Lade Inhalt...

Höfische Repräsentation und schöner Schein im Nibelungenlied

Hausarbeit 2011 14 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Repräsentation und schöner Schein am Hof und in der höfischen Literatur nach Horst Wenzel
2.1 Vorbemerkungen und Begriffsbestimmung
2.2 Der Herr als Spiegel allgemeiner Ordnung oder die Harmonisierung von Haupt und Gliedern
2.3 Der Körper als Ausdruck des Geistes oder die Harmonisierung von Innen und Außen
2.4 Nichtöffentliches Herrschaftshandeln und Repräsentativer Schein
2.5 Höfische Repräsentation und ihre Bedeutung in der Literatur

3. Höfische Repräsentation im Nibelungenlied: 7. Aventiure

1. Einleitung

„Im kirchlichen Ritus wird der abwesende Gott vergegenwärtigt und eingebunden in die materielle Welt. Im höfischen Zeremoniell wird die Abstufung von Herrschaft in einer ästhetisierenden Überhöhung des adligen Lebens dargestellt“1.

In folgender Ausarbeitung setze ich mich mit der höfischen Repräsentation im Mittelalter auseinander, indem ich im ersten Teil die Theorie „Repräsentation und schöner Schein am Hof und in der höfischen Literatur“ von Horst Wenzel erläutere und im zweiten Teil die gewonnenen Erkenntnisse mit der siebten Aventiure des Nibelungenliedes verbinde.

Zunächst beginne ich mit einigen Vorbemerkungen und Begriffsbestimmungen, danach erläutere ich die Funktionen des Herren in der höfischen Repräsentation und die Bedeutung des Körpers. Nachfolgend behandel ich das Phänomen der Nichtöffentlichkeit und des repräsentativen Scheins und beende den ersten Teil mit der Bedeutung der Literatur für die höfische Repräsentation.

Im zweiten Teil versuche ich dann, einige Phänomene höfischer Repräsentation in der siebten Aventiure des Nibelungenliedes aufzuzeigen und mit der vorgestellten Theorie zu verbinden.

2. „Repräsentation und schöner Schein am Hof und in der höfischen Literatur“ nach Horst Wenzel

2.1 Vorbemerkungen und Begriffsbestimmung

Zu Beginn der Untersuchung steht das Bestreben, Horst Wenzels Verständnis von höfischer Repräsentation im Mittelalter darzulegen, welches er in den Vorbemerkungen zum Ausdruck bringt. Er stellt zunächst fest, dass „im 12. und im frühen 13. Jahrhundert die volkssprachliche Literatur einen eigenen courtoisen Raum erhebt, der sich von der traditionellen adligen Kultur und ihren etablierten Mustern abgrenzt“2. Neue Standards der Selbstdarstellung bilden sich mit der Zunahme der Schriftlichkeit heraus und ein eigenes höfisches Symbolsystem wird etabliert, welches dem „avancierten Adel ermöglicht, sich nach innen zu verständigen und zugleich nach außen abzugrenzen“3. Höfische Verhaltensstandards, Lebensformen und Sprachregulierungen werden ausgeformt und erfahren besonders im festlichen Zeremoniell, das auf den Herrn zentriert ist und auf Tradition beruht, die größte Ausprägung. Dazu zählen höfische Phänomene wie modische Kleider, Tanz, Körperhaltung, höfische Gebärden, Musik und insbesondere die Sprache, welche „Regulative formuliert, mit denen und in denen der avancierte Adel seinen Vorrang deutlich macht“4.

Weiter bestimmt Horst Wenzel den zentralen Begriff der „Repräsentation“, die in der öffentlichen Darstellung von Rang und Rangansprüchen zur Geltung kommt, und verweist auf die Definition von Hasso Hofmann, für den „kein terminologischer Konsens existiert“5. Dennoch kann der Begriff der Repräsentation nach Hofmann in drei Bedeutungsweisen aufgefasst werden:

„1. die theologische Verwendung im Sinne von Urbild-Abbild
2. die juristische Verwendung im Sinne von Stellvertretung und
3. die Selbstartikulation eines Kollektivs als Indentitätsrepräsentation“6.

Darauf basierend entwickelt Horst Wenzel nun ein symbolisches Verständnis über die standardisierten Muster höfisch-adlischen Verhaltens, welches „die öffentliche Darstellung signifikanter Statuspositionen mit den christlichen Grundwahrheiten über die Welt und den Menschen verbindet“7. Sowohl im sakralen, kirchlichen Ritus als auch im höfischen Zeremoniell wird dieser symbolische Verweisungszusammenhang deutlich: „Im kirchlichen Ritus wird der abwesende Gott vergegenwärtigt und eingebunden in die materielle Welt. Im höfischen Zeremoniell wird die Abstufung von Herrschaft in einer ästhetisierenden Überhöhung des adligen Lebens dargestellt“8. Beiden gemein ist das wesentliche Merkmal der Repräsentation, nämlich dass sie für alle Sinne wahrnehmbar ist. Weil die Welt im Mittelalter stets als sinnhafte Schöpfung Gottes vorausgesetzt ist, umfasst der Bereich der Repräsentation sowohl weltliche als auch geistliche Erscheinungsformen. Dementsprechend kann „der Begriff der Repräsentation in politisch-rechtlichem Sinne so wie im theologischen Sinne verstanden werden“9. Da die beiden Phänomene im Mittelalter jedoch kaum zu trennen sind, wird Horst Wenzel im weiteren Verlauf den Repräsentationsbegriff im Sinne von Symbolisierung von sozialem Rang gebrauchen. An anderer Stelle definiert er den Begriff der Repräsentation hinsichtlich des mittelalterlichen Hofes und der Kirche allgemein als „Konstruktion von Gegenwärtigkeit, als sinnlich erfassbare Darstellung von nicht faktisch präsenten Personen, Dingen, Werten oder Leitvorstellungen durch verbale und nonverbale Zeichen, aber auch als mentale Vergegenwärtigung/ Vorstellung von extramentalen Erfahrungen und Gegenständen“10. Honoriert wird die repräsentative Statusdemonstration mit dem sozialen Entgelt der êre, die den Trägern als „guter Ruf (fama, name, leumunt) zukommt“11.

