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Identitätskonstitutionen in medial vermittelten Wirklichkeiten

Ein Versuch der Figuren in Peter Stamms Romanen 'Agnes und An einem Tag wie diesem' zu sich selbst zu finden

Hausarbeit 2008 26 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Konstitution von Identität der Figur Agnes in Peter Stamms Roman Agnes
2.1 Identitätssuche in der Geschichte
2.1.1 Agnes’ selbstverfasster literarischer Text
2.1.2 Die ‚Agnes’-Geschichte
2.2 Identitätssuche im Bild
2.2.1 Die Videoaufzeichnung
2.2.2 Seurats Gemälde Un Dimanche d’été de la Grande Jatte
2.3 Identitätssuche im Rahmen des Computers

3. Konstitution von Identität der Figur Andreas in Peter Stamms Roman An einem Tag wie diesem
3.1 Identitätssuche in der Geschichte
3.2 Identitätssuche im Bild
3.2.1 Die Fotos
3.2.2 Der Film
3.3 Identitätssuche im Rahmen der Tonbandkassette

4. Vergleich der Identitätskonstitutionen
4.1 Die Suche nach dem Selbst
4.2 Das Finden des Selbst

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die größte Herausforderung für jeden einzelnen, so hat Peter Stamm einmal in einem Interview erklärt, bestehe darin, damit klar zu kommen, dass es keinen Sinn im Leben gäbe. Dies ertragen zu können, so dass nur noch ein Staunen über die Vielfalt und die Schönheit überbleibe, sei für ihn die entscheidende Leistung des Menschen.1

Bevor die Figuren in Stamms Romanen Agnes und An einem Tag wie diesem jedoch zu dieser Einsicht gelangen, begeben sie sich auf einen langen und zu- weilen schwierigen Weg der Identitätssuche. Dabei verlassen die Protagonisten der zwei Romane, Agnes und Andreas, nicht selten die gelebte Realität und flüchten in eine Wirklichkeit, die ihnen durch verschiedene Medien eröffnet wird. Aufgabe dieser wissenschaftlichen Arbeit wird es daher sein, die Identitätskon- stitutionen der Figuren Agnes und Andreas im Rahmen medial vermittelter Wirklichkeiten zu analysieren und anschließend miteinander zu vergleichen. Hierbei werden zunächst für jeden der Romane die Identitätssuche im Medium der Geschichte als auch im Medium des Bildes behandelt. Später folgt eine Un- tersuchung der Identitätsbildung im Kontext des Computers (Agnes) bzw. der Tonbandkassette (An einem Tag wie diesem). Schließlich werden die Identi- tätssuche und die Identitätsfindung der beiden Hauptfiguren miteinander vergli- chen, wobei sich sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten herausarbei- ten lassen.

2. Konstitution von Identität der Figur Agnes in Peter Stamms Roman Agnes

2.1 Identitätssuche in der Geschichte

Die fiktionale Geschichte - ein Lebensersatz? Die Figur Agnes in Peter Stamms gleichnamigen Roman Agnes würde diese Frage mit einem klaren „Ja“ beant- worten. Agnes versteht Literatur und die damit verbundene Fiktion als durchaus erreichbare Lebensalternative zu ihrer realen Existenz. Die Gefahren, die sich aus der Wechselbeziehung zwischen Literatur und dem eigenen Ich ergeben können, sind ihr jedoch bewusst: „,Ich lese nicht mehr viel’, sagte Agnes, […], weil ich nicht mehr wollte, dass Bücher Gewalt über mich haben. Es ist wie ein Gift. Ich habe mir eingebildet, ich sei jetzt immun. Aber man wird nicht immun. Im Gegenteil.’“2

Trotzdem kann Agnes der Literatur und ihrer Wirkungskraft nicht widerstehen. Zum einen versucht sie sich selbst als Schriftstellerin, indem sie eine Kurzgeschichte schreibt, zum anderen stellt sie sich bereitwillig als Protagonistin für die auf ihr Betreiben hin verfasste ‚Agnes’-Geschichte des Ich-Erzählers zur Verfügung. Als Folge des Transformationsprozesses von einem Leben in der gelebten Wirklichkeit zu einem Leben in der Fiktion der Geschichte, konstituiert sich auch das Selbst von Agnes in einem neuen Verhältnis.

