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Durch Konsens zum Erfolg - Beschäftigungspolitik in den Niederlanden

Hausarbeit (Hauptseminar) 2000 22 Seiten

VWL - Arbeitsmarktökonomik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Wirtschaftliche Entwicklung der Niederlande

3 Beschäftigungspolitische Ursachen und Maßnahmen
3.1 Langzeitarbeitslosigkeit
3.2 Teilzeitarbeit
3.2.1 Flexible Beschäftigungsverhältnisse
3.2.2 Zeitarbeitsbüros
3.3 Frühverrentung
3.4 Soziale Sicherheit

4 Sind die Niederlande beschäftigungspolitisches

Vorbild für Deutschland?

5 Resümee

6 Literaturverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abb. 1: Arbeitslosigkeit 1969-1998 (in Prozent)

Abb. 2: Erwerbsquote in Personen, 1969-1998 (in Prozent)

Abb. 3: Arbeitslosenquote in %

Tab. 1: Struktur der Arbeitslosigkeit in Deutschland und den Niederlanden 11

Tab. 2: Ausgaben (in Prozent des BP) für arbeitsmarktpolitische Maß- 12 nahmen 12 in 1992 und 1996 sowie Teilnehmer/innen (in Prozent aller Erwerbspersonen)

Tab. 3: Teilzeitquoten

Tab. 4: Wirtschaftsleistung im Vergleich, 1993-1997 (in Prozent) 17

1 Einleitung

Die Niederlande sind hinsichtlich ihres Beschäftigungswachstums unbestrittener Europameister. Der Erfolg ist das Resultat einer offensiven Strategie der Umverteilung von Arbeit und Einkommen. Der überwiegende Teil des niederländischen Jobwunders geht auf die Schaffung von Teilzeitarbeitsplätzen zurück. Kein OECD-Land hat derzeit eine so hohe Teilzeitbeschäftigung wie die Niederlande.

In der vorliegenden Seminararbeit soll untersucht werden, wie es in den Niederlanden gelungen ist, die Arbeitslosigkeit massiv zu senken. Bevor die Beschäftigungsmaßnahmen vorgestellt werden, die seit den 80er Jahren die niederländische Beschäftigungspolitik bestimmten, soll in einem kurzen historischen Überblick von der Nachkriegszeit zu den 80er Jahren die wirtschaftliche und politische Situation in den Niederlanden betrachtet werden. Anschließend soll untersucht werden, mit welchen Mitteln die wirtschaftliche Lage stabilisiert und entscheidend verbessert werden konnte. Die Vorstellung der Ursachen von Arbeitslosigkeit und Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung soll eine Überleitung zu der Frage bieten, ob sich das Poldermodell auf Deutschland übertragen läßt. Der Umfang der Seminararbeit läßt keine detaillierte Betrachtungsweise aller Beschäftigungsindikatoren zu. Aus diesem Grund werden besonders einzelne Aspekte wie zum Beispiel das Abkommen von Wassenaar und die Schaffung von Teilzeitarbeitsplätzen in den Kern der Betrachtung gestellt. In einem abschließenden Resümee soll eine Zusammenfassung der Untersuchungen erfolgen, die Schwerpunkt auf den besonderen Wert des Poldermodells legen und einen kleinen Ausblick auf die wirtschaftliche Entwicklung in den Niederlanden bieten wird.

2 Wirtschaftliche Entwicklung der Niederlande

Die Niederlande waren in der Nachkriegszeit landwirtschaftlich geprägt, entwickelten sich jedoch später zu einer erfolgreichen Industrienation. „Die Produktion des Industriesektors nahm zwischen 1953 und 1963 um 6,8 % und zwischen 1963 und 1973 um 6,4 % pro Jahr zu.“[1] Im Zeitraum von 1945 bis 1963 verzeichneten die Niederlande moderate Lohnsteigerungen. 1945 gründeten Vertreter von Arbeitgebern die “Stichting van de Arbeid“[2], um gemeinsame Probleme konsensuell zu lösen. Fünf Jahre später wurde der “Sociaal-Economische Raad“ (SER) als offizielles Beratungsgremium der Regierung gegründet. Der SER besteht als gesetzlich geregelte Institution aus Vertretern von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen sowie aus unabhängigen Mitgliedern (Kroonleden), aus überwiegend wissenschaftlichen Kreisen. Auffallend im sozialen Sicherheitssystem war zu dieser Zeit „die Risikoabsicherung im Fall von Alter, Erwerbsunfähigkeit und Arbeitslosigkeit.“[3] 1949 wurde das Arbeitslosengesetz (WW) verabschiedet: „Es erregte in Europa Aufsehen, da es 80% des letzten Einkommens (bei allerdings niedrigen Löhnen) für die Dauer von 26 Wochen als Lohnersatz für Unterhaltspflichtige (kostwinners) vorsah.“[4] Das reformierte Rentengesetz (AOW) trat 1957 in Kraft und garantierte allen Einwohnern eine Basisrente. Neun Jahre später wurde die Unfall- und Invaliditätsversicherung durch eine Erwerbsunfähigkeitsrente (WAO) abgelöst.[5]

