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Die Rückkehr der Piraterie in den internationalen Beziehungen

Neue Kriege und Piraterie am Fallbeispiel Somalia

Bachelorarbeit 2009 59 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1 Definition der Begriffe der Forschungsthese
1.2 Relevanz der These der „neuen Kriege“

2. Alte und neue Kriege
2.1 Alte Kriege
2.2 Neue Kriege
2.2.1 Neue Kriege im Kontext von Staatszerfall
2.2.2 Privatisierung und Kommerzialisierung von Krieg
2.2.3 Neue Kriege im Kontext von Globalisierung
2.2.4 Asymmetrisierung von kriegerischer Gewalt

3. Erstellung des Analyserahmens
3.1 Analysekriterium Staatszerfall
3.2 Analysekriterium Privatisierung und Kommerzialisierung von Krieg
3.3 Analysekriterium Globalisierung
3.4 Analysekriterium Asymmetrisierung von kriegerischer Gewalt
3.5 Tabelle Profil des neuen Krieges

4. Anwendung der Analysekriterien
4.1 Der Staatszerfall Somalias
4.2 Privatisierung und Kommerzialisierung des Bürgerkrieges in Somalia
4.3 Somalische Piraterie im Kontext von Globalisierung
4.4 Asymmetrische Strategien somalischer Piraten
4.5 Tabelle Profil des somalischen Bürgerkrieges 2008/09

5. Neue Kriege in der Kritik
5.1 Tabelle neue Kriege in der Kritik

6. Fazit
6.1 Erklärungskraft der Konzeption der neuen Kriege am Fallbeispiel Somalia
6.1.1 Externe Faktoren
6.1.2 Analysekriterien in der Diskussion
6.2 Tabelle neue Kriege am Fallbeispiel Somalia und Kritik
6.3 Diskussion Forschungsfrage und These, Forschungsperspektiven

7. Literatur

„Man fängt den Fisch, man fängt ein Schiff,

Und ist man erst der Herr zu drei,

Dann hakelt man das vierte bei;

Da geht es denn dem fünften schlecht,

Man hat Gewalt, so hat man Recht.

Man fragt ums Was, und nicht ums Wie.

Ich müßte keine Schiffahrt kennen:

Krieg, Handel und Piraterie,

Dreieinig sind sie, nicht zu trennen.“

(Johann Wolfgang von Goethe)

1. Einleitung

Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit ist die Beziehung zwischen dem Bürgerkrieg in Somalia und der somalischen Piraterie der Jahre 2008 und 2009.

Die Thematik ist von besonderer sowie aktueller tagespolitischer Relevanz und steht im Fokus der medialen Öffentlichkeit, da ab 2005[1] ein massiver Anstieg von Piraterie im Golf von Aden, speziell vor der Küste Somalias, festzustellen ist (International Maritime Bureau 2009, Lennox 2008, 9). Laut verschiedenen Medienberichten werden die Übergriffe auf Handelsschiffe zunehmend zu einer Belastung für die globalen Warenströme und die Weltwirtschaft. Diese Belastung äußert sich in Störungen des Welthandels, der Erpressung von Lösegeldern in zweistelliger Millionenhöhe im Jahr 2008, einem enormen Anstieg der Versicherungsprämien für Reedereien und der Verteuerung von Waren (Spiegelonline 2008, Voss 2008, 1, D´Anna-Huber 2008, 1). Der Golf von Aden zwischen Somalia und Jemen gilt als eine der wichtigsten Handelsrouten der Welt. So nehmen ca. „16.000 Schiffe und 30 Prozent des Öls [...] jährlich die Route durch den Golf und den Suezkanal“ (Spiegelonline 2008, Economic Times 2008). Zusätzlich wird die internationale Nahrungsmittelhilfe für die somalische Bevölkerung durch die Piraterie bedroht, da 90 Prozent der Hilfsgüter über den Seeweg ins Land gelangen (Ross/Ben-David 2009, 55, Welt 2009). Die Industriestaaten des Nordens reagieren auf diese Bedrohungslage mit einer „Militarisierung der wichtigen Handelsroute“ (Haydt 2008, 1) und militärischen Missionen wie „Atalanta“, „SNMG1“ und „Combined Task Force 151“ (Heilig 2009, 1). Infolgedessen macht eine internationale „Armada von Hightech-Kriegsschiffen und Flugzeugen“ Jagd auf die einfachen Schnellboote der somalischen Piraten (ebd., 1). Die US-Außenministerin Hillary Clinton begründet diese Vorgehensweise in einer Pressekonferenz am 15. April 2009 damit, dass „man [...] es zwar mit einem Verbrechen aus dem 17. Jahrhundert zu tun [habe], [...] dagegen jedoch die Mittel des 21. Jahrhundert [sic] einsetzen [müsse]“ (ebd., 1).

