Lade Inhalt...

Die Sowjetunion im Konzept der Verständigungspolitik Stresemanns

Revision, wirtschaftliche Partnerschaft und internationaler Ausgleich

Hausarbeit 2009 21 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Russlands Integration in die republikanische Außenpolitik
2.1 Stresemanns außenpolitische Ziele
2.2 Die Sowjetunion im Konzept der ÄOst-West Balance“
2.3 Frankreich als Belastungsfaktor und Chance
2.4 Sicherheitspolitik Europas als Hindernis
2.5 Polen-Politik: Subventionierung und Revision

3. Das Ende der „Ära“ Stresemann
3.1 Verfall und Fortsetzung der außenpolitischen Leitlinien
3.2 Die Russlandpolitik der Präsidialkabinette
3.3 Kontinuitäten ab 1929

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit wird die Rolle Russlands in der Außenpolitik der Weimarer Republik dargestellt. Die Betrachtung beschränkt sich nicht einseitig auf eine Beschreibung der deutsch-sowjetischen Beziehungen in all ihren Facetten, sondern ordnet sie in die außenpolitische Strategie Stresemanns ein, um deren Gewicht zu verdeutlichen. Daher müssen Aspekte, wie zum Beispiel der kulturelle Austausch zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion, unerwähnt bleiben. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf dem Zeitraum von 1923 bis 1929. Im Zentrum meiner Arbeit steht die Locarno-Politik Stresemanns. Zwei Thesen spielen dabei eine große Rolle in der Argumentation in der Hausarbeit. Erstens, ist die Benennung der Äökonomischen Machtpolitik“1 zentral. Stresemann versuchte durch wirtschaftliche, internationale Zusammenarbeit die Revision des Versailler Vertrags zu erreichen. Dies sollte in Verständigung geschehen. Als zweiten Aspekt werden die Beziehungen zu Frankreich betrachtet, die für die Reparationsfrage und die Streitfragen an der Westgrenze entscheidend waren. In diesem Kontext wird behandelt, welche Rolle die Ostpolitik hinsichtlich der Verständigung mit Frankreich spielte. Daraus überleitend wird auf die Sicherheitspolitik eingegangen. Die These lautet, dass die Sicherheitspolitik Frankreichs sowie die der anderen europäischen Staaten die Revisionsmöglichkeiten minderten. Die Politik zu Polen wird behandelt, um den Rahmen der Ostpolitik abzurunden. Die Veränderung der Außenpolitik von ihren anfänglichen Tendenzen am Ende der ÄÄra“ Stresemann bis 1933 wird ebenfalls beleuchtet. Zum einen wird der Weg in die ÄZäsur“ des Jahres 1929/30 beschrieben und die Kurswechsel in der Russlandpolitik zur Zeit der Präsidialkabinette aufgezeigt. Zum anderen wird thematisiert, welche Kontinuitäten deutscher Außenpolitik in der Phase ab 1929 zu finden sind. Diese Schlussphase, vom Ende der ÄÄra“ Stresemann bis zum Ende der Präsidialkabinette 1933 kann ich nur in seinen Grundzügen wiedergeben und nicht detailliert den Weg in die Diktatur nachzeichnen.

Es ist vorwegzunehmen, dass innenpolitische Erwägungen auf die Außenpolitik erheblichen Einfluss hatten. Jedoch kann ich nur vereinzelt Bezüge zu meinem Thema herstellen, weil sonst die Hausarbeit zu umfangreich werden würde.

