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Das mobile Internet im Medienmenü

Eine explorative Rezeptionsstudie

Magisterarbeit 2010 117 Seiten

Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Neue Medien und ihre Positionierung im Medienmenü
2.1 Medienmenüs
2.2 (Meta-)Prozesse des Wandels von Kommunikation
2.2.1 Mediatisierung
2.2.2 Digitalisierung und Konvergenz
2.2.3 Individualisierung und Mobilisierung
2.3 Konkurrenz neuer und alter Medien: Substitution oder Komplementarität?

3 'heorien zur Aufnahme neuer Medientechnologien ins Medienmenü
3.1 Diffusionstheorie: Der klassische Erklärungsansatz
3.2 Der Uses-and-Gratifications-Approach: Der aktive Rezipient
3.3 Cultural Studies: Die Einbeziehung des Kontextes
3.4 Domestizierung: Alltagsnutzung als Bedingung für den Durchbruch
3.5 Mobile Medien vs. ,Zuhause‘ - Erweiterung des Domestizierungsansatzes

4 Der Forschungsstand zum mobilen Internet
4.1 Entwicklung der Technik und Nutzungszahlen
4.2 Der Blick nah Japan: Keitai und i-mode
4 3 Mobile Medien im Alltagshandeln
4.4 Erste Studien zur Nutzung des mobilen Internets

5 Aufbau und Vorgehensweise der Studie
5.1 Konkretisierung der Fragestellungen und Annahmen
5.2 ^alitative und ethnografische Medienforschung
5.3 Leitfadengestützte, teilstrukturierte Interviews als Erhebungsinstrument
5.4 Probandenauswahl
5.5 ^alitative Inhaltsanalyse als Auswertungsinstrument

6 Kurzporträts der Befragten
6.1 Frau Meyer
6.2 Tim
6.3 Markus
6.4 Prisca
6.5 Jens
6.6 Karolin
6.7 Herr Peters

7 Befunde der Studie
7.1 Neu im Medienmenü: Erstnutzung und situative Einbettung
7.1.1 Erste Kontakte, Geräteauswahl und Anschaffung
7.1.2 Situationen, Orte und Zeiten der mobilen Internetnutzung
7.2 Medienfunktionen im mobilen Internet und über andere Medien
7.2.1 Kommunikation
7.2.2 Information
7.2.3 Unterhaltung
7.2.4 Service, Organisation und Transaktionen
7.3 Zusammenfassung: Spannungsverhältnisse im Medienmenü
7.3.1 Die Textkommunikation mit dem Smartphone: E-Mail vs. SMS
7.3.2 Das Verhältnis von stationärem und mobilem Internet
7.3.3 Nachrichten über das mobile Internet vs. Printmedien
7.4 Bewertung und Bedeutung des mobilen Internets im Medienmenü

8 Resümee und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Interviewleitfaden

Kapitel

Einleitung

Am 9. Januar 2007 kündigte die Computerfirma Apple drei neue Geräte an: 1. Einen iPod mit Touch-Screen-Display im Breitbildformat, 2. ein Mobiltelefon und 3. ein neuartiges Internet­Kommunikationsgerät. Erst nah der Ankündigung dieser drei Produkte stellte Apple-Chef Steve Jobs klar:

„^ese are not three different devices. ^is is one device. And we are calling it iPhone. Today Apple is going to reinvent the phone.“ (Jobs 2007)

Apple lässt sich heute nicht mehr nur „Computerfirma“ nennen, handelt es sich doch mitt­lerweile um einen Computer- und Mobiltelefonhersteller. So bezog Apple im vierten ^artal 2010 ganze 43 % des Umsatzes aus dem Verkauf von iPhones; das ursprüngliche Kerngeschäft, die Mac-Rechner, machten hingegen nur 24 % aus (Becker 2010).

Tatsächlich hat Apple mit dem iPhone den Grundstein gelegt für die mittlerweile breite Ak­zeptanz und Verbreitung von Smartphones und mobilen Internetzugängen. Mit dem iPhone haben die Mobilfunkprovider auch bezahlbare Internet-Flatrates in ihr Angebot aufgenom­men. Zahlreihe Bedienkonzepte wie z. B. die Steuerung über ein berührungsempfindliches Display oder der vollwertige Webbrowser mit Zoom-Möglichkeit wurden von anderen Gerä­teherstellern längst übernommen.

Das iPhone hat das mobile Internet in zahlreihen Ländern, darunter auch Deutschland, erst in einen Massenmarkt verwandelt und nicht zuletzt durch die große mediale Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wurde, den mobilen Internetzugang für viele Konsumentinnen und Konsumen­ten interessant gemacht.

Seitdem das iPhone im November 2007 auf den deutschen Markt kam, hat sich ein großes Feld von internettauglihen Mobilgeräten entwickelt, aus denen die Nutzerinnen und Nutzer heute wählen können. Auch die Ersetzung unübersichtlicher und teurer Datentarife im Mobil­funknetz durch einfach zu überblickende Flatrate-Tarife hat dazu beigetragen, dass sich in den Folgejahren die Verbreitung des mobilen Internets immens zugenommen hat (vgl. Kap. 4.1).

Der Hinweis im Steve Jobs’ Präsentation, dass es sich nicht um drei Geräte, sondern um nur ei­nes handelt, macht auch deutlich, dass in modernen Mobiltelefonen in besonders hohem Maße eine Konvergenz unterschiedlicher Medienfunktionen in einem Gerät stattfindet. Funktionen, für die zuvor noch einzelne, spezialisierte Technologien nötig waren, verschmelzen in einem Gerät und können von den Benutzern auch in neuartiger Weise kombiniert werden.

Diese zwei Tendenzen, zum einen die immer stärkere Verbreitung mobiler Internetzugänge und zum anderen das hohe Ausmaß an Medienkonvergenz in den dazugehörigen Endgeräten lassen sich vor dem Hintergrund der Mediatisierung betrachten. Mediatisierung ist ein von Krotz (2007, 2008) geprägter Begriff, der einen Meta-Prozess in der Gesellschaft beschreibt, der dazu führt, dass ein immer größerer Teil der Kommunikation medienvermittelt stattfindet.

Das mobile Internet in seiner jetzigen Form ist ein neues Medium. Das Auffommen neuer Medientechnologien wirft die Frage auf, wie sie von den Nutzerinnen und Nutzern aufge­nommen und genutzt werden. Bei der Etablierung neuer Medien(technologien) gab es immer auch Verschiebungen in der Mediennutzung. Das neue Medium muss in die Alltagsroutinen und in die gewohnte Medienumgebung integriert werden. Dabei begibt es sich auch in ein Verhältnis zu den übrigen genutzten Medien und zu anderen Beschäftigungen, die u. U. mit dem Medium kombiniert werden oder auch mit ihm in Konkurrenz stehen (etwa um Zeit oder Aufmerksamkeit).

Daraus ergibt sich die Kernfrage dieser Arbeit: Wie fügt sich das mobile Internet als neues Medium in das bestehende „Menü“ der verfügbaren und genutzten Medien eines Menschen ein? Wann, zu welchem Zweck, wo und wie wird das mobile Internet genutzt? Welche anderen Medien werden dadurch anders, vielleiht weniger oder sogar mehr genutzt?

Da bislang kaum etwas zu individuellen Nutzungsweisen des mobilen Internets bekannt ist, wird hier eine explorative Studie durchgeführt, die beispielhaft konkrete Nutzungsszenarien ermittelt und in Hinsicht auf die Frage nah Änderungen in den Medienmenüs auswertet. Dazu wird methodisch auf leitfadenbasierte Interviews zurückgegriffen, die mithilfe der qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet werden.

Definition von mobilem Internet

Als Grundlage der Arbeit ist zunähst zu klären, was hier unter „mobilem Internet“ verstanden werden soll. Als allgemeiner Begriff meint er die Nutzung des Internets ohne die Abhängig­keit von bestimmten Orten, an denen ein Internetzugang zur Verfügung steht. Im spezielleren

Sinn kommen für die Definition zunächst auf verschiedenen Ebenen verschiedene technische Lösungen in Frage, die unter „mobilem Internet“ verstanden werden können:

- Auf der Ebene der technischen Netzwerke kommen Funktechnologien zum Einsatz. Dies können Technologien des Mobilfunks sein (GPRS, UMTS, ...), aber auch reine Datenü­bertragungs-Funkprotokolle (WLAN, WiMAX, ...)
- Als Endgeräte kommen verschiedene Gerätekategorien in Frage. Um die Anforderung der „Mobilität“ erfüllen zu können, müssen sie tragbar sein, normale PCs fallen nicht darunter. Die größtmöglichen Endgeräte sind daher Notebooks, eine Stufe kleiner Net­books, darunter dann Tablet-PCs (wie z. B. das iPad) und schließlich Smartphones ver­schiedener Größe und Ausstattung.
- Schließlich stellen die Endgeräte den Zugriff auf bestimmte Internetdienste bereit, indem sie z. B. entsprechende Software anbieten. Auf einem einfachen Mobiltelefon („Feature- Phone“) könnte das beschränkt sein auf einen E-Mail-Client, auf Smartphones gibt es hingegen zusätzlich mindestens einen Browser und Applikationen für verschiedene Ver­wendungszwecke. Auf Mobilcomputern wie Laptops steht in der Regel softwareseitig uneingeschränkter Internetzugang zur Verfügung.

