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Die Rolle des Internet in Neuen Sozialen Bewegungen

Am Beispiel der globalisierungskritischen Bewegung

Magisterarbeit 2007 190 Seiten

Medien / Kommunikation - Interkulturelle Kommunikation

Leseprobe

INHALT

EINLEITUNG

1. NEUE SOZIALE BEWEGUNGEN
1.1 Was versteht man unter sozialen Bewegungen?
1.1.1 Inklusive Definitionen
1.1.2 Exklusive Definitionen
1.2 Die gesellschaftliche Bedeutung sozialer Bewegungen
1.3 Entstehungstheorien für Soziale Bewegungen
1.3.1 Stand der Forschung
1.4 Persönliche Einteilung
1.4.1 New Social Movement Theory
1.4.2 Ressourcenmobilisierungs-Theorie
1.4.3 Die beiden Paradigmen
1.4.4 Entwicklungsdynamik sozialer Bewegungen
1.5 Zusammenführung der beiden Ansätze
1.5.1 Zusammenführung durch Crossley
1.5.1.1 Smelsers Value Added Ansatz
1.5.1.2 Bourdieus Theorie der Praxis
1.5.1.3 Die Synthese der Ansätze
1.5.2 Selbstorganisation sozialer Bewegungen
1.6 Was ist NEU an den Neuen Sozialen Bewegungen?
1.7 Zusammenfassung

2. GLOBALISIERUNG UND NEOLIBERALISMUS
2.1 Was ist Globalisierung?
2.1.1 Allgemeine Überlegungen zur Globalisierung
2.1.2 Reduktionistische Perspektive
2.1.3 Dualistische Perspektive
2.1.4 Dialektische Perspektive
2.1.4.1 Globale Antagonismen
2.2 Das System des Neoliberalismus
2.2.1 Vom Keynesianismus zum Neoliberalismus
2.2.2 Die Rolle von IWF und Weltbank
2.3 Zusammenfassung

3. DIE GLOBALISIERUNGSKRITISCHE BEWEGUNG
3.1 Meilensteine in der Entwicklung der globalisierungskritischen Bewegung
3.1.1 Die EZLN
3.1.2 Widerstand gegen das MAI Abkommen
3.1.3 “The Battle of Seattle”
3.1.4 G8-Gipfel in Genua
3.1.5 Das Weltsozialforum
3.2 Handelt es sich eigentlich um eine soziale Bewegung?
3.2.1 Meinungsverschiedenheiten in der Literatur
3.2.2 Eigene Einschätzung
3.3 Wie bzw. Warum ist die Bewegung entstanden?
3.3.1 Traditionelle Entstehungstheorien
3.3.2 Kolonialisierung der Lebenswelt
3.3.3 Double Movement
3.3.4 Struktur vs. AkteurIn
3.4 Die Struktur der globalisierungskritischen Bewegung
3.5 Formen der Globalisierungskritik
3.5.1 Literaturmeinungen
3.5.2 Eigene Einteilung
3.5.3 Nationalistische Globalisierungskritik
3.5.4 Reformistische Globalisierungskritik
3.5.5 Revolutionäre Globalisierungskritik
3.6 Die Frage der Gewalt
3.7 Zusammenfassung

4. DIE ROLLE DES INTERNET
4.1 Die Beziehung zwischen Internet und sozialen Bewegungen
4.1.1 Strukturelle Gemeinsamkeiten
4.1.2 Alternativen zu traditionellen Massenmedien
4.2 Mobilisierung durch IKT
4.3 Kollektive Identität durch IKT
4.4 Netzwerk durch IKT
4.5 Protest durch IKT
4.5.1 Formen des Cyberprotest
4.5.2 Alternative Onlinemedien
4.5.3 Elektronischer Ziviler Ungehorsam
4.6 IKT und soziale Bewegungen - eine kritische Betrachtung
4.7 Zusammenfassung

5. RESÜMEE
5.1 Beantwortung der Forschungsfragen
5.2 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Tabellen- und Abbildungsverzeichnis

Einleitung

Juni 2007 in Deutschland. Die Vertreterinnen der G8 treffen sich in Heiligendamm, einem kleinen Badeort an der Ostsee, zu ihren alljährlichen Gesprächen. Hier können sie in aller Ruhe über die wichtigsten weltpolitischen Fragen diskutieren. Doch sie sind nicht alleine. Ab geschirmt durch einen kilometerlangen Zaun protestieren an die 100000 DemonstrantInnen gegen die aus ihrer Sicht unlegitimierte „selbsternannte Weltregierung“. Die AktivistInnen kommen nicht nur aus Deutschland, sie sind aus der ganzen Welt nach Heiligendamm gekommen.

Seit einem knappen Jahrzehnt kann man organisierten Widerstand gegen die neoliberale Form der Globalisierung beobachten. Die Proteste gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm sind die jüngsten Nachweise dafür. Wie ich in meiner Arbeit noch klarstellen werde, gibt es diesen Widerstand schon länger. Doch weltweite mediale Beachtung erfuhr die „Anti-Globalisierungsbewegung“ erst seit den Protesten gegen den WTO-Gipfel in Seattle 1999. Mein persönliches Interesse an diesem Thema wurde durch eine Dokumentation von Indymedia über den G8 Gipfel in Genau 2001 geweckt.

Im weiteren Verlauf der vorliegenden Arbeit werde ich die Bezeichnung „Anti­Globalisierungsbewegung“ bewusst vermeiden, da sie erstens ein verfälschtes Bild von den ProtagonistInnen verbreitet und zweitens eine „Eigenkreation“ der Medien ist. Warum ich mich für den Ausdruck „globalisierungskritische Bewegung“ entschieden habe und welche alternativen Bezeichnungen noch verwendet werden, wird weiter unten noch erläutert.

Die Bilder von den demonstrierenden Massen und den Auseinandersetzungen mit der Polizei in Genua haben in mir einige Fragen aufgeworfen. Was bewegt eine derartige Menschenmenge auf die Straße? Wogegen richtet sich ihr Zorn? Was schweißt sie zusammen und wie kann die Gruppe koordiniert werden? Diese Neugier hat mich dazu bewegt, meine Magisterarbeit diesem Thema zu widmen.

Warum ist mir die Auseinandersetzung mit diesem Thema wichtig? Zum einen glaube ich, dass soziale Bewegungen in der heutigen Zeit eine Art Renaissance erleben, da sich die BürgerInnen von den traditionellen politischen Parteien nicht mehr wirklich vertreten fühlen. Ich habe den Eindruck, dass soziale Bewegungen es sich noch erlauben können, gesellschaftliche Probleme offen anzusprechen. Generell schwindet die Einflussmöglichkeit der nationalen Politik, da die wesentlichen Entscheidungen auf transnationaler Ebene getroffen werden. Um dieses Phänomen erklären zu können, muss man sich genauer mit der Globalisierung auseinandersetzen.

Die globalisierungskritische Bewegung fasziniert mich dahingehend, dass ihre Kritik auf einem soliden wissenschaftlichen und intellektuellen Fundament basiert. Ein Großteil der AktivistInnen sind SchülerInnen, StudentInnen, LehrerInnen oder Universitätsprofessor Innen und verfügen über einen überdurchschnittlich hohen Bildungsgrad (vgl. Andretta et al. 2003; Della Porta 2005). Als junger, kritisch denkender Mensch fühle ich mich mit dieser jungen, dynamischen Bewegung verbunden.

In meiner Arbeit möchte ich in erster Linie erklären, warum und wie die globalisierungskritische Bewegung entstanden ist und wie sie das Internet für ihre Zwecke verwendet. Dabei ist es mir ein besonderes Anliegen, den gesellschaftspolitischen Hintergrund für diese Entwicklungen herauszuarbeiten.

Um sich an diese Fragen heranzutasten, bedarf es zuerst einer ausführlichen theoretischen Auseinadersetzung mit sozialen Bewegungen allgemein. Um zu verstehen, warum die globalisierungskritische Bewegung entstanden ist und was sie kritisiert, muss man sich mit dem viel verwendeten Schlagwort „Globalisierung“ auseinandersetzen. In einem weiteren Schritt geht es dann darum, die Globalisierungskritik inhaltlich und strukturell zu kategorisieren. Da es sich um eine globale Bewegung handelt, ist es interessant zu untersuchen, inwiefern man von einer Einheit sprechen kann. Wenn diese Fragen geklärt sind, werde ich die Rolle der Informations- und Kommunikationstechnologien für soziale Bewegungen allgemein und für die globalisierungskritische Bewegung im speziellen untersuchen.

In diesem Zusammenhang stelle ich die Hypothese auf, dass das Internet das wichtigste Instrument für die Organisation und Koordination der globalisierungskritischen Bewegung ist.

Die Forschungsfragen, die mich im Rahmen meiner Magisterarbeit beschäftigen, lauten also folgendermaßen:

- Wie entsteht eine soziale Bewegung?
- Was ist Globalisierung?
- Was bedeutet Globalisierungskritik?
- Wie verwendet die globalisierungskritische Bewegung das Internet, um sich selbst zu organisieren?
- Warum entsteht die globalisierungskritische Bewegung gerade heute?

Es handelt sich bei meiner Magisterarbeit um eine theoretische Arbeit, in der theoretische Begriffe und Modelle geklärt werden. Dazu wird die bestehende Literatur anhand eines theoretisch begründeten Schemas systematisiert und kategorisiert. Ziel ist es, durch eine genaue Literaturanalyse eigene Definitionen und eigene Einteilungen zu entwerfen. Daher wird in dieser Arbeit auf einen empirischen Teil verzichtet.

Vorliegende Magisterarbeit besteht aus fünf Kapiteln die so angeordnet sind, dass sie vom Allgemeinen beginnend immer konkreter werden.

Das erste Kapitel befasst sich auf theoretischer Basis mit Neuen Sozialen Bewegungen allgemein. Zunächst wird der Begriff Soziale Bewegung durch eine Analyse unterschiedlicher Definitionen abgeklärt und in einer eigenen Definition erfasst. Anschließend diskutiere ich verschiedene Ansätze über die Entstehung einer sozialen Bewegung. Hier gibt es zwei Strömungen, wobei eine die Struktur-, die andere die Akteurseite hervorhebt. Daher werde ich in einem nächsten Schritt Ansätze diskutieren, welche den Anspruch erheben, diese Dichotomie zwischen Struktur und AkteurIn beseitigen zu können. Abschließend gehe ich der Frage nach, was das Neue an den Neuen Sozialen Bewegungen ist.

