Lade Inhalt...

Das Jahrhundert der Chirurgen

Moderne Krankheitskonzepte, Operationsbedingungen und Operationsmöglichkeiten im 19. Jahrhundert

Seminararbeit 2010 17 Seiten

Medizin - Geschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die alte Zeit

3. Das erwachende Jahrhundert
3.1. Der Schmerz wird gelindert
3.2. Die Rettung der Mütter
3.3. Die erste keimfreie Operation

4. Fazit

5. Literatur

1. Einleitung

Die Geschichte der Menschheit zählt nach Jahrtausenden und ebenso lange gibt es Krankheiten und Verletzungen, die des heilkundigen und des chirurgischen Eingreifens bedürfen.[1] Bei der Betrachtung und Aufarbeitung der historischen Entwicklung der Chirurgie muss man sich unweigerlich mit der allgemeinen Kultur- und Sozialgeschichte unserer Zivilisation auseinandersetzen.[2] Im vornaturwissenschaftlichen Zeitalter der Humoralpathologie, Bezeichnung für die traditionelle Vier-Säfte-Lehre, die in der Antike von Hippokrates und Galen begründet bzw. weiterentwickelt worden war[3], wurde die praktische Medizin ausschließlich durch die Notwendigkeit der sofortigen Versorgung von Wunden und Verletzungen begründet. Eingriffe eines Chirurgen außerhalb des Gebietes der sogenannten „Wundarznei“, beispielsweise Tumoroperationen, erschienen im Konzept der Humoralpathologie sinnwidrig. Erst mit der beginnenden naturwissenschaftlichen Medizin seit der Aufklärung änderten sich Krankheitskonzepte, welche den Horizont der Handlungsmöglichkeiten und –notwendigkeiten in der Chirurgie erweiterten. Es entstanden neue Anforderungen, die erst durch die gemachten wissenschaftlichen Erkenntnisse und daraus abgeleiteten Krankheitskonzepte, die anatomischen Kenntnisse mit mechanistisch zentriertem Menschenbild sowie durch technische Innovationen, auch praktisch möglich wurden. In der Chirurgie eröffnete sich so der Weg vom reaktiven zum aktiven Handeln.[4] Mit Hilfe der Narkose und der Antisepsis konnten seit der Mitte des 19. Jahrhunderts vermehrt elektive Eingriffe erfolgreich durchgeführt werden.[5]

Da die moderne Chirurgie Teil des Fundamentes geworden ist, das die heutigen gesellschaftlichen sowie individuellen Lebensbedingungen ermöglicht, soll sich die vorliegende Seminararbeit mit eben diesem Thema beschäftigen. Das 19. Jahrhundert brachte der modernen Chirurgie eine Entwicklung voll dramatischer Höhepunkte, aber auch schicksalhafter Niederlagen, die im Rahmen der Arbeit erörtert werden sollen. Dabei werden die Einflüsse der Naturwissenschaften und Entwicklungen in der Physiologie, der Pathologie und der Mikrobiologie, welche für die Entstehung der modernen Chirurgie zweifelsohne unerlässlich waren, nur kurz erwähnt und nicht weiter erläutert. Auch die bedeutsame Weiterentwicklung der medizinischen Technik wird in der vorliegenden Arbeit nicht thematisiert. Vielmehr wird der Versuch unternommen, bedeutsame Ereignisse in der Chirurgie des 19. Jahrhunderts so darzustellen, dass sie für den Leser eine zusammenhängende und nachvollziehbare Geschichte ergeben, die dem Aufbruch der Medizin in die Moderne gerecht wird. Denn es gab eine Chirurgie ohne moderne Narkose und ohne neuzeitliche Antisepsis oder gar Asepsis. Für uns kaum vorstellbar, aber es gab diese Chirurgie voller Schmerzen und Ängste. Das Fehlen dieser Grundsätze chirurgischen Handelns waren seit eh und je die Grenzen der „alten Chirurgie“, doch immer gab es Chirurgen – einige wenige –, die an diesen Grenzpfählen rüttelten.[6] Diese Ausnahmeerscheinungen bilden die Grundlage der Ausarbeitung. Des Weiteren erfolgt die Kapiteleinteilung der Arbeit in chronologischer Reihenfolge, um den Verlauf der Fortschritte in der Chirurgie zusammenhängend darstellen zu können.

