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Die französische Sexualmoral in "Las Nuevas Andanzas" und "Desventuras de Lazarillo de Tormes" von Camilo José Cela

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 21 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.0 Einleitung

2.0 Historische Merkmale der französischen Sexualmoral
2.1 Haltung von Staat und Kirche
2.2 Sexualmoral in der französischen Gesellschaft

3.0 Sexualrepression im Spanien der Franco-Diktatur

4.0 Die Sexualmoral im Tratado Sexto in „ Las Nuevas Andanzas y Desventuras de Lazarillo de Tormes
4.1 Die Sexualmoral am Beispiel der französischen Zirkusakrobaten
4.2 Körperliche Anziehung am Beispiel von Lázarro und Violette
4.3 Platonische Liebe am Beispiel von Lázarro und Marie

5.0 These zu Celas Gesellschaftskritik

6.0 Zusammenfassung

7.0 Bibliographie

1.0 Einleitung

In dem Roman „ Las Nuevas Andanzas y Desventuras de Lazarillo de Tormes”, aus dem Jahre 1944 bedient sich Camilo José Cela, der Begründer des schockierenden Realismus, dem tremendismo 1, der Gattung des 1554 anonym in Spanien veröffentlichten Schelmenromans2Lazarillo de Tormes “ und belebt ihn hinsichtlich der Thematik - Spanien im 20. Jahrhundert - wieder.3 In seinen Werken4 setzt Cela sich kritisch mit dem Bürgerkrieg und der Nachkriegszeit in Spanien auseinander und gerät mehrfach in Schwierigkeiten mit der Zensur.5

In „ Las Nuevas Andanzas y Desventuras de Lazarillo de Tormes “ begegnet der Protagonist, ein Pícaro namens Lázarro, unterschiedlichen Herren auf seinen Reisen, wie zum Beispiel dem Büßer, Don Felipe oder dem Apotheker, Don Roque. Er lebt für eine gewisse Zeit mit ihnen zusammen und dient ihnen bis er weiterzieht. Im sechsten Kapitel des Romans (mit welchem sich diese Arbeit vornehmlich befasst) trifft Lázarro auf eine Gruppe französischer Zirkusakrobaten. Lázarro verspürt in diesem Kapitel zum ersten Mal in seinem Leben eine körperliche Anziehung zu einer Frau, Violette, obgleich er diese für ihre unmenschliche Art töten möchte.6 Gleichzeitig aber empfindet er tiefe platonische Liebe für die Französin, Marie, die trotz der schlechten Behandlung durch ihre Landsleute sich nicht beklagt und ihr Leid im Stillen erträgt.7

Die von Cela dargestellte Leichtlebigkeit und die unmoralische Lebensweise der französischen Akrobaten drücken die damalige Auffassung des meinungsbildenden Teils Spaniens, der katholischen Kirche und der Falange, über Frankreich aus.

1950er Jahre [in Spanien].“ Cerstin Bauer- Funke: Spanische Literatur des 20. Jahrhunderts. Stuttgart 2006, S.82.

La derecha tradicional und die Falange in Spanien charakterisierten Frankreichs moralische Haltung als sittenlos und abscheulich. Das konservative und von der katholischen Kirche in seinen moralischen Werten bestimmte Spanien war bemüht jeglichen ’sündhaften’ Einfluss seines Nachbarlandes zu unterbinden, um das Wertesystem des eigenen Staates nicht zu gefährden.8

In dieser Arbeit wird die in „ Las Nuevas Andanzas y Desventuras de Lazarillo de Tormes “ von den französischen Zirkusakrobaten gelebte Moralität analysiert und mit den sexuellen Moralvorstellungen des französischen Staates, seit der Trennung von Kirche und Staat im Zuge der Französischen Revolution von 1789, als auch mit denen Spaniens zurzeit der Franco Diktatur in historischen Bezug gesetzt und interpretiert.

Abschließend wird eine These zur persönlichen Wertung des Autors hinsichtlich dieses Themas formuliert.

2.0 Historische Merkmale der französischen Sexualmoral

2.1 Haltung von Staat und Kirche

Die Französische Revolution von 1789 schuf die Basis für grundlegende Veränderungen im Wertesystem Frankreichs. Das 18. Jahrhundert, le Siècle des Lumières, 9 war geprägt von Werten und Moralvorstellungen basierend auf Rationalität und Verstand. Die Kritik an christlichen Werten und an den von der Kirche angeordneten sexuellen Praktiken fanden Zustimmung in der französischen Bevölkerung und fanden in Liberalismus10 und Libertinismus11 im katholischen Frankreich ihren Niederschlag.12 Die liberale Entwicklung Frankreichs hatte insbesondere die Trennung von Kirche und Staat zum Ausdruck zur Folge. Frankreich legte den Grundstein für eine laizistische Staatsform. Die Zurückdrängung der Kirche aus Bereichen der Rechtssprechung hatte zufolge, dass dieser jeglicher Einfluss auf die Strafgesetzgebung entzogen wurde. Somit fiel auch das Sexualstrafrecht nicht mehr in ihren Handlungsbereich.13 Sexualgesetze stützten sich nicht mehr direkt auf biblische Vorschriften, sondern orientierten sich an rationalen und empirischen Erkenntnissen. Viele, zuvor als Verbrechen angesehene, sexuelle Handlungen14 waren von diesem Zeitpunkt an geduldet.15

