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Freiheit und Entfremdung in Arnold Gehlens Institutionentheorie

Eine Gegenposition zu Karl Marx

Hausarbeit 2011 27 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Philosophische Anthropologie und die Handlungstheorie Arnold Gehlens
2.1 Geschichte der Philosophischen Anthropologie
2.2 Die Philosophische Anthropologie Arnold Gehlens
2.3 Die Handlung als das besondere menschliche Prinzip
2.4 Die Kulturwelt als die menschliche Welt

3 Institutionen und ihre Funktionen
3.1 Die Institutionen und ihre Funktionen im Allgemeinen
3.2 Die Entlastungsfunktion der Institutionen

4 Entfremdung und Freiheit
4.1 Ausgangspunkt der Entfremdung bei Karl Marx
4.2 Die marxsche Konzeption der Entfremdung (basierend auf Johann Gottlieb Fichte)
4.2.1 Basis und Überbau
4.2.2 Entfremdete Arbeit
4.2.3 Die Möglichkeit der Freiheit bei Marx
4.3 Arnold Gehlens Antwort auf die Konzeptionen von Marx und Fichte
4.4 Gehlens Konzeption als Gegenposition

5 Fazit

III Anmerkungen und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Institutionen sind allumfassende und historisch gewachsene, gesellschaftliche Phänomene, welche das soziale Handeln und Verhalten von Individuen, Gruppen und Gemeinschaften regeln, ordnen und so koordinieren und konditionieren, dass es für Interaktionsteilnehmer vorhersehbar oder zumindest erwartbar wird. Wir alle sind mehr oder minder von einer Vielzahl von Institutionen eingefasst und verhalten uns zumeist stark in deren Sinne, dienen ihnen also. Alle elementaren Bereiche des individuellen und gesellschaftlichen Lebens sind durch sie geregelt, man kann - und meistens auch: will - ihnen nicht entkommen. In der vorliegenden Arbeit soll anhand zweier bedeutender Konzeptionen gezeigt werden, welche grundlegend entgegengesetzten Positionen sich basierend auf diesen einleitenden Worten entwickelten und welche von beiden möglicherweise mehr erklären kann als die andere.

Arnold Gehlen und der philosophischen Anthropologie zu Folge sind Institutionen eine der elementarsten Grundlagen des menschlichen Daseins und Zusammenlebens. Weiterhin zentral ist die Aussage, dass die Institutionen mit Notwendigkeit errichtet werden und über ihre Dauer und überpersönliche Gültigkeit erst ein Leben ermöglichen, wie wir es heute kennen, nämlich eine fortschreitende kulturelle Entwicklung. Damit werden die Institutionen letztlich auch zur Bedingung der Entstehungsmöglichkeit von Freiheit sowie der Entwicklung des Menschen hin zu einer Persönlichkeit. Innerhalb dieses Verständnisses von Institutionen tritt aber leider auch Entfremdung mit Notwendigkeit auf. „Leider“ verwende ich hier, um die Problematik der nachfolgenden Ausführungen schon einzuleiten, denn der Begriff der Entfremdung erhielt im Laufe der Zeit eine negative Konnotation, welche ihm von namhaften Denkern zugewiesen wurde und durch die Popularität deren Konzeptionen von Entfremdung als negativer Begriff weit verbreitet und als solcher akzeptiert wurde. Bei Arnold Gehlen kommt den Institutionen und damit auch der Entfremdung nun aber wieder eine ganz andere Bedeutung und auch Funktion zu, sodass dessen Vorstellungen hier als Gegenposition zu denen von Karl Marx (basierend auf Fichte) verstanden werden und auch gezeigt werden soll, welche spezifischen theoretischen und auch funktionellen Unterschiede zwischen beiden Denkern identifiziert werden können und wie es zu diesen aus den jeweiligen Theorien heraus kommt. Als Motiv im Hintergund der Arbeit soll die Behauptung: was bei Marx der abzulehnende Überbau ist bei Gehlen der zu erhaltende Unterbau verstanden werden.

