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Theorie und Praxis der Förderung eines Kindes mit Asperger-Syndrom

Bachelorarbeit 2010 56 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Vorstellung der Einrichtung
1.1 Handlungskonzept der Therapeutischen Intensivgruppe

2. Autismus – Ein Einstieg
2.1 Das Asperger-Syndrom

3. Verschiedene theoretische Förderansätze
3.1 Diagnose
3.2 Medikation
3.3 Verhaltenstherapeutische Verfahren
3.4 Tier-Therapien
3.4.1 Delphintherapie
3.4.2 Heilpädagogisches Reiten
3.5 Förderung der Kommunikation
3.5.1 Sprachtherapie
3.5.2 Alternative Kommunikationsformen
3.5.3 Facilitated Communication
3.5.4 Musiktherapie
3.6 Beziehungsförderung
3.6.1 Aufmerksamkeits-Interaktionstherapie
3.6.2 Gentle Teaching
3.6.3 Option Methode
3.7 Therapie der auditiven Wahrnehmung
3.8 Therapie der visuellen Wahrnehmung
3.9 Körperbezogene Ansätze
3.9.1 Doman-Delacato
3.9.2 Sensorische Integration
3.9.3 Psychomotorik
3.9.4 Snoezelen
3.9.5 Festhaltetherapie
3.10 Förderung sozialer Fähigkeiten sowie der Selbstständigkeit
3.10.1 Theory-of-mind-training
3.10.2 Social stories

4. Die Methode TEACCH
4.1 Strukturierung
4.2 Visualisierung

5. Praktisches Fallbeispiel

6. Fazit

„In Wirklichkeit aber ist kein Ich, auch nicht das naivste, eine Einheit, sondern eine höchst vielfältige Welt, ein kleiner Sternenhimmel, ein Chaos von Formen, Stufen und Zuständen, von Erbschaften und Möglichkeiten.“

Hermann Hesse, Steppenwolf

Einleitung

„Autistische Kinder sind doch die, die immer so hin- und herschaukeln.“ Das ist die wohl am häufigsten genannte Äußerung in Bezug auf Autismus. Sie zeigt, dass das Thema in Deutschland noch viel zu unbekannt ist. Es gibt einige Hollywood-Filme, die Klischee-Autisten vermarkten, ein wirklich kompetentes Wissen hat jedoch kaum jemand. Diese Filme enden oft mit einem HappyEnd, der Autist findet am Ende doch noch zur Liebe seines Lebens und alles wird gut. Seine Zwänge werden überwunden und er schafft es, sich einigermaßen in die Gesellschaft einzugliedern, da er aufgrund intensiver Zuneigung anderer Menschen über sein Leben nachdachte und sich doch dazu entschied, freiwillig aus seiner Isolation zu kommen, da es ihm ein persönliches Bedürfnis war. Solche Filme suggerieren, der autistische Mensch hätte eine Entscheidungsgewalt über sein Verhalten. Wird nur lange genug auf ihn eingeredet, merkt er selbst wie unangepasst sein Verhalten ist und wird es als sinnvoll erachten, sich zu verändern. Wie hilflos der Mensch wirklich seinem eigenen Verhalten ausgeliefert ist, wird nicht deutlich.

Es gibt eine schier unübersichtliche Menge an Förder- und Therapiemöglichkeiten aus allen verschiedenen Blickwinkeln der Forschung, was ein Einarbeiten in die Materie erschwert, da der Laie gar nicht weiß womit er anfangen soll. Wer noch nie „live“ ein autistisches Kind erlebt hat, kann sich trotz aller Theorie nur schwerlich vorstellen, was diese Störung überhaupt für das Kind, aber auch für die gesamte Lebenssituation der ganzen Familie ausmacht. Es tun sich Schwierigkeiten in allen Lebensbereichen auf. Mögen manche autistische Kinder auf den ersten Blick „süß“ oder „putzig“ wirken, bzw. „einen gewissen Charme“ haben, sollte spätestens nach Lesen dieser Arbeit klar werden, welche massive Veränderung im Leben beginnt, wird die Diagnose Autismus gestellt. Jahrzehnte depressiver Eltern, insbesondere Mütter, denen lange Zeit die Schuld am Autismus ihres Kindes gegeben wurde zeigen auf, welche hohen Anforderungen das autistische Kind an seine Mitmenschen stellt. Und das, obwohl das Kind selbst ironischerweise den eigenen Wunsch nach sozialen Kontakten oder einer Bindung zu den Eltern gar nicht hat.

