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Die Popularisierung des Revolutionären am Beispiel der schwedischen Hardcore-Punkband REFUSED

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 22 Seiten

Musikwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Geschichte der Band
1.1. Gründung, Vorbilder und Ursprünge 1992-1994
1.2. Die ersten beiden Studioalben 1994-1996
1.3. „The Shape OfPunk To Come“: Songwriting, Kommerzialisierung und Auflösung 1997/98

2. Manifeste und andere politische Stellungnahmen
2.1. Betrachtung eines Auszugs aus einem Manifest
2.2. Beispielhafte Interviewauswertung DennisLyxzen

3. Bezüge zurSeminarliteratur
3.1. Helmut Rösings Modellentwurf zum Beziehungssystem Musik
3.2. Simon Frith unddie Ästhetik der populärenMusik
3.3. Reebee Garofalo unddieRelativitätderAutonomie

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

6. Medienverzeichnis

0. Einleitung

“It is impossible to take part of a revolutionary program when every aspect of existence has to be projected as entertainment and music, a tradition that both in expression and creation has been dead for far too long. - Es ist unmöglich, in einem revolutionären Programm zu partizipieren, wenn jeder Aspekt der Existenz als Unterhaltung oder Musik dargestellt werden muss, eine Tradition, die sowohl in Ausdruck als auch in Kreativität seit langem tot ist."[1]

So lautet das letzte offizielle Presserelease einer Band, die sich von den Medien scheinbar unverstanden fühlt und ihre Kreativität der Unterhaltungsindustrie nicht zum Fraß vorwerfen will.

Was die Gruppe jedoch dazu bewegt hat ein solches Statement abzugeben und sich kurz nach der Veröffentlichung eines der vielseitigsten Alben der Geschichte des Hardcore aufzulösen soll im Folgenden untersucht werden. Dazu soll die im Seminar „Popmusik und Revolution?“ vorgestellte Literatur herangezogen und auf das Phänomen Refused angewendet werden. Sicherlich stellt die Band keinen Einzelfall, nämlich den des missverstandenen Künstlers dar und somit finden sich in der Literatur zur Popularmusikforschung, Soziologie, Philosophie und Kulturwissenschaft vielerlei Ansätze, welche versuchen die Erscheinung des scheiternden Künstlers am kommerziellen Massenmarkt zu erklären.

Anfangs sollen jedoch zunächst einmal die Band und ihre programmatischen Vorhaben vorgestellt und analysiert werden. Dazu wird die musikalische und textliche Entwicklung der Band im Bezug auf Songtexte und revolutionäre Beihefte[2] bis zu ihrer Auflösung im Jahre 1998 nachgezeichnet und beobachtet werden. Dies erfolgt größtenteils durch Internetquellen, da es so etwas wie eine wissenschaftlich verfasste Biographie der Band noch nicht gibt. Im Anschluss daran soll dann der bereits erwähnte Bezug zu ausgewählter Literatur zum Thema „Pop und Politik“ erkennbar gemacht und vorgestellt werden um dann zu einem zusammenfassenden Fazit zu gelangen.

Dieses kann dann eventuell Antworten auf brennende Fragen geben, wie: Ist es legitim sich aufzulösen, weil die politischen Botschaften der Texte nun auf MTV laufen und ein breiterer Zugang herrscht? Oder: Wo genau ist der Punkt an dem ein revolutionäres Programm kippt und aufgrund von den Strukturen des Mainstream nicht mehr realisierbar ist?

1. Geschichte der Band

1.1. Gründung, Vorbilder und Ursprünge (1992-1994)

Bis zum Winter 1991 existiert die Band Step Forward, unter anderem bestehend aus Sänger Dennis Lyxzen und Schlagzeuger David Sandström.[3] Diese gründen im Januar 1992 in der schwedische Provinz Umea eine neue Band namens Refused und orientieren sich, wie schon mit Step Forward, musikalisch stark an dem Genre des Old-School- Hardcore. Vorbildwirkung besitzt in dieser ersten Phase die Gruppe Gorilla Biscuits, welche aus der „Geburtsstadt“ des Genres New York Hardcore, nämlich Washington D.C. stammen.[4] Die ersten musikalischen Gehversuche dieser neuen Band orientierten sich somit natürlich stark an diversen Hardcore-Bands im Umfeld von Washington D.C, jedoch ist diese Anfangszeit auch von Metal-Einflüssen geprägt. So bestreitet das schwedische Quintett seinen ersten Auftritt mit zwei Eigenkompositionen, einem AC/DC-Cover und vier Interpretationen von Stücken der Gorilla Biscuits.

