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Ein Versuch der Vermittlung zwischen der Rede des Papstes an der Universität Regensburg und einer evangelischen Reaktion auf sie

Wissenschaftlicher Aufsatz 2007 17 Seiten

Theologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einfuhrung

Die Rede von Benedikt XVI. in ihren Grundthesen

Eine evangelische Reaktion

Ein Versuch der Vermittlung

Literaturangaben

Einfuhrung

Am 19. April 2005 wurde Joseph Ratzinger zum 265. Papst der Katholischen Kirche gewahlt Er war schon damals eine in der theologischen Welt sehr bekannte Personlichkeit. Als Prafekt der Glaubenskongregation sah er sich gezwungen, mehrmals einzugreifen, wenn ein Theologe oder eine Theologin Thesen veroffentlichten, die nicht im Einklang mit der kirchlichen Tradition standen. Er sah sich dabei als Huter der Lehre und versuchte, diese Lehre vom Menschen getrennt zu sehen. Aus diesem Grund wurde er zum Symbol des traditionellen Katholizismus, weswegen er auch den Beinamen „Panzerkardinal“ erhielt. Diese eher negative Sicht seiner Person fuhrte dazu, dass, obwohl er fast selbstverstandlich zum Papst gewahlt wurde, die Theologen und Theologinnen seinen Amtsantritt zuruckhaltend und mit einer gewissen Skepsis beobachteten.

Das Interesse der Medien an der Reise nach Deutschland war auch deswegen sehr grofi. Man verfolgte mit grofier Aufmerksamkeit alle seine Handlungen und kommentierte sie sehr oft. Eines umso grofieren Interesses erfreute sich seine Vorlesung in der Aula Magna der Universitat Regensburg am 12. September 2006. Der Papst hielt wirklich eine Vorlesung - das war fur alle die grofite Uberraschung. Man hatte eine festliche Ansprache erwartet, aber nicht eine Vorlesung. Das Thema der Vorlesung war auch dieser Uberraschung entsprechend spannend: Glaube, Vernunftund Universitat. Erinnerungen undReflexionen.

Nach der Rede an der Universitat Regensburg waren viele sehr heftige Reaktionen zu horen. Am deutlichsten waren die Kommentare islamischer Autoren - die heftigst dagegen protestiert haben, den Islam als eine inhumane und unvernunftige Religion darzustellen. Tatsache ist, dass Benedikt XVI. ein Zitat verwendet hat, das die Gefuhle der Muslime verletzen konnte. Die gesamte darauf folgende Diskussion bewirkte, dass das eigentliche Thema der Rede im Hintergrund verborgen blieb.

Der Papst hat sich in seiner Vorlesung mit den Gegenstromungen der katholischen Tradition auseinandergesetzt. Die meiste Kritik wandte sich gegen die evangelische Theologie. Die Kritik blieb nicht ohne Antwort einiger evangelischer Theologen. So erschien am 31. Oktober 2006 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Beitrag des Ratsvorsitzenden der EKD, Bischof Dr. Wolfgang Huber. Diese sehr verantwortliche und sachliche Antwort Hubers auf die Papstrede ist der eigentliche Anlass zur Entstehung dieser Seminararbeit. Der letzte Teil der Arbeit befasst sich mit einem Versuch der Vermittlung zwischen den Argumenten beider Theologen - Benedikts XVI. und Wolfgang Hubers.

Die Rede von Benedikt XVI. in ihren Grundthesen.

Von der Rede des Papstes an der Universitat Regensburg gibt es zwei Fassungen. In meiner Arbeit beziehe ich mich auf die im Verlag Herder publizierte Version.[1] Die Veranderungen gegenuber dem tatsachlich vorgetragenen Text sind fur diese Ausfuhrungen unwesentlich, sie beziehen sich auf die Reaktionen der islamistischen Welt und betreffen den eigentlichen Sinninhalt der Rede nicht.