„Das Forschungsfeld „Geschichte der Medizin“ umfasst ein weites Spektrum von Themen, methodischen Zugängen und Sichtweisen.“[7] In Deutschland an den Medizinischen Fakultäten beheimatet, besitzt die Medizingeschichte eine eigene Tradition mit eigenen Fragestellungen, doch gerade in jüngerer Zeit öffnet sie sich mehr und mehr Methoden und Anliegen, die für verschiedene Wissenschaftsbereiche relevant sind. Aus der aktuellen Erschließung der Medizingeschichte als heterogenem Feld der geistes-, kultur-, und sozialwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Medizin, ihren Rahmenbedingungen und Grundlagen, ergeben sich neue Herausforderungen, sowohl inhaltlicher als auch methodischer Natur. Aus diesem Grund beschäftigen sich mittlerweile Mediziner, Wissenschafts- und Sozialhistoriker, Philosophen, Ethiker und andere Forscher unterschiedlicher fachlicher Herkunft mit dem Themenbereich der Medizingeschichte.[8] Dies hat zur Folge, dass die Quellenlage zur Geschichte der Medizin bzw. der Chirurgie etwas unübersichtlich wirken kann. Schon allein durch die Wahl der Quellen liegt eine unwillkürliche und unbemerkte Interpretation vor.

Die vorliegende Ausarbeitung stützt sich dabei besonders auf den englischen Sozialhistoriker der Medizin Roy Porter, der in dem Werk Die Kunst des Heilens. Eine medizinische Geschichte der Menschheit von der Antike bis heute seinen Blick auf die Historie von der Frühzeit der Menschheitsgeschichte bis in die Gegenwart richtet und dabei die aktuellen Probleme und Fragen der Medizin nicht außer Acht lässt. Er zählt zu jenen Medizinhistorikern der Gegenwart, die stets die immanenten Dimensionen der Medizin mit den sozialkulturellen Hintergründen in Verbindung bringen. Ein weiteres Augenmerk liegt auf dem Lehrbuch Geschichte der Medizin. Fakten, Konzepte, Haltungen von Wolfgang U. Eckart, welcher zusammenfassend über alle wichtigen Aspekte der Medizingeschichte informiert und den derzeitigen Forschungsstand der Thematik vertritt. Dieses kurz gefasste Werk lässt einen ersten orientierenden Blick auf die kulturellen und sozialen Grundlagen in der Geschichte des ärztlichen Denkens, Wissens und Handelns zu. Jürgen Thorwald, der Medizin und Neuere Geschichte studiert hat, gelingt es in seinem Sachbuch Das Jahrhundert der Chirurgen, welches dem Genre der Wissenschaftsprosa zuzuordnen ist, den Leser unmittelbar an der packenden Geschichte der Chirurgie im 19. Jahrhundert teilnehmen zu lassen. Aus diesem Grund bildet das Werk eine unabdingbare Grundlage der vorliegenden Seminararbeit.

