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„Die 12 Geschworenen“ im Philosophie- oder Ethikunterricht

Der Film als Leitbild des philosophischen Diskurses

Hausarbeit 2011 36 Seiten

Pädagogik - Medienpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ziele mit dem Film im Unterricht
2.1 Angemessen urteilen
2.2 Zielgerichtet diskutieren
2.3 Meinung ändern

3. Der Einsatz von „Die 12 Geschworenen“
3.1 Vorbereitung auf den Film
3.2 Vorführung des Films

4. Diskussionsanalyse der Geschworenen

5. Didaktische Aufarbeitung
5.1 Was zu lernen ist
5.2 Wie zu lernen ist

Anhang A: Arbeitsblätter

Anhang B: Sequenzanalyse

Literaturverzeichnis:

Verwendete Internetseiten:

DVD:

„Die 12 Geschworenen“ im

Philosophie- oder Ethikunterricht

1. Einleitung

"LIFE IS IN THEIR HANDS - DEATH IS ON THEIR MINDS! It EXPLODES Like 12 Sticks of Dynamite."[1]

So wurde der Film „Die 12 Geschworenen“ von Sidney Lumet beworben. Und das zurecht, ist er doch wirklich wie eine Stange intellektuellen Dynamits. Er wirft viele philosophische, soziologische, juristische und psychologische Probleme auf. Unter jedem dieser Gesichtspunkte ließe sich der Film gewinnbringend analysieren. In dieser Hausarbeit will ich einen Vorschlag machen, wie „Die 12 Geschworenen“ (von nun an mit D12G abgekürzt) im Rahmen des Philosophie- oder Ethikunterrichts genutzt werden kann. In Kapitel 2 lege ich meine Gründe dar, warum ich D12G im genannten Kontext für wertvoll halte. Dann möchte ich auf die vorbereitenden und einleitenden Themen eingehen, die vor der Vorführung besprochen sein müssen und einige Hinweise dazu geben, wie man den Film in sinnvolle Abschnitte teilen kann, um den zeitlichen und didaktischen Beschränkungen gerecht zu werden – das wird der Inhalt des 3. Kapitels. Das nächste wird eine Charakteranalyse der Geschworenen enthalten, die sich jedoch auf ihre Überzeugungen und Argumentationsmuster beschränkt. Das 5. Kapitel wird dann auf die Inhalte und Formen des Unterrichts eingehen, der auf die Vorführung folgt. Anschließend habe ich noch einen Vorschlag für zwei Arbeitsblätter zum Mitschreiben während des Films und eine dem Internet entnommene (von mir leicht veränderte) Sequenzanalyse angefügt. Letztere ist nur der besseren Übersicht wegen mit in die Arbeit aufgenommen worden.

Um Schreibarbeit zu sparen habe ich eine weitere Abkürzung eingeführt. Statt immer Geschworener Nr. X zu schreiben, habe ich die Schreibweise #X übernommen – im ganzen Film sind die Geschworenen anonym.

Außerdem habe ich zur besseren Einordnung, die DVD-Kapitel der von mir verwendeten Filmversion mit [Kapitel-Nr.] kenntlich gemacht. Immer wenn Zahlen in eckigen Klammern stehen, zeigt das an, dass die erwähnte Szene in diesem Kapitel spielt.

2. Ziele mit dem Film im Unterricht

D12G arbeitet, wie alle anderen Filme auch,[2] mit Charakteren und Figuren, denen die volle Tiefe eines wirklichen Menschen fehlt. Was an diesem Film sehr deutlich zu sehen ist, sind die verschiedenen Ausformungen der Charaktere. Jeder der Geschworenen unterscheidet sich in seinem Verhalten und seinen Gründen von den anderen und wird auf diese Weise einzigartig und klar erkennbar. Wie gesagt, in ihrer Ausformung scheinen sie eher Schemen oder Symbole zu sein, die für ganz bestimmte Typen von Verhalten und Einstellungen stehen. Ihnen fehlt es daher an Tiefgang. Aber genau das in dieser Unterschiedlichkeit verankerte Konfliktpotential, das aufgrund der erzwungenen Auseinandersetzung voll ausgeschöpft wird, macht diesen Film so interessant. Genauso unterschiedlich wie die Geschworenen, denken, urteilen und argumentieren die Schüler einer Klasse. Und da es im Philosophie- und Ethikunterricht genau darum geht, eignet sich der Film hervorragend um fehlerhaftes, aber auch positives Vorgehen „in Aktion“ zu erleben und zu analysieren. Eben Leitbilder für den Unterrichtsdiskurs kennenzulernen.