Im Zeitraum von 1950 bis 1982 wurden die Niederlanden von dem Leitgedanken bestimmt, „durch Lohnmäßigung die internationale Wettbewerbsposition zu stärken.“ Aus diesem Grund wurde bis Ende der 50er Jahre statt einer Tarifautonomie eine zentral gelenkte Lohnpolitik eingeführt. Die Regelung sollte zur Inflationsbekämpfung und zur Verbesserung der Konkurrenzpolitik auf dem Weltmarkt dienen.

Die staatlich gelenkte Lohnpolitik garantierte niedrige Löhne.[6] Das System wurde von den Sozialdemokraten unterstützt, da es ihrem Prinzip, “gleicher Lohn für gleiche Arbeit“, entsprach. Durch Neuwahlen wurde das System 1959 aufgelöst. Die langjährige Zusammenarbeit der Sozialdemokraten mit den christlichen Parteien endete und die neue Regierung setzte sich aus Christen und Liberalen zusammen. Dem Mangel an Arbeitskräften sollte mit finanziellen Anreizen begegnet werden. Die Aufhebung der gelenkten Lohnpolitik hatte einen hohen Lohndruck bzw. eine Lohnkonkurrenz der Unternehmen zur Folge. 1963 forderten Arbeitnehmerorganisationen höhere Löhne. „Nach 1963 konnten die Arbeitnehmer kräftige Lohnsteigerungen durchsetzen und sahen ihren Wohlstand endlich auch zunehmen.“[7]

Da sich die Niederlande zu einer energie- und kapitalintensiven Industrie entwickelt haben, wurden sie im Jahre 1974 besonders hart von der Ölkrise getroffen. „Wegen der höheren Energiepreise schoss die Inflation in die Höhe, und das Haushaltsdefizit des Staates stieg an.“[8] Die Weltwirtschaftskrise führte bereits 1973 dazu, daß in der Industrie, der treibenden Kraft der niederländischen Wirtschaft, ein Stillstand einsetzte, während die Dynamik in der Landwirtschaft zunahm. Die landwirtschaftlichen Erfolge waren ein Resultat der Landwirtschaftspolitik der Europäischen Gemeinschaft (EG), die für stabile Preise auf dem Agrargütermarkt sorgte.[9]

Die Stagnation auf dem Weltmarkt und der Rückgang von Investitionen führten zu Massenentlassungen und Betriebsstillegungen. Während sich die Elektro- und Lebensmitelindustrie noch behaupten konnten, litt besonders der Dienstleistungssektor unter der geringen Nachfrage. Nach einem Strukturwandel von der Handelsnation (Binnenschiffahrt) zum Dienstleistungssektor (Banken und Versicherungen) umfaßte der Dienstleistungssektor 1973 insgesamt 58 Prozent und 1977 61,3 Prozent aller Beschäftigten.[10] Die Weltwirtschaftskrise und die anhaltende Stagnation führten die stark exportabhängigen Niederlande „in große finanzielle Schwierigkeiten.

Der Anteil des Exports von Gütern und Dienstleistungen am BIP betrug 1972 45,0 % und lag damit deutlich über dem OECD-Durchschnitt von 13,9 % […].[11] Der erhoffte keynesianische Auftragsschub brachte keine Besserung der Rezession.