Über die Ursachen der Piraterie vor der Küste Somalias ist man sich im öffentlichen Diskurs schnell einig. So sehen beispielsweise „Das Parlament“, die „Tagesschau“ oder der „Stern“ deren Auslöser im „Staatszerfall Somalias“ und im Fehlen eines zentralen Gewaltmonopols (Bauer 2009, 1, Dohrenbusch 2009, 1, Stern 2009). Für die „FAZ“ ist „die Piraterie [...] die Fortsetzung des Kriegsfürstentums, das Somalia seit dem Zusammenbruch der Regierung 1991 fest im Griff hat“ (Scheen 2009, 1). Andere Quellen, wie die „Süddeutsche Zeitung“ oder die „Junge Welt“, weisen auf die Verbindung von westlicher Raubfischerei sowie der Entsorgung von Gift- und Atommüll vor der Küste Somalias und der Entstehung der somalischen Piraterie hin (Kreye 2009, 2, Schölzel 2009, 1).

Losgelöst vom medialen Diskurs wird in diesem Zusammenhang in der vorliegenden Arbeit die Forschungsfrage nach den Ursachen der Piraterie vor der Küste Somalias aufgeworfen. Aus dieser Fragestellung wird die Forschungsthese, dass die Piraterie vor der Küste Somalias ihre Wurzeln im aktuellen somalischen Bürgerkrieg hat, entwickelt.

Die politikwissenschaftliche Einordnung der These in einen theoretischen Rahmen erfolgt in Form der Konzeption der „neuen Kriege“ von Herfried Münkler und Mary Kaldor (Münkler 2007, Kaldor 2007).

Erklärungsziel der vorliegenden Arbeit ist zum einem die Analyse und Darstellung der somalischen Piraterie im Kontext der kriegerischen Konflikte in Somalia der Jahre 2008 und 2009[2]. Es wird gezeigt, dass der aktuelle Bürgerkrieg dem Typus der sogenannten „neuen Kriege“ zugeordnet werden kann und dass deren spezifische Charakteristika im somalischen Beispiel sowohl die Rahmenbedingungen für das Aufkommen der Piraterie schaffen als auch zu deren Etablierung beitragen.

Zum anderen setzt sich die Arbeit zum Ziel Grenzen und Probleme der theoretischen Konzeption der neuen Kriege aufzuzeigen. Es wird dargestellt, dass dieser Ansatz durch seine Analyseschwerpunkte militärische Interventionen der Staaten des Nordens legitimiert.

In Abschnitt 1.1 werden zunächst die Begriffe der Forschungsthese definiert. Unter 1.2 wird die Relevanz des theoretischen Konzepts der neuen Kriege im Zusammenhang mit der somalischen Piraterie veranschaulicht.

Um sich der Forschungsfrage bzw. der aufgestellten These anzunähern, wird in Kapitel 2. die theoretische Konzeption der neuen Kriege dargestellt. Hierbei wird sich hauptsächlich auf die Werke von Herfried Münkler (2007) und Mary Kaldor (2007) bezogen. In diesem Zusammenhang werden zunächst die besonderen Eigenschaften von „alten Kriegen“ in 2.1 und in Abgrenzung zu diesen die spezifischen Charakteristika von „neuen Kriegen“ in 2.2 aufgezeigt.

In einem nächsten Schritt wird in Kapitel 3. auf der Grundlage der unter 2.2 dargestellten Dimensionen der neuen Kriege ein eigener Analyserahmen erstellt.

Mit den aufgestellten Analysekriterien werden in Kapitel 4. die aktuellen kriegerischen Konflikte in Somalia im Kontext der somalischen Piraterie untersucht. In Kapitel 5. wird eine Bestandsaufnahme der Kritik an der These der neuen Kriege erarbeitet. In Kapitel 6. erfolgt abschließend ein Fazit. In diesem wird aufgezeigt, inwieweit die Forschungsfrage und -these als beantwortet angesehen werden kann. In diesem Zusammenhang werden auf Probleme und Grenzen der verwendeten theoretischen Konzeption der neuen Kriege hingewiesen.