Im nächsten Kapitel beschäftige ich mich mit der neoliberalen Globalisierung. Dies ist für meine Arbeit unbedingt notwendig um auch verstehen zu können, warum sich eine globalisierungskritische soziale Bewegung formiert hat. Um dieses komplexe Phänomen definieren zu können, muss ich mir zuerst einen Überblick über die bestehende Literatur verschaffen. Dazu bietet sich ein Schema an, welches danach unterscheidet, ob nur eine oder mehrere gesellschaftliche Dimensionen in die Analyse einbezogen werden. Um eine Überleitung für das dritte Kapitel zu schaffen, werde ich mich in einem nächsten Schritt mit der derzeitigen, neoliberalen Form der Globalisierung auseinandersetzen.

Kapitel 3 behandelt die globalisierungskritische Bewegung hinsichtlich ihrer Entstehung, ihrer Struktur und den Inhalten ihrer Kritik. Nach einem kurzen historischen Abriss über die Entwicklung der Bewegung, werde ich Theorien über die Entstehung einer sozialen Bewegung auf ihre Anwendbarkeit auf die globalisierungskritische Bewegung überprüfen. Eine genaue Auseinandersetzung mit der Struktur der Bewegung ist wichtig, um den Unterschied zu traditionellen kollektiven AkteurInnen verdeutlichen zu können und um den Einfluss der Informations- und Kommunikationstechnologien auf die Bewegung besser verstehen zu können. Aus der strukturellen Beschaffenheit ergeben sich auch inhaltliche Differenzen, die ich in Kapitel 3.5 aufzeigen werde.

Das 4. Kapitel beschäftigt sich mit der Rolle des Internet für die Neuen Sozialen Bewegungen. Dabei gehe ich zuerst auf die spezifische Beziehung zwischen sozialen Bewegungen und dem Internet ein. Danach werde ich anhand von Beispielen aufzeigen, welche neuen Möglichkeiten das Internet für Protestbewegungen bringt Eine abschließende Diskussion befasst sich mit der Frage, welche Rolle die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien für die globalisierungskritische Bewegung im Konkreten spielen.

Im 5. und letzten Kapitel werden zuerst die Forschungsfragen beantwortet und dann die Ergebnisse auf einer Metaebene zusammengeführt und diskutiert.

1. Neue Soziale Bewegungen

Dieses Kapitel liefert die theoretische Grundlage für den weiteren Verlauf meiner Arbeit. Es soll Aufschluss darüber geben, unter welchen Gesichtspunkten man sich mit sozialen Bewegungen befasst. Eingangs wird der Frage nachgegangen, was man unter sozialen Bewegungen versteht. Dazu werde ich einige Definitionen sowohl aus der amerikanischen als auch aus der westeuropäischen wissenschaftlichen Literatur anführen und ihre Aussagekraft miteinander vergleichen. Hier bietet sich eine Unterscheidung zwischen allgemeinen und spezifischen Definitionen an. (Kapitel 1.1)

In Kapitel 1.2 befasse ich mich mit der gesellschaftlichen Bedeutung sozialer Bewegungen. Auch hier gibt es unterschiedliche Meinungen, die ich kategorisch abhandeln werde.

In einem nächsten Schritt geht es um die Entstehung sozialer Bewegungen. Kapitel 1.3 beschäftigt sich ausführlich mit der Frage, wie und warum es zu kollektiven Handlungen kommt. Hier geht es in erster Linie darum, einen Überblick über die verschiedenen theoretischen Ansätze zu verschaffen.

In Kapitel 1.4 nehme ich eine eigene Einteilung vor. Hier gibt es zwei Theoriestränge, mit denen ich mich intensiv auseinandersetzen werde. Der eine sieht die Ursachen in den gesellschaftlichen Strukturen und Rahmenbedingungen. Der andere stellt das Individuum und dessen rationale Entscheidung in den Mittelpunkt des Interesses. Dabei werde ich die HauptvertreterInnen beider Ansätze diskutieren und ihre Unterschiede herausarbeiten.

Im Kapitel 1.5 geht es darum, die beiden Ansätze zusammenzuführen und eine Synthese daraus zu formulieren. Hier stelle ich zwei Vorschläge vor, die ich einer kritischen Analyse ob ihrer dialektischen Herangehensweise unterziehen werde.

Abschließend befasse ich mich in Kapitel 1.6 mit der Frage, was an den Neuen Sozialen Bewegungen NEU ist.

1.1 Was versteht man unter sozialen Bewegungen?

Vertreter von ATTAC Deutschland betonen, dass soziale Bewegungen nicht aus heiterem Himmel entstehen, sondern als Reaktion auf gesellschaftliche Probleme, die zumindest einem Teil der Gesellschaft bewusst geworden sind. Sie reagieren auf Problemlagen, die von staatlicher Seite und von anderen traditionellen AkteurInnen in nicht zufrieden stellender Art und Weise bearbeitet werden. „Die Leistung sozialer Bewegungen besteht vor allem darin, Bewusstsein für neue Probleme zu schaffen, das Meinungsklima zu verschieben, Leitbilder und Wertorientierungen zu verändern und Alternativen zu propagieren.“ (Shahyar/Wahl 2005, 14)

Soziale Bewegungen formieren sich aus der Zivilgesellschaft heraus. Für den italienischen Philosophen Antonio Gramsci ist die Zivilgesellschaft das Terrain, auf dem die Auseinandersetzung um die Grundrichtung der gesellschaftlichen Entwicklung, Ideen, Werte und Leitbilder stattfindet. Um die Zivilgesellschaft beeinflussen zu können, müssen die Ideen der herrschenden Kräfte als auch der Gegenkräfte hegemonial werden. Hegemonie bedeutet Dominanz durch Konsens. In diesem Zusammenhang spielt der Begriff des Diskurses eine entscheidende Rolle. Der französische Philosoph Michel Foucault meint mit Diskurs die Art und Weise, wie über die Realität gesprochen wird. Entscheidend ist, wer die Definitionsmacht über die zentralen Begriffe zur Deutung der gesellschaftlichen Realität besitzt. Somit kann man enormen Einfluss auf das Denken und Handeln von Menschen ausüben. Daher ist es für Shahyar und Wahl die primäre Aufgabe von sozialen Bewegungen, die Hegemonie der herrschenden Diskurse zu brechen, indem wichtigen gesellschaftlichen Begriffen neue Bedeutung einverleibt wird. Nur so ist es möglich, etwas zu verändern (vgl. ebd., 10ff).

Grundsätzlich kann man laut Raschke (1987, 20) zwischen inklusiven und exklusiven Definitionen von sozialen Bewegungen unterscheiden. „Je mehr und je spezifischer gefasste Elemente einbezogen werden, desto exklusiver die Definition.“ (Raschke 1987, 20). Dabei könnte man meiner Meinung auch das Begriffspaar „allgemein - spezifisch“ verwenden. Für Raschke ist wichtig, dass eine Definition sowohl auf die Trägergruppe, als auch auf die Ziele einer Bewegung eingeht.

Christian Fuchs (2006a, 110) hat aus einer Vielzahl an Definitionen die wichtigsten Aspekte für soziale Bewegungen herausgefiltert:

1. Die Negation dominanter Werte, Institutionen und Strukturen
2. Sozialer Wandel
3. Kollektive Handlung
4. Gegnerschaft
5. Widerstand
6. Unzufriedenheit
7. Hoffnung und Wunsch auf Wandel
8. Neue Sensitivität
9. Suche nach neuer Identität, kollektiver Bedeutung und kollektiven Werten
10. Protestmethoden
11. Ziele
12. außerpralamentarische Opposition
13. Zivilgesellschaft
14. öffentlicher Raum
15. Reaktivität und Proaktivität
16. alternative politische Themen, Werte und Ziele
17. Protest Veranstaltungen und Protestkampagnen
18. Kommunikative Praktiken und Strategien
19. Soziale Probleme und Missstände
20. Netzwerke von Aktivisten und Netzwerke von Gruppen
21. Wahrnehmung und Interpretation sozialer Probleme
22. mobilisierende und demobilisierende Strukturen
23. moralische Empörung
24. Schlüsselereignisse für Protest
25. Mobilisierung
26. Bedingungen für Chancen und Hindernisse
27. Grad der Durchdringung der Bevölkerung mit eindimensionalem Denken

Im Folgenden werde ich die gesammelten Definitionen im Hinblick auf die oben angeführten Elemente untersuchen und sie dann einordnen. Diese Liste gibt mir einen wichtigen Anhaltspunkt, um meine Einteilung auch begründen zu können. Je mehr von den Elementen enthalten sind, desto kleiner ist der Interpretationsspielraum und desto exklusiver ist die Definition. Dabei beginne ich mit den inklusiven, eher allgemeinen Ausführungen:

1.1.1 Inklusive Definitionen

Eine erste Annäherung liefert der oben zitierte Joachim Raschke selbst.

Soziale Bewegung ist ein kollektiver Akteur, der in den Prozess sozialen Wandels eingreift (Raschke 1987, 20).

Der kollektive Akteur greift aktiv in das Gesellschaftssystem ein und ist durch keine spezifische Organisationsform charakterisiert. Wesentlich ist, dass die Bewegung immer mehr ist als die Organisation. Ziel einer sozialen Bewegung ist die Veränderung der gesellschaftlich relevanten Strukturen (vgl. ebd., 20).

Diese Definition ist für mich inklusiv, da der Begriff kollektiver Akteur sehr weit gefasst werden kann. Darunter fallen auch Sekten, Vereine oder sonstige Gruppierungen.

Betrachtet man die Auflistung von Fuchs, so sind hier nur zwei dieser Elemente (Nr. 2 und 3) zu finden. Es wird auch nicht darauf eingegangen, welche Probleme die soziale Bewegung aufgreift und wie sie ihre Ziele erreichen will.

Für Della Porta und Diani (1999) lassen sich folgende vier gemeinsame Charakteristika erkennen, welche Bestandteil einer allgemeinen Definition von sozialen Bewegungen sein sollen:

[...] consider social movements as (1) informal networks, based (2) on shared beliefs and solidarity, which mobilize about (3) conflictual issues, through (4) the frequent use of various forms of protest” (Della Porta, /Diani 1999, 16).

Unter Konflikt wird eine kontroverse Beziehung zwischen zwei oder mehreren AkteurInnen verstanden, welche nach der Kontrolle über dieselbe Sache streben. Hier wird auch das Wort Protest erwähnt, was ganz entscheidend ist. Dadurch unterscheiden sie sich von politischen und religiösen Bewegungen (vgl. ebd., 13ff).

