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Verfolgter Glaube - eine Zeitreise von den Hugenotten bis zur Gegenwart

Ausstellungskatalog

Fachbuch 2010 101 Seiten

Bibliothekswissenschaften, Information Science

Leseprobe

Inhalt

1 Vorwort

2 Werbeblatt zur Ausstellung

3 FOTOIMPRESSIONEN – EIN RUNDGANG DURCH DIE AUSSTELLUNG

4 EXPONATE DER AUSSTELLUNG
4.1 Die Reformation in Frankreich (*1517)
4.2 Die Religionskriege (1562-1598)
4.3 Das Edikt von Nantes (1598)
4.4 .Ludwig XIV. und die Aufhebung des Edikts von Nantes (1685)
4.5 Das Leben der verfolgten Kirche
4.6 Der Kampf um die zivilrechtliche Anerkennung der Protestanten in Frankreich
4.7 Das Leben im Exil
4.8 Hugenottennachkommen
4.9 Zitate der Bibel
4.10 Religionsfreiheit und Christenverfolgung heute

5 Kirchliche Predigt zum Ausstellungsende

6. Schriftenregister in Originalsprache

7. Namenregister

8 Verfolgter Glaube - eine besondere Wanderausstellung

1 Vorwort

Liebe Leser und Ausstellungsbesucher, aktueller könnte die Ausstellung Verfolgter Glaube nicht sein: Immer wieder berichten derzeit Medien von Christen aus dem Irak, die bedroht und aus ihren Wohnungen vertrieben werden - oft unter brutalster Gewaltanwendung. Auch in Nordkorea und Eritrea erleiden Christen Furchtbares - in Straflagern und Schiffscontainern, wo sie gezwungen werden, ihren Glauben aufzugeben.

Heute werden so viele Menschen wie noch nie zuvor wegen ihres christlichen Glaubens bedrängt oder unmittelbar verfolgt. Es ist in den meisten Fällen ein Christ, wenn heute jemand wegen seines Glaubens verfolgt wird. Diesem Umstand nähert sich die Ausstellung in historischer Perspektive an - und schlägt dabei die Brücke von den Hugenotten bis zur Gegenwart.

In Europa dürfen die Menschen weitestgehend Religionsfreiheit und volle Menschenrechte genießen. Weltweit betrachtet ist dies ein außerordentliches Privileg, für das wir nicht genügend dankbar sein können. Doch diese Rechte verpflichten uns gleichzeitig: Dazu, dass wir uns dauerhaft und insbesondere für die Religionsfreiheit einsetzen - in unserem eigenen Land und in Ländern, wo sie bislang nicht oder nur unzureichend existiert.

Wir sind schließlich auch zur Solidarität eingeladen: Zur Solidarität mit der verfolgten christlichen Kirche. Die verfolgten Christen dieser Welt sind auf unser vielfältiges Engagement angewiesen und dankbar dafür.

Der Besuch dieser Ausstellung ist ein unvergessliches Erlebnis: Tauchen Sie ein in die faszinierende Geschichte der Hugenotten - herzlich willkommen!

Daniel Röthlisberger, MTh Leiter der Bibliothek für Hugenottengeschichte November 2010

2 Werbeblatt zur Ausstellung

3 FOTOIMPRESSIONEN – EIN RUNDGANG DURCH DIE AUSSTELLUNG

4 EXPONATE DER AUSSTELLUNG

4.1 Die Reformation in Frankreich (*1517)

1 Katholisches Kruzifix (20. Jahrhundert)

Inschrift: [1] INRI („Jesus von Nazareth, König der Juden“) [2] IN HOC SIGNO VINCES („In diesem Zeichen wirst du siegen“) [3] PAX CHRISTI („[Der] Friede Christi“)

„Hugenotten“ - eine Begriffsdefinition. In erster Linie bezeichnet der Begriff „Hugenotten“ [1] die Angehörigen der von Calvin geprägten Reformierten Kirche in Frankreich seit dem 16. Jahrhundert und [2] die reformierten Glaubensflüchtlinge (frz. refugies), die im 17. und 18. Jahrhundert Frankreich verlassen haben. Im weiteren Sinn zählen als Hugenotten auch [3] die (zum Zeitpunkt ihrer Vertreibung ebenfalls reformierten) Waldenser aus dem Königreich Savoyen und dem französischen Grenzgebiet sowie [4] die Anfang 18. Jahrhundert aus dem südfranzösischen Fürstentum Orange ausgewiesenen Reformierten („Orangeois“). Ferner gelten auch [5] die ebenfalls wegen dem Glauben geflüchteten reformierten Wallonen und „Pfälzer“ als Hugenotten.

