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„So aber war alles einer Vorstellung, einem Begriff zuliebe […].“ – Zum Ehrkonflikt in Theodor Fontanes „Effi Briest“

Hausarbeit 2011 24 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Ehrbegriff und das Duell im 19. Jahrhundert

3. Zum Ehrbegriff in „Effi Briest“

4. Der Fleck auf Innstettens Ehre

5. Die Erkenntnis um die „Komödie“ des Ehrenkodex‘ und ihre Auswirkungen auf Innstetten

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Themenkomplex um Tradition und Fortschritt findet in den drei Ehebruchsromanen „Madame Bovary“ von Gustave Flaubert, „Anna Karenina“ von Leo Tolstoi und Theodor Fontanes „Effi Briest“ seine Gestaltung in unterschiedlichen Bereichen. Während der medizinische, wissenschaftliche oder technische Fortschritt in „Effi Briest“ keine Behandlung erfährt, nimmt er in den beiden anderen Romanen eine zentrale Stellung ein, sich mitunter manifestierend durch die Kontrastierung zwischen Großstadt und Provinz. So werden in „Madame Bovary“ aus Paris neue Operationsmethoden verbreitet, etwa zur Heilung von Klumpfüßen (Vgl. S. 222-223), der Apotheker Homais postuliert die Notwendigkeit wissenschaftlicher Bildung und Kenntnisse für die traditionsbehafteten Landwirte (Vgl. S. 168-169), welche wiederum nur in den Städten, wie etwa Rouen oder Paris, erworben werden können, und der Modehändler Lheureux setzt sich die Einrichtung eines neuen, fortschrittlicheren Postkutschendienstes zum Ziel, um den Handel in Yonville zu eigenem Nutzen zu sanieren (Vgl. S. 258).

In „Anna Karenina“ wird der medizinische Fortschritt durch Wronskijs Bau eines Krankenhauses repräsentiert, welches sich durch die neuesten und modernsten Gerätschaften und Ausstattungen auszeichnet (Vgl. S. 744-745), wohingegen Lewin für einen gesellschaftlichen Fortschritt eintritt, die Stellung der Bauern betreffend (Vgl. u.a. S. 299). Auch dem technischen Fortschritt kommt unter anderem durch das Motiv der Eisenbahn eine stets präsente Bedeutung zu.

Während „Anna Karenina“ und „Madame Bovary“ demnach vorrangig dem Fortschritt verhaftet sind, dominiert in „Effi Briest“ die Tradition, geprägt durch das gesellschaftliche, ständische Bewusstsein und dem Ehrenkodex samt seiner Konventionen, zu deren Einhaltung der Einzelne verpflichtet ist. Dass diese jedoch im Zuge eines sich vollziehenden sozialen Wandels an Gültigkeit verlieren zu scheinen und vielmehr zur Routine erstarren, wird an Geert von Innstetten deutlich, der nach der Aufdeckung des Ehebruchs seiner Frau zum Opfer des Ehrkonflikts wird. Um eine vergleichende Analyse mit den beiden anderen Ehebruchsromanen hinsichtlich des Themenkomplexes um Tradition und Fortschritt zu ermöglichen, soll in dieser Arbeit der aus leeren Traditionen resultierende Ehrkonflikt in „Effi Briest“ beleuchtet werden.

Wie in dieser Arbeit gezeigt werden soll, ist die Duellforderung an Crampas die Folge von Innstettens gesellschaftlicher Determiniertheit, der jegliche Selbstbestimmung weichen muss und die zudem eine stetige Angst vor Lächerlichkeit birgt, und seiner Neigung, Privates auf eine gesellschaftliche Ebene zu transformieren. Denn sowohl den Ehebruch per se, als auch das Gespräch mit Wüllersdorf versteht Innstetten als gesellschaftliche Ereignisse[1], sodass er nicht umhin kommt, trotz seiner Zweifel an den Ehrgesetzen den Ehebruch gemäß der Konventionen im Duell zu sanktionieren.