Vor der Strafrechtsreform war eine Handlung, die im kirchlichen Verständnis eine Sünde darstellte, gleichzeitig ein Verstoß gegen weltliche Gesetze. So galt die Ausübung sexueller Praktiken als sünd- und frevelhaft und wurde nicht nur gesühnt, wenn sie anderen Menschen Schaden zufügte, sondern auch wenn sie Gottlosigkeit erkennen ließ. Die Autorisierung für diese Gesetzgebung beruhte auf dem göttlichen Willen, der von Menschen ausgeführt werden sollte.16

Eine weitere Errungenschaft der Französischen Revolution war die strikte Trennung zwischen öffentlichem und privatem Leben. Die französische Bevölkerung gewann durch den Code Napoléon weitere bürgerliche Freiheiten, denn ab diesem Zeitpunkt waren ihre Intim- und Privatsphäre gesetzlich geschützt.17

Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts beinhaltete der Code Pénal Français keine Maßregelungen mehr bezüglich ´widernatürliche Unzucht` und einvernehmlicher sexueller Handlungen unter mündigen Bürgern.18

Verfassungsstaats […].“ Deutscher Taschenbuch Verlag (Hg.): dtv- Lexikon: Ein Konversationslexikon in 20 Bänden. Bd. 11, München 1978, Artikel: Liberalismus.

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Nunmehr galten das Ausleben von Homosexualität und die Ausübung von Sodomie19 und Inzest20 vor dem französischen Gesetz nicht mehr als Straftaten.

Die Besonderheit Frankreichs lag zum einen offensichtlich in der legalen Toleranz sexueller Handlungen, zum anderen aber auch in den vom Staat angestrebten Regulierungen für von der Mehrheit abweichenden Sexualpraktiken.21

Dementsprechend war normabweichende Sexualität zwar im privaten Raum gesetzlich erlaubt, wurde in der Öffentlichkeit jedoch vom Staat nicht toleriert. Die französische Doppelmoral bildete sich auch darin ab, dass Frankreich zwar eine sehr liberale Gesetzgebung hinsichtlich der Privatsphäre seiner Bürger im 19. Jh. aufwies, jedoch durchaus ein starker moralischer öffentlicher Druck und eine inoffizielle Befürwortung einer pronatalistischen und stark heterosexuellen Lebensweise herrschte.22

Die Tatsache, dass der Staat die Arbeit in den maisons de tolérance überwachen ließ und eine regelmäßige medizinische Kontrolle der Hurenhäuser anordnete, um die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten einzudämmen23, ist als ein Eingriff in die Privatsphäre der französischen Bürger anzusehen und widerspricht der im Code Napoléon festgelegten Trennung von öffentlichen und privatem Leben. Zum einen kann das Handeln der Regierung als offener und für damalige Verhältnisse fortschrittlicher Umgang mit außerehelicher sexueller Aktivität ausgelegt werden, zum anderen hingegen als Möglichkeit um die Bürger, einem öffentlichen moralischen Druck auszusetzen. Dennoch sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass der Staat gleichzeitig seiner notwendigen Verpflichtung nachkam, die öffentliche Gesundheit seiner Bürger zu gewährleisten.

[...]


1 „Der Begriff tremendismo bezeichnet eine schonungslose, schockierende, exzessive und detaillierte Darstellung von Gewalt, Brutalität und Mord in Romanen der 1940er und

2 „Der Schelmenroman ist eine Sonderart des Abenteuerromans, in dessen Mitte die Gestalt des Picaro steht. Dieser erlangt häufig selbst keinen Eigenwert und […] seine mannigfaltigen Schicksale und Abenteuer als Umhergetriebener dunkler oder niederer Abkunft, der sich mit […] List und Betrug, […], gerissen durchs Leben schlägt, dienen nur dazu, die vielfältigen dabei berührten Gesellschaftsschichten von der niedersten bis zur höchsten aus der Perspektive von unten her zu desillusionieren […].“ Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. Stuttgart 1969, S. 683.