Herkunft des Namens. Die Herkunft des Namens „Hugenotten“ ist unklar. [1] Manche leiten das Wort von dem legendären König Hugues Capet aus der Gegend von Tours (Westfrankreich) ab, der als Gespenst nachts sein Unwesen getrieben haben soll. Da sich die Reformierten oft in der Nacht zu ihren geheimen Versammlungen getroffen haben, könnte huguenot hiervon als Spottname abgeleitet sein. [2] Denkbar ist auch, dass der Name von einer gleichnamigen französischen Münze ([Douzain] huguenot) mit geringem Wert herrührt. [3] Wiederum andere vermuten hinter dem Namen eine diskreditierende Ableitung aus dem Wort eig[ue]nots („Eidgenossen“), da schon früh zahlreiche Protestanten in das reformierte Genf (Schweiz) flohen und der französische Protestantismus von hier aus wesentlich geprägt wurde. [4] Sicher ist jedoch, dass es sich bei dem bereits 1551 für die protestantischen Gläubigen nachgewiesenen Begriff zunächst um eine abwertende Fremdbezeichnung, d.h. ein Schimpfwort handelt. Diese negative Namensgebung wird von den Protestanten schließlich als (positive) Selbstbezeichnung verwendet. [5] Offiziell hingegen gelten die Hugenotten meist als Anhänger der Religion Pretendue Reformee (R.P.R.), d.h. der „angeblich reformierten Religion“.

2 Douzain huguenot ([vrmtl.] La Rochelle, 1628) Französische Münze aus Kupfer oder einer geringhaltigen Silberlegierung im Wert von zwölf Denaren. Dieser von den Hugenotten (verbotenerweise) geprägte Münztyp wird u.a. während der Belagerung von La Rochelle (1627-1628) hergestellt.

Vorderseite: LVDOVICVS.XIII.DG.FRAN.ET.NAVA. REX. („Ludwig XIII, durch Gottes Gnade König von Frankreich und Navarra“) - Gekröntes und von zwei „L“ flankiertes Wappenschild mit Bourbonenlilien. Rückseite: SIT.NOMEN.DOMINI. BENEDICTVM [1628] ("Gesegnet sei der Name des Herrn!”) - Kreuz mit vier Kronen.

3 Johannes [frz. Jean] Calvin (1509-1564). Nach einem breit angelegten Studium in Paris, Orleans und Bourges und seiner Hinwendung zur Reformation flieht der in Noyon (Nordfrankreich) geborene Calvin 1534 in die Schweiz und wirkt in Genf als theologischer Lehrer und Prediger. Zwischenzeitlich Prediger der hugenottischen Flüchtlingsgemeinde in Straßburg, kehrt Calvin 1541 endgültig nach Genf zurück und prägt von hier aus bis zu seinem Tod die Entwicklung und Theologie der reformierten Kirche in Frankreich entscheidend mit.

4 Das Hugenottenkreuz. Das Hugenottenkreuz diente den Hugenotten als Erkennungsund Bekenntniszeichen. Bereits für das Jahr 1688 nachgewiesen, dürfte es kurz vor oder nach der Aufhebung des Edikts von Nantes (1685) entstanden sein.

Das Hugenottenkreuz besteht hauptsächlich aus den drei Elementen Kreuz, Lilie und Taube. Als Vorlage diente wohl das Ordenszeichen des 1578 gegründeten katholischen Ordre du Saint-Esprit („Ordens des Heiligen Geistes“), bei dem sich die Taube in der Mitte des Kreuzes befindet. Die Lilien in den Kreuzwinkeln erinnern an das Wappen der Bourbonen, die lange Zeit politisch und militärisch Anführer der Hugenotten waren. Sie sind zugleich Ausdruck der Treue zum französischen Königshaus, an der die Hugenotten trotz Verfolgung festgehalten haben. Die Taube gilt als Zeichen des Heiligen Geistes, der in der (hier: reformierten) Kirche und in jedem Gläubigen wirksam ist. Findet sich statt der herabhängenden Taube eine Träne als Anhänger, so steht diese als Zeichen für das viele Leid, das die Hugenotten erlebt haben bzw. zu der Zeit noch erlebten.