Im Rahmen dieser Arbeit wird unter mobilem Internet das verstanden, was auch im common sense darunter verstanden wird und wie es derzeit auch in der Regel von Geräteherstellern und Mobilfunkprovidern beworben wird. Das bedeutet, als mobile Internetgeräte werden haupt­sächlich Smartphones bezeichnet. Andere speziell für die mobile Internetnutzung entwickelte Geräte wie Tablet-PCs sind damit noch relativ gut vergleichbar. Die Nutzung von Notebooks in Zusammenspiel mit UMTS-Sticks, um damit unterwegs ins Internet zu gehen, stellt eben­falls eine Verbindung von Mobilität und Internetzugang dar, wird hier aber nicht unter dem Begriff „mobiles Internet“ mitgemeint. Diese und vergleichbare Nutzungskonstellationen be­zeichnen Nielsen und Fjuk als „mobiles Breitband“ und stellen fest, dass diese Nutzung nicht als mobil empfunden wird: „Where a PC is stationary, or nomadic with WLAN, or mobile with a mobile phone modem, it is still not considered as mobile as the mobile phone.“ (Nielsen und Fjuk 2010: 379)

Das mobile Breitband lässt sich also kaum mit der Mobilnutzung per Smartphone vergleichen. Mobiltelefone sind insofern mobiler, als sie leiht jederzeit (körpernah) mitgetragen werden können. Für den Transport von Net- oder Notebooks hingegen ist in der Regel eine entspre­chende Transporttasche erforderlich, zur Benutzung müssen diese Geräte erst aufgeklappt und eingeschaltet werden, was die Flexibilität der Nutzung geringer werden lässt als die eines Smartphones. Da bei einer qualitativen Studie wie der vorliegenden ohnehin mit geringen Fallzahlen (hier mit sieben Probandlnnen) gearbeitet wird, ist eine Einschränkung auf die Ge­räteklasse der Smartphones sinnvoll, um die Vergleichbarkeit der Ergebnisse zu gewährleisten.

In gewisser Weise handelt es sich hier also um eine Studie zur Smartphone-Nutzung. Aller­dings fokussiert sich die Fragestellung klar auf das Element, was Smartphones von herkömm­lichen Mobiltelefonen unterscheidet, nämlich den mobilen Internetzugang.

Hingewiesen werden soll auch auf die begriffliche Unterscheidung zwischen „mobilem Inter­net“ und dem „mobilen Web“. So wie häufig die Begriffe Internet und World Wide Web - fälschlich - synonym verwendet werden, geschieht es auch oft mit den mobilen Pendants. Es ist an dieser Stelle wichtig festzustellen, dass das WWW einer von potenziell unendlich vielen Diensten ist, die über das Internet genutzt werden. Das Web ist eine Hypertextumgebung, die über einen Webbrowser aufgerufen werden können. Das Internet, und damit auch das mobile Internet, umfasst wesentlich mehr Dienste als nur den Zugang zum World Wide Web. Im Falle des mobilen Internets sind etwa E-Mails, aber auch der Datenaustausch über „Apps“ Dienste, die nicht über das „Web“ genutzt werden, im Rahmen des mobilen Internets in dieser Arbeit aber mitbetrachtet werden sollen.

Aufbau der Arbeit

Nah dieser Einleitung beginnt die Arbeit mit einem 'ffleorieteil zur Frage, wie neue Medi­en im Medienmenü positioniert werden. Als erstes wird dazu der Begriff des Medienmenüs definiert (Kap. 2.1). Anschließend wird als theoretische Rahmung das Konzept der Mediati­sierung eingeführt (Kap. 2.2). Durch die Mediatisierung, also die zunehmende Durchdringung des alltäglichen Handelns durch medienvermittelte Kommunikation, ergeben sich laufend Än­derungen in den Medienmenüs, die tendenziell an Umfang zunehmen. Mediatisierung steht in Zusammenhang mit den Prozessen Digitalisierung und Konvergenz sowie Individualisie­rung und Mobilisierung, deren Bedeutung jeweils auch kurz erläutert werden. Das Kapitel 2 schließt mit einer Übersicht über verschiedene mögliche Sichtweisen zum Verhältnis zwischen alten und neuen Medien (Kap. 2.3).

Kapitel 3 führt den Domestizierungsansatz ein, indem ausgehend von klassischen Erklärungs­modellen für die Verbreitung und Nutzung neuer (Medien-)Technologien die Entwicklung hin zu aktiven RezipientInnen nahvollzogen wird, die sich die Innovationen aktiv aneignen und sie (mitunter eigenwillig) in ihren Alltag integrieren. Der Domestizierungsansatz bildet - von der Fixierung auf das „Häusliche“ gelöst und für mobile Kommunikation geöffnet - das theo­retische Rahmenmodell dieser Arbeit.

In Kapitel 4 wird zusammengefasst, was zur Nutzung dieses neuen Mediums bereits bekannt ist (Forschungsstand). Dazu werden zunähst die technische Entwicklung und aktuelle Nut­zungszahlen wiedergegeben und eingeordnet (Kap. 4.1). Anschließend erfolgt ein Blick nah Japan (Kap. 4.2), wo bereits um die Jahrtausendwende herum mobiles Internet verfügbar war und auch weite Verbreitung gefunden hat. Aufgrund vor allem kultureller Unterschiede lassen sich aus den Erkenntnissen zu der dortigen Nutzung nicht immer bzw. nur unter Vorbehalt Rückschlüsse auf die gegenwärtige mobile Internetnutzung mit Smartphones und vergleichba­ren Geräten in Deutschland ziehen. Was aus der allgemeinen Forschung zu mobilen elektro­nischen Medien bekannt und für die Frage nah den Medienmenüs relevant ist, wird in Kap. 4.3 zusammengetragen. Schließlich werden die wenigen explizit zum mobilen Internet verfüg­baren Rezeptionsstudien vorgestellt und im Hinblick auf das Erkenntnisinteresse ausgewertet (Kap. 4.4).

Kapitel 5 erläutert das methodische Vorgehen der vorliegenden Studie. Zunähst werden die konkreten Fragestellungen und Hypothesen erarbeitet (Kap. 5.1). Anschließend (Kap. 5.2) wird erläutert, warum hier ein qualitative Studie gewählt wurde und welche Vorteile der Autor darin in Hinblick auf den explorativen Charakter des Forshungsinteresses sieht. In Kap. 5.3 wird das teilstrukturierte, leitfadenbasierte Interview als Erhebungsinstrument eingeführt und vorgestellt. Dieses bietet die Möglichkeit, einerseits vorab definierte Forschungsfragen zu be­antworten und Hypthosen zu überprüfen, andererseits bietet es aber auch die Offenheit, neue, vorab nicht bedachte Aspekte ermitteln zu können. In Kap. 5.4 wird die Auswahl der Inter­viewpartner transparent gemacht, bevor schließlich (Kap. 5.5) die qualitative Inhaltsanalyse vorgestellt wird. Sie dient als Instrument zur systematischen Auswertung der transkribierten Interviews.

In den Kapiteln 6 und 7 erfolgt dann die Darstellung der Ergebnisse der empirischen Erhebung. Dazu werden zuerst die einzelnen Fallstudien in Kurzporträts dargestellt, wobei vor allem auf besonders „typische“ und besonders „auffällige“ bzw. „herausfallende“ Aspekte eingegangen wird. Im Anschluss an diese Kurzporträts erfolgt die zusammenfassende Analyse der Fälle. Die Auswertung geht stets vom mobilen Internet aus, die Beschaffenheiten und Veränderungen des Medienmenüs werden ausgehend von diesem Medium miterfasst.

Den Abschluss der Arbeit bildet ein ausführliches Resümee (Kapitel 8), das nicht nur die we­sentlichen Erkenntnisse noch einmal zusammenfasst, sondern auch einen Ausblick auf mögli­che Entwicklungen und Tendenzen gibt.

