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Säkularisierung und Demokratieunterstützung in der politischen Kulturforschung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 30 Seiten

Politik - Methoden, Forschung

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Theoretische Grundüberlegungen
2.1. Säkularisierungstheorie
2.2. Systemtheorien

3. Auswahl der Variablen

4. Empirische Untersuchungen

5. Fazit

6. Literatur

7. Zusammenfassung/ Abstract

8. Anhang

1. Einleitung

Im Zuge der Industrialisierung und der Postindustrialisierung haben sich moderne Gesellschaften entwickelt, die eine strukturelle Neugestaltung mit sich brachten. Diese Veränderung der Gesellschaft beeinflusste auch das Verhältnis von Politik und Religion. Es ist eine Differenzierung von Politik und Religion auf der strukturellen Ebene erkennbar. Zusätzlich fehlt durch den zunehmenden Verlust gemeinsamer religiöser Rituale auf der kulturellen Ebene eine systematische religiöse Eingliederung, welche die latente Grundlage für die politische Vergemeinschaftung bilden könnte. Die Religion zieht sich aus dem öffentlichen Bereich ins Private zurück. Dies hat zur Folge, dass die Kirche nicht länger die politische Autorität rechtfertigen kann. Die Legitimation des politischen Systems muss sich also auf andere, rationale Werte gründen (vgl. Willems/Minkenberg 2003: 18-19).

In den Theorien zu dieser Entwicklung wird oftmals nur die Makroebene, also ein Zusammenhang von Laizismus - der verfassungsmäßigen Trennung von Staat und Kirche - und Demokratie betrachtet. Vielfach findet auch eine Vermischung der Kultur­Ebene mit der Makroebene statt. Es wird ein Zusammenhang von Einstellungen der Gesellschaft und politischem System postuliert. Eine solche Vermischung ist problematisch. Viel eher erscheint es mir sinnvoll, die Einstellung der Gesellschaft zur Säkularisierung mit ihrer Einstellung zur Demokratie in Zusammenhang zu stellen, also eine Analyse ausschließlich auf der zwischen Mikro- und Makroebene angesiedelten Kultur-Ebene anzulegen.

Welchen Gewinn bringt diese subjektive Messung demokratischer Einstellung für die Demokratieforschung? Die Einstellungen der Gesellschaft können für die Stabilität einer Demokratie eine tragende Rolle spielen. David Eastons Konzept der politischen Unterstützung geht davon aus, das ein demokratisches System nur dann Bestand haben kann, wenn es von den Bürgern grundsätzlich anerkannt wird. Somit lassen sich durch die Messung der Einstellung zu demokratischen Werten und Institutionen Aussagen darüber treffen, ob ein demokratisches System stabil ist beziehungsweise ob ein nicht­demokratisches System gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche Transformation aufweist.

Für eine dauerhafte Stabilität des politischen Systems ist die Unterstützung durch die Gesellschaft unerlässlich. Stabilität ist hier zu verstehen als Fähigkeit, den momentanen Zustand auch bei Störungen von außen beizubehalten. Anstelle von Stabilität wird oft auch der Begriff der Persistenz verwendet. Eine Veränderung des Zustandes ist zwar möglich, allerdings nur, wenn diese Veränderung die konstitutiven Elemente des politischen Systems nicht angreift.

Entscheidend für ein stabiles politisches System ist die Kongruenz von politischer Kultur und politischer Struktur. Es werden zwei Level der politischen Kultur unterschieden: zum einen die durch die Verfassung rechtsgültig festgesetzten strukturrelevanten Werte; auf einem zweiten Level die Bindung der Gesellschaft an die eingeführten Werte. Nur wenn die implementierten Werte auch durch die Bürger anerkannt und somit institutionalisiert sind, kann die Gesellschaft das politische System stabilisieren. Dasselbe gilt für die politische Struktur: Auf dem ersten Level bilden die implementierten Funktionen die Bedingung für die Institutionalisierung dieser Funktionen durch die Gesellschaft auf dem zweiten Level.

Wenn nun sowohl in der politischen Kultur als auch in der politischen Struktur die Elemente implementiert und von der Gesellschaft anerkannt sind, kann eine Stabilisierung des Systems garantiert werden.

