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Was ist ein 'linguistisches Areal'?

Methodologisch-theoretische Problemstellungen bei der Entwicklung einer linguistischen Konzeptualisierung

Diplomarbeit 2010 105 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 (Areal-)Typologie: Historische Entwicklung und Überblick über den Gegenstands- bereich
2.1 Sprachverwandtschaft und Sprachkontakt
2.1.1 Vom Stammbaum zum Typ
2.1.2 Wellen, Substrat und Dialekt
2.1.3 Der Übergang ins 20. Jahrhundert: die Sapir-Boas Debatte, Trubetzkoys 'Sprach- bund' und Joseph F. Greenberg
2.2 Arealtypologie: Abgrenzung zu Typologie und Sprachgeographie (Dialektologie)

3 Theoretische und methodologische Problemstellungen
3.1 Welche Sprachen können ein linguistisches Areal konstituieren?
3.2 Wieviele Merkmale? Welche Merkmale?
3.3 Samplingprobleme in (areal-)typologischen Untersuchungen am Beispiel des WALS

4 Exemplarische Betrachtung von vier Sprachbünden
4.1 Balkan
4.2 Indien/Südasien
4.3 Mesoamerika
4.4 Europa (SAE)
4.5 Konklusion/Kritik
4.5.1 Anzahl und Verhältnis der Arealsprachen
4.5.2 Isoglossen(-bündel)
4.5.3 Strukturelle Unterschiede der Merkmale innerhalb der Areale
4.5.4 Abgrenzung von entlehnten/genetischen/typologischen Merkmalen

5 Exkurs zum Schluss: Trubetzkoy (1930) revisited

6 Resümee

Abkürzungsverzeichnis

Anhänge
Anhang A: Nikolai S. Trubetzkoy - 'Proposition 16' (1930)
Anhang B: (Merkmals-)Karten der vier Areale
Anhang C: Entlehnte spanische Funktionswörter in mesoamerikanischen Sprachen
Anhang D: Zählung Balkanismen

Bibliographie

1 Einleitung

Einige zeitgenössische, groß angelegte, typologische Projekte, etwa das von der 'Euro- pean Science Foundation' initiierte EUROTYP-Projekt1 oder das vom italienischen 'Consiglio Nazionale delle Ricerche' (CNR) gesponserte MEDTYP-Projekt2 haben das Ziel, geographisch mehr oder weniger zusammenhängende Gebiete (in den zwei eben genannten Beispielen Europa und den Mittelmeerraum) als Areale auszuzeichnen, in de- nen bestimmte Sprachen eine konvergente Entwicklung durchlaufen haben. Laut ihren Befürwortern weisen die Sprachen dieser Areale ein bestimmtes Konglomerat von strukturellen Ähnlichkeiten auf, das die Sprachen außerhalb des jeweiligen Areals nicht teilen. Die zwei genannten Areale enthalten neben indoeuropäischen auch nicht-indoeu- ropäische Sprachen. So werden zum europ ä ischen Sprachbund auch uralische Sprachen wie Finnisch und Ungarisch sowie das semitisch-stämmige Maltesisch gezählt, aller- dings nur als marginale Miglieder (vgl. HASPELMATH 2001b: 1493). Zum mediterranen Areal (engl. mediterranean area ) zählen ebenfalls nicht-indoeuropäische Sprachen wie arabische Varianten des Maghreb, Türkisch oder modernes Hebräisch (vgl. RAMAT 2002: ix ff.).

Das Konzept des Sprachbund s oder des linguistischen Areal s als geographisches Ge- biet, in dem genetisch nicht-verwandte oder nicht-nahverwandte Sprachen auffallende Ähnlichkeiten besitzen, ist kein neues. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts bemerkte der Slawist FRANZ XAVER MIKLOSICH (s.a. Abschnitt 2.1.3), dass verschiedene, nicht-ver- wandte Sprachen des Balkans viele gemeinsame Eigenschaften auf allen sprachlichen Ebenen (Lexikon, Lautinventar, Morphosyntax) aufweisen. 1928 prägte TRUBETZKOY den Begriff des Sprachbunds. In den 1950er Jahren wurde erstmals Indien3 (EMENEAU 1956) als großes linguistisches Areal deklariert. Der Begriff bzw. seine Verwendung blieb aber auch von Beginn an nicht ohne Kritik. Schon WEINREICH (1958: 378-79) sagt:

„Its [the term Sprachbund's] fundamental fault is that it implies a unit, as if a language either were or were not a member of a given Sprachbund.”

Bis heute sind viele Punkte, die die Begriffe Sprachbund und linguistisches Areal betreffen, umstritten. Etwa die Frage nach genau definierten Konstitutionskriterien, also nach jenen Kriterien(-bündeln), die eine Gruppe von Sprachen besitzen muss, um als Sprachbund deklariert werden zu können. Weiters ist methodisch weitgehend ungeklärt, wie genetisch ererbte Merkmale von entlehnten, also durch Sprachkontakt erworbenen Merkmalen unterschieden werden können. Dieses Problem tritt natürlich besonders in Gebieten der Welt auf, in denen keine Aufzeichnungen früherer Sprachzustände existieren. Hinzu kommen noch inter-sprachliche Ähnlichkeiten, die aufgrund einer typologischen 'Verwandtschaft' in Betracht gezogen werden müssen. Diese 'Verwandt- schaft' basiert auf allgemeinen Entwicklungsgesetzmäßigkeiten, die dazu führen, dass bestimmte strukturelle Typen von Sprachen ähnliche Entwicklungen durchlaufen.

Wie diese Fragen und teilweise offenen Punkte in verschiedenen areallinguistischen Untersuchungen gehandhabt werden, soll in der vorliegenden Arbeit exemplarisch an- hand von vier deklarierten Sprachbünden - dem balkanischen, dem südasiatischen, dem mesoamerikanischen und dem europäischen - aufgezeigt werden. Die Auswahl der Areale begründet sich folgendermaßen: Der Balkan kann als 'klassischster' aller Sprach- bünde wohl kaum aus der Diskussion ausgelassen werden, da sich fast alle späteren are- altypologischen Untersuchungen und Überlegungen auf ihn bzw. auf das mit ihm ent- standene Konzept beziehen. Die Idee von der Existenz eines europäischen Sprachbunds ist relativ jung4. Im Vergleich zu anderen etablierten Sprachbünden ungewöhnlich ist hier erstens, dass die zentralen Mitglieder des Areals lediglich zwei verschiedenen Zweigen einer einzigen Sprachfamilie, nämlich der indogermanischen, angehören (s. Abschnitt 4.4). Zweitens, integriert der europäische Sprachbund (zumindest marginal) ein relativ großes, bereits etabliertes Areal, nämlich den Balkan. Der erste Punkt steht in starkem Kontrast zu anderen Arealen wie Mesoamerika oder Südasien. Die genetische Diversität ist in diesen Arealen sehr groß - hier stellt sich also bereits die Frage, wie genealogisch heterogen ein Areal sein kann bzw. sein muss. Der zweite Punkt wirft die die Frage auf, wie homogen oder heterogen eine Areal in Bezug auf seine verbindenden oder konstituierenden Merkmale sein kann/muss. Wenn bestimmte Subareale identifiziert werden können, ist dann eine Zusammenfassung zu einem Superareal, welches gleichwertig als 'linguistisches Areal' bezeichnet werden kann, noch gerechtfertigt bzw. nötig? Mesoamerika (teilweise auch Südasien) unterscheiden sich weiters in der Tatsache, dass über die präkoloniale Sprachgeschichte relativ wenig bekannt ist, was u.a. dazu geführt hat, dass arealtypologische Kriterien bei der Klassifizierung der Sprachen dieser Areale immer eine große Rolle gespielt haben.

Südasien (bzw. Indien) wurde, neben seinem Status als relativ bekannter Sprach- bund, v.a. deshalb in die Diskussion einbezogen, da MASICA (1976) als einer der ersten den Versuch einer methodisch systematischen arealtypologischen Untersuchung vorge- legt hat.

