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Religiöses Erleben und Wahn bei psychisch Kranken mit muslimischen Migrationshintergrund

Bachelorarbeit 2009 39 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Migranten in Deutschland unter besonderer Berücksichtigung der türkischstämmigen Anteile
2.1 Begriffsbestimmung und Eingrenzung
2.2 Lebens- und Gesundheitssituation türkischstämmiger Migranten in Deutschland

3. Das religiöse Leben praktizierender Muslime
3.1 Grundlegendes zum Islam und den muslimischen Glaubenspraktiken
3.2 Das islamische Krankheitsverständnis und seine unterschiedlichen Einflüsse
3.3 Traditionelle Heilvorstellungen als Bestandteil der muslimischen Glaubenstradition

4. Wahn als kulturspezifisch geprägtes Syndrom
4.1 Definition des Wahnbegriffs - Symptomatik und Inhalte von paranoidem Erleben
4.2 Krankheitsbilder mit paranoidem Verhalten und ihre Behandlung
4.3 Wahnentstehung unter Berücksichtigung kultur- und religionsspezifischer Aspekte

5. Besonderheiten bei Therapie und Diagnostik von Wahnstörungen bei muslimischen Migranten
5.1 Die Diagnose von Wahnerkrankungen in Bezug zu religions- und kulturspezifischen Einflussfaktoren
5.2 Die Therapie von Wahnerkrankungen in Bezug zu religions- und kulturspezifischen Einflussfaktoren
5.3 Voraussetzungen für eine bedarfsgerechte psychosoziale Versorgung von Migranten

6. Zusammenfassung und Ausblick

Quellenverzeichnis

Anhang
- Anhang 1: Modell der Kulturkompetenz nach Orlandi (1992)
- Anhang 2: Die 12 Sonnenbergerleitlinien nach Machleidt (2002)

1. Einleitung

Deutschland ist vor allem durch seine zentrale Lage in Europa und durch seine relativ stabilen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse ein Zuwanderungsland. 18,4% der Bevölkerung haben einen direkten oder indirekten Migrationshintergrund, d.h. sie sind selbst eingewandert oder in einer zugewanderten Familie aufgewachsen. Migranten finden sich in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens und sind aufgrund ihres häufig schwierigen sozioökonomischen Status und der damit einhergehenden Risiken (vgl. Razum, O. 2008, S. 129) somit auch Zielgruppe des psychosozialen Versorgungsnetzes und „entsprechend groß ist die gesundheitspolitische und sozialmedizinische Bedeutung für die ärztliche, psychologische und soziale Versorgung dieses Teils der Bevölkerung“ (Assion 2004, S. 105). Vor allem im psychosozialen Versorgungsbereich scheint eine genauere Betrachtung dieser Gruppe notwendig. So waren Migranten 2008 beispielsweise bei psychiatrischen Zwangseinweisungen überrepräsentiert, aber bei der psychotherapeutischen Versorgung deutlich unter dem Durchschnitt vertreten. Als Ursache wird hier meist die „mangelnde Patientenorientierung der vorhandenden Versorgungsstrukturen“ und die mangelnde Orientierung an den Bedürfnissen ausländischer Patienten genannt (vgl. Burau et al. 2009, S. 5).

Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, einen Beitrag dazu zu leisten, dass Problemstellungen besser identifiziert und so Handlungsmöglichkeiten für eine Optimierung der vorhandenen Versorgungsstrukturen festgestellt werden können. Um die Ansprüche und Defizite von Therapie, Diagnostik und Beratung bei psychisch Kranken mit Migrationshintergrund genauer zu ermitteln, wird hier exemplarisch das Phänomen des Wahns und seine kulturspezifische Ausgestaltung untersucht. Weil Personen türkischer Abstammung die größte Gruppe der in Deutschland lebenden Ausländer darstellen, werden sie in der vorliegenden Studie exemplarisch in den Vordergrund gerückt.

Die in der vorliegenden Arbeit verfolgte Ausgangsfragestellung lässt sich vor diesem Hintergrund folgendermaßen zusammenfassen: Welche religionsspezifischen Aspekte spielen bei der Ausprägung, Diagnostik und Behandlung von Wahnerkrankungen bei Patienten mit türkischem Migrationshintergrund eine Rolle? Welche Ansprüche ergeben sich daraus an eine optimale Versorgung der in Deutschland lebenden türkischstämmigen Migranten, und welche Weichenstellungen sind erforderlich, damit diesen bei der Umsetzung von Therapie, Diagnostik und Behandlung Rechnung getragen wird?