5 Hugenottenbibel von Corneille Hertman (La Rochelle, 1616) Nach einer Zeit der Verfolgung und des Bürgerkriegs zwischen Protestanten und Katholiken (1562-1598) toleriert das durch Heinrich IV. (1553-1610) erlassene Edikt von Nantes (1598) den evangelischen Glauben in Frankreich. Aufgrund der hohen Nachfrage druckt die noch junge reformierte Kirche Frankreichs daraufhin in den Jahren 1598-1661 mehrere Bibelausgaben. Vorlage hierzu ist die - wenn auch modifizierte - sog. „Genfer Bibel“ von 1588. Die Hugenottenbibel besteht aus vier Teilen:

Diese vierteilige Bibel ermöglicht den Gläubigen (insbesondere in der Verfolgung), auch in Abwesenheit des Pastors und eines Kirchengebäudes Gemeinde zu sein und Gottesdienste durchzuführen. Hier ist nach reformierter Auffassung die „Hausgemeinde“ die kleinste Form der Kirche.

6 Hugenottischer Ehevertrag (Le Vigan/Valleraugue, Südfrankreich 1664) Notariell beglaubigter Ehevertrag vom 18. November 1664 zwischen dem Adligen Abram de la Court aus Valleraugue und Jeanne Seguin aus Le Vigan. Als Mitgift bringt die Heiratswillige in die Ehe u.a. die Summe von 1500 Livres, ein mit einer Strohmatratze bespanntes Bett aus Nussbaumholz, einen mit Silber (?) bestückten Gürtel, einen Diamantring sowie ein kunstvoll hergestelltes und verziertes Kleid mit ein. Im Ehevertrag wird das künftige Ehepaar angehalten, ihre zunächst notarielle Eheschließung sodann in der Kirche der Angeblich Reformierten Religion (wrtl. „en Leglise de la Relligion prethendue Reformee“) vollziehen zu lassen. Dass hier von einer Eheschließung in der reformierten Kirche gesprochen wird, macht deutlich, dass es sich um ein Dokument aus der Zeit vor der eigentlichen Verfolgung und somit aus einer Zeit noch intakten, wenn auch bereits eingeschränkten kirchlichen Lebens handelt.

7.Die Prüfung seiner selbst, um sich gut auf das Abendmahl vorzubereiten (Lausanne, 1771) Bei dieser Schrift des wohl bekanntesten hugenottischen Theologen Jean Claude (1619-1687) handelt es sich um eine Anleitung zur Selbstprüfung, inwieweit man „würdig“ zum Empfang des Abendmahls ist (vgl. 1Kor 11,27-29). Nach Pfarrstellen in den südfranzösischen Gemeinden La Treine, Saint-Affrique und Nimes sowie einer Professur in Montauban wirkt Claude bis 1685 als Pfarrer in der Kirche von Charenton bei Paris, einer der größten reformierten Kirchen Frankreichs. Nach der Aufhebung des Edikts von Nantes (1685) muss Claude Frankreich innerhalb von 24 Stunden verlassen und zieht nach Den Haag (Holland), wo bereits sein Sohn als Pfarrer tätig ist.

Abendmahlsmarken („Mereaux“). Angeregt durch Calvin, verwenden die meisten reformierten Kirchen in Frankreich im 16.-18. Jahrhundert Abendmahlsmarken (aus Blei oder einer Blei-Zinn-Legie- rung), um den Empfang des Abendmahls zu regulieren. Das Abendmahl findet nur viermal jährlich statt. In der Zeit davor teilen die Ältesten Abendmahlsmarken an diejenigen aus, die nach einer Prüfung des Glaubens und der christlichen Lebensführung als gläubige Mitglieder der Gemeinde anerkannt werden. Voraussetzung zum Abendmahlempfang ist weiter der Besuch des Katechismus-Unterrichts sowie die finanzielle Unterstützung der Gemeinde. Beim Empfang des Abendmahls werden die Abendmahlsmarken jeweils wieder abgegeben.

8.Montauban (Südwestfrankreich), Replik Durchmesser: 33mm

Vorderseite: Jesus Christus als Hirte mit Hirtenstab, Horn und Schafherde. Darüber eine Taube (?), Symbol des Heiligen Geistes (und des Wohlgefallen Gottes, Lk 3,22).

Rückseite: Aufgeschlagene Bibel mit Inschrift: NE CRAINS POINT PETIT TROVPEAV („Fürchte dich nicht, kleine Herde“, Lk 12,32)

9. La Tremblade (Westfrankreich), Replik Durchmesser: 30mm

Vorderseite: Jesus Christus als Hirte mit Hirtenstab, Horn und Schafherde. Darüber das Kreuz und [Sieges?]-Banner.