Kapitel

Neue Medien und ihre Positionierung im Medienmenü

Die Verbreitung neuer Medientechnologien ist ein Phänomen, das in der Vergangenheit schon oft beobachtet werden konnte. Dementsprechend zahlreihe Untersuchungen und ^eorien gibt es auch dazu, wie sich neue und alte Medien zueinander verhalten und wie neue Medien von den Rezipientinnen und Rezipienten in ihre Mediennutzung integriert werden.

Zur Erfassung des Gesamtrepertoires an zur Nutzung bereitstehenden Medien wird in Kap. 2.1 der Begriff des Medienmenüs eingeführt. Anschließend (Kap. 2.2) wird der Meta-Prozess der Mediatisierung vorgestellt. Er bietet eine übergreifende Perspektive, aktuelle Tendenzen der Mediennutzung zu integrieren und zusammenhängend zu betrachten. Mobilisierung und Individualisierung, Digitalierung und Konvergenz hängen eng miteinander zusammen, Me­diatisierung ist dabei ein geeigneter Überbegriff, um diese Veränderungen zu beschreiben. Bei der Nutzung des mobilen Internets sind diese Prozesse deutlich beobachtbar, da es sich um ein digitales, hybrides, mobiles und - repräsentiert durch das Smartphone - hochgradig individu­elles Kommunikationsmedium handelt.

In Kap. 2.3 werden die Konzepte der Substitution und Konvergenz eingeführt, die sich auf das Verhältnis von neuen und alten Medien zueinander beziehen. Das Kapitel bildet eine Brühe zum Folgekapitel, in dem es um Ansätze zur Erklärung geht, wie sich neue Medien durchset­zen.

2.1 Medienmenüs

„Wer sich sinnvoll mit dem Gebrauh von Medien auseinandersetzt, muß verschiedene Medien ins Auge fassen, er muß rechnen mit dem Medienensemble, mit dem heute jedermann umgeht.

Der Medienverbund in der Produktion hat längst seine Entsprechung beim Rezipienten gefunden: der intregriert [sic] verschiedene mediale Inhalte - in diesem Beispiel: Radio, Fernsehen, Zeitung; und auch anderes kann dazukommen.“ (Bausinger 1983: 32 f.)

Wie Bausinger bereits 1983 betonte, erfolgt die Nutzung einzelner Medien nicht losgelöst von anderen Medien, sondern eingebunden in ein „Medienensemble“, wie er es nennt, sowie auch in nicht-mediale Handlungen. Zur Erfassung des gesamten Medienhandelns einer Rezipientin oder eines Rezipienten im Kontext auch seiner oder ihrer nichtmedialen Aktivitäten bietet sich das Konstrukt des „Medienmenüs“ an. Die Positionierung des mobilen Internets im Medien­menü zu ermitteln, ist das Hauptanliegen dieser Arbeit.

Hier wird der Begriff des Medienmenüs gewählt, weil er im Vergleich zu den praktisch synony­men Begriffen „Medienensembles“, „Medienumgebungen“ und „Medienrepertoires“ (Hase­brink, Mikos und Prommer 2004; Haddon 2005) in der Wortbedeutung auch eine (vage) lineare Komponente enthält. So wie in kulinarischen Menüs eine bestimmte Reihenfolge vorgeschla­gen (aber nicht vorgeschrieben) wird, spiegelt sich im Medienmenü nicht nur die Bandbreite der zur Verfügung stehenden Medien wider (wie in einem Repertoire), sondern es enthält auch „Ablaufschemata“. Gemeint ist damit, dass das Medienmenü auch geprägt ist von Routinen und Gewohnheiten. Das bedeutet nicht, dass immer nur die gleichen Medien in der gleichen Reihenfolge genutzt werden, es heißt aber, dass Nutzerinnen bestimmte Vorlieben haben und zu bestimmten Zwecken zu bestimmten Medien greifen. Medienhandeln ist stark ritualisiert, und diese Ritualisierung gehört zu den Prozessen der Zusammensetzung und Festigung von Medienmenüs. Haas (2007) fasst mit Blick auf die Ritualisierung und Serialisierung für das Medienmenü sechs Dimensionen zusammen:

„Was machen die Menschen zu welchem Zeitpunkt (Tagesverlauf/Wochenverlauf), in welchen Zeitabständen (Regelmäßigkeit), wo (Nutzungsumgebung), mit wem (soziale Konstellation), un­ter welchen Kosten (monetär/nicht-monetär) mit welchen und wie vielen (Breite) Medien?“

(Haas 2007: 9)

Hasebrink und Domeyer (2010) betonen die Notwendigkeit, nicht nur Einzelmedien zu be­trachten: „Nur ein medienübergreifender Ansatz [kann] der zunehmenden Konvergenz und Crossmedialität heutiger Medienumgebungen gerecht werden.“ (S. 50) Es sei nötig, „die Ge­samtheit der genutzten Medienangebote (Prinzip der Ganzheitlichkeit) und die wechselseitigen Beziehungen zwischen ihnen innerhalb des Medienrepertoires (Prinzip der Relationalität) in den Blick zu nehmen.“ (S. 51)

Um die Nutzung des mobilen Internets als soziales (Medien-)Handeln zu begreifen, ist es daher sinnvoll, es in seinem Verhältnis zu den sonst genutzten Medien zu betrachten. In dieser Arbeit interessiert nicht so sehr die Beschreibung der Medienmenüs der Nutzerinnen und Nutzer, sondern eher die Frage nach Wechselwirkungen, Spannungen und Konkurrenzeffekte, die das mobile Internet - oder genauer: die Nutzung des mobilen Internets - in ihnen verursacht.

2.2 (Meta-)Prozesse des Wandels von Kommunikation

Im diesem Kapitel werden Prozesse vorgestellt, die sich im Hinblick auf (medienvermittelte) Kommunikation derzeit beobachten lassen. Zuerst wird der Metaprozess der Mediatisierung beschrieben. Er umfasst die übrigen aufgeführten Prozesse weitestgehend. Bei der neu in die Medienmenüs hinzukommenden Medientechnologie „mobiles Internet“ lassen sich diese Pro­zesse beobachten bzw. diese Prozesse beeinflussen die Art und Weise, wie die Nutzerinnen und Nutzer das neue Medium in ihre Medienmenüs integrieren. Somit zeigt sich die Mediati­sierung auch in der Aneignung des mobilen Internets.

2.2.1 Mediatisierung

„Mediatisierung“ ist ein vor allem von Friedrich Krotz (2007, 2008) geprägter Begriff, der einen Metaprozess beschreibt. Im Gegensatz zu einem „Prozess“, der räumlich und zeitlich beschränkt ist, ist für einen solchen Metaprozess keine derartige Beschränkung erkennbar, vielmehr han­delt es sich um eine dauerhafte stattfindende prozessuale Veränderung. Mediatisierung be­schreibt nun einen Metaprozess, bei dem die menschliche Kommunikation ausgehend von der Grundform der Face-to-Face-Kommunikation einerseits insgesamt zunimmt und zum ande­ren zu immer größeren Teilen „mediatisiert“, also mit Hilfe von Medien, stattfindet. Damit handelt es sich um einen „Metaprozess sozialen und kulturellen Wandels“ (Krotz 2007: 12).

Krotz geht explizit nicht von einem substitutiven Verhältnis neuer und alter Medien aus (vgl. Kap. 2.3). Insofern vergrößert sich im Rahmen der Mediatisierung die Breite der Medienme­nüs, sie umfassen immer mehr Medien und werden immer komplexer. Die Medienmenüs sind einem ständigen Wandel unterworfen, denn: „Heute entstehen immer neue Medien, die die Menschen sich parallel oder naheinander aneignen und zum Teil auch wieder aufgeben.“ (Krotz und ffomas 2007: 33)

Als übergreifender Metaprozess, wie es etwa auch die Globalisierung einer ist, hat die Me­diatisierung nicht nur Auswirkungen innerhalb der Medienmenüs. Vielmehr handelt es sich um eine tiefe Durchdringung des Alltags durch mediales Handeln, die zu einem grundsätz­lichen kulturellen und gesellschaftlichen Wandel führt. Dieser Frage geht etwa Mikos (2004) weiter nah, der betrachtet, „inwieweit jegliches Alltagshandeln, also nicht nur das unmittel­bar auf Medien bezogene Handeln, von Medieneinflüssen geprägt ist“ (Hasebrink, Mikos und Prommer 2004: 11).

2.2.2 Digitalisierung und Konvergenz

Die Mediatisierung hat sich im Verlauf des bisherigen (Meta-)Prozesses in ganz verschiedenen Unterprozessen und Veränderungen gezeigt. Während sie sich im 20. Jahrhundert (zumindest bis etwa Mitte der 1990er Jahre) vor allem in der Entstehung und Ausdifferenzierung zahlrei­her unterschiedlicherund voneinander getrennter Medien manifestierte, zeigt sie sich heute umgekehrt vor allem in der zunehmenden Konvergenz verschiedener Angebote und Nutzungs­weisen in wenigen Medien bzw. Mediennetzwerken (vgl. Krotz 2007: 44).

