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Lebenslauf und berufliche Entwicklung

Spezifik psychotherapeutischen Arbeitens im Gewaltkontext am Beispiel der Sekundärtraumatisierung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 18 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

Inhalt

1. Fragestellung

2. Arbeitsfeld Psychotherapie

3. Spezifik psychotherapeutischen Handelns im Gewaltbereich
3.1. Therapie und Weltbild
3.1.1. Sekundäre Traumatisierung

4. Systemische Vernetzungsebene
4.1. Notwendigkeit der Vernetzung
4.2. Möglichkeiten der Vernetzung

5. Schlussfolgerungen

6. Anhang
6.1. Traumatherapeutische Methoden
6.2. Befragung von Asylsuchenden

7. Quellenverzeichnis

Ich bin ein Maler der aus Schatten

Das wunderbarste Bildnis malt

Und teurer seine Farben zahlt

Als andre ihre vollen satten

Wenn keiner mehr von ihnen prahlt

Erglühen doch die meinen matten

Wie über schweren Grabesplatten

Ein altes Mosaik erstrahlt

Und doch steht Nacht vor meinen Augen

Von Tränen deckt sie ein Visier

Sie müssen´s doch aus dem Innern saugen

Mit sehnsuchtstrunkener Begier

Dann wird es als ein Urbild taugen

Dir selber ähnlich ähnlich mir

Walter Benjamin „Sonnet 54“

1. Fragestellung

Wie gelingt es PsychotherapeutInen, trotz widriger Einflüsse die Freude an der Arbeit nicht zu verlieren, sich Routine und Desillusionierung zu widersetzen und sich zu entwickeln? Seit den 90er Jahren wird in diesem wichtigen Feld verstärkt empirisch geforscht und die Entwicklung über die gesamte berufliche Lebensspanne untersucht. Als die beiden international bedeutendsten empirischen Studien zur professionellen Entwicklung von TherapeutInnen gelten die Minnesota Study of Counselor and Therapist Development[1] sowie die groß angelegte International Study on the Development of Psychotherapists[2], bei der mehr als 7000 Therapeuten aus über 20 Ländern in eine umfangreiche empirische Analyse einbezogen wurden - aus Deutschland (21,7%), den USA (17,3%), Norwegen (16,5%) und Südkorea (11%). Beide Studien berücksichtigen sowohl positive als auch negative Aspekte der Entwicklung und beschreiben zwei parallel laufende Zyklen während der Tätigkeit als PsychotherapeutIn.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Während jedoch in der Minnesota Study noch eine Gegenüberstellung eines Entwicklungsgleises („developmental track“) und eines Stagnationsgleises („stagnation track“) vorgenommen wird, zeigt die ISDP zwei gleichzeitig verlaufende Entwicklungszyklen auf – einen positiven und einen negativen Entwicklungszyklus[3]. Das dort klassifizierte

heilende Engagement umfasst

- Kompetenzen und Fähigkeiten,
- minimale Schwierigkeiten,
- konstruktive Coping-Strategien,
- ein persönliches Interesse an der therapeutischen Beziehung,
- Flow-Erfahrungen in den Sitzungen
- sowie ein Gefühl therapeutischer Effektivität.

Das aufreibende Engagement geht einher

- mit vielfachen Schwierigkeiten in der Praxis,
- defensiven und unkonstruktiven Coping-Strategien
- sowie Ängsten und Langweile in den Sitzungen.

Ein Vergleich der Altersgruppen zeigte, dass vorwiegend die berufserfahrenen TherapeutInnen heilendes Engagement erleben, wohingegen die BerufsanfängerInnen häufiger von aufreibendem Engagement berichteten. „Der Arbeitsstress war besonders bei solchen Therapeuten hoch, die wenig Unterstützung und Befriedigung durch ihre Arbeit erfuhren, die keine private Praxis hatten und die aufgrund negativer Erfahrungen demoralisiert waren.“[4]

Dieser Studie zufolge kann sich eine TherapeutIn nie vollständig positiv entwickeln oder komplett stagnieren. Vielmehr sind beide Anteile, Wachstum und Stagnation, immer zeitgleich vorhanden und nicht als „entweder-oder“ zu verstehen. Ob die Gesamtentwicklung der TherapeutIn unter dem Strich positiv oder negativ verläuft, hängt davon ab, inwieweit ein positiver oder ein negativer Entwicklungszyklus überwiegt. Ausschlaggebend ist demzufolge die Balance der beiden Zyklen im Leben einer Therapeutin.