Rückseite: Aufgeschlagene Bibel mit linksseitiger Inschrift: NE CRAINS POINT PETIT TROU[PEAU] („Fürchte dich nicht, kleine Herde“, Lk 12,32). Rechtsseitige Inschrift: ST. LUC. C[HAPITR]E XII, V[ERSE] 32 („Lukas Kapitel 12, Vers 32“)

10 Nimes (Südfrankreich), Replik Durchmesser: 20mm / 23mm

Vorderseite: Stadtwappen von Nimes: Ein an eine Palme gekettetes Krokodil mit der Inschrift: COL NEM („[Römische] Kolonie Nimes“) Rückseite: CHRIST SOLEIL DE IVSTICE („Christus, Sonne der Gerechtigkeit“, messianische Interpretation von Mal 3,20; vgl. Joh 1,9; 3,19; 8,12; 12,46)

11 La Mothe-Saint-Heray (Westfrankreich), Replik Durchmesser: 22mm

Vorderseite: Abendmahlskelch, flankiert von zwei Brotlaiben (?). Rückseite: E[glise]. D[e]. L[a]. M[othe]. („[Reformierte] Kirche von La Mothe“)

12.Jonzac (Westfrankreich), Replik Durchmesser: 30mm

Vorderseite: MON DIEV MON VNIQVE SAVVEUR („Mein Gott, mein einziger Heiland“, Ps 88,2)

Rückseite: ECOVTE MOI IE TE PRIE JONZAC („Höre mich, ich schreie zu dir / [Reformierte Kirche von] Jonzac“, Ps 88,2-3)

Theologische Streitschriften. Seit Beginn der Reformation publizieren katholische und protestantische Theologen immer wieder Schriften, in denen sie für den eigenen bzw. gegen den jeweilig anderen christlichen Glauben argumentieren. Auf diese Weise wird versucht intellektuell auf die Leser einzuwirken, um deren Bekehrung oder Festigung im Glauben zu bewerkstelligen.

13.Brief einer zum katholischen Glauben konvertierten Edeldame an ihren Herrn Gemahl (Paris, 1621). In diesem anonymen Büchlein richtet sich eine (wohl imaginäre) adelige Dame an ihren noch protestantischen Ehemann und legt ihm die Gründe dar, warum sie sich vom evangelischen Glauben ab- und dem Katholizismus zugewandt hat. Die eigentliche Absicht der Streitschrift wird bereits im Vorwort deutlich: Das Büchlein soll mit theologischen Argumenten die Überlegenheit und Stärke der katholischen Doktrin erweisen und den Wahnsinn, die Irrlehre und die Minderwertigkeit der „Angeblich Reformierten Religion“ aufzeigen.

14 Das Grab der Ketzer. Oder die falsche Maske der Hugenotten ist hierin zum Vorschein gebracht. Und die 150 Häresien des Geistlichen la Bansserie sind hierin widerlegt, durch den Text der Bibel, die Konzilien und die Kirchenväter (Rouen, 1605). In dieser Schrift greift der katholische Theologe Jean Caumont (alias George l’Apostre) zentrale Anliegen der Reformation und insbesondere desCalvinismus auf und sucht diese zu widerlegen. Das Buch verteidigt und betont u.a. das Primat des Lehrstuhles und der Kirche von Rom. Auch sei der Papst unverändert als Oberhaupt der Kirche sowie als Richter über innerkirchliche Angelegenheiten und über Häresien zusehen. Des Weiteren hält sie argumentativ am Zölibat für Priester, an der Bilderverehrung und an der Irrtumslosigkeit der Kirche fest. Auch könne die Bibel nicht Grundlage für die Beurteilung von Irrlehren sein. Ebenso wenig gebe es die von den Reformatoren postulierte Klarheit und Einfachheit der Schrift, darüber hinaus dürfe weiterhin nicht jeder selbst in der Bibel lesen. Sonst existierten bald „so viele Meinungen wie es Hugenotten gibt.“

Buchauszug: „Es gibt nur einen Gott ... Nur einen Jesus Christus. Nur einen Heiligen Geist. Nur eine Kirche. ... Nur einen Glauben. Nur eine Taufe. Nur einen Stellvertreter Christi auf Erden. . Nur einen Hirten . Nur einen Schafstall. Nur eine Arche zur Rettung in der Sintflut.“

15.Legitime Einwände gegen die Calvinisten (Paris, 21699). Mit diesem Buch will der katholische Theologe Pierre Nicole (1625-1696) den Hugenotten „die Augen öffnen“, dass der evangelische Glaube und seine Lehre ein „Irrtum“ ist. Das Buch soll „sehr nützlich sein zur Bekehrung der Irrenden und zur Belehrung der Gläubigen.“ Mit zahlreichen Argumenten wird versucht, den evangelischen Glauben intellektuell zu widerlegen und die Hugenotten auch auf diese Weise - nebst der eigentlichen Verfolgung - zum Abschwören zu bringen.