In der folgenden Arbeit soll zunächst ein Überblick über die Theorieansätze zur Säkularisierung moderner Gesellschaften sowie zum Zusammenhang von

Säkularisierung und Demokratie erfolgen. In einem nächsten Schritt werden diese Theorien auf die Daten des World Values Survey übertragen. Dann folgen die empirische Untersuchung und die Interpretation der Ergebnisse.

2. Theoretische Grundüberlegungen

Die Säkularisierungstheorie behauptet eine zunehmende Säkularisierung in modernen respektive westlich geprägten Gesellschaften. Zunächst ist hier der Begriff der Säkularisierung zu erläutern. „Säkularisierung“ bzw. „Säkularisation“ leitet sich vom lateinischen „saecularius“ = „weltlich, heidnisch“ ab, welches seinen Ursprung in dem

Begriff „saeculum“ = „Welt, irdisches Leben“ hat (vgl. Kluge 1989: 614). Von Säkularisation wird insbesondere im Zusammenhang mit dem Reichsdeputationshauptschluss von 1803 gesprochen. In diesem Hauptschluss wurden weltliche Fürstentümer, die Teile ihres Herrschaftsgebietes an Frankreich verloren hatten, entschädigt, indem kirchliche Reichsstände aufgelöst und den Fürstentümern zugeschlagen wurden. Säkularisation bedeutet also hier die Einziehung kirchlicher Besitztümer durch den Staat.

Allgemein bezeichnet der Begriff der Säkularisierung die Trennung von Kirche und Staat. Hierbei kann sowohl eine institutionelle Trennung gemeint sein als auch eine „innere Säkularisierung“, also die persönliche Trennung religiöser und politischer Themen.

2.1. Die Kulturtheorie Huntingtons

Ein Theorieansatz, der die demokratischen Einstellungen mit der Religion in Verbindung bringt, ist der von Samuel P. Huntington. Er vertritt die These, dass bestimmte Kulturen die Entstehung der Demokratie begünstigen, während andere diese be- oder verhindern und wieder andere keinen Einfluss auf eine mögliche Demokratisierung haben (vgl. Huntington 1993: 300-301). Die Auflistung der Kulturkreise nach ihrer

Demokratiekompatibilität sieht folgende Rangfolge vor:

1) westlich
2) lateinamerikanisch
3) japanisch
4) orthodox
5) hinduistisch
6) afrikanisch
7) konfuzianisch/sinisch
8) islamisch

(vgl. Merkel 1999: 96-97)

Die besten Voraussetzungen für die Entstehung einer Demokratie bieten die westlichen Kulturen, also insbesondere die christlichen Religionen. Der empirische Beweis ist die Betrachtung der ersten beiden Demokratisierungswellen: Demokratien sind im westlichen Kulturkreis entstanden und von den nicht-westlichen Kulturen sind diejenigen, die ein demokratisches System haben, zumeist ehemalige Kolonien westlicher Staaten. Auch in der dritten Demokratisierungswelle handelte es sich zumeist um westliche oder stark von der westlichen Kultur beeinflusste Länder.

Die Begründung sieht Huntington in den sehr speziellen Voraussetzungen, die die Entwicklung eines demokratischen Systems stellt. Nicht nur das westlich orientierte Wertesystem, sondern auch die historischen Besonderheiten eines Landes, wie etwa die Aufklärung, die französische Revolution etc, spielen eine Rolle. Die geschichtlichen Hintergründe haben in Westeuropa und Nordamerika optimale Voraussetzungen für die Entwicklung demokratischer Strukturen geschaffen.

Die lateinamerikanische und die japanische Kultur sind, ebenso wie die westliche Kultur, grundsätzlich demokratiekompatibel. In diesen Kulturkreisen ist die Herausbildung von stabilen demokratischen Systemen folglich am ehesten möglich.

Der Konfuzianismus ist durch hierarchische Strukturen gekennzeichnet, es gibt keine Trennung von sakraler und profaner Welt. Das politische System ist traditionsgemäß durch die Religion legitimiert. Eine Trennung von religiösen und politischen Themen ist demnach nicht vorhanden. Die konfuzianische Kultur sei also der Demokratie gegenüber feindlich gesinnt. Die Entwicklung eines stabilen demokratischen Systems in einem konfuzianisch geprägten Staat müsste Huntington zufolge äußerst unwahrscheinlich, wenn nicht gar unmöglich sein.