Benedikt XVI. begann die Rede mit einer Erinnerung an die Zeit seiner Lehrtatigkeit an der Universitat in Bonn - ein Bild einer Universitat, an der alle Professoren und Studenten das Wissen zu erlangen anstreben. Dieses Streben nach dem Wissen, nach der Weisheit konnte man sagen, erfolgte an einer fur alle Menschen gemeinsamen Basis - der Vernunft. Sowohl die katholischen als auch die evangelischen Professoren hatten das damals so gesehen. Angesichts der anderen Professoren, die nicht immer den Glauben an Gott teilen konnen, sei das vernunftige Streben nach der Weisheit die wirkliche Aufgabe jeder Universitat. Die Vertreter der Vernunft konnten zu dieser Zeit gemeinsam vor der Studentschaft auftreten - auch wenn manche der Professoren, der Meinung waren, es sei etwas Merkwurdiges, dass eine Universitat zwei Fakultaten hat, namlich die Theologischen, die sich mit etwas beschaftigen, das es gar nicht gabe - mit Gott. Diese Skepsis jedoch war von einer Achtung gepragt, die ihre Quelle in der Vernunft hatte. Es war nichts Verkehrtes daran, vernunftig nach der Existenz Gottes zu fragen, ja sogar an seiner Existenz zu zweifeln. Man konnte sogar von einer Ubereinstimmung unter den Professoren sprechen, die sich daruber einig waren, dass es notwendig und eben vernunftig ware, nach Gott und der christlichen Uberlieferung zu fragen.[2]

In seinen Uberlegungen griff der Papst auf die vor Kurzem erschienene Ausgabe des Dialoges zwischen dem byzantinischen Kaiser Manuel II. Paleologos und einem gebildetem Perser, aus dem Ende des 14. und Anfang des 15. Jahrhunderts nach Christus, zuruck. Dieser Dialog ist eine Art christlicher Apologie gegen den Islam, in dem die drei Lebensordnungen, Altes Testament - Neues Testament - Koran, behandelt werden. Der Papst bezog sich in seiner Rede auf einen eher marginalen Aspekt dieser Apologie auf den Djihad, den Heiligen Krieg.[3]

Der vom Papst zitierte Satz: ,,Zeig mir doch, was Muhammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten.“[4] hat der Papst als den Ausgangspunkt fur seine Uberlegungen genommen.[5] Die Glaubensverbreitung durch Gewalt sei widersinnig. Sie stehe im Widerspruch zum Wesen Gottes, ja, im Widerspruch zum Wesen der menschlichen Seele. Gott handle immer onv Zoyw - gemafi der Vernunft. So sei Gott an seine Vernunft gebunden.[6] Das bekraftigt Palaiologus noch, indem er behauptet: „Nicht vernunftgemafi handeln ist dem Wesen Gottes zuwider.“[7] Fur den persischen Gelehrten ist dieser Satz nicht selbstverstandlich. Dem muslimischen Gottesverstandnis nach ist Gott an nichts gebunden - nicht einmal an sein eigenes Wort.

,,Ist es nur griechisch zu glauben, dass vernunftwidrig zu handeln dem Wesen Gottes zuwider ist, oder gilt das immer und in sich selbst?“[8] Mit dieser Frage spricht der Papst mehrere Themen gleichzeitig an. Von der Antwort hangen viele konkrete Losungen fur die Theologie und die Kirche ab. Anders konnte man fragen: Gehort es zum Wesen des Evangeliums, der Botschaft Gottes an die Menschen, dass es auf griechisch verfasst wurde und dem griechischen Denken weitgehend verpflichtet ist? Gott handelt onv Zoyw, dem Logos entsprechend. Die gangige deutsche Ubersetzung dieses Begriffs ist: Wort, Vernunft. So kann Benedikt XVI. die These aufstellen: ,,Das Zusammentreffen der biblischen Botschaft und des griechischen Denkens war kein Zufall.“[9]

So gesehen sei die Septuaginta - die griechische Fassung des Alten Testaments - keine Ubersetzung, sondern ,,ein eigener wichtiger Schritt der Offenbarungsgeschichte“[10], der fur die Entstehung und Verbreitung des Christentums entscheidend war. Weiter behauptet der Papst, dass das Wesen des christlichen Glaubens mit dem griechischen Denken verschmolzen sei.[11] Dieser Behauptung widersetzten sich drei Enthellenisierungsversuche des Christentums.