Für das Verständnis des Ehrenkodex‘, welchem Innstetten sich verpflichtet fühlt, soll sowohl jener als auch das Duellwesen in seiner historischen Verankerung im 19. Jahrhundert beleuchtet werden, woraufhin der sich in „Effi Briest“ manifestierende Ehrbegriff untersucht werden soll. Anschließend gilt es, das Augenmerk auf Innstettens Argumentation hinsichtlich der Unumgänglichkeit des Duells zu richten, welche bereits eine Distanz zu und Zweifel an den gesellschaftlichen Konventionen bekundet. Am Ende der Arbeit sollen schließlich die Auswirkungen, resultierend aus der Erkenntnis, einem überholten Ehrbegriff sein Lebensglück geopfert zu haben, erläutert werden.

2. Der Ehrbegriff und das Duell im 19. Jahrhundert

In Bezug auf den sich von dem Jahre 1891 bis 1896 ereignenden skandalträchtigen und in einem Pistolenduell endenden Fall um den Zeremoniemeister Lebrecht von Kotze[2] äußerte sich Fontane in einem Brief an Friedrich Stephany wie folgt: „ […] aber der Gesellschaftszustand, das Sittenbildliche, das versteckt und gefährlich Politische, das diese Dinge haben, […], das ist es, was mich so sehr daran interessiert.“[3] Dies liest sich wie der Inbegriff dessen, was seinem Roman „Effi Briest“ zugrunde liegt, da auch dieser sich ohne jenen „Gesellschaftszustand“ und das „Sittenbildliche“ nicht in seiner Komplexität begreifen lässt. Denn worauf stützt sich der Ehrenkodex, auf den Innstetten rekurriert, dem er sich verpflichtet fühlt und der ihm das Duell schließlich als unumgängliche Notwendigkeit auferlegt? Um diese Frage zu beantworten, soll der Blick zunächst auf die historische preußische Gesellschaft gerichtet werden, deren Zeitgeist und damit verbundenen Problematiken Fontane hinsichtlich des Ehrkonfliktes und Duellwesens in seinem Roman eingefangen hat.

Das 19. Jahrhundert stand im Zeichen des sozialen Wandels und der Simultanität eines anachronistischen und aristokratischen Ehrbegriffs auf der einen, und eines sich neu etablierenden, moderneren Ehrverständnisses auf der anderen Seite. Ersterer manifestierte sich durch das adlige Standesbewusstsein, welches sich auf der Überzeugung, alleiniger Träger von ehrenhaften Werten und Tugenden zu sein, gründete.[4] Diese wurden als allgemeingültig verstanden, sodass der Einzelne innerhalb dieses Standes nicht nur zur Akzeptanz, sondern zur Befolgung des von der Gesellschaft vermittelten Leitbildes aufgerufen wurde.[5] Ehre hat in diesem Kontext sowohl eine „personale […] [als auch, JE] gesellschaftsrelevante Konnotation […]“[6], die zum einen durch die persönliche ehrenhafte Mentalität und Handlung, und zum anderen durch gesellschaftliche Integration und Würdigung gekennzeichnet war.

In diesem Sinne entsprach das Duell dem Verständnis der Ehre, da es auf „dem Zusammenspiel von öffentlichen Bild und individuellen Selbstverständnis“[7] gegründet war. Das Duell bildete bis ins 19. Jahrhundert, als es auch das Bürgertum erreichte[8], ein adliges und militärisches Privileg, dem die Verteidigung der Standesehre im Falle einer öffentlichen Beleidung, eines Verrats oder Ehebruchs zugrunde lag.[9] Während militärische Ehrengerichte Offiziere im Falle einer Ehrverletzung, der kein Duell folgte, sogar aus dem Dienst entließen, mit der Begründung, nicht nur die individuelle, sondern die Ehre des gesamten Militärs sei befleckt worden[10], musste der Zivilbeamte bei einer Duellverweigerung mit „gesellschaftliche[n, JE] Zwängen und Folgen, bis hin zur faktischen Ächtung […]“[11] rechnen.