Obwohl diese Definition schon ausführlicher ist und die Elemente 17,20 und 24 enthält, geht sie für mich bezüglich der Trägergruppe zu wenig ins Detail und gibt keinen Aufschluss über die Ziele der Bewegung. So wird der Wille, gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen, hier nicht erwähnt.

Eine weitere, für mich inklusive Definition, liefern Eyerman und Jamison:

Social movements are... best conceived of as temporary public spaces, as moments of collective creation that provide societies with ideas, identities, and even ideals (Eyerman/Jamison 1991 zit. nach Crossley 2002a, 4).

Der Ausdruck „temporary public spaces“ deutet zum einen auf die zeitliche Begrenzung und zum anderen auf das öffentliche Aktionsfeld der Bewegung hin. Zusätzlich weist diese Definition auf das identitäts- und sinnstiftende Potential von sozialen Bewegungen hin (vgl. Crossley 2002a, 4). Dies kann meiner Meinung nach aber auch von einem totalitären Regime oder von einem stark ausgeprägten Nationalbewusstsein ausgehen und ist somit kein exklusives Kennzeichen. Mit kollektiver Handlung und öffentlichem Raum sind maximal zwei der eingangs aufgelisteten Elemente darin zu erkennen. Auf den Protest, als eine der bestimmenden Komponenten, wird gar nicht eingegangen. Außerdem liest sich die Definition meiner Meinung nach zu optimistisch, da es nicht von vornherein feststeht, ob soziale Bewegungen die Gesellschaft positiv verändern können und daher kollektiv schöpferisch tätig sind.

Alain Touraine, auf den ich weiter unten noch genauer eingehen werde, liefert meiner

Meinung nach ebenfalls eine inklusive Definition. Soziale Bewegungen sind:

actors, opposed to each other by relations of domination and conflict, have the same cultural orientations and are in contention for the social management of this culture and of the activities it produces (Touraine 1988, 9).

Ich halte diese Definition für sehr allgemein, da sie einen großen Interpretationsspielraum offen lässt. Ich kann eigentlich nur das Element 21 (Wahrnehmung und Interpretation sozialer Probleme) im ersten Teil der Definition und Element 2 (sozialer Wandel) wieder erkennen. Touraine beschreibt meiner Meinung nach die Trägergruppe als auch die Ziele auf eine sehr abstrakte Art und Weise. Wiederum ist der Protest die entscheidende fehlende Komponente in dieser Definition. So wird zwar erwähnt, was die Bewegung will („social management of this culture“), jedoch nicht wie das erreicht werden soll. Infolge dessen geht Touraine auch nicht auf die mobilisierenden Strukturen, die Grundvoraussetzung für das Aufkommen von Protest ein.

Alberto Melucci (1999, 15) ist davon überzeugt, kollektive Phänomene nicht mehr als einheitliche Subjekte, sondern als zusammengesetzte Handlungssysteme zu untersuchen. Diese Handlungssysteme sind sehr heterogen und daher ist auf analytischer Ebene zu erklären, wie die einzelnen Elemente zusammengehalten werden und eine/n AkteurIn bilden. Für Melucci braucht die heutige Bewegungsforschung „eine Veränderung von naiven empirischen Verallgemeinerungen hin zu analytischen Konzepten“ (ebd.).

In diesem Sinne umfasst seine Definition von Sozialen Bewegungen drei Dimensionen: Solidarität, Präsenz eines Konflikts sowie die Überschreitung von Grenzen der Verträglichkeit.

I define analytically social movements as a form of collective action (a) based on solidarity, (b) carrying on a conflict, (c) breaking the limits of the system in which action occurs (Melucci, 1985 zit. nach Fuchs 2006a, 109).

Der Konflikt ist bei Melucci zu unterscheiden vom Terminus des Widerspruchs, wie er in der marxistischen Ideologie verwendet wird. In einem Konflikt muss es für Melucci mindestens zwei AkteurInnen geben, die konkret um etwas kämpfen, das sie als zwischen sich liegend betrachten. Der Widerspruch ist meiner Meinung nach eine objektive Erscheinung, in der subjektive Interessen nicht unbedingt vorkommen müssen. Die Grenzen der Verträglichkeit eines sozialen Systems werden dann überschritten, sobald es gezwungen ist, seine Struktur zu verändern. Wenn nur eine oder zwei dieser Dimensionen erfüllt sind, handelt es sich um andere Formen kollektiven Handelns.

Melucci bezeichnet diese Phänomene als Devianz, was wiederum als ein Verhalten mit konfliktbezogenen Bedeutungen zu verstehen ist. Reinen Massenaufmärschen fehlt die hinreichende Solidarität zwischen den Individuen und müssen daher von sozialen Bewegungen unterschieden werden (vgl. Melucci 1999, 114ff).

Diese Definition konzentriert sich rein auf die Frage, warum eine soziale Bewegung entsteht, vergisst dabei aber auf das wie. Wie wir später noch sehen werden, ist dies typisch für Vertreter des „New Social Movement-Ansatzes“. Dezidiert kann man nur Element 3 aus der Liste erkennen. Die Komponenten Solidarität und Konflikt sind zweifelsohne auch sehr wichtig, jedoch werden sie sehr allgemein formuliert und lassen somit einen großen Interpretationsspielraum übrig.

Für Melucci stellt sich die entscheidende Frage, ob man in den zeitgenössischen Gesellschaften noch antagonistische Systemkonflikte identifizieren kann oder es sich bloß um kollektive Anpassungsstrategien der AkteurInnen handelt, die auf dem politischen Markt in Konkurrenz miteinander stehen. Es dürfe auch nicht der Fehler gemacht werden, jede Form kollektiven Handelns auf einen Antagonismus[1] zurückzuführen (vgl. ebd., 118).

Meiner Meinung nach gibt es in der heutigen Zeit sehr wohl noch Antagonismen, gegen die sich soziale Bewegungen auflehnen. Der neoliberale Kapitalismus lässt die Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern, zwischen Arm und Reich immer größer werden (vgl. Rucht 2002a). In Kapitel 2 werde ich auf die antagonistischen Verhältnisse auf ökonomischer, politischer, sozialer, kultureller und ökologischer Ebene eingehen, welche die kapitalistische Globalisierung mit sich gebracht hat. Ulrich Beck (1997, 15) spricht in diesem Zusammenhang von den „politischen und gesellschaftlichen Paradoxien einer transnationalen Wirtschaft“ (ebd.).

1.1.2 Exklusive Definitionen

Charles Tilly (2004) erkennt in seiner historischen Retrospektive drei grundlegende Elemente, die seit Mitte des 18. Jahrhunderts als konstituierend für die Entstehung und Definition sozialer Bewegungen betrachtet werden können. Das erste Element bezeichnet er als Kampagne. Damit meint er das kollektive Bestreben einer Gruppe, seine Interessen gegenüber einer bestimmten Autorität nachhaltig durchzusetzen. Zweites Element ist das

Repertoire einer Bewegung, also die unterschiedlichen Protestmöglichkeiten wie öffentliche Demonstrationen, Petitionen oder Stellungsnahmen in öffentlichen Medien, um auf sich aufmerksam zu machen. Drittens kann man ein spezifisches Auftreten, bestehend aus Wertschätzung, Einheit, Vielzahl und Engagement erkennen. Sind diese drei Elemente in einer Synthese zu beobachten, dann kann man von einer sozialen Bewegung sprechen (vgl. Tilly 2004, 3ff). Gemäß Tillys Definition besteht eine soziale Bewegung aus

(1) campaigns of collective claims on target authorities; (2) an array of claim­making performances including special purpose associations, public meetings, media statements, and demonstrations; (3) public representations of cause’s worthiness, unity, numbers, and commitment (Tilly 2004, 7).

In dieser Definition sind mindestens vier der oben angeführten Elemente zu erkennen. Es sind dies die kollektive Handlung („campaigns of collective claims“), der Protest („claim-making performances“), der öffentliche Raum („public representations“) sowie das Netzwerk („worthiness, unity, numbers and commitment“). Obwohl die Ziele einer Bewegung nicht deutlich hervorkommen, würde ich sie aufgrund der spezifischen Beschreibung der anderen Merkmale unter die exklusiven Definitionen einordnen. Durch das Erwähnen der verschiedenen Protestformen werden andere kollektive Akteure wie Sekten, Vereine automatisch exkludiert.

Eine umfassende, alle wichtigen Aspekte mit einbeziehende Definition, liest sich nach Raschke folgendermaßen:

Soziale Bewegung ist ein mobilisierender kollektiver Akteur, der mit einer gewissen Kontinuität auf der Grundlage hoher symbolischer Integration und geringer Rollenspezifikation mittels variabler Organisation- und Aktionsformen das Ziel verfolgt, grundlegenderen sozialen Wandel herbeizuführen, zu verhindern oder rückgängig zu machen (Raschke 1987, 21).

Diese Definition beinhaltet einige Begriffe, die einer näheren Erklärung bedürfen:

Unter Mobilisierung versteht Raschke die aktive, permanente Suche nach Unterstützung. Sie wird als Existenzgrundlage einer jeden Bewegung verstanden. Durch einen gewissen Grad an Kontinuität unterscheidet sich eine soziale Bewegung von kollektiven Episoden. Durch die hohe symbolische Integration werden das Wir-Gefühl und der Zusammenhalt gefördert. Hier lässt sich meiner Meinung nach das Element 9 (Suche nach neuer Identität, kollektiver Bedeutung und kollektiven Werten) der oben angeführten Auflistung erkennen. Außerdem gibt es in sozialen Bewegungen kaum festgeschriebene Rollen. Erst mit steigendem Organisationsgrad wächst auch die Rollenspezifikation.

Grundsätzlich kann man festhalten, dass die Neuen Sozialen Bewegungen, ganz im Gegensatz zur Arbeiterbewegung, organisationsschwach sind (vgl. ebd., 19ff).

Somit enthält diese umfassende Definition vier deutlich erkennbare Elemente der Auswahl. Neben der Mobilisierung und dem kollektiven Handeln lassen sich noch die Nummer 2 und 9 erkennen.

Nick Crossley führt in seinem Buch „Making sense of social movements“ eine Definition

von Herbert Blumer (1969) an, auf die ich näher eingehen möchte.

Social movements can be viewed as collective enterprises seeking to establish a new order of life. They have their inception in a condition of unrest, and derive their motive power on one hand from dissatisfaction with the current form of life, and on the other hand, from wishes and hopes for a new system of living. The career of a social movement depicts the emergence of a new order of life (Blumer 1969 zit. nach Crossley 2002a, 3).