2. Die alte Zeit

Im Zeitalter der Aufklärung während des 18. Jahrhunderts ändert sich zwar noch nichts an der Zweiteilung von Medizin und Chirurgie, doch die Chirurgie beginnt sich allmählich zu emanzipieren und zu einem wissenschaftlich fundierten Fach zu werden.[9] Da sich die Chirurgen meist mit widerwärtigen Geschwülsten oder syphilitischen Affekten befassten und Messer, Kauter und Amputationssägen zu ihren genutzten Mitteln zählten, galt die Chirurgie seit jeher mehr als Handwerk denn als akademische Wissenschaft und genoss traditionell nur geringes Ansehen. Das Alltagsgeschäft des Chirurgen waren selten riskante Operationen, sondern in der Regel einfache „Reparaturen“ wie das Spalten von Abszessen, der Aderlass, das Zähneziehen, das Verbinden von Hautabschürfungen und dergleichen. Aufgrund des bekannten Risikos eines Traumas, Blutverlustes oder einer Sepsis, hielten sie ihr Repertoire an Operationen bewusst sehr klein. Größere chirurgische Eingriffe waren zu einer Zeit ohne Anästhetika und antiseptische Vorkehrungen undenkbar.[10] Narkotika und berauschende Getränke sind zwar seit Urzeiten von vielen Völkern zu medizinischen Zwecken verwendet worden, konnten aber bis ins 19. Jahrhundert auf Grund mangelnder Kenntnisse nicht richtig dosiert und angewendet werden. Die Rezeptsammlungen Ägyptens und Mesopotamiens enthielten Pflanzen wie Mandragora, Papaver, Cannabis und Hyoscyamus, die als Schlafmittel und Betäubungsmittel Anwendung fanden. Seit dem 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung waren Schlafschwämme, die Opium und Solanaceendrogen enthielten, in Gebrauch. Ihre Anwendung ging allerdings im 17. Jahrhundert allmählich zurück, da die schlechte Dosierbarkeit der Solanaceen- bzw. Opium-Zubereitungen zu Todesfällen führte. Auch die halluzinogene Wirkung der Mittel brachte Furcht und Ablehnung mit sich.[11]

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts operierte der renommierte und einflussreiche Chirurg John Collins Warren am Massachusetts General Hospital. Der Operationssaal lag im oberen Teil des Gebäudes unter einer Kuppel, so abgesondert und so hoch, dass genügend Licht einfiel und andererseits die weithin hallenden Schmerzschreie der Operierten nicht von unten her das ganze Gebäude durchdrangen. Jürgen Thorwald gibt aus den Memoiren seines Großvaters Henry Steven Hartmann, 1843 Student am Massachusetts General Hospital, folgende Eindrücke wieder: „Ich hatte schon als Zwölfjähriger an der Seite meines Vaters das erste Wehklagen, das erste Stöhnen, die ersten Schreie seiner Patienten gehört und betrachtete all diese Äußerungen der Qual als so selbstverständliche Zugaben zu Operationen, dass ich sicher sein konnte, keine Schwäche zu zeigen, während ich den großen Warren zum ersten Male operieren sah.“[12] „Einer der Hauschirurgen erklärte, die Patientin habe hundert Tropfen Opium erhalten. Warren […] ergriff, ohne seine Hände zu waschen oder auch nur abzuwischen, ein Skalpell, das zusammen mit anderen Messern, […] und einer Flasche Brandy gleichzeitig mit einer Patientin auf einem Holztisch hereingetragen worden war. Die Instrumente waren bestenfalls sauber geputzt.“[13] Diese Eindrücke schildern anschaulich die Situation und die Methoden der Chirurgie in der letzten Phase der alten Zeit, kurz bevor die Entdeckung der Schmerzbetäubung und der Antisepsis ihre Welt veränderte. Die alte Chirurgie stand ohnmächtig an ihren Grenzen.[14] In den großen Krankenanstalten starben ein Viertel aller stationär betreuten Patienten. Das zunehmende Wissen um den menschlichen Körper, um seine Physiologie und Pathologie, ließ diese Grenzen allmählich deutlicher spürbar werden.[15]

3. Das erwachende Jahrhundert

Durch die Industrielle Revolution wurden die Grundlagen für ein Jahrhundert des Wohlstandes und der Weltmachtpolitik geschaffen. Dieser Aufschwung gab den Männern in Medizin und Wissenschaft die Motivation, sich der Forschung zu widmen, und die Finanzmittel, diesen Wunsch umzusetzen. So wurden während dieser Zeit grundlegende medizinische Geräte erfunden.[16] Des Weiteren entstanden neue Möglichkeiten, Erkenntnisse und Methoden der „aufgeklärten“ Experimentalwissenschaften technologisch fruchtbar zu machen. Dies alles wirkte sich positiv auf die Entwicklung der Chirurgie aus.

