Lade Inhalt...

Epiphanische Wirklichkeiten und wirkliche Epiphanien im Kontext von Tranceträumen und Tropentypen

Der epiphanische Traum als Konstitution literarischer Wirklichkeit

Hausarbeit 2011 22 Seiten

Literaturwissenschaft - Moderne Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort/Konzeption

2. Einleitung

3. Traum und Wirklichkeit in den ͣTropen“

4. Die Rolle und Bedeutung der Epiphanie in den ͣTropen“
4.1. Reflexionen über Ursache und Ursprung epiphanischer Erlebnisse
4.2. Epiphanie als Ausdruck gesteigerter, intensiver Lusterfahrung

5. Die Dimensionenlehre und die Konzeption des ‚Phantoplasmas͚

6. Robert Müllers Dichtungstheorie und seine Konzeption eines neuen Menschheitstypus

7. Schlussbemerkung

8. Literaturverzeichnis

Epiphanische Wirklichkeiten und wirkliche Epiphanien im Kontext von Tranceträumen und Tropentypen

-Der epiphanische Traum als Konstitution literarischer Wirklichkeit-

1. Vorwort/Konzeption der Arbeit

Der Traum ist wirklicher als die Realität. Diese vielleicht etwas merkwürdig und seltsam anmutende These soll am Anfang vorliegender Arbeit stehen, in welcher ich eines der bedeutendsten und großartigsten expressionistischen Romane der Literaturgeschichte behandeln möchte: Robert Müllers ÄTropen“. Der Roman ist die Urkunde, die literarische Reportage des deutschen Ingenieurs Hans Brandlberger, zugleich Ich-Erzähler, der sich zusammen mit einem Amerikaner und einem Holländer auf eine Reise in die Tropen begibt. Die Arbeit wird versuchen, insbesondere drei Schätze aus dem Bergwerk dieser vielleicht vergessenen, zumindest aber nicht ausreichend beachtet und gewürdigten Weltliteratur zu heben und deren immensen Wert aufzuzeigen: 1. Das symbiotische Verhältnis zwischen Traum und Wirklichkeit. Wir werden an vielen Stellen sehen, dass die Grenzen zwischen Traum und Realität in dem Roman äußerst fließend sind, ja bisweilen geradezu bis zur Unkenntlichkeit aufgehoben scheinen. Daraus soll in einem anschließenden 2. Schritt die wichtige und wesentliche Rolle und Bedeutung der Epiphanie abgeleitet und behandelt werden; insbesondere, wie sie in dem Roman gewissermaßen als literarischer Erkenntniskatalysator auftaucht und fungiert. Besonders interessant wird es hierbei sein, genauer unter die Lupe zu nehmen, wie, woher und wodurch die Epiphanie dem Protagonisten des Romans erscheint und welchen Einfluss diese auf seine geistig-intellektuellen Kapazitäten sowie psycho-physischen Vorgänge ausübt. Der Begriff der ‚Lust‘ wird dabei u.a. von zentraler Bedeutung sein, wie wir später sehen werden. Es soll gezeigt werden, dass sich der Zustand der Tropen in einem Zustand reiner Epiphanie ausdrückt. In diesem Zusammenhang werden wir 3. auf weitere wesentliche und interessante Themen und Theorien des Romans stoßen: das ‚Phantoplasma‘ als oberste Begriffskategorie einer fünfteiligen Dimensionenlehre. Auch werden wir versuchen Robert Müllers Dichtungstheorie und sein Ideal eines neuen literarisch-expressionistisch, sowie politisch-aktivistischen Menschentypus in Beziehung zu den gedanklichen Konzeptionen anderer Geistesgrößen seiner Zeit, wie z.B. Friedrich Nietzsche oder Albert Einstein zu setzen.