In dieser Definition muss zuerst der Begriff “collective enterprises” genauer betrachtet werden. Dies impliziert, dass soziale AkteurInnen an einem gemeinsamen Projekt zusammenarbeiten. Ebenfalls wichtig ist der Bezug auf die Schaffung einer neuen Lebensform („new order of life“), wodurch sich eine soziale Bewegung von spontanen kollektiven Handlungen wie Panik oder Massenhysterie unterscheidet (vgl. Crossley 2002a, 3).

Bezüglich der Bemerkung, dass diese Bewegungen aus Unruhen und Unzufriedenheit heraus entstehen, gehen die Meinungen auseinander. Auf die verschiedenen Entstehungstheorien komme ich später noch zu sprechen.

Meiner Meinung nach liefert uns Blumer eine sehr ausgereifte und spezifische Definition. Im Gegensatz zur inklusiven Version von Raschke, fasst er den Begriff des kollektiven Handelns enger. Darüber hinaus beschreibt er deutlich, was die sozialen Bewegungen wirklich bewegt („.. .dissatisfaction with the current form of life,...“). Somit lassen sich drei bis vier charakteristische Elemente in dieser Definition verfolgen (Nr. 2, 3, 6 und 7).

Als nächstes erwähnt Crossley eine Definition von Sidney Tarrow:

Contentious politics occurs when ordinary people, often in league with more influential citizens, join forces in confrontation with elites, authorities and opponents. [...] When backed by dense social networks and galvanised by culturally resonant, actio-oriented symbols, contentious politics leads to sustained interaction with opponents. The result is the social movement (Tarrow 1998 zit. nach Crossley 2002a, 4).

Tarrow weist auf die anhaltende Auseinandersetzung mit Gegnerinnen hin („sustained interaction with opponents“), was soziale Bewegungen von einzelnen Protestaktionen unterscheidet. Für Crossley enthält diese Definition weitere wichtige Punkte. Zum einen der Hinweis auf den Netzwerk-Begriff, zum anderen die Hervorhebung der Kultur und Identität der Bewegung (vgl. Crossley 2002a, 5).

Ein wichtiger Punkt ist meiner Meinung auch der Verweis auf die Zivilgesellschaft, welcher in den bisherigen Definitionen gefehlt hat. Daneben sind mit Sozialen Netzwerken und Gegnerschaft, welches sich in der Formulierung „...in confrontation with...“ zeigt, zwei weitere wichtige Elemente vorhanden. Obwohl Tarrow nicht genauer auf die Ziele einer sozialen Bewegung eingeht, liefert er uns aufgrund der Vielzahl an anderen wichtigen Komponenten eine exklusive Definition.

Für den deutschen Soziologen und Bewegungsforscher Dieter Rucht sind soziale Bewegungen ein Produkt moderner Gesellschaften. Sie zielen in letzter Konsequenz auf die Grundlagen der Gesellschaft ab, indem sie über einzelne Aktivitäten und Kampagnen hinausgehen. Soziale Bewegungen weisen einen mittleren Organisationsgrad auf, verfügen über keine Statuten, keine festen Mitgliedschaftskriterien und über keine übermächtigen Führungsorgane. Sie sind ein Netzwerk von Personen, Gruppen und Organisationen basierend auf einer kollektiven Identität. Drittens zeichnen sie sich durch Heranziehung von kollektiven und öffentlichen Protestformen aus. Grund dafür ist ein Mangel an anderen Einflussmöglichkeiten. Zusammenfassend definiert Rucht soziale Bewegungen als [...] ein auf gewisse Dauer gestelltes, durch kollektive Identität abgestütztes Handlungssystem mobilisierter Netzwerke von Gruppen und Organisationen, welche sozialen Wandel mit Mitteln des Protests - notfalls bis hin zur Gewaltanwendung - herbeiführen, verhindern oder rückgängig machen wollen (Rucht 2002a, o.S.).

Im Unterschied zu politischen Parteien sind soziale Bewegungen stärker in der Lebenswelt, um den Begriff von Habermas aufzugreifen, verankert, da sie auf Bedürfnisse und Motive ihrer Anhänger direkt eingehen (vgl. ebd.).

Meiner Meinung nach liefert Rucht die bisher kompletteste Definition ab. Gemäß der oben vorgenommenen Auflistung enthält sie 5 zentrale Elemente. Dies sind die Nummern 2, 3, 10, 20 und 25. Durch die Miteinbeziehung von Protest werden andere kollektive Akteure wie z.B. Vereine oder Sekten exkludiert. Außerdem geht Rucht genau darauf ein, wie eine soziale Bewegung strukturiert ist und was sie erreichen will.

Eine weitere Definition liefern uns McCarthy und Zald (1977), die sich intensiv mit den

organisatorischen Dynamiken einer sozialen Bewegung auseinandergesetzt haben. Sie

sprechen von „Social Movement Organisations“ (SMO).

„A social movement organization is the complex or formal organisation which identifies its goals with the preferences of a social movement and attempts to implement these goals.” (McCarthy/Zald 1977 zit. nach Canel 1992 o.S.)

Diese Definition lässt sich schwer einordnen. Ich würde sie zu den exklusiven Definitionen geben, da sie an sich schon eine spezifische Form von Sozialen Bewegungen anspricht.

Bevor ich nun versuche eine eigene Definition für soziale Bewegungen zu formulieren, möchte ich die wichtigsten Elemente der bisherigen Ausführungen nochmals auflisten. Dabei lassen sich meiner Meinung nach fünf zentrale Punkte herausfiltern.

- Kollektivität
- Mobilisierung
- Sozialer Wandel
- Netzwerk
- Protest

Die Kollektivität drückt aus, dass eine kritische Anzahl an AkteurInnen notwendig ist, um etwas verändern zu können. Diese Gruppe muss durch eine gemeinsame Identität ein Wir-Gefühl entwickeln, damit ein längeres Bestehen möglich ist. Der Zusammenhalt lässt sich nur in Form eines Netzwerkes aufrechterhalten, welches wiederum durch die Mobilisierung diverser Ressourcen gebildet wird. Das Ziel einer sozialen Bewegung ist der soziale Wandel. Es ist nicht gesagt, dass die Bewegung diesen Wandel auch vollziehen kann. Primär geht es darum, durch Protest Aufmerksamkeit zu erregen.

Daraus lässt sich auch meine persönliche Definition ableiten. Soziale Bewegungen sind:

Ein kollektiver Akteur, der in Netzwerken organisiert sozialen Wandel herbeiführen will, indem er zu öffentlichen Protestformen mobilisiert.

Nachdem ich einige Definitionen für soziale Bewegungen angeführt habe, werde ich mich im Folgenden mit deren Relevanz für die Soziologie und die Gesellschaft generell auseinandersetzen.

1.2 Die gesellschaftliche Bedeutung sozialer Bewegungen

Zu diesem Thema gibt es in der Literatur meiner Auffassung nach unterschiedliche Meinungen. Auf der einen Seite wird den sozialen Bewegungen grundlegendes revolutionäres Potential eingeräumt (siehe Crossley). Auf der anderen Seite werden sie als destruktive, beunruhigende Momente angesehen, die Angst verbreiten und keine Alternativen aufzeigen können (siehe Luhmann). Dazwischen gibt es Vertreter, die ein Potential für Reformen erkennen, dessen Umsetzung jedoch unterschiedlich einschätzen (siehe Rucht, Habermas). Auf diese differenzierten Ansichten werde ich im Folgenden genauer eingehen.

(1) Für Crossley (2002a) sind soziale Bewegungen vor allem in den gegenwärtigen westlichen Gesellschaften von großer Relevanz. Nahezu kein Tag vergeht, an dem in den Medien nicht von irgendeiner Protestaktion berichtet wird. Viele Gewohnheiten, die unser alltägliches Leben prägen, gehen auf die Initiative von sozialen Bewegungen zurück. Crossley nennt als Beispiel dafür das „Recycling“ von Müll, was von Aktivistinnen der Umweltbewegung gefordert wurde. Auf einer tieferen Ebene sind soziale Bewegungen die Schlüsselakteure für die Einleitung eines gesellschaftlichen Wandels. Sie machen uns auf die Probleme, mit denen wir leben, aufmerksam und sensibilisieren gleichzeitig unsere Verhaltens- und Denkweisen. Betreffen die Veränderungen die Machtverhältnisse bzw. die bestehenden demokratischen Strukturen in einem Land, so kann man ihnen revolutionäres Potential zusprechen. Meistens manifestieren sich deren Errungenschaften zunächst jedoch nur auf lokaler, kultureller Ebene. Da Gesellschaften aber ständig in Bewegung sind, können soziale Bewegungen durch ihre Aktivitäten den Anstoß für einschneidenden sozialen Wandel geben (vgl. Crossley 2002a, 7ff).

(2) Dieter Rucht (2002) weist darauf hin, dass vieles, was wir heute als selbstverständlich ansehen, auf die erfolgreichen Kämpfe der sozialen Bewegungen zurückgeht. Dazu gehören unter anderem die Trennung von Kirche und Staat, die Abschaffung von Ständen und Sklaventum, die Proklamation der Menschenrechte, die staatliche Gewaltenteilung sowie die Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit (vgl. Rucht 2002, 3 o.S.).

Rucht konstatiert bezüglich der Rolle sozialer Bewegungen in der Gegenwartsgesellschaft eine abnehmende Eingriffstiefe. Für ihn war die Studentenbewegung in den 60er Jahren das letzte „aufklärerische Großprojekt“, welche die Gesellschaft grundlegend verändern wollte. Auf demokratischen Grundprinzipien basierende Institutionen machten soziale Bewegungen in gewisser Hinsicht obsolet, indem sie ihnen die Grundlage für eine fundamentale Gesellschaftskritik nahmen. So geht es den heutigen Bewegungen in erster Linie um Reformen und nicht um grundlegende Alternativen zum Bestehenden. „Inhaltlich gesehen verkörpern die heutigen Bewegungen kaum etwas, was nicht schon vorgedacht worden wäre, oder in aufgeweichter Form die Agenden der etablierten Parteien erreicht hätte“ (ebd., 6). Dennoch sind soziale Bewegungen aufgrund ihres lockeren Organisationsgrades wichtig, da sie unbekümmerter und dadurch schneller auf die Bedürfnisse der Bevölkerung reagieren können als traditionelle Institutionen. Somit sind sie ein essentieller Bestandteil für die Interessensvermittlung moderner Demokratien.