16.Geschichte der Veränderungen der protestantischen Kirchen (Paris, 1740 [1688]). In diesem mehrbändigen Werk nimmt der katholische Geistliche und Hofprediger Jacques Benigne Bossuet (16271704) die zahlreichen unterschiedlichen Lehrmeinungen und Spaltungen der Protestanten als Anlass dafür zu zeigen, dass der evangelische Glaube falsch und eine Irrlehre sei. Die Varianten und Unterschiede zwischen Lutheranern, Calvinisten, Zwinglianern, Wiedertäufern und anderen protestantischen „Sekten“ seien demnach Beweis dafür, dass die katholische Kirche, die nur einen Glauben kennt und in sich geeint ist, die einzig wahre Kirche ist und bleiben wird.

17.Warnungen der Protestanten vor den Briefen des Pfarrers Jurieu gegen die Geschichte der Veränderungen (Paris, 1740). In dieser Schrift versucht Jacques Benigne Bossuet Einwände zu widerlegen, die der hugenottische Theologe Pierre Jurieu (1637-1713) gegen seine Geschichte der Veränderungen der protestantischen Kirchen vorgebracht hat. Nebst Argumenten inhaltlicher Art versucht die Schrift auch die Autorität von Jurieu selbst zu untergraben.

18.Erörterungen um den Ungläubigen zu überzeugen, den Protestanten zurückzuführen, den Sünder zu bekehren, den wahren Gerechten zu formen, die Gläubigen [darin] zu unterweisen, einen heiligen Gebrauch der Ablasse und des [römischen] Jubiläums zu machen (Paris, 1777). In dieser Schrift handelt der katholische und im südfranzösischen Gourdon stationierte Geistliche Abbe de Marsis verschiedene Themen des katholischen Glaubens ab. Unter anderem bemüht er sich, protestantische Einwände gegen den katholischen Glauben zu entkräften, damit aus den Protestanten gute und aufrichtig praktizierende Katholiken werden.

Buchauszug: „So sehr die Verursacher dieser protestantischen Häresie und Kirchenspaltung, die den Verlust so vieler Seelen bewirkt, vor Gott Verbrecher sind, so sehr betrauern wir das Los derer, die unglücklicherweise in den Vorurteilen ihrer protestantischen Geburt und Erziehung aufgewachsen sind, unter dem Eindruck von schlechten Vorbildern ., durch die Autorität ihrer Eltern, die sie noch immer gefangen hält und verführt ... Ihre Bekehrung ist darum so viel schwieriger, weil man immer dafür gesorgt hatte, ihnen von klein auf eine große Abneigung beizubringen gegenüber der Römischen Kirche, die sie nun hassen ohne sie zu kennen.“

4.2 Die Religionskriege (1562-1598)

19.Massaker von Wassy (Kupferstich von Franz Hogenberg, 1588)

Das „Massaker von Wassy“ vom 1. März 1562 gilt offiziell als Auslöser für den über 30 Jahre dauernden Bürgerkrieg (1562-1598) zwischen Protestanten und Katholiken. Die Frage nach dem genauen Ablauf, der Anfangsschuld sowie der Zahl an Toten und Verwundeten des Massakers von Wassy wird unterschiedlich beantwortet. Offenbar aber passiert an jenem Tag der Herzog von Guise (Franz I., von Lothringen, 1519-1563) mit seinem bewaffneten Gefolge das nordostfranzösische Städtchen Wassy. Als bekannt wird, dass in einer nahe gelegenen Scheune ein calvinistischer Gottesdienst stattfindet, kommt es nach anfänglich verbaler Auseinandersetzung zum Massaker an den unbewaffneten Gottesdienstbesuchern. Dabei werden Dutzende Protestanten ermordet und weit über Hundert von ihnen verwundet.