1.1 Definition der Begriffe der Forschungsthese

Unter „somalischer Piraterie“ werden in dieser Arbeit die in den Jahren 2008 und 2009 im Wesentlichen von vier somalischen Gruppierungen verübten Überfälle auf Schiffe des Nordens in den Gewässern am Horn von Afrika verstanden (vgl. 5.2, 5.4). Der „aktuelle somalische Bürgerkrieg“ meint die diversen kriegerischen Auseinandersetzungen in den Jahren 2008 und 2009 zwischen Kampfverbänden der „al-Shabab“, der somalischen Übergangsregierung „Transnational Federal Government“ (TFG) und äthiopischen Truppen sowie der „Alliance for the Re-Liberation of Somalia“ (ARS) und der „Alliance for the Re-Liberation of Somalia Djibuti“ (ARS-D), die sich aus den beiden Fraktionen der ehemaligen Union der Islamischen Gerichtshöfe zusammensetzen (vgl. 5.1, 5.2, 5.3).

1.2 Relevanz der These der „neuen Kriege“

Die Ursachen der somalischen Piraterie sind vielfältig und unübersichtlich. Dies zeigen die anfangs genannten mannigfaltigen Erklärungsversuche des öffentlichen Diskurses. Einer theoretisch geerdeten Untersuchung bedarf es folglich einem differenzierenden und komplexen theoretischen Konzept, um der Gemengelage von Gründen, die die somalische Piraterie bedingen, gerecht zu werden. Die Verwendung der These der neuen Kriege erscheint in diesem Zusammenhang von besonderer Relevanz, da diese eine Vielzahl der in den Medien genannten Ursachen und Zusammenhänge aufgrund der Komplexität ihres theoretischen Rahmens erfasst. So untersucht sie auf der Makro-Ebene „Staatszerfall“ und auf der Mikro-Ebene Akteure, deren Motive und Strategien. Auf der Meso-Ebene zeigt dieser Ansatz Verbindungen und Zusammenhänge zwischen den beiden Ebenen auf. Für das Beispiel der somalischen Piraterie erscheint die Konzeption der neuen Kriege somit auf den ersten Blick geeignet.

Die Frage nach der tatsächlichen Erklärungskraft dieses Ansatzes wird in dieser Arbeit an späterer Stelle diskutiert (vgl. 6.)

2. Alte und neue Kriege

In diesem Kapitel erfolgt eine Darstellung der theoretischen Konzeption der neuen Kriege. Hierbei wird sich hauptsächlich auf die Darstellungen von Herfried Münkler und Mary Kaldor, welche die These der neuen Kriege maßgeblich prägen, bezogen.

2.1 Alte Kriege

Kaldor versteht unter alten Kriegen die klassischen Staatenkriege, die seit Mitte des 17. bis ins späte 20. Jahrhundert in erster Linie in Europa stattfinden (Kaldor 2007, 34). Der Beginn dieser Epoche kann in den Regelungen des „Westfälischen Friedens“ 1648 (Münkler 2007, 113) gesehen werden und endet mit Beendigung des Kalten Krieges und dem Zusammenbruch der UdSSR (ebd., 7).

Die Zeit vor den klassischen Staatenkriegen, d.h. im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit, ist laut Münkler durch einen Typus Krieg bestimmt, für den ein „Konglomerat aus Raubzügen und Plünderungen, Massakern und Gewaltexzessen“ (ebd., 63) besonders gegen die Zivilbevölkerung (ebd., 76-80) und eine vielfältige Zahl teils privater Kriegsakteure mit unterschiedlichsten Motivationen der Kriegsbeteiligung charakteristisch ist (ebd., 75-89). Als herausragendes Beispiel für diese von ihm sogenannten „Staatsbildungskriege“ (ebd., 18) sieht er den „Dreißigjährigen Krieg“ (ebd., 75).

