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Die Aufarbeitung von Diktatur und Bürgerkrieg in der Gesellschaft und Politik Spaniens

Im Vergleich mit der Aufarbeitung des Vichy-Regimes in Frankreich

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 30 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Westeuropa

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Einleitung
2.1 Historischer Hintergrund in Spanien
2.2 Historischer Hintergrund in Frankreich
2.3 Zwischenfazit

3. Der Übergang in eine demokratische Staatsform und das Primärziel der Einheit der Nation
3.1 Charles de Gaulle
3.2 Juan Carlos I
3.3 Zwischenfazit

4. Der Übergang in Frankreich und der Umgang mit der Geschichte bis heute
4.1 Vier Phasen der Aufarbeitung nach Henry Rousso
4.2 Der Papon- und der Barbie-Prozess

5. Die Transición in Spanien

6. Vergangenheitskultur im heutigen Spanien
6.1 Gedenken an den Bürgerkrieg während der Franco Diktatur
6.2 Ein neuer Umgang mit der Vergangenheit
6.2.1 Die ARMH
6.2.2 Das Gesetz der historischen Erinnerung
6.2.3 Richter Baltasar Garzón

7. Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Vorwort

Das Franco-Regime endete mit dem Tod des Diktators am 20. November 1975. Beinahe überraschend lenkte Juan Carlos von Spanien sein Land in eine Demokratie. Um diesen Weg gehen zu können stellte er das Primat einer geeinten Nation auf, denn Bürgerkrieg und Diktatur spalteten das Land in zwei Hälften. Der Preis für die Einheit der Nation war die Nichtaufarbeitung von Diktatur und Bürgerkrieg. So kann in Spanien, auch heute noch, nicht von einer aufgearbeiteten Situation gesprochen werden. Die Aufarbeitung des Franco-Regimes beginnt erst. Die Tendenzen der letzten Jahre lassen aber optimistisch in die Zukunft blicken.

Frankreich stand wenige Jahrzehnte früher vor einer ähnlichen Aufgabe. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs war Frankreich frei, aber durch seine geteilte Rolle während der Besatzung durch Nazideutschland, ging auch hier ein tiefer Riss durch die Bevölkerung. Auf der einen Seite Widerstandskämpfer und Opfer der deutschen Besatzer, wie französischer Kollaborateure, auf der anderen Seite eben diese Kollaborateure, Anhänger des Vichy-Frankreichs.

Wie in Spanien, nach dem Tod Francisco Francos, war in Frankreich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Einheit der Nation das wichtigste Ziel. In beiden Fällen auf Kosten einer Aufarbeitung der Geschichte.

Anders als in Spanien kann in Frankreich heute von einer aufgearbeiteten Situation gesprochen werden. Der Weg dorthin war allerdings langwierig und hat erst lange nach dem „Ende von Vichy“ begonnen.

Die Umstände in den genannten Ländern lassen Parallelen erkennen. So die Rollen von Juan Carlos I. in Spanien und Charles de Gaulle in Frankreich. Wie wichtig sind solche Einigungsfiguren für eine gespaltene Nation? Auch der Zeitraum von zwei bis drei Jahrzehnten des Stillstands bis zum vorsichtigen Beginn einer Aufarbeitung ist vergleichbar. Ist ein solcher Zeitraum, der einer ganzen Generation, vielleicht der, den eine Gesellschaft braucht, um genügend Abstand zu gewinnen und sich der Vergangenheit zu stellen? Sind die vermeintlichen Parallelen wirklich als solche anzusehen? Sind Amnestien vielleicht notwendig, um eine Gesellschaft nach einem internen Konflikt nicht zerreißen zu lassen? Verhindern sie, im Gegenteil, vielleicht auf Dauer die Aufarbeitung? Sind Übergänge von undemokratischen in demokratische Verhältnisse überhaupt miteinander vergleichbar?

Diese Fragen möchte ich in der vorliegenden Arbeit aufgreifen. In einem Fazit möchte ich schließlich beantworten, inwieweit die Aufarbeitung der Vergangenheit in beiden Ländern als ähnlich angesehen werden kann.