Problematisch ist für Rucht teilweise das Image, welches den sozialen Bewegungen von den Massenmedien angehaftet wird. TeilnehmerInnen an Protestmärschen oder sonstigen Formen zivilen Ungehorsams werden schnell als „Chaoten“ oder „Kriminelle“ abgestempelt, ohne dass man sich genauer mit deren Motiven auseinandersetzt. Man muss aber auch feststellen, dass in den letzten Jahren die Gewaltbereitschaft während größerer Demonstrationen zugenommen hat und dadurch das negative Bild untermauert wird. Dem hält Rucht aber dagegen, dass „ein selbstdisziplinierter ziviler Ungehorsam eher als Indikator, denn als Bedrohung demokratischer Werthaltungen angesehen werden kann“ (ebd., 8).

Heutige soziale Bewegungen sind durch zeitlich begrenztes Engagement an bestimmten Kampagnen, von denen man sich jederzeit wieder loslösen kann, gekennzeichnet. Mit dem Schwinden der Eingriffstiefe sozialer Bewegungen geht aber gleichzeitig ein quantitativer Anstieg bewegungsförmiger Proteste einher, sodass man von einer Bewegungsgesellschaft sprechen kann. Der Protest als Maßnahme zur Interessenartikulation diffundiert in alle gesellschaftlichen Schichten (vgl. ebd., 5ff). Jürgen Habermas schätzt die Bedeutung sozialer Bewegungen etwas höher ein als Rucht. Sie stellen für ihn eine Art „Schutzschild“ gegen die „Kolonialisierung der Lebenswelt“ (Habermas 1984) dar. Darauf werde ich weiter unten noch genauer eingehen.

(3) Der Systemtheoretiker Niklas Luhmann lässt an sozialen Bewegungen kein gutes Haar. So können sie für ihn nur auf Probleme einer Gesellschaft aufmerksam machen, dazu aber keine Alternative liefern. Wenn sie die Gesellschaft beschreiben, dann machen sie dies aus der Perspektive eines Außenstehenden (vgl. Luhmann 1996, 75f).

Laut dieser Ansicht sind Mitglieder neuer sozialer Bewegungen meist nicht direkt von den Problemen, die sie thematisieren, betroffen. Sie würden durch die Mobilisierung ihr Mitgefühl für diejenigen zeigen, die betroffen sind (vgl. ebd., 189). Dabei würden sie vergessen, das Gesamtsystem zu hinterfragen. Ohne Rücksicht auf die Selbstbeschreibung der Funktionssysteme nehmen sie sich die Freiheit, auf Probleme aufmerksam zu machen. Dazu brauchen sie die Unterstützung der Massenmedien (vgl. ebd. 191f).

Luhmann bezeichnet den Protest als das wesentliche Element sozialer Bewegungen. Er weist aber darauf hin, dass es auf der anderen Seite immer jemanden geben muss, auf den sich der Protest bezieht. Die Protestbewegung ist also nur ihre eigene Hälfte und meistens macht die andere Hälfte wenig beeindruckt genauso weiter wie bisher (vgl. ebd. 205).

Christian Fuchs (2006a) widerspricht Luhmanns Ansichten energisch. Für ihn sind soziale Bewegungen nur in dem Sinne reaktiv, als sie auf Probleme reagieren. Fuchs sieht sie im Gegenteil als proaktiv an, da sie etwas verändern wollen. Progressiver kritischer Protest ist für Fuchs ein entscheidendes Element einer funktionierenden Demokratie, die sich dadurch von einem totalitären Regime unterscheidet (vgl. Fuchs 2006a, 125).

Inwiefern Protestbewegungen die Selbstorganisation sozialer Systeme beeinflussen, wird mich weiter unten noch beschäftigen.

Die nächsten beiden Unterkapitel liefern einen theoretischen Einstieg für mein Hauptforschungsinteresse. Dabei möchte ich der Frage auf den Grund gehen, ob sich in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung eine allgemein anerkannte Erklärung für die Entstehung sozialer Bewegungen etabliert hat.

1.3 Entstehungstheorien für Soziale Bewegungen

Dieser Teil wird sehr umfassend, sodass es einer kurzen Einleitung hinsichtlich der Strukturierung bedarf. Zuerst stelle ich den Stand der Forschung dar, indem ich mich auf die Einteilung nach Hellmann (1996), McAdam (1996) und Della Porta/Diani (1999) beziehe. Im nächsten Kapitel treffe ich meine persönliche Kategorisierung, die sich in zwei große Theorieblöcke unterteilt.

1.3.1 Stand der Forschung

„The concept <social movement> is a theoretical nightmare” (Marwell/Oliver 1984 zit. nach Hellmann 1996, 38).

Diese Aussage bringt die Schwierigkeit, das Phänomen soziale Bewegungen theoretisch zu erfassen, auf den Punkt. Für Hellman (1996) verfügt die Bewegungsforschung über keine eigene Theorie und ist daher gezwungen, auf Theorieangebote von Außen zurückzugreifen. Dazu bieten sich zum einen sozialpsychologische Konzepte an, die auf der Mikroebene die Motivation und Mobilisierung von Individuen untersuchen. Andererseits ermöglichen auch strukturfunktionale Theorien über die Makroebene einen Zugang, indem die gesamtgesellschaftlichen Rahmenbedingungen für das Aufkommen von Protest beschrieben werden. Schließlich kann man noch handlungstheoretische Erklärungsansätze verfolgen. Diese stellen den Menschen als rational denkendes Individuum in den Vordergrund, der unabhängig von strukturellen Rahmenbedingungen handelt.

Der amerikanische Ressourcenmobilisierungs-Ansatz (RM), der „Rational Choice“ Überlegungen entspringt, besagt, dass mehr als relative Deprivation oder strukturelle Spannungen vorherrschen müssen, damit soziale Bewegungen entstehen. Somit erweitert er für Hellmann den Collective Behaviour-Ansatz (CB), wonach soziale Bewegungen völlig unorganisiert und spontan entstehen, sondern setzt eine Kombination günstiger bzw. ungünstiger Bedingungen voraus.

In Europa hat sich in den 1980er Jahren der New Social Movement-Ansatz (NSM) herausgebildet, der wiederum auf den Collective Behavior-Ansatz zurückgeht. Bald sah man es laut Hellmann als große Herausforderung an, diesen Ansatz mit dem RM Ansatz zu kombinieren. Dabei spielt das Mikro/Makro Schema eine entscheidende Rolle, welches in neueren wissenschaftlichen Beiträgen um die Mesoebene ergänzt wurde. Hellman erkennt in diesem Zusammenhang drei Ebenen, auf denen sich die Bewegungsforschung hauptsächlich bewegt: auf der Mikroebene der Individuen, auf der Mesoebene der sozialen Bewegungen und auf der Makroebene der Gesellschaft. Entscheidend für die Entstehung einer sozialen Bewegung ist, dass Probleme auch als solche wahrgenommen werden. Hierauf liefert der handlungstheoretische Ansatz für Hellmann mögliche Antworten (vgl. Hellmann 1996, 31ff).

Für McAdam (1996) haben sich in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit sozialen Bewegungen drei Faktoren herauskristallisiert, anhand derer man vergleichende Aussagen treffen kann. Es sind dies:

(1) Die Struktur der politischen Möglichkeiten und Einschränkungen für die Bewegung. Damit beschäftigt sich der Political Process (PP)- bzw. der Political Opportunity (PO)-Ansatz.
(2) Die Organisationsform und mobilisierende Strukturen, womit sich der amerikanische RM-Ansatz intensiv auseinandersetzt.
(3) Die gemeinsame Haltung und Ansichten einer bestimmten Gruppe, welche aus gegebenen Möglichkeiten dann Strukturen entstehen lassen. (so genanntes „Framing“) (vgl. McAdam 1996, 2).

Im Zusammenspiel von politischen Möglichkeiten, mobilisierenden Strukturen und Framing lässt sich die Entstehung und Entwicklung sozialer Bewegungen gut beschreiben. Fest steht, dass diese Elemente voneinander abhängig sind. Um sich organisieren zu können, müssen die politischen Möglichkeiten gegeben sein. Um sich organisieren zu wollen, muss es ein gemeinsames Anliegen geben. Weiters kann mit diesen Faktoren die spezifische organisatorische Form einer sozialen Bewegung erklärt werden. So wurden bestimmte Dimensionen eines politischen Systems herausgearbeitet, welche die Struktur einer Bewegung maßgeblich beeinflussen. Es sind dies:

- Die relative Offenheit bzw. Geschlossenheit eines institutionalisierten politischen Systems
- Die Stabilität und Präsenz der politischen Elite
- Der staatliche Hang und die staatlichen Möglichkeiten zu politischer Unterdrückung

(vgl. ebd., 7ff)

Die politischen Möglichkeiten und Beschränkungen spielen auch für den weiteren Verlauf der Bewegung eine entscheidende Rolle. Hier muss man festhalten, dass eine bereits etablierte und aktive Bewegung ihre Möglichkeiten durch Interaktion mit der Umwelt in einem gewissen Ausmaß selber gestalten kann. Vertreter aller Ansätze sind sich einig, dass eine Bewegung, auch wenn sie spontan entstanden ist, eine bestimmte Organisationsform entwickeln muss, um längere Zeit bestehen zu können. Um öffentliche Aufmerksamkeit zu bekommen, verfolgen sie so genannte „disruptive tactics“, also z.B. Protestmärsche oder Sitzstreiks. So paradox es auch klingen mag, aber laut McAdam profitieren soziale Bewegungen von einem radikalen, gewaltbereiten Block in ihren Reihen. Haines (1988) hat in seinen Analysen aufgezeigt, dass dadurch der moderate Teil einer Bewegung, der dieselben Interessen wie die Radikalen verfolgt, automatisch mehr Sympathien der Öffentlichkeit bekommt. Dieses Phänomen wird als „radical flank effect“ bezeichnet. Generell kann man sagen, dass bei der Entstehung einer sozialen Bewegung die politischen Möglichkeiten und Rahmenbedingungen noch eine entscheidende Rolle spielen, ihr weiteres Schicksal aber in ihren eigenen Händen liegt (vgl. ebd., 12ff).