2. Einleitung

Wie eingangs erwähnt, handelt der Roman von einer Reise eines deutschen Ingenieurs in die Tropen. Doch diese Reise stellt gewissermaßen nur die Rahmen- oder vielleicht gar Nebenhandlung des Romans dar. Denn 2/3 des Textes bestehen aus Gedanken, Gesprächen, Halluzinationen und eben Träumen und Epiphanien, die Müller dem Leser durch seine Figuren mitteilt bzw. mit-erleben und buchstäblich mit-fühlen lässt. Früh lässt sich erahnen, dass es sich bei diesem gewaltigen Werk keineswegs bloß um ÄUrkunden eines deutschen Ingenieurs“ handelt, wie es der Untertitel dem Leser zunächst zu verstehen gibt. Dies wird dem Leser spätestens an der Stelle gewahr, als der Ich-Erzähler Hans Brandlberger bekennt: ÄIch aber, der Ingenieur, ich hatte den Beruf verfehlt. Ich war zum Dichter bestimmt, mein Element war von Natur aus die Poesie.“1 So ist das Werk ÄTropen“ vielmehr eine ‚Roman- Reise‘ in die Tropen, die sich als eine Reise Äin die menschliche Sphäre des Unbewussten und der irrationalen Kräfte“2 ausnimmt, wie Stephanie Heckner es in ihrer überaus instruktiven und aufschlussreichen Studie ÄDie Tropen als Tropus“ auf den Punkt bringt. Der Ich-Erzähler Hans Brandlberger unternimmt auf seiner Reise eine literarische Expedition in die menschlichen Seelen- und Seinsbereiche und verhandelt die essentiellen, großen Grundfragen menschlicher, kreatürlicher und natürlicher Existenz. Es geht Brandlberger um die ÄKonstitutionsfrage im psychophysiologischen Sinn.“3 Die Tropen-Reise ist ein ÄProzess der Introspektion, welche das Licht der sinnlichen Erkenntnis in diese prälogische Landschaft trägt“,4 schreibt Roger Willemsen und will dabei die ÄTropen“ sowohl als Ägeographische[n]“, als auch Ärhetorische[n]“5 Begriff verstanden wissen.

Bevor wir uns den eingangs erwähnten Themen widmen, sollen zunächst ein paar Anmerkungen zum Aufbau, der Form und Konzeption des Romans erfolgen, da diese auf literarisch überaus künstlerische und reizvolle Weise mit jenen Themen performativ verbunden und zueinander in Beziehung gesetzt sind. Auch hierbei kommt dem Ich-Erzähler eine zentrale Rolle zu: Müller hat seinen Protagonisten Brandlberger gewissermaßen dystonisch in zwei Figuren aufgespalten. Zum einen ist er der Verfasser des einleitenden Vorwortes, ein Kolonialist, der 1907 ums Leben kam und somit eine historische Figur, zum anderen taucht er in dem Roman als erzählte und erzählende literarische Figur auf. Der IchErzähler ist also eine Äerzählte Figur, die als Erzählerfigur zugleich Autor des Romans ist.“6 Müller bekennt selbst am Anfang seines Romans im 3. Kapitel: ÄIch schildere einen Mann, der inmitten gesegneter, abenteuerlicher Umstände, wie er sich einbildet, das Buch schreibt, das er erst erleben wird. Dieser Mann war ich.“7 Willemsen beschreibt dieses Erzählprinzip als Äpsychophysischen Monismus.“8

In diesem Zusammenhang spielt insbesondere auch der Weggefährte Brandlbergers, Jack Slim, ein schlauer und wendiger, stets in geistig-intellektuellen Höhenflügen dozierender Amerikaner eine wesentliche Rolle. Slim ist die komplementäre Heldenfigur zu Brandlberger und zugleich ein Teil-Ich von Robert Müller. Die Figur des Jack Slim, dem der Ich-Erzähler eine Äungeheure synthetische Intelligenz“9 10 bescheinigt, wird uns im Laufe der Arbeit immer wieder beschäftigen, zumal sie eine Heldenfigur prototypisch-repräsentativen Charakters darstellt, die Müller in all seinen Werkphasen über begleitet hat. So lässt Müller beispielsweise in einem weiteren bedeutenden Werk ÄCamera Obscura“ die Figur des Jack Slim wiederauferstehen. Slim zieht sich wie eine ÄBezugsmolluske“11 durch das gesamte Oeuvre Robert Müllers. Im Roman ÄTropen“ kommt dieser Figur insofern eine immanent bedeutsame Funktion zu, als sie in einem Dialog Brandlberger gegenüber die Absicht äußert einen Roman mit dem Titel ÄTropen“ zu schreiben. Vor diesem Hintergrund lässt sich von einem Binnenroman sprechen, in dem die Figuren Brandlberger und Slim beide in Äpotenzierter Fiktivität“12 erscheinen. Dieses literarische Stilmittel der Spiegelung, welche sich laut Indgrid Kreuzer Ätheoretisch ad infinitum fortsetzen“13 ließe, wendet Müller gleichzeitig auch auf sich selbst an. Müller findet sich in seinen Figuren selbst (wider)gespiegelt und in diesen selbst dargestellt; der Herausgeber und Autor Robert Müller erscheint als eine Äfiktive Figur des historischen Robert Müller“14. Diese literarische ‚Homunculus-Struktur‘ ist symptomatisch und performativ für die zwischen mehreren, verschiedenen nach dem Spiegelprinzip hin-und herwechselnden, gestaffelten Erfahrungsund Reflexionsebenen, auf die sich die Romanfiguren begeben und auf welchen sie sich bewegen. Sie steht damit repräsentativ und in letzter Konsequenz für das Ineinander-bzw. Verschmelzen von Fiktion & Wirklichkeit, Traum & Realität.