Ziel dieser Arbeit wird nicht die Statuierung möglicher Lösungsvorschläge für die genannten Problemstellungen sein, sondern ein systematischer Vergleich bestehender Sprachbundkonzeptionen, welcher aufzeigen soll, ob es überhaupt ein vergleichbares Konzept eines 'Sprachbunds' gibt.

Kapitel 2 gibt einen kurzen historischen Überblick über die wichtigsten Entwick- lungsstufen der typologischen und später auch arealtypologischen Sprachwissenschaft und versucht den Gegenstandsbereich der Arealtypologie zu verwandten Disziplinen hin abzugrenzen. Kapitel 3 erläutert die wichtigsten Frage- und Problemstellungen in Zu- sammenhang mit linguistischen Arealen und dient gleichzeitig als Diskussionsbasis für Kapitel 4, in dem die vier bereits genannten Sprachbünde übersichtsmäßig besprochen werden. Es werden jeweils die wichtigsten Charakteristika (deskriptiv) besprochen und evaluiert. Am Ende diese Kapitels (Abschnitt 4.5) sollen die Unterschiede und Gemein- samkeiten der betrachteten Sprachbünde bzw. Sprachbunddefinitionen aufgezeigt und analysiert werden sollen. Kapitel 5 ist als Exkurs gestaltet: Er dreht sicht um die Frage, ob die erste Sprachbunddefinition durch TRUBETZKOY (1930) mit jenen späterer Autoren verglichen werden kann.

Erkenntnisse aus der Soziolinguistik oder Sprachkontaktforschung, die Entlehnungs- prozesse und alle damit verbunden Faktoren (z.B. die Dominanzverhältnisse der betrof- fenen Sprachen bzw. Sprachgemeinschaften) beschreiben, werden in dieser Arbeit nicht detailliert erörtert5. Kurz zusammengefasst kann gesagt werden, dass bereits vielfach beschrieben und bewiesen wurde, dass intensiver Sprachkontakt und v.a. (egal ob 'auf- gezwungene' oder 'neutrale') Mehrsprachigkeit zu teilweise tiefgreifenden Veränderun- gen auf allen Ebenen der Grammatik einer Sprache führen kann (die Möglichkeit von Entlehnungen lexikalischer Elemente ist ja, v.a. auch den einzelnen Philologien, lange bekannt und gut erforscht). Das extremste Ergebnis von Sprachkontakt ist der Sprachtod, also die totale Übernahme der Lexik und Grammatik einer fremden Spra- che6. Andere Resultate sind z.B. die Entstehung s.g. Pidgin s (und in Folge die Entwick- lung von Kreolsprachen (siehe z.B. HOLM 1988) oder von Mischsprachen (engl. mixed languages ) (siehe z.B. MATRAS 2000). Letztere beziehen ihr Lexikon und ihre Gramma- tik aus jeweils einer anderen Sprache. Ein weniger 'drastisches' Ergebnis von Sprach- kontakt wäre jenes von Sprachbünden oder linguistischen Arealen: verschiedene Spra- chen nähern sich in ihrer Grammatik (und natürlich auch in ihrer Lexik) nach und nach an (und divergieren dabei natürlich auch gleichzeitig), ohne dass eine Sprache dadurch 'verschwindet' oder den Großteil ihrer ursprünglichen Charakteristika verliert.

2 (Areal-)Typologie: Historische Entwicklung und Überblick über den Gegenstandsbereich

2.1 Sprachverwandtschaft und Sprachkontakt

2.1.1 Vom Stammbaum zum Typ

Im 18., aber vor allem im 19. Jahrhundert war die sprachwissenschaftliche Forschung vom Wunsch geprägt, Sprachen nach deren Herkunft zu klassifizieren, zu ordnen, d.h. einen gemeinsamen sprachlichen Ursprung zu orten und das Abspalten einzelner Sprachen von diesem möglichst genau zu beschreiben.

Die Entdeckung von Ähnlichkeiten zwischen Sanskrit und ('klassischen') europä- ischen Sprachen führte zum Entstehen der s.g. Indogermanistik, welche fortan die Ge- schichte der Familie der indogermanischen (oder indoeuropäischen) Sprachen erfor- schen sollte. Als Begründer der neuen Disziplin der historisch-vergleichenden Sprach- wissenschaft gelten JACOB GRIMM (1785-1863), FRANZ BOPP (1791-1867) und RASMUS RASK (1787-1832), die alle erstmals durch systematische Vergleiche und Methoden Er- kenntnisse über die Verwandtschaftsverhältnisse indoeuropäischer Sprachen gewinnen wollten und konnten:

"Detailed exemplifications from the word forms of specific languages, and the later systematic study of etymology and sound changes [...] now gave a solid factual basis for the generalized a pri- ori assumptions of eighteeth-century thinkers on the origin and development of language [...]." (ROBINS 1969: 172)

RASK entdeckte systematische Lautentsprechungen (im Gegensatz zu 1:1-Entsprechun- gen) als Kriterium für die Bestimmung etymologischer Verwandtschaft von Wortformen, GRIMM formulierte seine These der germanischen Lautverschiebungen (die später durch Verners Gesetz erweitert werden musste). BOPP strebte die Rekonstruktion der grammatischen Struktur jener Sprache an, aus deren Desintegration alle indoeuropäischen Sprachen entstanden sein sollen (vgl. ROBINS 1969: 173).

Der Junggrammatiker AUGUST SCHLEICHER (1821-1868) entwickelte Mitte des 19. Jahrhunderts seine als Stammbaumtheorie bekannt gewordene These. Sie beinhaltet die Idee, dass sich Sprachen, nach dem biologisch-genealogischen Prinzip, durch Aufstellen (vermuteter) verwandtschaftlicher Beziehungen, also durch Annahme eines gemeinsamen Ursprungs (der Ur- oder Protosprache)7, in Familien, Zweige etc. klassifizieren lassen. Auf Basis (der damals teilweise bereits entwickelten) komparativistischen Methoden sollte der vorangegangene Desintegrationsprozesss, also die Entstehungsgeschichte und Zusammengehörigkeit der Einzelsprachen rekonstruiert und somit die Existenz der verschiedenen Gruppierungen 'bewiesen' werden.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts erlebte die Sprachwissenschaft aber auch den Beginn einer anderen Art von Sprachklassifikation, nämlich den der (morpho-)typologischen. Die Idee erster typologischer Klassifikationen war es, Sprachen nicht aufgrund histori- scher Fakten und/oder geographischer Nähe und einer daher angenommenen Verwandt- schaft zu klassifizieren, sondern aufgrund unabhängiger, vorwiegend morphologischer, Merkmale, die bestimmte Typen von Sprachen charakterisieren. Zur Entwicklung dieser Kategorisierungsmethode sind u.a. Namen wie FRIEDRICH VON SCHLEGEL (1772-1829), AUGUST WILHELM VON SCHLEGEL (1767-1845)8 oder WILHELM VON HUMBOLDT (1767-1835) zu nennen. Dieser Klassifizierungsmethode liegt die Idee zugrunde, dass jede Sprache (mit HUMBOLDT gesagt) eine 'innere Sprachform' hat: semantische und grammatische Struktur ergeben ein systematisches, strukturiertes Ganzes, sodass jedes geäußerte Wort in Abhängigkeit zum gesamten System steht. Besonders 'wesentliche' Merkmale wie z.B. die morphologische Struktur können dadurch (mehr oder weniger) Aufschluss über andere Strukturprinzipien der betroffenen Sprache geben.

