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Handwerker im klassischen Athen

Integration und Ausgrenzung

Hausarbeit 2010 29 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Politische Integration
2.1. Der Oikos als Keimzelle der Athenischen Demokratie
2.2. Die Polis als öffentlicher Raum: politische Strukturen, Eliten und die Masse
2.3. Die Handwerker im Spannungsfeld zwischen Ausgrenzung und politischer Partizipation

3. Wirtschaftliche Integration
3.1. Die Arbeitsverhältnisse und die „Wirtschaft“ im klassischen Athen
3.2. Das Handwerk in Athen: Bürger und Metöken

4. Soziale Integration
4.1. Kult und Religion
4.2. Feste und soziale Aktivitäten
4.3. Organisation und Zusammenschluss der Handwerker in Athen

5. Zusammenfassung

6. Quellen

7. Bibliographie

8. Abbildungen

1. Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit betrachte ich die demokratische Gesellschaft im Athen der klassischen Zeit, also von den Reformen des Kleisthenes 510 v.Chr. bis zum Ende der Athenischen Selbstbestimmung 322 v.Chr. Dabei werde ich die Integration der Bürger im politischen, im wirtschaftlichen und im sozialen Bereich beleuchten. Das Handwerk inter- pretiere ich in dieser Hausarbeit als das produzierende Gewerbe und schließe die bei den Griechen ebenfalls unter diesen Sammelbegriff fallenden Seher, Herolde, Ärzte und andere damit aus.

Ich habe mich für die Polis Athen entschieden, weil zum einen Auswahl der zur Verfü- gung stehenden Quellen die Größte ist, zum anderen aber auch, weil die spezielle Form der Athenischen Demokratie ein Höchstmaß an Heterogenität innehatte. Am Beispiel Athens kann man sehr gut die verschiedenen Formen von Integration in die Gemeinde, genauso gut aber auch die Abgrenzung gegenüber bestimmten Gruppen deutlich machen. In dem in vielleicht ähnlicher Weise dokumentierten Fall Sparta würde der Fokus zwangs- läufig mehr auf dem Bereich Abgrenzung liegen, was in der speziellen Ausprägung des Lakedämonischen Staates begründet ist.

Dabei ist mein Erkenntnisinteresse auf drei Dinge gerichtet:

- Was waren die strukturellen Bedingen, unter denen eine Teilnahme von Handwerkern am öffentlichen Leben stattfinden konnte?
- Wie wirkte sich die Dualität zwischen dem privaten Bereich des Oikos und dem öffentlichen Bereich der Polis auf die Integration aus?
- In welcher Form konnten auch Nichtbürger am öffentlichen Leben partizipieren?

Integration in das Gemeinwesen definiere ich dabei nicht nur als Teilhabe am politischen Prozess, was große Gruppen der Einwohner Athens, wie z.B. die Frauen und die Auslän- der, ausschließen würde, sondern auch als Interaktion im wirtschaftlichen und sozialen Leben der Stadt. Um in der modernen Politikwissenschaft zu sprechen wäre eine Redukti- on nur auf den Staatsbürger unter Weglassen des Wirtschafts- und Sozialbürgers eine zu enge Sichtweise. Dabei treffen auf die Handwerker spezielle Merkmale zu, da gerade hier alle in Athen lebenden Gruppen (Bürger, Metöken und Sklaven) vertreten waren. Somit bilden die Handwerker die gesamte Bevölkerung ab, bilden daneben einen Teil des Bürger- staates, sind aber trotzdem speziellen Ausgrenzungen von politischer Partizipation und sozialer Anerkennung ausgesetzt. Gerade diese Ambivalenz macht die Handwerker so Interessant für meine Hausarbeit.

Die drei Bereiche meiner Hausarbeit zur politischen, wirtschaftlichen und sozialen Integra- tion werde ich jeweils mit einem Überblick über die allgemeine Entwicklung beginnen, bevor ich die speziellen Problemstellungen der Handwerker betrachten werde. Dabei wer- de ich auch auf den Zusammenhang von politischer Partizipation und militärischen Beitrag eingehen sowie auch auf mögliche Differenzierungen zwischen dem städtischen und dem ländlichen Bereich.

2. Politische Integration

2.1. Der Oikos als Keimzelle der Athenischen Demokratie

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Attika in klassischer Zeit1

Betrachtet man die geographische Struktur Attikas so fällt einem als erstes auf, dass der Anteil an bebaubarem Land, trotz der geographischen Ausdehnung, relativ gering ist. Ebenen, in denen intensiver Feldbau betrieben werden konnte, sind selten. Stattdessen herrschen Gebirge vor, die für den Ackerbau ungeeignet sind und lediglich eine Viehwirtschaft mit Schafen und Ziegen zulassen. Dazu kommt noch, dass Attika sehr trocken ist, was den Anbau von Getreide erschwert.