Dazu soll einleitend die o.g. Philosophische Anthropologie Gehlens dargestellt werden, welche grundlegend für dessen neue Sichtweise des Menschen ist. Ausgehend von Gehlens Menschenbild, soll dann das besondere menschliche Prinzip - hier die Handlung - näher betrachtet werden, auf welchem schließlich Arnold Gehlens gesamte Institutionentheorie aufbaut. Aus der Beschreibung der Institutionen leitet sich dann deren Hauptfunktion der Entlastung ab, die zur ersten zentralen Kategorie der Hausarbeit - nämlich zum Begriff der Entfremdung - führen wird. An dieser Stelle wird sich dann die vergleichende Betrachtung der Konzeptionen von Marx und Gehlen anschließen, wobei klar heraustreten soll, wie es für beide überhaupt zu Entfremdung kommt, wie unterschiedlich beide Autoren die Entfremdung als Begriff und gesellschaftliche Wirklichkeit sehen und hinsichtlich ihrer konträren Zielsetzungen deuten und z.T. instrumentalisieren. Während dieses Vergleiches wird auch die zweite Kategorie der Hausarbeit - die Freiheit - thematisiert, welche bei Arnold Gehlen aus der Entfremdung erwächst und bei Karl Marx im fichteschen Sinne lediglich ohne diese denkbar ist. Aus Gehlens Gegenposition zu Marx soll dann am Ende ersichtlich werden, weshalb die neue Deutung der Entfremdung als Grundlage von Freiheit und Persönlichkeit; und die Deutung der Institutionen als Unterbau einer Gesellschaft, möglicherweise sinnvoller sind oder wenigstens den Menschen und dessen Gesellschaft besser beschreiben können als die negative Deutung beider Kategorien.

Weitere Problematiken, die sich für Arnold Gehlen aus seiner Institutionentheorie ableiten, wie das Problem des Institutionenwandels, das des Institutionenverfalls oder des fortschreitenden Subjektivismus in der Moderne sollen hier - im Sinne der Fokussierung auf Entfremdung und Freiheit - weitestgehend außen vor bleiben oder lediglich am Rande zur Erläuterung der Ausführungen dienen.

2. Die Philosophische Anthropologie und die Handlungstheorie Arnold Gehlens

2.1 Geschichte der Philosophischen Anthropologie

„Anthropologie ist die Lehre vom Menschen '“1

Mit dieser recht trivialen Feststellung leitete Arnold Gehlen seinen Text „Zur Geschichte der Anthropologie“ vor rund fünfzig Jahren ein.

Bei genauerer Lektüre von Gehlens Ausführungen, stellt sich allerdings schnell heraus, dass diese Auffassung gar nicht so trivial ist, wie sie auf den ersten Blick scheint, sondern zur Grundlage der weiteren institutionstheoretischen Konzeption wird, welche wiederum ihren Ausgangspunkt in einer speziell deutschen Ausprägung der Anthropologie nimmt, nämlich der philosophischen Anthropologie.

Bereits Hegel war es, welcher den Menschen als zentrales Untersuchungsgebiet der Philosophie auserkoren hatte, indem er feststellte, dass „der feste Standpunkt, den die allmächtige Zeit und ihre Kultur für die Philosophie fixiert haben, eine mit Sinnlichkeit affizierte Vernunft“2 sei und die Philosophie daher nicht darauf aus sein könne, „Gott zu erkennen, sondern, was man heißt den Menschen.“3 Diese Ansicht ist nun auch der Standpunkt Arnold Gehlens für den ebenso wie für Hegel der menschliche Erkenntnisapparat nicht dazu geeignet ist, Gott zu erkennen und somit die Frage nach Gott aus jeglicher anthropologischen Philosophie ausgeklammert werden solle. Basierend auf diesen Annahmen wird nun also „der Mensch sich selbst zum Thema und Problem“4 und sieht von einer Betrachtung des Schöpfers ab.

Die philosophische Anthropologie musste sich ihre von Gott und der Theologie losgelöste Stellung allerdings erst erarbeiten und dabei einen Weg beschreiten, auf dem althergebrachte Ansichten und Probleme neu interpretiert und gelöst werden mussten und sich neue Problemstellungen herauskristallisierten, welche nun das Forschungsgebiet der philosophischen Anthropologie absteckten. Die Emanzipation der Philosophie von der Theologie war zwar bereits Rene Descartes gelungen, jedoch generierte seine Auffassung - der Mensch sei eine von einem Geiste beseelte Maschine - einen scharfen Dualismus zwischen Leib und Seele, welcher bei Descartes ungelöst bleibt und somit für eine Anthropologie nach den Vorstellungen Arnold Gehlens ungeeignet sein muss, da er zwei Teile ein und derselben Gesamtheit trennt und somit keine ganzheitliche Wissenschaft vom Menschen (Anthropologie) ermöglicht.

