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"Und vergib uns unsere Schuld" - Sünde, Schuld und Vergebung in der Verkündigung Jesu

Bachelorarbeit 2010 33 Seiten

Theologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

Vorwort

1. Einleitung

2.1 Sünde, Schuld und Vergebung im antiken Judentum
2.2 Jesus - Leben im Verborgenen

3. Jesusworte im Zusammenhang mit Sünde, Schuld und Vergebung
3.1 Von Mensch zu Mensch
3.2 In Beziehung zu Gott leben
3.3 Gott sucht und findet das Verlorene

4. „Und vergib uns unsere Schuld“: Sünde, Schuld und Vergebung in der Verkündigung Jesu

5. Zusammenfassung und Stellungnahme

Literaturverzeichnis

Vorwort

„ Schuldgefühle führen dazu, dass Menschen denken, sie seien nicht in Ordnung so, wie sie sind - und das hilft niemandem. “

(M.B. Rosenberg)

Vor etwa zwei Jahren lernte ich im Rahmen eines Seminars der Evangelischen Erwachse- nenbildung die Gewaltfreie Kommunikation (GFK) nach Marshall B. Rosenberg kennen. Zu- nächst hatte dieses prozesshafte Kommunikationsmodell gar nichts mit meinem Studium der Evangelischen Theologie und Religionspädagogik zu tun. Nachdem ich jedoch im SoSe 2009 das Seminar „Eva, Kain & Co.“ bei Prof. Dr. Orth belegte, in welchem biblische Texte zu den „bösen“ Gestalten der Bibel unter den Aspekten der GFK betrachtet wurden, ging mir die Frage nach der Betrachtung von Schuld und Vergebung nicht mehr aus dem Kopf.

Im E-Modul der Evangelischen Theologie und Religionspädagogik im Sommersemester 2010 wurde das Vaterunser zum Thema: Die biblisch-theologische, systematische und religionspädagogische Annäherung an das Gebet, welches Christen seit nunmehr 2000 Jahren beten, eröffnete erneut die Frage nach Schuld und Vergebung, nun aus christlicher Perspektive. Das Gebet wird Jesus selbst zugeschrieben, weshalb es auch „ Gebet des Herrn “ oder „ Herrengebet “ genannt wird. In der fünften Bitte heißt es: „ Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. “. Das Gewicht liegt in diesem Satz nicht auf der Schuld sondern auf der Vergebung, die wir von Gott erbitten und unserer eigenen Zusage, dass wir vorher auch denen vergeben haben, die an uns schuldig geworden sind. Doch der Sinn dieser Worte scheint für uns heute fremd geworden zu sein. Möglicherweise ist unser menschliches Miteinander deshalb so viel stärker von der Frage nach der Schuld bestimmt, als von der Bereitschaft zur Vergebung.

Gegenseitige Schuldzuweisungen im Alltag und die eigene gesprochene Verpflichtung zur Vergebung im liturgischen Gebet… Wie kann das auf dem Hintergrund des Christseins zusammengebracht werden? Was sagt die Bibel, bzw. im Falle dieser Arbeit: Was sagt die Verkündigung Jesu dazu? In meiner Bachelor-Arbeit werde ich versuchen, darauf eine Antwort zu finden.

1. Einleitung

„ Und vergib uns unsere Schuld “

Was ist Sünde? Worin liegt Schuld? Wie geht Jesus mit Menschen um, die aufgrund ihres Lebenswandels von der Gesellschaft als Sünder verachtet und aus der Gemeinschaft ausgeschlossen sind? Welche Lehren verbreitet Jesus und wie gestaltet sich sein Umgang mit Schuld, Sünde und dem fehlerhaften, schwachen Menschen? Wie verhält es sich damit, dass auch wir erst dem anderen vergeben sollen, bevor wir uns an Gott wenden und um Vergebung bitten? Kann man aus den synoptischen Evangelien die Worte Jesu „herausfiltern“ und ergibt sich daraus eine „Verkündigung Jesu“?