Doch das Duellwesen war zu dieser Zeit durchaus umstritten, während seine Gegner sich in einer Antiduell-Bewegung formierten und es als anachronistisch und irrational verurteilten[12], galt es seinen Befürworten als „Erziehungs – und Disziplinierungsmittel, unerlässlich, um ein gesittetes und formgerechtes Beisammensein zu ermöglichen.“[13] Obwohl das Duell gesetzlich verboten war, mussten seine Teilnehmer nicht mit harten Sanktionen rechnen, wurde die Haft doch nach einer kurzen Zeit wieder aufgehoben[14], da das Duell durchaus dem Staat zur Disziplinierung und Wahrung traditioneller Werte zu Nutze war.[15] Somit verweist bereits allein die Rechtslage auf die damalige Widersprüchlichkeit, die auch darin zum Ausdruck kommt, dass sich auch Kritiker des Duells sich ihm im Falle eigener Belange nicht entzogen und somit selbst den verpönten gesellschaftlichen Zwängen und dem Ehrenkult Folge leisteten.[16] Müller-Seidel fasst diesbezüglich zusammen: „Sie [die Widersprüche, JE] zeigen an, dass etwas noch gilt, was nicht mehr unbedingt gilt. Sie zeigen die Brüche und Umbrüche, die den sozialen Wandel begleiten.“[17]

Dass der aristokratische Ehrenkodex und seine Konventionen sowie Sanktionen vermehrt als überholte und leere Traditionen verstanden wurden, ist Folge des sich vollziehenden sozialen Wandels, dem unter anderem ein neuer Ehrbegriff zugrunde lag. Dieser definierte Ehre als „unveräußerliches Urrecht jedes Menschen, […] [wodurch, JE] sich auch die Frage der Satisfaktionsfähigkeit neu stellen [musste, JE].“[18] Da sich der Adel seit Beginn des 19. Jahrhunderts durch die Adaption seines Lebensstils durch die Bourgeoisie bedroht sah, galt es um so mehr, sich durch die Berufung auf die ihm eigenen Wertvorstellungen und Tugenden abzugrenzen.[19] Dennoch kam er nicht umhin, dass Einzelne seines Standes in einen Ehrkonflikt gerieten, Zweifel und Skepsis hinsichtlich des Ehrbegriffs im Allgemeinen und der Notwendigkeit der Verteidigung der Ehre im Duell im Besonderen aufkamen. Aber selbst wenn dies in Frage gestellt wurde, wurden die allgemeingültigen Werte weiterhin akzeptiert: zu groß war noch der gesellschaftliche Zwang, zu gering erschien der eigene Handlungsspielraum. Speitkamp fasst hinsichtlich des damaligen Ehrkonflikts treffend zusammen:

Dementsprechend war das 19. Jahrhundert einerseits das Jahrhundert einer bis zum sinnentleerten Ritual erstarrten Förmlichkeit der Ehre, andererseits das Jahrhundert des Verfalls von Ehre im Sinne der ständischen Gesellschaft: als soziales Regulativ mit moralischem Gehalt.[20]

3. Zum Ehrbegriff in „Effi Briest“

Nachdem der Ehrbegriff der realen preußischen Gesellschaft beleuchtet wurde, soll das Augenmerk nun wieder auf den literarischen Gegenstand dieser Untersuchung gerichtet werden.

Der Begriff der Ehre ist während des gesamten Romans eng an das adlige Selbstverständnis geknüpft. Seinen Ausgangspunkt findet es in der damals üblichen ständischen Heiratspraxis, der auf Gegenseitigkeit beruhende Zuneigung und Liebe zugunsten des gemeinsamen Ethos‘ und materieller Besitztümer zum Opfer fallen. Effi betont diese Konvention gegenüber ihren bürgerlichen Freundinnen nach der Verlobung mit Innstetten: „Gewiss ist er der Richtige. Das verstehst du nicht, Hertha. Jeder ist der Richtige. Natürlich muss er von Adel sein und eine Stellung haben […]“ (S. 16, Z. 21-23). Der zuletzt von Effi genannte Aspekt hebt hervor, warum ihre Mutter Briest, der bereits „Ritterschaftsrat war und Hohen-Cremmen hatte“ (S. 9, Z. 37-38), gegenüber dem jungen Soldaten Innstetten den Vorzug gab. Doch nun ist er als Landrat in einer ehrenvollen und vielversprechenden Position, sodass Effi mit ihm ihre gesellschaftlichen Ambitionen erfüllen kann (Vgl. S. 28, Z. 18-19). Wenn Effi ihrer Mutter gegenüber äußert:

Und wenn es Zärtlichkeit und Liebe nicht sein können, […], nun dann bin ich für Reichtum und ein vornehmes Haus, ein ganz vornehmes, wo Prinz Friedrich Karl zur Jagd kommt, auf Elchwild oder Auerhahn, oder wo der alte Kaiser vorfährt und für jede Dame, auch für die jungen, ein gnädiges Wort hat. Und wenn wir dann in Berlin sind, dann bin ich für Hofball und Galaoper, immer dicht neben der großen Mittelloge (S. 26, Z. 17-26, Hervorhebung im Original),

so wird der Stellenwert, den sie gesellschaftlichem Ansehen, Wertschätzung und Ehrbekundigungen beimisst, überaus deutlich. Ehre manifestiert sich für Effi demnach ausschließlich in dem äußeren, öffentlichen Bereich, ermöglicht durch die Hochzeit mit einem Mann, der in der Gunst von Bismarck und des Kaiser steht und berufliche Aufstiegschancen hat. Ein Verständnis von innerer Ehre gemäß einer ehrenvollen Gesinnung und dementsprechendem Handeln lassen sich bei ihr nicht feststellen, weder vor noch während der Ehe: zu groß ist ihr Hang nach „Zerstreuung“ (S. 26, Z. 30), zu sehr ist sie „Tochter der Luft“ (S. 6, Z. 23). So sagt sie besorgt zu ihrer Mutter: „Ach, und ich … ich habe keine [Grundsätze, JE].“ (S. 28, Z. 40)

Gegen die Existenz einer inneren Ehre, sprich Tugend- und Moralvorstellungen spricht nicht der Ehebruch an sich, da er „[…] weniger als moralische[r, JE], denn als soziale[r, JE] oder bestenfalls pyschologische[r, JE] Casus […]“[21] gezeichnet ist, sondern vielmehr ihr nicht vorhandenes Schuldbewusstsein, zeigt sie doch keinerlei Reue über ihr Handeln, sondern lediglich über die damit zwangsläufig verbundenen Lügen (Vgl. S. 185, Z. 5-30). Mit dem Ehebruch bringt Effi sich schließlich nicht nur um „freie Luft und lichte Sonne“ (S. 215, Z. 34-35), sondern auch um ihre Ehre, da diese zum einen an Innstetten geknüpft war, und zum anderen, da die Gesellschaft dieses Vergehen nicht billigt und sie im Ausschluss derer leben muss. So war es auch ihr letzter Wunsch, auf ihrem Grabstein wieder ihren alten Namen zu tragen, mit der Begründung, dem anderen keine Ehre bereitet zu haben (Vgl. S. 249, Z. 29-30).

Innstetten hingegen ist durchaus im Besitz einer inneren Ehre, sie bildet bei ihm ein Zusammenspiel mit der ihm von der Öffentlichkeit zuteilwerdenden Ehre, sprich es manifestiert sich ein „Zusammenspiel von öffentlichem Bild und individuellem Selbstverständnis“[22]: Die Attribute, die seine innere Ehre kennzeichnen, verleihen ihm das Ansehen der Gesellschaft, und jenes wiederum lässt ihn darum bemüht sein, seine ehrenhafte Gesinnung zu wahren und nach ihr zu handeln.

Seine innere Ehre manifestiert sich in seinen Grundsätzen und Prinzipien (Vgl. u.a. S. 28, Z. 35-39), nach welchen er stets zu handeln vermag. So weiß er „in allem das richtige Maß […]“ (S. 27, Z. 35-36) zu halten, versteht sich auf Zuverlässigkeit, Gewissenhaftigkeit und auf Pünktlichkeit (Vgl. S. 35, Z. 19-20), steht zu früher Stunde auf, um seine täglichen Aufgaben zu verrichten (Vgl. S. 44, Z. 17-22) und ist ein Befürworter und Vertreter von Disziplin, Zucht und Ordnung (Vgl. S. 108, Z. 33-36). Auch seine Umgangsformen sind tadellos, ist er doch „ein Mann der feinsten Formen“ (S. 26, Z. 7) und von „guten Sitten“ (S. 14, Z. 18). Seine personale Ehre gründet sich zudem auf seine Bildung, die sich etwa durch seinen Kunstenthusiasmus (Vgl. S. 34, Z. 14-20) und die Kenntnis des literarischen Kanons (Vgl. S. 34, Z. 22-24) äußert.