GEORG VON DER GABELENTZ (1840-1893), führte, nach dem Vorbild der botanischen Klassifikation, erstmals den Begriff der Typologie in die Sprachwissenschaft ein. Zum systemhaften Charakter der Sprache sagt er:

"Jede Sprache ist ein System, dessen sämtliche Theile organisch zusammenhängen und zusam- menwirken. Man ahnt, keiner dieser Theile dürfte fehlen oder anders sein, ohne dass das Ganze verändert würde. Es scheint aber auch, als wären in der Sprachphysiognomie gewisse Züge ent- scheidender als andere. Diese Züge gälte es zu ermitteln; und dann müsste untersucht werden, wel- che anderen Eigenthümlichkeiten regelmäßig mit ihnen zusammentreffen [...]" (VON DER GABELENTZ 1901: 481)

GABELENTZ' Anspruch an zukünftige typologische Untersuchungen war eine Erstellung von ganzheitlichen, implikativen Typologien, er gab jedoch selbst zu: "Die Induction, die ich hier verlange, dürfte ungeheuer schwierig sein." (ebd.: 481).

Die Beschränktheit der historischen Sprachwissenschaft, gewisse Verhältnisse zwischen Sprachen restlos zu klären, aber auch der Zweifel an der Annahme, dass sich Sprachen derartig klar aus einem gemeinsamen Ursprung 'ab-' und 'aufspalten' und danach linear und isoliert 'für sich' weiterexistieren, ohne dabei von benachbarten Sprachen beeinflusst zu werden, führte zu neuen Überlegungen und Thesen, welche v.a. die geographische Verbreitung von Sprachen und Dialekten auf andere Art und Weise zu erklären versuchten. Die Entdeckung des Tocharischen und Hethitischen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, stellte z.B. die indogermanische Forschung vor das Problem, bestimmte Charakteristika dieser Sprachen durch klassische komparativistische Methoden und Annahmen nicht mehr begründen zu können:

"Obwohl beide Sprachen eindeutig indogermanisch waren, zeigte das Tocharische trotz seiner extrem östlichen Lage doch westliche Merkmale (es war z.B. eine Kentum-Sprache und hatte mit dem Keltischen und Lateinischen das Medium/Passiv auf -r gemein), und das Hethitische wies trotz seines hohen Alters (1800 bis 1200 v. Chr.) nicht den formenreichen synthetischen Charakter auf, den man aufgrund der bisherigen Forschungen zum Indogermanischen hätte erwarten können: Es war nur mäßig flektierend und hatte viele Kategorien anscheinend bereits verloren - oder einfach nie besessen." (VAN POTTELBERGE 2001: Kap. 1)

Außerdem führten die Entdeckung und das Erforschen von fremden, 'exotischen' Sprachen sowie die Beobachtung des Entstehens neuer Sprachformen wie Pidgin s und Kreolsprachen9 zu dem Wunsch, auch über die Entstehungsgeschichte und -mechanis- men dieser Sprachen(-formen) mehr zu erfahren. Ohne die Hilfe historischer Belege und schriftlicher Aufzeichnungen, die Aufschluss darüber geben könnten, wie Völker, Stämme oder Gruppen 'verwandtschaftlich' zueinander stehen, welche Bevölkerungs- bewegungen stattgefunden, und v.a. wie frühere Sprachzustände ausgesehen haben, war dies jedoch kein leichtes Unterfangen. Die bis dahin eurozentrisch geprägte Komparativistik stieß an ihre methodologischen Grenzen.

2.1.2 Wellen, Substrat und Dialekt

Ein bekannter Gegner der Stammbaumtheorie war JOHANNES SCHMIDT (1843-1901). In seiner Wellentheorie (SCHMIDT 1872) widersprach er auch den ausnahmslosen Lautgesetzen10 der Junggrammatiker . Diese nahmen an, dass sich (lautlicher) Sprachwandel, innerhalb eines auf Basis des Stammbaumprinzips klassifizierten Sprachraums bzw. einer genetischen Gruppierung, (sofern die gegebenen lautlichen Bedingungen die gleichen sind) mechanisch und ausnahmslos vollzieht. SCHMIDT behauptete dagegen, dass jeder Sprachveränderungs- und Entwicklungsprozess einen zentralen (geographischen) Ausgangspunkt habe, von dem aus er sich wellenförmig ausbreite und so mit anderen Sprachen oder Dialekten interferiere, bis die Welle am Ende 'versiegt' und der Prozess somit seine räumlichen Grenzen erreicht hat.

HUGO SCHUCHARDT (1842-1927), der wie SCHMIDT u.a. bei AUGUST SCHLEICHER studiert hatte, ging davon aus, dass 'reine' Sprachen ein nicht existierendes Konstrukt seien und nur 'gemischte' Sprachen existierten, deren Grenzen sich nicht genau bestimmen ließen (vgl. SCHUCHARDT 1884). SCHUCHARDT (1912) war es auch, der zwischen 'geschichtlich verwandten' und 'elementar verwandten' Sprachen unterschied. Als geschichtlich ver- wandt verstand er Sprachen, die Ähnlichkeiten entweder aufgrund einer gemeinsamen Ursprache oder aufgrund von (intensiven) Entlehnungen besitzen. Elementar verwandte Sprachen haben hingegen gemeinsame Züge, die sich nicht unbedingt aus einer gemein- samen Geschichte erklären lassen müssen, sondern "[...] [aus] gemeinsamen Eigen- schaften oder Eigenschaftskollektionen[, die] als charakteristisch f ü r menschliche Sprache schlechthin, als Universalien erwiesen werden k ö nnen [...]" (PLANK 1981: 38). Dabei müssen sich beide Prinzipien bei der Erklärung sprachlicher Ähnlichkeiten nicht gegenseitig ausschließen.

SCHUCHARDT gilt ebenfalls als Begründer der Kreolistik . Kreolsprachen waren für ihn insofern interessant, als dort Lautwandel, von junggrammatischer Sicht aus, oft 'irregu- lär' von statten ging, da die Sprachmischung zur Unterbrechung sprachintern motivierter Veränderungen führte (vgl. HOLM 1988: 2-3, 29-30). Diese Beobachtungen unterlegten SCHUCHARDTs Annahme, dass sich Sprachwandel, entgegengesetzt der junggrammatischen Meinung, als psychologischer bzw. sozialer Prozess vollzieht, der vom sprachbenützenden Individuum ausgeht und sich durch Analogiebildung ausbreitet.

Eine weitere wichtige Errungenschaft für die historisch-vergleichende, aber auch für die allgemeine Sprachwissenschaft jener Zeit, war die s.g. Substrattheorie (deren 'Ent- stehung' mit der Entdeckung und Entschlüsselung des Hethitischen einherging, s. das Zitat auf Seite 7). Die Substrattheorie besagt, dass die Sprache einer dominierten Grup- pe Einfluss auf die Sprache der dominierenden Gruppe haben kann. Auch wenn die do- minierte Sprache verdrängt wird, bleiben Spuren von ihr in der dominierenden Sprache zurück. Im umgekehrten Fall spricht man von Superstrateinfluss. Die (aus heutiger Sicht soziolinguistische) 'Erkenntnis', dass Sprachen (besser gesagt: die Sprecher verschie- dener Sprachen) in ständigem Kontakt zueinander stehen und deshalb auch ein ständiger Austausch von sprachlichem 'Material' (Interferenz) stattfindet, war für diese Zeit eine relativ neue (s. z.B. bei SCHUCHARDT). Die Aufwertung des Dialekts, zuerst in der Zeit der Renaissance und später in der Romantik, v.a. als Literatursprache, sowie das grundlegende Interesse der damaligen Linguistik an Sprachgeschichte führte dazu, dass dialektale Sprachformen im Laufe des 19. Jahrhunderts nach und nach in den Fokus ernsthafter wissenschaftlicher Betrach- tungen kamen:11 Aufgrund der Annahme, dass mit Hilfe synchroner dialektaler Raum- gliederungen Rückschlüsse auf historische Verbreitungsgebiete gezogen werden könn- ten, etablierte sich die Dialektologie als wichtige Begleitwissenschaft der historisch-ver- gleichenden Sprachwissenschaft. Erste Dialektgrammatiken entstanden, z.B. JOHANNES A. SCHMELLERs Grammatik der bayrischen Mundarten.12 Für das romanische Sprachgebiet sind v.a. Arbeiten GRAZIADO ISAIA ASCOLIs (1829-1903) zu nennen, der u.a. das Rätoromanische sowie das Frankoprovenzialische als eigene Sprachgruppen des Romanischen definierte (vgl. GOEBL 2001: 1476-77, WOLF 1975: 19ff.).13

