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Die politische Partizipation des Volkes im antiken Rom

Das Volk als manipulierbare Masse oder Souverän?

Seminararbeit 2011 18 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Das Volk und die Oligarchie
2.1. Möglichkeiten und Grenzen der Masse
2.2. Eigenschaften und Merkmale der Oligarchie
2.3. Das Verhältnis zwischen Volk und Oligarchie

3. Wahlen und Wahlkampf im antiken Rom
3.1. Zur Echtheit des "Commentariolum petitionis"
3.2. Die Erfolgsfaktoren eines Kandidaten
3.3. Wahlkampf im antiken Rom

4. Fazit

1. Einleitung

In der hier vorliegenden Semesterarbeit im Rahmen des Proseminars der Antike soll das „Commentariolum petitionis“ des Quintus Tullius Cicero thematisiert werden. Quintus ist der Bruder des bekannteren Marcus Tullius Cicero, dem wohl berühmtesten Redner des antiken Roms und Konsul des Jahres 63 v. Chr.1

Das Thema ist von besonderer Relevanz da auch gerade hier in Deutschland erneut ein Superwahljahr begonnen hat. Es wird interessant sein zu erfahren, was die alten Römer von unserem Superwahljahr gehalten hätten, denn zur ihrer Zeit galt jedes Jahr als Super- wahljahr.2 Die Bürger Roms waren demnach mehrmals im Jahr zu Wahlen aufgerufen, ob diese häufigen Wahlen ein Zeichen für den besonders hohen Grad der Demokratisierung des politischen Systems der Römischen Republik war, soll an späterer Stelle geklärt wer- den. Außerdem lassen sich noch weitere Parallelen zu heutigen Wahlkämpfen erkennen, auf die in dieser Arbeit an einigen Stellen auch hingewiesen werden wird.

Der wichtigste Forschungsgegenstand wird in dieser Arbeit die Rolle des Wählers sein. Wie groß waren seine Möglichkeiten der politischen Partizipation? Wie lässt sich anhand des Commentariolum die Rolle des Volkes deuten? War es eher manipulierbare Masse oder Souverän? In welchem Verhältnis standen die Schicht der Oligarchie und die Volksmasse zueinander? Die Klärung dieser Fragen ist notwendig, um das Commentariolum zu verstehen. Das Commentariolum soll somit auf seine für meine Fragestellung signifikanten Aspekte hin untersucht werden, jedoch erst nachdem ein Einblick in das Machtgefüge Roms erfolgt ist. Im Anschluss an die Analyse der Quelle sollen ein paar weitere Aspekte des Wahlkampfs aus der Sekundärliteratur beleuchtet werden.

Die Literatur, welche für diese Hausarbeit Verwendung fand, setzt sich aus der Quelle, dem „Commentariolum petitionis“, sowie Aufsätzen aus Zeitschriften und Monographien zusammen. Zur Quellenkritik des „Commentariolum“ wird an gesonderte Stelle eingegan- gen werden. Die verwendeten Aufsätze stammen einerseits von Martin Jehne, welcher sich mit der Beeinflussung der Wahlentscheidungen der Bürger Roms befasst hat. Ein weiterer Aufsatz von Egon Flaig widmet sich der Frage der politischen Kommunikation zwischen der Oligarchie und der römischen Plebs. Dieser Aufsatz wird vor allem für den hinführen- den Teil meiner Arbeit relevant sein. Darüber hinaus werden Aufsätze von Ralf Urban und Rudolf Till Verwendung finden. Urban beschreibt explizit den Wahlkampf um das Konsu- lat und Till legt den Kampf um das Konsulat für Cicero dar. Günter Laser trägt seinen Teil gleich durch zwei Werke zu dieser Arbeit bei. Zum einen liefert er die Übersetzung des „Commentariolum petitionis“ und zum anderen wird seine Dissertation zum Thema der Volksmasse Roms von großem Nutzen sein. Weiterhin tragen ihren Nutzen zu meiner Arbeit Monographien von Karl-Wilhelm Weeber, Wilfried Stroh, Paul Veyne und Moses I. Finley bei. Weeber dient zur Beschreibung einiger spezieller Formen des Wahlkampfes im antiken Rom, Stroh liefert die notwendigen biografischen Daten zu Cicero und Paul Veynes Werk „Brot und Spiele“ wird im Laufe dieser Arbeit immer wieder von großem Nutzen sein. Das Werk von Finley dient hier auch als Voraussetzung für das Commentariolum. Für Klärung von spezifischen Begrifflichkeiten des politischen System Roms, stellte sich das Standardwerk von Jochen Bleicken als dienlich dar.