Abgesehen vom Einführungs- und Schlussteil setzt sich die vorliegende Arbeit aus vier Kapiteln zusammen, in deren Abfolge sich der Gang der Untersuchung widerspiegelt.

Gegenstand des ersten Kapitels sind die Migranten in Deutschland unter besonderer Berücksichtigung des Anteils türkischstämmiger Ausländer. Um ein umfassendes Bild über die psychosozialen Bedürfnisse dieser Gruppe zu erhalten, werden die herrschenden Lebensumstände, die Gesundheitssituation der Migranten und ihre Inanspruchnahme des psychosozialen Versorgungssystems genauer betrachtet.

Das zweite Kapitel behandelt vorrangig den religiösen Hintergrund der türkischstämmigen Einwanderer, die damit verbundenen Glaubenspflichten und - praktiken, sowie den Einfluss des religiösen Hintergrundes auf das Krankheits- und Heilungsverständnis der Patienten. So kann später festgestellt werden, in welchen Bereichen sich Probleme und Konflikte bei der Therapie oder Behandlung erkrankter Patienten ergeben können.

Im Zentrum des dritten Kapitels steht das Phänomen des Wahns, das vor allem im Hinblick auf seine religions- und kulturspezifischen Einflüsse auf die Krankheitsentstehung und -ausprägung betrachtet wird. Insbesondere unter Bezugnahme auf eine Arbeit von Rainer Tölle wird hier eine Beschreibung des Wahns, der unterschiedlichen wahnenthaltenden Krankheitsbilder und deren Behandlung vorgenommen1.

Im vierten Kapitel werden die bis dahin gewonnen Erkenntnisse miteinander verknüpft und für die Ermittlung von Problemstellungen und Handlungsmöglichkeiten im Hinblick auf die Therapie und Diagnostik unter religionsspezifischen Einflüssen bei wahnkranken türkischstämmigen Migranten produktiv gemacht. Und schließlich sollen die daraus für das psychosoziale Versorgungssystem, resultierenden Erfordernisse vorgestellt werden.

Den Abschluss der Arbeit bildet ein mit einem Fazit verbundener Ausblick.

Angesichts der Komplexität des Untersuchungsgegenstands versteht es sich von selbst, dass mit den Ergebnissen der vorliegenden Arbeit kein Anspruch auf Repräsentativität verbunden werden kann. Die Kombination aus Literaturrecherchen und Experteninterviews ist aber vielleicht geeignet, Fachleuten aus Wissenschaft und Praxis Denkanstöße zu vermitteln, die bei weiteren Untersuchungen mit der Problematik hilfreich sein können.

Aus Gründen der Lesbarkeit wird auf geschlechtsspezifische Formulierungen verzichten.

2. Migranten in Deutschland unter besonderer Berücksichtigung der türkischstämmigen Anteile

2.1 Begriffsbestimmung und Eingrenzung

Im Migrationsbericht der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration wird Migration wie folgt beschrieben: „Migration steht für die räumliche Bewegung zur Veränderung des Lebensmittelpunktes von Individuen oder Gruppen über eine bedeutsame Entfernung. Die Verlagerung des Lebensmittelpunktes über die Grenzen eines Nationalstaates ist dabei kennzeichnend für internationale Migration“ (vgl. Migrationsbericht 2005).

Hier spricht man auch von einem direkten Migrationshintergrund (vgl. Brucks 2001, S. 42). Wenn Personen in Deutschland geboren sind und mindestens einen zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil haben, bezeichnet man dies als indirekten Migrationshintergrund (Statistischen Bundesamt, 2009).

Außerdem stellt der Migrationsstatus einen relevanten Einflussfaktor auf die soziale und psychische Situation der Betroffenen dar. Zu unterscheiden sind die legalen Migranten, illegale Migranten und Flüchtlinge sowie Asylbewerber . Legale Migranten sind den Einheimischen rechtlich noch am ehesten gleichgestellt. Sie verfügen über eine Arbeitserlaubnis und eine Krankenversicherung. Illegale Migranten hingegen besitzen keinerlei Rechte und leben ständig in der Angst, entdeckt und ausgewiesen zu werden. Sie besitzen keine Arbeitserlaubnis und leben meist unter problematischen sozio-ökonomischen Bedingungen. Die Lebens- und Arbeitsmöglichkeiten von Flüchtlingen und Asylbewerbern, sind durch die Ausländergesetzgebung stark eingeschränkt. Sie dürfen ebenfalls keine Arbeit aufnehmen und haben nur Anspruch auf eine medizinische Akutversorgung (vgl. Haasen et al. 2000, S. 20).

