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Freundschaften im Kindesalter

Zwischenprüfungsarbeit 2005 20 Seiten

Psychologie - Entwicklungspsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Bedeutung von Freundschaften

3.Der Freundschaftsbegriff bei Kindern
3.1 Freundschaftsbegriff bei Kindern
3.2 Entwicklung der Freundschaftsvorstellungen nach Selman

4.Freundschaft als Prozess
4.1 Bedingungen für die Entstehung von Freundschaften
4.2 Auswahl der Freunde
4.3 Freundschaftsbeginn und Aufrechterhaltung
4.4 Dauer und Beendigung von Freundschaften

5.Vorkommen und Merkmale von Kinderfreundschaften
5.1 Verhalten unter Freunden und Nicht-Freunden
5.2 Beste Freunde und lose Freunde
5.3 Gruppenspiel
5.4 Mädchenfreundschaften
5.5 Jungenfreundschaften

6.Zusammenfassung

7.Schlussfolgerung für die Schule

8.Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Überall auf der Welt finden sich Menschen zusammen um gemeinsam Spaß zu haben,

um sich gegenseitig aufzubauen, sich zu vertrauen, sich zu helfen und füreinander dazusein. Unabhängig von der Kultur, vom Alter, von der Religion, der sozialen Schicht oder dem Geschlecht kommt die zwischenmenschliche Beziehung Freundschaft vor. Warum stellen

wir Freundschaften zu anderen Menschen her? Ab wann beginnen Kinder Freundschaften einzugehen und was bedeutet Freundschaft für sie. Mit diesen Fragen möchte ich mich in meiner Belegarbeit auseinander setzen.

Denke ich an meine eigene Kindheit zurück, fällt mir in erster Linie meine beste Freundin ein, mit der ich im Kindergarten und Grundschule befreundet war. Kindheit duftet nach Freundschaft und Abenteuer, nach Zusammenhalt und Spaß. An Unterrichtsszenen aus der Grundschulzeit kann ich mich weniger erinnern, dafür aber umso besser an gemeinsame Erlebnisse und Gefühle mit und für meine Freundin. Ich könnte jetzt noch genau schildern, was ich empfunden habe, wenn wir zusammen Geheimnisse hatten, die Welt zusammen für uns entdeckt haben oder einfach das Glück, zu wissen, dass immer jemand für einen da war. Diese Freundschaft ist unvergleichlich mit den Freundschaften, die wir im Erwachsenenalter eingehen. Kinder haben ein ganz eigenständiges Bild von Freundschaften. In dieser Arbeit werde ich mich näher mit den Freundschaften von Kindern auseinandersetzen.

2. Bedeutung von Freundschaften

Warum brauchen Kinder Freunde? Das ist in diesem Kapitel die zentrale Fragestellung.

Nicht erst im Kindesalter, sondern schon ab dem Kleinkindalter spielen Beziehungen zu gleichaltrigen Kindern eine äußerst wichtige Rolle. Diese Auffassung ist mit der Vorstellung verknüpft, dass Kinder selbst aktiv an ihrer Entwicklung teilhaben und nicht nur von außen geprägt werden wollen, indem sie das von Erwachsenen Vorgegebene einfach hinnehmen.

Das Verhältnis zwischen Eltern und Kind kann ein noch so gutes sein, dennoch können Eltern Freunde nicht ersetzen. Das Eltern-Kind-Verhältnis ist ein einseitiges Verhältnis. Die Eltern haben eher Kontrolle über das Kind als umgekehrt. Die Beziehung ist geprägt von Autorität und Fürsorge seitens der Eltern und Unterordnung und Schutzbedürftigkeit seitens des Kindes (Salisch, 1991, p. 3). Der Vorsprung der Erwachsenen an Lebenserfahrung, an Wissen und Macht kann auch durch einen wenig autoritären Erziehungsstil nicht völlig aufgehoben werden. Dies ist in dieser Lebensphase auch sehr hilfreich, „denn kleine Kinder sind ganz und gar auf Menschen angewiesen, die ihnen Sicherheit, Sinn und Ordnung bieten“ (Krappmann, 1993, p. 45). Ganz anders sieht dagegen die Beziehung zu gleichaltrigen Kindern aus.

Kinder unter sich haben die gleichen Einflussmöglichkeiten, sie können gleichberechtigt den Verlauf von Interaktionen mitbestimmen. Daher ist die Beziehung zu Gleichaltrigen von so großer Bedeutung. Durch diese Beziehung lernen die Kinder Gleichheit und Gleichberechtigung kennen. Kinder erfahren zunächst, dass andere Kinder die gleichen Ansprüche stellen wie sie selbst. Das heißt, sie lernen, dass ihre Sicht der Dinge nicht die einzige ist, sie erfahren dabei, dass andere Kinder ihre Pläne genauso durchsetzen wollen wie sie selbst. Diese erste Erfahrung kann eine schmerzliche sein und verlangt von vielen Kindern ein hohes Tribut. Für Kinder ist es anfangs sehr schwer zu verstehen, dass der eigene Wunsch nicht immer im Vordergrund steht und man manchmal Kompromisse mit anderen Kindern eingehen muss. „Die Interaktion mit Peers stimuliert die sozial-kognitive Entwicklung der Kinder; aus lerntheoretischer Sicht wird viel von Peers gelernt“ (nach Piaget und Wygotski, Asendorpf, 2000, p. 99). Kinder erfüllen füreinander ganz andere Sozialisationsfunktionen als Erwachsene. Innerhalb von Freundschaftsbeziehungen sammeln Kinder Erfahrungen, die ihnen Familie und Schule nicht bieten können. Die so gewonnenen Erfahrungen beeinflussen die soziale, kognitive und moralische Entwicklung des Kindes und sind daher äußerst wichtig für die Kinder. Psychologisch gesehen befriedigen Freundschaften ganz grundlegende