Ich erhebe nicht den Anspruch, in dieser Arbeit den spanischen Bürgerkrieg, die Franco-Diktatur, oder das Vichy-Regime umfassend zu erklären. Die historischen Exkurse sollen lediglich der Erklärung des Sachverhalts dienen und einen Einblick in die Hintergründe gewähren. Daher ist es möglich, dass ich vordergründig wichtige Aspekte der Geschichte außen vor lasse, wenn sie meiner Fragestellung nicht dienlich sind. So verdiente allein die Dynamik zwischen Kirche und Staat in Spanien eine eigene Betrachtung. Auf diese werde ich aber nicht eingehen, da sie innerhalb der Entwicklung der Aufarbeitung in Spanien keine absolut entscheidende Rolle spielt. Ebenso verhält es sich mit den regionalen Besonderheiten in der Aufarbeitung in Spanien.

Der Schwerpunkt dieser Arbeit soll klar der Umgang mit der Geschichte von Bürgerkrieg und Diktatur in Spanien sein. Das Beispiel Frankreichs möchte ich zum Vergleich heran ziehen.

2. Einleitung

Im Folgenden möchte ich die historischen Hintergründe in Spanien und Frankreich ansprechen. Diese Ereignisse möchte ich nicht umfassend dargestellt wissen, sondern nur zum Zweck dieser Arbeit plakativ anreißen.

2.1 Der historische Hintergrund in Spanien, der Weg in die Diktatur und das Franco-Regime

Wie viele andere Teile Europas wurde Spanien 1873 als Folge des Revolutionsjahres 1848 zur Republik.[1] Diese „Erste Republik“ sollte keine zwei Jahre bestehen. Die darauf folgende Regentschaft König Alfons XII., seiner zweiten Frau Maria Christina von Österreich und ab 1902 seines Sohnes Alfons VIII. brachten nicht die Veränderungen hin zu einer modernen Demokratie, vergleichbar denen in Frankreich oder England.[2] Seit der ersten Republik bestehende Konflikte wie Landverteilung oder Stellung der Eliten, wie insbesondere zwischen der katholischen Kirche und dem Adel auf der einen und dem einfachen Bürgertum auf der anderen Seite waren, ungelöst. Autonomiebestrebungen einzelner Regionen, aufständische Landarbeiter, sowie die mächtige Position des Militärs taten ihren Teil zur Destabilisierung des Landes.

1923 entmachtete der oberkommandierende General Miguel Primo de Rivera das Parlament und übernahm die Regierungsgeschäfte durch einen Staatsstreich. Die Diktatur de Riveras beruhigte die krisenhafte Lage Spaniens erstmals.[3] Bis auf einzelne kleine Gruppierungen erhofften sich alle, wenn auch vorher zerstrittenen, Parteien Besserung. Durch verschiedene reformerische Vorhaben sowohl in Militär wie Zivilgesellschaft brachte der Diktator aber nach kurzer Zeit die Interessensgruppen gegen sich auf. 1930 zog sich de Rivera schließlich ins französische Exil zurück und in Spanien entbrannten die alten Konfliktlinien zwischen Kirche, Eliten und Militär und republikanisch orientierten linken Kräften erneut. Der König, der die Diktatur de Riveras toleriert hatte und anfangs sogar unterstützte,[4] war schließlich nicht weiter Herr des Geschehens und so entzogen ihm gesellschaftliche Eliten, vor allem aber das Militär ihr Vertrauen. Alfons VIII. ging 1931 ins Exil und die Zweite Republik wurde ausgerufen.[5]

Aus den Parlamentswahlen 1931 gingen die linksgerichteten republikanischen Kräfte überraschend als klare Sieger hervor.[6] Das Hauptvorhaben dieser neuen Koalition lässt sich wohl als Strukturreform der spanischen Gesellschaft zusammenfassen. Politische Ambitionen des Militärs sollten unterbunden werden, eine Bodenreform durchgeführt, die Autonomie einzelner Regionen gestärkt und schließlich die strikte Trennung von Staat und Kirche vollzogen werden. Insbesondere die geplanten Neustrukturierungen im Militär und die Säkularisierungsvorhaben stießen bei der konservativen Opposition, wie den alten Eliten des Landes auf Gegenwehr, wurden sogar als „Bedrohung“[7] empfunden.

