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Die antagonistische Figurenkonstellation in Rolf Hochhuths Drama "Der Stellvertreter": Papst Pius XII. vs Pater Riccardo

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Stellvertreter-Debatte

3. Die Stellvertreter der Kirche
3.1 Papst Pius XII
3.1.1 Die historische Figur
3.1.2 Anklagen an den Papst und Argumente für dessen Verhalten
3.2 Pater Riccardo Fontana als Antagonist zum Papst
3.2.1 Vierter Akt: Gespräch mit Papst Pius XII
3.2.2 Riccardo als Märtyrer in Auschwitz

4. Zusammenfassung und Ausblick

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Drama „Der Stellvertreter“ von Rolf Hochhuth entstand 1959 und wurde 1963 von Erwin Piscator in Berlin uraufgeführt. Das christliche Trauerspiel beschäftigt sich mit der Schuldfrage der Kirche - insbesondere von Papst Pius XII. - im Zusammenhang mit dem Holocaust zur Zeit des NS-Regimes und löst nach der Uraufführung heftige Reaktionen aus. Hochhuths Provokation führte zu einer grundlegenden Debatte und stellte den bislang als vollkommen erachteten Papst infrage. Bereits zuvor war die Schuldfrage des Papstes im Holocaust diskutiert worden. So bemerkt der Historiker Sánchez zu Beginn seiner umfangreichen historischen Untersuchung: „Seit den 60er Jahren wird die Rolle Pius’ XII. beim Holocaust regelmäßig so umfassend und so häufig untersucht, daß es ungewiß bleibt, ob dieser Streit jemals entschieden werden wird“ (Sánchez, XII). Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt kurz nach der Uraufführung: „Das umstrittene Schauspiel des Jahrhunderts“.1

Das fünf Akte umfassende Drama zeichnet sich durch großen Figurenreichtum aus, wobei die antagonistische Figurenkonstellation die Brisanz des Themas signifikant erhöht. Es existieren drei Parteien, die im Gegenspiel zueinander auftreten: Das NS-Regime, repräsentiert durch den Doktor, Eichmann, Dr. Fritsche und Regierungsrat Dr. Pryzilla. Die Kirche, vertreten durch Papst Pius XII., Pater Riccardo Fontana, den apostolischen Nuntius sowie Kurt Gerstein als den Saboteur des Regimes. Die zwei korrelierenden Parteien Kirche und politischer Saboteur sind Thema meiner Untersuchung.

Die Forschung in Bezug auf den „Stellvertreter“ ist vielfältig und bezieht sich meist auf die vom Stück provozierte Brisanz. Ausgehend vom Thema „Die antagonistische Figurenkonstellation: Kirche und NS-Regime im Holocaust“ gehe ich zunächst auf die unmittelbar nach der Uraufführung entstandene Stellvertreter -Debatte ein. In diesem Zusammenhang beschäftige ich mich auch mit dem politischen Theater im Allgemeinen und den Reaktionen auf die Uraufführung Piscators.

Ein weiterer Abschnitt befasst sich mit den Stellvertretern der Kirche: mit Papst Pius, dem historischen Vorbild zum Drama sowie den charakteristischen Merkmalen der Figur im Drama und Pater Riccardo Fontana, dem Vermittler zwischen dem Papst und Kurt Gerstein.

Anschließend beschäftige ich mich mit der Figur Kurt Gerstein, die im Drama handlungstragend ist. Besondere Charakteristika im Drama sowie der Antagonismus zu den übrigen Figuren sind zentral.

2. Die Stellvertreter-Debatte

Das provokante Drama bewirkte nach seiner Uraufführung heftige Reaktionen und führte sogar zu einer Stellvertreter -Debatte. Bereits zuvor hatte es Diskussionen über Pius XII. und die Frage nach der Schuld der Kirche im Holocaust gegeben. Seit den 60er Jahren wurde die Rolle des Papstes beim Holocaust umfassend untersucht. Kritiker gehen von Hochhuths Vorwürfen im Stellvertreter aus und ergänzen diese, andere verteidigen Pius. „Der Streit ist zu einem allgemeinen Gerangel geworden für Gegner und Verteidiger des Katholizismus, für Antiklerikale und Klerikale, für freiheitlich Denkende und Autoritätsgläubige; er gestattet allen Beteiligten, ohne Rücksicht auf die Tatsachen, ihre Gefühle und Frustrationen abzureagieren“ (Sánchez, XIII).

Auch der lange Weg bis zur Aufführung des Stücks bestätigt seine provokative Wirkung. Zunächst wurde abgelehnt das Stück aufzuführen. Ein Verlag hatte nicht „den Mut zur Veröffentlichung“ (11). Erwin Piscator, der Intendant der freien Volksbühne in Berlin, formuliert im Vorwort, dass es ein „ungewöhnliches, bestürzendes, erregendes, großes und notwendiges Stück“ ist (ebd.). Er schätzt das Werk besonders wegen dessen geschichtlichem Bezug. „Es zielt […] vielmehr auf eine objektivierende, die Totalität menschlichen Verhaltens untersuchende Geschichts-, und nicht Geschichten-Schreibung“ (12).