2.1.1 Agnes’ selbstverfasster literarischer Text

Einen ersten tiefen Einblick in die Selbstwahrnehmung von Agnes bekommt der Leser durch ihre eigene verfasste Kurzgeschichte.3 Diese beginnt mit densel- ben Worten, mit denen sie auch endet: „Ich muß gehen. Ich stehe auf. Ich ver- lasse das Haus.“4 Die von Agnes gewählte Ich-Perspektive deutet bereits auf ein hohes Identifikationspotential zwischen Autorin und Protagonistin der Ge- schichte hin. Diese Annahme festigt sich ebenfalls auf der inhaltlichen Ebene. Auch Agnes hat das Gefühl, gehen zu müssen und das „Haus“, d.h. ihr bisheri- ges Leben, auf irgendeine Art und Weise verlassen zu müssen.

Agnes ist nämlich auf der Suche - auf der Suche nach einem Inhalt für die „Lee- re in der Mitte.“5 In ihrer Geschichte wird diese Leere durch einen Mann ausge- füllt, dem die weibliche Hauptfigur im Zug begegnet. Der Mann verfolgt sie mit jedem Schritt und kommt ihr immer näher, bis sie schließlich feststellen muss: „Er ist in mir, er füllt mich aus.“6 Das nachfolgende Spiegelbild, als charakteristi- sches Motiv von Selbstreflexion in der Literatur,7 offenbart die ganze Krise ihrer Identität. Sie begegnet sich nicht in ihrer eigenen Person, sondern in der Per- son des Mannes: „Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich nur ihn. Ich erken- ne meine Hände nicht mehr, meine Füße nicht. Meine Kleider sind zu klein, meine Schuhe drücken, mein Haar ist heller geworden, meine Stimme dunk- ler.“8

Birgit Schmid weist an dieser Stelle auf eine signifikante Parallele zwischen der Protagonistin der Geschichte und ihrer Verfasserin Agnes hin. Beide sind ihrem Hingabewillen und ihrem Bedürfnis nach Selbstaufgabe verfallen, was letztlich in die Fremdbestimmung führt.9 Die Ich-Erzählerin der Kurzgeschichte sowie Agnes selbst werden abhängig von einem Mann, von dem sie glauben, er kön- ne ihnen Halt und ihrem formlosen Ich eine Identität geben. Doch als sie mer- ken, dass sie selbst nicht mehr existieren, sondern sich vollkommen in diesen Mann verwandelt haben, ist es zu spät. Sie verlassen das Haus und gehen in die Leere. Die Protagonistin der Geschichte wird von Agnes ‚gelöscht’, die Au- torin selbst geht in den Schnee und damit wahrscheinlich in den Tod.

2.1.2 Die ‚Agnes’-Geschichte

„Schreib eine Geschichte über mich […] damit ich weiß, was du von mir hältst […], eine Geschichte mit dir und mir.“10 Als Agnes dem Ich-Erzähler diesen Auf- trag erteilt, ahnt sie noch nicht, welchen Ausgang das „Experiment“11 haben wird. Was als spielerisches Beziehungstagebuch beginnt, wird bald zu einem verhängnisvollen Drehbuch eines anders nicht mehr lebbaren Lebens.12 Warum aber drängt Agnes den Ich-Erzähler zum Verfassen einer Geschichte? Die Antwort gibt sie selbst: um „in der Erinnerung anderer Menschen, von unse- ren Kindern [u]nd in dem, was wir geschaffen haben [weiterzuleben].“13 Agnes will eine „Spur“14 hinterlassen, und zwar eine Spur ihrer eigenen Identität. Sie hat Angst davor, ihr Ich könnte sich auflösen, würde es nicht in irgendeiner Form schriftlich festgehalten werden. Agnes’ Aussage „Es gibt kein einziges gutes Bild von mir. Auf dem man mich sieht, wie ich bin,“15 betont dieses Bedürfnis nach Selbstvergewisserung.16 Sie muss sich davon überzeugen, im Hier und Jetzt ein eigenes Selbst zu haben und lebendig zu sein, denn nach dem Tod „[ist] alles zu Ende.“17 Das Medium der Geschichte erscheint ihr dabei als ideale Möglichkeit, solch eine Selbstbestätigung zu erreichen.