Erste systematische Erfassungen diatopischer Daten wurden für den deutsch- sprachigen Raum von GEORG WENKER (1852-1911) und für das Französische von JULES GILLIÉRON (1854-1926) vorgenommen (bzw. begonnen). Ziel des 'Deutschen Sprachat- las' (DSA) sowie des 'Atlas linguistique de la France' ( ALF) war es, die dialektalen Va- rianten (v.a. auf lautlicher und lexikalischer Ebene) der Nationalsprachen Deutsch und Französisch, deren räumliche Ausdehnung (wie heute noch oft) durch die Grenzen der jeweiligen Nation definiert wurden, zu erfassen.14 Die beiden Atlanten sind bis heute (in teilweise erweiterter und überarbeiteter Form) zwei der umfangreichsten dialekt- geographischen Studien geblieben. WENKER und GILLIÉRON gelten somit als Begründer der Dialektgeographie (s.a. Abschnitt 2.2).

2.1.3 Der Übergang ins 20. Jahrhundert: die Sapir-Boas Debatte, Trubetzkoys 'Sprachbund' und Joseph F. Greenberg

Das erste Drittel des 20. Jahrhunderts wurde auf dem Gebiet der Sprachklassifikation v.a. durch Arbeiten amerikanischer Linguisten in Zusammen mit der Klassifikation indigener Sprachen Nordamerikas15 geprägt.

Die Ausgangslage in Nordamerika war, anders als in Europa und Teilen Asiens, besonders schwer, da kaum Sprachdenkmäler existierten und viele Sprachen seit Beginn der Kolonialisierung bereits ausgestorben waren. Die Menge der noch existierenden Sprachen war dennoch groß, ebenso deren strukturelle Unterschiede. Die vorder- gründige Aufgabenstellung war es also, eine Methode (oder zumindest eine Theorie) zu entwickeln, mir deren Hilfe sich eruieren ließe, ob Sprachen denselben genetischen Ursprung haben oder ob strukturelle Ähnlichkeiten durch Sprachkontakt oder einfach zufällig entstanden sind.

An der Frage, welche sprachlichen Komponenten entlehnt werden können, bzw. ob ererbtes sprachliches Material überhaupt von einem durch Sprachkontakt erworbenen Material unterschieden werden kann, schieden sich die Geister EDWARD SAPIRs (1884- 1939) und FRANZ BOAS' (1858-1942). SAPIR ging zwar davon aus, dass bestimmte sprach- liche Merkmale entlehnt werden können, diese Entlehnungen aber nicht über phoneti- sche16 und lexikalische Einheiten hinausgingen. Die Möglichkeit morphologischer Ent- lehnungen schloss er, außer in wenigen Fällen von 'oberflächlicher' Beeinflussung, kate- gorisch aus (vgl. SAPIR 1963: Kap. 9).

BOAS hingegen sah in der Annahme von strukturellen Entlehnungen in allen Bereichen der Sprache die einzige Möglichkeit, bestimmte Phänomene zu erklären:

"[...] in a considerable number of native languages of the north pacific coast [of North America] we find, notwithstanding fundamental differences in structure and vocabulary, similarities in particular grammatical features distributed in such a way that neighboring languages show striking similarities [...]. It seems [...] almost impossible to explain this phenomenon without assuming the diffusion of grammatical processes over contiguous areas." (BOAS 1929: 6)

Er ging gleichzeitig davon aus, dass bei einer synchronen Betrachtung von Sprachen die Unterscheidung von ererbtem und entlehntem Material nicht möglich sei.

Die Entstehung des Sprachbund-Konzepts durch NIKOLAI S. TRUBETZKOY (1890- 1938), einem zur strukturalistischen Prager Schule gehörender Linguisten, steht im Zusammenhang mit diesen ersten großangelegten amerikanischen Klassifikationsversuchen: TRUBETZKOY kritisiert am 1. Internationalen Linguistenkongress 1928 in Den Haag die v.a. von amerikanischen Linguisten und Anthropologen im Zusammenhang mit der Klassifizierung indigener amerikanischer Sprachen verwendeten, allzu unklar umrissenen Ausdrücke 'Sprachgruppe' (engl. language stock ) und 'Sprachfamilie' und die dadurch entstehenden Missverständnisse und Fehler.

Er schlägt die Unterscheidung zweier Typen von Sprachgruppen vor. Den ersten Typ nennt er Sprachbund und definiert ihn als Gruppe von Sprachen, die große Ähnlichkeit in syntaktischer Hinsicht, Ähnlichkeiten im morphologischen Bau, eine große Anzahl von gemeinsamen Kulturwörtern (aber nicht von Elementarwörtern), sowie eventuell äußere Ähnlichkeit im lautlichen System (aber keine systematischen Lautent- sprechungen) haben. Als zweiten Typ postuliert er die Sprachfamilie als Gruppe von Sprachen, die eine beträchtliche Anzahl gemeinsamer Elementarwörtern und Überein- stimmungen im lautlichen Ausdruck morphologischer Kategorien aufweist, sowie kon- stante Lautentsprechungen besitzt (vgl. TRUBETZKOY 1930, Anhang A).

Es ist anzunehmen, dass TRUBETZKOY u.a. durch seine Beschäftigung mit Sprachen des Kaukasus die Idee einer 'arealen' Verwandtschaft aufgriff, da in diesem Gebiet komplexe sprachliche Verhältnisse herrsch(t)en, die sich einer rein genetischen Analyse entzogen und gleichzeitig (nur) anhand arealer Muster erklärt werden konnten.17 Dem Slawisten TRUBETZKOY waren auch die balkanischen Sprachverhältnisse nicht unbekannt, was ja v.a. an seiner 'Proposition 16' (= TRUBETZKOY 1930) zu sehen ist, in der er den Balkan quasi als 'Protosprachbund' nennt.

In der slawistischen Philologie wurden auch etwa 50 Jahre früher durch den Slowe- nen FRANZ XAVER MIKLOSICH (in slawischer Schreibweise: FRANC XAVER MIKLOŠIČ) (1813- 1891) die Grundsteine zur Entwicklung des Sprachbundkonzepts gelegt. MIKLOSICH be- zog als erster das Neugriechische in seine (balkanischen) Forschungen ein und konnte so ein umfassendes Bild der südosteuropäischen Sprachen und ihrer Besonderheiten er- stellen. 1861 belegte er in einer Abhandlung über die slawischen Elemente im Rumäni- schen erstmals gemeinsame Merkmale des Rumänischen, Bulgarischen, Albanischen und Neugriechischen, wobei er diese noch als 'autochthone Elemente' darstellte (vgl. MIKLOSICH 1861).

1926 erschien KRISTIAN SANDFELDs 'Balkanfilologien. En oversigts over dens resulta ter og proplemer'. Erstmal findet sich in diesem Werk eine systematische Behandlung der s.g. 'Balkanismen', also jener gemeinsamen sprachlichen Merkmale der Balkansprachen, die einen Balkansprachbund konstituieren (s. Abschnitt 4.1).