Die Kirche reagiert auf unterschiedlichsten Ebenen: Papst, Bischöfe, Laien und kirchliche Organisationen äußerten sich zum Werk. Aus Rom kam auch die Reaktion, dass „ein Deutscher […] den Papst bezüglich deutscher Verbrechen nicht anzuklagen“ hat (Riewoldt, 2). Empörung und Unverständnis werden deutlich.

Hochhuth wühlt mit seinem Drama die Gegenwart auf und erreicht das Ziel, dass die Menschen sich durch den provozierenden und polemischen Charakter des Stücks mit der Vergangenheit beschäftigen. Schrimpf betont, dass es die „abgestandene Gegenwart“ provoziert und die Problematik unverschlüsselt und aktuell vorliegt (Schrimpf, 274).

Das politische Drama ist als Mahnung zu verstehen, da es trotz seines historischen Anspruchs auf die Gegenwart übertragbar ist. Karl Jaspers bewertet das Stück wegen seiner Offenheit positiv. „Die Forderung Hochhuths ist: nicht schweigen. […] Hochhuth verlangt von uns: offen sein, Fragen ganz ernst nehmen, und zwar angesichts Gottes, der Transzendenz“ (Jaspers, 504f).

3. Die Stellvertreter der Kirche

Die Thematik des Dramas, die Schuldfrage der Kirche im Holocaust, fordert die Kirche als Protagonisten, als zentrale Institution. Diese bietet dem Drama erst seine inhaltliche Grundlage und Grundproblematik. Die Kirche wird durch Papst Pius XII. als Oberhaupt und Pater Riccardo sowie einige andere Kirchenvertreter wie den Nuntius, den Kardinal und den Abt vertreten.

Anzumerken ist hier, dass im Drama eine starke Institutionalisierung der Figuren stattfindet und der Papst als Handlungsträger stellvertretend für die Kirche steht. Eine starke Stilisierung wird vorgenommen, wobei die einzelnen Figuren repräsentativ für eine Gruppe stehen. Abgesehen von Papst Pius XII. und Pater Riccardo werden die Kirchenvertreter nur mit ihren geistlichen Titeln genannt und bleiben namenlos. Dies verstärkt den Eindruck des Repräsentativen. Nicht das agierende Individuum ist hier wichtig, sondern die Funktion in der Kirche: Kardinal, Abt, Nuntius. Dies beschreibt auch Hochhuth in seinen ausführlichen Regieanweisungen des ersten Aktes: „Offenbar verliert jedermann, der längere Zeit unter Autokraten - sei es Hitler, sei es Pius XII. - Verantwortung trägt, das Gesicht, da er seine persönlichen Empfindungen kaum zum Ausdruck bringen darf und im amtlichen Verkehr auf den Stand des Befehlsempfängers reduziert ist; die Benutzung des unverbindlich-souveränen Diplomaten-Rotwelsch mag das erleichtern“ (22)2.

Hochhuth betont ebenfalls, dass er für seine Figuren im Drama zum Teil zwar historische Personen als Grundlage verwendet hat, jedoch komme es nicht auf „Portraitähnlichkeit“ an (ebd). Dies bestärkt die These, seine Figuren seien repräsentativ zu verstehen. Die sich hieraus ergebende Problematik der Institution Kirche ist die Abweisung des Missstandes durch die Individuen. Mehrfach wird zu Beginn des Stückes im Gespräch zwischen Gerstein und dem Nuntius deutlich, dass sich Letzterer nicht verantwortlich fühlt. „Was kommen Sie zu mir? […] Ich sage Ihnen doch, ich bin nicht zuständig“ (35).

Hochhuth berücksichtigt in seinem Stück die einzelnen Facetten der Kirche, die einzelnen Meinungen der Kirchenvertreter. Das Verhalten des Papstes - das Kooperieren mit dem NS-Regime sowie das Schweigen zur Deportation von Juden - steht jedoch wegweisend für die Kirche. Hochhuth schildert eingehend die Probleme der einzelnen Funktionsträger der Kirche mit diesem Standpunkt und beschreibt die Tragweite des NSEinflusses. Der Nuntius ist mit Gersteins Konfrontation überfordert: „Privat bin ich schon neunundddreißig eingeschritten. Doch ist mir auferlegt von Amtes wegen, Konfliktstoff zwischen Rom und Ihrer Reichsregierung sorgsam zu meiden. Ich dürfte nicht einmal mit Ihnen sprechen“ (39). Der Pater erklärt Gerstein nach Beendigung des Gesprächs, dass auch der Nuntius vom NS-Regime überwacht ist. „Wissen’s denn nix davon… daß d’ Nuntiatur bewacht is von der Kriminalpolizei?“ (41).