Der Islam hat zwar im Vergleich zum Konfuzianismus einige demokratiefreundliche Aspekte, wie etwa eine Aversion gegen hierarchische Strukturen, dennoch ist die islamische Kultur nicht demokratiekompatibel. Der Grund hierfür liegt darin, dass keine Unterscheidung zwischen religiöser und politischer Sphäre gemacht wird. „Hence there is no equipóse between Caesar and God, and political participation is linked to religious affiliation“ (Huntington 1993: 307), das politische System ist also auch im Islam durch religiöse Werte legitimiert. Dementsprechend sind Staaten des islamischen Kulturkreises demokratiefeindlich. Zwar war die Türkei, obwohl islamisch geprägt, zeitweise demokratisch regiert, jedoch hat sich hier nie eine stabile Demokratie durchsetzen können. Die Herausbildung einer Demokratie ist also wie auch im Konfuzianismus unwahrscheinlich, wenn sich tatsächlich demokratische Strukturen bilden, sind diese instabil und das System läuft jederzeit Gefahr, in autoritäre Strukturen zurückzufallen.

Die orthodoxen, hinduistischen und afrikanischen Kulturkreise sind zumindest grundsätzlich nicht demokratiefeindlich. Allerdings sind hier auch keine Werte vorhanden, welche die Demokratie in besonderem Maße begünstigen würden. Über die Möglichkeit der Entstehung stabiler demokratischer Strukturen kann hier also vom kulturellen Aspekt ausgehend keine eindeutige Aussage getroffen werden.

2.2 Systemtheorien

Die Theorie von Talcott Parsons fußt auf der Idee eines Strukturfunktionalismus. Hiernach hat jedes soziale System bestimmte Funktionen zu erfüllen. Diese fasst Parsons in einem Schema (AGIL) zusammen, wobei jedes Teilsystem seinerseits wieder nach dem AGIL-Schema organisiert ist:

1 Adaption: die Anpassung an die Umwelt ist die Hauptfunktion der Wirtschaft
2 Goal-attainment: das politische System ist für die Erreichung der Ziele des Gesamtsystems zuständig
3 Integration: die soziale Gemeinschaft hat die Integrationsfunktion
4 Latency: das kulturelle System erhält oder erneuert die Kulturmuster. In diesem Subsystem findet sich auch die Religion, die hier eine Integrationsfunktion hat.

(vgl. Knoblauch 1999: 97)

In der modernen (westlichen) Gesellschaft, so Parsons, kommt es zu einer Pluralisierung der Gesellschaft, in der immer weniger gemeinsame Werte und Rituale geteilt werden. Die Religion rückt vom öffentlichen in den privaten Bereich. Das soziale System benötigt nun also im kulturellen Subsystem neue Kulturmuster. An die Stelle der Religion treten jetzt andere Ideologien. In Anlehnung an Emile Durkheim kann diese Ideologie statt eines religiösen auch einen politischen Charakter haben. Die politischen Normen und Institutionen haben nun die Aufgabe, ein latentes Wertesystem zu bilden. Diese Normen müssen von der Gesellschaft anerkannt sein und können nicht einfach aufoktroyiert werden. Ein durch Zwang geschaffenes Kulturmuster würde in der

Gesellschaft keine Unterstützung finden und das politische System somit destabilisieren. Die Anerkennung in der gesamten Gesellschaft wird vermutlich für demokratische Normen am höchsten sein. Somit müsste in einer modernen Gesellschaft nach Parsons die Zustimmung zu einem demokratischen System hoch sein, sofern die Prämisse der „Privatisierung“ der Religion zutrifft.

Eine im Ansatz ähnliche Theorie wie bei Parsons findet sich auch bei Niklas Luhmann. Durch die zunehmende Komplexität der Gesellschaft muss diese ihre Struktur verändern. Die erste Stufe der Differenzierung ist die segmentäre. Solche Gesellschaften bestehen aus Teilsystemen, die alle eine ähnliche Struktur aufweisen. Die stratifikatorische Differenzierung bildet hierarchische Strukturen. Erst in modernen Gesellschaften entsteht die funktionale Differenzierung. Die Gesellschaft ist ein eigenes System neben anderen. Dies bedeutet nicht, dass in der modernen Gesellschaft keine hierarchischen Strukturen mehr vorhanden sind. Vielmehr bezeichnen die einzelnen Stufen der Differenzierung nur die jeweils dominante Differenzierungsart.