3. Traum und Wirklichkeit in den ÄTropen“

Der Begriff des Traumes gewinnt im XVIII. Kapitel des Romans ‚Tropen‘ erstmals eine gewichtige Bedeutung, wo der Ich-Erzähler sich eingesteht: ÄWir rächen uns stets an unseren Träumen; wir verraten stets unsere eine Sehnsucht an die andere.“15 Von da an beginnt die stetige Spiegelung der Wirklichkeit im Traume und des Traumes in der Wirklichkeit eine Art literarisches Leitmotiv des Romans zu werden. ÄIch träumte, oh es war so gut, eine Wirklichkeit war’s zwischen zwei Wirklichkeiten, höhere und gültigere Wahrnehmungen aus dem Lebensgefühle. Und ich kam innerhalb dieses Zustandes zu dem Schlusse, dass jede Wirklichkeit, je stärker, desto träumerischer sei.“16 Mit diesem interjektiven, durch das Personalpronomen Äich“ verstärkten Ausspruch den Müller seiner Figur Brandlberger in den Mund legt, findet dieser Zusammenhang eindeutig und pointiert seinen Ausdruck. Die Relevanz und Bedeutung dieses Traum-Wirklichkeit-Zusammenhangs wird zwei Seiten später aufs Neueste offenkundig, wo Müller das Kapitel mit dem bekenntnishaften Ausruf Brandlbergers abschließt: ÄIch hatte die Wirklichkeit geträumt!“17 Diese Neigung zum ‚wirklichen Traume‘ und zur ‚träumerischen Wirklichkeit‘, die den Ich-Erzähler geradezu magnetisch anzieht, spitzt sich im Laufe des Romans immer weiter zu. 80 Seiten später muss Brandlberger erkennen und sich eingestehen: ÄDer Gegenstand solcher überstarker Sensationen ist nie wirklich; die Wirklichkeit ist stets verschwommener als der Traum.“18 Selbst die literarischen Erzeugnisse werden unter das Diktat des Traumes gestellt und als sein genuines Produkt angesehen: ÄAlles, was ich träumte war nur ein Buch, das ich schrieb.“19 Brandlberger konstatiert desweiteren eine gewisse Erkenntnisflucht vor dem Fatum der Fakten: “Wie ich es auch drehen mochte, ich konnte mich nicht entschließen, jene Wirklichkeit anzunehmen, es war mir physisch unmöglich, an etwas anderes als an einen Traum zu glauben.“20 Zuvor schon sprach er vom ÄElend der Erkenntnis.“21 Brandlberger nimmt gewissermaßen Zuflucht in die Welt des Traumes, in der er sich sicher und geborgen wähnt, ja sie wird für seine Existenz geradezu konstitutiv und unabdingbar: ÄIch fürchtete die Aufklärung. Meine Ungewissheit war eine Existenzfrage.“22 Diese skeptisch und ängstliche Haltung, welche Brandlberger zunehmend gegenüber der Wirklichkeit einnimmt, versucht er in einem Gespräch mit Slim intellektuell-rational, sowie auch moralisch-ethisch zu rechtfertigen bzw. zu legitimieren: ÄDer Traum ist nicht unlogisch. Seine Logik ist im Gegenteile strenger.“23 ÄNur der Traum ist rational“24. Und weiter: ÄSie sehen, wie gründlich und logisch, ich möchte beinahe sagen, wie moralisch der Traum verfährt!“25 ÄEs gibt Wachtatsachen und es gibt Traumtatsachen.“26 Die logischen Gesetzmäßigkeiten von Traum und Realität scheinen sich für Brandlberger gleichsam nach dem Spiegelprinzip verkehrt zu haben, wenn er fortfährt: ÄDer Traum wundert sich über die Unlogik des Wachzustandes.“27 Einhergehend mit diesen sehr deutlichen Aussagen über das Verhältnis von Traum zu Wirklichkeit ist das Stilmittel der Personifikation bzw. des Antropomorphismus, den Müller seine Figur Brandlberger an diesen Stellen anwenden lässt. Zunehmend gewinnt der Traum für Brandlberger auch den Status einer befriedigenden Ersatzwirklichkeit, einer Welt, in dem einem das vergönnt ist, was ihm in der Realität verwehrt bleibt: ÄEs genügt, um sich in Träumen zu nehmen, was einem in der Wirklichkeit versagt ist.“2829 Die endgültige, vollständige und totale Auflösung der Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit spricht aus folgenden Zeilen: ÄMein Zustand, dessen spezifische Verwischung der Grenzen zwischen traumhafter Wirklichkeit und wirklichkeitsartiger Vision meiner Vernunft wohl bewußt“30 war. ÄIn diesem Zustande waren die zwei Tiefen der Seele, Traum und Untraum, verschiebbar, und alles war Traum, alles war Wirklichkeit.“31

[...]