Mit der Herausbildung des modernen Territorialstaates (ebd., 68-74) ist ein „Prozess der Monopolisierung der Gewalt“ verknüpft (Kaldor 2007, 41). Der Hauptgrund für die Verstaatlichung des Kriegswesens ist neben idealistischen Motiven (Münkler 2007, 100) in ökonomischen Ursachen zu sehen. So werden durch die Entwicklung hin zu größeren Heeren im Zusammenspiel mit unterschiedlichen Waffengattungen und waffentechnischen Innovationen, wie schwerer Artillerie, Kriege zunehmend teurer (ebd., 97-105). Die Kosten für die Unterhaltung von Heeren steigen dramatisch an, sodass private Kriegsunternehmer, „die bislang auf den europäischen Gewaltmärkten eine dominierende Rolle gespielt hatten“, eine solche Finanzierung nicht mehr leisten können (ebd., 109). Nur noch die zentralisierten, „rationalisierten“, hierarchisch geordneten modernen Territorialstaaten als „Steuerstaaten“ (Münkler 2007, 109, Kaldor 2007, 35), sind in der Lage die massiv gestiegenen Kosten zu tragen.

Durch die Verstaatlichung des Militärwesens und den Aufstieg des Staates zum Monopolisten des Krieges verändern sich die Beziehungen zwischen den Staaten. Aufgrund der Mechanismen der Konkurrenz und den Bestrebungen der größeren Staaten nach einer Vormachtstellung entwickelt sich in Europa ein Gleichgewichtssystem, welches nach der Beendigung des Dreißigjährigen Krieges durch den Westfälischen Frieden im Jahre 1648 vertraglichen Charakter annimmt. Dieses Prinzip der Symmetrie ermöglicht zum einen die Herausbildung des klassischen Kriegsvölkerrechts und zum anderen ein „Sicherheitskalkül“ für die einzelnen Staaten (Münkler 2007, 110-121).

Das Staatsinteresse wird in den symmetrischen Staatenkriegen zum einzigen legitimen Kriegsgrund (Kaldor 2007, 39). Um mit den Worten Clausewitz’, dem bedeutendsten Theoretiker des modernen Krieges, zu sprechen, wird Krieg in den klassischen Staatenkriegen zur „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ (Clausewitz 1980).

Mit der Monopolisierung des Krieges auf Seiten des Staates entwickeln sich Regeln zur Bestimmung dessen, was als legitime Kriegsführung gelten kann. Dieses Reglement wird später im Kriegsrecht kodifiziert (Kaldor 2007, 39). Der Krieg wird nach gewissen Regeln, zum Beispiel durch das „Recht der Kriegserklärung (ius ad bellum)“ begonnen und durch einen Friedensschluss beendet (Münkler 2007, 56). Infolgedessen ist ein Charakteristikum der Staatenkriege in deren zeitlich präziser Begrenzung und im Vergleich zu vorherigen Kriegen wie dem Dreißigjährigen Krieg in deren relativen Kürze zu sehen. Hierzu trägt die Entscheidungsschlacht bei, die nach Clausewitz „der eigentliche Schwerpunkt des Krieges“ ist (ebd., 25).

Des Weiteren sind die Staatenkriege durch den Kampf zwischen Soldaten, der nach Kriegsrecht ausgetragen wird, gekennzeichnet (ebd., 24). Dieses wirkt sich auf die Opferbilanzen aus. So gehörten „in den bis Anfang des 20. Jahrhunderts geführten Kriegen [...] etwa 90 Prozent der Gefallenen und Verwundeten zu den Kombattanten, wie sie durch das Völkerrecht definiert sind [...]“ (ebd., 28).

Im Laufe der Jahrhunderte werden die Regeln des Krieges zunehmend vertraglich festgelegt. Zentral ist hier die Pariser Deklaration von 1856, der sogenannte „Lieber-Code“, die Genfer Konvention im Jahre 1864, die Sankt Petersburger Deklaration 1868, die Haager Friedenskonferenzen von 1899 und 1907 sowie die Londoner Konferenz von 1908. Diese tragen „allesamt zu einem wachsenden Korpus internationalen Rechts bezüglich der Kriegsführung bei“ (Kaldor 2007, 49).

Münkler sieht das System der Symmetrie der militärischen Strategien, der politischen Rationalität und der völkerrechtlichen Legitimität im 20. Jahrhundert zerbrechen. Beginnend mit dem Ersten Weltkrieg gerät dieses System ins Wanken. Im Zweiten Weltkrieg verschärft sich diese Entwicklung, bis es nach dem Niedergang der UdSSR zusammenbricht (Münkler 2007, 48, 122-124).