Mithilfe ausgewählter Stellen aus den synoptischen Evangelien werde ich diesen Fragen nachgehen. Ich werde dazu die Evangelien auf ihre „ Verkündigung Jesu “ hin befragen und die entsprechenden Wortüberlieferungen Jesu zu den Fragen der Sünde, Schuld und Vergebung zusammenstellen. Diese Zeugnisse werde ich daraufhin überprüfen, ob sie nach heutigem Stand der Forschung als authentische Jesusworte anzusehen sind. Intention und Ziel dieser Arbeit ist es, herauszufinden, welche Lehre Jesus selbst in Bezug auf Sünde, Schuld und Vergebung vertreten hat und in welchem Zusammenhang seine Haltung zu seiner Verkündigung zu sehen ist.

Jesus in seiner Zeit - Rahmen und Hintergründe

Wie kann man sich einem Menschen nähern, der vor 2000 Jahren gelebt hat? Zu diesem unvorstellbar langen Zeitraum kommt noch hinzu, dass dieser Mensch in einer anderen Kultur gelebt hat, einer anderen Religion angehörte, dass er ein Mann war, Handwerker, unverheiratet, möglicherweise „unehelich“ geboren, Ältester von mehreren Geschwistern und sicher noch vieles mehr, was ihn von mir und von uns heute unterscheidet. Die Forschung, die sich seit ca. 250 Jahren mit dem „historischen“ Jesus beschäftigt, hat ihren Beitrag dazu geleistet, dass wir heute etwas mehr über Jesus wissen. Dennoch bestimmen m. E. eine solche Fülle komplexer Wahrnehmungen, Erfahrungen und Interaktionen unsere Denk- und Kommunikationsmuster, unser ganzes Sein, dass der Versuch einer solchen Annäherung letztlich „nur“ dazu führen kann, dass man zu einer Ahnung der Dimension seiner Entfernung zu dieser Person kommt und erkennt, dass alle Erkenntnis nurmehr die eigene (bzw. die der mich beeinflussenden Lehrer, Lehren und Literatur) Projektion darstellt.

Wirkliche historische Fakten wie Geburtsjahr, Geburtsort und Todesjahr geben keine „echte“

Auskunft über eine Person, sie eröffnen lediglich neue Räume für weitere Versuche der Annäherung. Die Literatur zeigt deutlich, wie unterschiedlich die einzelnen Autoren die gleiche „Menge“1 an „historischen Fakten“ in jeweils unterschiedlicher Weise, oft geradezu konträr, innerhalb ihrer eigenen Matrix anwenden und dabei zu Interpretationen gelangen, die sich sehr voneinander unterscheiden. Auch die Schlüsse, die sich für das heutige Christsein und für den jeweiligen Verfasser selbst daraus ableiten, könnten unterschied- licher nicht sein.2

Damit die Arbeit aber nicht an dieser Stelle bereits beendet ist, möchte ich aus der Forschung diejenigen Informationen zusammenfügen, die meiner Interpretation, meiner Projektion in den „historischen“ Jesus, entgegen kommen. Damit möchte ich sozusagen die „Folie“ entwerfen, auf welcher ich später die Wortüberlieferungen lesen werde.

2.1 Sünde, Schuld und Vergebung im antiken Judentum

Die Geschichts- und Wortüberlieferungen Jesu in den synoptischen Evangelien geben ein Zeugnis des Sündenverständnisses des frühen Christentums wider, welches vermutlich unterschiedlich zu dem Verständnis im Judentum des historischen Jesus war, weil es sich in der Zeit des mündlichen Tradierens durch die nachösterliche Perspektive der am Traditionsprozess beteiligten Personen gewandelt hat.

Die Worte Jesu, die uns in den neutestamentlichen Schriften überliefert sind, wurden in griechischer Sprache, in Bezug auf die synoptischen Evangelien, die zur Auswahl der Stoffe für diese Arbeit zugrunde gelegt wurden, zwischen 40 und 50-60 Jahre nach Jesu Leben und Wirken niedergeschrieben. Die Sprache Jesu war jedoch aramäisch, d.h. jegliches historisches Reden Jesu geschah in aramäischer Sprache. Daraus leitet sich ab, dass eine Übertragung der Worte aus dem Aramäischen ins Griechische zu berücksichtigen ist. Damit sind sie nicht nur von einem Sprachraum in einen anderen, sondern auch aus einer Kultur in eine andere übertragen worden. Außerdem ist dem religiösen und gesellschaftlichen Kontext Rechnung zu tragen, in welchem Jesus aufgewachsen, gelebt und gewirkt hat, um den Bildern auf die Spur zu kommen, die sich für Jesus und die Menschen seiner Zeit grundsätzlich mit diesen Begriffen verbanden.