ERNST LEWY veröffentlichte 1942 sein Werk 'Der Bau der europ ä ischen Sprachen' (s. LEWY 1964), in dem er aufgrund historisch-geographisch-typologischer Parameter eine Klassifizierung der europäischen Sprachen durchführt. Er statuiert, linguistisch v.a. auf Grundlage syntaktischer Kriterien, fünf Sprachgebiete: das atlantische, das zentrale, das balkanische, das östliche und das arktische Gebiet. Dabei kommt er u.a. zu dem Schluss, dass dem Gebiet des 'atlantischen' Sprachtypus18 das Gebiet des später einge- wanderten Typus der 'zentralen' Sprachen Europas19 gegenübersteht (vgl. MAAS 2009).

Als wichtiger Meilenstein in der Entwicklung moderner Sprachklassifikations- methoden ist jedoch v.a. die von JOSEPH H. GREENBERG (1915-2001) in den 1960er und 1970er Jahren entwickelte Methodologie zu nennen. GREENBERG entwickelte bzw. postulierte seit etwa 1950 in seinen Werken und Aufsätzen über die Klassifikation afrikanischer, süd- und nordamerikanischer, ozeanischer, aber auch 'eurasischer' Sprachen zahlreiche Prinzipien, die als Grundstock einer modernen genetischen Sprachklassifikation dienen sollten (vgl. CROFT 2005: xi-xxxvi).20 Er unterschied drei Hauptmethoden zur Klassifizierung von Sprachen: die genetische, die typologische so- wie die sprachgeographische, also areale Klassifikation (GREENBERG 1957: 66). Er erar- beitete ein ausführliches Regel- und Prinzipiengebilde, mit dessen Hilfe er genetische sprachliche Züge eindeutig von z.B. durch Entlehnung erworbenen Zügen unterscheiden wollte. Für GREENBERG sind Form-Bedeutungs-Paare die evidentesten Einheiten des (genetischen) Sprachvergleichs:

"GREENBERG argues that in almost all cases, the classifications supported by lexical and grammatical form-meaning pairings coincide. This does not include abstract or schematic grammatical patterns, which are typological and can cross-cut genetic classifications." (CROFT 2005: xxiii)

Da die Verbindung der Inhalts- und der Ausdrucksseite eines Zeichens nach SAUSSURE (auf dessen Konzept GREENBERG sich beruft) rein abiträr ist21, also nicht kognitiv begründbar, und daher nicht universell erklärbar ist, ist laut GREENBERG eine sich ähnelnde Form-Bedeutungs-Paarung als ein besonders signifikantes Zeichen für eine gemeinsame sprachliche Herkunft zu deuten (vgl. GREENBERG 2005b: 6f.). 'Typologische' Kriterien können für GREENBERG nicht als Vergleichsbasis für eine genetische Klassifikation herangezogen werden. Damit bezeichnet er Ähnlichkeiten, welche sich nur auf die Bedeutungsseite oder nur auf die Formseite eines sprachlichen Zeichens beziehen. Beispiele für 'form-only criteria' (CROFT 2005: xxiii) sind z.B. das Vorhanden- sein ähnlicher Phoneme oder Phonemklassen, die Verwendung von Prä- oder Suffixen, Wortstellung etc. 'Meaning-only criteria' sind z.B. Ähnlichkeiten in Genus-Klassen bei Nomen oder Tempus- und Aspektsysteme bei Verben:

"Resemblance in meaning only is frequently the result of convergence through limited possibilities. Important and universal aspects of human experience, such as the category of number or a system of classification based on sex or animacy in the noun or one of tense or aspect in the verb, tend to appear independently in the most remote areas of the world and can never be employed as evidence for a historical connection." (GREENBERG 2005b: 7-8)

Neben bzw. im Zuge dieser Tätigkeiten wurde GREENBERG besonders für das Aufstellen implikativer Universalien bekannt, also für die Feststellung, dass bestimmte strukturelle Eigenschaften des Systems 'Sprache' (nach SAUSSURE'scher Terminologie: der langage ) in Beziehung zueinander stehen und nicht unabhängig voneinander auftreten (z.B. Wortstellung und Konstituentenstellung innerhalb der Nominalphrase).

In Zusammenhang mit Sprachklassifikation, aber auch als 'Hilfswissenschaft' anderer sprachwissenschaftlichen Domänen (z.B. der kognitiven Linguistik, der Spracherwerbs- forschung, der sprachlichen Universalienforschung i.A.22 ) ist die Typologie in den ver- gangenen Jahrzehnten zu einem der prominentesten Forschungsgebiete der Linguistik geworden. Die Areal typologie ist ein Hybrid verschiedener Teildisziplinen. Der Ein- fluss von bzw. die Abgrenzung zu diesen Disziplinen soll im folgenden Kapitel erläutert werden.

2.2 Arealtypologie: Abgrenzung zu Typologie und Sprachgeographie (Dialektologie)

Die Arealtypologie hat23 ihre Wurzeln sowohl in der allgemeinen Typologie als auch der Sprachgeographie. Um den Versuch einer Abgrenzung des Gegenstandsbereich der Arealtypologie zu diesen zwei Disziplinen durchführen zu können, sollen zuerst die Gegenstandsbereiche von Typologie und Dialektologie kurz dargestellt werden.

Die allgemeine Typologie hat erstens die Aufgabe, ein taxonomisches System zu eta- blieren, mit dessen Hilfe sich Sprachen unabhängig von ihrer genetischen Zugehörigkeit beschreiben und klassifizieren lassen. Es gilt, verschiedene tertia compari tionis zu bestimmen und deren Emanationen in den Sprachen der Welt zu beschreiben. Als nächstes sollen die gefundenen Merkmale Kategorien, Prozeduren etc. sprachübergrei- fend verglichen werden24. Dieser Vergleich kann partiell in verschiedenen linguistischen Subsystemen (Phonologie, Morphologie, Syntayx, Semantik etc.) durchgeführt wer- den25, er kann aber auch 'ganzheitlich' erfolgen, d.h., es wird jeweils das gesamte (Ein- zel-)Sprachsystem betrachtet und mit anderen (Einzel-)Sprachsystemen verglichen. Der letztere Vergleich zielt meistens, ganz im Sinne erster linguistischer 'Typen'-Definitio- nen (s. Abschnitt 2.1.1) darauf ab, eine typologische Charakterisierung von Sprachen durchzuführen. Diese "orientiert sich an bestimmten 'markanten' Merkmalen, die f ü r einzelne Sprachen oder Sprachgruppen 'charakteristisch' [sind]" (ALTMANN & LEHFELDT 1973: 13).26 Durch diese 'Charakterisierung' sollen Sprachen nicht nur klassifiziert wer- den, es sollen v.a., wie bereits in Abschnitt 2.1.1 erwähnt, die zugrundeliegenden 'Bau- pläne', die latenten Mechanismen der Sprache aufgedeckt, beschrieben u.U. erklärt wer- den. Typologie im klassischen (oder ganz einfach auch im wortwörtlichen) Sinn ist also nicht das, was gerade heutzutage oft als Typologie bezeichnet wird, nämlich der sprach- übergreifende Vergleich von einzelnen Merkmalen, Kategorien etc. bzw. die 'typologi- sche Beschreibung' (s. das Zitat von ALTMANN & LEHFELDT) von Einzelsprachen:

"Klimov27 carefully distinguishes type from features, faulting most of contemporary typology for failing to make this distinction and pointing out that much of what is called typology is actually the crosslinguistic study of features rather than types. A type, in Klimov's view, is a set of independent but correlated features from different levels of grammar, accompanied by a theory explaining the correlation." (NICHOLS 1992: 8)

"Noch heute stößt man immer wieder auf Arbeiten, in denen sogenannte 'typologische Beschrei - bungen' von Einzelsprachen nicht als Mittel, als Vorarbeit für eine allgemeine Sprachtypologie, sondern als deren Ziel verstanden werden." (ALTMANN & LEHFELDT 1973: 14)

Diese rein deskriptive oder katalogisierende Typologie ist aber natürlich notwendiger Bestandteil bzw. Grundvoraussetzung einer 'holistischeren' Typologie, denn sie erstellt, erforscht und misst die taxonomischen 'Grundeinheiten', die miteinander in Beziehung gesetzt und verglichen werden können.