In den folgenden Jahren gründeten sich verschiedene rechte Gegenbewegungen. Darunter und für den Verlauf der Vorgeschichte des Bürgerkriegs von Bedeutung ist die um José Antonio Primo de Rivera, den Sohn des ehemaligen Diktators. Dem Faschismus nach italienischem Vorbild zugewandt, gründete er gemeinsam mit dem Monarchisten Pedro Saínz Rodríguez die faschistische ultranationalistische Partei Falange. Bei den Parlamentswahlen 1933 spielte die Falange allerdings noch keine nennenswerte Rolle. Dennoch gelang den rechten Parteien, die geschlossen antraten ein klarer Sieg. In der politischen Praxis führte dies unter anderem dazu, dass die begonnene Agrarreform gestoppt und vielerorts sogar rückgängig gemacht wurde. Auch wuchsen die Spannungen zwischen der Zentralregierung und den autonomen Regionen. Auf einen landesweiten Aufstand der Arbeiter, organisiert durch die Partido Socialista Obrero Español (PSOE) und die Anarchisten reagierte die Regierung mit der Verhängung des Ausnahmezustands. Im September 1934 eskalierte die Situation, als bekennende Gegner der Republik in das Regierungsbündnis mit aufgenommen wurden. Die sozialistische Gewerkschaft Unión General de Trabajadores (UGT) rief in der Reaktion einen Generalstreik aus. In Asturien konnte die Rebellion (auch „spanische Oktoberrevolution“), der sich mittlerweile auch die Kommunisten, die PSOE und die anarchische Gewerkschaft Confederación Nacional del Trabajo (CNT) angeschlossen hatten, nur durch intensive Kämpfe gestoppt werden. Hier trat das erste Mal der General Francisco Franco in Erscheinung, der die Kämpfe mit besonderer Härte führte. Seine Offiziere forderten die Soldaten zu dieser Härte auf, es kam zu Vergewaltigungen, Ermordungen von Zivilisten und Erschießungen von hunderten von Gefangenen, unter ihnen auch die führenden Köpfe der Gewerkschaften.[8] Der Graben zwischen linken und rechten Kräften war zu dieser Zeit unüberwindbar geworden und die Angst vor einer gewaltsamen Machtübernahme entstand. Aus den für 1936 angekündigten Neuwahlen gingen Linke und Republikaner als Sieger hervor.[9] Die wieder begonnene Bodenreform wurde mit drastischeren Mitteln und in größerem Umfang als je zuvor vorangetrieben und gleichzeitig eskalierte auf den Straßen der falangistische Terror.[10] Dass die Republik mit einem Putsch rechnete, beweist im Nachhinein auch die Verhaftung de Riveras, die vorzeitige in Ruhestandsetzung von Militärs, sowie die Versetzung Francisco Francos weg vom Festland auf die Kanaren. Nach wie vor fühlte sich das Militär aber zur Politik berufen. Es begriff sich als Konstante in Spanien, die in die Politik so lange nicht eingriff, wie diese funktionierte. Dass dieses Selbstverständnis in manchen Kreisen sogar noch über die Regentschaft Francos hinweg galt, beweist der Putschversuch von 1981.[11]

Der Bürgerkrieg selber begann mit der Einnahme der Küstenfestung Melilla durch die Putschisten. In der Folge überfielen Falangisten die Sitze von Sozialisten und Gewerkschaft und verhafteten deren Führer. Nachdem die Generäle Mola und Serenjo bei Flugzeugabstürzen umkamen, und da de Rivera noch in Haft hingerichtet wurde, verblieb von den Größen des Putsches nur Franco übrig und wurde so zum Chef der Armee und provisorisches Staatsoberhaupt.

Der Verlauf des Bürgerkrieges ist für die Fragestellung dieser Arbeit unerheblich. Wichtig ist hingegen die Grausamkeit, mit der dieser Krieg geführt wurde. Gräber, die heute in Spanien geöffnet werden, zeugen von den Massenhinrichtungen und Morden dieser Jahre.