Dies alles begründet Innstettens Selbstverständnis von einer ehrenhaften Gesinnung und ehrenvollen Handeln und seine Integration in die gute Gesellschaft. Doch eine noch dominantere Rolle spielt die äußere, durch die Gesellschaft bekundete Ehre, wie durch seine Bindung an die gesellschaftlichen Normen deutlich wird, welche ihn schließlich zu der Entscheidung für das Duell mit Crampas bewegen.

Von großer Bedeutung für Innstettens gesellschaftliches Ansehen ist die Gunst, die er von Bismarck und dem Kaiser erfährt. Bereits als Effi ihren Freundinnen von dem Besuch des Landrats erzählt, wird dessen Beziehung und Nähe zur Obrigkeit hervorgehoben: „und es heißt, Bismarck halte große Stücke von ihm und auch der Kaiser, und so kam es denn, dass er Landrat wurde […]“ (S. 10, Z. 14-16). Die Bedeutung, die jene Wertschätzung für Innstetten birgt, ist durchweg präsent, kann sie ihm doch den angestrebten beruflichen Aufstieg sichern. Sobald der Fürst im nahe gelegenen Varzin zugegen ist, weiß Innstetten, dass „an ruhige Tage für ihn gar nicht mehr zu denken sei.“ (S. 57, Z. 26-27)

Er ist so sehr darauf bedacht, sein Ansehen zu wahren, dass er jede seiner Handlungen nach der vermeintlichen Wirkung auf Bismarck beurteilt. So stellt er seine Ehre über Effis Bedürfnisse, Wünsche und Ängste, mit der Begründung, er würde sich lächerlich machen oder Bismarck gar zurückweisen, wenn er Einladungen des Fürsten absage oder gar aufgrund Effis Furcht vor dem Spuk eine neue Wohnung beziehe (Vgl. S. 65, Z. 35-40, S. 66, Z. 1, S. 67, Z. 8-15). Hierzu stellt Grawe folgerichtig fest: „Innstettens Pflicht gegenüber dem Staat und das Wohlbehagen seiner Frau scheinen sich wechselseitig auszuschließen.“[23]

Doch Innstetten stellt sich nicht nur in Abhängigkeit von der Meinung des Fürsten, sondern auch in „Abhängigkeit von dem Urteil der Gesellschaft“[24], was er selbst wie folgt begründet: „Man ist nicht bloß ein einzelner Mensch, man gehört einem Ganzen an, und auf das Ganze haben wir beständig Rücksicht zu nehmen […]“ (S. 199, Z. 13-15), worauf es in der weiteren Untersuchung noch näher einzugehen gilt. An dieser Stelle wird nochmals die Verknüpfung des Ehrbegriffs an den aristokratischen Stand deutlich, ist er als Adliger und zudem noch als Mann im Staatsdienst und somit im Zentrum des öffentlichen Interesses der Einhaltung der geltenden gesellschaftlichen Normen verpflichtet.

Diesbezüglich stellt auch Effi unter Berufung auf eine Aussage Onkel Bellings fest, dass er seine Liebe aufgrund der Annahme, dies sei für einen Mann des öffentlichen Dienstes nicht angemessen, nicht zum Ausdruck bringen kann (Vgl. S. 103, Z. 19-24), was die Priorität der Ehre für Innstetten nochmals hervorhebt.

Die Gesellschaft schätzt ihn als eine Autoritätsperson (Vgl. S. 43, Z. 14-15) und als die Verkörperung von Disziplin, Tugenden und Grundsätzen – jene Eigenschaften, die in Zeiten des Wandels und der Auflehnung Preußens Status aufrecht erhalten (Vgl. S. 98, Z. 17-24. Da diese Eigenschaften von der Gesellschaft in den Dienste nationaler Bestrebungen und der Verteidigung und Einhaltung der preußischen Macht gestellt werden, wird Innstettens Ehre durchaus verstärkt.

