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Medienkompetenz und Medienkritik - Medienkritik als Emanzipation?

Seminararbeit 2010 16 Seiten

Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Medienkompetenz und Kritik
2.1. Vorbemerkungen: Medien – Kompetenz
2.2. Konzept der Medienkompetenz
2.3. Medienkritik als besondere Dimension der Medienkompetenz

3. Medienkritik als Emanzipation?
3.1. Paradoxien der Medienkritik
3.2. Der medienkritische Diskurs
3.3. Strukturwandel der Öffentlichkeit 2.0

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Eine beliebte Gegenwartsdiagnose ist die der Mediengesellschaft. Medien im Allgemeinen, „Neuen Medien“ im Besonderen, durchdringen die Lebenswelten in einem immer höheren Maße. Das Bedienen und die Beherrschung der Techniken ist eine zunehmende Notwendigkeit, um sowohl beruflich, wie auch privat nicht von Möglichkeiten ausgeschlossen zu sein. Doch neben der Medienkunde, -nutzung und –gestaltung ist die Medienkritik in der Mediengesellschaft unabdingbarer Bestandteil der individuellen Befähigung. Erst wenn man Fragen wie: „Helfen uns die Technik und ihre Produkte, unser Leben besser zu organisieren und zu verstehen, oder geraten wir in eine Abhängigkeit zu ihnen? Entfremden uns Medienprodukte von uns selbst und der Realität? Sind Medieninhalte nichts mehr als ein von der Kulturindustrie vorgefertigtes Produkt? Oder sind die „Neuen Medien“ eine Chance für mehr Freiheit des Individuums?“ zu beantworten sucht, so kann sich eine umfassende Medienkompetenz bilden, die nicht bloß an der Oberfläche stehen bleibt, sondern eine emanzipatorische Kraft entwickelt. „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“ konstatiert Niklas Luhmann (1996: S.9) und impliziert damit zwei Fragen: (1) Wie ist es möglich, den Einzelnen zur Partizipation in dieser medialen Gesellschaft zu befähigen? (2) Wie ist es möglich, sich von dieser Abhängigkeit durch die Medien zu emanzipieren?

Das dominierende Konzept, welches Antworten zu geben versucht, ist das der Medienkompetenz, wie es im ersten Teil vorgestellt wird. Dies hat sich mit der Entwicklung der neuen Medien im Diskurs über Medien etabliert, auch wenn der Kompetenzbegriff nicht unumstritten ist. Das vorherrschende Medienkompetenz­modell ist das des Medienpädagogen Dieter Baacke. Vor allem besticht dieses Modell durch partizipatorische Elemente, während das emanzipatorische Moment nicht hinreichend erklärt wird. Dieses Moment kann nur in der Medienkritik liegen, läuft aber in diesem Kontext Gefahr individualistisch verkürzt zu werden. Im zweiten Teil wird der Begriff der Medienkritik ergänzt. Zunächst werden Paradoxien der Medienkritik aufgedeckt, die bestimmend für den medienkritischen Diskurs sind. Zum Schluss sollen die gewonnen Erkenntnisse auf die gegenwärtigen Entwicklungen der Medienlandschaft angewandt werden.

2. Medienkompetenz und Kritik

2.1. Vorbemerkungen: Medien – Kompetenz

Die Medienlandschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend gewandelt und zwar in zweifacher Weise. Zum einen hat sich die Fernsehlandschaft als massenmediales Leitmedium ausdifferenziert. Es gibt wesentlich mehr private Anbieter von Medieninhalten. Die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten sind nicht mehr die dominierenden Informationssender und müssen vielmehr in Konkurrenz mit den Privatsendern ihre eigenen Inhalte umstellen. Zum anderen haben sich durch den technologischen Fortschritt ganz neue Strukturen gebildet. Die größte Veränderung stellen die neuen Medien mit ihren nutzergenerierten Medieninhalten und der non-linearen Mediennutzung dar (vgl. Bachmaier 2008: S. 23). Diese neuen Medien haben sich in den westlichen Gesellschaften, aber mittlerweile auch in fast allen anderen Teilen der Welt, etabliert und beeinflussen unsere Wirklichkeitskonstruktion in hohem Maße durch die von ihnen geschaffenen neuen Möglichkeiten der Kommunikation. „Wie zu keiner Zeit vorher sind Medien nicht nur "Medium", sondern auch ein "Faktor" gesellschaftlicher und politischer Entwicklung“ (Sarcinelli 2000: S. 30) im Modernisierungsprozess. Vor allem die Entwicklung des Internets zum Web 2.0, auch Social Media genannt, ermöglicht es seinem Nutzer nicht nur Rezipient, sondern auch Produzent von Medieninhalten zu sein. Parallel zu dieser historischen Neuerung wurde das Konzept der Medienkompetenz entwickelt, um auf die Frage antworten zu können, wie das Individuum dazu befähigt werden kann sich in diesen neuen Strukturen der Mediengesellschaft orientieren zu können.