Gibt es vielleicht einen weiteren, für die berufliche Entwicklung entscheidenden Unterschied zwischen denjenigen, die Psychotherapie als Wissenschaft begreifen und denjenigen, die sie als Kunst verstehen? Denjenigen, die sie mittels empirischer Methoden qualifizieren möchten und denjenigen, die diese Wahrnehmung von Möglichkeiten als zu restriktiv und minimierend für die Erkundung intersubjektiver Zusammenhänge empfinden? Und ist dieser Unterschied ein entscheidender bei der Entfaltung der Höhen und Tiefen einer professionellen Biographie? Hochinteressante Vertiefungsfelder - und sie können im Rahmen der vorliegenden Arbeit natürlicher- und auch bedauerlicherweise nicht erkundet werden.

Es wird einer weiteren Abstufung gefolgt, die einen Unterschied macht: Was ist von individueller biographischer Relevanz für eine TherapeutIn, die im Gewaltbereich arbeitet?

Unhinterfragte Grundannahme dieser Arbeit ist es, dass sich die menschliche Seele dadurch auszeichnet, lernfähig zu sein, was sich durch Wachstum oder Nicht-Verkleinerung des Hippocampus auszeichnet[5], jedoch zunächst nicht prädestiniert ist, sich im gängigen Arbeitsalltag 8 Stunden täglich über 53 Wochen minus Urlaub im Jahr mit Krisen, Gewalt und Leid – sei es auf Opfer- oder TäterInnenseite auseinanderzusetzen. Desgleichen gilt für eine bestimmte Anzahl von Toden, die für ein Menschenleben ausreichend sind, um in Würde und Achtsamkeit mit – erlebt zu werden. Diese hier angenommene quantitative Begrenztheit menschlichen Erlebens ermöglicht eher sowohl Integration als auch inneres Wachstum in dem individuellen Lebenslauf.

Doch wie ergeht es denjenigen, die sich dem Thema „Gewalt“, dessen AkteurInnen und Betroffenen zur Verfügung stellen? Was sind ihre Gefährdungen, ihre Stabilisierungs- und Vorbeugemaßnahmen und ihre besonderen Möglichkeiten? Auch, nachdem sie besondere Ausbildungen erfolgreich durchlaufen haben?

1. Ein Modell, Konstrukt eher als Theorie zur vicarious traumatization, der „stellvertretenden Traumatisierung“, als einer der möglichen Gefährdungen, denen eine TherapeutIn vielleicht eher ausgesetzt ist, als die KollegInnen anderer fachlicher Spezialisierungen, wird gezeigt.
2. Möglichkeiten beruflichen Austauschs werden aufgelistet, nicht wegen der Arbeitsspezifik, die in der Opfer- und TäterInnenarbeit grundsätzlich Teamarbeit und vernetzt stattfinden muss, sondern als präventive Maßnahme gegen Burnout, Depression und Sekundärtraumatisierung - in der Sekundärliteratur wird immer wieder die Scham bereits erkrankter TherapeutInnen beschrieben, Supervision und andere Reflektionsmöglichkeiten für sich zu nutzen.
3. Gedanken dazu, was das Bewältigen dieser tief gehenden Krisen im persönlichen Leben bewirken kann, bilden den Abschluss der gesamten Überlegungen.

2. Arbeitsfeld Psychotherapie

Diese Arbeit geht davon aus, dass therapeutisch arbeitende Menschen dazu beizutragen möchten, dass ein psychisch zu unterstützender Mensch sich in seinem / ihrem Leben positiver, wohler, verbundener und (erwartungs-)froher fühlen mag. Diese Motivation nährt sich aus der Fähigkeit empathischen Empfindens, das dazu beiträgt, über die zunächst vermuteten eigenen Beschränkungen und Grenzen hinaus, sich in ein Gegenüber einfühlen zu können.

Die Spezifik psychotherapeutischen Arbeitens, das die alltäglichen Übertragungs- und Gegenübertragungsdynamiken zwischen Menschen und in deren Interaktionen durch den fokussierten Rahmen zu konzentrieren und dadurch im konstruktiven Fall produktiv zu nutzen vermag, verlangt Bewusstheit.