Die Verfasserin arbeitet als Erziehungshelferin in einer Heilpädagogischen Therapeutischen Intensivgruppe im heilpädagogischen Kinderdorf der Stiftung der Guten Hand in Kürten-Biesfeld. Zwei der dort vollstationär lebenden Kinder haben unter anderem die Diagnose des Asperger-Syndrom. Die vorliegende Arbeit soll einen Überblick bieten über die unterschiedlichen Vorgehensweisen in der Förderung dieser Kinder. Aus Gründen der Übersichtlichkeit wird im Allgemeinen der Begriff „das autistische Kind“ anstatt „das Kind mit Asperger-Syndrom“ verwendet. Auch wird die männliche Form verwendet, was durchaus der Realität entspricht, da Autismus häufiger bei Jungen als bei Mädchen auftritt.

Zuerst wird die Einrichtung beschrieben, in der die Verfasserin tätig ist, um zu verdeutlichen, in welchem Umfeld das später vorgestellte Kind mit Asperger-Syndrom therapiert wird. Dann wird ein Überblick über Autismus allgemein gegeben, wobei einige Auffälligkeiten später bei der Förderung genauer beschrieben werden, darauf folgt ein kurzer Abschnitt über das Asperger-Syndrom im Speziellen. Es werden verschiedene theoretische Förderansätze vorgestellt. Wo es notwendig ist werden dabei die Symptome, die hauptsächlich therapiert werden sollen, noch einmal dargestellt. Bei denen, die auch in der Therapeutischen Intensivgruppe Verwendung finden wird darauf hingewiesen und eventuell ein kurzes Beispiel gebracht um den Praxisbezug herzustellen. Auch wird bei den Therapiemöglichkeiten, die die Verfasserin für ungeeignet oder ethisch nicht vertretbar hält, deutlich darauf hingewiesen. Trotzdem sollen sie aus Gründen der Vollständigkeit Beachtung finden, da sie zeigen, welche Stadien die Autismusforschung in den letzten Jahren durchlaufen hat. Auch wären die heutigen Interventionen in ihrer Form nicht vorhanden, wäre in der Vergangenheit nicht ausprobiert worden. Natürlich hat jede Förderung das Ziel einer Verbesserung der Ausgangslage, sie spiegelt dabei die jeweiligen Werte und Prioritäten der Zeit wieder, in der sie entstanden ist und kann so rückblickend eventuell auch als ungünstig angesehen werden.

Nach dieser Darstellung folgt ein Fallbeispiel aus der Praxis der Therapeutischen Intensivgruppe. Hier wurde speziell ein Kind ausgewählt, dass seit ca. eineinhalb Jahren dort lebt und so gute Fortschritte gemacht hat, dass es im Sommer in eine Heilpädagogische Wohngruppe entlassen werden kann. Anhand seiner Erziehungsziele werden die einzelnen Maßnahmen genau beschrieben und sollen einen Einblick in die heilpädagogische Praxis liefern. Im Fazit äußert sich die Verfasserin noch einmal abschließend.

1. Vorstellung der Einrichtung

Die Stiftung „Die Gute Hand“ ist ein heilpädagogisch-psychotherapeutisches Zentrum der Kinder-, Jugend- und Behindertenhilfe, bestehend aus einem Heilpädagogischen Kinderdorf in Kürten-Biesfeld mit einer Förderschule, 3 Außenwohngruppen in Köln, Leverkusen und Wipperfürth, einem Reittherapeutischen Zentrum und ambulanten Diensten. Ziel der Stiftung ist es, Kinder und Jugendliche mit psychischen Störungen und Verhaltensauffälligkeiten, wie z.B. sozialen und emotionalen Störungen, Aufmerksamkeits-, Bindungs- und Essstörungen, Sprachbeeinträchtigungen und Autismus zu behandeln und erwachsenen Menschen mit Behinderung einen Lebensraum zu bieten. (www.die-gute-hand.de)

Das Kinderdorf wurde 1968 gegründet und versteht sich als Möglichkeit spezialisierter und differenzierter Betreuung und Behandlung zur regionalen und auch überregionalen Versorgung von Kindern, Jugendlichen und deren Eltern. Dies geschieht unter besonderer Einbeziehung der Eltern und Familien mit dem Ziel, die Verbindung zur Ursprungsfamilie möglichst zu erhalten und eventuell eine Rückführung in die Familie zu ermöglichen.

Erst seit Inkrafttreten des neuen Kinder- und Jugendhilfegesetzes zählen die Betreuung und Behandlung autistischer Kinder als seelisch Behinderte zu den Pflichtaufgaben der Jugendhilfe. Davor wurden autistische Kinder in der Einrichtung nach dem Bundessozialhilfegesetz untergebracht.