Der Kompetenzbegriff ist nicht unumstritten, vor allem aus medienpäda­gogischer Sicht. Kompetenz, wie auch bereits Dieter Baacke anführt, besticht im Vergleich zu Erziehung oder Bildung durch seine „pädagogische Unspezifität“ (Baacke 1997: S. 99). Zudem besitzt er im umgangssprachlichen, ökonomisch geprägten Sinn ein sozial­technologisches Element. Kritiker sehen also die Problematik, dass Kompetenz „vor allem der Vermittlung von instrumentellem Wissen bzw. Verfügungswissen entspre­che, das also in erster Linie Qualifizierungsfunktion habe“ (Hugger 2008: S. 97). Als Gegenbegriff wird Medienbildung verwand, da er sowohl Reflexionswissen beinhalte, als auch einer zweckrationalen und damit zu beendende individuellen Qualifikation das Ideal eines nicht zu vollendenden Lernens entgegensetze (vgl. ebd.). Man darf jedoch nicht vergessen, dass bei Medienkompetenzkonzepten, wie auch schon bei der Kommunikativen Kompetenz von Jürgen Habermas[1] (vgl. Habermas 1971), welcher diesen Begriff in den gesellschaftswissenschaftli­chen Diskurs einführte, ein ethisch-reflexives Element mit einbezogen wird.

Diese Vorüberlegungen dienen dazu, im Folgenden Eindeutigkeit zu schaffen. Wird von Medien gesprochen, so werden die neusten Entwicklungen einbezogen. Kompetenz wird als mehrdimensionaler Begriff gebraucht, wie er in seiner konzeptionellen Ausprä­gung von Baacke definiert wird.

2.2. Konzept der Medienkompetenz

Der Medienpädagoge Dieter Baacke führte bereits 1973 in seiner Habilitationsschrift Kommunikation und Kompetenz die Kernelemente einer Medienkompetenz ein, ohne sie jedoch so zu benennen. Der Medienkompetenz gehen Überlegungen in Anlehnung an die von Jürgen Habermas konzipierte kommunikative Kompetenz voraus. Während unter dieser die umfassende Fähigkeit der personalen Kommunikation zu verstehen ist, unabhängig von und in ihrer Vermittlung durch Medien, ist Baackes Ziel als Pädagoge „ein emanzipiertes Publikum zu erziehen, das die Maßstäbe eigener kommunikativer Erfahrungen auch für seine Rezipientenrolle übernimmt, also zum selbstbestimmten Rezipienten wird“ (Baacke 1973: S. 336). Die Medienkompetenz nimmt also bewusst die Vermittlungsebene in den Fokus. Kommunikative Kompetenz als Entwicklungsmodell gedacht, hat als Ziel den öffentlichen Diskurs, vernachlässigt dabei aber die Rolle des Mediensystems. Ausgehend von den Überlegungen der kritischen Theorie, dass die massenmediale „Öffentlichkeit in all ihren Erscheinungsformen ein System“ ist, das „mehr und mehr produziert und beherrscht [wird] von Public Relations-Managern und Meinungsmachern“ (ebd.: S. 363), müsse der Einzelne lernen sich gegen diese gemachte Kommunikation zu behaupten. Dies erfordere nicht nur eine Umgestaltung der Erziehung und der Massenmedien, „sondern auch die Eröffnung von neuen Räumen kommunikativer Teilhabe“ (ebd.: S. 364).

Medienkompetenz ist ein normatives Modell. Es soll den Einzelnen befähigen die „Möglichkeiten der Informationsverarbeitung auch souverän handhaben zu können“ (Baacke 1997: S. 98). Als Produzent muss er eine instrumentelle Qualifikation besitzen; als Rezipient ein kritisch-reflexives Denken. Nur dann sind die Ziele, die mit diesem Konzept verknüpft sind, erreichbar: Partizipation und Emanzipation. Baacke sieht dafür vor allem vier Dimensionen als Voraussetzung an.