2. Das Volk und die Oligarchie

2.1. Möglichkeiten und Grenzen der Masse

In diesem Abschnitt soll es um den Begriff des Volkes gehen bzw. um den Begriff der Masse. Günter Laser hat dem Begriff der Masse eine ganze Monografie in Form einer Dis- sertation gewidmet.3 Nach Laser ist die Masse über eine Abgrenzung zur numerisch be- schränkten Elite zu definieren.4 Das bedeutet für die hier vorgesehene Untersuchung, dass der Begriff des Volkes weiter zu differenzieren ist. Das Volk ist demnach die Gesamtheit der Menschen Roms. Um es ganz genau auszudrücken, definiert sich Rom nicht wie heuti- ge Staaten über sein Territorium, sondern sein Volk, so schreibt es Paul Veyne in seinem renommierten Werk „Brot und Spiele“.5 Die Differenzierung des Volkes muss folgender- maßen aussehen: Das Volk teilt sich grob in die herrschende Schicht der Oligarchen und die breite Masse, derer die das Bürgerrecht inne hatten. Dies war wiederum nur ein Teil der Masse, nämlich nur freie volljährige Männer, vom politischen Geschehen ausgeschlos- sen waren demnach Sklaven, Minderjährige und Frauen.6 Man könnte nun annehmen, dass sich durch diese Form der Selektion schon eine Gemeinschaft in der Masse herausbildet, die weitestgehend die gleichen Interessen vertritt. Dem war in Rom jedoch nicht so, die Masse kennzeichnete sich auch durch eine starke Heterogenität.7 Daher lässt sich für diesen ersten Abschnitt folgende These aufstellen: Die politischen Interessen des Individuums fanden in der römischen Demokratie keinerlei Repräsentation.

Nicht nur die Heterogenität der Masse stellte für selbige ein Problem dar, sondern auch die Art und Weise wie diese an Abstimmungen teilnehmen konnte. Es fand bekanntlich keine individuelle Wahl statt. Stattdessen erfolgte die Wahl der Konsuln durch Stimmkörper.8 Hier erging erst eine Mehrheitsfindung innerhalb der Zenturie bzw. des Stimmkörpers statt und diese stimmte dann gleichsam mit einer Stimme für den jeweiligen Kandidaten. Die Einteilung in die Zenturien erfolgte durch die Zensoren, ehemalige Würdenträger. Da- bei war die Einteilung keineswegs repräsentativ, sie war von einem starken Übergewicht der reicheren Klassen geprägt.9 Die oberen Zensusklassen, die sich aus den „equites“ und der „prima classes" zusammensetzten, verfügten demnach über 98 Stimmkörper und hatten somit, sofern kein Dissens unter ihnen aufkam, die einfache Mehrheit inne.10 Die Wahl wurde zudem nach Erreichen der Mehrheit durch den leitenden Magistraten beendet. Der Modus der Wahl ist somit ein Indiz dafür, dass der individuelle politische Wille nicht be- rücksichtig wurde. Hier wird folglich schon eine erste Grenze der Partizipation der Masse deutlich.