menschliche Bedürfnisse, wie das Bedürfnis nach Nähe und Zuneigung. Für das Wohlbefinden des Menschen sind Beziehungen zu anderen Menschen unerlässlich. Längerfristige Isolation und Einsamkeit führen zu Frust. Wir fühlen uns wohl, wenn wir uns mit anderen Menschen austauschen können, ihre Zuneigung geschenkt bekommen, von ihnen geschätzt werden. In Freundschaften erlebt man diese Werte. Daher bringt es uns Freude mit anderen Menschen gemeinsam aktiv zu sein. Gerade in Kinderfreundschaften spielt dieser Aspekt eine wichtige Rolle. Kinder sind am liebsten im Spiel gemeinsam aktiv. Aber nicht nur, wenn es uns gut geht, wollen wir mit engen Freunden zusammensein. Wenn es uns einmal mies geht, ist es der Freund, der uns trösten darf und uns zur Seite steht (Bachmann, 1996, p. 9). Man hat herausgefunden, dass Kinder, die positive Erfahrungen mit Freunden sammelten, sich ausgeglichener und wohler fühlen als Kinder, die keine Freunde haben (Wagner, 1994, p. 10). „Freunde zu haben korreliert mit positiven individuellen Eigenschaften“ (Asendorpf, 2000, p. 105). Diese Kinder sind auch offener für weitere Freundschaften, da sie sich von solchen Beziehungen angenehme Gefühle und Erlebnisse erhoffen. Freundschaften haben für Kinder aber weitaus mehrere Funktionen als die bisher beschriebenen. Wie schon zu Beginn des Kapitels festgehalten, beschreibt man die Beziehung zwischen Eltern und Kind als einseitig. Die Beziehung unter Gleichaltrigen nennt man symmetrisch (Wagner, 1994, p. 4). Hier tauscht man sich aus, beide oder mehrere Parteien sind gleichberechtigt und zusammen und unter Absprache entstehen Vereinbarungen, zum Beispiel über gemeinsame Spiele. Kinder lernen in Beziehung zu Gleichaltrigen aber auch „Kooperation, Wettbewerb, moralische Normen, Aggressionskontrolle, Vertrauen und Sensibilität“ (Wagner, 1994, p. 4). Diese Werte verhelfen den Kindern unter anderem zu ausgereiften, positiven Persönlichkeiten heranzuwachsen und intimere Beziehungen im Erwachsenenalter einzugehen. Mit dem Austausch mit Peers entwickeln die Kinder ihre soziale Kompetenz weiter, sie lernen immer erfolgreicher mit anderen Menschen zu interagieren. Dabei spielt die Kommunikation eine wichtige Rolle. Mittels der Kommunikation beginne ich Freundschaften und erhalte sie aufrecht. Die Verständigung kann mithilfe von Worten, aber auch mit Gestik und Mimik stattfinden. Zu den kommunikativen Fähigkeiten, die in Verständigung mit Gleichaltrigen entwickelt werden, gehören zuhören können, nicht dazwischen zu reden und auf den anderen eingehen zu können. Gerade in engen Freundschaften zählt die Kommunikation besonders stark, da man sich gegenseitig vertraut und den Freund auch nicht verletzen will. Da wird schon einmal das Gesagte auf die Goldwaage gelegt und Worte vom besten Freund verletzen besonders stark, wenn sie kritisch sind. Daher lernt man in Freundschaften auch das Feingefühl für die Kommunikation.

Wie von Wagner angesprochen, lernen Kinder in Freundschaften auch Kooperation zu schätzen. Beim Verfolgen gemeinsamer Ziele sind besonders die Kinder kooperativ, die befreundet sind, sie arbeiten gerne zusammen, zum Beispiel an gemeinsam gestellten Aufgaben. Innerhalb der Freundschaften lernen die Kinder nicht nur soziale Kompetenzen, sondern entwickeln sich auch kognitiv weiter. Im Umgang mit anderen Kindern, lernen sie ein „Gefühl ihrer eigenen Identität“ zu entwickeln (Rubin, 1981, p. 13). Zunehmend wird die eigene Sichtweise verglichen mit den Sichtweisen anderer Kinder, dadurch wird sich das Kind zunehmend seiner eigene Perspektive bewusst. Dieser Entwicklungsschritt ist ein sehr bedeutsamer, denn jetzt ist es für das Kind erst möglich neue Sichtweisen in das vorhandene eigene Wissen einzuordnen. Neues Wissen müssen sich die Kinder selbst erarbeiten, es kann nicht einfach von den Eltern oder Erziehern vermittelt werden.