Tabelle 1: Medienkompetenz nach Baacke (Vgl. 1997: S. 98-99)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wie aus der Tabelle 1 ersichtlich wird unterscheidet Baacke grundsätzlich zwei Bereiche: Die Zielorientierung, das ist die auf das Handeln des Einzelnen bezogene Dimension, und die Vermittlung, das ist die Kenntnis und Beurteilung von Medien. Zielorientierung umfasst die (1) Mediennutzung, (a) rezeptiv als Programm-Nutzungskompetenz, z.B. Fernsehen, Lesen etc., und (b) interaktiv als das mediale Antworten, z.B. durch Telefon, Briefe etc., und die (2) Mediengestaltung, (a) innovativ als das verändern können des Mediensystems innerhalb seiner Logik und (b) kreativ als Auseinandersetzung mit ästhetischen Varianten über die Medien-Routine hinausgehend. Die Vermittlung lässt sich ebenfalls in zwei Elemente auffächern: In die (3) Medienkunde, (a) informativ als Wissensbestand der Funktionsweise und der inneren Logik der Medien und (b) instrumentell-qualifikatorisch als die Fähigkeit Geräte handhaben zu können, und in die (4) Medienkritik. Diese ist (a) analytisch, d.h. „problematische gesellschaftliche Prozesse (z.B. Konzentrationsbewegungen)“ (ebd.) sollen angemessen erfasst werden können, (b) reflexiv, d.h. das analytisch gewonnene Wissen soll auf sich selbst und sein Handeln angewandt werden können, und (c) ethisch als Komponente, die die Analyse und Reflexion „als sozialverantwortet abstimmt und definiert“ (ebd.). Baacke benennt anschließend die Gefahr einer subjektiv-individualistischen Verkürzung und bestimmt ein notwendiges „Gestaltungsziel auf überindividueller, eher gesellschaftlicher Ebene […], nämlich den Diskurs der Informations­gesellschaft“ (ebd.).

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass Medienkompetenz drei Ebenen umfasst: 1. instrumentell-qualifikatorisch (Mediennutzung, -gestaltung und -kunde), 2. individuell-reflexiv (Medienkunde und -kritik), 3. gesellschaftlich-diskursiv. Baacke erläutert aber weder, dass der Medienkritik in diesem Diskurs eine besondere Stellung zugutekommen muss, noch wie dieser Diskurs stattfinden soll. Im Folgenden wird dies also zu ergänzen sein.

2.3. Medienkritik als besondere Dimension der Medienkompetenz

Medienkritik erscheint in Baackes Konzeptualisierung als eine von vier Dimensionen der Medienkompetenz. Durch seine anschließende Aufforderung zum Diskurs der Informationsgesellschaft aber gewinnt grade sie an Bedeutung, welcher er selber nicht gerecht wird. Die ethische Unterdimension verweist auf eine soziale Verantwortung bezüglich des Medienhandelns. Medienkompetenz fordere bestimmte soziale und kulturelle Zielwerte, wie Grundversorgung an Informationen, Gemeinwohl und Persönlichkeitsschutz, so Baacke (vgl. ebd.). Doch wie sollen eben diese medienbezogenen Zielwerte gesichert werden? Dies kann nur durch die Dimension der Medienkritik erreicht werden, deren Grundlage die Befähigung zur Unterscheidung von guten und schlechten, gesellschaftlich erwünschten und schädlichen Entwicklungen der Medien ist. Dafür notwendig ist in erster Linie auch die Dimension der Medienkunde. Ohne ausreichende Kenntnis von den Vorgängen, Wirkungsmechanismen und den gestalterischen Möglichkeiten der Medien, lassen sich keine Urteile über Medieninhalte und -angebote fällen.

[...]


[1] Erinnert werden soll an die vier Geltungsbedingungen: Gesprächspartner wählen angemessene Sprache, sagen die Wahrheit, sind wahrhaftig und nehmen angemessene Rolle ein. Um dies tun zu können, bestimmt Habermas die Sprachfähigkeit zum angemessenen Sprechen, die kognitive Fähigkeit zum Erkennen von Wahrheitsgehalten, eine Ich-Stabilität als Fähigkeit um wahrhaftig zu sein, und eine moralische Fähigkeit, um die Geltung von Normen beurteilen zu können.

Details

Seiten
16
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640953424
ISBN (Buch)
9783640953141
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174737
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
1,0
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