Der Begriff Konvergenz beschreibt das Verschwimmen von Grenzen zwischen verschiedenen Medieninhalten und -techniken. Als „technische Konvergenz“ bezeichnet sie die Tatsache, dass ein Verbreitungsweg, Netz oder Endgerät für verschiedenste Inhalte genutzt wird (vgl. Hase­brink, Mikos und Prommer 2004: 9). Gleichzeitig gibt es eine inhaltliche Seite der Konvergenz, durch die mediale Inhalte über verschiedene Trägermedien (ggf. in jeweils angepasster Form) verfügbar gemacht werden (vgl. Jenkins 2006).

Die Grundlage der heute festzustellenden Konvergenz ist die Digitalisierung. Bei der Digita- liserung handelt es sich um einen Prozess (nicht um einen Metaprozess, da die Digitalisierung erst seit einem bestimmten Zeitpunkt stattfindet), in dem verschiedene Inhalte in ein einheit­liches, binäres Code-System überführt werden, die dann über für die Übertragung und Aus­wertung binärer Inhalte optimierte Netzwerke und Geräte übertragen und dargestellt werden können. Dadurch, dass sowohl Texte als auch Bilder, Tonaufnahmen und Videos in die digi­tale Form gebracht werden können, lassen sie sich gleichartig behandeln und unterschiedslos übertragen. Erst diese gemeinsame Darstellungsform als Nullen und Einsen ermöglicht die Konvergenz, da es erst damit universelle Endgeräte gibt, die die digitalen Daten je nah Da­tentyp unterschiedlich dekodieren und nutzbar machen (vgl. Negroponte 1995).

So sieht Krotz (2008: 55) dann im Rahmen der Mediatisierung auch die „Entstehung eines medialen, insbesondere computervermittelten, allgegenwärtigen und jederzeit erreichbaren Kommunikationsnetzes“. Während früher jedes Medium weitgehend für sich stand und „so gesehen seine Zeit und seinen Platz im Alltag der Menschen“ (ebd.) hatte, gibt es nun im Zuge der Digitalisierung und der Konvergenz einen grundlegenden Wandel:

„Heute dagegen beobachten wir auf der Basis der Digitalisierung einen Prozess des Zusammen­wachsens aller Medien zu einem universellen Netz, an dem unterschiedliche Endgeräte hängen, über die der Mensch zu Inhalten in spezifischen Formen Zugang hat. In diesem Zusammenwach­sen entsteht (...) ein zweites kommunikatives Netz, das auch noch auf face-to-face-Begegnungen zielt, aber daneben auch andere Begegnungsarten zuließ und zulässt.“

(Krotz 2008: 55, Hervorh. im Original)

Dieses zweite kommunikative Netz manifestiert sich derzeit vor allem in der Form des Inter­nets, wird künftig vermutlich aber auch verstärkt die bisherigen Medien in sich aufnehmen.

Krotz geht davon aus, dass im Zuge der zunehmenden mobilen Vernetzung die Netze „Inter­net“ und „Mobilfunknetz“ zusammenwachsen werden und dass diese gemeinsam letztlich das digitale Kommunikationsnetz bilden werden, auf das unterschiedliche stationäre und „mobile Kommunikations-Computer“ (Krotz 2008: 57) zugreifen.

2.2.3 Individualisierung und Mobilisierung

Wie bereits dargestellt, betrachtet Krotz Mediatisierung als einen „Metaprozess“. Als ebensol­chen fasst er auch die „Individualisierung“. Er stellt fest, „dass dieser Prozess für das Feld der Kommunikations- und Medienwissenshaft von Bedeutung ist, weil sich darüber zum Beispiel eine veränderte Mediennutzung, aber auch eine veränderte Medienbedeutung ergibt: ,Freigesetzte‘ Individuen haben für ihren Alltag beispielsweise einen erhöhten Informationsbedarf (...)“ (Krotz 2007: 28)

Eng verzahnt mit der Individualisierung ist der Prozess der zunehmenden Mobilisierung. Es handelt sich um keine klare Ursache-Wirkungs-Beziehung, sondern eher um eine Wechselwir­kung zwischen diesen beiden Prozessen.

Das Mobiltelefon (und damit das derzeit meist anzutreffende Endgerät für den mobilen In­ternetzugang) macht die Verbindung der Prozesse Individualisierung und Mobilisierung deut­lich. Es handelt sich um ein hochgradig individuelles Gerät, das kaum einmal mit anderen geteilt wird. Die Individualität macht sich etwa auch darin bemerkbar, dass sie „Schmuck­stücke, Imageträger, Spielzeuge und insgesamt soziale Accessoires“ (Krotz 2007: 181) sind. Sie prägen die Identität und werden daher auch stark individualisiert (vgl. dazu auch Campbell 2008; Peil 2009).

2.3 Konkurrenz neuer und alter Medien: Substitution oder Komplementarität?

Die Betrachtung des Hinzukommens eines neuen Mediums (des mobilen Internets) in das be­stehende Medienmenü wirft die Frage auf, welche Beziehungen zwischen neuen und alten Medien bestehen können, welche Effekte im Medienmenü also durch das neue Medium ent­stehen.

Über die möglichen Konkurrenzverhältnisse zwischen bestehenden und neu hinzukommenden Medien gibt es unterschiedliche Ansätze. Einen guten Überblik über die verbreiteten ^eorien gibt Mögerle (2009). Sie unterscheidet grundsätzlich zwischen Substitution, also der Ersetzung eines Mediums durch ein anderes, und Komplementarität, der Ergänzung eines alten Mediums dur ch ein neues. Zusammenfassend unterteilt sie diese beiden möglichen Konkurrenzverhält­nisse in drei Formen (Mögerle 2009: 56 f.): zeitliche Substitution/Komplementarität: Es kommt zu Nutzungsveränderungen in der Form, dass das alte Medium weniger und das neue mehr genutzt wird (Substitution) bzw. dass beide Medien - im Idealfall - gleichermaßen mehrgenutzt werden (Komplementarität).

funktionale Substitution/Komplementarität: Dabei übernehmen im Falle der Substitution Funktionen des neuen Mediums Funktionen des alten, das dann für diese Funktion weni­ger oder nicht mehr genutzt wird. Verhalten sich die Medien komplementär zueinander, erfüllen die Medien unterschiedliche Funktionen und ergänzen sich dadurch.

Progonose-Substitution/-Komplementarität: Dabei handelt es sich um eine Unterscheidung im Rahmen der mikroökonomischen Nahfragetheorie. „Substitution und Komplemen­tarität wird konkret anhand des Nutzens bzw. der Kosten der Mediennutzung erklärt bzw. prognostiziert. (...) Veränderungen in der Nutzung werden auf Nutzen- und Kos­tenwahrnehmungen der Nutzer zurückgeführt.“ (Mögerle 2009: 56 f.)

Während die letzte genannte Form eine stark betriebswirtschaftlich geprägte Sichtweise dar­stellt, zeigen die beiden ersten Formen zwei wesentliche Aspekte auf, in denen Medien mit­einander in Konkurrenz treten könnten.

Eine vereinfachende Sichtweise bezüglich der zeitlichen Substitution oder Komplementarität ist, dass pro Tag nur ein bestimmtes Zeitbudget für mediale und nicht-mediale Aktivitäten vorhanden ist. Die Medien konkurrieren in dieser Annahme um die aufmerksamkeitsökono­mische Zuwendung der Nutzerin oder des Nutzers. Mögerle (2009: 61) bezeichnet dies als eine „symmetrische Null-Summen-Beziehung“, die sie als nicht zutreffend bewertet. Tatsächlich hat sich die Gesamtmediennutzungsdauer pro Tag zwischen 1964 und 2010 mehr als verdreifacht - von 3:14 auf 9:43 Stunden (Engel und Ridder 2010). Wenngleich diese Zeit in den letzten fünf Jahren leiht gesunken ist, zeigt die Gesamtentwicklung doch, dass die tägliche Medi­ennutzungsdauer keineswegs eine Konstante, sondern ein hochgradig variabler Wert ist. Sie wuchs in der Vergangenheit insbesondere aufgrund der Parallelnutzung mehrerer - auch neu hinzukommender - Medien oder der Nutzung während niht-medialer Aktivitäten. Vor al­lem auditive Medien werden sehr häufig parallel genutzt, so geben z. B. in der Studie „Com­munication Networks“ (FOCUS Medialine 2010, Dokument „Mediennutzung“) nur 12 % der Befragten an, dass sie beim Musikhören nichts nebenher machen. Besonders beliebt ist das Musikhören während der gleichzeitigen Nutzung von Zeitschriften und Zeitungen (je 38 %) und bei nicht-medialen Aktivitäten (45 %). Es kann vermutet werden, dass mit der Zunahme der Verbreitung mobiler Multimedia-Geräte die tägliche Mediennutzungsdauer wieder anstei­gen wird, weil nun Zeitspannen für Mediennutzung neu erschlossen waren, in denen zuvor keine Medientechnologien zur Verfügung standen.