Während dieser wirtschaftlich schlechten Lage „begann die ‚holländische Krankheit‘. […] Die geschützten, nicht exportorientierten Sektoren profitierten von der steigenden Binnennachfrage, während sich der Kostendruck auf die Exportindustrie erhöhte.“[12]

Die machtpolitische Pattsituation führte in den 70er Jahren zu einem Abstieg in die Massenarbeitslosigkeit. Die Sozialisten (PvdA) stimmten Lohnmäßigung und Investitionsförderung zu und forderten eine Arbeitsplatzgarantie als Ausgleich für Gewinne aus dem Lohnverzicht. Die Neoliberalen (VVD) lehnten eine Arbeitsplatzgarantie ab und die Christdemokratenn forderten Unterstützung durch den Staat und finanzielle Mittel zur Schaffung von Arbeitsplätzen. Ein Kompromiß zwischen selektiver und globaler Investitionsförderung führte zur Subventionierung sogenannter „kranker“ Industriezweige.[13] Nicole Hannemann beschreibt die politische Lage sehr treffend: „Keine politische Kraft verfügte über genügend Macht, um eine konzeptionell stringente Politik durchzusetzen.[14] In Folge einer abgelehnten expansiven Beschäftigungspolitik steuerten die Niederlande mit einer inkonsequenten Spar-, Nachfrage-, Struktur- und Steuerpolitik 1979 auf die tiefste Rezession der Nachkriegszeit zu.[15] Die Arbeitslosenquote lag Mitte der 70er Jahre bei 5,3 Prozent. Die Zahl der Erwerbsfähigen erhöhte sich von 62,6 auf 66,6 Prozent; die Zahl der weiblichen Erwerbstätigen stieg um zehn Prozent auf 30,5 Prozent. „Die Erwerbsquote der niederländischen Frauen nahm seit 1979 um ca. 70 Prozent zu.“[16]

Die jährliche Festlegung des Etats der Arbeitsmarktpolitik führte zu einer unübersichtlichen und ineffizienten Programmvielfalt: Die Niederlande starteten Schulungs- und Beschäftigungsprogramme, die speziell Langzeitarbeitslosen helfen sollten. Ein besonderes Merkmal der Arbeitsmarktpolitik war der Versuch, die Arbeitsvermittlung zu reorganisieren und effektiver zu gestalten, um der Arbeitslosigkeit entgegen zu wirken. Die Arbeitsämter sollten sich an Wünschen der Kunden orientieren. Im Zeitraum von 1979 bis 1982 gaben die Niederlanden nur noch 0,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) für aktive Arbeitsmarktpolitik aus.[17]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Arbeitslosigkeit 1969-1998 (in Prozent)

Quelle: Müller, Bernd (Hrsg.), Vorbild Niederlande? Tips und Informationen zu Alltagsleben, Politik und Wirtschaft, Münster 1998, S. 80.

Nach den Wahlen von 1981 bildete sich eine Koalition aus CDA (Christdemokraten), PvdA (Sozialdemokraten) und D `66 (Linksliberale). Die Regierung scheiterte jedoch schon ein Jahr später, da ihre Einstellungen zu weit auseinanderklafften. Die christlich-liberale Koalition setzte auf wirtschaftliche Angebotssteuerung bei gleichzeitigem Abbau der sozialen Sicherungsleistungen.[18] „Gegen Ende 1982 gab es eine neue Regierung, das (erste) Kabinett Lubbers, das sich auf das CDA und die VVD (Rechtsliberalen) stützte.“[19] Die Staatsschulden beliefen sich 1989 auf 78,2 Prozent des BIP (1982: 55,6 Prozent). Die Arbeitslosenquote erreichte 1984 mit 12,5 Prozent ihren Höhepunkt.

3 Beschäftigungspolitische Ursachen und Maßnahmen

Die moderate Lohnpolitik beginnt mit dem 1982 geschlossenen „akkoord van 1982“, der unter der Führung des Ministerpräsidenten Wim Kok zwischen Regierung, Arbeitgebern und Gewerkschaften geschlossen wurde, um ein Ende der umverteilungsorientierten Tarifpolitik einzuleiten. Im Jahre 1982 wurde die wirtschaftliche Lage der Niederlande von einer tiefen Rezession, horrenden Staatsverschuldung, hohen Steuerlasten auf Arbeit und Kapital sowie einem rapiden Anstieg der Arbeitslosenzahlen bestimmt. Mit dem berühmten Abkommen von Wassenaar erklärten sich die Gewerkschaften zu geringen Lohnforderungen bereit und die Arbeitgeber verpflichteten sich zur Arbeitszeitverkürzung und Schaffung neuer Arbeitsplätze. Auf Basis dieses Vertrags enthielt sich die Regierung weiterer Eingriffe in die Lohnverhandlungen. „Das Abkommen von 1982 steht für eine grundlegende Umkehr der Rolle des Zentralstaats in der Einkommens-, Arbeits- und Sozialpolitik zugunsten von Marktprozessen und Tarifautonomie.“[20] Zusammenfassend läßt sich sagen, „[d]ie […] stark korporativistisch ausgerichtete Linie strebt das Erreichen von nachhaltigem, kräftigem Wirtschaftswachstum, Vollbeschäftigung, Stabilisierung des Preisniveaus und einen ausgeglichenen Staatshaushalt bei aktiver Leistungsbilanz an.“[21]