Noch im selben Jahr veröffentlichen Refused ihre erste Demo, auf welcher zunächst einmal 7 Tracks mit eher persönlichen als politischen Texten zu hören sind. Schon mit diesem ersten Statement wurde die schwedische Hardcore-Szene auf die Band aufmerksam.

Noch ungeprägt von politischen Motiven folgt dann das Release eines zweiten Demos namens Operation Headfirst. In Reaktion auf diese Veröffentlichung erhalten die 5 Schweden einen Vertrag bei dem etablierten schwedischen Punklabel Burning Heart Records. Dieses zeichnet sich dann verantwortlich für das Erscheinen der ersten Single der Band aus dem Jahr 1993 mit dem Titel This Is The New Deal. Auf jenem Tonträger sind alte, aber auch neue Stücke in Überarbeiter Klangqualität zu hören. Doch es sollte zu keinen weiteren Plattenproduktionen in Zusammenarbeit mit Burning Heart Records kommen, da sich die Band unmittelbar nach dem Release der Single an das Label Startrec bindet.

1.2. Die ersten beiden Studioalben (1994-1996)

Unter der Fuchtel eines neuen Labels begeben sich Refused im Herbst 1993 ins Studio um ihren ersten Longplayer aufzunehmen. So erscheint im Februar 1994 die Vorab­Single Pump The Breaks und einen Monat das Debütalbum This Just Migth Be The Truth. Ohne wirklich hundertprozentig mit den Aufnahmen zufrieden zu sein geht es mit diesem Album auf eine Tour durch ganz Schweden.

Im Gefolge zweier weiterer EP-Veröffentlichungen können Refused nun auch erste Erfolge und gesteigerte Aufmerksamkeit durch Hardcore-Fans in ganz Europa vorweisen. Mit diesem Album positioniert sich die Band erstmals klar als Straight-Edge5, was einen Wendepunkt im textlichen Schaffen markiert und einen erheblichen Einflussfaktor bezüglich des ideologischen Hintergrunds darstellt. Jedoch erfährt diese politische Ausrichtung nach und nach eine Verlagerung des Schwerpunkts. Konzentrierte man sich anfangs noch stark auf die Strömung des Straight Edge rücken nun mehr und mehr die gesellschafts- und kapitalismuskritischen Anschauungen in den Vordergrund der Texte von Dennis Lyxzen, der sich als Hauptverantwortlicher für das Schreiben der Lyrics zeichnet.[5]

Refused entwickeln sich demnach also immer mehr zu einer politisch motivierten Band und werden damit auch zu Lieblingen der radikalen linken Bewegung. So findet sich beispielsweise im Booklet der Everlasting-EP erstmals ein von Sänger Dennis Lyxzen geschriebenes Manifest über die Motive und Vorstellungen der Band.[6] [7] Im Gegensatz zum Erstlingswerk sind die Musiker bei diesem Release auch zufriedener mit dem Sound. Als kleine Randnotiz sei erwähnt, dass während der gesamten Zeit des Bestehens der Band kein fester Bassist der Band auszumachen ist. Ein Teil des ständigen Besetzungswechsels ist der für dieses zweite Album vorgenommene „Gitarristenwechsel“: Pär Hansson verlässt die Band nach Veröffentlichung von Everlasting und spielt nun bei der Band Abhinanda. Dafür bekommen Refused Kristoffer Steen von eben jener Band. Das Jahr 1995 verbringen die Schweden größtenteils „on the road“. Ihrer Vorliebe für Punk verleihen die Lyxzen und Co. durch eine Veröffentlichung einer Split-Single mit der schwedischen Punkband Randy Ausdruck bei der sich die Gruppen gegenseitig covern. Als wichtigster Punkt bleibt jedoch die immer radikaler werdende politische Agitationsweise der Band festzuhalten. Ausgehend also von dieser politisierenden Entwicklung veröffentlicht die Band im Jahr 1996 nach einer Tour durch die USA ihr zweites Studioalbum Songs to Fan the Flames of Discontent7 auf dem gleichen Label, welches nun auf den Namen Startracks hört. Erstmals erscheint zu der ausgekoppelten Single Rather Be Dead auch ein Video, welches der Band wachsendes mediales Interesse und damit weiteren Erfolg beschert. Ausgehend von diesen Prämissen entwickeln sich Refused also immer mehr zu einer Art neuen Hoffnung des Hardcore und rücken keineswegs von ihrem „revolutionary program“ ab. Im Gegenteil: Mit dem Erscheinen des neuen Albums wird ein umfassendes 36-seitiges Fanzine[8] mit dem Namen The Handbook for Revolutionaries[9] veröffentlicht, in welchem nicht nur Songtexte, sondern auch darüber hinausgehende weitere Ausführungen zu Bandgeschichte, Veganismus, Homosexualität, Politik und Religion zu finden sind. Dies markiert einen wichtigen Faktor in der Abgrenzung zu anderen Hardcore-Bands im unmittelbaren Umfeld von Refused. Sie versteht sich nicht, wie z.B.: MiUencoiin oder Satanic Surfers als typische Skate/Fun-Punk-Band[10] a la Blinkl82, sondern werden als Straight-Edge-Band wahrgenommen. Die Band ist nun eine etablierte und renommierte Größe des schwedischen Punk/Hardcore.[11]

