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50 Jahre Ungarische Revolution

Ursachen und Auswirkungen des stalinistischen Sozialismus

Hausarbeit 2011 17 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Politische und wirtschaftliche Voraussetzungen

3. Die allmähliche kommunistische Machtübernahme

4. Das Jahr der Wende (Sommer 1946 bis Sommer 1947)

5. Sozialismus nach stalinistischem Vorbild unter Mátyás Rákosi

6. Die Ungarische Revolution 1956

7. Umgang mit der sozialistischen Vergangenheit

8. Schlussbetrachtung

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„At 6.12 p.m., a government communiqué announced that the Warsaw Pact had been abrogated and that a telegram declaring Hungary´s neutrality had been sent to the United Nation. For thirty years, this step has remained the most controversial issue in the history of the Hungarian Revolution. Some historians consider the 1 November decision […] as having been the real cause of the massive intervention by the Red Army three days later. ”[1]

Dieses Zitat verdeutlicht, dass es schlussendlich der Austritt Imre Nagys aus dem Warschauer Pakt und die Erklärung der Neutralität Ungarns war, die zu dem blutigen Ende einer eigentlich friedlichen Kundgebung von Intellektuellen führte, die tausende an Opfern forderte. Die Sowjetunion duldete die wachsende Eigenständigkeit und demokratische Entwicklung Ungarns, dessen Ministerpräsident Mátyás Rákosi jahrelang treu der verlängerte Arm Stalins gewesen war, nicht.

Im Herbst 2006, genau 50 Jahre nach der Ungarischen Revolution am 23.10.1956, wurde an die Vielzahl der Opfer und an das brutale Regime Rákosis erinnert, das Auslöser dieses Volksaufstandes gewesen war. Die Ungarische Revolution gilt heute als eines der bedeutendsten Ereignisse der Nachkriegszeit in Europa und brachte die sowjetische Besatzungsmacht im Land an den Abgrund ihrer Herrschaft.

Die Revolution verdeutlichte auf eine blutige Art und Weise, dass das Regime, welches „die Sowjetunion nach 1945 in Ostmitteleuropa errichtet hatte, zu Unrecht für sich in Anspruch“[2] genommen wurde.

Doch wie kam es zu diesem Aufstand, deren Träger vor allem die Arbeiter und die Jugend, „angeblich die Lieblingskinder der Macht“[3], waren und welche politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen hatten zuvor zu einer solchen explosiven Spannung geführt?

In der folgenden Hausarbeit werde ich den geschichtlichen Ablauf erläutern und werde in diesem Zusammenhang auf die einzelnen Ereignisse eingehen, die zum Aufbau und zum Niedergang der kommunistischen Macht in Ungarn geführt haben sowie zur kontinuierlich steigenden Anspannung innerhalb der Bevölkerung, die schließlich zu diesem Aufstand geführt hat.

Außerdem werde ich kurz beleuchten, wie der Umgang mit der kommunistischen Vergangenheit nach 1989 und heute ist.

2. Politische und wirtschaftliche Voraussetzungen

Mit dem Ende der Vertreibung der letzten Wehrmachtssoldaten und der Besetzung durch sowjetische Gruppen am 04. April 1945 wurde der Weg für den Aufbau einer demokratischen Ordnung und für die Stabilisierung des Landes geebnet. Aber Ungarn war stark geschwächt und die „Überwindung der immensen Kriegsschäden […] ließ jedoch lange auf sich warten.“[4]

Der Zweite Weltkrieg hatte 400.000 Tote gefordert und der offiziell gemeldete Sachschaden belief sich auf 22 Mrd. Vorkriegspengö. Dies ist das Vier- Fünffache des 1938 erwirtschafteten Nationaleinkommens und etwa 40% des gesamten ungarischen Nationalvermögens. Doch auch die Infrastruktur wurde stark in Mitleidenschaft gezogen. So wurden alle Brücken über die Donau und die Theiß abgerissen. Des Weiteren wurden ein Viertel aller Wohnungen sowie mehr als 50% aller Industrieanlagen und Maschinenparks zerbombt und damit vernichtet.[5]