Doch statt Agnes dabei zu helfen, zu sich selbst und ihrer eigenen Identität zu finden, entfremdet die vom Ich-Erzähler verfasste Geschichte Agnes von sich selbst und lässt sie nach und nach zu einer rein fiktiven Figur werden. Als der Ich-Erzähler in seiner Geschichte die Gegenwart erreicht, versteht Agnes das Geschriebene nicht mehr lediglich als Festhalten von bereits Erlebtem, sondern als Anweisung für ihr weiteres Handeln. Die Geschichte wird dabei zu einer Art „Befehl“18, dem sich Agnes unterwirft und die sie vom Subjekt zum Objekt des Handelns werden lässt.19 Bei ihrer Suche nach einem geradezu ‚idealen’ Ich gibt Agnes den Anspruch auf ein unabhängiges Leben in der Wirklichkeit bald völlig auf und konzentriert sich nur noch auf das Leben in der Fiktion. Ständig versucht sie, die Wirklichkeit der Geschichte anzupassen, wobei sie sich immer mehr mit der Rolle der fiktiven Agnes identifiziert. Anstatt frei nach ihrem eige- nen Willen zu handeln, sagt sie beispielsweise zum Ich-Erzähler: „,Erst will ich wissen, was ich zu tun habe, […] ich möchte keine Fehler machen.’“20 Als Ag- nes eine Fehlgeburt erleidet, soll die Geschichte ihr sogar als Ersatz für das Vitale dienen, das sie im wirklichen Leben verloren hat21: „,Du musst es auf- schreiben’, sagte Agnes, ,du musst uns das Kind machen. Ich habe es nicht geschafft.’“22

Der letzte Drang von Agnes, unabhängig leben zu müssen, ]löst sich mit ihrem (literarischen) Tod auf.23 Nachdem der Ich-Erzähler der Agnes-Figur in seiner Geschichte den Tod vorgeschrieben hat, nimmt die ‚reale’ Agnes - als Konse- quenz ihrer Identifikation mit der literarischen Figur - diesen Tod als Muster für ihren eigenen. Hierbei argumentiert Birgit Schmid zutreffend: „Agnes stirbt lite- rarisch. Sie vollzieht das Sterben in der Weltliteratur, das sie zuvor im Geiste der Fantasie durchlebte, real.“24 Mit ihrem Tod hinterlässt Agnes schließlich das, wonach sie so lange gesucht hat: eine Spur im Schnee, eine Spur in der Leere ihrer Identität.

2.2 Identitätssuche im Bild

2.2.1 Die Videoaufzeichnung

Neben der Identitätssuche in der Geschichte versucht Agnes ihr Ich in der Welt der Bilder zu formen. Als Hilfsmittel, um in die visuelle Wirklichkeit einzutau- chen, dient ihr zum Beispiel die Videokamera. Auf den ersten Blick scheint es, als ob eine Videoaufzeichnung die Realität so darstellt, wie sie wirklich ist. Dem Betrachter einer Videoaufnahme werden authentische Bilder von Situationen gezeigt, die sich wirklich einmal so ereignet haben; so auch dem Ich-Erzähler. Zu Beginn des Romans schaut er sich das Video an, das Agnes bei der Wande- rung im Nationalpark aufgenommen hat.25 Neben der von ihm verfassten ‚Ag- nes’-Geschichte ist es das einzige Erinnerungsstück, was ihm von Agnes geblieben ist. Doch genau zu diesem Zweck hat Agnes die Videokamera auf den Ausflug mitgenommen. Sie wollte eine Erinnerung, eine Spur hinterlassen, wie sie es bereits mit ihrer selbstgeschriebenen Geschichte getan hat. Neben dem Medium der Geschichte stellt das Video demnach eine weitere Form der Unendlich- und Unsterblichkeit ihrer Person dar, zumindest in Bezug auf die Nachwelt.26

Doch wie schon erwähnt, ist die Videoaufzeichnung nur scheinbar objektiv und distanzlos. Allein die Auswahl der gefilmten Objekte und Szenen weist auf den Charakter der Person hin, die filmt: in diesem Fall Agnes.27 Diese richtet die Kamera beispielsweise sehr lange auf das Gesicht des Ich-Erzählers, als sei es ein Versuch, ihn durch die Linse zu erforschen, ihm „näher zu kommen, aber das Bild wird unscharf, und sie weicht von neuem zurück.“28 Die Bemühungen des Ich-Erzählers, Agnes selbst ins Bild zu bekommen, scheitern an ihrer „ab- wehrenden Handbewegung.“29 Auch als Agnes versucht, sich selbst im Rück- spiegel zu filmen, ist kaum etwas von ihr zu erkennen. Hier zeigt sich noch ein- mal deutlich, dass Agnes über eine nur schwach ausgebildete Ich-Identität ver- fügt, die schwer festzuhalten ist. Sobald es um ihre eigene Person geht, wirkt sie unsicher und schüchtern. Stattdessen konzentriert sie sich auf den Ich- Erzähler, der den Film und bald auch ihr Leben dominieren soll.