Jedoch ist dies keineswegs als Geringschätzung Descartes durch Gehlen zu verstehen, denn dieser hält bereits kurz nach dem o.g. Zitat fest, dass diese Emanzipationsleistung es erst ermöglichte, „die Frage: Was ist der Mensch? in neuen Kategorien aufzuwerfen und zu beantworten“.5

Descartes dualistische Herangehensweise hat also eine neue Möglichkeit eröffnet Philosophie und Anthropologie zu betreiben, seine Antwort stellte sich jedoch für die Denker des 20. Jahrhunderts als nicht mehr befriedigen heraus.

Und so kam es, dass bedeutende Denker wie Sigmund Freud und vor allem die Vertreter der philosophischen Anthropologie Helmut Plessner, Max Scheler und besonders Arnold Gehlen diese Frage erneut in die Diskussion brachten und versuchten, eine moderne Antwort darauf zu finden. Die bedeutendste Neuerung Max Schelers war hierbei, den Menschen nicht in Vergleich oder in Beziehung zu Gott“6 zu interpretieren, sondern nach dem „Wesensunterschied von Mensch und Tier“7 zu fragen. Der Anspruch der philosophischen Anthropologie bestand dabei darin, „diese Frage nicht biologistisch verkürzt zu beantworten oder gar 'gradualistisch' zu argumentieren“8, sondern den Menschen „in seiner Konstitution als Körper- und Geistwesen gleichermaßen [zu erfassen], wobei Körper und Geist nicht dualistisch als aufeinander nicht reduzible Wesenheiten aufgefasst werden sollten.“9 Beide Teile sind wesenhafte Bestandteile menschlicher Entwicklung und können daher nicht losgelöst voneinader betrachtet werden, sondern nur als Einheit gegenüber anderen Wesen; hier: den Tieren.

Nach Scheler ist das „besondere menschliche Prinzip“10, welches den Wesensunterschied ausmacht der „Geist“ des Menschen, welcher diesen von der Abhängigkeit vom Leben und der Treibgefesseltheit ablöst und ihn somit von der Natur distanziert, welche dadurch wiederum vergegenständlicht wird. Dies ermöglicht Scheler die Schlussfolgerung, dass der Mensch die „Welt“ hat, „weltoffen“ und in der Lage sich selbst zu vergegenständlichen ist. „[E]r hat Selbstbewusstsein, und dieses Sich-selbst-Vergegenständlichen, Distanz-zu- sich-nehmen, dieses Sich-Verfremden undNeben-sich-Stellen mache ihn schließlich auch fähig, zu sich selbst und zu den Lebenserscheinungen in ihm nein zu sagen, seine eigenen Antriebe und Strebungen zu hemmen“11. Damit wurde dem Menschen eine ihm angemessene Sonderstellung in der Natur zugewiesen, die sich qualitativ von der Tierwelt unterscheidet und abhebt.

2.2 Die Philosophische Anthropologie Arnold Gehlens

Für Arnold Gehlen aber war das dualistische Problem längst nicht gelöst, denn er identifizierte innerhalb Schelers Theorie lediglich eine Verschiebung des altbekannten Dualismus. „Er lagjetzt nicht mehr zwischen <Leib> und <Seele>, sondern er lag jetzt zwischen dem <Geist> auf der einen Seite und dem beseelten Leib auf der anderen“12. Nach Gehlen hatte Scheler damit den Dualismus keineswegs aus dem Weg geräumt, sondern ihn sogar verstärkt. Für Gehlens Antwort auf die Frage: Was ist der Mensch? liegt das Problem der bisherigen Antwortversuche in der Fragestellung, ob man in der Anthropologie durch den Versuch der Vermeidungjeglichen Dualismus' weiterkäme.

Da er bereits von Schelers Antwortversuch enttäuscht war, da dieser nur einen neuerlichen Dualismus generierte, besteht seine Herangehensweise nun in der Änderung der Fragestellung. Die Änderung bei Gehlen besteht dabei nicht darin, die Frage nach dem Leib-Seele-Problem neuerlich aufzuwerfen oder gar eine Lösung herbeizuführen, sondern ein Schlüsselthema zu finden, bei dem dieses Problem gar nicht erst aufgeworfen wird, um somit „zugleich mit dem Dualismus überhaupt alle metaphysischen, d.h.

unbeantwortbaren Fragen auszugrenzen.“13 Dies gelingt Gehlen durch seinen Ansatz, der die Handlung ins Zentrum der Betrachtung stellt und der damit einhergehenden „Auffassung des Menschen als eines primär handelnden Wesens, wobei <Handeln> in erster Annäherung die auf Veränderung der Natur zum Zwecke des Menschen gerichtete Tätigkeit“14 heißt.