Die verantwortungsbewußte Lohnentwicklung führte dazu, daß die Arbeitskostenentwicklung nicht mit dem Anstieg der Arbeitsproduktivität in die Höhe getrieben wurde. Durch Senkung der Lohnstückkosten verbesserte sich die niederländische Konkurrenzposition. Trotz des umfassenden Reformpaketes dauerte es noch rund zehn Jahre, bis die Arbeitslosenquote von 14,2 Prozent halbiert und 1992 wieder auf 5,4 Prozent gesenkt werden konnte.

Die moderate Lohnpolitik wurde kombiniert mit der Kopplung des Gulden an die Deutsche Mark, die zu einer beträchtlichen Abwertung des Gulden führte. Als die wichtigsten beschäftigungspolitischen Merkmale werden die moderate Lohnpolitik, die Wechselkurspolitik, das Fördern von Teilzeitarbeit und die Schlankheitskur der sozialen Sicherheit genannt. Durch die moderate Lohnpolitik sanken die Arbeitskosten in den letzten Jahren beständig. Somit konnte die niederländische Wirtschaft kostengünstiger produzieren als ihre wichtigsten europäischen Handelspartner.

[...]


[1] Hannemann, Nicole, Niederlande, Industrieller Aufstieg und tertiärer Niedergang?, in: Bieling, Hans-Jürgen/ Deppe, Frank (Hrsg.), Arbeitslosigkeit und Wohlfahrtsstaat in Westeuropa. Neun Länder im Vergleich, Opladen 1997, Seite 155.

[2] Die “Stichting van de Arbeid“ ist das wichtigste Organ für die Zusammenarbeit zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen. Die Organisation dient als Konsultationsgremium für Unternehmer und Regierung in bezug auf den Inhalt von abgeschlossenen Tarifverträgen.

[3] Hannemann, S. 155.

[4] Ebd.

[5] Vgl. Hannemann, S.155.

[6] Vgl. Hannemann, S. 156.

[7] van Paridon, Kees, Modell Holland. Erfahrungen und Lehren aus der niederländischen Wirtschafts- und Sozialpolitik, in: Müller, Bernd (Hrsg.), Vorbild Niederlande? Tips und Informationen zu Alltagsleben, Politik und Wirtschaft, Münster 1998, S. 78.

[8] Ebd., S. 79.

[9] Vgl. Hannemann, S. 158.

[10] Vgl. Hannemann, S. 160.

[11] Hannemann, S. 161.

[12] Ebd., S. 162.

[13] Vgl. Hannemann, S. 163f.

[14] Ebd., S. 164.

[15] Vgl. Hannemann, S. 164.

[16] Becker, Uwe, Beschäftigungswunderland Niederlande?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung „Das Parlament“, Heft 11-1998, Seite 14.

[17] Vgl. Hannemann, S. 165-168.

[18] Vgl. Hannemann, S. 169.

[19] van Paridon, Kees, Modell Holland. Erfahrungen und Lehren aus der niederländischen Wirtschafts- und Sozialpolitik, in: Müller, Bernd (Hrsg.), Vorbild Niederlande? Tips und Informationen zu Alltagsleben, Politik und Wirtschaft, Münster 1998, S. 79.

[20] Müller, Bernd (Hrsg.), Vorbild Niederlande? Tips und Informationen zu Informationen zu Alltagsleben, Politik und Wirtschaft, Münster 1998, S. 199.

[21] Kuntze, O.-E., Niederlande, in: ifo Schnelldienst, 5-6/ 2000, 53. Jg., S. 39.

Details

Seiten
22
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783640948550
ISBN (Buch)
9783640948338
Dateigröße
831 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174404
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Institut für Wirtschaftswissenschaften, Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre
Note
Schlagworte
Niederlande Beschäftigungspolitik Außenwirtschaft Volkswirtschaftlehre Arbeitslosigkeit Jobwunder Poldermodell

Autor

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