In den beiden heilpädagogischen Tagesgruppen des Kinderdorfes können Kinder mit geringerem Schweregrad autistischer Störung betreut werden, während sie gleichzeitig im familiären Umfeld verbleiben können. Dies verlangt eine hohe Kooperationsbereitschaft der Eltern und Familien, ebenso eine geringe Distanz zwischen dem Kinderdorf und der Wohnung der Familie, um den täglichen Weg ermöglichen zu können. In der Regel ist die Mitarbeit in einer handlungsorientierten Elterngruppe Voraussetzung für eine Aufnahme des Kindes.

Im Einzelfall können Kinder mit autistischen Störungen auch in eigens dafür ausgesuchten Familien betreut werden, hierbei muss mindestens ein Elternteil pädagogisch ausgebildet sein und beide Eltern müssen sich in regelmäßige Beratungen begeben.

Die heilpädagogische diagnostische Ambulanz im Kinderdorf bietet im wesentlichen vier Leistungsangebote:

- Diagnostik und Befunderstellung
- Beratung von Jugendhilfeinstitutionen
- Heilpädagogische Förderung
- Eltern- und Familienarbeit durch direkte Modifikation des natürlichen Milieus

Wichtigster Bestandteil des Kinderdorfes sind die vollstationären Betreuungs- und Behandlungsangebote. Voraussetzung für eine Aufnahme ist, dass es sich um Kinder handelt, deren Symptomatik ambulant nicht behandelt werden kann. Gründe dafür können die Schwere der Störung, mangelnde Kooperationsbereitschaft der Eltern oder auch das Fehlen von teilstationären oder ambulanten Hilfeeinrichtungen in der Nähe des Wohnortes der Familie sein. Die stationäre Arbeit im Kinderdorf gliedert sich in die vier Schwerpunktbereiche Lebensbereich der Kinder, Sonderschule für Erziehungshilfe, Behandlung und Eltern- und Familienarbeit.

(zusammenfassend: Hebborn-Brass (1993) S. 14 - 16)

1.1 Handlungskonzept der Therapeutischen Intensivgruppe

Im Folgenden wird die Verfasserin aus Gründen der besseren Lesbarkeit „Therapeutische Intensivgruppe“ mit „Intensivgruppe“ abkürzen.

Zentrale Strukturelemente der Intensivgruppe sind das integrative Konzept der Schule für Erziehungshilfe und Eltern- und Familienarbeit unter einem Dach, die hohe fachliche Qualität und individuelle, auf jedes Kind zugeschnittene Förderprogramme.

Es handelt sich um eine vollstationäre Betreuung und Förderung von sechs Kindern mit schweren Kontakt- und Kommunikationsstörungen, mit einem Mitarbeiter-Kinder-Verhältnis von 1:1. Die Intensivgruppe arbeitet mit Methoden der Gruppenpädagogik und heilpädagogischen und verhaltenstherapeutischen Ansätzen. Die vielfältigen Ziele finden sich bei der individuellen und schulischen Entwicklung, sowie hinsichtlich des familiären Umfelds. (Konzept Therapeutische Intensivgruppe)

In der Intensivgruppe können Beziehungen zwischen Kind und Fachkraft entstehen, die nur durch die hohe Kontinuität der pädagogischen MitarbeiterInnen zu schaffen sind. Durch die persönliche Beziehung wird die Hinführung zu individuellen und sozialen Pflichten erleichtert und schafft einen intensiven Kontakt auch zu anderen unterstützenden Stellen wie Lehrern, Therapeuten und dem Jugendamt. Die Fachkräfte sind so in den Alltag und das Milieu der Kinder integriert, dass die heilpädagogische Behandlung in einem für die Kinder sicheren und alltäglichen Umfeld stattfinden kann. Die pädagogische Betreuung folgt einem regelmäßig in Revisionen überprüften Erziehungs- und Behandlungsplan, der unter Mithilfe einer pädagogisch erfahrenen, klinischen Psychologin, die die Erziehungsleitung der Intensivgruppe inne hat, erstellt wird. (Hebborn-Brass (1993): S.16)

Die Intensivgruppe bietet gerade autistischen Kindern eine Kontinuität in ihrem Alltagsleben, die andere Wohngruppen so nicht leisten können. Jeder Tag ist strukturiert und übersichtlich für die Kinder gestaltet. Jedes Kind erhält täglich eine mindestens 20minütige heilpädagogische Fördereinheit, die individuell und gegebenenfalls auch aus besonderen, für das Kind wichtigen Situationen heraus auf die jeweiligen und momentanen Bedürfnisse des Kindes zugeschnitten ist. Diese Fördereinheiten orientieren sich an dem jeweiligen zuvor erstellten Erziehungsplan, der regelmäßig im Team und mit Beratung der Erziehungsleitung revidiert wird.