Weiters dienen sowohl partielle als auch holistische Typologien28 dazu, allgemeine Aussagen über universelle Eigenschaften von Sprach(e) treffen zu können, sowohl in Form 'einfacher' Universalien (z.B. "alle nat ü rlichen Lautsprachen besitzen Vokale") als auch in Form implikativer Universalien.

Immer genauere typologisch-vergleichende Analysen gaben und geben auch immer genauere Erkenntnisse über andere (Teil-)Gebiete der Linguistik, z.B. die Grammatikalisierungstheorie:

"Die Allgemeingültigkeit der Grammatikalisierungsprozesse und das Bestehen von Grammatikalisierungskanälen oder -pfaden hätten nicht festgestellt werden können ohne den typologischen Sprachvergleich; und umgekehrt hat die begriffliche Systematik der Grammatikalisierungstheorie erst die Basis geliefert für die angemessene Konzeption typologischer Zusammenhänge. Als Beispiel sei die Feststellung genannt, daß mehrere von GREENBERGs implikativen Universalien, etwa der Zusammenhang in der Stellung von Adpositionen und von Genitivattributen, als durch Grammatikalisierung bedingt erkannt worden sind." (LEHMANN 2003: 3)

(Synchron-)typologische Sprachvergleichungen und -analysen, an mehreren diachron positionierten Schnittstellen durchgeführt, sind ob ihrer Erkenntniskraft in Hinsicht auf Sprachveränderungsprozesse natürlich schon lange methodologischer Bestandteil historischer bzw. genetischer Untersuchungen.

Die systematische Erfassung sprachgeographischer Daten hat, wie bereits in Ab- schnitt 2.1.2 erwähnt, erstmals im 19. Jahrhundert in Deutschland und Frankreich statt- gefunden. Die Ergebnisqualität solcher Unterfangen ist damals wie heute natürlich von vielerlei Faktoren abhängig. Georg WENKER (DSA), z.B., sammelte seine Daten über den Korrespondenzweg an ca. 52.800 (!) Messpunkten im ganzen Deutschen Reich, Jules GILLIÉRON (ALF) entschied sich für eine direkte Exploration im Feld, welche durch einen einzigen, phonetisch geschulten Explorator an 'nur' 638 Messpunkten durchgeführt wur- de. Trotz seines weitmaschigeren Netzes ist die Variabilität der Daten des ALF (durch spätere, engmaschigere Erhebungen bestätigt) nicht wesentlich größer als im DSA. GILLIÉRON hat sich schon damals, bewusst oder unbewusst, das Stichprobenprinzip (oder Induktionsprinzip) der modernen empirischen Sozialforschung zu Nutze gemacht, wel- ches davon ausgeht, dass die Gesamtheit sozialer und damit auch räumlicher Phänome- ne bereits durch eine (nach bestimmten Gesichtspunkten ausgewählte) Teilmenge genü- gend repräsentiert werden kann (vgl. GOEBL 2001: 1472ff.).

Die Exploration der Daten und ihre Darstellung in Merkmalskarten ist der erste Schritt, der zu einer Sichtbarmachung von "eher an der Oberfl ä che liegende[n] Ord- nungsstrukturen" (GOEBL 2001: 1476, 1479) führt. Diese Sichtbarmachung erfolgt in kartographisch-heuristischer Hinsicht über die Herausbildung begrenzter Flächen (Area- le) bzw. über diese Flächen umschließende Linien (Isoglossen), welche die Grenzen verschiedener Realisationen eines sprachlichen Phänomens markieren (qualitativ und/oder quantitativ). Erst der nächste Schritt, nämlich die Interpretation von Isoglos- sen- oder Flächenbündelungen, entspricht einer dialektalen oder arealen Klassifikation:

„Dabei ergibt sich die Möglichkeit, ein und demselben Datensatz durch variable Klassifikationsfragen und durch dementsprechend vielfältige Klassifikationsmethoden eine (theoretisch unbegrenzte) Vielzahl von Ordnungsmustern zu entnehmen, die wiederum speziellen Fragestellungen (bzw. Hypothesen oder Theorien) dienlich sind.“ (GOEBL 2001: 1479)

Dieser zweite Schritt beinhaltet also ein zielbewusstes Auffinden von Ordnungsmustern bzw. -strukturen. Grundlegend bei einer sprachgeographischen Klassifizierung ist die Überlegung, dass diagnostizierte synchrone Muster oder Strukturen das Resultat (vergangener) räumlicher Diffusionsprozesse sind, welche durch geomorphologische und/oder sozio-politische Faktoren beeinflusst wurden, also auf extralinguistische Entwicklungen oder Gegebenheiten zurückzuführen sind. Der Zusammenfall von sprachlichen und (u.U. ehemaligen) nicht-sprachlichen (ethnisch, politisch, kirchlich, geographisch etc.) Grenzverläufen ist ein klares Indiz für diese Annahme. Geometrische Raummuster wie F ä cher , B ä nder oder s.g. Horste (Inseln) lassen sich mit Hilfe des Zentrum-Peripherie-Modells erklären, welches besagt, dass Innovationen meist von einem kulturellen, ökonomischen, politischen o. ä. Zentrum ausgehen. Vom Zentrum abgesetzte, aber abhängige Gebiete machen diese Innovationen nur in bedingter oder abgeschwächter Form mit. Durch Gegebenheiten wie z.B. dem Verlauf von Verkehrs- wegen, natürlichen geomorphischen Barrieren aber auch sozio-politischen Faktoren wie sozialem Mehrwert und Anschlusswille bilden sich bestimmte räumliche Muster (hier: sprachliche) wie die eben genannten aus (vgl. DAHL 2001: 1458, PUTSCHKE 1982).

Nach SCHMIDT (s. Abschnitt 2.1.2) beschäftigte sich u.a. MATTEO BARTOLI (1873- 1946)29 in seiner 'Linguistica Spaziale'30 mit dem Zusammenhang von sprachlichen Neuerungen und deren räumlicher Verbreitung (u.a. BARTOLI 1925). Unter 'Norm' versteht BARTOLI die (nach ihm: 'strenge') Relation zwischen diachroner Ausprägung (älter/archaischer vs. jünger/innovativer) und der arealen Verbreitung (lateral vs. zentral, größer vs. kleiner) eines sprachlichen Merkmals.

Er ging, ähnlich wie SCHMIDT in seiner Wellentheorie davon aus, dass sprachliche Neuerungen (und in deren Folge Sprachveränderungen) immer von einem geogra- phischen Zentrum ausgehen. Peripherere Gebiete 'konservieren' diese Neuerungen län- ger, spiegeln also ältere Sprachzustände wider, da sie von neuerlichen im Zentrum ent- standenen Innovationen später erreicht werden. Ebenfalls erhalten, nach BARTOLI, größe- re und/oder isolierte sprachliche Gebiete ältere Phasen eines Sprachverän- derungsprozesses länger als kleine und/oder nicht-isolierte Gebiete (vgl. GOEBL 2001: 1477f.).

Im Gegensatz zur Dialektgeographie ist die Arealtypologie darauf ausgerichtet, Isoglossen(-bündel) genetisch nicht- oder entfernt verwandter Sprachen und Dialekte zu identifizieren. Der Unterschied zur (allgemeinen) Typologie besteht im angestrebten 'Zielobjekt':

"[...] The primary object to be identified and characterized in areal linguistics is the linguistic area, whereas in typology, the basic units are the features or properties that characterize individual languages. [...] areal typology [...] is the study of patterns in the areal distribution of typologically rel - evant features31 of languages." (DAHL 2001: 1456)

Dabei ist die Arealtypologie für DAHL (2001:1456) eine beschreibende und erklärende Wissenschaft, d.h. sie soll auch, ganz wie in der Dialektologie, die Entstehungsge- schichte bzw. die Enstehungsmechanismen arealer Gemeinsamkeiten als Untersuchungsgegenstand miteinbeziehen.