Nicht nur ist die Annahme irrig, es stünde nur ein begrenztes Zeitkontingent für Medien­konsum zur Verfügung, im Gegenteil werden Medien nicht einfach in die verfügbare Zeit eingebunden, sondern sie dienen selbst dazu, Zeit zu strukturieren (vgl. Neverla 2007, 2010).

Funktional treten Medien in Konkurrenz zueinander, sobald sie Überschneidungen in ihren Funktionen haben. Während z. B. ein Flachbild-Fernseher einen Röhrenfernseher in vielen Fällen aufgrund der Funktionsgleichheit tatsächlich nahtlos ersetzen wird, gibt es bei grund­sätzlich neuen Medientechnologien meist keine Deckungsgleichheit der angebotenen und von den Nutzerinnen wahrgenommenen Funktionen mit denen „alter“ Medien. In diesen zwei Beispielen wird die Bandbreite der möglichen funktionalen Konkurrenzverhältnisse deutlich. Eine Substitution im Sinne der vollständigen Ersetzung ist zwar denkbar, aber praktisch nicht relevant. Häufiger kommt es zu einem „Displacement“, d. h. das neue Medium übernimmt Funktionen (teilweise), die bisher ein anderes Medium mehrheitlich auf sich vereinigt hat. Die zunehmende Nutzung des Internets zur Information bei gleichzeitigem Sinken der Leserzahlen von Zeitungen (vgl. Weichert, Kramp und Jakobs 2009) ist ein Beispiel hierfür.

Im Wesentlichen entspricht dieses „Displacement“ auch dem Kern der von Wolfgang Riepl 1913 aufgestellten "hese, dass etablierte Medien „niemals gänzlich und dauernd verdrängt und außer Gebrauh gesetzt werden können, sondern sich neben diesen erhalten, nur daß sie genötigt werden, andere Aufgaben und Verwertungsgebiete aufzusuchen.“ (Riepl 1913, zit. n. Scherer und Schlütz 2004: 7) Sofort fallen einem heute aber auch Beispiele für einst bedeutende Medien ein, die mittlerweile keine Rolle mehr spielen (z. B. Tonsherbe, Telegraph, Schriftrolle, ...), so dass zumindest in Einzelfällen doch von einer Substitution ausgegangen werden muss.

Auch Krotz geht im Rahmen des Mediatisierungsansatzes von einem grundsätzlich komple­mentären Verhältnis aus:

„Zudem ist wichtig, dass Mediatisierung von einem nicht substitutiven Wandel der Medien aus­geht; d. h. neue Medien sorgen nicht für ein Verschwinden der alten, sondern für eine zunehmende Komplexität der Medienumgebungen der Menschen und für eine Ausdifferenzierung medienver­mittelter Kommunikation.“ (Krotz 2007: 13)

Unmittelbar nah der Anschaffung einer neuen Medientechnologie wird diese meist nicht im vollen Umfang genutzt, sondern es ist ein Prozess der Aneignung erforderlich. Dieser wird ausführlicher in Kap. 3.4 erläutert. An dieser Stelle soll jedoch daraufhingewiesen werden, dass aufgrund der schrittweisen Vereinnahmung neuer Technologien diese zunähst komplementär genutzt werden, es mit der Zeit aber vermehrt zu Displacement- und Replacement-Effekten kommen kann. Wenn neue Medien ihre bisherigen Kernfunktionen übernehmen, können die alten Medien aber andere, neue Funktionen bzw. Nutzungsweisen erschließen.

Haddon (2004) nennt als Beispiel, dass sich das Fernsehen sehr stark auf die Kinobesuche und auf das Radiohören ausgewirkt hat, indem deren Nutzungszahlen sanken. Den Grund dafür sieht er in einer ,funktionalen Äquivalenz‘ dieser Medien - zur Unterhaltung. Letztlich wurde das Radio aber nicht einfach geschwächt, sondern hat eine andere Rolle zugewiesen bekom­men, nämlich die des Nebenbei-Mediums. Und auch die Funktion des Kinos wurde stärker spezialisiert und hat heute einen starken Erlebnischarakter.

Die Frage nah „Substitution oder Komplementarität“ lässt sich also nicht beantworten, viel­mehr scheint es häufig zu einer Komplementarität, anschließend einer funktionalen Substituti­on und in manchen Fällen zur vollständigen Obsoletwerdung des alten Mediums zu kommen.

Kapitel

3. Theorien zur Aufnahme neuer Medientechnologien ins Medienmenü

Nachdem in Kap. 2.3 die möglichen Positionen zum Verhältnis zwischen alten und neuen Medien aufgezeigt wurden, wird im Folgenden der Frage nahgegangen, wie sich neue Me­dientechnologien verbreiten. Grundlage der Ausführungen ist die klassische Diffusionstheo­rie (Kap. 3.1), bei der eine Innovation in mehreren Phasen durch Adoptionsentsheidungen der Nutzerinnen immer größere Verbreitung findet. Sie geht aber von einer binären Ja/Nein­Entsheidung zur Nutzung oder Niht-Nutzung einer Innovation aus, so dass zur ^alität der Adoption - oder auch nur teilweisen Adoptionen - keine Aussagen getroffen werden können. Der Uses-and-Gratifications-Approach (Kap. 3.2), eine teorie der Mediennutzungsforschung, nimmt die Rezipientinnen und Rezipienten stärker in den Blick und gesteht ihnen eine akti­vere Rolle in Bezug auf die Medienauswahl zu. Die Cultural Studies (Kap. 3.3) haben den Bereich der Rezeptionsforschung noch weiter geöffnet und unterstreihen den großen Einfluss des Kontextes, der auch widerspenstige (also andere als die intendierten) Nutzungsweisen er­möglicht.

Diese Erkenntnisse sind die Grundlage des Domestizierungsansatzes (Kap. 3.4), der den (zu­nähst häuslichen) Alltag als Kontext zur Medienaneignung als den entsheidenden Faktor zur massenhaften Verbreitung eines Mediums betrachtet Er stellt dabei für die Aneignung die Perspektive der Nutzerinnen und Nutzer in den Mittelpunkt der Untersuchungen und un­tersucht somit im Vergleich zur Diffusionstheorie stärker die Mikro- und Meso-Ebene. Für die Untersuchung von mobilen Medien, wie sie in dieser Arbeit stattfinden soll, ist das „Zuhause“ als Ort aber zunähst kein geeignet erscheinender Kontext, weshalb zum Abschluss des Kapi­tels eine Öffnung des Domestizierungsansatzes erfolgt, indem das Zuhause weniger als Ort, sondern mehr als Netzwerkgefleht gesehen wird (Kap. 3.5) - Mobilmedien dienen danah der Verbindung zum Zuhause oder der Konstruktion eines mobilen Zuhauses, indem wichtige Verbindungen gehalten werden.

3.1 Diffusionstheorie: Der klassische Erklärungsansatz

Die Diffusionstheorie versucht zu beschreiben, wie sich eine Innovation verbreitet und durch­setzt. Damit ist sie eine Grundlage für den Domestizierungsansatz, der in Kap. 3.4 beschrieben werden wird.

„Diffusion is the process by which an innovation is communicated through certain channels over time among the members of a social system. It is a special type of communication, in that the messages are concerned with new ideas.“ (Rogers 2003: 5)

Neue Ideen (Innovationen) verbreiten sich, indem das Wissen über sie kommuniziert wird und die Innovation nah und nah von mehr und mehr Menschen angenommen wird. Diese Annahme der Innovation nennt Rogers „Adoption“ und definiert sie als „decision to make full use of an innovation as the best course of action available“ (Rogers 2003: 21). Dem Gegenüber steht die „rejection“, also die Ablehung der Innovation.

Die Adoptionsrate gibt den die Durhdringungsgeshwindigkeit einer Innovation an. Daraus resultiert der Durchdringungsgrad, den eine Innovation erreicht hat (Rogers 2003: 23) Typi­scherweise ergibt sich über den Zeitverlauf eine s-förmige Kurve: Die Diffusion beginnt zu­nähst langsam, nimmt dann an Geschwindigkeit zu und schreitet schließlich nur noch lang­sam weiter voran. Je nachdem, in welchem dieser Stadien die Adoption erfolgt, lassen sich fünf Adoptionstypen unterscheiden (Rogers 2003: 282 ff.):

Innovators sind an neuen Ideen und Technologien stark interessiert, informieren sich aktiv über sie und gehören zu den ersten, die sie übernehmen.