In Deutschland leben derzeit 15,1 Mio. Migranten, was einem Anteil von 18,4 % der Gesamtbevölkerung entspricht. Was deren Herkunft angeht, können fünf Gruppen unterschieden werden: Die (Spät-)Aussiedler aus Ost- und Südosteuropa, Zuwanderer aus der Türkei, Migranten aus den ehemaligen Anwerberstaaten, die heute der EU angehören2, Zuwanderer aus den Staaten des ehemaligen Jugoslawien und Migranten aus sonstigen Regionen (vgl. Tucci 2008, S. 19 und S. 200). Die größte Gruppe der ausländischen Bevölkerung bilden Personen türkischer Abstammung mit 2,5 Mio. Nur etwa 700.000 davon besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit (Auswärtiges Amt, 2009).

2.2 Lebens- und Gesundheitssituation türkischstämmiger Migranten in Deutschland

Der hohe Anteil an türkischstämmigen Migranten in Deutschland ist durch die enorme Zuwanderung türkischer Gastarbeiter in den 1960er Jahren erklärbar. Seither steigt die Anzahl der türkischen Einwanderer stetig an.

Der Großteil der zugewanderten Türken stammt aus wirtschaftlich unterentwickelten Regionen im Osten und Süden der Türkei. In den entsprechenden Familien herrscht meist noch die traditionelle, ländlich geprägte, patriarchalische Rollenverteilung. Männliche Familienmitglieder stehen vor den weiblichen, alt steht vor jung (vgl. Assion 2004, S. 48f).

Aus dem letzten Sozialbericht für die BRD 2008 geht hervor, dass die Lebens- und Arbeitsbedingungen türkischstämmiger Migranten sich im Vergleich zu den der anderen Herkunftsgruppen schlechter darstellen. Sie sind häufig von Armut betroffen, haben schlechtere Schulabschlüsse und weniger Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Diese Probleme spiegeln sich auch in der subjektiven Wahrnehmungen der Betroffenen wider, und führen zu Ängsten und Unsicherheit (vgl. Tucci 2008, S. 201ff). Hinzu kommt, dass sich türkische Migranten häufiger als andere Zuwanderer von Ausgrenzung betroffen fühlen (vgl. Tucci 2008, S. 200f).

Belastbare und differenzierte Daten zur speziellen Gesundheitssituation türkischstämmiger Migranten liegen nicht vor. Daher muss in diesem Zusammenhang hilfsweise auf entsprechende Daten zur Gesamtheit der Migranten in Deutschland zurückgegriffen werden, die sich aber ebenfalls lückenhaft darstellen.

Nach einer von Machleidt 2006 entwickelten Modellrechnung über die psychische Morbidität von Migranten und die zu erwartende Rate der in Anspruch genommenen psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlungen, die aber nicht mehr als eine Annäherung an die bestehende Problematik sein kann, liegt der Anteil der psychisch erkrankten Migranten in Deutschland bei etwa einem Drittel (vgl. Machleidt 2006, S. 27). Psychische Erkrankungen, die besonders häufig im Zusammenhang mit Migration auftreten, sind psychosomatische Störungen, Angststörungen, Depressionen, posttraumatische Belastungsstörungen und Psychosen (vgl. Machleidt 2006, S. 26, vgl. Collatz 2001, S. 54). Vor allem bezüglich schizophrenen Psychosen zeigt sich ein erhöhtes Vorkommen bei Migranten, ähnliches zeigt sich bei akuten vorübergehenden Psychosen und wahnhaften Störungen (vgl. Burau et al. 2009, S. 6). Ursache für diese Risikoerhöhung sind u.a. schwierige Lebensbedingungen im Gastland, soziale und ökonomische Benachteiligung, Diskriminierung, besondere Belastungen durch den Migrationsprozess und mangelhafte Integration.