Am 1. April 1939 erklärte Franco den Sieg. Im gleichen Jahr bereits erkannten Frankreich, die USA und Großbritannien Spanien, und damit Franco als neues Staatsoberhaupt an. Die Folgejahre werden als franquistische Repression zusammengefasst. Bis 1945 hielten Massenmorde und politische Verurteilungen an; die Opfer waren auf Seiten der Linken weitaus höher. Spätestens 1955, als Spanien Mitglied der Vereinten Nationen wurde, waren Franco und sein Regime international voll anerkannt.[12] Dieses Jahr markierte also den endgültigen Sieg über die spanische Republik.[13] Trotz Diktatur entwickelte sich Spanien und öffnete sich schließlich auch gegenüber den anderen europäischen Nationen. Politische Morde und das Verschwinden von Personen hielten aber bis zum Ende des Regimes an.

2.2 Der historische Hintergrund in Frankreich: Vichy, die Kollaboration während des Zweiten Weltkriegs und die Folgen

Der „Sieger von Verdun“ sollte den kämpfenden Franzosen eigentlich als Symbol dienen. Anstatt zur Verteidigung aufzurufen suchte Marschall Philippe Pétain aber den Dialog mit den deutschen Aggressoren.[14] Seine Person war ein hervorzuhebender Grund für das Funktionieren des Vichy-Frankreichs. Dass sich nicht mehr Franzosen dem bewaffneten Widerstand anschlossen war nämlich auch der Person Pétain geschuldet, einer Persönlichkeit, die großen Respekt in der Bevölkerung genoss.[15] Pétain sah in einem Waffelstillstand und einem deutsch-französischen Separatfrieden die beste Möglichkeit um das französische Volk vor weiterem Leid zu schützen. Am 22. Juni 1940 unterzeichnete Pétain den Waffenstillstandsvertrag. Dieser sah insbesondere die Teilung Frankreichs vor, in einen unbesetzten Teil und einen besetzten Teil, der die Kollaboration der französischen Verwaltung vorsah. Die Regierung unter Marschall Pétain zog in das nahe der Demarkationslinie liegende Vichy.[16]

Mit der Beurlaubung der Parlamentskammern im September 1940 schaffte Pétain die Vorraussetzung für seine Alleinherrschaft. Gesetze wurden somit in Vichy allein von der Exekutive also von Pétain und wechselnden Beratern beschlossen.[17]

Der Antisemitismus des Regimes lässt sich gut an den Säuberungen im öffentlichen Dienst aufzeigen. Charles de Gaulle, der zu den Generälen gehörte die nicht an einen Separatfrieden glaubten, und der die Franzosen von England aus zum Widerstand aufforderte, wurde zum Tode verurteilt[18]. 1941 wurden Appellationsgerichte eingerichtet, um die schnelle Aburteilung von „Terroristen“, und damit meist französischen Widerstandskämpfern zu ermöglichen. Einen neuen Höhepunkt erreichte die gewalttätige Kollaboration im Sommer 1941, als sich Vichy dazu entschloss mit den Deutschen, bei der Jagd nach „gemeinsamen“ Feinden, aktiv zu kooperieren.[19]

Ein weiterer besonders schwerer Aspekt in der Debatte um die „Schuld“ Vichys und der Klassifizierung Vichys als „Täterregime“, ist die Nutzung der Internierungslager. Solche Lager waren im Europa der dreißiger Jahre keine Seltenheit und dienten in Frankreich anfangs, um die Flüchtlingsströme aus Spanien während des Bürgerkrieges systematisch bewältigen zu können. Nach 1940 wurden sie verstärkt genutzt um politische Gefangene zu internieren, spätestens ab 1942 waren sie maßgeblicher Bestandteil der repressiven Politik Frankreichs, und ab Mitte 1942 entwickelten sie sich zu „Vorzimmern des Todes“[20], zu Durchgangsstationen auf dem Weg in die deutschen Vernichtungslager in Osteuropa. Opfer dieser Politik waren Juden, Kommunisten, Mitglieder des Résistance, Staatenlose und Flüchtlinge, sowie Sinti und Roma.