Bildlegende (im vorliegenden unkolorierten Kupferstich nicht vorhanden): „Die von der reformierten religion zu Vaßy. / Seint in irer predigh am ersten tag Marty. / Durch des hertzogen von Guise gebott, / Erschoßen geschlagen vnd gestochen zu tott. / Mann, Weib und kindt ohn vnterscheyt, / Mit wutender grim und grausamkeyt. / Wilches dem Cardinal von Lotharing. / Nach seines hertzen wunsch erging.“

Einzelblatt aus: [Michael von Eytzing, auch: Aitzinger(us)], NOVVUS DE LEONE BELGICO, eiusq[ue] Topographica atq[ue] historica descritione liber. Köln: Gerhard von Kempen, 1588.

20.Bartholomäusnacht und die Ermordung von Admiral Coligny (Holzschnitt eines unbekannten Stechers [Monogramm: G. S.], 1614)

Der Holzschnitt stellt die Ereignisse der „Bartholomäusnacht“ vom 23./24. August 1572 dar, insbesondere aber die Ermordung des Hugenottenführers und Admirals Gaspard de Coligny (1519-1572). Erzähltechnisch erscheint seine Person im Bild gleich dreifach: Links erkennbar ist das Attentat auf den reitenden Coligny, der durch den Schützen jedoch nur verwundet wird. Rechts, im Zimmer eines Hauses, wird Coligny als Auftakt zur Bartholomäusnacht auf seinem Krankenbett von einem Mann namens Besme und weiteren Beteiligten mit dem Schwert ermordet. Seine Leiche wird sodann zum Fenster hinausgeworfen, damit sich sein Feind - der katholische Herzog von Guise (im Bild nicht dargestellt) - selbst von seinem Tod überzeugen kann.

Einzelblatt aus: [Münster, Sebastian], Cosmographey, das ist, Beschreibung aller Länder, Herrschafften, vnd fürnemesten Stetten, des gantzen Erdbodens: sampt jhren Gelegenheiten, Eygenschafften, Religion, Gebräuchen, Geschichten vnd Handtierungen etc. Basel: Sebastian Henric-Petri, 1614.

Bartholomäusnacht vom 23./24. August („Pariser Bluthochzeit“): Die durch Katharina von Medici arrangierte Hochzeit zwischen dem Hugenottenführer Heinrich von Navarra (1553-1610) und Margarete von Valois, ihrer Tochter und Schwester des Königs, soll die Reformierten und Katholiken im Land versöhnen. An den Feierlichkeiten in Paris nimmt auch ein Großteil der protestantischen Elite teil. Ein missglücktes Attentat auf den Hugenottenführer Admiral Coligny löst jedoch große Unruhe aus. Daraufhin lässt Katharina von Medici ein Massaker unter den anwesenden Protestanten anrichten. In dieser „Bartholomäusnacht“ und den Tagen danach werden allein in Paris etwa 3000 Protestanten ermordet. Heinrich von Navarra bleibt dabei verschont. Schließlich wird das Blutbad auch auf andere Städte des Landes ausgedehnt und fordert etwa 20.000 weitere Opfer, u.a. in Meaux, Troyes, Orleans, Bourges, Lyon, Saumur, Angers, Rouen, Toulouse und Bordeaux. Die Ereignisse führen dazu, dass viele Protestanten zum katholischen Glauben konvertieren oder ins Ausland flüchten.

21.Bernard Palissy (1510-1590) Emission der Bernard-Palissy-Briefmarke, 1957

Der bekannte französische Naturwissenschaftler, Gartenarchitekt und Künstler weist eine ebenso faszinierende wie auch ambivalente Lebensgeschichte auf.

Die Zeit vor der Bartholomäusnacht (1572)

Palissy wird 1510, ein Jahr nach Jean Calvin (1509-1564), in Saint- Avit (Südwestfrankreich) geboren. Nach einer gewissen Schulbildung wählt er einen Berufseinstieg als Glasmacher und Glasmaler, wird jedoch bald einmal Landvermesser, was ihm ein gutes Einkommen sichert. Ab 1539 wohnt Palissy in Saintes (Westfrankreich), heiratet und arbeitet hier als Handwerker und gefragter Künstler.

Nebst seinen beruflichen Fähigkeiten erweist sich Palissy als aufmerksamer Beobachter des Zeitgeschehens. Er erlebt und berichtet davon, wie Mönche anfangen, öffentlich gegen die katholische Kirche zu predigen, aber auch, wie sie dafür verfolgt werden. Um 1545/46 bekehrt sich Palissy selbst zum reformierten Glauben und wird Calvinist. Zusammen mit anderen gründet er in Saintes eine Gemeinde. Er ist hier Ältester und predigt gemeinsam mit einem ordinierten Pastoren. Als Palissy erlebt, wie Glaubensgeschwister um ihn herum inhaftiert und verbrannt werden, setzt er sich mutig vor Gericht für sie ein.