2.1 Angemessen urteilen

Ein wichtiger Vergleichspunkt zwischen Film und Unterricht liegt in der Betonung des angemessenen Urteils. Im Film lässt sich die Schuld oder Unschuld des Angeklagten nicht beweisen und dennoch werden gleich zu Beginn Kriterien für ein gutes Urteil gegeben. Sollten die Geschworenen von der Schuld des Angeklagten überzeugt sein, so sollen sie ihn für schuldig erklären [1]. Sollten sie jedoch einen begründeten Zweifel dazu hegen, für nicht schuldig. Die Aufgabe der Geschworenen ist also angesichts der vorgebrachten Argumente zu urteilen. In einer ganz ähnlichen Lage sieht Tichy in seiner Didaktik des Ethik- und Philosophieunterrichts Moralbegründungen. Anders als in den meisten Wissenschaften hat der Philosophieunterricht keinen festen Ausgangspunkt, da (u. a.) die Debatte um eine Begründung der Moral noch anhält.[3] Aber: „Wenn man davon ausgeht, daß es Ethik auch mit der Frage der Angemessenheit eines Urteils bzw. einer Norm sowie mit der Frage der Motivation zu tun hat, relativiert sich die Bedeutung des Begründungsproblems (Tichy 1998, 186).“ Man kann von Schülern folglich auch nicht erwarten, eine bestimmte Moral zu begründen – genauso wenig wie es die eigentliche Aufgabe der Geschworenen ist, Schuld oder Unschuld des Angeklagten zu beweisen. Vielmehr geht es in der Schule darum, mögliche Entscheidungen und Urteile abzuschätzen und zu klären[4] – ähnlich wie auch die Geschworenen nur die vorgebrachten Argumente untersuchen und bewerten müssen. Der Philosophieunterricht kann genauso wenig eine Letztbegründung der Dinge anstreben, wie die Geschworenen Zeugen vernehmen, Beweismittel sichern und Gutachten anfertigen. In beiden Fällen ist die Aufgabe gegebene Argumente und Fakten zu analysieren und zu bewerten.

2.2 Zielgerichtet diskutieren

Ein großer Teil des Philosophieunterrichts, wie ich ihn kennengelernt habe, besteht aus argumentieren (schriftlich und mündlich), diskutieren und dem Versuch andere von etwas zu überzeugen. Wie man es aus dem Alltag kennt, ist das nicht immer einfach – und auch der Unterricht bildet da keine Ausnahme. Häufig hindern Vorurteile, unterschiedliche Maßstäbe, inkonsistente Überzeugungen und Eitelkeiten eine fruchtbare Diskussion. Statt Lösungen für Probleme anzustreben, setzt man sich mit Dingen auseinander, die nichts damit zu tun haben. Der Film macht ausgezeichnet deutlich wie die typischen Probleme dabei stören, die vorgebrachten Argumente angemessen zu untersuchen. Sie lenken vom Ziel ab. Schüler können am Film sehen, dass es wichtiger ist das Argument zu untersuchen, als die eigene Meinung durchzuboxen.[5]

2.3 Meinung ändern

Der Film zeigt eindrücklich, wie sich Meinungsänderungen vollziehen. Zu einigen der im Philosophieunterricht behandelten Themen – wie Gott, Politik und Ethik – haben viele Schüler feste Meinungen. Diese noch einmal zu überprüfen und die Bereitschaft aufzubringen sich überzeugen zu lassen, erfordert einigen Mut. Nicht immer lässt sich für philosophische Probleme eine Lösung finden, die alle überzeugt.[6] Das ist ein großer Unterschied zum Film, der beinahe sein ganzes Konfliktpotential aus dem Zwang ein einstimmiges Urteil zu finden bezieht. Dennoch ist es wichtig, dass Schüler lernen, sowohl ihre Überzeugungen als auch die anderer dahingehend zu überprüfen, inwiefern sie konsistent sind und mit der Realität (so wie wir sie erkennen) übereinstimmen.[7] Daher kann der Film als Basis dienen, zu untersuchen, ab wann man nicht mehr gerechtfertigt ist, eine bestimmte Überzeugung zu haben (analog zu „von der Schuld überzeugt sein“). Besonders interessant ist es, dass zwei gute Leitbilder im Film – wofür ich noch argumentieren werde – lange Zeit unterschiedliche Meinungen haben (es sind #4 und #8). Würde man den Film kurz bevor #9 die Druckstellen der Brille bemerkt [14] unterbrechen, hätte man eine sehr lehrreiche Konstellation: Beide haben den gleichen Argumentationsstand (das entscheidende Argument wird erst noch gefunden) und dennoch plädiert der eine für schuldig und der andere nicht. Hier ließe sich der wichtige und in der Philosophie häufige Fall diskutieren, bei dem zwei Diskussionpartner jeweils gute Gründe haben und dennoch zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen kommen.[8]

3. Der Einsatz von „Die 12 Geschworenen“

In diesem Kapitel will ich kurz beschreiben, was ich vor dem Film im Unterricht behandeln würde, um ihn in einen sinnvollen Kontext zu setzten. Außerdem gebe ich noch einige Möglichkeiten zur Vorführung an.