Die ständig fließenden interaktiven miteinander gestalteten Grenzen dürfen nicht zu Verstrickungen und Übernehmen der Geschichte des Anderen führen – bedürfen somit der Bewusstheit und der Reflektion. Desgleichen trägt beides dazu bei, zu erkennen, welche eigenen biographischen und charakterlichen Anteile die professionelle Interaktion beeinflussen. Diese Erkenntnis macht verantwortungsvolle wertschätzende Kommunikation möglich, für die die TherapeutIn beruflich angefragt ist.

3. Spezifik psychotherapeutischen Handelns im Gewaltbereich

3.1. Therapie und Weltbild

Bedeutet jegliche Art der Sinngebung und Gerüstschaffung des Lebens, dass sie doch ideologischer Natur ist? Könnte nicht dem Leben der rote Mutter – Faden, der Fortbildungsfaden, der Fraufaden, der Forschungsfaden, der Lesefaden, der Ohrringfaden unterlegt werden(, ganz zu schweigen vom Faden, der manchmal verloren geht) – je nach Nachdenkungsanfrage? Bietet der in Biographie-Selbsterfahrungsarbeit nachgespürtem Täteranteil-Zurechnungsfaden ein Gerüst, das die Therapeutin absichert, gesund durch das nicht nur berufliche Leben zu weben, zu knüpfen und zu vernetzen? Und: Sich ein- und anzubinden an diese Art von Arbeit? Wissen wir denn, was wie wirkt? Ist´s Erkenntnis, die trägt? Das Umweben und Fokussieren biographischer Marker oder Prozesse? Das Erreichen der Seele durch Bilder und ihr unabhängiger Umgang mit der Bewertung der Eindrücke?

Wird die – beruflich bedingte - fortlaufende Auseinandersetzung mit diesen Thematiken naiv und ungeschützt betrieben, wird dies, auch beim opti-mistischsten Menschen- und Weltbild, vermutlich zu einer Erschütterung des Weltbildes führen, die sich durch Verlust des Vertrauens – in die eigene Wahrnehmung und Begrenztheit, in eineN AndereN, in das Leben schlechthin – destruktiv kennzeichnet.

Max Frisch „Der Toggel“[6]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.1.1. Sekundäre Traumatisierung

Der Vollständigkeit geschuldet und um die Abgrenzung zur Diagnose „Sekundärtraumatisierung“ zu leisten, folgt eine Paraphrasierung zur Diagnose „Burnout“. Burnout kann jeden Menschen treffen, unabhängig von Tätigkeit, Beruf und Einkommen: Die tatsächlich äußerlich wahrnehmbaren und / oder innerlich empfunden Belastungen durch die individuelle Situation werden übermächtig und wandeln sich in einen lang anhaltenden Erschöpfungszustand. Lebens- und / oder Arbeitsmotivation sinken, damit einher wachsen die negativen Gefühle gegenüber der eigenen Leistung, gegenüber sich selber, vielleicht nehmen Zynismus und Gleichgültigkeit zu, kleine Unfälle passieren, Rigidität, Sinnlosigkeits-Erleben, Pessimismus und sozialer Rückzug brechen sich Bahn.[7]

Personenbegründete Auslöser mögen das Streben nach Perfektionismus, Idealismus, das Bedürfnis nach Selbstbestätigung oder / und fehlende Abgrenzungsfähigkeit sein – der Arbeitsrahmen, sofern er neben schlechter Organisation, hohe Arbeitsbelastung mit geringer Arbeitsautonomie paart gibt das seinige dazu.

Bei der Sekundärtraumatisierung führt die dissoziative Verarbeitung von Traumamaterial zu emotionale Taubheit, veränderter Zeitwahrnehmung, das eigene Handeln erscheint automatisiert, während die äußere Welt unreal oder traumähnlich erscheint.

Die Gedächtnisprozesse verändern sich: Traumamaterial wird ohne Information über Ort und Zeitpunkt des Geschehens und mit geringer Differenzierung zwischen eigener und anderer Person abgespeichert: Die Bedrohung wird als aktuell und als gegen die eigene Person gerichtet erlebt.