2.3 Die Handlung als das besondere menschliche Prinzip

Um diesen Ansatz fruchtbar weiterverfolgen zu können, übernimmt Gehlen zwei Hauptthesen von Scheler, nämlich dessen Ausgangspunkt - den Vergleich zwischen Mensch und Tier - und dessen Lehre von der Weltoffenheit. Tiere sind „durch festgelegte, angeborene Instinkte auf je artbesondere, ihnen arteigene Umwelten eingeschränkt (...) und innerhalb dieses Kreises (...) verhält sich das Tier mit angeborener Richtigkeit“15, also instinktiv. Basierend auf dieser übernommenen Feststellung ist des Menschen Sonderstellung innerhalb der Natur klar erkennbar, denn dieser ist „durch seine mangelhafte Ausstattung mit organischen Waffen oder organischen Schutzmitteln, durch die Unsicherheit und den rückgebildeten Zustand seiner Instinkte (...)“16 nach Gehlen dafür prädestiniert mit dem von Herder geprägten Ausdruck „Mängelwesen“ bezeichnet zu werden. Der Mensch kann also rein durch seine physische Bedingtheit nicht wie ein Tier in der rohen Natur angepasst leben, er verhält sich nicht, sonder er handelt und zwar mit und aus Notwendigkeit. Er kompensiert seine zahlreichen Mängel durch die zweckhafte Veränderung der ihn umgebenden Natur und macht diese sich lebensdienlich. „Handlung bedeutet, nicht unmittelbar dem Reiz zu folgen, sondern innezuhalten, um sich dann bewusst gegenüber dem Reiz zu verhalten“17. „Der Mensch ist das handelnde Wesen.“18 Dazu dienlich ist ihm die <Offenheit> Schelers, welche Gehlen an dieser Stelle für seine Zwecke übernimmt und die es dem Menschen ermöglicht sich im Gegensatz zum Tier überall auf der Welt, auch an jedem noch so widrigen Ort, festsetzen und vor allem halten zu können. Der Mensch ist zwar das nicht festgestellte Tier - wie Nietzsche ihn nannte - er kann sich aber die Bedingungen seiner Feststellung handelnd selbst herstellen, muss also zwangsläufig die Natur zu seinen Gunsten verändern und „die veränderte Natur zur Stütze seiner eigenen, fragwürdigen Lebensfähigkeit einsetzen“19.

Mit dieser herausragenden Stellung der Konzeption des Menschen über die Konzeption der Handlung ist für Gehlen auch der seit Descartes bestehende Dualismus von Leib und Seele gelöst, der durch Max Scheler zuvor lediglich eine Verschiebung erfahren hatte. Gerade durch das Beispiel der Handlung im Allgemeinen sei der Dualismus ausgeklammert worden, denn „eine Zerlegung des Vorganges [der Handlung, d. Verf.] in Leibliches und Seelisches würde nichts beitragen und bei der Beschreibung nur hindern“20. Die Handlung vollzieht sich nach Gehlen als ein Kreisprozess, welcher über psychische Zwischenglieder (Wahrnehmungen) und motorische Zwischenglieder (Eigenbewegungen) abläuft und wechselseitige Rückmeldungen zwischen den Zwischenglieder beinhaltet (Handlungskreis). Demnach bedarf es sowohl der körperlichen als auch der geistigen Fähigkeit eine Handlung auszuführen und eine Trennung nach dem dualistischen System wäre hier fehl am Platze.

Durch diese Handlungen, die sowohl geistige als auch körperliche Komponenten notwendig in sich tragen, gelingt es dem Menschen sich die Natur anzupassen und zweckdienlich zu verändern. Er baut sich sein eigenes Nest in der Welt, welches mit dem Wort Kultur bezeichnet wird. Da er diese Veränderung notwendig vornehmen muss um sein Überleben sicher zu stellen kann vom Menschen als Kulturwesen von Natur aus gesprochen werden. Die so entstehende Kultur wird zur eigenen Welt des Menschen in der Welt im Allgemeinen und soll deshalb im folgenden Kapitel näher spezifiziert werden und als Hort der Institutionen heraustreten.