Die framing Prozesse innerhalb einer Bewegung verändern sich im Laufe der Zeit stark. Je länger eine Bewegung etabliert ist, desto mehr werden die Prozesse von bewussten, strategischen Entscheidungen der Bewegungsorganisation geprägt. Außerdem spielt das Verhältnis der Bewegung zum Staat oder zu eventuellen Gegenbewegungen eine tragende Rolle. Je gefestigter und einflussreicher eine Bewegung wird, desto mehr Beachtung und Aufmerksamkeit bekommt sie von anderen Institutionen (vgl. ebd., 16f).

Donatella della Porta und Mario Diani unterscheiden vier theoretische Ansätze für die Entstehung sozialer Bewegungen. Neben dem NSM- und dem RM-Ansatz diskutieren sie noch den Collective Behaviour- sowie den Political Process- Ansatz (vgl. Della Porta/Diani 1999).

Dabei ist für sie die rationale Handlung der Individuen der entscheidende Aspekt („ collective movement is a rational, purposeful and organized action “, Della Porta/Diani 1999, 7). Demzufolge entscheiden Mitglieder einer sozialen Bewegung nach Kosten/Nutzen- Kriterien ob sie sich darin engagieren. Reine Verzweiflung und Frustration spielen eine nebensächliche Rolle. Die Mitglieder werden aus allen gesellschaftlichen Schichten rekrutiert und müssen nicht unbedingt am Ende der sozialen Leiter angesiedelt sein (vgl. ebd., 7f).

Della Porta und Diani konnten im Laufe der 1960er und 70er Jahre beobachten, dass sich in Europa viele SoziologInnen mit der Entstehung der neuen Sozialen Bewegungen auseinandergesetzt haben. Dabei ist man von der marxistischen Denkweise, wonach der Konflikt immer zwischen den Kapitalisten und dem Proletariat besteht, abgekehrt. Durch technologische Entwicklungen oder durch die Emanzipation der Frau haben sich neue Konfliktpotentiale ergeben. Melucci greift die Idee von Habermas auf, wonach Neue

Soziale Bewegungen der Verteidigung der Lebenswelt gegen den Staat dienen, um persönliche Autonomie abzusichern. Dieser Ansatz bringt Vorteile für das Verständnis der Entstehung sozialer Bewegungen mit sich. Della Porta und Diani nennen jedoch einen augenscheinlichen Nachteil. So werden die entscheidenden Mechanismen, die vom Konflikt schließlich zur gemeinsamen Aktion führen, nicht analysiert (vgl. ebd., 11ff).

Nick Crossley fasst die Entwicklung in der theoretischen Auseinandersetzung mit sozialen Bewegungen folgendermaßen zusammen.

the central claim of new social movements theorists is that societies of the post 1960 era have entered a new stage of developement in their history in which the contradictions which dogged earlier eras have been displaced into new forms of conflict (Crossley 2002a, 14).

1.4 Persönliche Einteilung

In den gegenwärtigen Gesellschaften dominieren meiner Auffassung nach der europäische New Social Movement-Ansatz (NSM) und der nordamerikanische Ressourcenmobilisierungs-Ansatz (RM) die theoretische Diskussion zur Entstehung von sozialen Bewegungen. Danach gliedert sich auch meine persönliche Einteilung für Entstehungstheorien.

Ich meine, dass sich diese Unterscheidung sehr gut anbietet, weil hier die Dichotomie zwischen Struktur und Handlung am deutlichsten hervorgeht. Crossley (2002a) weist auf dieses Problem, welches die theoretische Auseinadersetzung mit sozialen Bewegungen prägt, hin: „I argue that a major fault line in all the theories we have discussed hitherto is the problem of agency and structurel...]” (Crossley 2002a, 168).

Aus meinen bisherigen Ausführungen geht hervor, dass die NSM-Theorie mit dem Collective Behaviour-Ansatz einige Gemeinsamkeiten hat. Diese Strömung sieht die Ursache für das Entstehen sozialer Bewegungen in strukturellen Problemen („structural strains“). Ausgehend von dieser marxistischen Denkweise haben sich europäische Wissenschaftler ab den 1970er Jahren die Frage nach den aktuellen Problemen gestellt. Daraus hat sich der NSM-Ansatz herausgebildet. Durch die Konzentration auf die Strukturebene wird die Akteursebene aber gänzlich vernachlässigt (vgl. ebd., 10).

Der Political Process-Ansatz bzw. der Political Opportunity-Ansatz stehen dem RM- Ansatz nahe. Sie entspringen alle der Rational Actor Theory (RAT), welche für Crossley sehr problematisch ist. „They understand movements as a demand for certain sorts of change, akin to economic demand, but never inquire into the origin of that demand.” (ebd., 169).

Crossley weist auf den Paradigmenwechsel hin, der in der amerikanischen Wissenschaft Ende der 1970er Jahre stattgefunden hat. So wurden die Erkenntnisse des CB-Ansatzes immer mehr in Frage gestellt und man konzentrierte sich darauf, die mobilisierenden und organisatorischen Prozesse empirisch zu untersuchen. Es gäbe keinen direkten Zusammenhang zwischen „strains“ bzw. „grievances“ und der Entstehung einer sozialen Bewegung. Vielmehr sollte man sich mit der Bildung von Netzwerken und Mobilisierung von Ressourcen befassen (vgl. ebd., 11f). Der Fokus liegt hier also auf der Akteursseite, wo hingegen die Strukturen vernachlässigt werden.

Obwohl sie oft als eigenständige Theorien diskutiert werden, ordne ich den PP- und den PO-Ansatz dem RM-Ansatz unter. Meiner Meinung nach kann die Struktur eines politischen Systems als eine entscheidende Ressource für die Entstehungsmöglichkeit einer sozialen Bewegung betrachtet werden.

Eduardo Canel (1992) hat in einem Aufsatz versucht, die beiden Ansätze und ihre Modifikationen näher zu erklären und gegenüber zu stellen. Traditionelle Theorien sahen den Auslöser für die Herausbildung sozialer Bewegungen in allgemeiner Unzufriedenheit hervorgerufen durch wirtschaftliche Krisen. Sowohl der NSM- Ansatz als auch der RM- Ansatz betonen, dass noch mehrere unterschiedliche Faktoren hierbei eine Rolle spielen. Einer dieser Faktoren ist das Framing-Konzept, das bereits in der Aufzählung von McAdam erwähnt wurde. Dies lässt sich meiner Meinung nach dem RM-Ansatz zuordnen, da Frames eine mobilisierende Ressource sind.

Wie oben schon angemerkt, sind beide Ansätze in gewisser Hinsicht reduktionistisch und können alleine keine hinreichende Erklärung für die Entstehung sozialer Bewegungen liefern. Deshalb stelle ich Kapitel 1.5 zwei dialektischen Herangehensweisen vor, welche die Theorien miteinander verbinden.

1.4.1 New Social Movement Theory

Der NSM-Ansatz erkennt zwei Reduktionismen, auf die sich der Marxismus stützt und die es ihm verwehrt haben, Neue Soziale Bewegungen zu verstehen. Zum einen gehen ökonomisch reduktionistische Theorien davon aus, dass jede gesellschaftliche Formation von einer einzigen ökonomischen Logik determiniert wird. Zum anderen sehen klassenreduktionistische Ansätze die soziale Klasse als wesentliche identitäts stiftende Determinante eines menschlichen Individuums. Die neuen sozialen Bewegungen thematisieren jedoch Probleme wie Geschlechtergleichberechtigung, ökologische Nachhaltigkeit, Frieden oder Gestaltungsmöglichkeiten einer alternativen Globalisierung, völlig unabhängig von wirtschaftlichen oder klassenspezifischen Zwängen (vgl. Canel 1992, o.S.).

Wie schon erwähnt geht der NSM-Ansatz auf den Collective Behaviour-Ansatz zurück (vgl. Hellmann 1996). Della Porta und Diani betonen, dass dieses kollektive Handeln durch große ökonomische, technologische, politische und kulturelle Transformationen hervorgerufen wird. Wenn bestehende Strukturen keine passenden Rahmenbedingungen für die Veränderungen liefern können, so entstehen schnell Frustration und Deprivation. Aus diesen Gefühlszuständen heraus, die eigentlich auf der individuellen Mikroebene anzusiedeln sind, bilden sich durch gemeinsames Verhalten Makrostrukturen (vgl. Della Porta/ Diani 1999, 5f).

Nick Crossley behauptet interessanter Weise, dass der CB-Ansatz auch in der amerikanischen Soziologie lange Zeit vorherrschend war, ehe er durch einen Paradigmenwechsel vom RM-Ansatz Anfang der 1970er Jahre abgelöst wurde. Auch er hebt hervor, dass soziale Bewegungen dem CB-Ansatz zufolge als Antworten auf Deprivationen, strukturelle Spannungen und Missstände entstehen. Die Protestaktionen werden als irrationale psychologische Handlungen gesehen, welche zum größten Teil von gesellschaftlich isolierten Individuen ausgeführt werden (vgl. Crossley 2002, 11).

Ein wichtiger Vertreter dieses Ansatzes ist Neil Smelser, der mit seinem „Value Added“ Modell die strukturellen Rahmenbedingungen für das Entstehen sozialer Bewegungen aufgezeigt hat (vgl. Crossley 2002a). Damit werde ich mich in Kapitel 1.4 noch ausführlich auseinandersetzen.

Die berühmtesten Vertreterinnen des NSM-Ansatzes sind Jürgen Habermas, Claus Offe, Ernesto Laclau, Chantal Mouffe, Alberto Melucci sowie Alain Touraine. Sie alle sehen den Auslöser für soziale Bewegungen in strukturellen als auch politischen Änderungen. (vgl. Canel 1992 o.S.)

Diese Haltung geht auf eine strukturalistische marxistische Tradition zurück. Habermas und Offe wurden stark von der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule (Adorno, Horkheimer) beeinflusst, Laclau und Mouffe vom französischen strukturalistischen Marxismus (Althusser, Balibar) (vgl. Fuchs 2006a, 103).

Habermas sieht die neuen sozialen Bewegungen als Verteidigung der so genannten „Lebenswelt“. Die Lebenswelt besteht aus symbolischen Interaktionen die auf gegenseitiges Verständnis abzielen und somit den Akteurinnen Orientierung durch gemeinsame Normen und Werte liefert. Sie wird durch die kommunikative Sphäre einer Gesellschaft zusammengehalten (vgl. Crossley 2002a, 154). Der Lebenswelt stellt Habermas das „System“ gegenüber, bestehend aus Markt und Staat. Hervorgerufen durch die zunehmende Rationalisierung werden die AkteurInnen, die mehr und mehr auf ihren eigenen Profit bedacht sind, in dieses System integriert. Somit wird die heutige Gesellschaft im Gegensatz zu traditionellen Gesellschaften, wo es nur die Lebenswelt gab, immer unpersönlicher. Die Einführung einer einheitlichen Zahlungsmittels in Form von Geld hat die Ökonomisierung und Bürokratisierung weiter vorangetrieben. Genauso wie es in der Lebenswelt zu „Legitimitätskrisen“ kommen kann, können sich auch „Systemkrisen“ auftun (vgl. Crossley 2002, 156f).