In der neutestamentlichen Verkündigung, vor allem in den synoptischen Evangelien, geht es im Bezugsfeld von Sünde zentral um die Tilgung der Sündenschuld und die „ Vergebung der Sünden “ 3.

In den hebräischen Schriften des sog. Alten Testaments 4 finden sich unterschiedliche Wörter, die Zustände oder Ursachen beschreiben, in denen oder durch welche die Menschen sich in einer gestörten Beziehung zu Gott befinden. Die Schriften des Alten Testamens sind Dokumente aus verschiedenen zeitlichen Epochen der Entwicklung des Volkes Israel und spiegeln als solche die unterschiedlichen semantischen Vorstellungen ihrer jeweiligen Zeit wider.

Formal bezeichnet Schuld oder Sünde im Judentum der Antike jede Verletzung einer göttlichen Weisung der Thora. Zentral ist dabei der objektive Moment der Übertretung eines Gesetzes, das Nicht-Einhalten eines Gebotes oder Verbotes. Die sündhafte Absicht oder unvollkommene Schwachheit, die zur Sünde geführt haben, sind nicht entscheidend für das bestehen der Schuld. Nicht der moralische Aspekt bewirkt die Sünde, sondern die faktische Verletzung des Gesetzes. Die Gerechtigkeit Gottes erfordert eine Bestrafung für den Sünder und die Barmherzigkeit Gottes eröffnet ihm den Weg zur Vergebung5.

Zur Sühne kultischer und zeremonieller Sünde dient das Opfer, welches der Priester im Tempel darbringt. Dabei erweist Gott an einem besonderen Tag im Jahr, dem Versöhnungs- tag (Jom kippur) durch das priesterliche Opfer auch dem mit schwerer Schuld beladenen Sünder Vergebung. Ist die Schuld nicht zeremonieller oder kultischer Art, sondern ist ein an- derer Mensch zu Schaden gekommen, so verlangt die Thora die Beseitigung des Unrechts durch Rückerstattung, Ersatz oder Ausgleichszahlung „ Nach seinem vollen Wert soll er es ersetzen und noch ein Fünftel des Betrages drauflegen. “ 6. In den gesetzlichen Bestimmun- gen der Thora haben Sühneopfer und Wiedergutmachung nicht die Funktion der sittlichen Reinigung des Sünders durch Reue oder Umkehr: Buße ist dort ein eher äußeres Gesche- hen.7

In der Thora wird nicht zwischen dem moralischen und dem sittlichen Vergehen unterschie- den, wohl aber bei den Propheten. Desweiteren spricht die Thora nicht nur von individueller, sondern auch von solidarischer Schuld: „ Wenn etwa der Priester, der gesalbt ist, sündigt, sodass er eine Schuld auf das Volk br ä chte, ( … ) “ 8 Vor allem aber ist in der Thora das Volk Träger des religiös-sittlichen Lebens, nicht so sehr der Einzelne.9 In diesem Zusammenhang ist die Verkündigung Johannes des Täufers zu sehen, der, in der Tradition der Unheilspropheten stehend, die Sündenschuld des Volkes Israel anmahnt und zur Umkehr ruft. Er spendet die Bußtaufe als Zeichen der Umkehr und Vergebung der Sünden. Hier verbinden sich zwei Aspekte der frühjüdischen Tradition: das zerrüttete Verhältnis des ganzen Volkes Israel zu seinem Gott und der Umkehrruf an jeden Einzelnen, damit sich schließlich das ganze Volk mit seinem Gott versöhne.