Auch die Argumentationsfähigkeit wird in der Auseinandersetzung mit Gleichaltrigen geschult. Die Fähigkeit sich mitzuteilen und Gedanken auszudrücken wird durch die Auseinandersetzung mit Gleichaltrigen vorangetrieben (Rubin, 1981, p. 12).

Im Umgang mit Freunden spielt die Moral ebenfalls eine Rolle (Wagner, 1994, p. 4).

Zwar können Kindern noch nichts mit dem Begriff anfangen, aber instinktiv haben sie ein Verständnis von Moral. Beim gemeinsamen Spiel ist es zum Beispiel unmoralisch zu schummeln. Moralisch zu handeln heißt in erster Linie gerecht zu handeln. Kinder kennen Regeln von ihren Eltern, diese sind vorgegeben, untereinander müssen sich Kinder solche Regeln erst aufstellen. Die moralischen Vorstellungen eines Kindes über Recht und Unrecht sind nicht immer übereinstimmend mit den Vorstellungen der Erwachsenen. Durch die Interaktion mit gleichaltrigen Kindern oder Freunden entwickelt sich die eigene Persönlichkeit weiter. Je mehr ein Kind etwas über andere weiß, umso mehr lernt es auch über sich selbst. Dieser Vergleich zeigt sich zum Teil auch im Wettstreit, zum Beispiel um das schönste Bild oder der schnellste sein beim Rennen. Ein solcher Wettstreit soll nicht als Konkurrenzdenken zwischen den Kindern aufgefasst werden, sondern vielmehr als das Bedürfnis des Menschen durch Vergleiche mit anderen zu einem Selbstbild zu kommen (Rubin, 1981, p. 13). Für Kinder und auch zum Teil für Erwachsene ist es schwer sich ein Selbstbild aufzubauen. Gegenüberstellungen mit anderen Kindern, die nicht Freunde sein müssen, helfen dabei sich selbst in eine Gruppe einzuordnen. Außerdem lernen Kinder dadurch ihre Stärken und Schwächen kennen. Es ist ein gutes Gefühl beim Ballspiel der Geschickteste zu sein oder die schönsten Burgen im Sand zu bauen. Kinder müssen in diesem Zusammenhang aber auch lernen, dass man nicht überall der Beste sein kann und es Dinge gibt, die einem nicht so gut gelingen. Auf der einen Seite wird das Selbstwertgefühl gesteigert, nämlich wenn man etwas gut kann, auf der anderen Seite muss man lernen auch einmal Niederlagen einzustecken und damit fertig zu werden. Freunde versuchen größtenteils den Wettbewerb untereinander zu vermeiden, da er allzu oft zu Konflikten führt (Oerter & Montada, 2002, p. 247). Eine Niederlage unter Freunden löst aber keine Konkurrenz aus. Innerhalb von Freundschaften freut man sich über den Erfolg des Anderen. Im Schutze der Freundschaft ist eine Niederlage weniger schlimm. Hier halten die Freunde zusammen und falls man doch versagt, so wird man vom Freund wieder aufgebaut. Ein Freund ist jemand, der einem Vertrauen schenkt und einen so akzeptiert wie man ist. Freunde bestärken sich immer wieder gegenseitig in ihren Meinungen, betonen ihre Gemeinsamkeiten, das verleiht uns ein Gefühl des Verständnisses, der Zusammengehörigkeit. Die Freundschaftsbedeutung ändert sich im Laufe der Kindheit und der Persönlichkeitsentwicklung. Wo im Kleinkindalter noch jedes Kind als Mitspieler akzeptiert wird, zeichnen sich im Grundschulalter schon erste Differenzierungen ab. Hier kommt es vor, das Annäherungsversuche abgelehnt werden (Bachmann, 1996, p. 13). In der frühen Adoleszenz spielen Freunde dahingehend eine wichtige Rolle, dass man einen Partner hat, mit dem man gemeinsame Aktivitäten unternimmt. In der mittleren Adoleszenz rückt die Freundschaft als ein Ort der „Selbstoffenbarung“ in den Vordergrund (Oerter & Montada, 2002, p. 315). Auf Vertrauen und Sicherheit wird in dieser Phase besonders hoher Wert gelegt. In der späten Adoleszenz wird das Verhältnis zwischen den Freunden wieder entspannter. Danach wird die Freundschaft häufig weniger intensiv ausgelebt wie in den Kindheits- und Jugendaltern. Auf den veränderten Freundschaftsbegriff bei Kindern gehe ich im nächsten Kapitel noch einmal ein.

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Details

Seiten
20
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640946655
ISBN (Buch)
9783640946389
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174269
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,3
Schlagworte
Freundschaft unter Kindern Freundschaft

Autor

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