HAMP (1977: 276) merkt an, dass die Arealtypologie, genauso wie die genetische Methode immer eine historische Disziplin sein muss: "[...] for it [areal linguistics] too is occupied with analyzing the result of specific, if multiple, linguistic events in the past." Anderenfalls wäre sie nur ein Bereich der Typologie, dessen Erkenntnisse "[...] [the] listing of a catalog of trivia" wäre und dessen theoretischen Ansätze "may well have missed the most interesting and crucially tell-tale characteristics." (ebd.: 281).

WATKINS (2001) sieht die (Areal-)Typologie als notwendigen Bestandteil einer modernen, übergreifenden Komparativistik:

"The Comparative Method is typically viewed as the technique of […] [genetic comparison]: but there is no principled reason to exclude it from […] [typological comparison]. The goal of genetic comparison is linguistic history, while that of typological comparison is often said to be linguistic universals. But one can, and I insist, must compare the components and manifestations of a linguistic area in order to draw historical conclusions. The comparative method, when properly handled, is sensitive enough to do both." (ebd.: 63)

Für HAARMANN (1976) ist das Ziel von Arealtypologie und (allgemeiner) Typologie ein ähnliches, nämlich die Auffindung von 'Typen':

"Der Zielsetzung der allgemeinen Sprachtypologie entspricht in der Arealtypologie die Typenfindung, u.z. aufgrund des spezifischen Attributs "Areal-" die von Arealtypen. [...] Der "Typus der Balkansprachen" [...] ist ein Beispiel für eine Ganztypologie, denn die Typik dieses Sprachbundes läßt sich in verschiedenen Teilsystemen [der Sprachen] nachweisen." (ebd.: 22-23)

Arealtypen unterscheiden sich von Sprachtypen grundlegend dadurch, dass sie die Qualität eines (unverwechselbaren) Individualtyps besitzen, da die Kombination gemeinsamer struktureller Merkmale spezifisch für ein bestimmtes Areal ist. Singulär auftretende Parallelen zwischen einer oder mehreren Sprachen sind somit nicht Untersuchungsgegenstand der Arealtypologie.32 Sprachtypen sind hingegen immer klassifikato rische oder ideale Typen , nach deren Systematik sich alle Sprachen einordnen bzw. eben klassifizieren lassen sollten (s.o.).

Einen allgemein-typologischen 'Touch' (im Sinne der holistischen Typologie) würde der Vergleich von Arealtypen nur bekommen, würde sich zeigen, dass, unabhängig vom je- weiligen Areal und den beteiligten Sprachen, allgemeine Tendenzen oder Mechanismen existieren, die auftreten, wenn sich Sprachen strukturell annähern bzw. divergieren. Einen Ansatz, der in diese Richtung geht, bringt NICHOLS (1992, 1995) vor. Ziel NICHOLS' Untersuchungen ist die Entwicklung einer (allgemein gültigen) Methode zur Untersu- chung linguistischer Diversität. Ausgangspunkt ist die Annahme (bzw. Vermutung), dass bestimmte Merkmalszüge von Sprachen 'genetisch stabiler' sind als andere. 'Gene- tisch stabile' Merkmale sind Strukturen, die dazu neigen, innerhalb einer Sprachfamilie minimal zu variieren. Dies bedeutet, dass es bei bestimmten Merkmalen unwahrschein- lich ist, dass sie entlehnt werden und ihr adjazentes Vorkommen daher gleichzeitig eine gemeinsame Herkunft vermuten lässt (vgl. NICHOLS 1995: 339). NICHOLS fand auf Basis statistisch aufwendig angelegter Untersuchungen in anerkannten Sprachfamilien und linguistischen Arealen33 heraus, dass (u.a.) Merkmale wie head/dependent-marking oder alignment anscheinend zu solchen Merkmalen gehören. NICHOLS (1992, 1995) erklärt dies dadurch, dass diese Merkmale zu den grundlegendsten Organisationsprinzipien von Sprachen gehören und Reflexe im gesamten System des grammatischen Paradigmas aufweisen. Durch diese tiefe Einbettung (bzw. der Funktion als grundlegendes Struktur- ierungselement) kann eine Sprache diese Merkmale nur schwer oder gar nicht aus ande- ren Sprache übernehmen.

3 Theoretische und methodologische Problemstellungen

Um ein geographisches Gebiet als linguistisches Areal oder als Sprachbund auszu- weisen, benötigt es festgelegter Definitionskriterien. Beruft man sich auf die erste Defi- nition durch TRUBETZKOY (1930) bleiben u.a. bereits folgende Punkte unklar: Wieviele Sprachen konstituieren einen Sprachbund und wieviele Merkmale müssen sich diese mindestens teilen, um als Sprachbund bezeichnet werden zu können? Reicht ein einzi- ges Merkmal? Muss jedes (Sprachbund-)Merkmal in jeder Sprache des Areals vorhan- den sein? 34

[...]


1 Der volle Titel des Projekts lautet 'Typology of Languages in Europe', Ergebnisse wurden u.a. in der von Mouton de Gruyter herausgegebenen Reihe 'Empirical Approaches to Language Typology' veröf- fentlicht.

2 Der volle Titel des Projekts lautet 'Languages in the Mediterranean area: typology and convergence' (vgl. CRISTOFARO & PUTZU 2000: 7ff.).

3 Heute spricht man vom s ü dasiatischen Sprachbund, da, geo-politisch gesehen, Sprachen Pakistans, Indiens, Bangladeschs und Sri Lankas zum Areal zählen; Sprachen Nepals und Bhutans sowie tibeto-bur- mesische Sprachen werden selten in die Diskussion einbezogen (vgl. EBERT 2001: 1529).

4 Die Idee einer paneuropäischen areal-typologischen Klassifikation allerdings nicht, s. bei LEWY (Ab- schnitt 2.1.3).

5 Empfehlendswerte Einführungswerke zur Thematik sind z.B. WEINREICH (1963), THOMASON & KAUFMAN (1988) oder WINFORD (2003).

6 Der Sprachtod, also das 'Aussterben' einer Sprache, kann natürlich auch die Folge des Aussterbens bzw. der Ausrottung ihrer Sprecher sein.

7 Vorangegangene 'indogermanische' Thesen gingen immer von einer bekannten Sprache (z.B. dem Sanskrit) als älteste oder 'originalste' Sprache des Indogermanischen aus.

8 F. VON SCHLEGEL unterschied zwischen (später so genannten) flektierendem und isolierendem Sprachbau sowie 'anfügenden' (agglutinierenden) Sprachen, A. W. VON SCHLEGEL unterteilte den flektierenden Typ seines Bruders Friedrich weiter in analytische und synthetische Sprachen.

9 Die ernsthafte Untersuchung von Pidgin- und Kreolsprachen begann mit HUGO SCHUCHARDT (s.u.). Davor "[m]ost linguists [...] consider[ed] pidgins and creoles freakish exceptions that were irrelevant to any theory of 'normal' language." (HOLM 1988: 3)

10 Die These wurde erstmals in OSTHOFF & BRUGMANN (1878) formuliert.

11 Etwas früher, am Ende des 18. Jarhunderts, entstanden im deutschen Sprachraum die ersten ausführli- cheren lexikographischen Werke. Diese orientierten sich meistens an einer (so angenommenen) über- regionalen 'Hochsprache', was z.B. im Falle von JOHANN CHRISTOPH ADELUNGs Wörterbuch der 'hochdeut- schen Mundart' (s. ADELUNG 1774-1786) dazu führte, dass v.a. Lemmataformen das Obersächsischen vertreten waren. Zur selben Zeit entstanden auch die ersten Idiotika (Regionalismenwörterbücher), die in erster Linie der praktischen, überregionalen Verständigung, z.B. im juristischen oder liturgischen Kontext, dienten (vgl. GARDT 1999: 252ff.).
In diesem Kontext sollte u.U. auch DANTE ALIGHIERIs (1265-1321) bekanntes Werk 'De vulgari elo quentia' nicht unerwähnt bleiben. DANTE hat dort den literarischen Wert der Volkssprache(n) bereits 400 Jahre früher erkannt und gilt somit als einer der wichtigsten Wegbereiter für die wissenschaftliche Beschäftigung mit nicht-standardsprachlichen Sprachformen.