3 Vgl. David Foster: Forms of the novel in the work of ´ Camilo JoséCela ´ . University of Missouri Press 1967, S.49.

4 Celas Werke sind für „[eine] detaillierte, realistische Beschreibung der soziokulturellen Umstände, verbunden mit einem gesellschaftskritischen Impetus […]“ bekannt. Zu diesen zählen unter anderem auch „ La familia de Pascual Duarte “ und „ La colmena. “ Bauer- Funke (2006), S.82.

5 Vgl. Bauer-Funke (2006), S.82.

6 “Yo sentí un sofoco grande por toda la cabeza […].”Camilo José Cela: Las Nuevas Andanzas y Desventuras de Lazarillo de Tormes. Barcelona 1955, S.128 und: „[…] que la (Violette) hubiera matado con una piedra [...].” Cela (1955), S.130.

7 „[…] de decirle que la (Marie) quería yo […].” Cela (1955), S.136 und: „[…] Marie jamás levantaba la voz […].”Cela (1955), S.131.

8 Eloy E. Merino: El nuevo Lazarillo de Camilo J. Cela - Política y cultura en su palimpsesto. Lewiston, 1985, S.207.

9 Das Siècle des Lumières, die Aufklärung, war die im 18. Jh. vorherrschende Geistesbewegung in Europa. Der von ihr ausgehende Grundgedanke beruhte auf der Idee, dass die Vernunft das eigentliche Wesen des Menschen ausmache und deshalb den allgemeingültigen Wertmaßstab für alle menschlichen Werke, Tätigkeiten und Lebensverhältnisse in sich trage. Von dieser Leitidee wurden wertvolle Grundsätze für die Gestaltung des Gemeinschaftslebens und der Kultur abgeleitet. Vgl. Deutscher Taschenbuch Verlag (Hg.): dtv- Lexikon: Ein Konversationslexikon in 20 Bänden . Bd. 1, München 1979, Artikel: Aufklärung, Aufklärungszeitalter.

10 „Der Liberalismus [ist] die Staat-, Wirtschafts- und Gesellschaftslehre, die von der freien Entfaltung der Anlagen und Kräfte des einzelnen den ständigen Fortschritt in Kultur, Recht, Wirtschaft und Sozialordnung erhofft und deshalb für die Gestaltung der Gesamtordnung in [freiheitlichem] Geist eintritt. Sie wurde im 18. Jh. geformt und im 19. Jh. im Kampf des Bürgertums gegen […] Klerikalismus, Traditionalismus und Obrigkeitsstaat der entscheidende Träger des freiheitlichen [demokratischen]

11 Als Libertinismus wird die Einstellung bzw. Anschauung eines Menschen bezeichnet, der nicht den traditionellen religiösen und sittlichen (vor allem sexuellen) Normen folgt. Vgl. Brockhaus (Hg.): Enzyklopädie in 30 Bänden: 21., völlig neu bearbeitete Auflage. Bd. 16, Mannheim 2006, Artikel: Libertinismus.

12 Vgl. Franz X. Eder/ Lesley Hall/ Gert Helma (Hg.): Sexual Cultures in Europe: National histories. Manchester 1999, S.8f.

13 Vgl. Erwin Haeberle: Die Sexualität des Menschen: Handbuch und Atlas 2., erweiterte Auflage. Berlin 1985, S.569.

14 Beispielsweise Sodomie. Vgl. Eder u.a. (1999), S.11.

15 Vgl. Haeberle (1985), S.384.

16 Vgl. Haeberle (1985), S.382.

17 Vgl. Robert A. Nye: “Sex and sexualities in France since 1800”, in: F. Eder/ L. Hall/ G. Hekma (Hg .): Sexual Cultures in Europe: National histories, Machester 1999, S.93.

18 Vgl. Haeberle (1985), S.569.

19 Vgl. Eder u.a. (1999), S.11.

20 Vgl. Jaques Poumarède: “L´inceste et le droit bourgeois”, in : J. Poumarède/ J.-P. Royer (Hg.) : Droit, Histoire & Sexualité, Paris 1987, S.214f.

21 Beispielsweise patrouillierte die police des mœurs regelmäßig in Parks und in öffentlichen Toiletten auf der Suche nach homosexueller Aktivität, um diese als `Verstoß gegen die öffentliche Moral´ anzuklagen. Vgl. Eder u.a. (1999), S.97f.

22 „[ …], while on the level of legislation the French appear to be liberal in their designation of a non-intervention zone of private morality from the early nineteenth century, there has been strong public pressure and unofficial feeling in favour of a pronatalist, strongly heterosexual norm.” Eder u.a. (1999), S.21.

23 Vgl. Eder u.a. (1999), S.97f.

Details

Seiten
21
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783668321335
ISBN (Buch)
9783668321342
Dateigröße
605 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174990
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,3
Schlagworte
Sexualmoral Frankreich Lazarillo de Tormes Las Nuevas Andanzas und Desventuras de Lazarillo de Tormes Camilo Jose Cela
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