Im DSM-IV findet sich für von Schrecken und Krisen unmittelbar betroffenen Berufsgruppen die Diagnosemöglichkeit der Posttraumatischen Belastungsstörung. Die Sekundärtraumatisie-rung, die ohne die direkten sensorischen Eindrücke des Ausgangstraumas und mit zeitlicher Distanz geschieht, kann die Traumatisierung der Nahestehenden, FreundInnen, Familienange-hörigen und eben die berufsbedingte Traumatisierung von TherapeutInnen [8] nicht ohne weite-res nach DSM-IV diagnostizieren und sie ist nicht mit bekannten Traumatheorien erklärbar. Der wesentliche Unterschied nach Judith Daniels liegt in der Entstehung der Intruision.

Warum kann es bei der therapeutischen Arbeitssituation zur Sekundärtraumatisierung kommen? Sie ist doch gekennzeichnet durch: Vorhersehbarkeit, Kontrolle, Fachwissen – alles Faktoren, die die traumatogene Verarbeitung sicherstellen können?

Die „Simulations-Theorie“:

„ Wenn wir unser Herz öffnen und der Geschichte einer Person zuhören, die zutiefst verletzt oder verraten wurde, dann werden unsere gesamten Überzeugungen in Frage gestellt und wir müssen uns ändern.“

Durch die bloße Beobachtung des „anderen Zustandes“ wird dieser im eigenen Körper aktiviert. Levenson und Ruef 1992 konnten nachweisen, dass sich die „Herzrate“ [9] der Therapeutin der der Klientin anpasst. So weitgehend, dass die physiologischen Daten die Akkuratheit der emphatischen Reaktion voraussagen konnten.

Ein hochinteressanter Aspekt – Grindler und Bandler [10] haben versucht. herauszufinden, was denn die guten TherapeutInnen zu den guten Therapeutinnen macht. Um dies zu entschlüsseln, sahen sie sich Aufnahmen therapeutischer Sitzungen an – und fanden heraus, dass Fritz Pearls, Milton Erickson und Virginia Satir diese Zuschreibung verdienten – warum? Weil sie nach Einschätzung der Betrachter die Fähigkeit zur Empathie hatten. Zugeschrieben hatten sie ihnen diese Fähigkeit durch körperliche Spiegelungen der KlientInnen, die diesen die Möglichkeit eröffneten und sie dazu führten, sich verstanden und angenommen zu fühlen.

[...]


[1] Vgl. zur Einleitung: Jeschke, Karin und Sabine Wolff: Zwischen Wachstum und Stagnation – Die professionelle Entwicklung von Psychotherapeut/inn/en über die Lebensspanne. In: Psychotherapeutenjournal. Januar 2010. S. 25 - 33

[2] A.a.O.

[3] Ungefähr 50 Prozent der TherapeutInnen berichteten von viel heilendem und wenig aufreibendem Engagement. Sie erlebten ihr Arbeitsleben als effektiv. 23 Prozent gaben viel heilendes, aber auch relativ viel aufreibendes Engagement an, was zu hoher Beanspruchung führte. 17 Prozent erlebten wenig heilendes und wenig aufreibendes Engagement. Zehn Prozent wurden durch ihren Beruf ständig aufgerieben und erlebten nicht viel heilendes Engagement. Vgl.: Sonnenmoser, Marion: Lebenswelten von Psychotherapeuten: Supervision ist unerlässlich. In : Deutsches Ärzteblatt. Mai 2007. S. 227

[4] Vgl. Sonnenmoser. A.a.O.

[5] Vgl. Seminar 6 in Frauenfeld, Hanne Hummel: Vortrag zu EMDR

[6] Max Frisch hatte den „Toggel“ im Garten seines Hauses in Berzona selbst gebaut, um sich der Endlichkeit und Vergänglichkeit immer bewusst zu sein.

[7] Der Anhang 2 bietet in einem Handbuch für mit Asylsuchenden Arbeitenden einen Kurzabriss der Theorie der Sekundärtraumatisierung sowie Möglichkeiten des kollegialen und auch eigenen Umgangs mit den Symptomatiken. Er ist angefügt als praktisches Beispiel der Nutzung theoretischen Inputs aus der Fachwelt.

[8] Im Anhang 1 eine Auswahl traumatherapeutischer Methoden

[9] Der Herzschlag

[10] Bandler, Richard and John Grinder: Structure of Magic. A Book about Langugage and Therapy. I

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Titel: Lebenslauf und berufliche Entwicklung