2.4 Die Kulturwelt als die menschliche Welt

„Der Mensch ist, um existenzfähig zu sein, auf Umschaffung und Bewältigung der Natur hin gebaut, und deswegen auch auf die Möglichkeit der Erfahrung der Welt hin; er ist handelndes Wesen, weil er unspezialisiert ist, und also der natürlich angepaßten Umwelt entbehrt. Der Inbegriff der von ihm ins Lebensdienliche umgearbeiteten Natur heißt Kultur, und die Kulturwelt ist die menschliche Welt.“21

Dieses Zitat Arnold Gehlens fasst noch einmal sehr gut die o.g. anthropologischen Grundlagen des Menschseins zusammen und richtet den Blick auf die vom Menschen geschaffene Welt der Kultur, die nun als Ort der Entwicklung von Institutionen aller Art näher beleuchtet werden soll.

Die Kultur steht bei Arnold Gehlen für das lebensnotwendige Nest, das sich der Mensch in die Welt hineinbaut und ist somit „veränderte, durchgearbeitete, veredelte (...) in intelligenter Handlung neu formierte Natur, die überall die Ansatzstellen, die technischen Mittel zu ihrer eigenen Umkonstruktion selbst hergibt.“22 Die Kultur kann somit als die vom Menschen erworbene zweite Natur bezeichnet werden, die nun für den Menschen an der Stelle steht, an der die Umwelt beim Tier steht. Der Mensch kompensiert durch diese zweite Natur seine eigene Schutzlosigkeit und schafft sich in ihr einen „kompensatorischen Instinktersatz, der die innere biologische Führung des Menschen durch eine äußere soziale ersetzt.“23 Mit dieser Feststellung tritt ein weiterer wichtiger Punkt der Beschreibung des Menschen heraus, der wiederum notwendig für die Schaffung und Aufrechterhaltung von Kultur - als menschlichem Zusammenleben - ist, nämlich das soziale Handeln des Menschen als „eine conditio sine qua non der menschlichen Weltkonstruktion“24.

Gehlen stellte diese Grundbedingung des menschlichen Zusammenlebens bereits selbst in seinem Text „Über die Geburt der Freiheit aus der Entfremdung“ an einem anschaulichen Beispiel dar: „[E]s läßt sich zwischen Mann und Frau das leidenschaftlichste, reichste und belebendste Verhältnis direkt und allein, als seelisches Pathos, nur unter allerseltensten Bedingungen durchhalten, es läßt sich darauf allein nichts gründen. (...) Der Mensch kann zu sich und seinesgleichen ein dauerndes Verhältnis nur indirekt festhalten“25. An dieser Stelle sieht man an einem einfachen Beispiel die Wichtigkeit menschlichen Handelns generell aber auch die zusätzliche Bedingung von konkret „sozialem“ Handeln. Solche Handlungen sind etwas auf Dauer gestelltes, also recht stabile Gefüge, „welche an jeweils bestimmte Dinge der Außenwelt anknüpfen und von daher Stabilität und Dauer beziehen.“26 Handlungen stabilisieren somit die Tatsachen, mit denen der Mensch alltäglich durch seine Umwelt und seine Mitmenschen konfrontiert wird, und nehmen mit der Zeit gleichbleibende, normierte und normierende Strukturen an - geben also dem instinktverlassenen Individuum einen weiteren Halt, da sie das „Verhalten“ (hier: Handeln) regulieren und vorgeben. Damit wird vom Menschen ein weiterer Schritt vollzogen, sich die Welt anzueignen und deren Komplexität durch Erwartbarkeiten zu reduzieren. Diese verinnerlichten, verselbstständigten Gewohnheiten sind beim Menschen, im Gegensatz zum Tier, stabil gegenüber akuten Bedürfnissen, geben diesen Richtung und Gehalt und lösen den Menschen somit vom unmittelbaren Zweck der Handlung ab.27 Dies generiert die o.g. Distanz zur Natur und eröffnet die Möglichkeit der Entscheidung zwischen Handlungen anstelle des instinktgebundenen Verhaltens (Reagierens). Die so verfestigten, zweckdienlichen Handlungsformen treten beim Menschen als Zwischenschritt zwischen Impuls und Handlung auf und erlauben somit das aktive Eingreifen in äußere Vorgänge und ermöglichen damit die relative Selbstbestimmung der Lebensführung. „Der Mensch lebt nicht, sondern erführt sein Leben.“28