Welche Möglichkeiten der politischen Konversation gab es folglich für die Masse? Die Comitien entschieden über die Wahl von Magistraten, hier wurden verbindliche Beschlüs- se gefasst und Gesetze verabschiedet.11 Wie also eine „comitia“ funktionierte, wenn es darum ging einen neuen Magistraten zu wählen, wurde nun schon erläutert. Wie verhielt es sich aber mit den Verabschiedungen von Gesetzen oder bindenden Beschlüssen? War hier der Einfluss des Individuums eventuell größer? Bei den Comitien wurde ein Gesetztesent- wurf durch einen Rogator vorgelegt. Durch Flaig ist uns allerdings überliefert, dass hier keine Debatten mehr um die Details des Gesetzes geführt wurden. Es gab lediglich zwei Optionen, es konnte dem Gesetzt zugestimmt, oder es konnte abgelehnt werden.12 Ergo fand der individuelle Wille des Einzelnen hier auch keine Berücksichtigung, da keine Mo- difikation der Rogationen vorgesehen war.13 Veyne spricht der Masse trotzdem eine gewis- se Funktion im politischen Gefüge zu. Er beschreibt die Masse als Organ mit einem Sank- tions- und Wahlrecht.14 Auf das Recht der Sanktion soll in dem Abschnitt über das Ver- hältnis zwischen Volk bzw. Masse und Oligarchie später noch eingegangen werden. Wie kam es aber nun dazu, dass fast keine Rogation überliefert ist, die keine Zustimmung fand?15 Dass es in fast allen Fällen einer Rogation zur Zustimmung durch das Volk kam, liegt daran, dass vor der tatsächlichen Abstimmung über die Rogation eine „contio“ statt- fand.16 Hier wurde der Gesetzesentwurf dem Volk präsentiert und der jeweilige Rogator konnte durch eine erste Resonanz des Volkes die Chancen seiner Rogation ausloten. Aus- loten, ist hier der treffende Begriff, da eine wirkliche Einschätzung anhand der Masse nicht möglich war. Denn die Masse, die an jenem Tag der „contio“ anwesend war, musste nicht die gleiche sein, welche am Tag der tatsächlichen Abstimmung erschien. Somit war ein permanentes Bemühen um die Massen notwendig.

Die zweite These, die sich bezüglich der Masse aufstellen lässt, ist folgende: Die Masse hatte keine Institution der politischen Aggregation. Die schon erwähnte starke Heterogeni- tät der Masse brachte folglich auch das Problem von vielen verschiedenen Interessen mit sich. Hinzu kam, dass die Masse durch Magistrate teilweise gezielt gespalten wurde, die Magistrate politisierten bestimmte Teile der Masse zu ihren Gunsten.17 Somit entstand ein Hindernis der Politisierung der Masse. Dieser Zustand konnte für die Oligarchie jedoch nur förderlich sein, denn nur so konnten sie ihren Machtanspruch durchsetzen. Über welche tatsächlichen Mittel verfügte die Masse? Laut Flaig hatte die Masse Möglichkeiten ihren Unmut zum Ausdruck zu bringen. Hier nennt er Aktionen der Masse, die wohlgemerkt symbolischen Charakters waren. Es wurden zum Beispiel die Rutenbündel der Liktoren der Magistrate zerbrochen. Somit wurden die symbolischen Hoheitsabzeichen der Magistrate zerstört. Flaig berichtet sogar davon, dass es in besonderen Situationen zu Steinigungen von Magistraten kam. Überdies kam es häufiger zu Androhungen das Senatsgebäude anzu- zünden.18 Auch Finley äußert, dass der Einfluss der Masse nicht durch formalisierte staatli- che Entscheidungsverfahren geschehen ist, sonder durch Agitation und Aufruhr.19

2.2. Eigenschaften und Merkmale der Oligarchie

Nachdem für den letzten Abschnitt dank Günter Laser festgehalten werden konnte, dass sich die Masse von der numerisch beschränkten Elite abgrenzt, lässt sich hier der Umkehr- schluss für die Oligarchie ziehen.20 Die Oligarchie ist demnach die numerisch beschränkte Elite, die sich von der Masse abgrenzt. Die Schicht der Oligarchen verstand sich selbst, als die beste mögliche Führung Roms. Nicht umsonst nannten sich die eifrigen Anhänger und Mitglieder des Senats die Optimaten - die Besten. Die Oligarchen betrieben ihr politisches Wirken eher zur Steigerung ihres persönlichen Ansehens, ihrer „dignitas“, als im Sinne des Volkes. Es war für ein Mitglied der Oligarchie von enormer Bedeutung auf dem „cursus honorum“ so hoch wie möglich aufzusteigen. Laser berichtet davon, dass Mitglieder der Nobilität auch Mittellose vor Gericht vertreten haben, jedoch geschah dies wohl in den seltensten Fällen aus Nächstenliebe, als viel eher zur persönlichen Profilierung vor dem Volk als Wohltäter.21 Wichtigstes Ziel für ein Mitglied der Nobilität war die Erlangung einer Magistratur. Sicherlich waren auch Nicht-Mitglieder der Nobilität an einer Magistra- tur interessiert, jedoch war es für diese Männer wesentlich schwieriger. Hier gab es mehre- re Hürden zu meistern. Eine Magistratur wurde nicht vergütet. Die Würdenträger hatten keinen staatlichen bürokratischen Apparat an ihrer Seite, wie Minister unserer Zeit.22 Vey- ne ist ebenso der Meinung, dass die Politik der Oligarchen weitestgehend von persönlichen Interessen gelenkt wurde, der Ausbau und die Verteidigung der eigenen „dignitas“ war die oberste Prämisse eines jeden Oligarchen.23