Zu den täglichen heilpädagogischen Fördereinheiten und den permanenten heilpädagogischen Hilfen im Alltag kommen die Möglichkeiten der Reittherapie auf dem nahegelegenen Meierhof, eine tiefenpsychologische Therapie mit dem kinderdorfeigenen Therapeuten, Sprachtherapie und die Nutzung der ortsansässigen Fußball- und Pfadfindervereine zur schrittweisen sozialen Integration mit Gleichaltrigen.

Durch das in den Intensivgruppen praktizierte Bezugserzieher-System wird die Elternarbeit für die Eltern und das Jugendamt übersichtlicher und das Kind hat einen ständigen Ansprechpartner, der sich um seine persönlichen Belange kümmert und bei dem letztendlich alle Informationen, Hilfen und Bedürfnisse des Kindes zusammenlaufen. Für das Kind bietet der Bezugserzieher Sicherheit, da es sich so nicht auf sechs verschiedene Erwachsene konzentrieren muss, sondern eine enge Bindung an nur eine Person aufbauen kann, was für die pädagogische Arbeit erwünscht und notwendig ist, da nur auf der Basis von Vertrauen Entwicklung stattfinden kann.

2. Autismus – ein Einstieg

In dieser Arbeit soll es um autistische Kinder gehen. Alle Aussagen können sich aber ebenso gut auf Erwachsene mit Autismus beziehen. Die Verfasserin wird aber im Folgenden, aus Gründen der Übersichtlichkeit, nur den Begriff „Kind“ benutzen.

Dieses fiktive Beispiel zeigt eine typische Begegnung mit einem Kind mit Asperger-Syndrom:

Als der Postbote die Briefe für Haus Nr. 20 einstecken wollte, lief ihm ein junges Mädchen entgegen. Die Familie war erst vor kurzem eingezogen, und er war neugierig auf die Namen und den Hintergrund der neuen Bewohner. Doch bevor er guten Morgen sagen konnte, stellte das Mädchen ihm eine Frage: „Mögen Sie Deltics?“ Im Stillen rätselte der Mann, was dieses Wort wohl bedeuten könnte, ob ein Deltic etwa eine neue Schokoladenmarke oder eine Figur aus einer Fernsehserie sei. Ehe er antworten konnte, fuhr das Mädchen fort: „Das sind die stärksten Dieselzüge. Der 2 Uhr 30 von Kings Cross ist ein Deltic, ich habe 27 Fotos von Deltics.“ Der Mann war erleichtert zu wissen, worum es ging, aber er verstand nicht recht, warum sie sich damit an ihn wandte. Das Mädchen erging sich nun in einer Beschreibung der Eigenschaften dieser ihm gänzlich unbekannten Lokomotive. Ganz offenbar interessierte es sie überhaupt nicht, was er von solchen Zügen hielt, und sie schenkte seinen höflichen Hinweisen, er müsse in seiner Runde fortfahren, keinerlei Beachtung. Schließlich blieb ihm nichts anderes übrig, als sie ziemlich brüsk zu unterbrechen und mit einem raschen „auf Wiedersehen“ davon zu gehen. Er wunderte sich, dass dieses exzentrische Kind so viel über Züge wusste und fragte sich, während er seinen Weg fortsetzte: „Warum meinte sie, ich würde mich für Züge interessieren? Sie hat mich kaum angesehen und mich ständig unterbrochen. Kann sie über nichts anderes sprechen? Sie war wie ein wandelndes Lexikon.“ (Attwood (2005) S. 12)

Die Frage „Was ist Autismus?“ ist nicht mit einem Satz klar zu beantworten. In der Umgangssprache erklärt wirken autistische Kinder in erster Linie seltsam. Der Autismus ist ihnen nicht anzusehen, aber sie zeigen wunderliche Verhaltensweisen oder sprechen komisch. Die Kinder wirken irgendwie befremdlich, auch wenn man auf den ersten Blick nicht sagen kann, woran es liegt. Sich wiederholende Bewegungen und/oder Sätze verstärken diesen Eindruck.