Diese Komponenten, die im Übrigen für fast ganz Griechenland gelten, sorgten bereits früh dafür, dass die Landwirtschaft über das Kleinbauerntum, zum Teil auch über die Sub- sistenzwirtschaft, nicht hinauskam. Der Platz für größere Landakkumulationen fehlte ein- fach, anders als später z.B. in Rom. Eine Überschusswirtschaft konnte aufgrund dieser Verhältnisse nicht entstehen, stattdessen musste das einzelne Gehöft alles das produzieren, was die Bewohner zu Leben brauchten. Diese abgeschlossene Einheit, griechisch oikos , bildete denn auch den Lebensmittelpunkt für die bäuerliche Großfamilie und sonstigen mit dem oikos verbundenen Personen, frei oder unfrei. Bereits Homer berichtet ausführ- lich über den oikos und die Verhältnisse dort, für Hesiod ist der oikos gar der Mittelpunkt seiner ganzen Sichtweise und Lebenseinstellung. Innerhalb des oikos wurde also alles her- gestellt, was zum Leben gebraucht wurde, der oikos war also sowohl Produktions-, aber noch viel mehr Konsumptionszentrum. Die Produktion war primär darauf ausgelegt, was benötigt wurde, nicht was am Markt angeboten werden sollte. Dazu gehörte eben auch, dass nicht nur die landwirtschaftlichen Produkte angebaut und verarbeitet werden muss- ten, sondern auch alle anderen Gebrauchsgegenstände, vom Werkzeug bis zur Kleidung hergestellt wurden. Die Mitglieder der bäuerlichen Familie, unterstützt durch Sklaven und/oder freie Lohnarbeiter, übernahmen alle im oikos anfallenden Arbeiten gemein- schaftlich. Dieses zwangsläufige Rückbeziehen auf sich selbst wurde dann als erstrebens- werte Maxime der autarkia in die allgemeinen Anschauungen der Griechen aufgenommen.

Da die Leistungsfähigkeit eines einzelnen oikos jedoch nicht immer ausreicht, musste teil- weise auf Hilfe von außen zurückgegriffen werden. Dies geschah in erster Linie einmal bei den Leuten, die in derselben Lage waren wie man selbst, bei den Nachbarn innerhalb der dörflichen Gemeinschaft. Hesiod beschreibt dies wie folgt: „Wer dein Freund ist, den lade zum Mahl, beim Feind unterlass es; den aber lade vor allen, der in deiner Nähe wohnt. Stößt dir nämlich auf dem Hof ein Unglück zu, rennen die Nachbarn ungegürtet herbei, während die Vettern sich erst lang gürten.“2 Grundlage dessen ist aber auch wieder die Autarkie, nur diesmal in einem größeren Raum, da alle Handlungen auf Gegenseitigkeit gegründet sind. „Freund sei dem Freund und stehe dem bei, der dir beisteht. Gib auch dem, der dir gibt, und gib dem nicht, der nicht gibt: Der Geber gibt jeder gern, dem Nichtgeber niemand.“3 Aber auch weiterreichende Beziehungen wurden genutzt, um an benötigte waren zu kommen. Insbesondere Metallwaren wurden im Wege des Tausches beschafft, wobei auch hier auf Reziprozität geachtet wurde.4 Tausch, Gastfreundschaft und Handel bildeten ein Netzwerk des Geben und Nehmens, auf das sich die oikoi im Notfall verlassen konnten, das aber gleichzeitig Verpflichtungen für die Zukunft mit sich brachte. Die andere Möglichkeit, an benötigte waren heranzukommen, bestand im Raub, der von den Griechen zu allen Zeiten betrieben wurde, auf den ich aber im Rahmen dieser Haus- arbeit nicht eingehen möchte.

Aber selbst mit der Nachbarschaftshilfe konnten nicht alle aufgaben im oikos gelöst wer- den, so dass noch Spezialisten hinzu gerufen werden mussten, die demiourgoi . Diese Gruppe umfasste neben den Handwerkern im heutigen Sinne auch die Ärzte, Seher und Herolde.

Zur sozialen Komponente des Verhältnisses zwischen demiourgoi und oikos werde ich im Kapitel 2.3 noch näher eingehen.

Man vermied es, Fremde in die Gemeinschaft des oikos aufzunehmen, es sei denn, ihre speziellen Kenntnisse waren eine Zeitlang benötigt, wie es Eumaios in der Odyssee sagt: „Denn wer ginge wohl hin und lüde selber die Fremden herzukommen, wenn sie dem Volk nicht nützliches wirken, Seher und Arzt für die Übel und Zimmerleute zum Holzbau oder den göttlichen Sänger, der Freude bereitet mit Singen.“5

Über den Bereich des oikos hinaus waren im Laufe der Zeit aber auch immer mehr ge- meinschaftliche Aufgaben zu erledigen, so insbesondere die Rechtsprechung. Beruhte die- se in der ersten Zeit auf dem Prinzip der Blutrache und der Selbsthilfe, so musste im Zuge der immer größer werdenden Gemeinschaften und der damit zwangsläufig verbundenen häufigeren Streitfälle die Rechtsprechung in geordnete Bahnen gelenkt werden. Dazu bo- ten sich die Oberhäupter der oikoi an und unter ihnen einige wenige, die intellektuell und vom Ansehen her dafür prädestiniert waren, die basilees . Dass es bereits zu Hesiods Zeiten auch dabei Auswüchse gab, zeigt sich in der Aussage von den „gabenfressenden Köni- gen“.6

Fakt ist aber, dass die oikos-Vorstände bereits in archaischer Zeit gewohnt waren, Gemeinschaftsangelegenheiten zu entscheiden. Aber diese Begrenzung auf die oikos- Vorstände hatte dann auch Auswirkungen auf die politische Partizipation mit Beginn der Demokratie, wie ich nachfolgend noch zeigen werde.