Auch die landwirtschaftliche Produktion konnte wegen des Einbüßens von mehr als 50% des Viehbestandes im Mai 1945 nur 30% des Vorkriegsniveaus erreichen. Aus diesem Grund kam es im Frühsommer 1945 zu einer „galoppierende[n[ Inflation.“[6] In dieser Zeit konnten Nahrungsmittel nur noch im Tausch gegen Sachwerte erworben werden. Die Stabilisierung gelang erst allmählich mit der Einführung des Forint als neue Währung am 01. August 1946.[7]

Außerdem zeigte es sich in dieser Zeit, dass sich die erhofften sowjetischen Befreier als das Gegenteil erwiesen, denn es kam zu Vergewaltigungen, wahllosen Verhaftungen und zur Verschleppung von mehr als 250.000 Menschen zur Zwangsarbeit in die UdSSR.[8]

Trotzdem oder gerade dank der Besetzer war eine allmähliche kommunistische Machtübernahme „unter dem Schutzschirm der sowjetischen Besatzungsmacht“[9] möglich.

3. Die allmähliche kommunistische Machtübernahme

Eine wichtige Rolle bei dem Aufbau des demokratischen Ungarns spielte die bereits im Oktober 1944 gegründete „Einheitsfront“ aus Kommunisten und Sozialdemokraten. Sie konzentrierte sich sowohl auf den Kampf gegen Nazis und Pfeilkreuzler (Bezeichnung der nationalsozialistischen Partei Ungarns) als auch auf Aufbau eines demokratischen Staates. Dafür wurde der „Befreiungsauschuss des Ungarischen Nationalen Aufstandes“ gegründet. Diese sogenannte „Ungarische Front“[10] führte erfolgreiche Widerstandsaktionen in Form von Sprengungen nationalsozialistischer Denkmäler durch. Außerdem wurde versucht, Ausrüstungstransporte für die deutsche Wehrmacht zu verhindern. Doch diese Patrioten wurden von Nazis und Pfeilkreuzlern schonungslos gejagt und hingerichtet.[11]

In den Landesteilen, die bereits am September 1944 befreit waren, „begann sofort die Organisierung der demokratischen Kräfte, der Neubeginn des Lebens.“[12] Von enormer Bedeutung war dabei von Beginn die „Ungarische Kommunistische Partei“ (MKP), die durch die aus dem Moskauer Exil kommenden, Mátyás Rákosi, Ernö Gerö und Imre Nagy wiederbelebt wurde. Die MKP veröffentlichte das „Programm des demokratischen Wiederaufbaus und Aufstiegs Ungarns“, welches fortan die wichtigste Arbeitsgrundlage der Provisorischen Nationalregierung[13] war, die aus der MKP und der am 02.12.1944 aus der Sozialdemokratischen Partei, der Unabhängigen Partei der Kleinen Landwirte, der Nationalen Bauernpartei und der Bürgerlich-Demokratischen Partei gegründeten „Ungarischen Unabhängigkeitsfront“ bestand. Die MKP konnte sich anfangs nur die Ressorts für Handel, Landwirtschaft, Volkswohlfahrt und Verkehr sichern, doch der damalige Innenminister Ferenc Erdei war Angehöriger der intern stark kommunistischen Nationalen Bauernpartei und trug dafür Sorge, dass ab Ende 1944 die MKP auch die Entscheidungsgewalt über das Polizeiwesen hatte und somit der Einfluss der Partei stetig wuchs.