Kultur im Sinne Gehlens ist also zu verstehen als ein „Ensemble von erlernten Sachverhalten und errungenen Lebenschancen des Menschen (...) Sie wird zum Daseinsmodus des Menschen und ist das Korrelat seiner sachgewohnten subjektiven und doch orientierten Lebensführung unter dem Gebot der Stabilität; sie involviert seine innere Architektonik und auferlegt ihm einen permanenten Triebverzicht.“29 Das Wesentliche der menschlichen Kultur ist also Stabilisierung und Ordnungsschaffen, um „unter dem Druck der Notwendigkeit den vorgefundenen, urwüchsigen Naturumständen Zweckmäßigkeiten abzuringen.“30 Diese Zweckmäßigkeiten gewinnen Eigengesetzlichkeit, werden zu verselbstständigten Gewohnheiten und Handlungsformen, welche nun die Elemente von Institutionen mittels stabiler „Systeme verteilter Gewohnheiten“31 bilden und somit die Handlung, die Kultur schafft und in ihr existiert und stabil andauert, zur Grundlage der Ausbildung von Institutionen wird. Die Handlung wird dabei selbst vergegenständlicht und quasi institutionalisiert (durch Symbole, Werkzeuge, Artefakte, etc.) und ist daher nicht mehr als „Realisierung einer individuellen Absicht aufzufassen, sondern als Aktualisierung von Handlungsformen im Rahmen von Institutionen“32.

Diese soziale Komponente des Handelns und deren Vergegenständlichung bilden den Ursprung der Institutionen im Sinne Arnold Gehlens und so lässt sich das o.g. Zitat aus „Über die Geburt der Freiheit aus der Entfremdung“ mit Gehlens Worten fortsetzen: „[D]as Verhältnis [des Menschen zu sich und seinesgleichen; d.Verf.] muß sich objektivieren, versachlichen, aus der Ausschließlichkeit dieser einzelnen heraus verallgemeinern, mit einem Worte: zur Institution (der Ehe) entfremden, gerade wenn diese Menschen sich nicht gegenseitig verlieren und fremd werden sollen. (...) [E]r [der Mensch; d.Verf.] muss sich auf einem Umwege, sich entäußernd, wiederfinden, und da liegen die Institutionen.“33

Die Geburtsstunde der Institutionen sei damit hinreichend beleuchtet, sodass sich im Folgenden mit ihren Aufgaben aus der gehlenschen Institutionentheorie heraus befasst werden soll sowie mit ihren einleitend angesprochen Produkten: der Freiheit und der Entfremdung.

3. Institutionen und ihre Funktionen

3.1 Die Institutionen und ihre Funktionen im Allgemeinen

Wie im vorangegangenen Kapitel verdeutlicht wurde, besteht also für den Menschen, aufgrund seiner so gearteten körperlichen und geistigen Ausstattung, die Notwendigkeit ein soziales Wesen und damit ein institutionell abgestütztes Wesen zu sein. Die beschriebenen erlernbaren, normierenden, habitualisierten Handlungsformen werden durch die daraus hervorgehenden Institutionen verfestigt und verselbstständigen sich so, dass sie dem Menschen als verflichtender Aubenhalt seines Verhaltens gegenubertreten und es soit zuverlassig und berechenbar machen.

[...]


1 Gehlen, Arnold: Zur Geschichte der Anthropologie, in: ders. Anthropologische und sozialpsychologische Untersuchungen, mit einem Nachwort von Herbert Schnädelbach, Reinbek 1986, S. 7

2 Ebd.

3 Ebd.

4 Ebd., S. 8

5 Ebd., S. 14

6 Ebd.

7 Ebd.

8 Bauch, Jost: Arnold Gehlen: Der Mensch – von Natur ein Kulturwesen, URL: http://studienzentrum- weikersheim.eduxx-irs.de/item-NEWS_5_1049_enc/Prof_Bauch_Weikersheim_Arnold%20Gehlen%20Der %20Mensch%20von%20Natur%20ein%20Kulturwesen.pdf

9 Ebd.

10 Gehlen, Arnold: Zur Geschichte der Anthropologie, in: ders. Anthropologische und sozialpsychologische Untersuchungen, mit einem Nachwort von Herbert Schnädelbach, Reinbek 1986, S. 15