In der Vergebung menschlicher Sünde offenbart sich die Barmherzigkeit Gottes10. Seine Gnade ist gemäß der jüdischen Tradition jedoch nicht vorauslaufend und auf den Glauben des Sünders beruhend, sondern steht im Zusammenhang mit dessen Reue11. Darin kommt der Grundgedanke der vergeltenden Gerechtigkeit Gottes zum Ausdruck. Gott selbst, der das Gesetz gespendet und dem Menschen zur Erfüllung aufgegeben hat, bewahrt die sittliche Ordnung der Welt, indem er sich in vergeltender Gerechtigkeit übt. Auch darf der unvollkommene Mensch, welcher selbst sündigt, von seinem Mitmenschen keine Vollkommenheit verlangen: Vergebung erlittenen Unrechts ist seine sittliche Pflicht12. Neben dem Gesetz gibt es in der jüdischen Tradition also auch eine Sittenlehre: Juristische Bestimmungen und sittliche Vorschriften stehen nebeneinander in der Bibel.

Die Liebe ist in der göttlichen Natur verwoben: Im endzeitlichen Urteil über den Menschen und sein Schicksal kommt Gottes Barmherzigkeit zum Tragen. Zwar bleibt der Mensch für seine Taten verantwortlich und hat die Folgen derselben zu tragen (Tun und Ergehen), Gottes Liebe erweist sich jedoch bis ins tausendste Geschlecht, während seine Strafgerechtigkeit bis ins dritte und vierte Geschlecht zum Tragen kommt13.

2.2 Jesus - Leben im Verborgenen

Von den ersten ca. dreißig Jahren seines Lebens ist so gut wie nichts bekannt, lediglich dass Jesus in dem kleinen galiläischen Dorf Nazareth geboren wurde und aufwuchs. Seine Eltern waren Maria und Joseph. Er hatte vier Brüder und mehrere Schwestern und übte den Beruf eines Bauhandwerkers aus. Dass er „unehelich“ geboren wurde und deshalb am eigenen Leib erfahren habe, was es bedeute ausgegrenzt und „ Sohn einer Hure “ genannt zu werden, wie Lüdemann behauptet,14 ist eine höchst unwissenschaftliche Zuschreibung. Es kann davon ausgegangen werden, dass Jesus in einem frommen jüdischen Umfeld aufwuchs.15 Dass er aus seinem bisherigen Leben „ausbrach“, und als Wanderprediger in Galiläa umherzog, steht in einer Verbindung zu der Bewegung um Johannes d. Täufer.16

Von diesem ist überliefert, dass er das kommende endzeitliche Gericht verkündete. Dies tat er in der Tradition der Unheilspropheten und mahnte das Volk in seiner Gesamtheit zur Um- kehr im Angesicht des bevorstehenden göttlichen Gerichts. Er spendete die Bußtaufe zur Sündenvergebung, die in ihrer Symbolik das Sterben (durch Untertauchen) und Eingehen in eine neues Leben vorwegnahm und so die einzig mögliche Rettung vor dem kommenden Gericht darstellte.17

Als gesichert gilt, dass Jesus sich von Johannes taufen ließ und auch einige Zeit zu dessen Anhängerkreis gehörte,18 sich aber noch vor dessen Tod aus der Gefolgschaft löste. Die drei synoptischen Evangelien berichten von einer Zeit der Versuchung Jesu in der Wüste. Danach beginnt die eigene Wirksamkeit Jesu. Roloff nimmt für die Lösung Jesu aus der Anhängerschaft des Johannes keine grundlegenden inhaltlichen Diskrepanzen an und auch Becker stellt Jesu Wirken in die Kontinuität der Täuferbotschaft19 und charakterisiert Jesu Lehre als „ Neuinterpretation der T ä uferbotschaft “ 20 mit eigenen Akzenten.

3. Jesusworte im Zusammenhang mit Sünde, Schuld und Vergebung

Die Grundlage für die Untersuchung zur Frage nach Sünde, Schuld und Vergebung bilden die synoptischen Evangelien. Aus den darin tradierten zahlreichen Wortüberlieferungen Jesu wurden zunächst jene zusammengetragen, die sich direkt oder indirekt zu der Frage von Sünde, Schuld und Vergebung äußern. Nachdem unter Berücksichtigung der Quellen- lage der jeweils älteste Textbestand bestimmt wurde, wurden dann die Aussagen Jesu nach ihrem historischen Ursprung befragt. Aus der Gesamtheit der untersuchten Stoffe, wurden nach der Erhebung von Traditions- und Redaktionsgeschichte im Folgenden neun Logien für die weitere Arbeit als mutmaßlich auf Jesus zurückgehend herausgelöst.21