2.2.2 Seurats Gemälde Un Dimanche d’été de la Grande Jatte

Bei der Suche nach einer Beschreibung des Glücks stoßen Agnes und der IchErzähler auf George Seurats berühmtes Gemälde Un Dimanche d’été de la Grande Jatte (Ein Sonntag auf Grande Jatte)30, das Agnes sofort als Projektionsfläche für ihre eigene Identität dient. Die Möglichkeit der Identifikation entsteht einerseits durch den von Seurat angewandten pointillistischen Malstil, andererseits durch die auf dem Bild gezeichneten Personen.

Das Besondere an Seurats Gemälde ist zum einen die Maltechnik des so ge- nannten Pointillsimus. Bei einem solchen Malstil werden viele kleine regelmäßi- ge Tupfer komplementärer Farbpigmente nebeneinandergesetzt, wobei die Farben Weiß und Schwarz komplett ausgelassen werden.31 Dadurch besteht jede Fläche aus Punkten in allen Farben, welche „erst aus der Distanz als Gan- zes [wirken].“32

[...]


1 Vgl. Weber, Ingmar, Jürgen Sander: Vom Glück des Butterbrotstreichens. Büchergilde Interview mit Peter Stamm, Teil1.

http://www.buechergilde.de/archiv/exklusivinterviews/stamm_teil1.shtml (30.07.2008).

2 Stamm, Peter: Agnes. 11. Aufl. Zürich/Hamburg: btb Verlag 2001, S. 120.

3 Vgl. Stamm: Agnes, S. 42.

4 Ebd.

5 Stamm: Agnes, S. 44.

6 Stamm: Agnes, S. 42.

7 Vgl. Sander, Gabriele: Vexierbilder des Ich: Zur Verwendung des Spiegelmotivs in der deutschsprachigen Literatur der Nachkriegszeit. In: Spuren der Identitätssuche in zeitgenössischen Literaturen. Hg. v. Jürgen Kamm, Norbert Schaffeld, Marion Spies. Trier: Wissenschaftlicher Verlag Trier 1994, S. 39-63.

8 Stamm, Peter: Agnes, S. 42.

9 Vgl. Schmid, Birgit: Die literarische Identität des Drehbuchs. Untersucht am Fallbeispiel ‚Agnes’ von Peter Stamm. Bern: Peter Lang 2004, S. 102.

10 Stamm: Agnes, S. 49.

11 Ebd.

12 Vgl. Staub, Norbert: Rieselnde Wirklichkeiten. In: Neue Zürcher Zeitung (08.10.1998).

13 Stamm: Agnes, S. 28.

14 Stamm: Agnes, S. 32.

15 Stamm: Agnes, S. 47.

16 Vgl. Schmid: Literarische Identität, S. 100.

17 Stamm: Agnes, S. 24.

18 Stamm: Agnes, S. 63.

19 Vgl. Nuber, Achim: o.T. In: Deutsche Bücher. Forum für Literatur. Hg. v. Ferdinand van Ingen, Hartmut Laufhütte, Hendrik Meijering. Berlin: Weidler 1999 H. 2. S. 85-88. S. 86.

20 Stamm: Agnes, S. 64.

21 Vgl. Staub: Rieselnde Wirklichkeiten. (08.10.1998).

22 Stamm: Agnes, S. 116.

23 Vgl. Wirth, Michael: Tödlicher Paarlauf. In: Schweizer Monatshefte Jahrgang 78 (1998). H.11. S. 46-47. S. 47.

24 Schmid: Literarische Identität, S. 205.

25 Vgl. Stamm: Agnes, S. 10f.

26 Vgl. Stamm: Agnes, S. 28.

27 Vgl. Schmid: Literarische Identität, S. 95.

28 Stamm: Agnes, S. 11.

29 Ebd.

30 Vgl. Famous Artist Gallery : Seurat - A Sunday Afternoon at La Grande Jatte. http://www.famousartistsgallery.com/gallery/seurat-gj.html (07.08.08).

31 Vgl. Artelino: George Seurat. http://www.artelino.de/articles/georges_seurat.asp (07.08.08).

32 Stamm: Agnes, S. 68.

Details

Seiten
26
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640956487
ISBN (Buch)
9783640956081
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174909
Institution / Hochschule
Universität Paderborn
Note
Schlagworte
Peter Stamm Neuere deutsche Literatur Agnes An einem Tag wie diesem Identitätskonstruktion

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