Hochhuth schildert detailliert den Antagonismus der Figuren. „If on the one side there is Riccardo Fontana, and on the other the Pope and the cardinal, there are also a number of intermediate figures“ (Barasch-Rubinstein, 73). Diese Figuren unterscheiden sich lediglich in ihrer Argumentation, für das Versäumnis der Kirche einzuschreiten.

Riccardo Fontana kommt somit eine besondere Stellung zu, da er als einziger seitens der Kirche handelt und aktiv versucht einzugreifen. „Whereas Riccardo himself bears no responsibility for the Church’s silence, all the other figures form part of the Vatican establishment which failed to raise a voice of protest against the Nazi regime. They are depicted as having different degrees of responsibility for this silence” (ebd., 74)

Die Meinungsverschiedenheiten auch innerhalb der Kirche sowie die Probleme der Institution Kirche im Kontext des Holocausts und die Frage nach der Handlungsfähigkeit werden thematisiert.

3.1 Papst Pius XII.

Im Hinblick auf die Thematik des Dramas ist der Papst eine zentrale Figur. Auffallend ist jedoch sogleich, dass dieser erst im vierten Akt selbst in Erscheinung tritt. Zuvor wird nur von Dritten über den Papst gesprochen.

In seinen Regieanweisungen zum vierten Akt beschreibt Hochhuth die Figur Papst Pius XII. Wichtig ist ihm hierbei, dass deutlich wird, dass „Seine Heiligkeit viel weniger Person als Institution ist: Große Gesten, ein lebendiges Spiel seiner außerordentlich schönen Hände und lächelnde aristokratische Kälte genügen, dazu hinter goldener Brille die eisige Glut seiner Augen, das übrige sollte weitgehend der unalltäglichen, getragenen Sprache des Pontifex Papa überlassen bleiben, der hier, keineswegs ein Greis, im 68. Lebensjahr auf der Höhe seines Wirkens steht“ (258).

Der Papst ist eine sehr stilisierte Figur, die nicht als Individuum, sondern vielmehr als Institution wirkt. Die Art und Weise des Sprechens unterscheidet sich ebenfalls von den anderen Figuren. Seine Rede wirkt immer überlegt, würdevoll und wichtig. Seine Aussagen erwecken den Eindruck der Veröffentlichung. Als Pius XII. seinem Schreiber seinen den vierten Akt abschließenden Aufruf diktiert, „also die sich stets veröffentlichende Redeweise nun zum Stil der Veröffentlichung steigert“, wird das Gesagte nichtssagend (Blumer, 63). Die Figur des Papstes verliert hier an Glaubhaftigkeit und an Lebendigkeit. „Mit der ‛zu Eis sublimierten’ Sprache des Papstes charakterisiert Hochhuth ‘die eisige Glut seiner Augen’“ (ebd.).

Wie auch Barasch-Rubinstein betont, spricht Hochhuth die Hauptschuld Pius XII. zu: „Hochhuth’s criticism is directed above all at Pope Pius XII, the depictions of whose personality in the play as cynic and indifferent aroused strong protest in the Christian World“ (Barasch-Rubinstein, 74). Pius XII. und die Kirche insgesamt werden sehr negativ und zynisch dargestellt.

Bereits in den Regieanweisungen des ersten Aktes provoziert Hochhuth mit seiner Aussage, dass Hitler oder auch Pius XII. Autokraten seien (22). Die Nennung Hitlers und des Papstes in einem Zusammenhang ist höchst kritisch zu bewerten. Der Begriff „Autokrat“ wird nur in negativem Zusammenhang verwendet, ebenso wie für selbstherrliche Menschen. Die Darstellung des Sachverhaltes im Drama lässt einen solchen Schluss jedoch zu: Pius XII. handelt aus dem Interesse heraus, den Vatikan zu erhalten - und damit sich selbst und seine Macht. Daher bemüht er sich um eine neutrale Formulierung: „Nein, Eminenz, nein doch, nein! Nicht so direkt und nicht so detailliert: das wäre ja schon eine Stellungnahme zum Kriegsgeschehen. Der Heilige Stuhl soll dem neutralen Geiste eine Wohnstatt bleiben“ (284). Mit dieser Neutralität wird der Aufruf bedeutungslos. Riccardo erkennt dies und wirft dem Papst vor: „Nichts wird er retten, dieser Brief, Heiligkeit! Nur Sie selbst…“ (272).

[...]


1 Klappentext: Hochhuth, Rolf: Der Stellvertreter. Ein christliches Trauerspiel. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag, 1967

2 Die Zahlen in Klammern, bei denen kein Autorenname davor steht, beziehen sich auf die Primärliteratur. Zitiert wird nach: Hochhuth, Rolf: Der Stellvertreter. Ein christliches Trauerspiel. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag, 1967.

Details

Seiten
19
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640961955
ISBN (Buch)
9783640961795
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v175271
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
2,7
Schlagworte
figurenkonstellation rolf hochhuths drama stellvertreter papst pius pater riccardo

Autor

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