Early Adopters übernehmen Innovationen vor der Mehrheit.

Early Majority - diese Gruppe adoptiert eine Innovation, wenn sie sich bereits bewährt hat, aber noch bevor sie weite Verbreitung gefunden hat.

Late Majority - diese Gruppe übernimmt eine Innovation erst, wenn sie in der gesamten Gesellschaft Verbreitung findet.

Laggards sind traditionsbewusste Nachzügler, die Innovationen erst übernehmen, wenn man sie kaum mehr Innovation nennen kann, weil sie bereits zum Standard geworden sind.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3.1: Model of Five Stages in the Innovation-Decision Process (Rogers 2003: 170)

In der Beschäftigung mit dem mobilen Internet dürften die meisten Nutzer heute je nah An­schaffungszeitpunkt den Early Adopters oder der Early Majority zugeordnet werden. Von ei­ner massenhaften Verbreitung kann (vgl. Kap. 4.1 für aktuelle Nutzungszahlen) noch nicht die Rede sein, technologisch sind aber die „Kinderkrankheiten“ aus dem Weg geräumt und es wird allgemein angenommen, dass der „große Durchbruch“ kurz bevor steht.

Die Entscheidung, ob eine Innovation angenommen wird, erfolgt in fünf Phasen (Rogers 2003: 168 ff.), die in Abb. 3.1 dargestellt sind. Der erste Schritt, „Knowledge“, bezieht sich darauf, dass die „entscheidungstragende Einheit“ (also im Falle der Medienadoption eine Person) Kennt­nis von einer Innovation erlangt und ein grundsätzliches Verständnis für die Funktionsweise erwirbt. Die Erlangung des Wissens findet statt im Rahmen von „prior conditions“ wie etwa Vorerfahrungen, Bedürfnissen und den Normen des Sozialsystems. Bestimmte Eigenshaften der Person haben einen Einfluss auf dieses Wissen. Im Rahmen der „Persuasion“ erfolgt die Meinungsbildung über die Innovation. Sie ist beeinflusst davon, welche Charakteristika der Innovation wahrgenommen werden. Im dritten Schritt fällt die Entscheidung, die dann zur Anschaffung oder Nicht-Anschaffung der Innovation führt (zur „rejection“ kann es aber auch an jedem anderen Punkt des Prozesses kommen). Im Falle der Adoption kommt es zur Imple­mentation. Als fünften Schritt führt Rogers „Confirmation“ an, d. h. das nachträgliche Suchen nah Bestätigung, dass die Entscheidung richtig war.

Wenngleich der Diffusionsansatz damit ein Modell anbietet, in welchen Schritten im Individu­alfall die Entscheidung zur Adoption oder Rejection zustande kommt, vernachlässigt er wich­tige Aspekte der Adoption. Das Modell unterscheidet letztlich nur die binäre Entscheidung

3.2. Der Uses-and-Gratifications-Approach: Der aktive Rezipient

„Adoption“ oder „Rejection“. Zudem basiert er auf einem linearen Modell von Kommunikati­on und des Innovationsprozesses.

Eine Innovation, im konkreten Fall eine neue Medientechnologie, wirft auch nah der An­schaffung noch Fragen auf, etwa bezüglich der Einbindung in bestehende mediale und nicht­mediale Praxen, in soziale Beziehungen und in die räumlichen und zeitlichen Strukturen.

3.2 Der Uses-and-Gratifications-Approach: Der aktive Rezipient

Der Uses-and-Gratifications-Ansatz erweitert den Diffusionsansatz, indem er das Individu­um in den Blick rückt und nah den Motiven für die Adoptionsentscheidung fragt. Der An­satz kommt aus der Medienwirkungsforschung und löste in den 1970er Jahren das Stimulus- Response-Modell ab, das von einem sehr einfachen Reiz-Reaktions-Shema bei der Rezeption von Medieninhalten ausging. Während die Lasswell-Formel („Who says what in which chan­nel to whom with what effect?“) noch von einem direkten Effekt ausgeht, die die Kommuni­kation auf die Menschen hat, kehrt der Uses-and-Gratifications-Ansatz die Fragestellung um und fragt (sinngemäß) nicht mehr danah, was Medien mit den Menschen machen, welche direkte Wirkung Mediennutzung also hat, sondern danah, was Menschen mit den Medien anstellen, welche Nutzung also erfolgt.

Die Rezipientinnen und Rezipienten bekommen damit eine sehr viel aktivere Rolle zugestan­den. Die Grundannahme ist dabei, dass es für die Zuwendung zu einem bestimmten Medium und damit der Nicht-Zuwendung zu anderen Medien oder nicht-medialen Aktivitäten spezifi- she Auslöser in Form von Interessen und Bedürfnissen gibt. Die Mediennutzung (Uses) dient somit der Befriedigung (Gratifikation) von bestimmten Bedürfnissen. Eine gute Einführung in den Uses-and-Gratifications-Approah mit Bezug auf die Frage nah den Konkurrenzbezie­hungen zwischen alten und neuen Medien gibt Mögerle (2009: 75 ff.).

In einer Weiterentwicklung des Ansatzes wird unterschieden zwischen „gratifications sought“ (angestrebten Gratifikationen, Motiven) und „gratifications obtained“ (erhaltenen Gratifika­tionen). Die bisher gemachten Erfahrungen aus den durch die Zuwendung zu einem Medium erhaltenen Gratifikationen oder die Differenz zwischen den erwarteten und tatsächlich er­haltenen Gratifikationen prägen in einem Feedbackprozess die Erwartungen an die künftige Mediennutzung. „Durch diesen Feedbackprozess wird also ein gewisser Lernprozess aufgrund von Medienerfahrungen unterstellt, der gerade beim Wettbewerb zwischen Medien zum Tra­gen kommen dürfte.“ (Mögerle 2009: 80)

Der Uses-and-Gratifications-Approach wird zwar hauptsächlich zur Erklärung von einzelnen Mediennutzungsentscheidungen im Einzelfall verwendet, also etwa „Warum wendet sich je­mand einem speziellen Inhalt im Fernsehen zu?“, kann aber auch auf allgemeinerer Ebene angewendet werden, wenn es also um die grundsätzliche Entscheidung der Anschaffung eines neuen Mediums geht:

„Der Geltungsanspruch von ,Uses-and-Gratifications‘ beschränkt sich aber nicht auf die Rezeption von Massenmedien. In den letzten Jahren wurde der Ansatz verstärkt auch zur Erforschung der Nutzung neuer Kommunikationstechnologien eingesetzt.“ (von Pape 2008: 75)

In diesem Sinne kann der Uses-and-Gratifications-Ansatz dazu dienen, Adoptionsprozesse des Diffusionsansatzes auf der Mikroebene zu erklären.

Für die Fragestellung dieser Arbeit, wie sich ein neues Medium in das Medienmenü der Rezi­pierenden einfügt, ist der Uses-and-Gratifications-Approach ein interessantes Erklärungsmo­dell für die Ausgestaltung des Medienmenüs. Demnach werden RezipientInnnen in Situatio­nen, in denen eine Mediennutzung infrage kommt, vor die Wahl gestellt, zu welchem Medium sie greifen - sofern sie denn zu einem greifen -, und nehmen als Basis für die Entscheidung nicht nur ihre persönlichen Einstellungen, sozialen Umstände und andere subjektive Charak­teristika auf, sondern eben auch die mit verschiedenen Medien und Medieninhalten bereits gemachten Erfahrungen.

Warum und in welchem Prozess Nutzerinnen sich aber Medientechnologien aber grundsätz­lich anschaffen und wie die Einbettung in alltägliche Muster und Routinen erfolgt, dazu ist der Ansatz nicht geeignet.

3.3 Cultural Studies: Die Einbeziehung des Kontextes

Bereits oben unter 3.2 wurde die Lasswell-Formel zitiert. Diesem Modell von Kommunikation zufolge gibt es einen „channel“, über den Mitteilungen von A nah B übertragen werden. Es handelt sich um eine simplifizierende Übermittlungs-Metapher, die den Kommunikationspro­zess auf den Inhalt reduziert und die kommunizierenden Menschen mit ihren individuellen Eigenshaften außer Acht lassen.