Wie bereits angesprochen spielt auch Innstettens Beruf im Staatsdienst eine bedeutsame Rolle hinsichtlich seines Ehrbegriffs. Denn sein Beruf erfordert die Integration in die Gesellschaft und die Wohlgesinnung dieser, und da die Ehe zu jener Zeit weniger eine private, als eine gesellschaftliche Institution ist, die die Würde des ständischen Bewusstseins unterstreicht, entspricht es Effis Aufgabe, ihren Mann wohlwollend zu repräsentieren, ja sich in den Dienst seines gesellschaftlichen Ansehens zu stellen und dies zu mehren.[25] So ist denn auch Innstettens äußere Ehre gemäß der ständischen Heiratspraxis zu einem Teil an Effi geknüpft, sagt er doch nach der letzten gesellschaftlichen Visite in Kessin: „Wirst du populär werden und mir die Majorität sichern, wenn ich in den Reichstag will?“ (S. 57, Z. 11-12)

In Berlin äußert er dann den Wunsch, dass es im ganzen Ministerium heiße: „,Ja, die liebenswürdigste Frau, die wir jetzt haben, das ist doch die Frau von Innstetten‘.“ (S. 186, Z. 28-30)

[...]


[1] Vgl. Müller-Seidel, Walter: Theodor Fontane. Soziale Romankunst in Deutschland. 2. Auflage. Stuttgart: Metzler 1980. S. 367.

[2] Vgl. Köhne, Roland: Effi Briest und die Duellfrage. Zu einem Brief Fontanes an Maximilian Harden. In: Fontane Blätter 64 (1997). S. 110-115, hier S. 110.

[3] Fontane an Friedrich Stephany. 2. Juli 1894. In: Theodor Fontane. Werke, Schriften und Briefe. Hrsg. von Walter Keitel und Helmuth Nürnberger. Abt. 4, Bd. 4: 1890-1898. Hrsg. von Otto Drude und Helmuth Nürnberger. München: Hanser 1982. S. 370-371, hier S. 370. Hervorhebung im Original.

[4] Vgl. Greif, Stefan: Ehre als Bürgerlichkeit in den Zeitromanen Theodor Fontanes. Paderborn u.a.: Schöningh 199 (= Schriften der Universität, Gesamthochschule Paderborn 12). S. 14.

[5] Vgl. ebd.

[6] Ebd., S. 11.

[7] Speitkamp, Winfried: Ohrfeige, Duell und Ehrenmord. Eine Geschichte der Ehre. Stuttgart: Reclam 2010. S. 135.

[8] Vgl. ebd., S. 138.

[9] Vgl. ebd., S. 140.

[10] Vgl. ebd., S. 135.

[11] Ebd.

[12] Vgl. Speitkamp: Ohrfeige, Duell und Ehrenmord, S. 10.

[13] Ebd., S. 137.

[14] Vgl. ebd., S. 136.

[15] Vgl. ebd., S. 138.

[16] Vgl. ebd., S. 131.

[17] Müller-Seidel, Walter: Theodor Fontane. Soziale Romankunst in Deutschland. S. 354.

[18] Speitkamp: Ohrfeige, Duell und Ehrenmord, S. 131.

[19] Vgl. Greif: Ehre als Bürgerlichkeit in den Zeitromanen Theodor Fontanes, S. 96.

[20] Speitkamp: Ohrfeige, Duell und Ehrenmord, S. 10.

[21] Glaser, Horst Albert: Theodor Fontane: Effi Briest (1894). Im Hinblick auf Emma Bovary und andere. In: Horst Denkler (Hg.): Romane und Erzählungen des Bürgerlichen Realismus. Neue Interpretationen. Stuttgart: Reclam 1980. S. 362-377, hier S. 363.

[22] Speitkamp: Ohrfeige, Duell und Ehrenmord, S. 139.

[23] Grawe, Christian: Effi Briest: »Geducktes Vögelchen in Schneelandschaft«: Effi von Innstetten, geborene von Briest. In: Ders.: »Der Zauber steckt immer im Detail«. Studien zu Theodor Fontane und seinem Werk 1976-2002. Dunedin: University of Otago 2002 (= Otago German Studies 16). S. 385-402, hier S. 393.

[24] Köhne: Effi Briest und die Duellfrage, S. 113-114.

[25] Vgl. Greif: Ehre als Bürgerlichkeit in den Zeitromanen Theodor Fontanes, S. 180.

Details

Seiten
24
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640955824
ISBN (Buch)
9783640956111
Dateigröße
556 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174921
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
13
Schlagworte
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Titel: „So aber war alles einer Vorstellung, einem Begriff zuliebe […].“ – Zum Ehrkonflikt in Theodor Fontanes „Effi Briest“