2.2 Neue Kriege

Die These der neuen Kriege besagt, dass die klassischen Staatenkriege mit dem Zusammenbruch der UdSSR zu einem historischen Auslaufmodell werden und an ihre Stelle die sogenannten „neuen Kriege“ treten (Münkler 2007, 7-57). Diese haben laut Münkler Parallelen zum Dreißigjährigen Krieg (Münkler 2007, 59-91).

Der Typus der neuen Kriegen entwickelt sich ab 1990 an den „Rändern und Bruchstellen der einstigen Imperien“ (ebd., 13). Als Beispiele für diese neuen Kriege lassen sich die Auseinandersetzungen im ehemaligen Jugoslawien, im Kaukasus und den angrenzenden Regionen sowie die zahlreichen Auseinandersetzungen im Nahen Osten – wobei hier der Palästinakonflikt am bedeutsamsten und gefährlichsten ist – sowie die Konflikte in Afghanistan und in Kaschmir ausmachen. Des Weiteren lassen sich die Kriege in Südostasien und Schwarzafrika, „von Indonesien über Somalia bis nach Guinea oder Sierra Leone“ (ebd., 15), diesem Typus zuordnen (ebd., 13-15).

In Hinblick auf Ursachenerklärungen von dieser neuen Kriegsform gehen die Meinungen von Kaldor und Münkler auseinander. Kaldor stärkt durch ihre These von der „Politik der Identität“ das Gewicht von ethnischen und religiösen Gegensätzen als Gründe von Konflikten (Kaldor 2007, 131-148). Im Gegensatz hierzu liegen die Ursachen von klassischen Staatenkriegen in geopolitischen oder ideologischen Motiven (ebd., 23).

Münkler hingegen werden ideologischen, „ethnischen und religiös-kulturellen Konfliktlinien“ zu große Beachtung beigemessen und „ökonomische Dimensionen und Handlungsantriebe“ übersehen (Münkler 2007, 160). Seiner Meinung nach sind die neuen Kriege vielmehr Ergebnis einer „ökonomischen Zweckrationalität“ und „zweckrational handelnde Akteure“ spielen in ihnen eine wesentliche Rolle (ebd., 161).

Aus dem politikwissenschaftlichen Diskurs lassen sich vier zentrale Charakteristika der neuen Kriege, die sich von den klassischen Staatenkriegen unterscheiden, herausarbeiten:

1. Die neuen Kriege finden im Kontext von Staatszerfall statt.
2. Es vollzieht sich eine Privatisierung und Kommerzialisierung des Krieges.
3. Die neuen Kriege finden im Kontext von Globalisierung statt.
4. Die neuen Kriege sind durch eine Asymmetrisierung von kriegerischer Gewalt

gekennzeichnet.

Im Folgenden werden diese wesentlichen Dimensionen dargestellt. In diesem Zusammenhang muss daraufhingewiesen werden, dass die Eigenschaften der neuen Kriege auf vielfältige Weise zusammenhängen und sich gegenseitig bedingen. Die Einteilung in vier Dimensionen erfolgt als Hinleitung zu den Analysekriterien im dritten Kapitel.

2.2.1 Neue Kriege im Kontext von Staatszerfall

Münkler vertritt die These, dass die neuen Kriege aus Staatszerfall erwachsen (Münkler 2007, 19). Kaldor sieht sie ebenfalls im Kontext der „Aushöhlung der Autonomie des Staates [und] in Extremfällen seine[r] völlige[n] Auflösung“ (Kaldor 2007, 20). Im Speziellen entstehen diese Kriege vor dem Hintergrund der Untergrabung bzw. dem Verlust des staatlichen Gewaltmonopols (ebd., 20).

Demzufolge beschreibt Kaldor die neuen Kriege als Teil eines Prozesses, „der praktisch jene Entwicklungen umkehrt, durch die sich die modernen Staaten herausbildeten“ (ebd., 21). Die Leistung des sich herausbildenden modernen Staates ist, wie in Kapitel 2.1 bereits dargestellt, darin zu sehen, dass „der Krieg zur alleinigen Domäne des Staates“ (ebd., 21) und der Staat zum „faktischen Monopolist des Krieges“ wird (Münkler 2007, 32). Diese Entwicklungen beinhalten die Bekämpfung von Kriminalität, Korruption und Ineffizienz, die Aufstellung von regulären Truppen und Polizeikräften sowie die Ausschaltung von Privatarmeen und die Erhebung von Steuern (Kaldor 2007, 21-22).