Die Bodenreform vom 29.03.1945 war dabei eine der wichtigsten Maßnahmen der Provisorischen Nationalregierung. Ungarn war einst dominiert worden von Großgrundbesitz, sowie von einer großen Anzahl von Klein- und Kleinstbesitzern, doch nun kam es zur Enteignung des kompletten Großgrundbesitzes und ebenso bei Selbstversorgern bis auf einen geringen Eigenbedarf.[14] Insgesamt waren von der Bodenverteilung 35% der gesamten Bodenfläche betroffen. Dabei wurden 60% an die 642.000 Bauernfamilien verteilt und auf dem übrigen Teil wurden Staatsgüter und Musterwirtschaften errichtet.[15] Allerdings reichten die Flächen in den meisten Fällen nicht einmal aus, um „die
Eigentümer und ihre Familien zu ernähren.“[16]

Durch die Bodenreform erlangte die MKP schließlich ein Einflusspotenzial, das „ihre zahlenmäßige Bedeutung und ihr früheres politisches Gewicht im Lande weit überstieg“.[17] Äußerst positiv für die Kommunisten war auch die zunehmend offene Unterstützung durch die Sowjettruppen.

Doch es war erst der Altkommunist Mátyás Rákosi, der begann „to adopt the openly Stalinist line.“[18] Er konnte mit Stalins Rückendeckung schließlich die Führung der Partei übernehmen und zeigte sich zur Zusammenarbeit mit demokratischen Kräften bereit. Seine erklärten Ziele waren der Wiederaufbau des Landes als wichtigste nationale Aufgabe sowie die Verschmelzung von Nationalismus und Kommunismus, um populäre nationale, vor allem territoriale Fragen, zu klären. Diese Verschmelzung wurde dadurch gerechtfertigt, dass „das Anheizen nationalistischer Gefühle nur ein Zwischenstadium auf dem Wege zum wahren Internationalismus“[19] sei und dass der Aufbau des Landes durch eigenen Antrieb mit Hilfe einheimischer Kräfte erreicht werden sollte. Um das Erreichen dieses Ziels zu gewährleisten, wollte er auch gegebenenfalls die Rückendeckung der Sowjetgruppen in Anspruch nehmen.

Unter Rákosi erhielt die MKP durch skrupellose Rekrutierungskampagnen zunehmend steigende Mitgliederzahlen aus den Reihen der Sympathisanten, Idealisten, Opportunisten, Mitläufer, verängstigten Beamten, sowie der sozialdemokratischen Industriearbeiterschaft und der Landarmut. So konnte die Partei im Januar 1945 30.000, im Juli 1945 225.000 und im Januar 1946 schon fast 610.000 Mitglieder zählen.[20]

Doch trotz dieser Zahlen schaffte es die MKP nicht, auf legalem, parlamentarisch-demokratischen Weg an die Macht zu kommen.

[...]


[1] Molnar, Miklos, From Béla Kun to János Kádár: Seventy Years of Hungarian Communism, Washington 1991, S. 169.

[2] Oplatka, Andreas, Der ungarische Volksaufstand 1956 – „Sieg einer Niederlage“, in: Neue Zürcher Zeitung 230 (16.10.2006).

[3] Vgl. Ebd.

[4] Hoensch, Jörg K., Geschichte Ungarns 1867-1983, Berlin/ Köln/ Mainz/ Stuttgart 1984, S. 157.

[5] Vgl. Ebd.

[6] Ebd.

[7] Vgl. Fischer, Holger, Eine kleine Geschichte Ungarns, Frankfurt am Main 1999, S. 203.

[8] Vgl. Hoensch, S. 157.

[9] Ebd., S. 158.

[10] Nagy, Zsuzsa L., Auf dem Wege zum Sozialismus, in: Hanák, Péter (Hg.), Die Geschichte Ungarns. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Essen 1988, S. 252.

[11] Vgl. Ebd., S. 253.

[12] Ebd.

[13] Vgl. Hoensch 1984, S. 158.

[14] Vgl. Fischer 1999, S. 201.

[15] Vgl. Nagy 1988, S. 254.

[16] Fischer 1999, S. 201.

[17] Ebd.

[18] Molnar 1991, S. 141.

[19] Hoensch 1984, S. 159.

[20] Vgl. Hoensch 1984, S. 162.

Details

Seiten
17
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640961443
ISBN (Buch)
9783640961658
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v175250
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Note
2,0
Schlagworte
Ungarischer Aufstand Mátyás Rákosi

Autor

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Titel: 50 Jahre Ungarische Revolution