Die Verbrechen gegen die jüdische Bevölkerung verdienten an dieser Stelle natürlich eine ausführlichere Betrachtung. Ich verzichte hier allerdings darauf, da sie für meine Fragestellung keine qualitativ andere Bedeutung haben, als die Verbrechen gegen andere Opfergruppen. Erwähnt sei aber, dass sich die Repression und die Verfolgung der Juden in Frankreich zuerst und im besonderen Maße gegen Juden anderer Nationalität richtete, bspw. gegen polnische Juden, die nach Frankreich geflohen waren. Schließlich ging Vichy aber auch gegen französische Juden vor, durch Berufsverbote, den „Judenstern“ und schließlich durch Internierung.[21] Insgesamt fanden durch die französische Kollaboration beinahe 80.000 Juden in den deutschen Vernichtungslagern den Tod. Außerdem starben mehrere tausend Tote schon in den französischen Internierungslagern oder wurden als Widerstandskämpfer hingerichtet.[22]

Zu Kampfhandlungen zwischen Franzosen kam es im Verlauf des Krieges an verschiedenen Fronten. So 1940 in Dakar, 1941 in Syrien und im Sommer 1944 in Frankreich selber, zwischen gaullistischen Truppen und Milizen Vichys, die viele tausende Tote und noch mehr Verletzte kosteten.[23] Zu den weiteren Opfern des Konflikts zählen neben Toten bei der Befreiung Frankreichs auch die vielen Opfer von Vergeltungsschlägen, wie etwa die 20.000 geschorenen Frauen[24].

2.3 Zwischenfazit

Von einem Bürgerkrieg der Qualität des Spanischen kann wohl in der Beschäftigung mit Vichy nicht gesprochen werden. Eher vielleicht von einem Krieg zwischen „zwei verschiedenen Vorstellungen von Frankreich“[25]. Dennoch gibt es genügend vergleichbare Ansätze. In beiden Fällen handelte es sich um einen nationalen Konflikt auf dem Gebiet eines Staates, in dem sich verschiedene Teile der Bevölkerung gegenseitig bekämpften, oder zumindest Gewalt antaten. Außerdem war die Gesellschaft ideologisch in zwei Gruppen gespalten.

Schließlich kann aus heutiger Sicht gesagt werden, dass die Konflikte in beiden Ländern eine Art Trauma hinterlassen haben, das zumindest in der spanischen Gesellschaft als mitnichten überwunden bezeichnet werden kann.

3. Der Übergang in eine demokratische Staatsform und das Primärziel der Einheit der Nation

Der Übergang in eine demokratische Staatsform war in Spanien nach dem Tod Francos und in Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg von unterschiedlicher Natur. In Frankreich ging dieser Übergang von einem besetzten Land unter Fremdherrschaft hin zu einer provisorischen Regierung, dann über die „Vierte“ und mündete schließlich in der „Fünften Republik“. In Spanien vollzog sich ein Wechsel von einer Diktatur hin zu einer Demokratie. Ähnlich, und daher hier von Bedeutung, war in beiden Ländern die Spaltung der Gesellschaft in „Opfer“ und „Täter“. Wobei sich natürlich in beiden Gruppen Opfer wie Täter finden lassen.

Das primäre Ziel war in beiden Ländern die Einheit der Nation und damit die Stabilität des Landes zu wahren. Beide Länder bedienten sich dazu ähnlicher Mittel, wie bspw. Amnestien. Von besonderer Bedeutung waren die Rollen von König Juan Carlos I. und General Charles de Gaulle, die zu Identifikationsfiguren und damit zu Einern der gesamten Gesellschaft wurden.