Das jeweilige biblische Schriftzitat22 wird nach der Stelle im Evangelium zitiert, an der es mit dem als ursprünglich vermuteten Wortlaut23 vorzufinden ist. Auch die „Titel“ der jeweiligen Zitate sind in dem Bewusstsein übernommen, dass es sich hierbei um sekundäre Zusätze der späten christlichen Tradition handelt. Sie dienen jedoch der Orientierung und weisen bereits an dieser Stelle auf ein Problem der Differenzierung von mutmaßlicher Authentizität und christlicher Erinnerung und Interpretation hin, auf welches ich unter Punkt 5. Zusam menfassung und Stellungnahme genauer eingehen werde.

3.1 Von Mensch zu Mensch

In den ersten vier Logien werden Gesetze thematisiert. Die Begriffe Sünde, Schuld und Ver- gebung kommen darin nicht wörtlich vor. Diese Beobachtung drängte sich nach der „Echtheitsprüfung“ als erste auf: Die meisten Wortüberlieferungen, in denen dieses Thema direkt angesprochen wurde, erwiesen sich als Gemeinderegeln, die den Umgang der Mitglieder der frühchristlichen Gemeinden untereinander regelten und somit als sekundär und nicht auf den historischen Jesus zurückgehend.

1. Logion:

Mt 5,21-22a: Vom Töten

21 Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht töten; wer aber töten wird, der wird dem Gericht verfallen sein. 22 Ich aber sage euch, dass jeder, der seinem Bruder zürnt, dem Gericht verfallen sein wird;

Es handelt sich formgeschichtlich um ein Gesetzeswort in antithetischer Form, welches vermutlich bereits in dieser Form mündlich tradiert wurde. Antithetische Formulierungen sind in den synoptischen Evangelien sonst nicht gebräuchlich, sie finden sich auch bei Matthäus nur in seiner Bergpredigt24 als sogenannte erste und zweite Antithese.25

Das Logion beginnt mit einem Aufruf zur Erinnerung an das, was „ den Alten gesagt wurde “, also daran, was von je her Gültigkeit hat. Es folgt ein Nebensatz im Passiv: Diese Ausdrucksform des passivum divinum weist auf Gott als handelndem Subjekt des Satzes hin: Gott hat dem Menschen geboten, nicht zu töten.26 Dieser erste Teil des Logions erinnert demnach den Hörer an Gottes Gesetz, welches Mose am Sinai empfangen hat: die Thora. Daran anschließend wird die Sanktion genannt, die auf den Verstoß gegen das Gebot folgt. Sie ist nicht mehr Teil des Gesetzes, sondern der Auslegung, bzw. Anwendung (Halacha).

Nun kommt ein Ich-Wort, welches in der deutschen Übersetzung die Konjunktion aber enthält. In der deutschen Semantik macht das Wort aber deutlich, dass das nachfolgend Gesagte dem Erstgesagten widerspricht. M.E. liegt hier in der Semantik der Sprachen eine Ursache für mehr oder weniger problematische Deutungen dieses Ich-Wortes. 27 In jedem Fall markiert das Wort aber an dieser Stelle einen Bruch. Dieser Bruch bezieht sich jedoch nicht auf einen inhaltlichen Widerspruch, sondern auf die semantischen Ebenen des Ge- sagten: Der erste Teil des Logions befindet sich semantisch auf der Ebene des Gesetzes und der auf die Gesetzesübertretung folgenden Sanktion. Der zweite Teil jedoch bewegt sich semantisch auf der Ebene der sozialen Beziehungen.28 Hier hat der Sprecher keinen Tatbestand von Regel, Regelverletzung und Buße im Blick, sondern lenkt seine Hörer vielmehr in eine andere Dimension: Aus der (oftmals sehr fernen) Gesetzlichkeit, bzw. Ungesetzlichkeit führt er seine Hörer hinein in das gegenwärtige Leben, in dessen eigene Innenwelt und die Beziehungen zu seinen Mitmenschen. Er hat ein Interesse daran, deutlich zu machen, von welchem „Punkt“ an die menschlichen Beziehungen in der Gemeinschaft bereits gefährdet sind. Wenn es um die Deutung dieses Logions geht, ist es m. E. unumgänglich, sich dieser verschiedenen Dimensionen zu vergewissern, damit man sich durch das Wort aber nicht dazu verleiten lässt, oberflächlich anzunehmen, hier würde ein Gebot der Thora von Jesus außer Kraft gesetzt.