2.2 Der Herr als Spiegel allgemeiner Ordnung oder die Harmonisierung von Haupt und Gliedern

Wie bereits eingangs erwähnt, ermöglicht Repräsentation „eine sinnlich (sichtbar, hörbar, fühlbar, greifbar) erfahrbare Darstellung von sozialem Rang“12, die den Statusträger mit seinen Statusprivilegien von der übrigen Gesellschaft abgrenzt. Dabei ist festzuhalten, „dass im Mittelalter die Struktur der Ämtern und Institutionen labil und unersichtlich war“13 ; d.h. derjenige, der einen Status genießen konnte, musste diesen Status erst durch repräsentatives Handeln in Erscheinung bringen. „Wer einen Rang besitzt oder beansprucht, muss sich ausweisen durch seine Erscheinung und durch adäquates Handeln“14. Eine besondere Stellung kommt hier dem repräsentativen Handeln des Herrschers zu. Denn der Herrscher wird ebenfalls nicht notwendigerweise als solcher erkannt, sondern konstituiert erst durch adäquates Herrschaftshandeln ein sinnlich erfahrbares Herrschaftsbild, das die soziale Distinktion gegenüber anderer Teilnehmern ersichtlich macht. „Herrschaft hat nicht die Qualität natürlicher Zeichen (signa propria), sondern muss mit gesetzten Zeichen (signa data), die Qualität der Herrschaft sichtbar machen“15. Derartige gesetzte Zeichen dienen zudem als Mittel zur höfischen Repräsentation und verdeutlichen „den Vorrang der adligen, tugendhaften „courtousie“ gegenüber der defizitären und natürlich seienden Bäuerlichkeit (dörperheit)“16. Verwirklicht wird diese Repräsentation sowohl im Erscheinungsbild des Herrschers als auch durch einen abgegrenzten Lebensstil mit einer reichen Sachkultur, die das Außergewöhnliche, Kostbare und Fremde in großer Fülle aufbietet und für alle Sinne erfahrbar macht. Dies kann beispielsweise durch exklusive Kleidung, Schellen und Glocken, Parfüms und Festmahlen geschehen.

Die Beziehung und das Zusammenspiel zwischen dem Hofherren und der restlichen Gesellschaft soll nun anhand zweier wesentlicher Funktionen von Repräsentation erläutert werden. Nach Hofmann erfüllt nämlich die Repräsentation folgende zentrale Funktionen: „1. Die Darstellung politischer Einheit im zeremoniellen Rollenspiel eines einzelnen und 2. die Herstellung politischer Einheit durch ein Verbindlichkeit erzeugendes, kollektives Verhalten der Mitglieder.

[...]


1 Vgl. Wenzel, 1990, S. 175.

2 Vgl. Wenzel, Horst: Repräsentation und schöner Schein am Hof und in der höfischen Literatur. In: Ragotzky/Wenzel (Hg.): Höfische Repräsentation. Tübingen 1990, S. 171.

3 Vgl. ebenda.

4 Ebenda, S. 172.

5 Hofmann, Hasso: Repräsentation. Studien zur Wort- und Begriffsgeschichte von der Antike bis ins 18. Jahrhundert. Berlin 1974, S. 16.

6 Ebenda.

7 Vgl. Wenzel, 1990, S.175.

8 Vgl. Wenzel, 1990, S. 175.

9 Vgl. ebenda.

10 Wenzel, Horst: Höfische Repräsentation. Symbolische Kommunikation und Literatur im Mittelalter. Darmstadt 2005, S. 12.

11 Vgl. Wenzel, 1990, S]. 180f.

12 Vgl. ebenda, S. 176.

13 Vgl. ebenda, S. 176.

14 Wenzel, 1990, S. 177.

15 Vgl. Wenzel, Horst: Hören und Sehen, Schrift und Bild. Kultur und Gedächtnis im Mittelater. München 1995, S. 21f.

16 Vgl. Wenzel, 2005, S. 18.

Details

Seiten
14
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640955794
ISBN (Buch)
9783640956036
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174902
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,7
Schlagworte
höfische repräsentation schein nibelungenlied
Zurück

Titel: Höfische Repräsentation und schöner Schein im Nibelungenlied