Die erste Enthellenisierung diagnostiziert Benedikt XVI. im Anliegen der Reformation des 16. Jahrhunderts. So sahen die Reformatoren in der griechischen Philosophie eine ,,Fremdbestimmung des Glaubens durch ein nicht aus ihm kommendes Denken“[12]. Das Sola Scriptura suche demnach die reine Urgestalt des Glaubens, indem es die griechische Metaphysik als einen Fremdkorper entfernt. Kant sollte sich verpflichtet sehen, das Denken beiseite schaffen zu mussen, um den Glauben Raum schenken zu konnen. Es sei seinerseits eine unzulassige Beschrankung des Glaubens auf die praktische Vernunft gewesen. Diese Sichtweise des Glaubens schranke den Zugang zum Ganzen der Wirklichkeit des Glaubens ein.[13]

Die zweite Enthellenisierungswelle brachte fur das Christentum die liberale Theologie des 19. und 20. Jahrhunderts. Den Ausgangspunkt dafur ermoglichte die Unterscheidung Blaises Pascals zwischen dem Gott der Philosophen und dem Gott Abrahams. Dies soll der Theologe Adolf von Harnack als Basis fur seine Theologie genommen haben. Die Ruckkehr zum einfachen Menschen Jesus und zu seiner einfachen Botschaft solle allen Theologisierungen und Hellenisierungen vorausgehen. Jesus habe die Moral uber den Kult gestellt; er sei der Vater einer einfachen und menschenfreundlichen moralischen Botschaft gewesen. Von Harnack wollte damit das moderne Vernunftverstandnis mit dem Christentum in Einklang bringen. Dabei musse das Christentum von den philosophischen und theologischen Elementen, wie der Glaube an die Gottheit Christi oder an die Dreifaltigkeit, befreit werden.[14]

Diese strenge Zuordnung des Christentums zur Vernunft sollte die Theologie wissenschaftlich machen. Die rein historische Sichtweise der biblischen Botschaft ermogliche eine wissenschaftliche Beschaftigung mit der Theologie innerhalb der Universitat Die Hinterfragbarkeit der Geschichte Jesu sei die Basis fur den Eingang der Theologie in die modernen wissenschaftlichen Methoden der Universitat. Solch ein Eingriff stelle eine Verkurzung des Vernunftverstandnisses dar. Als den Ausloser fur eine solche Verkurzung sieht Benedikt XVI. die Synthese zwischen dem Platonismus (spater Cartesianismus) und dem Empirismus. Ein solches Denken ermogliche, in der mathematischen Struktur der Materie ihre Rationalitat zu sehen. Andererseits ermogliche diese Denkweise das Funktionalisieren der Natur fur unsere Zwecke.[15]

[...]


[1] Benedikt XVI., Glaube und Vernunft. Die Regensburger Vorlesung. Vollstandige Ausgabe., Freiburg im Breisgau: Herder 2006.

[2] Vgl. Benedikt XVI., Glaube, Vernunft und Universitat, in: Benedikt XVI., Glaube und Vernunft. Die Regensburger Vorlesung. Vollstandige Ausgabe., Freiburg im Breisgau: Herder 2006, S. 12 f.

[3] Vgl. Ebd., S. 13 - 15.

[4] Manuel II. Palaiologus, Dialoge mit einem Muslim. 3 Bde., VII. Dialog 1.5, Wurzburg - Altenberge 1993 - 1996, S. 240 f (zit. nach: Benedikt XVI., Glaube, Vernunft und Universitat, S.14).

[5] Die Reaktionen muslimischerseits auf diese Zitatwahl wahren sehr heftig. Der Papst hat sich spater in einer Erklarung fur die unglucklich gewahlten Worte entschuldigt.

[6] Manuel II. Palaiologus, Dialoge mit einem Muslim. 3 Bde., VII. Dialog 1.5, Wurzburg - Altenberge 1993 - 1996, S. 240 f (zit. nach: Benedikt XVI., Glaube, Vernunft und Universitat, S. 16).

[7] Benedikt XVI., Glaube, VernunftundUniversitat, S. 16 f.

[8] Ebd., S. 17.

[9] Ebd., S. 18.

[10] Ebd., S. 20.

[11] Vgl. Ebd., S. 23.

[12] Ebd., S. 23.

[13] Vgl. Ebd., S. 23 f.

[14] Vgl. Ebd., S. 24 f.

[15] Vgl. Ebd., S. 25 f.

Details

Seiten
17
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640950607
ISBN (Buch)
9783640950034
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174379
Institution / Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz
Schlagworte
Papst Benedikt XVI. Regensburg Rede

Autor

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Titel: Ein Versuch der Vermittlung zwischen der Rede des Papstes an der Universität Regensburg und einer evangelischen Reaktion auf sie