[...]


1 Im Sinne von mathematischer Menge, also eine qualitative und quantitative Größe.

2 Man vergleiche dazu Gerd Lüdemann 2000, z.B. S. 877-887, mit den Bearbeitungen von Wolfgang Stegemann 2010.

3 Vgl. Exegetisches Wörterbuch zum NT, 1980, 159.

4 Ich entscheide mich dafür, den (unter gewissen Aspekten problematischen) Begriff des „ Alten Testa- ments “ zu verwenden, weil er als Terminus Technicus der christlichen Tradition genau definiert, von welchen Schriften die Rede ist. „Alt“ ist dabei in keiner Weise wertend gedacht und zu verstehen.

5 Vgl. Jüdisches Lexikon 1987, 279.

6 Lev 5,21-25.

7 Vgl. Jüdisches Lexikon 1987, 1253.

8 Lev 4,3.

9 Vgl. Jüdisches Lexikon 1987, 279f.

10 Siehe Ex 34,6.7.

11 Siehe Ez 18,31f.

12 Siehe Lev 19,18.

13 Jüdisches Lexikon 1987, 1183-1185.

14 Vgl. Lüdemann 2000, 879f.

15 mit Hirschberger 2004, 25; Roloff 2000, 55.

16 Vgl. Roloff 2000, 62f.

17 Vgl. Roloff 2000, 61.

18 Vgl. Becker 1996, 97-99; Roloff 2000, 62.

19 Vgl. Roloff 2000, 63; Becker 1996, 98f.

20 Becker 1996, 98.

21 Es wird im Rahmen dieser Arbeit darauf verzichtet, auf die unterschiedlichen Kriterien zur Echtheitsprüfung der Autoren Crossan und Lüdemann näher einzugehen, die im ersten Schritt zur Bestimmung mutmaßlich echter oder unechter Jesuslogien herangezogen wurden. Sowohl John Do- minic Crossan als auch Gerd Lüdemann erläutern ihre Vorgehensweise jeweils ausführlich in ihrem Buch. Auch wenn ihr methodisches Vorgehen sehr unterschiedlich ist, kommen sie doch in den meisten Fällen zum gleichen Ergebnis. Zur Verifizierung herangezogene Kommentare gehen oft auf die Frage nach der Zuord-nung zum historischen Jesus nicht oder nur am Rande ein, oder sie verwenden die Bezeichnung Jesuslogion entsprechend der Zuschreibung in den Evangelien ohne die Historizität zu thematisieren. Die Ausarbeitungen von Klaus Berger, Jürgen Becker, und Wolfgang Stegemann haben den Befunden zur vorgenommenen Zuordnung nicht grundsätzlich widersprochen, enthalten jedoch zur weiteren Bearbeitung hilfreiche und kritische Überlegungen.

22 Der Wortlaut ist der Revidierten Elberfelder Übersetzung entnommen.

23 In Anlehnung an die Ausführungen von Gerd Lüdemann, der für diese Stoffe nachvollziehbar argumentiert und eine für diese Arbeit nützliche Struktur anbietet.

24 Vgl. Becker 1996, 360.

25 Mir ist bewusst, dass der Begriff der Antithese christliche Terminologie ist. In diesem Bewusstsein verwende ich ihn dennoch in diesem Kontext, um die Verständlichkeit der Ausführungen zu gewähr- leisten.

26 Ex 20,13; Dtn 5,17.

27 Vgl. Stegemann 2010, 274f.

28 Vgl. Becker 1996, 363.

Details

Seiten
33
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640955404
ISBN (Buch)
9783640955695
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174677
Institution / Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig – Seminar für Evangelische Theologie und Religionspädagogik
Note
1,1
Schlagworte
Jesusworte Reich Gottes Richtet nicht Nächstenliebe Theologie

Autor

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Titel: "Und vergib uns unsere Schuld" - Sünde, Schuld und Vergebung in der Verkündigung Jesu