Eine negative Folge der Technisierung der Gesellschaft war hingegen das Entstehen von neuen Ballungszentren, deren Infrastrukturen dem schnellen Bevölkerungswachstum nicht gewachsen waren. Sie entwickelten sich zu Brennpunkten sozialer und gesundheitlicher Gefahren. Durch die wachsende Wohnungsnot entstanden eklatante hygienische Missstände, die die Entstehung von Seuchenherden begünstigten.[17]

Die Medizin stand somit zu Beginn des 19. Jahrhunderts vor neuen Aussichten, allerdings auch vor akuten Problemen, die sie zum Schutz der Volksgesundheit zu bewältigen hatte. „Dank dem Mute einzelner und einiger epochaler Neuerungen veränderte sich die Chirurgie im 19. Jahrhundert mehr als in den zwei Jahrhunderten zuvor und ebnete den Weg für das hochprofilierte, hochtechnisierte und scheinbar grenzenlose Fachgebiet von heute.“[18]

[...]


[1] Vgl. Rüster, Detlef: Alte Chirurgie, Legende und Wirklichkeit, Berlin 2. Aufl. 1985, S. 11.

[2] Vgl. Sachs, Michael: Vom Handwerk zur Wissenschaft, Die Entwicklung der Chirurgie im deutschen Sprachraum vom 16. bis zum 20. Jahrhundert, Bd. 4, Heidelberg 2003, S. V.

[3] Vgl. Menninger, Annerose: Drogen aus der Neuen Welt, Tabak und Schokolade als Paradigmen für Interkultur- und Medizingeschichte, in: Edelmayer, Friedrich/ Hausberger, Bernd/ Potthast, Barbara (Hrsg.): Lateinamerika 1492 – 1850/70, Wien 2005, S. 123.

[4] Vgl. Sachs, 2003, S. V.

[5] Vgl. Sachs, Michael: Historische Entwicklung chirurgischer Operationen, Bd. 1, Heidelberg 2000, S. V.

[6] Vgl. Rüster, 1985, S. 207f.

[7] Paul, Norbert/ Schlich, Thomas: Einführung: Medizingeschichte – Aufgaben, Probleme, Perspektiven, in: Paul, Norbert/ Schlich, Thomas (Hrsg.): Medizingeschichte: Aufgaben, Probleme, Perspektiven, Frankfurt/Main, New York 1998, S. 9.

[8] Vgl. ebenda, S. 9f.

[9] Vgl. Weißer, Christoph: Chirurg, Chirurgie, 18. Jahrhundert, in: Gerabek, Werner E./ Haage, Bernhard D./ Keil, Gundolf/ Wegner, Wolfgang (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte, Berlin 2005, S. 255.

[10] Vgl. Porter, Roy: Die Kunst des Heilens, Eine medizinische Geschichte der Menschheit von der Antike bis heute, Heidelberg, Berlin 2000, S.279f.

[11] Vgl. Müller-Jahnke, Wolf-Dieter/ Friedrich, Christoph: Geschichte der Arzneimitteltherapie, Stuttgart 1996, S. 150.

[12] Thorwald, Jürgen: Das Jahrhundert der Chirurgen, Ulm 1972, S. 12.

[13] Ebenda, S. 16.

[14] Vgl. Rüster, 1985, S. 214.

[15] Vgl. Ackerknecht, Erwin H.: Geschichte der Medizin, Stuttgart 1. Aufl. 1959, 7. Aufl. 1992, S. 132.

[16] Vgl. Duin, Nancy/ Sutcliffe, Jenny: Geschichte der Medizin, Von der Antike bis zum Jahr 2020, Köln 1993, S. 45.

[17] Vgl. Eckart, Wolfgang U.: Geschichte der Medizin, Fakten, Konzepte, Haltungen, Heidelberg 2009, S. 188f.

[18] Porter, 2000, S. 362f.

Details

Seiten
17
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640956616
ISBN (Buch)
9783640956890
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174939
Institution / Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg – Historisches Institut
Note
1,3
Schlagworte
Chirurgie Narkose im 19. Jahrhundert Semmelweis Kindbettfieber

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Das Jahrhundert der Chirurgen