3.1 Juan Carlos I. König von Spanien

Die Monarchie endete in Spanien vorerst 1931, mit dem Gang ins Exil Alfonso XIII. Das Nachfolgegesetz erklärte Spanien 1941 zumindest de jure wieder zum Königreich, doch auch der Sohn des 1941 verstorbenen Alfonso XIII. weilte weiter im Exil. Franco plante nach seinem Tod die Monarchie in Spanien auch wieder de facto einzusetzen, aber Juan de Borbón y Battenberg kam dafür nicht in Frage, wohl aber sein Sohn Juan Carlos. Der Diktator schloss mit dem exilierten König ein „Geschäft“[26] ab. Juan Carlos sollte in Spanien von Franco erzogen werden, dafür könnte er nach seinem Tod als Monarch Staatsoberhaupt von Spanien werden. Zu Gunsten der Monarchie erklärte sich Juan einverstanden und sandte seinen Sohn nach Spanien.[27]

1969 wurde der Kronprinz zum Nachfolger Francos ernannt und 1971 zu seinem Stellvertreter im Falle von Krankheit.[28] Zwei Tage nach dem Tod des Diktators wurde er vor dem Cortez, dem spanischen Parlament, zum König proklamiert und im Mai 1977 bestieg er schließlich den Thron von Spanien. Ganz im Sinne Francos war Juan Carlos I. zu diesem Zeitpunkt der „mächtigste Monarch Europas“[29], so hielt er bspw. das Oberkommando über das gesamte Militär. Noch sein Amtseid enthielt einen Passus über die Loyalität und Verpflichtung gegenüber der nationalen Bewegung.[30] Insofern erscheint es rückblickend bei erster Betrachtung beinahe verwunderlich, mit welcher Zielsetzung Juan Carlos I. von Beginn an sein Amt ausübte, denn schließlich war die Demokratisierung Spaniens auch mit der massiven Beschneidung seiner, von Franco vererbten Machtkompetenz verbunden.

Die Integrationskraft Juan Carlos I. verdeutlicht ein Beispiel auf besondere Weise. Im Februar 1976, also wenige Monate nach seiner Vereidigung und dem Tod Francos, besuchte er die verschiedenen spanischen Provinzen, um sich dem Volk als Staatsoberhaupt vorzustellen. Bei seinem Besuch in der Provinz Katalonien sprach der junge König in Katalanisch. Der Sprache also, die während der Diktatur verboten war.[31] Auch tolerierte Juan Carlos I. schnell wieder unter Franco verbotene oppositionelle Organisationen, u.a. die Neugründung der kommunistischen Partei und verteidigte diese sogar vor aufgebrachten Militärs. Die Person Juan Carlos I. war in diesen ersten Jahren der „Motor des Wandels“[32] in Spanien.

Wie überraschend die reformerischen Bemühungen des jungen Königs waren, lässt sich leicht auch an einem Vergleich der Literatur bis Mitte der siebziger Jahre und der aktuellen erreichen. So wird Juan Carlos I. noch in 1977 erschienenen Schriften negativ und schlicht als Zögling Francos, und diesem, wie auch der Diktatur treu ergebenen Diener beschrieben.[33] Heute wird die Monarchie in der spanischen Bevölkerung als entscheidender Faktor wahrgenommen, der den Weg von der Diktatur in die Demokratie möglich gemacht hat.[34] Da das System Francos sicher noch lange über seinen Tod hinaus überlebt hätte, wenn sich Juan Carlos I. seiner Erziehung unter Franco „erwartungsgemäß“ verhalten hätte, kommt ihm eine „Schlüsselrolle im Prozeß der demokratischen Transformation“[35] zu.

3.2 Charles de Gaulle

So wie Juan Carlos I. seine Legitimation aus seiner Herkunft und seinem Wirken unmittelbar nach Francos Tod zog, war es bei Charles de Gaulle sein Ruf und Name, die er sich während des Zweiten Weltkrieges gemacht hatte.

Als Frankreich am 18. Juni 1940 kapitulierte und unter Marschall Philippe Pétain mit Deutschland kollaborierte, war es de Gaulle, der von London aus, seine Landsleute zum Weiterkämpfen aufforderte.[36] Den Kampf gegen Pétain gewann de Gaulle schließlich, als er im August 1944 als Befreier in Paris einzog. Durch seine Vorbereitungen im britischen Exil war er in der Lage, eine provisorische Regierung zu bilden und so eine alliierte Militärregierung zu verhindern. 1946 trat er allerdings schon von seinem Amt als Ministerpräsident zurück, da er seine Pläne für eine Verfassungsänderung mit den Mehrheitsverhältnissen im Parlament nicht durchsetzen konnte.