Im Folgenden kehren Refused zu ihrem ehemaligen Label Burning Heart Records zurück, welches auch ihre ersten beiden Alben nochmals veröffentlicht. Zu dem erscheint eine Sammlung der alten Songs der Band in Form von zwei Compilations: The Demo Compilation und The EP Compilation.

1997 spielen Refused dann erstmals in Deutschland.

1.3. «The Shape Of Punk To Come“: Songwriting, Kommerzialisierung und Auflösung (1997/98)

Nach ausgiebigen Konzerttouren durch Europa begeben sich Refused im Jahre 1997 wieder ins Studio um ihr drittes Studioalbum einzuspielen. So erscheint zunächst die EP The New Noise Theology und wenig später im selben Jahr das Album The Shape Of Punk To Come}[12] Auf diesem Album experimentiert die Band mit Elementen aus Drum'n' Bass, Techno, Jazz, Klassik, Metal, Punk und Hardcore. Damit setzt sie nicht nur im Genre des Hardcore neue Maßstäbe an Produktion und Komposition und dies schlägt sich auch in der Rezeption nieder, welche durchweg positiv auf das Werk reagieren. Im Zuge dessen avancieren Refused langsam aber sicher von Szenekönigen zu uropaweit gefragten Medienlieblingen.

[...]


[1] http://www.laut.de/Refused

[2] Die Band tauft diese Beihefte selbst in Manifeste um. (vgl. Kuhn 2010, S. 66)

[3] Diese und kommende Ausführungen zur Bandbiographie entstammen der Website http://www.laut.de/Refused.

[4] Vgl. Meybaum 2003, S. 295.

[5] Ursprünglich kirchliche Bewegung strenger Lebensführung: drogenfrei, monogam, vegetarisch. In den 80ern entstanden bildet sie die Gegenbewegung zum damaligen Assi-Punk. Die komplette Erscheinung zu erklären kannjedoch nicht Inhalt dieser Arbeit sein. (s.a.: Meybaum 2003, S. 295 ff.)

[6] Näheres dazu in Kapitel 2 „Manifeste und andere politische Statements“.

[7] Der Titel wurde von dem Songbook des amerikanischen Agitators Joe Hill übernommen. (vgl. Smith 1984, S. 9)

[8] Wie das Wort vermuten lässt handelt es sich bei einem Fanzine um ein Magazin das von Fans für Fans geschrieben und veröffentlicht wird. (vgl. Liebminger 1990, S. 224 ff.)

[9] Vgl. www.refusedfan.com/refhbfr.html.

[10] Typische Styles zugehöriger Bands sind Nietengürtel, Party-Ideologie und politisches Desinteresse. (Vgl.: Hitzler; Niederbacher 2008, S. 122)

[11] Auf der Single Rather Be Dead singen die Schweden zum ersten Mal schwedisch: „Jag Äter Inte Mina Vänner“ meint in diesem Zusammenhang so viel wie: „Ich esse meine Freunde nicht“ und richtet sich als Appell an die vegetarische Gefolgschaft. (vgl.: www.laut.de/refused)

[12] Der Titel entstammt einer Anlehnung an Ornette Colemans revolutionäres Jazz-Werk The Shape ofJazz To Come aus dem Jahr 1959 (Besprechungen der einzelnen Titel und Wirksamkeit: vgl.: Litwiler 1992, S.66 ff.) Dieser Titel wiederum ist durch den von H. G. Wells verfassten Science-Fiction-Roman The Shape OfThings To Come inspiriert. Dieser handelt von Spekulationen zur Entwicklung der Welt bis zum Jahr 2016.

Details

Seiten
22
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640958825
ISBN (Buch)
9783640958481
Dateigröße
642 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v175004
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Musikwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Refused Band Revolution Popmusik Dennis Lyxzen David Sandstrom Kristoffer Steen Jon Brannström

Autor

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Titel: Die Popularisierung des Revolutionären am Beispiel der schwedischen Hardcore-Punkband REFUSED