Dennoch sind Migranten bei der Inanspruchnahme psychiatrischer und psychotherapeutischer Angeboten unterrepräsentiert (vgl. Burau et al. 2009, S. 6). Der Großteil der psychisch erkrankten Migranten ist bei Hausärzten in Behandlung, Psychiater oder Psychotherapeuten werden erst an zweiter Stelle konsultiert (vgl. Collatz 2001, S. 60). Zu diesem Ergebnis kommt auch Machleidts Modellrechnung. Demnach lassen sich über 90% der psychisch erkrankten Migranten bei einem Allgemeinmediziner behandeln und nur 4-5% suchen schätzungsweise einen psychiatrisch-psychotherapeutischen Fachdienst auf. Diese Rechnung bestätigt die Annahme, dass Migranten in Deutschland nicht gleichermaßen wie Einheimische das psychosoziale Versorgungssystem nutzen (vgl. Machleidt 2006, S. 27).

Vor allem hinsichtlich des unterschiedlichen Migrationsstatus bestehen besondere Versorgungslücken. Vor allem die illegalen Migranten, Flüchtlinge und Asylbewerber können auf Grund fehlender oder unzureichende rechtlicher Ansprüche nur unzureichende medizinische Versorgung in Anspruch nehmen (s. Kap. 2.1). Durch ihre schlechten Lebensbedingungen und den sich daraus ergebenen Risiken für die psychische Gesundheit besteht aber gerade bei diesen Zuwanderern ein besonderer Versorgungsbedarf (Vgl. Haasen et al. 2000, S. 20).

3. Das religiöse Leben praktizierender Muslime

3.1 Grundlegendes zum Islam und den muslimischen Glaubenspraktiken

Der Großteil der in Deutschland lebenden Türken gehört dem islamischen Glauben an (vgl. Assion 2004, S. 51). Der Islam stellt nach der katholischen und evangelischen Kirche, die drittgrößte Glaubensgemeinschaft in Deutschland. Islam bedeutet im Arabischen „Hingabe an Gott, Ergebung in Gott“ (vgl. Rebstock 2006, S. 110). Die Anhänger des Islams werden als Muslime bezeichnet, Muslim steht für die männliche und Muslima für die weibliche Form. Der muslimische Glauben spaltet sich in die sunnitische und die schiitische Richtung, wobei 90% der in Deutschland lebenden türkischen Muslime sich zu den Sunniten zählen (vgl. Assion 2004, S. 51). Theologische Grundlage des Islam ist der Koran. Er stellt die Niederschrift der Offenbarungen Allahs an den Propheten Mohammed (auch: Muhammad) durch den Erzengeln Gabriel (arab. Dschibril) dar. Der Koran setzt sich aus 114 Suren zusammen, die jeweils in 2 bis 287 Verse unterteilt sind (vgl. Walther 2006, S. 151). Darin finden sich sowohl Pflichten der Gläubigen als auch Bestimmungen zur Gesellschaftsordnung. Charakteristisch für die islamische Welt in Unterscheidung zu westlichen Gesellschaften ist der Umstand, dass religiöses und Lebensalltag stark ineinander verwoben sind (vgl. Assion 2004, S. 51). Neben dem Koran gibt es noch die heiligen Schriften Haditha und die Sunna (vgl. Rebstock 2006, S. 111), in denen dargelegt wird, was der Prophet gesagt, getan und wozu er seine Zustimmung geben hat (vgl. Rüschoff 2005, S. 258). Durch das Aussprechen des muslimischen Glaubensbekenntnisses „Es gibt keinen Gott außer Allah und Muhammad ist sein Prophet“ erwirbt man die Glaubenszugehörigkeit und wird somit Mitglied in der „Glaubensgemeinschaft der Gläubigen“ (arab. umma).