Der Begriff „Autismus“ erschien erstmalig bei dem Schweizer Psychiater Eugen Bleuler 1911 und leitet sich ab vom griechischen Wort „autos“ (dt. selbst) und „imos“ (dt. Zustand, Orientierung). Er bezeichnete damit eine Zurückgezogenheit des Individuums auf sich selbst (extreme Selbstbezogenheit). Es lässt sich ebenfalls mit Abkapselung oder Rückzug in die eigene psychische Welt beschreiben. (Dinges /Worm (2007) S. 18, 19) Bleuler entdeckte bei psychotischen Kindern Verhaltensweisen, die denen von schizophrenen Erwachsenen ähnelten. Er sah dies nicht als eigenes Krankheitsbild an, sondern als eine Art von Schizophrenie, die auch bei nicht kranken Menschen in leichter Ausprägung vorkommen kann. (Dinges/Worm (2007) S. 19)

Im Wörterbuch findet man bei Autismus: „Entwicklungsstörung, charakterisiert durch fehlende Kontaktaufnahme mit der Umgebung“. Was genau kann man sich darunter vorstellen?

Die Ursachen sind bis heute nicht vollständig geklärt und es gibt zahlreiche verschiedene Beschreibungen, Klassifikationen, Namen und differentialdiagnostische Abgrenzungen, die eine klar definierte Antwort erschweren. Auf internationaler Basis ist das einzige begriffliche Einvernehmen in den ICD- und DSM-Kriterien zu finden.

Dem amerikanischen Kinderpsychiater Kanner gelang es 1943, Autismus als eigenes Krankheitsbild zu etablieren, auf der Grundlage seiner Untersuchungen und persönlichen Erfahrungen mit autistischen Kindern.

Ein Jahr später verfasste der Wiener Pädiater Asperger einen Bericht über seine Beobachtungen. Da diese sich zum Teil deutlich von denen Kanners unterschieden kam es zu einer Aufspaltung des Autismusbegriffs in Kanner- und Asperger-Autismus. (Dinges/Worm (2007) S. 21)

Beide Verfasser beschreiben eine deutliche Beeinträchtigung der sozialen Integration und Stereotypien in den Gewohnheiten der betroffenen Kinder. Im Gegensatz zu Kanner-Autisten ist bei Aspergern keine auffällige Sprachstörung zu finden und bei Kanner treten Entwicklungsstörungen im kognitiven Bereich und fehlendes Problemlöseverhalten auf. (zusammenfassend: Dinges/Worm (2007) S. 23-27) Der Hauptunterschied besteht darin, dass sich die Auffälligkeiten beim Asperger erst im zweiten oder dritten Lebensjahr manifestieren. (Dinges/Worm (2007) S. 29)

Autismus zählt zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen und ist durch qualitative Veränderungen in der Interaktion und Kommunikation und durch ein beschränktes Repertoire an Interessen und Aktivitäten gekennzeichnet. (in Lernen konkret S. 3) Dem liegt eine komplexe Störung des Zentralnervensystems zugrunde. Die Störung manifestiert sich bereits in der frühen Kindheit.

Die Abgrenzung zu einer geistigen Behinderung liegt darin, dass sich bei einer geistigen Behinderung die Störung meist nicht auf die emotionalen Beziehungen zum Umfeld und zur Umwelt auswirkt. Autistische Kinder, die ein niedriges geistiges oder motorisches Niveau aufweisen, das dem einer geistigen Behinderung entspricht, müssen davon unterschieden werden und erhalten so zwei Diagnosen. (Dinges/Worm (2007) S. 30)

Eines der auffälligsten Kennzeichen autistischer Kinder ist die Verweigerung von Kontakt. Daneben treten meist eine Vielzahl weiterer Verhaltensstörungen auf. (Rollet/Kastner-Koller (2007) S. 3) Die wichtigsten Erscheinungsformen sind beispielsweise

1. die Isolation von der Umwelt: Das autistische Kind empfindet andere Menschen als „störend“ oder nur als Mittel zum Zweck und lehnt körperlichen Kontakt ab.
2. Veränderungsangst, da die autistischen Kinder über kein Generalisierungsvermögen verfügen und so keine Handlungspläne in unvorhergesehenen Situationen haben.
3. Sprachstörungen, die bei den verschiedenen Verfassern unterschiedlich stark auftauchen.
4. Stereotypes Verhalten, z.B. Dreh- und Schaukelbewegungen oder sprachliche Stereotypien (permanentes Wiederholen eines bestimmten Wortes).
5. Wahrnehmungsstörungen, häufig z.B. größere Schmerzunempfindlichkeit im Vergleich zu anderen Kindern.
6. Intellektuelle Leistungsinseln, da viele autistische Kinder auf einem bestimmten Interessensgebiet Erstaunliches leisten können.
7. Störung des Sozialverhaltens. (Dinges/Worm (2007) S. 32, 33)
Der österreichisch-amerikanische Psychoanalytiker Bruno Bettelheim konstantierte:

„Es ist der äußerste Defätismus, den das autistische Kind in bezug auf seine Fähigkeit, die Umwelt zu handhaben, an den Tag legt. Statt dass sein Handeln Ergebnisse nach sich zöge, vermag es nur eines: Ergebnisse daran hindern, dass sie stattfinden.“ (Klonovsky (1993): S. 25)

Allerdings vertrat Bettelheim auch die These, dass Autismus in Folge einer nicht qualitativen Beziehung zu den Eltern, insbesondere der Mutter auftrete, was heutzutage widerlegt ist, viele Mütter aber in tiefe Schuldgefühle stürzte.

Zusammengefasst werden bei Diagnosen zu Autismus folgende Dinge geprüft:

- In der sozialen Interaktion und Spiel:

Blickkontakt, Anlächeln, Imaginatives Spiel, Imitation, Freundschaft

- In der Kommunikation:

Zeigegeste, Nicken, Kopfschütteln, Echolalie (= Sprachstereotypien, Anm. der Verf.), Funktionale Sprache, Konversation

- Wiederholendes Verhalten oder eingeschränkte Interessen:

Vorlieben, Rituale, stereotype Bewegungen, Wahrnehmungsauffälligkeiten

(Bernard-Opitz (2005) S. 17)

Durch unterschiedliche genetische, neurologische und neurochemische Faktoren, welche im Entwicklungsverlauf durch vielfältige Wechselwirkungen die unterschiedlichen Ausprägungsgrade und Erscheinungsbilder des Störungsbildes verursachen, gibt es nicht „den Lehrbuchautisten“. (in Lernen konkret S. 3) Jedes Kind muss individuell betrachtet werden, was allgemeine Förderansätze erschwert. Auch darf der Autismus niemals als Momentaufnahme betrachtet werden. Da die Störung die gesamte psychische Entwicklung beeinflusst, sehen die Symptome auf den verschiedenen Altersstufen auch unterschiedlich aus, woraus folgt das bestimmte Merkmale erst später in Erscheinung treten, andere mit der Zeit verschwinden. Autistische Kinder haben Besonderheiten in der Wahrnehmung und in ihrer Art, Informationen zu sammeln, zu verarbeiten und diese für das Denken und Handeln zu nutzen. Überempfindlichkeit beim Hören, Sehen, Riechen, Schmecken und Tasten sowie Auffälligkeiten des Gleichgewichtssinns führen zu einer permanenten Reizüberflutung. Reizverarbeitung ist also auch in der Förderung das Schlagwort. Kognitive Schwierigkeiten finden sich vor Allem in einer Generalisierungsunfähigkeit, was bedeutet, dass bestimmte erlebte Abläufe auf andere Geschehnisse nicht übertragen werden. Es findet kein Aufbau eines Musters statt, weswegen autistische Kinder häufig kein bis sehr geringes Problemlöseverhalten zeigen. (Häußler (2005) S. 27-33)

Schwierigkeiten bei der Aufmerksamkeit wurden in einer Studie von Loovas et. al 1971 bestätigt. Den Teilnehmern der Studie wurden gleichzeitig visuelle, auditive und taktile Stimuli dargeboten und sie sollten bei der Präsentation dieser drei Reize ein bestimmtes Verhalten zeigen. Bei der späteren Überprüfung zeigten die autistischen Kinder das erwünschte Verhalten jeweils nur bei einem der drei Reize, meist beim visuellen oder auditiven, bei Darbietung aller drei Reize zeigten sie es nicht. Daraus schloss Loovas, dass diese Kinder sich nicht auf viele Reize gleichzeitig konzentrieren können. (Müller (2007) S. 52)

Es wird angenommen, dass autistische Kinder über eine mangelhafte Theory of mind verfügen. Dies ist ein Begriff für ein breites Spektrum sozio-kognitiver Fähigkeiten, die notwendig sind für eine erfolgreiche soziale Interaktion. Sie umfasst alle kognitiven Fähigkeiten, die unabdingbar sind, um fremdes und eigenes Verhalten und Erleben erkennen, verstehen, erklären, vorherzusagen und kommunizieren zu können. Ein Mangel an Theory of mind führt also dazu, besonders bei Kindern mit Asperger-Syndrom, subtilere soziale Vorgänge, wie beispielsweise Stimmungen des Gegenübers, Witze (besonders Ironie und Sarkasmus) und auch nonverbale Hinweisreize wie Mimik und Gestik nicht einordnen zu können und sie nicht als Rückschlüsse über das jeweilige Befinden und die Gedanken des Gegenübers verwenden zu können. (Poustka/Bölte/Feineis-Matthews/Schmötzer (2004) S. 30)