Die „Vierte“ Republik litt unter den Problemen des Algerienkriegs und der Entkolonialisierung[37], und so kehrte er 1958 in die Regierung zurück und regierte bis 1969 als „Wahlkönig“[38] der Franzosen.

Eine berühmte Geste für die von de Gaulle angestrebte Versöhnung war die Begrüßung der Pariser Polizei, die erst Stunden zuvor die Seiten gewechselt hatte, beim Einmarsch in die Hauptstadt. So auch die von ihm angestrebte Begnadigung von Pétain.[39]

[...]


[1] Vgl. Seidel, Der Spanische Bürgerkrieg, S. 15.

[2] Vgl. ebd., S. 16.

[3] Vgl. Bernecker, Europa zwischen den Weltkriegen, S. 186.

[4] Vgl. Seidel, Der Spanische Bürgerkrieg, S. 23.

[5] Vgl. Bernecker, Europa zwischen den Weltkriegen, S. 190.

[6] Vgl. Seidel, Der Spanische Bürgerkrieg, S. 27.

[7] Ebd., S. 30.

[8] Vgl. Seidel, Der Spanische Bürgerkrieg, S. 50f.

[9] Vgl. ebd., S. 53.

[10] Vgl. ebd., S. 55.

[11] Vgl. Kapitel 5. Die Transición in Spanien.

[12] Ausnahmen waren die UdSSR und Mexiko.

[13] Vgl. Bernecker, Spaniens Geschichte seit dem Bürgerkrieg, S. 100f.

[14] Vgl. Rousso, Vichy, S. 18.

[15] Vgl. Baruch, Das Vichy-Regime, S. 193.

[16] Vgl. dazu und zu der Wahl des Kurortes Vichy als Regierungssitz und der Pétains als Staatschef: Rousso, Vichy, S. 27-30.

[17] Vgl. ebd., S. 55.

[18] Vgl. ebd., S. 78.

[19] Vgl. ebd., S. 81.

[20] Ebd., S. 83.

[21] Vgl. Rousso, Vichy, S. 90f.

[22] Vgl. ebd., S. 102f.

[23] Vgl. ebd., S. 133.

[24] Gemeint sind französische Frauen, die Beziehungen zu deutschen Soldaten eingegangen waren und nach der Befreiung als „Nazihuren“ beschimpft wurden.

[25] Baruch, Das Vichy-Regime, S. 198.

[26] Mertens, Spanien, S. 159.

[27] Vgl. Bernecker, Juan Carlos I., S. 284f.

[28] Vgl. ebd., S. 286.

[29] Bernecker, Juan Carlos I., S. 289.

[30] Vgl. ebd., S. 290.

[31] Vgl. Bernecker, Juan Carlos I., S. 295.

[32] nach Außenminister José María de Areilza (1975-1976), vgl. ebd.

[33] Vgl. Mertens, Spanien, S. 161f.

[34] Vgl. Bernecker, Juan Carlos I., S. 302.

[35] Trabert, Die politische Transformation Spaniens nach Franco, S. 312.

[36] Vgl. Weisenfeld, Charles de Gaulle, S. 16.

[37] Vgl. Weisenfeld, Charles de Gaulle, S. 17.

[38] Ebd., S. 18.

[39] Vgl. Kapferer, Charles de Gaulle, S. 171.

Details

Seiten
30
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640954230
ISBN (Buch)
9783640954124
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174750
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1,7
Schlagworte
Franco Francismus Vichy Bürgerkrieg Faschismus Aufarbeitung Diktatur Charles de Gaulle Juan Carlos Papon Barbie Transición Baltasar Garzón ARMH Henry Rousso Vergangensheitskultur Vergangenheitsbewältigung Kollaboration Philippe Pétain PSOE Partido Popular Ley de Memoria Histórica Valle de los Caídos

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