Dem gegenüber steht das Verständnis von Medien, das die Cultural Studies haben. Kom­munikation wird hier als soziales Handeln verstanden. Das explizit auf mediale Kommuni­kation ausgerichtete Encoding/Decoding-Modell von Hall (2004) betont wie der Uses-and- Gratifications-Approah die aktive Rolle der Rezipierenden und setzt sich gleichzeitig von die­sem ab. An dem Ansatz kritisiert Hall, dass die Rezeptionsentscheidung und die Umstände der Rezeption als eine bewusste Entscheidung bzw. bewusste Handlung angenommen wird:

„Die typischen Prozesse, die in [d]er positivistischen Forschung an isolierten Elementen festge­macht werden - Wirkungen, Nutzen, ,Gratifikationen‘ - werden selbst wiederum von Verständ­nisstrukturen vorgegeben, die von den jeweiligen sozialen und ökonomischen Verhältnissen vor­gegeben, die von den jeweiligen sozialen und ökonomischen Verhältnissen mitproduziert werden (...)“ (Hall 2004: 69)

Stärker als beim Uses-and-Gratifications-Approach ist also der Kontext miteinzubeziehen. Bei der Kodierung und Dekodierung von (medialen) Texten werden „Sinnstrukturen“ mit einge­bunden. Denotation und Konnotation lassen sich Hall zufolge in der Praxis nicht trennscharf unterscheiden, eine Konnotation wird immer mit (de)kodiert, so dass es zu einer Polysemie der Äußerungen kommt. Eine mediale Botschaft kann in vielfacher Weise interpretiert wer­den. Diese Prozesse erfolgen nicht bewusst, indem etwa entschieden wird, auf welche Art kodiert oder dekodiert wird, sondern sind diskursiv vermittelt.

Eine zentrale Frage der Cultural Studies ist die nah der Macht (bzw. Hegemonie) und dem Widerstand dagegen. Hall unterscheidet drei idealtypische Lesarten von Texten: So gibt es eine ,dominante-hegemoniale Lesarť eines Textes, bei der die Dekodierung „im Sinne des Referenz­codes [stattfindet], in dessen Rahmen sie kodiert wurde“ (Hall 2004: 77). Als zweite idealtypi­sche Möglichkeit sieht Hall den Ansatz des „ausgehandelten Kodes oder der ausgehandelten Position“ (Hall 2004: 78), ausgehend davon, dass die meisten Menschen ein Bewusstsein für dominante (und professionelle/journalistische) Strukturen haben und daher eine „Mischung aus adaptiven und oppositionellen Elementen“ (Hall 2004: 79) der Dekodierung möglich ist. Als dritte grundlegende Möglichkeit sieht Hall die oppositionelle Dekodierung, bei der ein Text ,gegen den Strich‘ gelesen wird, also genau entgegen dem hegemonialen Codesystem:

„So wundert es nicht, dass Widerstand zur zentralen Kategorie dieser kritisch interventionistischen teorie und Forschungspraxis wurde. Gerade im alltäglichen Gebrauh von Medien, in deren Rezeption und (produktiver) Aneignung, finden sich die Merkmale und Spuren widerspenstiger Praxis und kreativen Eigensinns, die mediale Texte gegen den Strih lesen und zur Artikulation eigener Perspektiven nutzen.“ (Winter 2005: 51)

Übertragen auf Medientechnologien heißt das, dass im Gegensatz zu technikdeterministischen Annahmen die Rezipientlnnen die Technologien in ihrem eigenen Sinne nutzen, der teils er­heblich von den den Produkten herstellerseitig zugedachten Verwendungszwecken abweihen können. Ein Konzept für die Aneignung neuer Medientechnologien bildet der Domestizie­rungsansatz, der im folgenden Abschnitt vorgestellt wird.

3.4. Domestizierung: Alltagsnutzung als Bedingung für den Durchbruch

Der Domestizierungsansatz ist ein Erklärungsansatz zur Verbreitung neuer elektronischer Me­dien. Mit Domestizierung wird „der Prozess bezeichnet, in dem Medien und Kommunikati­onstechnologien in die Wohnungen einziehen und im Aneignungsprozess Teil häuslicher All­tagsroutinen sowie Mittel sozialen Handels werden.“ (Röser 2007a: 20)

Dass hier von „Aneignung“ die Rede ist, macht bereits deutlich, dass der Ansatz das Medi­enverständnis der Cultural Studies aufgreift und von einer nicht-technikdeterminierten, kon­textabhängigen Adoption der neuen Technologien ausgeht.

Domestizierungsprozesse finden im Rahmen der Mediatisierung statt und konstituieren so Veränderungen im Medienmenü:

„It is not just about adapting technologies to people, but also about people creating an environment that is increasingly mediated by technologies. Re- and de-domestication processes can take place - adapting and morphing to meet the hanging needs of users, the constitution of households and workplaces.“ (Berker et al. 2006b: 3)

Ähnlich wie beim Diffusionsansatz lassen sich auch im Domestizierungsansatz verschiedene Phasen (Silverstone et al. 1992, zit. n. Röser 2007a: 21), unterscheiden, in denen sich die An­eignung vollzieht. Die Domestizierung setzt dabei bei der Entscheidung zur Adoption ein und erklärt auf der Mikro- und Mesoebene, wie die „Innovation“ bzw. die neue Medientechnologie in den Alltag des Individuums und des Haushalts integriert wird.

Die Anschaffung ist der Punkt, an dem die Domestizierung beginnt. Die ersten beiden Schritte des idealtypischen Ablaufs, „Appropriation“ und „Objectification“, fallen direkt und indirekt darunter. Während die Appropriation die Stelle beschreibt, an der die Entscheidung zur oder gegen die Anschaffung gefällt wird, lässt sich unter Objectification grob gesagt die Anfangs­nutzung verstehen, in der die neue Technologie nicht nur genutzt, sondern auch nah außen hin gezeigt und (mitunter stolz) demonstriert wird.

Erst danah, in der Phase der „Incorporation“, wird die neue Technologie alltäglich. Sie wird von den Nutzerinnen und Nutzern in die „zeitlichen und alltäglichen Routinen des Haushalts und seiner Mitglieder“ (Röser 2007a: 21) integriert und nah einiger Zeit schließlich nicht mehr als Technologie wahrgenommen. In der vierten Phase, der „Conversion“ schließt sich der Kreis, hier wirken die Handlungen im Haushalt, die sich durch die Mediennutzung ggf. ändern, zu­rück auf die Gesellschaft und somit auch auf die Gerätehersteller und Inhalteproduzenten, deren Veränderungen am technologischen Potenzial wieder zu neuen Aneignungsprozessen führen können.

Der Ansatz legt einen starken Schwerpunkt auf Kontexte der Mediennutzung. Zum Zeitpunkt der Aneignung liegt bereits ein Medienmenü vor, in das das neue Medium eingefügt werden muss. Die Nutzerinnen und Nutzer haben vor dem Hinzukommen der neuen Technologie be­reits bestehende Alltagspraxen, die mediale und nicht-mediale Aktivitäten enthalten. In diese Alltagspraxen muss das neue Medium eingebunden werden. Dabei gehen die Nutzerinnen und Nutzer mit ihren bereits gemachten Erfahrungen mit anderen Medientechnologien an das neue Objekt heran. (vgl. Haddon 2004: 143 ff.)

Im Domestizierungsansatz werden Medien „doppelt artikuliert“. Wie in der Diffusionstheorie werden sie als technologische Objekte gesehen, gleichzeitig aber auch als Medientexte. Für die Domestizierung des mobilen Internets bedeutet das, dass sowohl die Endgeräte (Smartphones) in den Blick geraten als auch einzelne Funktionen des Smartphones wie Telefonanruf, SMS- Nachricht, Lesen oder Schreiben einer E-Mail, Lesen eines Wetterberichts, Chat usw.

In dieser Arbeit bietet der Domestizierungsansatz somit einen geeigneten theoretischen Hin­tergrund für die Frage nah dem Hinzukommen des mobilen Internets in das Medienmenü und die Etablierung darin. Aus einer Medienmenü-zentrierten Perspektive betrachtet, beschreibt Domestizierung gerade die Änderung im Medienmenü mit ihren Aus- und Wechselwirkungen auch in nicht-mediale Aktivitäten.

Der klassische Domestizierungsansatz hat vor allem die häusliche Sphäre als Ort der Medi­enaneignung im Blick, was schon in der Herkunft des Wortes „Domestizierung“ von lat. „do- mesticus“ (zum Haus gehörig) deutlich wird. Im folgenden Abschnitt wird daher darauf ein­gegangen, wie und ggf. mit welchen Einschränkungen der Domestizierungsansatz auch für mobile Medien, wie es die mobile Internetnutzung mittels Smartphone ist, genutzt werden kann.