Ein typischer Fragebogen für Eltern, um Autismus erfassen zu können, wäre folgender:

- Beschäftigt sich Ihr Kind mit imaginativem Spiel? (z.B. Tut es so, als ob es mit Puppengeschirr Tee eingießen würde)
- Zeigt Ihr Kind jemals auf einen Gegenstand, um Sie auf etwas Interessantes hinzuweisen?
- Folgt das Kind Ihrem Zeigefinger, wenn Sie auf etwas Interessantes im Raum zeigen? Sieht es dabei den Gegenstand an oder nur die zeigende Hand?
- Sieht das Kind sowohl Sie als auch den Gegenstand an, zu dem Sie zeigen?

(Bernard-Opitz (2005) S. 16)

2.1 Das Asperger-Syndrom

Folgendes aus dem “ Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders”

DSM IV – 299,80 (84,5) Asperger-Störung:

A: Qualitative Beeinträchtigungen der sozialen Interaktion, die sich in mindestens zwei der folgenden Bereiche manifestieren:

1. ausgeprägte Beeinträchtigung im Gebrauch multipler, nonverbaler Verhaltensweisen wie beispielsweise Blickkontakt, Gesichtsausdruck, Körperhaltung und Gestik zur Regulation sozialer Interaktionen,
2. Unfähigkeit, entwicklungsgemäße Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzubauen,
3. Mangel, spontan Freude, Interessen oder Erfolge mit anderen zu teilen (z.B. Mangel, anderen Menschen Dinge, die für die Betroffenen von Bedeutung sind, zu zeigen, zu bringen oder darauf hinzuweisen),
4. Mangel an sozio-emotionaler Gegenseitigkeit.

B. Beschränkte repetitive und stereotype Verhaltensmuster, Interessen und Aktivitäten in mindestens einem der folgenden Bereiche:

1. umfassende Beschäftigung mit einem oder mehreren stereotypen oder begrenzten Interessen, wobei Inhalt und Intensität abnorm sind,
2. auffällig starres Festhalten an bestimmten nicht-funktionalen Gewohnheiten oder Ritualen,
3. stereotype oder repetitive motorische Manierismen (z.B. Biegen oder schnelle Bewegungen von Händen oder Fingern oder komplexe Bewegungen des ganzen Körpers),
4. ständige Beschäftigung mit Teilen von Objekten.

C. Die Störung verursacht in klinisch bedeutsamer Weise Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen.

D. Es tritt kein klinisch bedeutsamer allgemeiner Sprachrückstand auf (es werden z.B. bis zum Alter von drei Jahren kommunikative Sätze benutzt).

E. Es treten keine klinisch bedeutsamen Verzögerungen der kognitiven Entwicklung oder der Entwicklung von altersgemäßen Selbsthilfefertigkeiten im Anpassungsverhalten (außerhalb der sozialen Interaktion) und bezüglich des Interesse des Kindes an der Umgebung auf.

F. Die Kriterien für eine andere spezifische Tiefgreifende Entwicklungsstörung oder für Schizophrenie sind nicht erfüllt.

Der Wiener Kinderarzt Hans Asperger beschrieb ca. 1943 die Gruppe der

„Autistischen Psychopathen“, die teilweise ungewöhnliche Fähigkeiten besaßen.

Er entdeckte vor Allem bei Jungen auftretend ein einheitliches Muster von

Fähigkeiten und Verhaltensweisen. Es beinhaltete einen Mangel an Empathie,

eine gering entwickelte Fähigkeit, Freundschaften zu schließen, die Bereitschaft

Monologe zu führen, die intensive Beschäftigung mit einem sehr speziellen

Interessensgebiet und unbeholfene Bewegungen. (Attwood (2005) S. 9)

Heutzutage wird als „Asperger-Syndrom“ eine eigene Gruppe von autistischen

Störungen bezeichnet, die vor Allem im Bereich der verbalen Intelligenz und

spezifischen Sonderinteressen eine hohe Begabung aufweisen. (Rollett/Kastner-

Koller (2007) S. 3)

Wesentliche Züge des Leidens sind der Mangel an sozialen Fähigkeiten, die

begrenzte Möglichkeit, einen wirklichen Dialog zu führen und ein intensives

Interesse an einem bestimmten Thema. (Attwood (2005) S. 12) Die

durchschnittliche (bzw. überdurchschnittliche) sprachliche und kognitive

Entwicklung geht dabei mit einer motorischen Entwicklungsverzögerung einher.