Die neuen Kriege werden hingegen in Situationen ausgetragen, „in denen die Staatseinnahmen im Gefolge wirtschaftlichen Niedergangs und sich ausbreitender Kriminalität, Korruption und Ineffizienz versiegen, in denen die Gewalt im Zuge des um sich greifenden organisierten Verbrechens und der Bildung paramilitärischer Gruppen zunehmend privatisiert wird und in denen somit die politische Legitimität schwindet“ (ebd., 22).

2.2.2 Die Privatisierung und Kommerzialisierung von Krieg

Eine weitere Unterscheidungsdimension von klassischen Staatenkriegen und neuen Kriegen macht Münkler in der „Privatisierung und Kommerzialisierung“ von kriegerischer Gewalt aus (Münkler 2007, 33). Darunter versteht er „das Eindringen privater eher von wirtschaftlichen als von politischen Motiven geleiteter Akteure in das Kriegsgeschehen“ (ebd., 57). Volker Matthies stellt dieselbe Entwicklung mit den Worten „der Homo Economicus zieht in den Krieg“ fest (Matthies 2004, 186).

Diese Entwicklungen „und die zunehmende Diffusion von Gewaltanwendung und Erwerbsleben“ treibt die Entstaatlichung von Krieg voran (Münkler 2007, 33). Die hierin verwickelten Akteure sind der Staat, aufgrund des Verlusts des Gewaltmonopols als privat auftretender Kriegsunternehmer, überregionale Kriegsunternehmer, Paramilitärs, Truppen von Warlords, lokale Milizen, Söldner, Terroristen und organisierte Kriminelle (Kaldor 2007, 33, Mair 2002, 9-25, Wulf 2005, 15-16). Außerdem ist eine hohe Zahl von Kindersoldaten in den neuen Kriegen festzustellen (Chojnacki 2004, 198, Münkler 2007, 39, Russmann 2004, 205).

Diese Akteure subsummiert Kaldor unter dem Begriff der „globalisierten Kriegswirtschaft“ (Kaldor 2007, 27). In dieser sieht sie nahezu eine komplette Umkehrung der Kriegsökonomien der beiden Weltkriege. Sind diese noch als zentralisiert, allumfassend und autark zu charakterisieren, zeichnen sich die neuen Kriegswirtschaften durch eine Dezentralisierung aus. Außerdem sind die Ökonomien in einem hohen Maße von Ressourcen aus dem Ausland abhängig. Aufgrund des globalen Wettbewerbs, der physischen Zerstörung und der Unterbrechung der normalen Handelswege sind die einheimischen Güterproduktionen oftmals zerstört. Daraus resultiert der Umstand, dass sich die kämpfenden Einheiten selbst finanzieren (ebd., 27). Münkler spricht in diesem Kontext vom „Prinzip des bellum se ipse alet (der Krieg ernährt sich selbst)“ (Münkler 2007, 80). Dies geschieht durch Plünderung, den Schwarzmarkt und der Unterstützung von außen (Kaldor 2007, 27-28). Letzteres kann in Form von „Zuwendungen der Diaspora, die ‚Besteuerung’ von humanitären Hilfslieferungen, Unterstützung durch Nachbarstaaten sowie illegalen Handel mit Waffen, Drogen oder wertvollen Rohstoffen, etwa Öl oder Diamanten“ erfolgen (Kaldor 2007, 28). Außerdem dienen Flüchtlingslager von internationalen Organisationen als Nachschubzentrum und Kraftreserve für die kriegsführenden Akteure (Götze 2004, 212, Münkler 2007, 22, 35). Der Zufluss aus diesen Quellen lässt sich nur durch eine Fortsetzung der Gewalt aufrechterhalten. Auf diese Weise wird eine Kriegslogik in die Funktionsweise der Wirtschaft eingebaut. Im Balkan, Kaukasus, Zentralasien, Zentral- und Westafrika sowie am Horn von Afrika lassen sich „regelrechte Bündel von Kriegs- oder Beinahekriegswirtschaften“ ausmachen (ebd., 28).