1558 soll auch Palissy selbst verhaftet werden, doch wird der Haftbefehl nicht ausgeführt. Der Grund liegt wohl darin, dass Palissy als gefragter Künstler einflussreiche Gönner hat. Schließlich gibt aber der König Heinrich II. selbst den Befehl, dass die „Irrlehre“ in Saintes (d.h. der reformierte Glaube) unterbunden werden soll. Daraufhin fliehen einige Hugenotten, Häuser werden durchsucht und Leute gefoltert, um die Namen von denen herauszubekommen, die an den geheimen und verbotenen Gottesdiensten teilnehmen. Als 1562 das Massaker von Vassy zum Ausbruch der Bürgerkriege führt, gerät Saintes ganz in katholische Hände. In dieser Zeit scheint sich Palissy in Deckung zu begeben. Doch berichtet er weiterhin über diese „mauvais jours“, diese „schlechten Tage“, wie er sie nennt.

Daneben arbeitet Palissy weiterhin für den Herzog von Montmorency an einer Grotte und verfügt darüber hinaus über einen Schutzbrief, dass seine Arbeit und damit seine Person nicht angetastet werden dürfen. Schließlich wird er aber trotz seines Schutzbriefes verhaftet und soll gegen andere Mitgefangene aussagen. Aus dem Gefängnis schreibt Palissy einen Brief an seinen Auftraggeber Montmorency, der über hervorragende Beziehungen zum Königshof verfügt. Daraufhin bekommt Palissy von Catherine de Medici, die für ihren minderjährigen Sohn regiert, höchstpersönlich den Titel „Inventeur des rustiques figulines du roi“ verliehen, was soviel heißt wie: „Erfinder der ländlichen Figuren des Königs“. Dadurch wird Palissy dem Gericht von Bordeaux entzogen und ist direkt der Gewalt des Königs unterstellt.

Dank dem Edikt von Ambois, das vorübergehend Glaubensfreiheit gewährt, kommt Palissy noch im selben Jahr wieder frei. Zurück in Saintes, arbeitet er an seiner Grotte weiter, unternimmt ausgedehnte Forschungsreisen durch ganz Frankreich und veröffentlicht sein vielbeachtetes Buch Receptes veritables.

Die Keramikkunst

Palissy entwickelt in Frankreich die Keramikkunst entscheidend weiter: Er entdeckt die vergessen gegangene Technik wieder, Keramik mit einer dünnen, transparenten Glasur zu überziehen, so dass das Darunterliegende exakt zum Vorschein kommt. Berühmt wird Palissy durch seine Tier- und Pflanzenschüsseln, die beispielweise im Louvre in Paris zu sehen sind. Auf den Böden dieser „Plats“ lassen sich nebst detailgetreu nachgebildeten Pflanzensorten auch Schlangen, Eidechsen, Krebse, verschiedene Fischarten, Muscheln und Frösche erkennen.

22.Platte mit Wasserschlange

Christine Viennet, F-Beziers (Undatiert) Hergestellt im Renaissance-Stil von Bernard Palissy

23.Zusammengerollte Schlange

Christine Viennet, F-Beziers (1998)

Hergestellt im Renaissance-Stil von Bernard Palissy Terrakotta mit bleihaltiger Glasur Die Bartholomäusnacht (1572) und die Jahre danach

Nebst der Keramik wird Palissy auch durch seine Gartenarchitektur berühmt, so dass er 1564 sogar nach Paris berufen wird, um hier unter dem Schutz der Königin Catherine de Medici an der Ausschmückung der königlichen Gärten, dem heutigen Jardin des Tuilleries, mitzuarbeiten.

Erstaunlicherweise finden sich in den Schriften Palissys keine Notizen über die Ereignisse der Bartholomäusnacht von 1572, obwohl Palissy sich zu diesem Zeitpunkt in Paris befindet. Die Gründe dafür sind unklar. Er dürfte aber wegen seinem besonderen künstlerischen Wert auf Befehl der Königin verschont geblieben sein. Sicher ist aber, dass sich Palissy nur wenige Monate später mit seiner Familie in Sedan (Nordfrankreich) niederlässt, wo bereits zahlreiche andere Protestanten einen Zufluchtsort gefunden haben.