Für Habermas entsteht eine Krise dann, wenn die Steuerungsmechanismen wie Staat oder Massenmedien die soziale Integration stören. „Als Krisen wirken sich diese Systemungleichgewichte freilich erst aus, wenn die Leistungen von Ökonomie und Staat manifest unterhalb eines etablierten Anspruchsniveaus bleiben und die symbolische Reproduktion der Lebenswelt beeinträchtigen, indem sie dort Konflikte und Widerstandsreaktionen hervorrufen“ (Habermas 1984, 565).

Habermas bezeichnet das derzeitige Eindringen des Staates und des Marktes in den privaten Lebensbereich als „Kolonialisierung der Lebenswelt“. Dadurch werden kollektive Identitäten entfremdet und verunsichert, was durch eine „Verdinglichung der kommunikativen Alltagspraxis gekennzeichnet“ (ebd., 566) ist.

Der Staat kolonialisiert die Lebenswelt seit dem Aufkommen des Wohlfahrtsstaates, was zu einer stärkeren gesetzlichen Regulierung und zunehmender Bürokratisierung des Lebens führt. Der Markt breitet sich im Zuge einer voranschreitenden Ökonomisierung ebenfalls auf die Lebenswelt aus. Die ökonomischen Transaktionen können aber das identitätsstiftende Element der kommunikativen Handlungen nicht ersetzen (vgl. Crossley 2002a, 158f). Crossley berichtigt Habermas und merkt an, dass diese zweifache Kolonialisierung im gegenwärtigen neoliberalen Wirtschaftsystem eindeutig von der Achse der Ökonomie dominiert wird und den Wohlfahrtsstaat verdrängt (vgl. ebd., 166). Habermas sieht in den neuen sozialen Bewegungen nicht mehr den Verteilungskonflikt zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer als entscheidend. Die Entstehungsgründe liegen in Bereichen der kulturellen Reproduktion, der sozialen Integration und der Sozialisation(Habermas 1984, 576). Wird die Lebenswelt vom ökonomischen System kolonialisiert, so entsteht „eine Konfliktlinie zwischen dem Zentrum der am Produktionsprozess unmittelbar beteiligten Schichten, die ein Interesse daran haben, das kapitalistische Wachstum als Grundlage des sozialstaatlichen Kompromisses zu verteidigen, und einer bunt zusammengewürfelten Peripherie auf der anderen Seite. “ (ebd., 577)

Diese bunt zusammengewürfelte Peripherie sind die Neuen Sozialen Bewegungen. Sie thematisieren die Missstände und die Belastungen, die sich durch die Kolonialisierung der Lebenswelt ergeben. In einer außerparlamentarischen Opposition bilden sie eine kommunikative Sphäre, welche als Gegenpol zum bürokratisierten Staatsapparat fungiert (vgl. Crossley 2002, 161 f). Diese heterogene Gruppe spricht in erster Linie Umweltprobleme, Probleme der Überkomplexität und Überlastungen der kommunikativen Infrastruktur an. Gemeinsamen ist ihnen eine allgemeine Wachstumskritik (vgl. Habermas 1984, 579ff).

Die Theorie der Kolonialisierung der Lebenswelt von Habermas ist ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit und wird noch öfter aufgegriffen werden.

Claus Offe erklärt soziale Bewegungen im Kontext von spätkapitalistischen Gesellschaften und thematisiert die widersprüchliche Rolle des kapitalistischen Staates, der sowohl die Bedingungen für Kapitalakkumulation als auch bürgerliche Gesetzmäßigkeit gleichzeitig herstellen muss. Er bezeichnet das politische System als einen Filtermechanismus, der nur ausgewählte Informationen durchsickern lässt und somit die freie Meinungsäußerung stark einschränkt. Auch für ihn muss das Aufkommen sozialer Bewegungen als Reaktion auf die immer größer werdenden Beherrschungen und Ausschließungen durch das kapitalistische System verstanden werden (vgl. Canel 1992, o.S.).

Alain Touraine sieht das Entstehen neuer sozialer Bewegungen im Aufkommen eines neuen, postindustriellen Gesellschaftstyps, der eine neue Kultur und ein Feld für neue soziale Konflikte und Bewegungen geöffnet hat (vgl. Canel 1992 o.S.). Früher waren soziale Bewegungen in ihrer Selbstproduktion durch eine höhere Macht beschränkt, sie konnten ihre „Historizität“ nicht entfalten. Historizität ist ein wichtiger Begriff bei Touraine. Er versteht darunter die Fähigkeit, durch kulturelle Muster neue historische Erfahrungswerte zu produzieren (vgl. Touraine 1985, 778).

Für Touraine (1985) müssen drei Grundvoraussetzungen gegeben sein, damit man von sozialen Bewegungen sprechen kann. Zum einen muss die Identität der AkteurInnen klar hervorgehen. Zweitens müssen die Gegnerinnen definiert werden und drittens das kulturelle Feld, auf dem die Bewegung agiert, klar abgesteckt sein. Darüber hinaus erkennt Touraine gewisse Schranken für die Formation einer Bewegung. Ein totalitäres Regime oder ein absoluter Staat unterdrücken die Mobilisierung und Bildung kollektiver Identitäten. Auch der klassische „Homo oeconomicus“, ein Mensch, der nur nach seinem eigenen Profit trachtet, ist nicht bereit, sich solidarisch mit einer Bewegung zu zeigen. Damit übt Touraine indirekt Kritik am amerikanischen Ressourcenmobilisierungs­Ansatz, der von rational denkenden AkteurInnen ausgeht (vgl. ebd., 760ff).

Touraine sagt, dass die Neuen Sozialen Bewegungen in den westlichen Demokratien durch keine höhere Macht unterdrückt werden und sich frei entfalten können. Für sie bestehe das Haupthindernis im so genannten „Utilitarismus“, das Prinzip der Nützlichkeit, nach dem der/die Einzelne entscheidet (vgl. ebd., 779). Jede/r Akteurin stellt sich also die entscheidende Frage: „Was bringt es mir persönlich, wenn ich mich einer Bewegung aktiv anschließe?“

Generell hebt Touraine die Bedeutung der individuellen Entscheidung hervor. Dadurch distanziert er sich vom streng orthodoxen Marxismus, wonach der/die einzelne ArbeiterIn von der zentralen Macht des Staates dominiert wird und über sein/ihr Schicksal nicht selber bestimmen kann (vgl. ebd. 766f).

Touraine sieht in jeder Gesellschaft einen zentralen Konflikt, um den sich die verschiedenen sozialen Bewegungen drehen. Dieser Konflikt sei heute kultureller, moralischer Art, umfasst also nicht die Produktion materieller, sondern symbolischer Werte wie z. B. Information. Im Unterschied zu rein historischen Bewegungen ginge es nicht um die Beziehung der/des Einzelnen zum Staat (vgl. ebd., 773f).

Crossley sieht es wie Habermas und widerspricht Touraine, dass es in jeder Gesellschaft nur einen zentralen Konflikt gäbe (vgl. Crossley 2002a, 153). Auch ich bin der Meinung, dass Touraine hier eine reduktionistische Denkweise vertritt. Die heutige Gesellschaft ist stark differenziert, die Interessen sind weit gestreut. Daher glaube ich nicht, dass ein zentraler Konflikt identifiziert werden kann.

Im Gegensatz zu Touraines Ansicht, welcher das Soziale vom Politischen scharf trennt, sehen Laclau und Mouffe in der Möglichkeit der politischen Artikulation den Hauptgrund für das Entstehen sozialer Bewegungen. Vor allem die „demokratische Revolution“, die mit der französischen Revolution ihren Anfang fand, hat den demokratischen Diskurs ins Rollen gebracht. Somit wurden Werte wie Freiheit und Gleichheit ins Zentrum des sozialen Lebens getragen.

Für Laclau und Mouffe (1985) sind soziale Bewegungen Antworten auf Antagonismen, welche die strukturellen Transformationen nach dem 2. Weltkrieg mit sich gebracht haben. Diese Transformationen zeigen sich in fundamentalen Änderungen der Produktion, im Staat und in der Kultur. Generell ist eine wachsende Kommodifizierung, Bürokratisierung, und Massifikation des sozialen Lebens zu beobachten (vgl. Canel 1992, o.S.).

VertreterInnen der NSM-Theorien sehen einen Bruch bzw. eine Diskontinuität zu den alten Bewegungen. Ihre Mitglieder lassen sich nicht in eine soziale Klasse pressen, sondern haben völlig unterschiedliche Wurzeln. Neue Soziale Bewegungen sind primär mit der Schaffung symbolischer Themen und neuer Identitäten beschäftigt. Sie arbeiten im Gegensatz zu politischen Parteien und Handelsgesellschaften auf der kommunikativen Ebene und stehen für kulturelle Reproduktion, Soziale Integration, und Sozialisation. „They fight for their right to realize their own identity” (ebd.).

Die neuen sozialen Bewegungen haben eine breite Palette an Themen: die Beseitigung von Diskriminierung und Unterdrückung, die Ablehnung von traditionellen Rollen (ArbeiterIn, VerbraucherIn, usw.), die kulturelle und praktische Neudefinierung unserer Beziehung zur Natur und die Begründung neuer Identitäten. Sie verschreiben sich den

Werten der Gleichheit und Partizipation, der Autonomie des Individuums, der Demokratie und der Pluralität (vgl. Laclau/Mouffe 1985 nach Canel 1992, o.S.)

Für Torraine und Offe hat sich der Raum des sozialen Konflikts von der politischen Sphäre auf die Zivilgesellschaft und die Kultur verschoben. Auch in der Organisationsform unterscheiden sie sich von den alten Bewegungen. In einer sehr losen Organisationsform mit flachen Hierarchien gibt es kaum einen Unterschied zwischen FührerInnen und Geführten. Die neuen Bewegungen sind durch eine starke demokratische Partizipation gekennzeichnet (vgl. ebd.).