Die Analyse stützt sich zum großen Teil auf die aktuelle Literatur zu diesem Thema. Hauptsächlich werden Monographien verwendet, für spezielle Fragestellungen habe ich Aufsätze herangezogen. Zentral ist die Monographie ÄDas vergangene Reich. Deutsche Außenpolitik von Bismarck bis Hitler“, von Klaus Hildebrand. Ebenso großen Anteil hat das Werk von Jonathan Wright, ÄGustav Stresemann 1878-1929. Weimars größter Staatsmann“. Für die weitere Bearbeitung von außenpolitischen Fragen im speziellen Bezug auf die Sowjetunion ist Klaus Hildebrands Werk ÄDie Weimarer Republik und die Sowjetunion im internationalen System 1918-1933. Legitimität oder Revolution?“ zu nennen. Der Aufsatz von Wolfgang Elz ÄDie Außenpolitik der Weimarer Republik. Ein Litertatur- und Forschungsbericht“ wurde auch bei Schlüsselfragen zu meinem Thema stark miteinbezogen. Hinzu kommen noch verschiedene Monographien und Aufsätze, die berücksichtigt wurden.

Es lohnt sich, zunächst die Außenpolitik der voraus gegangenen Zeit unter Walter von Rathenau bis 1923 darzustellen. Rathenau bemühte sich um eine Veränderung mit dem Westen, um das Reparationsproblem zu lösen. Während der Wirtschaftskonferenz von Genua 1922 kam es jedoch zum Vertrag von Rapallo zwischen Russland und dem Deutschen Reich. Das Zustandekommen geht maßgeblich auf den pro-russisch orientierten Wirth und Ostabteilungsleiter des Auswärtigen Amtes Ago von Maltzan zurück. Der Vertrag bewahrte Deutschland vor einer internationalen Isolierung. Das Abkommen beschloss auf gegenseitige Ansprüche in Folge des Krieges zu verzichten und die Wirtschaftsbeziehungen zu intensivieren. Frankreich sah sich darin bestätigt, seine Sanktionspolitik fortzusetzen.2 Der Vertrag hatte einen Aufschwung des Ölgeschäfts zur Folge. Deutschland hatte 1922 den größten Exportanteil in Russland auf der ganzen Welt, der erst 1925 wieder fiel.3 Insofern lässt sich eine Intensivierung des wirtschaftlichen Zusammenkommens als eine Säule der Beziehungen feststellen. Hinzu kam ein geheimes Abkommen zwischen Reichswehr und Roter Armee zum wechselseitigen Austausch von Kriegstechniken und Kriegsmaterial.4 Darauf komme ich später jedoch noch einmal zurück.

Als Gustav Stresemann 1923 zum Reichskanzler ernannt wurde und kurze Zeit später das Amt des Außenministers übernahm, befand sich das Deutsche Reich in einer politisch unüberschaubaren, krisenhaften Lage, die durch mehrere gleichzeitig erfolgende Ereignisse hervorgerufen worden war. Nachdem am 9. Januar 1922 Frankreich und Belgien das Ruhrgebiet auf einer nichterfolgte Lieferung von Reparationen besetzt hatten, veranlasste die Regierung den Äpassiven Widerstand“, der das Erliegen der Industrie zur Konsequenz hatte.

Der Äpassive Widerstand“ kostete 40 Millionen Mark pro Tag. Dies ließ die Inflation weiter in die Höhe steigen.5 Zudem gab es im Ruhrgebiet separatistische Tendenzen. Hinzu kam der Versuch einen sogenannten Ädeutschen Oktober“ im März 1923 durchzuführen, der jedoch an dem Fehlen einer breiten Basis scheiterte. Der Umsturzversuch wurde durch eine Machtverschiebung in Moskaus Führung, nach einem Schlaganfall Lenins, mitverantwortet.6 Aufgrund der immensen Kosten des Widerstands und der außenpolitischen Aussichtslosigkeit des Unterfangens, brach Stresemann den Äpassiven Widerstand“ ab. Er versuchte Frankreich wieder entgegen zu kommen, scheiterte jedoch mit den Verhandlungen. Moskau sah dennoch darin den Versuch einer Umorientierung nach Westen. Nach der Ernennung Stresemanns zum Außenminister 1923 begann eine Umgestaltung der Außenpolitik. Stresemann versuchte zuerst mit Frankreich einen Ausgleich zu schaffen. Aufgrund der britischen Missbilligung des Verhaltens Frankreichs, bestand für das Deutsche Reich eine realistische Hoffnung auf eine Entspannung der Sanktionspolitik der Franzosen. Zudem machten sich die USA für eine Nutzung des deutschen Wirtschaftspotentials stark. Für Frankreich und England war dies insofern von Interesse, weil sie bei den USA Schulden aus dem Krieg hatten und diese wiederum mit Hilfe der deutschen Reparationszahlungen begleichen wollten.7