12 S. SCHMELLER (1929).

13 Der Romanist PAUL MEYER (1840-1917) griff in seiner Stellungnahme (ebd. 1875) zu ASCOLIs 'Schizzi franco-provenzali' (1874) denselben insofern an, als er bestritt, eine dialektale Klassifikation aufgrund sprachgeographischer Daten durchführen zu können, da diese keine klar definierten Grenzen eines Dia- lekts als Ergebnis hätten (vgl. GOEBL 2001: 1477f.).

14 WENKERs Motivation rührte auch vom Wunsch her "die Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze gewisser- ma ß en im Raume nachzuweisen" (LÖFFLER 1974: 27). Bereits die ersten Auswertungen zeigten jedoch, dass diese Hypothese nicht zu halten war: Entsprechungen mittelhochdeutscher Lautungen hatten in den einzelnen Regionen je nach Wort, nicht nach lautlichem Kontext, verschiedenen Entwicklungen durchlaufen (vgl. LÖFFLER 1794: 27ff.).

15 Versuche einer nordamerikanischen Sprachklassifikation haben schon füher stattgefunden, z.B. durch ALBERT GALLATIN (1761-1849) oder JOHN WESLEY POWELL (1843-1902).

16 Auch die Entlehnung phonetischer Merkmale band Sapir an die Idee eines allem zugrunde liegenden sprachlichen drifts : Phonetisches Material werde nicht willkürlich entlehnt, sondern müsse immer in den aktuellen Zustand des phonetischen drifts passen und dem Erhalt des sound patterings (also des phono- logischen Systems) dienen.

17 Zu weiteren biographischen Informationen zu TRUBETZKOY, siehe z.B. MAAS (2009).

18 Zum 'atlantischen' Typ zählt er Baskisch, die skandinavischen Sprachen (außer Isländisch), Englisch, Niederländisch sowie romanische Sprachen Frankreichs, der Iberischen und der Appeninen-Halbinsel.

19 Zum 'zentralen' Gebiet gehören laut LEWY (1964) Deutsch und Ungarisch.

20 Die wichtigsten Schriften GREENBERGs zur genetischen Sprachwissenschaft bzw. Methode wurden von CROFT (2005) zu einem Sammelband gefasst und einleitend erläutert.

21 Diese Annahme gilt z.B. nicht für onomatopoetische Zeichen. Modernere linguistische Theorien, z.B. die Natürlichkeitstheorie (siehe z.B. WURZEL 1984), sehen auch in vielen nicht-onomatopoetischen Zei- chen und Zeichenprozessen gewisse wiederkehrende Eigenschaften, die über Abitrarität hinaus gehen.

22 S.a. das Zitat von LEHMANN (2003) auf Seite 18.

23 'Sprach'- bzw. 'Dialektgeographie' bezeichnet laut KNOOP (2000a, 2000b, 2000c) eine 'Darstellungsmo- dalit ä t ' der Dialektologie, welche ja allgemeiner, die "Wissenschaft von den Dialekten, auch Mundart- forschung genannt" ist. Die Dialektgeographie hat dagegen speziell "die r ä umliche Verbreitung der Dialekte zum Gegenstand" .

24 Diese Aussage ist natürlich insofern nicht ganz richtig, da die Erstellung der t e r t i a c o m p a r i t i o ni s auch induktiv, auf Basis von bereits erfolgtem Sprachvergleich erfolgt. Der Vergleich ist also immer auch schon Teil des ersten Schritts - dem Erstellen des taxonomischen Beschreibungssystems. (Ein wei - teres der vielen methodologischen Probleme in diesem Bereich ist die unreflektierte Übernahme 'klassischer' Kategorien, welche fast ausnahmsweise der europäischen Grammatiktradition entstammen, siehe zu diesem Thema z.B. STANGEL 2007.)

25 Bzw. kann e i n Merkmal oder e i n e Kategorie sprachübergreifend verglichen werden.

26 Zu erkenntnistheoretischen Problemen bei s. g. monothetischen Klassifikationsverfahren, s. ALTMANN & LEHFELDT (1973).

27 NICHOLS (1992) spricht an dieser Stelle (lobend) über die typologischen Arbeiten des Linguisten G. A. KLIMOV. KLIMOV betrachtet v.a. alignment als gewichtigstes (also als 'markantestes') Strukturierungs- prinzip von Sprachen, von dem sich das Vorhandensein anderer nominaler und verbaler Kategorien ab- leiten lässt (siehe z.B. KLIMOV 1986).

28 Zu einer genaueren Charakterisierung verschiedener Arten von (linguistischen) 'Typologien' siehe HIMMELMANN (2000).

29 BARTOLI war einer der wichtigsten Vertreter der Neolinguistik , welche sich als Gegenströmung zur vergleichenden (junggrammatischen) Sprachwissenschaft positionierte.

30 EMENEAU (1956: 16, Fußnote 28) bemerkte noch zur Verwendung des englischen Pendants 'areal lin- guistics' : "Among the disadvantages of the term ['linguistic area'] is the lack of an adjective and the im- possibility of using the reverse phrase 'areal linguistics', since this is preempted by the italian neolin- guistic school in another sense. Perhaps however it will do for the moment, until some more ingenious scholar invents better terminology." Die fachspezifische Bedeutung von BARTOLIs Begriff linguistica spaziale konnte sich, wie viele Nicht-Anglizismen, innerhalb der Linguistik nicht durchsetzen. Heutzutage werden die Begriffe Areallinguistik (bzw. areallinguistisch ) in der schon von EMENEAU (1956) angestrebten Bedeutung verwendet.

31 Unter 'typologisch relevant' kann wohl die allgemeine typologische Prämisse verstanden werden, nicht einfach isolierte Einheiten sprachlicher (Sub-)Systeme, sondern die (Sub-)Systeme selbst bzw. die Ein - heiten in Bezug auf das System zu vergleichen (s.a. oben die Unterscheidung von partieller und holis- tischer Typologie): "Wir vergleichen zum Beispiel nicht einzelne Phoneme von zwei Sprachen, sondern die betreffenden Phonemsysteme, die als ganze eine - praktisch unbegrenzte - Anzahl von vergleich baren Merkmalen aufweisen: Anzahl der Phoneme im System; die H ä ufigkeit, mit der ein bestimmtes distinktives Merkmal vorkommt [...]" (ALTMANN & LEHFELDT 1973: 70)

32 Sprachbünde nach JAKOBSONscher Art (s. Abschnitt 3.2) würden nach dieser Definition also nicht als 'richtige' Sprachbünde gelten.

33 Zum Sampling in NICHOLS (1995) siehe S. 33.

34 Genau betrachtet, sagt TRUBETZKOY (1930) explizit auch nichts darüber, ob die Sprachen eines Sprach- bunds geographisch benachbart sein müssen oder nicht. Durch sein Beispiel des 'balkanischen' Sprach- bunds wurde die Idee eines geschlossenen geographischen Gebiets jedoch künftig mitverstanden (zu späterenen Interpretationen TRUBETZKOYs Sprachbunddefinition, s.a. Kapitel 5).

Details

Seiten
105
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640950881
Dateigröße
2.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174541
Institution / Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz – Sprachwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Areallinguistik Sprachbund Typologie Sprachkontakt Balkansprachbund Trubetzkoy Sprachverwandtschaft Mesoamerika Dialektologie Sprachen-Stammbaum

Autor

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Titel: Was ist ein 'linguistisches Areal'?