Offenbar tut sich Palissy in Sedan mit der Integration in die lokale Kirchgemeinde schwer. Er wird mehrmals von der Gemeindeleitung vermahnt und schließlich vom Abendmahl ausgeschlossen. Auch seine Ehe befindet sich offensichtlich in einer Krise. Palissy fängt an zu trinken und scheint vorübergehend zu verarmen. Von der Frau verliert sich auf einmal jede Spur. Von Sedan aus unternimmt Palissy weiterhin ausgedehnte Forschungsreisen ins Ausland und studiert u.a. Salze, Kristalle und Versteinerungsprozesse bei Fossilien.

1576, vier Jahre nach der Bartholomäusnacht, kehrt Palissy nach Paris zurück und hält hier acht Jahre lang als Professor wissenschaftliche Vorlesungen, die seinen Ruhm als Naturforscher, Kunsthandwerker und Verfasser von wichtigen wissenschaftlichen Theorien endgültig besiegeln.

Gefangenschaft in der Bastille und Tod

1585 zwingt ein erneutes Edikt die Protestanten entweder abzuschwören oder das Land zu verlassen. Palissy bleibt aber, wird ein Jahr später entdeckt und zum Tod verurteilt. Ganz offensichtlich hat er inzwischen seine besonderen und königlichen Schutzrechte verloren.

Ein Eintrag im Gefängnisregister vermerkt 1588, dass Bernard Palissy und eine andere Hugenottin hergebracht wurden, um aufgrund ihrer Irrlehre („pour heresie“) erhängt und erwürgt zu werden, und dass ihre Körper (in Verweigerung eines christlichen Begräbnisses) eingeäschert werden sollen. Obwohl er aufgefordert wird abzuschwören, bleibt Palissy seinem protestantischen Glauben treu. Schließlich wird er in die Bastille, dem berüchtigten Pariser Gefängnis, eingesperrt und bleibt hier bis zum Lebensende 1590 in Haft.

Ein Gerichtsdiener, der ihn im Gefängnis besucht, schreibt 1590 abschließend in sein Journal: „In dieser Zeit starb in den Kerkerzellen der Bastille (...), Meister Bernard Palissy, Gefangener für die Religion, im Alter von 80 Jahren. Und er starb in Elend, Not und schlechter Behandlung; und mit ihm drei andere arme, als Gefangene für denselben Grund der Religion festgehaltene Frauen, die der Hunger und das Ungeziefer erstickt hat.“

4.3 Das Edikt von Nantes (1598)

24.Büste Heinrich IV.

(Stuck mit Patinaüberzug, 20. Jahrhundert)

Zur Beendigung des jahrzehntelangen Bürgerkriegs konvertiert der zuletzt siegreiche Hugenottenführer und Thronanwärter Heinrich IV. (1553-1610) zum Katholizismus und wird so 1594 König von Frankreich. Daraufhin sichert er 1598 im „ewigen und unwiderruflichen“ Edikt von Nantes den Protestanten weitgehende, jedoch beschränkte Rechte zu: Während der Katholizismus die einzige Staatskonfession bleibt, wird der evangelische Glaube offiziell geduldet. Rechtlich werden die Hugenotten den Katholiken gleichgestellt. Sie erhalten nebst befestigten Sicherheitsplätzen und dem Zugang zu allen Bildungseinrichtungen, Krankenhäusern sowie zu allen staatlichen und öffentlichen Ämtern auch die Glaubens- und eine örtlich beschränkte Kultfreiheit. An zahlreichen Orten dürfen sie nun Kirchen bauen, doch bleibt der evangelische Gottesdienst in Paris und Umgebung sowie am Königshof verboten. Auch müssen die Hugenotten der katholischen (!) Kirche den Zehnten entrichten. Insgesamt hat das Edikt 87 Jahre (bis 1685) Bestand, doch gilt es bereits seit 1629 nur noch mit deutlichen Einschränkungen und weicht einer antiprotestantischen Regierungspolitik unter der Nachfolgern Heinrichs IV.

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Details

Seiten
101
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640953325
ISBN (Buch)
9783640953066
Dateigröße
16.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174663
Note
Schlagworte
Hugenotten huguenot huguenots Französischer Protestantismus Protestantismus Verfolgung persecution Christenverfolgung Open Doors Ausstellung exposition Ausstellungskatalog catalogue Edikte Edikt Kupferstich gravure Autographen autographe Bibliothek für Hugenottengeschichte (BfHG)

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Titel: Verfolgter Glaube - eine Zeitreise von den Hugenotten bis zur Gegenwart