Stimmen laut, die zu der Annahme anregten, dass das Bürgertum selbst gar nicht die Trennung der Geschlechter und die daraus resultierende Dichotomie antrieben, sondern dass die bürgerlichen Autoren nur die dualistischen Wesensbestimmungen in öffentlich/privat, aktiv/passiv, rational/emotional, etc. ausschließlich aus dem Geschlechtsdiskurs des Adels wieder aufgenommen hatten und diese durch das erneute Thematisieren verstärkten und verfestigten. Egal wo der Startpunkt der Zweiteilung der Geschlechter und damit auch der Gesellschaft angesetzt wird,

Einigkeit besteht darüber, dass der Differenzdiskurs seit dem späten 18. und während des gesamten 19. Jahrhunderts von einem wissenschaftlichen Deutungsprozess begleitet, wenn nicht sogar untermauert wird, der die Fundierung der Geschlechtscharaktere vom Sozialen hin zur sogenannten ‚Natur’ zu verschieben trachtet.[5]

[...]


[1] Hausen, Karin. Die Polarisierung der „Geschlechtscharaktere“ Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben. In: Rosenbaum, Heidi (Hg.): Seminar Familie und Gesellschaftsstruktur. Suhrkamp. Frankfurt amMain. S.161-214.

[2] ebd. S.161

[3] Eder, Franz. „Durchtränktsein mit Geschlechtlichkeit“. Zur Konstruktion der bürgerlichen Geschlechtsdifferenz im wissenschaftlichen Diskurs über die „Sexualität“ (18.-19.Jahrhundert). In: Friedrich/Urbanitsch (Hg.): Von Bürgern und ihren Frauen. Böhlau. Wien, Köln, Weimar. 1996. S.27

[4] Habermas, Rebekka. Bürgerliche Kleinfamilie – Liebesheirat. In: Van Dülmen, Richard (Hg.): Entdeckung des Ich. Die Geschichte der Individualisierung vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Böhlau. Köln. 2001. S.295f.

[5] Eder, Franz. S.26.

Details

Seiten
19
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640962075
ISBN (Buch)
9783640961825
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v175300
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Soziologie
Note
2
Schlagworte
Soziologie Gender Beruf Frauen Arbeit Erwerbstätigkeit Erwerb Ausbildung Geschlechtscharaktere Karin Hausen Gildemeister Lebenswelt der Frauen

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Titel: Die Entwicklung und Manifestierung der Geschlechtscharaktere und deren Auswirkungen auf die Lebenswelten der Frauen im speziellen auf die Erwerbsarbeit