Alberto Melucci bezeichnet diese Konstruktion eines Handlungssystems mit losem Organisationsgrad als kollektive Identität. Diese Identität wird von den AkteurInnen produziert und dient in weiterer Folge als Orientierungs- und Handlungsgrundlage (vgl. Melucci 1999, 117).

Mit dem Begriff der kollektiven Identität hat sich auch der deutsche Bewegungsforscher und Soziologe Roland Roth auseinandergesetzt. Er versteht darunter den „Kitt“, der eine größere Bewegung über einen längeren Zeitraum zusammenhält. Worin dieser Zusammenhalt genau besteht, ist unklar. Wichtige Komponenten in diesem Zusammenhang sind Habitus, Bewusstsein, Erfahrungen, Solidarität, Konflikte oder emotionale Bindungen. Roth stellt sich die Frage, was einen Menschen nun dazu bringt, sich in eine Menschenmenge einzuordnen. Antworten darauf lassen sich sowohl auf kultureller, als auch auf sozialpsychologischer Ebene finden. Zum einen ist der Grad an Gemeinschaftsbewusstsein und Solidarität von Kultur zu Kultur verschieden und determiniert somit das Ausmaß an kollektiven Handlungen. Zum anderen erfreuen sich sozialpsychologische Ansätze in der Bewegungsforschung immer größeren Interesses. Angelehnt an Melucci (1996) sieht Roth in der Kognition, der Interaktion und der Emotion die entscheidenden Dimensionen einer kollektiven Identität. Zuerst müssen Ziele, Mittel und Handlungsfelder kognitiv definiert werden, damit sich ein Netzwerk aktiver Beziehungen herausbilden kann. Dieses Netzwerk kann nur durch emotionale Bindung der Mitglieder zu einer starken, längerfristigen Bewegung werden (vgl. Roth 1998, 52ff).

Die Besonderheit der kollektiven Identität sozialer Bewegungen liegt im oppositionellen Charakter. Dies macht soziale Bewegungen im hohen Maße vom Verhalten ihrer GegnerInnen und ihres Publikums abhängig (vgl. ebd., 55).

Alain Touraine hat viele soziale Bewegungen untersucht, da sie für ihn den Schlüssel zum Verständnis der Gegenwartsgesellschaft bildeten. Er erkennt einen Übergang („Mutation“) von der industriellen in eine postindustrielle Gesellschaft, in der Ökonomie und Gesellschaft immer stärker miteinander verschmelzen. Ähnlich wie Habermas kritisiert er, dass der „technokratische Staat“ das Netz sozialer Beziehungen zerstört und daher soziale Bewegungen als potentielle Gegenspieler dieser Entwicklung angesehen werden können. Dabei wird die kollektive Identität in 6 Etappen gebildet. 1. Niedergang der alten sozialen Bewegungen, 2. kulturelle Krise der Industriegesellschaft, 3. große Weigerung der Protestgruppen, 4. Kritik am Staat, 5. Rückzug in kommunitäre Projekte, 6. populistische Mobilisierung. Neue Soziale Bewegungen agieren auf der letzten Stufe dieses Übergangs (vgl. Touraine 1978 nach Roth 1998, 57f).

1.4.2 Ressourcenmobilisierungs-Theorie

Während die NSM-Theorie die Entstehung sozialer Bewegungen von der Makroebene betrachtet, konzentriert sich die Ressourcenmobilisierungs-Theorie auf die inneren Zusammenhänge. Der Fokus liegt auf Strategieentwicklung der einzelnen Akteure und Akteurinnen und wie sie mit ihrer Umwelt interagieren, um ihre Ziele zu verfolgen (vgl. Canel 1992, o.S.).

Wie schon erwähnt geht der RM-Ansatz auf den Rational Choice Ansatz zurück, welcher wiederum Wurzeln im symbolischen Interaktionismus nach Herbert Blumer hat. All diese Ansätze kann man in die Kategorie der Akteurs- und Handlungstheorien einordnen.

Die RM Theorie widerlegt den CB-Ansatz, welcher kollektives Verhalten als nicht institutionelle, irrationale Antwort derjenigen sieht, die vom sozialen Wandel ausgeschlossen wurden. Die RM Theoretiker behaupten, dass die AkteurInnen in diesen Bewegungen durchaus gut integrierte, rationale Individuen oder Gruppen seien, die ihre eigenen Interessen verfolgen wollen (vgl. Cohen 1985 nach Canel 1992, o.S.). Soziale Deprivation und Frustration seien also nicht der alleinige Grund für das Entstehen von neuen sozialen Bewegungen.

Canel unterscheidet zwischen 2 Modellen: zum eine das „politisch interaktive Modell“ (z.B. Tilly, Gamson, Obersam, McAdam), welches dem Political Process-Ansatz sehr nahe steht und zum anderen das „organisatorische unternehmerische Modell“ (z.B.

McCarthy/Zald). Das erste untersucht die Prozesse, welche soziale Bewegungen entstehen lassen. Das Hauptinteresse liegt an den bestehenden Möglichkeiten für kollektive Handlungen und an der Rolle bereits bestehender Netzwerke. Das zweite Modell fokussiert organisatorische Dynamiken, Führungswesen und Ressourcenmanagement.

Es wird argumentiert, dass mit dem Aufkommen des Wohlfahrtsstaates auch die Mobilisierung von Bewegungen stark zugenommen hat. Je wohlhabender eine Gesellschaft ist, desto mehr Ressourcen für die Rekrutierung stünden zur Verfügung. Unter Mobilisierung versteht man den Prozess, in dem einzelne Gruppen Ressourcen ansammeln und sie unter kollektive Kontrolle setzen. Ressourcen können sowohl materiell (Geld, Organisatorische Einrichtungen, Arbeitskraft und Kommunikationsmittel) als auch nicht-materiell (Legitimität, Loyalität und Solidarität) sein (vgl. ebd.).

Für McAdam geht der RM-Ansatz genauer auf mobilisierende Strukturen und Organisationsformen ein und sieht soziale Bewegungen als formelle Organisationen (Social Movement Organization). „By mobilizing structures we mean those collective vehicles, informal as well as formal, through which people mobilize and engage in collective action. ” (McAdam 1996, 3). Auch der PP-Ansatz beschäftigt sich mit organisatorischen Dynamiken, sieht diese aber nicht so streng formell und schematisch (vgl. ebd., 3f)

Der Prozess der Mobilisierung wird von vier verschieden Faktoren bestimmt, nämlich der Organisation, der Führung, den politischen Möglichkeiten und der Beschaffenheit politischer Institutionen. Soziale Netzwerke sind durch Gruppenzusammengehörigkeit und ihre starken horizontalen Verbindungen der Schlüsselfaktor für kollektive Handlungen. Dadurch werden die Gruppenidentität, Gruppensolidarität und die Entwicklung von Führungsqualitäten gefördert (vgl. Canel 1992, o.S.).

Die Struktur der politischen Möglichkeiten hängt davon ab, ob das politische System förderlich oder hinderlich für kollektive Aktionen ist. Entscheidend ist zum Beispiel, wie stark die Bürgerrechte respektiert werden. Tilly behauptet in diesem Zusammenhang, dass die relative Offenheit eines politischen Systems gegenüber dem Interesse neuer Gruppen auch deren Aktivität beeinflusst (vgl. Tilly 1985 nach Canel 1992, o.S.).

Dem kann entgegengehalten werden, dass die AkteurInnen der Neuen Sozialen Bewegungen bereits im politischen System integriert sind, jedoch Zugang zu den entscheidungstragenden Positionen erlangen wollen.

Ash-Garner und Zald vertreten ebenfalls die Ansicht, dass das Auftreten und die Natur von sozialen Bewegungen abhängig sind von der Größe des öffentlichen Sektors, dem Grad der Zentralisation von Staat und Regierung und der Natur der existierenden politischen Parteien (vgl. Ash-Garner/ Zald 1987 nach Canel 1992 o.S.).

Nach McAdam (1996) lassen sich, wie oben schon behandelt, mit politischen Möglichkeiten, mobilisierenden Faktoren und dem Framing drei Elemente nennen, anhand derer man vergleichende Aussagen über soziale Bewegungen treffen kann.

Mit den politischen Möglichkeiten hat sich vor allem der PP Ansatz auseinandergesetzt. Amerikanische Wissenschaftler (z.B. Tilly, Mc Adam, Tarrow) untersuchten, inwiefern politische Strukturen und politischer Wandel sich auf die Entstehungsmöglichkeiten sozialer Bewegungen auswirken können. In Europa (z.B. Kriesi, Koopmans, Rucht) hat man länderübergreifende Vergleichsstudien durchgeführt, um die unterschiedlichen politischen Rahmenbedingungen für ein und dieselbe soziale Bewegung aufzuzeigen. Beiden Strömungen liegt die Annahme zu Grunde, dass soziale Bewegungen durch politische Möglichkeiten bzw. Beschränkungen wesentlich geformt werden und diese Umstände von Land zu Land verschieden sind (vgl. McAdam 1996, 2f).

Für Van de Donk (2004) ist der PP- Ansatz ein rationaler Handlungsansatz, der jedoch stark auf das politische System fokussiert ist. Daher wird er auch von manchen Seiten als „politisch reduktionistisch“ kritisiert. Man konzentriert sich stärker auf die interaktive Dynamik zwischen den Bewegungen und ihren Bezugsgruppen und auf die sich verändernden politischen Möglichkeiten. Daher kann man ihn auch als Äquivalent zum Political Opportunities Ansatz sehen. Dabei spielen bestimmte Faktoren, die eigentlich auf der Makro- und Mesoebene anzusiedeln sind, eine wichtige Rolle (vgl. van de Donk 2004, 10).

Crossley weist darauf hin, dass im PP- Ansatz Uneinigkeit darüber herrscht, unter welchen Bedingungen Protest am ehesten entsteht. Man ist sich nicht sicher, ob ein geschlossenes oder ein offenes politisches System dazu förderlich sei. Zum einen erschwert staatliche Repression kollektives Verhalten erheblich, zum anderen macht ein völlig offenes System Protest unnötig (vgl. Crossley 2002a, 106ff).

[...]


[1] Antagonismus: Widerspruch, der nicht ohne weiteres aufhebbar ist; Grundwiderspruch (www.socioweb.de)

Details

Seiten
190
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640947614
ISBN (Buch)
9783640947751
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174320
Institution / Hochschule
Universität Salzburg
Note
1,0
Schlagworte
Globalisierung Neoliberalismus Kapitalismuskritik Protest Riot

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Titel: Die Rolle des Internet in Neuen Sozialen Bewegungen