3.1 Vorbereitung auf den Film

Der Film D12G ist im Sinne Hoffmanns ein Animationsfilm.[9] Er will zum Nachdenken provozieren. Er gibt keine vorgefertigten Antworten, sondern nimmt die Zuschauer in den ganzen Konflikt mit hinein. Daher ist es wichtig, den Film in einen didaktisch angemessenen Rahmen zu setzen. Gerade wenn man D12G wegen seines Inhalts einführen will, muss man gründlich auf den Film vorbereiten, damit die Schüler auch verstehen, worauf sie zu achten haben.[10]

Natürlich ließe sich der Film sehr gut in verschiedenen Zusammenhängen zeigen. So könnte er als Fallstudie zum Thema Gerechtigkeit dienen oder als Analysematerial nach einem Block Logik. Am besten geeignet ist er meiner Meinung nach kurz nach Anfang der 11. Jahrgangsstufe, wenn viele zum ersten Mal mit dem Unterrichtsfach Ethik oder Philosophie in Berührung kommen. Dabei setzte ich voraus, dass das Wesen und der Gegenstandsbereich der Philosophie bereits besprochen wurden. Die Schüler wissen also was Philosophie ist und was sie macht. Es fehlt noch das Wie. In leicht abgewandelter Form lässt sich der Film auch in anderen Jahrgängen zeigen.

Eine sehr wichtige Methode im Philosophieunterricht ist das sokratische Gespräch. Dabei denken verschiedene Personen miteinander nach, um ein philosophisches Problem zu lösen. Der Lehrer kann den Schülern dabei helfen, indem er Fragen stellt. Diese Fragen betreffen mögliche Schwierigkeiten, übergangene Probleme etc.. Natürlich ist der Verlauf nicht genau planbar – er wird stark durch die Teilnehmer bestimmt.[11] Zusammengefasst hat ein sokratisches Gespräch beim Philosophieren die Funktion, das gemeinsame Nachdenken über ein philosophisches Problem auf den Weg zu bringen mit dem Ziel, eine Lösung zu finden, die alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer überzeugt. Sollte dies nicht gelingen, so müssen am Ende der Diskussion die Gründe für das Scheitern herausgearbeitet werden. (Brünning 2003, 72.)

D12G kann als großes sokratisches Gespräch gesehen werden (wenn es auch nicht methodenrein ist). Daher würde ich vor der Filmvorführung die Funktion und den Einsatz des sokratischen Gesprächs im Unterricht besprechen und evtl. durchspielen. Geeignet dazu wäre ein kontroverses Thema (z.B.: Gibt es Gott? Kommunismus oder Kapitalismus?), von dem man weiß, dass es starke unterschiedliche Positionen gibt. Anschließend würde man in der Klasse besprechen, welche Fehler gemacht wurden und was gut war. Danach zeigt man den Film und hat ein weiteres Beispiel für die möglichen Konflikte.

[...]


[1] Vgl. Dirks „12 Angry Men“.

[2] Vgl. Kahrmann 1985, 143.

[3] Vgl. Tichy 1998, 182.

[4] Vgl. ibid., 187.

[5] Vgl. Lidz „12 Angry Men“.

[6] Vgl. Tichy 1998, 188.

[7] Vgl. Lidz „12 Angry Men“.

[8] Vgl. ibid.

[9] Vgl. Hoffmann 2003, 376.

[10] Vgl. ibid., 377-378.

[11] Vgl. Brünning 2003, 66 und 70-71.

Details

Seiten
36
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640960743
ISBN (Buch)
9783640960965
Dateigröße
621 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v175230
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld – Fakultät für Erziehungswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Medien Lumet Medienwissenschaften Medienpädagogik Philosophie Argumentation Sokratisches Gespräch Philosophiedidaktik Ethik Henry Fonda Philosophieunterricht Film Filmdidaktik Unterricht Ethikuntericht Geschworene Gerechtigkeit Verteidigung Beweise Indizien Filmpädagogik Filmwissenschaft Vorführung Unterrichtsentwurf Arbeitsblatt Gericht Richter Anwalt

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