2.2.3 Neue Kriege im Kontext von Globalisierung

Kaldor sieht ein spezifisches Hauptcharakteristikum der neuen Kriege in deren Verknüpfung mit den sogenannten Globalisierungsprozessen. So kämpfen verschiedene „Volksgruppen um ihre Identität, die durch die Globalisierung bedroht“ wird (Gantzel 2002, 3). Die besondere Rolle, die Kaldor der Globalisierung[3] im Zusammenhang mit den neuen Kriegen beimisst, wird dadurch ersichtlich, dass sie zunächst im „unaufhaltbaren Vordringen der Globalisierung“ den Auslöser für den Zusammenbruch des Ostblocks sieht (Kaldor 2007, 19). Die hieraus resultierende „Verfügbarkeit überschüssiger Waffen, der Misskredit, in den die sozialistischen Länder gerieten, der Zerfall totalitärer Regime, der Entzug der Unterstützung, dem die Supermächte ihren Klientelstaaten hatten angedeihen lassen“, hängen ihrer Meinung nach in signifikanter Weise mit der Entstehung der neuen Kriege zusammen (ebd., 19). Die Auswirkungen der Globalisierung lassen sich in vielen neuen Kriegen feststellen. So nimmt die Welt an ihnen gewissermaßen direkt teil. Diese Beteiligung äußert sich in Form von internationalen Reportern, Söldnern und Militärberatern, Freiwilligen und Geldern aus der Diaspora sowie eine vielfältige Zahl diverser internationaler Akteure wie internationale Organisationen oder Nicht-Regierungsorganisationen (ebd., 19). Außerdem sind die sogenannten „Kanäle[n] der Schattenglobalisierung“ von besonderer Relevanz (Münkler 2007, 21). Durch diese sind die neuen Kriege auf mannigfaltige Weise mit der Weltwirtschaft verbunden (ebd., 21). Aus dieser Verbindung von globaler Ökonomie mit „informellen und kriminellen Sphären“ (Lock 2004, 191) werden die für die Weiterführung der Kriege benötigten Ressourcen bezogen (Münkler 2007, 21). Sowohl die Schattenglobalisierung als auch die bereits erwähnten Ressourcen der Diaspora-Gemeinden sind für die lange Dauer der neuen Kriege verantwortlich. So werden einige dieser Konflikte seit 30 Jahren ausgetragen (ebd. 2007, 22). Neben dieser nicht vorhandenen zeitlichen Begrenzung fehlt den neuen Kriege auch eine räumliche Begrenzung. So haben innergesellschaftliche Kriege eine starke Tendenz sich in kürzester Zeit in transnationale Kriege zu entwickeln (ebd. 2007, 31). Schließlich hat die Globalisierung bedeutende Auswirkungen auf „instabile Staaten“ (ebd., 18). Da diese in weltwirtschaftliche Austauschsysteme eingebunden sind, ist eine „politisch kontrollierte Entwicklung ihrer nationalen Ökonomien unmöglich“ (ebd., 19). Münkler konstatiert in diesem Kontext eine „wirtschaftliche Globalisierung, die vor allem dort ihre destruktiven Wirkungen entfaltet hat, wo sie nicht auf eine robuste Staatlichkeit“ trifft (ebd., 19).

[...]


[1] Der Aufstieg der Union der islamischen Gerichte in der zweiten Jahreshälfte 2006 lässt die Piraterie zurückgehen. Nach der Entmachtung der Union durch die Invasion äthiopischer Truppen mit US-amerikanischer Hilfe im Dezember 2006 nehmen die Piratenaktivitäten hingegen wieder zu (Lennox 2008, 5-9, International Maritime Bureau 2009).

[2] Der Forschungsschwerpunkt auf die Jahre 2008 und 2009 gründet darin, dass die Zahl der Überfalle somalischer Piraten auf Schiffe von Staaten des Nordens im Jahr 2008 um 200 Prozent im Vergleich zum Vorjahr steigt (Ross/Ben-David 2009, 57).

[3] Unter Globalisierung versteht Kaldor „die Zunahme der den ganzen Erdball umspannenden, wechselseitigen Verflechtungen – im politischen, wirtschaftlichen, militärischen und kulturellen Bereich“ (Kaldor 2007, 18).

Details

Seiten
59
Jahr
2009
ISBN (Buch)
9783640957132
Dateigröße
590 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174947
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Note
1,0
Schlagworte
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Titel: Die Rückkehr der Piraterie in den internationalen Beziehungen