2. Russlands Integration in die republikanische Außenpolitik

2.1 Stresemanns außenpolitische Ziele

Gustav Stresemanns Außenpolitik hatte mehrere, unterschiedliche Ziele, die sowohl im Osten wie im Westen lagen und die gegenseitig bedingten. Als vorrangiges Ziel galt für ihn die Rheinlandräumung. Damit war eine Kooperation mit den Westmächten, insbesondere Frankreich, erforderlich, um Deutschlands wichtigstes Industriegebiet vollständig unter Kontrolle zu bekommen. Die Reparationsauflagen des Versailler Vertrags von 1918 sollten gemildert beziehungsweise gänzlich revidiert werden. Auf die Konsolidierung im Westen, die das Deutsche Reich wieder in eine Großmachtstellung auf dem europäischen Kontinent heben sollten, sollte die Revision im Osten, was die Korrektur der Grenze beinhaltete, folgen. Dies bedeutete, dass es im Osten zu verhindern galt, den Status Quo anerkennen zu müssen.8

Bei diesem Ziel kamen die Beziehungen zu Russland ins Spiel. Um eine Revision der deutsch-polnischen Grenzen zu erreichen, war es unabdingbar, dass Russland als Deutschlands Partner agierte und sich nicht mit Polen arrangierte. Zudem sollte Russland von einem Zusammengehen mit Frankreich abgehalten werden, um eine Isolierung zu verhindern.9 Es ist zu betonen, dass Stresemann eine Großmachtstellung des Deutschen Reiches auf friedlichen Weg, durch eine der neuen Mächtekonstellation nach dem 1. Weltkrieg angepasste Außenpolitik, erreichen wollte. Dabei legte er Wert auf die Beziehungen zu Russland, da diese essentiell für eine Revision im Osten waren und wirtschaftlichen Nutzen versprachen. Er orientierte sich aber politisch und wirtschaftlich an den USA, die als wesentlicher Bestandteil der außenpolitischen Konzeption Stresemanns galt.10 Die Ziele lassen sich also in drei Bestandteile gliedern. Zum ersten war die Reparationsfrage zu lösen, zweitens die Wirtschaftskraft der Vorkriegszeit wiederzuerlangen und drittens, als letzte Etappe, die Revision im Osten zu erreichen.

2.2 Die Sowjetunion im Konzept der „Ost-West Balance“

Stresemanns vornehmliches, außenpolitisches Anliegen, war die Verständigung im Westen. Die Beziehungen zu Frankreich mussten verbessert werden. Dies hing zum einem mit der Rheinlandsituation und der Sicherheitsfrage zusammen, zum anderen mit der Außenpolitik zum Osten. Die Problematik in der Außenpolitik Stresemann bestand darin, zu Ost und West eine geeignete Politik zu betreiben, die sich nicht gegenseitig behinderte. Die Sowjetunion war aufgrund des Annäherungswillens des deutschen Reichs an den Westens besorgt, dass sich die kapitalistischen Länder gegen die vereinen. Daher musste Stresemann die Beziehungen zu Russland aufrechterhalten, um es nicht als Partner zu verlieren.