1 Robert Müller, Tropen. Der Mythos der Reise. Urkunden eines deutschen Ingenieurs, Günter Helmes (Hrsg.), Stuttgart: Reclam 1993, S.94

2 Stephanie Heckner, Die Tropen als Tropus. Zur Dichtungstheorie Robert Müllers, Wien-Köln: Böhlau Verlag 1991, S.70

3 Roger Willemsen, Die sentimentale Gesellschaft. Zur Begründung einer aktivistischen Literaturtheorie im Werk Robert Musils und Robert Müllers. In: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 58, München: Juni 1984, S.312

4 Ebd., S.289

5 Ebd., S.296/297

6 Robert Müller, Tropen. Der Mythos der Reise. Urkunden eines deutschen Ingenieurs, Günter Helmes (Hrsg.), Stuttgart: Reclam 1993, Nachwort von Günter Helmes, S.429

7 Ebd., S.39

8 Roger Willemsen, Die sentimentale Gesellschaft. Zur Begründung einer aktivistischen Literaturtheorie im Werk Robert Musils und Robert Müllers. In: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 58, München: Juni 1984, S.297

9 Robert Müller, Tropen. Der Mythos der Reise. Urkunden eines deutschen Ingenieurs, Günter Helmes (Hrsg.), Stuttgart: Reclam 1993, S.233

10 Für Müller war die Überwindung der intellektuellen Analyse hin zu einer geistigen Synthese gewissermaßen ein dichtungstheoretisches, sowie lebenspraktisches Ideal.

11 Robert Müller, Tropen. Der Mythos der Reise. Urkunden eines deutschen Ingenieurs, Günter Helmes (Hrsg.), Stuttgart: Reclam 1993, Nachwort von Günter Helmes, S.427

12 Ebd., S.429

13 Ingrid Kreuzer, Robert Müllers „Tropen“. Fiktionsstruktur, Rezeptionsdimensionen, paradoxe Utopie (1978), in: Expressionismus - Aktivismus - Exotismus, Studien zum literarischen Werk Robert Müllers (1887 - 1924), hrsg. von Helmut Kreuzer und Günter Helmes, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1981, S.113

14 Robert Müller, Tropen. Der Mythos der Reise. Urkunden eines deutschen Ingenieurs, Günter Helmes (Hrsg.), Stuttgart: Reclam 1993, Nachwort von Günter Helmes, S.429

15 Robert Müller, Tropen. Der Mythos der Reise. Urkunden eines deutschen Ingenieurs, Günter Helmes (Hrsg.), Stuttgart: Reclam 1993, S.167

16 Ebd., S.185

17 Ebd., S.187

18 Ebd., S.256

19 Ebd., S.181

20 Ebd., S.256

21 Ebd., S.78

22 Ebd., S.258

23 Ebd., S.321

24 Ebd., S.321

25 Ebd., S.324

26 Ebd., S.323

27 Ebd., S.326

28 Ebd., S.379

29 In einem Brief Robert Müllers an seinen Bruder Erwin vom 26.05.1910 findet sich auf S.7 der schöne Satz: “Unsere Wünsche sind die stärkste Realität.“

30 Robert Müller, Tropen. Der Mythos der Reise. Urkunden eines deutschen Ingenieurs, Günter Helmes (Hrsg.), Stuttgart: Reclam 1993, S.398

31 Ebd., S.178

Details

Seiten
22
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640954315
ISBN (Buch)
9783640954179
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174772
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für deutsche Literatur
Note
1,0
Schlagworte
Literatur Deutsche Literatur Tropen Robert Müller Roger Willemsen Traum Wirklichkeit Trance Hans Brandlberger Jack Slim Fiktion Realität Lusterfahrung Glücksvermittlung Erkenntnis Musil Nietzsche Einstein Zarathustra Kant Aktivistische Literatur Expressionistische Literatur Experimentelle Literatur Dimensionenlehre Phantoplasma Thomas von Aquin Claritas est quidditas Relativitätstheorie Epiphanie Dichtungstheorie Der Neue Mensch

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Epiphanische Wirklichkeiten und wirkliche Epiphanien im Kontext von Tranceträumen und Tropentypen