Außerdem soll der gläubige Muslim die vier Hauptpflichten erfüllen. Hierzu zählen das fünfmalige tägliche Gebet (arab. salat), das Entrichten der Almosensteuer (arab. zakat), die Pilgerfahrten nach Mekka und Medina und das Fasten im Monat Ramadan (vgl. Rebstock 2006, S. 115). Zu den Fastenregeln zählt das Verbot zwischen Morgengrauen und Sonnenuntergang flüssige oder feste Nahrung zu sich zu nehmen. Auch Rauchen und Geschlechtsverkehr sind in dieser Zeit nicht erlaubt (vgl. Ilkilic 2006, S. 30). Darüber hinaus gibt es im Islam weitere Verbote und Vorschriften, wie Speisetabus, die den Verzehr von Alkohol, Schweinefleisch oder Aal verbieten, bestimmte Heiratsregeln und die Pflicht zur Reinheit beim Gebet (vgl. Rebstock 2006, S. 115). Letztere bezeichnet die vor jedem Gebet durchzuführende Ganzkörperwaschung oder Teilwaschung. Dabei ist schon die Teilwaschung ein aufwendiges Ritual, welches die Reinigung von Händen, Zähnen, Mund, Nase, Gesicht, Haaren und Füßen nach speziellen Vorgaben umfasst (vgl. Rebstock 2006, S. 113).

Desweiteren bestehen im islamischen Glauben bestimmte Bekleidungsvorschriften. So sollen Frauen ihren Körper mit Ausnahme von Händen, Füßen und Gesicht verdecken. Außerdem bestehen Regeln zum Umgang mit gegengeschlechtlichen und nicht-verwandten Personen, zu denen etwa der Körperkontakt weitestgehend vermieden werden soll. Daher kann ein Händedruck schon einen Eingriff in die Intimsphäre darstellen (Vgl. Ilkilic 2006, S. 31f).

3.2 Das islamische Krankheitsverständnis und seine unterschiedlichen Einflüsse

Türken aus traditionell geprägten Schichten, die im ländlichen Raum besonders häufig anzutreffen sind, sind überdurchschnittlich stark von volkstümlichen Krankheitsvorstellungen beeinflusst, was sich auch bei den türkischen Migranten in Deutschland widerspiegelt (vgl. Assion 2004, S. 20). Um die Bedürfnisse muslimischer Patienten im Sinne einer kulturell angemessen Behandlung genau festzustellen, ist die Kenntnis dieser Gesundheits- und Krankheitskonzepte notwendig. Diese unterliegen verschiedenen Einflussfaktoren.

Basis des Krankheitsverständnisses ist die geheiligte Lebensweise der Muslime (vgl. Rüschoff et al. 2005, S. 17). Der Islam als eine monotheistische Glaubensrichtung betrachtet Allah als Schöpfer aller Dinge und sieht daher keinen Raum, in dem sein Wirken nicht zum Ausdruck kommt. Das bedeutet, dass im Leben eines gläubigen Muslimen jede Handlung eine religiöse Dimension hat, unabhängig davon, „ob sie beten oder ein Auto kaufen, fasten [...] oder den Hof fegen“ (Rüschoff et al. 2005, S. 17). Das bedeutet, dass es für Muslime auch eine religiöse Handlung darstellt, wenn sie sich einer medizinischen oder therapeutischen Behandlung unterziehen.

Nach dem Koran ist die Gesundheit eine Gottesgabe, deren Erhaltung und Wiederherstellung die Pflicht des Menschen ist (vgl. Ilkilic 2006, S. 18). Aus dieser Sicht erscheint der Mensch lediglich als Nutznießer seines Körpers, der Gottes alleinige Schöpfung ist und der nicht zuletzt auch die Funktion hat, den Menschen in die Lage zu versetzten, die ihm von Gott auferlegten Glaubenspflichten zu erfüllen (vgl. Rüschoff et al. 2005, S. 24, vgl. Ilkilic 2006, S. 19). Praktisch verpflichtet ihn dies beispielsweise zur Beachtung der Hygiene oder zur der Inanspruchnahme notwendiger präventiver und heilender Maßnahmen (vgl. Ilkilic 2006, S. 19).

Im Koran werden mit dem Begriff Krankheit zwei unterschiedliche Bedeutungen verbunden. Einerseits steht dieser Begriff für die „Krankheit des Herzen“, in der Form von Heuchelei, Unglaube und dem Zweifel an Gottes Existenz (vgl. Rüschoff 2005, S. 23). Anderseits wird er als eine Störung der Funktionsweise des Körpers verstanden. Die letztgenannte Belegung des Begriffs, auf die es in diesem Zusammenhang ankommt, erlaubt es Muslimen bei bestehender Krankheit Grundpflichten wie Beten, Fasten oder Pilgern auszusetzen oder zu verschieben (vgl. Ilkilic 2006, S. 28 und S. 30): „Und wenn einer von euch krank ist [...] und deshalb nicht fasten kann, ist ihm eine Anzahl anderer Tage zur Nachholung des Fastens auferlegt“ (Sure 2, Vers 184).