Finley schreibt dem Senat sogar die Rolle einer Regierung Roms zu.24 Die Beschlüsse und Gesetze wurden demnach im Senat entwickelt und der Volksversammlung zur Zustim- mung vorgelegt. Dass eine Ablehnung von Beschlüssen oder Gesetzen fast nicht überliefert ist, wurde im vorigen Abschnitt bereits erläutert. Flaig nennt die Comitien daher Konsens- organ.25 Nach den bisherigen Erkenntnissen, ist die „contio“ eher als Konsensorgan zu verstehen, während die „comitia“ eher den Charakter eines bloßen Zustimmungsorgans trägt.

[...]


1 Vgl. Stroh, Wilfried: Cicero - Redner, Staatsmann, Philosoph; München 2008, S. 33f.

2 Vgl. Jehne, Martin: Die Beeinflussung von Entscheidungen durch „Bestechung“: zur Funktion des ambitus in der römischen Republik, in ders.: Demokratie in Rom? Die Rolle des Volkes in der Politik der römischen Republik (Historia Einzelschriften 96), Stuttgart 1995, S. 51.

3 Vgl. Populo et scaenae serviendum est - Die Bedeutung der Masse der städtischen Masse in der späten Römischen Republik, Trier 1997

4 Vgl. ebenda S. 17.

5 Vgl. Veyne, Paul: Brot und Spiele. Gesellschaftliche Macht und politische Herrschaft in der Antike, Frankfurt 1988, S. 317.

6 Vgl. Laser 1997: S. 18.

7 ebenda: S. 19.

8 Vgl. Urban, Ralf: Wahlkampf im spätrepublikanischen Rom. Der Kampf um das Konsulat, in: GWU 10/1983, S. 608.

9 Vgl. Finley, Moses I.: Das politische Leben in der antiken Welt, München 1991, S. 112

10 Vgl. Laser 1997: S. 49.

11 Vgl. Flaig, Egon: Entscheidung und Konsens. Zu den Feldern der politischen Kommunikation zwischen Aristokratie und Plebs, in M. Jehne (Hg.): Demokratie in Rom? Die Rolle des Volkes in der Politik der römischen Republik (Historia Einzelschriften 96), Stuttgart 1995, S. 77.

12 ebenda: S. 80.

13 Vgl. Laser 1997: S. 68.

14 Vgl. Veyne 1988: S. 318.

15 Vgl. Flaig 1995: S. 80.

16 Vgl. Laser 1997: S. 68f.

17 Vgl. Laser 1997: S. 127.

18 Vgl. Flaig 1995: S. 98.

19 Vgl. Finley 1991: S. 118.

20 Vgl. Laser 1997: S. 17.

21 Vgl. ebenda: S. 36.

22 Vgl. Bleicken, Jochen: Die Verfassung der Römischen Republik, Paderborn 1995, S. 97ff.

23 Vgl. Veyne 1988: S. 320f.

24 Vgl. Finley 1991: S. 114.

25 Vgl. Flaig 1995: S. 80.

Details

Seiten
18
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640960798
ISBN (Buch)
9783640960972
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v175236
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Institut für Geschichte
Note
2,1
Schlagworte
Cicero Wahl Antike Rom Wahlkampf Oligarchie Commentariolum petitionis Quintus Tullius

Autor

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