(Weiß (2002) S. 26) Auffallendste Symptome von Kindern mit Asperger-

Syndrom wären:

- das wortwörtliche Verstehen von Dingen, die im übertragenen Sinn gemeint waren
- das Fehlen von Humor
- Unbeteiligtsein am Kummer anderer Menschen, Mangel an Empathie
- das Fehlen von phantasievollem Spiel
- das Nichtberücksichtigen von Interessen anderer (z.B. in Bezug auf Gesprächsthemen)
- naive, unzureichende und einseitige Interaktion
- die Unfähigkeit zu lügen
- gering ausgeprägte Fähigkeit oder Unfähigkeit, Freundschaften zu schließen
- das Fehlen von Gesten, die psychische Befindlichkeiten signalisieren (wo hingegen z.B. auffordernde Gesten wie „komm“ entwicklungsgerecht eingesetzt werden), sowie gering ausgeprägte nonverbale Kommunikation
- intensive Beschäftigung mit Spezialthemen
- unbeholfene und schlecht koordinierte Bewegungen und sonderbare Körperhaltungen

(Weiß (2002) S. 198; Attwood (2005) S. 15)

Nur wenige Fachleute kennen die Symptome des Asperger-Syndroms, weswegen

Untersuchungen auf tiefgreifende Entwicklungsstörungen gar nicht stattfinden.

Eine diagnostische Beurteilung nimmt dabei sehr viel Zeit in Anspruch.

Die Standard-Einschätzskalen, die für Autismus konzipiert wurden, sind bei

Kindern mit Asperger-Syndrom nicht ausreichend. In Schweden und Australien

wurden daher zwei neue Skalen entwickelt, die auf offiziellen Diagnosekriterien

der Fachliteratur über die damit verbundenen Merkmale und einer großen

klinischen Erfahrung basieren. Der australische Fragebogen wurde für Kinder im

Grundschulalter entwickelt, da in diesem Alter ungewöhnliche Verhaltensmuster

und außergewöhnliche Fähigkeiten am ehesten auffallen. Auf einer Skala von eins

bis sechs wird angekreuzt, in welcher Intensität die benannten Verhaltensweisen

auftreten. Zuerst werden die sozialen und emotionalen Fertigkeiten abgefragt.

Hier tauchen Fragen auf nach dem Verständnis des Kindes dafür, wie es mit

anderen Kindern spielen kann, der Vermeidung von sozialem Kontakt, dem

Auftreten unangemessener Handlungen und Bemerkungen, dem Fehlen von

Empathie, der Ansicht des Kindes, dass andere Personen über sein Innenleben

Bescheid wüssten, ob das Kind besonders beruhigt werden muss, wenn Dinge

verändert werden oder schief gehen, ob das Kind ein Feingefühl oder eine

Angemessenheit im Gefühlsausdruck besitzt und ob das Kind gleichgültig

gegenüber Wettbewerb, Spielen und Anpassungsdruck ist.

Im zweiten Teil werden die kommunikativen Fertigkeiten abgefragt. Zum

Beispiel ob das Kind Redewendungen wörtlich interpretiert, eine ungewöhnliche

Sprachmelodie besitzt, ob es desinteressiert an Bemerkungen und Kommentaren

seines Gegenübers scheint, ob es wenig Blickkontakt aufnimmt, ob seine Sprache

übergenau oder pedantisch wirkt und ob es Probleme hat, einen Gesprächsverlauf

zu korrigieren.

Im dritten Teil beschäftigt sich der Fragebogen mit den kognitiven Fähigkeiten

und fragt ab, ob das Kind Bücher vorrangig zur Information und nicht zum

Erleben fiktiver Welten liest, ob das Kind ein ungewöhnliches Langzeitgedächtnis

für Ereignisse und Fakten besitzt und ob das Kind in der Lage ist, mit anderen

Kindern sogenannte „so-tun-als-ob“-Spiele zu spielen.

[...]

Details

Seiten
56
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640957224
ISBN (Buch)
9783640957156
Dateigröße
623 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174959
Institution / Hochschule
Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen
Note
2,3
Schlagworte
Autismus Asperger-Syndrom

Autor

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Titel: Theorie und Praxis der Förderung eines Kindes mit Asperger-Syndrom