11 Ebd.

12 Ebd., S. 16

13 Ebd., S. 17

14 Ebd.

15 Ebd.

16 Ebd.

17 Bauch, Jost: Arnold Gehlen: Der Mensch – von Natur ein Kulturwesen, URL: http://studienzentrum- weikersheim.eduxx-irs.de/item-NEWS_5_1049_enc/Prof_Bauch_Weikersheim_Arnold%20Gehlen%20Der %20Mensch%20von%20Natur%20ein%20Kulturwesen.pdf

18 Gehlen, Arnold: Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt, 1978, S. 32

19 Gehlen, Arnold: Zur Geschichte der Anthropologie, in: ders. Anthropologische und sozialpsychologische Untersuchungen, mit einem Nachwort von Herbert Schnädelbach, Reinbek 1986, S. 18

20 Ebd.

21 Gehlen, Arnold: Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt, 1978, S. 38

22 Gehlen, Arnold: Zur Geschichte der Anthropologie, in: ders. Anthropologische und sozialpsychologische Untersuchungen, mit einem Nachwort von Herbert Schnädelbach, Reinbek 1986, S. 21

23 Bauch, Jost: Arnold Gehlen: Der Mensch – von Natur ein Kulturwesen, URL: http://studienzentrum- weikersheim.eduxx-irs.de/item-NEWS_5_1049_enc/Prof_Bauch_Weikersheim_Arnold%20Gehlen%20Der %20Mensch%20von%20Natur%20ein%20Kulturwesen.pdf

24 Waschkuhn, Arno: Arnold Gehlens Sozialanthropologie und Institutionenlehre in Bezug auf Integrationsprobleme im deutschen Integrationsprozeß, Neubiberg, 1999, S. 11 URL: http://www.staatswissenschaft.de/pdf/ifsnach14.pdf

25 Gehlen, Arnold: Über die Geburt der Freiheit aus der Entfremdung, in: ders: Philosophische Anthropologie und Handlungslehre, Frankfurt am Main, 1983, S. 378

26 Gehlen, Arnold: Urmensch und Spätkultur. Philosophische Ergebnisse und Aussagen, Wiesbaden, 1986, S. 23

27 Vgl.: Kannetzky, Frank: Person, Handlung und Institution. Arnold Gehlens Beitrag zu einer Theorie der Personalität, in: Kannetzky, Frank / Tegtmeyer, Henning (Hrsg.): Zwischen Führerkult und Mängelwesen. Zur Aktualität Arnold Gehlens, Philokles Heft 1 / 2 (Sonderheft Nr. 2), Leipzig, 2005, S. 79

28 Gehlen, Arnold: Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt, 1978, S. 165

29 Waschkuhn, Arno: Arnold Gehlens Sozialanthropologie und Institutionenlehre in Bezug auf Integrationsprobleme im deutschen Integrationsprozeß, Neubiberg, 1999, S. 12 URL: http://www.staatswissenschaft.de/pdf/ifsnach14.pdf

30 Gehlen, Arnold: Zur Geschichte der Anthropologie, in: ders. Anthropologische und sozialpsychologische Untersuchungen, mit einem Nachwort von Herbert Schnädelbach, Reinbek 1986, S. 22

31 Gehlen, Arnold: Urmensch und Spätkultur. Philosophische Ergebnisse und Aussagen, Wiesbaden, 1986, S. 23

32 Kannetzky, Frank: Person, Handlung und Institution. Arnold Gehlens Beitrag zu einer Theorie der Personalität, in: Kannetzky, Frank / Tegtmeyer, Henning (Hrsg.): Zwischen Führerkult und Mängelwesen. Zur Aktualität Arnold Gehlens, Philokles Heft 1 / 2 (Sonderheft Nr. 2), Leipzig, 2005, S. 80

33 Gehlen, Arnold: Über die Geburt der Freiheit aus der Entfremdung, in: ders: Philosophische Anthropologie und Handlungslehre, Frankfurt am Main, 1983, S. 378

Details

Seiten
27
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640951758
ISBN (Buch)
9783640951918
Dateigröße
564 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174493
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,3
Schlagworte
Arnold Gehlen Karl Marx Freiheit Entfremdung Institutionen Institutionentheorie Handlungstheorie Handlung Philosophische Anthropologie Anthropologie

Autor

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