Anders als Parsons geht Luhmann allerdings nicht davon aus, dass bestehende Systeme nach Erfüllung ihrer Funktionen verlangen, sondern im Gegenteil „wenn technische, ökonomische, ökologische oder politische Probleme auftreten, bilden sich entsprechende Systeme aus, die die Funktionen erfüllen, diese Probleme zu lösen“ (Knoblauch 1999: 129-130).

Im Rahmen der funktionalen Differenzierung kommt es zur Individualisierung. Religion wird jetzt nicht mehr aus der Natur des Menschen, sondern aus seiner jeweils persönlichen Erfahrung begründet. Die religiösen Fundamente sind also von Person zu Person verschieden.

Jedes System besteht aus verschiedenen Teilsystemen, die gemeinsam das System - ähnlich wie bei einem lebenden Organismus - selbst produzieren. Luhmann bezeichnet die Systeme daher als autopoietisch. Jedes soziale System ist eine von der Umwelt abgegrenzte Einheit. Die Eigenschaften des Systems werden nicht durch seine Bestandteile, sondern durch die Kommunikation innerhalb des Systems bestimmt. Diese Kommunikation ist stets selbstreferentiell. Um die Abgrenzung von der Umwelt zu erhalten, bildet jedes System spezifische binäre Codes aus (etwa Macht/Ohnmacht in der Politik). Innerhalb des Systems werden diese Codes in Programme übersetzt, nach denen eine Seite des Codes gewählt werden kann. Dies führt dazu, dass die Kommunikation zwischen den einzelnen Systemen — zum Beispiel Politik und Religion — aufgrund der unterschiedlichen Codierung nicht oder nicht richtig funktionieren kann. Eine selektive Wahrnehmung der Umwelt ist zwar möglich, jedoch kann ein System nicht von einem anderen gesteuert werden: „[Die Theorie autopoietischer Systeme...] formuliert den Verlust jeder substantiellen, auf Letztelemente gegründeten Weltgemeinsamkeit aller Systeme [. ] Alle Regulierung wird selbst reguliert, alle Kontrollen werden selbst kontrolliert“ (Luhmann 1984: 654). Je höher der Grad an Ausdifferenzierung, desto mehr steigt auch die Autonomie des Systems. Die Kontrolle über politische Gewalt muss also mit den Mitteln des eigenen Systems organisiert werden. Ein nicht demokratisches - und damit nicht im eigenen System begründetes - Regime erschwert die Übersetzung der systemeigenen Codes in Programme und verhindert so, dass ein System weiter effizient arbeiten kann. Die fehlende Effizienz führt über einen längeren Zeitraum zur Destabilisierung des politischen Systems, da die Bevölkerung durch die enge Kopplung der Systeme die mangelnde Effizienz nicht einem bestimmten System zuordnen kann und somit auch das politische System in die Verantwortung gezogen wird. In einem demokratischen Regime hingegen kann eine solche Überlagerung der Systeme verhindert werden, da das politische System seine Legitimität aus sich selbst heraus beziehen kann. Durch die Selbstbeschreibung des politischen Systems als Staat kommt es unweigerlich auch zu einer mitlaufenden Selbstreferenz (vgl. Luhmann 2005: 89), welche die Fremdreferenz, also etwa die Referenz auf einen Gott, ersetzt.

Es erscheint somit auch nach Luhmanns Theorie wahrscheinlich, das in Gesellschaften, die Politik und Religion voneinander trennen, die Demokratie die wahrscheinlichste Staatsform ist. Hierbei ist zu beachten, dass Niklas Luhmann einen von den üblichen Vorstellungen abweichenden Demokratiebegriff verwendet. Luhmann definiert die Demokratie als „Spaltung der Spitze des ausdifferenzierten politischen Systems durch die Unterscheidung von Regierung und Opposition“ (Luhmann 2005: 132). Die entscheidenden Kriterien der Demokratie sind also nicht die Herrschaft des Volkes oder die Partizipation, sondern die potentielle Macht der Ohnmächtigen und Ohnmacht der Mächtigen.

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Details

Seiten
30
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640959884
ISBN (Buch)
9783640959778
Dateigröße
572 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v175111
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Politik- und Kommunikationswissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
säkularisierung demokratieunterstützung kulturforschung

Autor

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Titel: Säkularisierung und Demokratieunterstützung in der politischen Kulturforschung