Auf der anderen Seite, dem Westen, war ein Misstrauen gegenüber dem Deutschen Reich vorhanden, weil der Rapallo-Vertrag von 1921 das deutsch-sowjetische Verhältnis stabilisiert hatte. Stresemann musste somit beiden Seiten entgegenkommen. Die Zukunft Deutschlands, wirtschaftlich wie gesellschaftlich, sah der deutsche Außenminister jedoch im Westen. Er hegte ein generelles Misstrauen gegenüber der Sowjetunion, das in der kommunistischen Weltrevolutionsideologie begründet war.11 Stresemann beabsichtigte gute Beziehungen nach Ost und West, um sich keiner Seite fest anzuschließen.12

Der auf der Londoner Konferenz von 1924 verabschiedete ÄDawes-Plan“ war der erste Schritt dazu. Das Reparationsproblem wurde damit vorläufig gelöst. Der Plan sah vor, dass Deutschland fünf Jahre lang eine Milliarde Mark pro Jahr zahlte und die fünf Jahre danach 2,5 Milliarden Mark jährlich. Die Dauer des Vertrags wurde nicht festgesetzt. Darüber hinaus wurde dem Deutschen Reich eine Anleihe von 800 Millionen Mark gewährt. Zwar griff der Plan in die Souveränität des Deutschen Reiches ein, indem die Alliierten Reichsbahn und Reichsbank kontrollierten, jedoch garantierten sie die Stabilität der deutschen Währung. Der Vertrag war der erste Ansatzpunkt einer ökonomischen Taktik Stresemanns, die Deutschlands internationale Handlungsfähigkeit wiederherstellen sollte. Um die Ziele zu erreichen, war das einzig mögliche Mittel die wirtschaftliche Basis für eine Annäherung an den Westen.13 Der Dawes-Plan setzte sich gegen die Interessen Frankreichs durch, das sich gegen eine finanz- und wirtschaftspolitische Zusammenarbeit aussprach.14

[...]


1 Niedhart, Gottfried: Die Aussenpolitik der Weimarer Republik, München 1999 (= Enzyklopädie deutscher Geschichte 53), S. 63.

2 Hentzschel-Fröhlings, Jörg: Walther Rathenau als Politiker der Weimarer Republik, Husum 2007 (= Historische Studien 490), S. 254-258.

3 Wolfgang, Kahn: Die Deutschen und die Russen. Geschichte ihrer Beziehungen, Köln 1984 (= Kleine Bibliothek Politik Wissenschaft Zukunft 323), S. 106.

4 Krummacher, F.A. u.a.: Krieg und Frieden. Geschichte der deutsch-sowjetischen Beziehungen. Von BrestLitowsk zum Unternehmen Barbarossa, München / Esslingen 1970, S. 147 f.

5 Krummacher u.a.: 142 f.

6 Ebenda, S. 152 f.

7 Ebenda, S. 155 f.

8 Walsdorff, Martin: Westorientierung und Ostpolitik. Stresemanns Rußlandpolitik in der Locarno-Ära, Bremen 1971, S. 22 f.

9 Hildebrand, Klaus: Das vergangene Reich. Deutsche Außenpolitik von Bismarck bis Hitler, München ³ 2008, S. 465.

10 Hildebrand, Klaus: Das deutsche Reich und die Sowjetunion im internationalen System 1918-1932. Legitimität oder Revolution?, in: Frankfurter Historische Vorträge, hgg. Von Joachim Bleicken / Werner Gembruch u.a., 4, Wiesbaden 1977, S. 19.

11 Wright, Jonathan: Gustav Stresemann 1878-1929. Weimars größter Staatsmann, München 2007, S. 271 f.

12 Hildebrand: Das vergangene Reich, S. 459.

13 Niedhart: Die Aussenpolitik, S. 19 f.

14 Hillgruber, Andreas: ÄRevisionismus“ - Kontinuität und Wandel in der Außenpolitik der Weimarer Republik, in: Historische Zeitschrift 237, 1983, S. 607.

Details

Seiten
21
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640961962
ISBN (Buch)
9783640961771
Dateigröße
988 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v175273
Institution / Hochschule
Technische Universität Darmstadt – Institut für Geschichte
Note
1,7
Schlagworte
sowjetunion konzept verständigungspolitik stresemanns

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Sowjetunion im Konzept der Verständigungspolitik Stresemanns