Neben klassisch religiösen Momenten ist das muslimische Krankheitsverständnis auch stark durch Elemente geprägt, die ihren Ursprung im Volksglauben haben. Hier spielt insbesondere die volksheilkundige Annahme der türkischen Kultur eine Rolle, dass Krankheit entgegen der in der westlichen Welt vorherrschenden biomedizinischen Auffassung durch von außen wirkende Kräfte verursacht wird. Es können in der türkischen Volksmedizin vier unterschiedliche Einflüsse unterschieden werden: die naturalistische Krankheitsauffassung, der Animismus, die magisch- religiösen Konzepte und die Mystik. Nach der naturalistischen Auffassung sind umweltbezogene Faktoren, wie Klima, Ernährung oder die vier Elemente für die Entstehung von Krankheiten verantwortlich. Die animistische Auffassung geht dagegen davon aus, dass personalisierte übernatürliche Kräfte oder Wesen wie Dämonen, Gottheiten oder Geister Krankheiten erzeugen. Wenn andere Menschen aus Neid oder Abneigung mittels Verwünschungen, Zauberei oder Flüchen (z.B. durch den böse Blick) Schaden in Form von Krankheit zugefügen wird, spricht man von magischen Krankheitsmodellen (vgl. Assion 2004, S. 21f). Mystische Konzepte der Krankheitsentstehung gehen schließlich von Kräften aus, die nicht an Personen gebunden sind, wie Vorbestimmung oder Schicksal, wobei auch unheilvolle Gefühle oder Vorahnungen eine Rolle spielen. Auch das Berühren unreiner Gegenstände und Menschen, sowie eine moralische Grenzüberschreitung etwa in der Form eines Tabubruchs3 sind nach der mystischen Vorstellung geeignet, Krankheiten auszulösen. Magisch-animistische Krankheitsvorstellungen sind die vorherrschenden Konzepte türkischer Migranten (Vgl. Assion 2004, S. 23)

3.3 Traditionelle Heilvorstellungen als Bestanteil der muslimischen Glaubenstradition

In jeder Gesellschaft existieren kollektive Heilvorstellungen, die sich aus überliefertem Wissen über Krankheiten, Heilmethoden und Heilmitteln speisen und die - beeinflusst durch kulturelle und religiöse Begebenheiten - spezifische volksmedizinische Vorstellungen begründen. Im Folgenden werden die Aspekte der islamischen Volksmedizin herausgestellt, die bei der psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung von türkischen Muslimen eine Rolle spielen können (vgl. Assion 2005, S. 29).

Volksheilkunde wird im Arabischen auch als prophetische Medizin bezeichnet. Vor allem in traditionell geprägten Schichten der muslimischen Gesellschaft hat diese Form der Heilkunde eine zentrale Bedeutung. Ausgeführt werden die unterschiedlichen Heilmethoden von traditionellen Heilkundigen (vgl. Assion 2005, S.31).

Die wichtigste Rolle in der traditionellen islamischen Volksheilkunde spielen die religiösen Heiler, auch Hodscha genannt. Hierbei handelt es sich meist um Korankundige oder Koranlehrer. Daneben gibt es aber auch Magier-Heiler, die nicht zu den Schriftgelehrten gehören.

[...]


1 Tölle, R. (2008): Wahn. Krankheit, Geschichte und Literatur, Schattauer Verlag, Stuttgart

2 Hier sind etwa Italien, Griechenland und Portugal zu nennen.

3 Ein solcher kann etwa in einem Verstoß gegen das Ernährungsgebot, gegen das Inzestverbot oder das Gebot der ehelichen Treue bestehen (vgl. Assion 2004, S. 22)

Details

Seiten
39
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640954629
ISBN (Buch)
9783640954469
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174785
Institution / Hochschule
Fachhochschule Münster
Note
1,3
Schlagworte
Migration Psychiatrie Religion Islam Muslime Migranten Wahn Psychose Interkulturelle Psychiatrie Ethnopsychologie Arbeit mit psychisch Kranken

Autor

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Titel: Religiöses Erleben und Wahn bei psychisch Kranken mit  muslimischen Migrationshintergrund