2.2. Die Polis als öffentlicher Raum: politische Strukturen, Eliten und die Masse

Wie gerade gezeigt, lag die Macht in den sich herausbildenden Gemeinschaften bei den Vorständen der oikoi. Innerhalb des oikos war diese Macht fast unbeschränkt. Michael Stahl hat zu Recht darauf hingewiesen, dass der Hausherr seine Macht allerdings zügeln musste, damit das Miteinander im oikos nicht gefährdet wurde.7 Da alle ihre Aufgaben erfüllen mussten, hätte ein despotisches Verhalten zu einer ernsten Krise des oikos führen können, was den Untergang bedeutet hätte. Allerdings zeigen auch die Reformen des Solon, dass diese Macht des Hausherrn weitgehend war, da es nicht unüblich war, bei finanziellen Schwierigkeiten die eigenen Kinder als Sklaven zu verkaufen.

Außerhalb des oikos bestand diese absolute Macht nicht, stattdessen musste man sich mit den anderen Oikos-Vorständen messen. Maßstab für Erfolg oder Misserfolg war die wirt- schaftliche Prosperität des oikos, d.h. die Fähigkeit des Hausherrn, das Notwendige zu erwirtschaften und darüber hinaus noch einen Vorrat von Dingen anzulegen, die im Ver- kehr mit anderen als Tauschware benutzt werden konnten. Diese wirtschaftliche Leis- tungsfähigkeit, die bereits in archaischer Zeit zur Herausbildung einer Elite, der basilees, geführt hatte, wurde mit den Solonischen Reformen zu Beginn des 6. Jahrhunderts zur Grundlage der politischen Partizipation im nunmehr stark gewachsenen Gemeinwesen.8 Die Einteilung der Bevölkerung in vier, vom Einkommen aus der Landwirtschaft abhängi- gen, Klassen, die mit unterschiedlichen politischen Rechten ausgestattet waren, entsprach der Herausbildung der politischen Elite in der früharchaischen Zeit. Das ausschließliche Heranziehen von landwirtschaftlichem Einkommen war dem oikos als Ausgangspunkt jeglicher politischen Tätigkeit in den nachgelagerten politischen Einheiten, den Kleinstäd- ten und Dörfern geschuldet. Die Solonischen Reformen führten allerdings nicht sogleich zu einem radikalen Umbruch in der Athenischen Gesellschaftsordnung. Außer den Re- formen im Rechtswesen, die anerkannt waren und bis zum Ende der Athenischen Demo- kratie die Grundlage der Gesellschaft blieben, wurden die anderen angedachten Reformen kaum umgesetzt, da Athen in der Folgezeit mit Aristokratenfehden und Tyrannenherr- schaften zu kämpfen hatte. Die prinzipielle Notwendigkeit zur Mitsprache der Bürger in politischen Angelegenheiten wurde aber selbst von den Tyrannen nicht in Abrede gestellt.

Gerade die stasis und die Tyrannen schufen die Basis für das zweite große Reformwerk, das der Demokratie in Athen letztendlich zum Durchbruch verhelfen sollte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Die Verfassungen Solons und Kleisthenes9

Die grundsätzlichen Elemente der Solonischen Reformen blieben in der Verfassung des Kleisthenes erhalten, jedoch wurde das basisdemokratische Element in den Demen stärker betont. Außerdem wurde der unterschiedlichen Entwicklung in Stadt und Land Rechnung getragen, indem durch das Zusammenfassen der drei vorherrschenden Siedlungsräume, Stadt, Land und Küste, zu einem Demos die Bevölkerung stärker in Kontakt treten musste und Brüche in der Gesellschaft weitgehend vermieden werden konnten.

[...]


1 Aus Westermann, Großer Atlas zur Weltgeschichte, S. 13

2 Hesiod, erga , 343 -344

3 Hesiod, erga , 352 -354

4 Selbst im Verhältnis zu den Göttern besteht ein Geben und Nehmen, vgl. Homer, Il. , 1, 37-42. Der Priester hat einen Tempel gebaut und Opfer gebracht, dafür erwartet er jetzt Hilfe von Apollon.

5 Homer, Od. , 17, 382-385

6 Hesiod, erga , 39

7 Stahl, Michael, FernUni Kurs 4139, S 32f

8 Zum Bevölkerungswachstum in Athen vgl. Murray, O., 2006, S. 235

9 Aus dtv-Atlas zur Weltgeschichte, S. 54

Details

Seiten
29
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640950782
ISBN (Buch)
9783640951307
Dateigröße
1.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174435
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Geschichte und Gegenwart Alteuropas
Note
1,3
Schlagworte
Handwerker Athen Griechenland

Autor

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