3.5 Mobile Medien vs. ,Zuhause‘ - Erweiterung des Domestizierungsansatzes

Im Zuge der Mediatisierung und damit zusammenhängend der zunehmenden Mobilisierung und Individualisierung (vgl. Abschnitt 2.2.3) verändert sich auch die Bedeutung von ,Zuhause‘. Während für viele elektronische Medien wie das Radio, den Fernseher oder den stationären Computer der Haushalt und damit das Zuhause der Ort war, an dem die Aneignung des Me­diums stattgefunden hat und in dessen Kontexte die neue Technologie eingebunden werden musste, verhält es sich beim Mobiltelefon und dem mobilen Internet anders. Mobilgeräte sind persönliche, individuelle Geräte, die nicht einem Haushalt, sondern einem konkreten Indivi­duum zugeordnet sind. Gleichzeitig sind sie nicht ortsgebunden, sondern können überall mit hingenommen werden. Es stellt sich daher die Frage, inwiefern bei einem mobilen Medium no ch von „Domestizierung“ die Rede sein kann. Morley skizziert die Problemstellung so:

„My concern here is how to re-situate this perspective on the domestication of the media as we are now also facing the converse process of the technologically mediated dislocation of domes­ticity itself. It is now a commonplace that the new networks of electronic communication, in and through which we live, are transforming our senses of locality/community and, on a wider geographical scale, our senses of ‘belonging’ to either national or transnational communities.“

(Morley 2006: 22)

Unter dem Begriff „dislocation“ fasst er also den Trend, dass die Häuslichkeit ihre Ortsge­bundenheit verliert. Das bedeutet nicht, dass sich der Begriff des Zuhauses auflöst. Vielmehr erweitert er sich durch die Mobilmedien, indem auch von unterwegs verstärkt der Kontakt gehalten werden kann. Das zeigt sich etwa in der Organisation des Familienlebens mit Hilfe des Mobiltelefons (vgl. Feldhaus 2007, 2004)

So wie „,die Welt‘ schon via Radio und Fernsehen in die Wohnungen kam“ (Röser 2007a: 26), kommt das Zuhause nun zumindest teilweise via mobiler Telefonie und mobilem Internet mit nah draußen.

In der vorliegenden Studie werden die Grundannahmen des Domestizierungsansatzes für die Durchsetzung und Alltagsintegration der Medien übernommen, aber nicht ausschließlich auf den Ort des Zuhauses eingeschränkt. Der Ansatz wird also im Wesentlichen auf Bereiche jen­seits des Häuslichen erweitert, ausgehend von der ^ese der Dislokation des Zuhauses. Das Zuhause wird somit buchstäblich mitgenommen: „Evidently, one of the things that the mobile phone does is to dislocate the idea of home, enabling its user, in the words of the Orange advertising campaign in the UK, to ‘take your network with you, wherever you go’.“ (Morley 2006: 34)

Kapitel

4. Der Forschungsstand zum mobilen Internet

Bislang gibt es zur mobilen Internetnutzung nur wenig akademische Forschung. Der Groß­teil der Forschung zum Uema wird bislang von der Industrie gefördert oder durchgeführt, d. h. von Mobilfunk- und Geräteanbietern, Netzwerkausrüstern und Inhalteproduzenten. Das bedeutet nicht, dass diese Forschung nicht aussagekräftig wäre, aber mit dieser Perspekti­ve geht einher, dass vielfach Zahlen zur Nutzungsentwicklung publiziert und (meist posi­tiv) kommentiert werden. Eine qualitativ orientierte Forschung zum mobilen Internet, die kommunikations- oder medienwissenschaftliche Erkenntnisse zur Art der Nutzung liefert, wird im Wesentlichen erst seit dem Jahr 2010 publiziert.

Im folgenden soll zunähst (Kap. 4.1) die Entwicklung der Technik nahvollzogen werden. Ein­hergehend damit werden die Ergebnisse der quantitativen Forschung vorgestellt: Wie viele Menschen nutzen das mobile Internet wie intensiv in Bezug auf Nutzungsdauer und Übertra­gungsvolumen?

Eine große Sonderstellung nimmt Japan ein. Dort wurde mobiles Internet schon um die Jahr­tausendwende populär und infolgedessen intensiv erforscht. Daher wird in Kap. 4.2 ein Über­blick über die dortige Bedeutung des mobilen Internets gegeben und die dort verbreitete i- mode-Tehnik mit dem zu der Zeit in Deutschland erhältlichen Alternativangebot WAP ver­glichen.

Schließlich werden die bislang gewonnenen Erkenntnisse zur Nutzung des mobilen Internets (abseits von Japan) in Kap. 4.4 wiedergegeben. Dabei erfolgt eine Konzentration auf die weni­gen verfügbaren qualitativen Studien, die möglicherweise auch Aussagen zu den Änderungen in den Medienmenüs der NutzerInnen geben können.

4.1 Entwicklung der Technik und Nutzungszahlen

An dieser Stelle soll auf einen Überblik über die Entwicklung des Mobiltelefons als Grundlage für das mobile Internet verzichtet werden. Einen Überblik über die (kulturhistorische) Ent­wicklungsgeschichte des Mobiltelefons und über theoretische Überlegungen dazu bietet bei­spielsweise Burkart (2007). Relevant für diese Arbeit hingegen ist die Entwiklung der mobilen Datenübertragung. Seit Anfang der 1990er Jahre wird in Europa das GSM-Netz betrieben, das im Gegensatz zu den vorherigen Mobilfunknetzen digital betrieben wird. Bereits damit war der Zugriff auf den mobilen Datendienst WAP möglich, der allerdings zeitbasiert abgerech­net wurde. Erst mit der etwas schnelleren Datentechnologie GPRS wurde die Kostenabrech­nung auf Basis des Übertragungsvolumens möglich. Als Beschleunigung von GPRS steht die EDGE-Technik zur Verfügung. Völlig neu auf Basis der Erfahrungen von GSM entwi ekelt wur­de UMTS, ein weltweit einheitlicher Übertragungsstandard für mobile (digitale) Sprach- und Datenkommunikation. (vgl. Baier 2004)

Mit UMTS werden auch mobil hohe Datenübertragungsraten möglich, so dass UMTS in Eu­ropa als Basistechnologie für den mobilen Internetzugang angesehen werden kann.

Die Nutzungszahlen des mobilen Internets waren bis vor kurzem niedrig, steigen nun aber rapide. Dem Statistischen Bundesamt zufolge1 wurde 2006 in 9,9 % der Privathaushalte ein „Internetzugang über Handy“ verwendet, 2009 waren es bereits 17 %. Nach den Daten von Eu­rostat2verfügen 2010 in Deutschland 20 % der Haushalte über ein Handy mit Internetfunktion. Europäischer Spitzenreiter in dieser Kategorie ist Norwegen mit 45 %.

Bezogen auf einzelne Personen (und nicht auf Haushalte) nutzten im Sommer 2010 in Deutsch­land 10 Millionen Menschen Internetfunktionen mit ihrem Mobiltelefon (17 % der Handynut- zer). (Bitkom 2010)

Auch im steigenden Absatz internettauglicher Smartphones zeigt sich das zunehmende In­teresse am mobilen Internetzugang (wenngleich allerdings nicht jedes Smartphone für den regelmäßigen Internetzugang verwendet wird). Im dritten ^artal 2010 waren in Westeuropa schon mehr als ein Drittel der verkauften Mobiltelefone Smartphones (heise mobil 2010).

Prognosen zufolge wird die Bedeutung des mobilen Internets in den nächsten Jahren aber immens steigen. Die Internationale Delphi-Studie 2030 (Münchner Kreis e.V. et al. 2009) kommt anhand von Expertenbefragungen zu der Annahme, dass „spätestens im Jahr 2020 (...) die Internetnutzung überwiegend mobil“ ist (Münchner Kreis e.V. et al. 2009: 12): „Bereits in sechs bis zehn Jahren, d. h.

[...]


1 Online-Datenbank Genesis (https://www-genesis.destatis.de/) Tabelle 63931-0003

2 http://epp.eurostat.ec.europa.eu/portal/page/portal/statistics/searh_database Tabelle „isoc_ci_id_h“, Indi­kator „H_IMPH / Haushalte mit häuslichem Internetzugang über ein Mobiltelefon (WAP, GPRS, UMTS)“

Details

Seiten
117
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640954612
ISBN (Buch)
9783656066903
Dateigröße
1000 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174782
Institution / Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg – Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienkultur
Note
1,3
Schlagworte
Mobiles Internet Smartphones Mediennutzung Medienrezeption Kommunikationswissenschaft Mobilkommunikation Mobiles Web Mobile Web Mobile E-Mail Mobile Internetnutzung UMTS Medienmenüs Medienrepertoires Medienkonkurrenz

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Titel: Das mobile Internet im Medienmenü