Lade Inhalt...

Der Wandel des Kindheitsbildes. Ottfried Preußlers „Der kleine Wassermann“ und Christine Nöstlingers „Wir pfeifen auf den Gurkenkönig“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 26 Seiten

Germanistik - Gattungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Paradigmenwechsel in der Kinder- und Jugendliteratur der siebziger Jahre

3. Phantastische Kinder- und Jugendliteratur
3.1. Theorien
3.2. Kurzer Überblick über die geschichtliche Entwicklung der Phantastik in Europa seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts
3.3. Funktionen der Phantastik
3.4. Themen, Motive und Merkmale phantastischer Kinder- und
Jugendliteratur
3.5. Andere Welten

4. Kindheitsbilder seit der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts

5. „Der kleine Wassermann“ – Kinderliteratur vor dem Paradigmenwechsel
5.1. Otfried Preußler
5.2. Phantastische Kinderliteratur bei Otfried Preußler
5.3. Entstehung
5.4. Inhalt
5.5. Phantastische Elemente
5.6. Figuren
5.7. Zwei-Welten-Modell
5.8. Deutung und Funktionen des Textes

6. „Wir pfeifen auf den Gurkenkönig“ – Kinderliteratur nach dem Paradigmenwechsel
6.1. Christine Nöstlinger
6.2. Phantastische Kinderliteratur von Christine Nöstlinger
6.3. Phantastische Wesen mit Katalysatorfunktion
6.4. Inhalt
6.5. Phantastische Elemente
6.6. Figuren
6.7. Komik
6.8. Handlungsebenen
6.9. Familie als zentraler Handlungsraum

7. Zusammenfassung

Quellenverzeichnis

1. Vorwort

Für die Kinder- und Jugendliteratur des deutschsprachigen Raums beginnt um 1970 eine neue Ära. Die Studentenrevolte von 1968 gegen die etablierte Wertewelt der deutschen Gesellschaft bewirkt eine Wandlung des Kinder- und Familienbildes.

Vor diesem Hintergrund der neuen Erziehungskonzepte will die so genannte "antiautoritäre Kinderliteratur" (ca. 1968-1972) ihre jungen Leser zu Denkprozessen und zur Entwicklung kritischer Ideen anregen. Die Kinder werden aus den Freiräumen ihrer Spielwelten zurückgeholt und in die Normenwelt der Erwachsenen eingeführt. Eltern nehmen ihre jungen Familienmitglieder jetzt ernst und gewähren ihnen Mitsprache und Entscheidungsspielräume.

Diesen Wandel der Beziehungen innerhalb der Familie und die daraus resultierenden Probleme beschreibt Christine Nöstlinger in „Wir pfeifen auf den Gurkenkönig“

von 1972.

Darin löst die neue sozialrealistische und problemorientierte literarische Darstellungsform die bisher übliche Beschreibung einer heilen Familienwelt mit Harmonie und Konfliktfreiheit ab. Der Roman leitet somit einen neuen Abschnitt in der Kinder- und Jugendliteratur ein und gilt als Beispiel für einen „Paradigmenwechsel“ in der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur zu Beginn der siebziger Jahre. Dies soll Thema der vorliegenden Hausarbeit sein.

2. Paradigmenwechsel in der Kinder- und Jugendliteratur der siebziger Jahre

Kinderliterarische Paradigmenwechsel vollziehen sich meistens parallel oder als Folge von epochalen Veränderungen der Kindheitsauffassung.

„Wandlungen des Kindheitsbildes wiederum sind verbunden mit Umbrüchen kindlicher Lebenswelten, mit einschneidenden Veränderungen der Umstände und Bedingungen des Aufwachsens“.[1]

Ein solcher Wandel des Kindheitsbildes findet als Folge der 68iger Bewegung statt.

Wodurch ist der Paradigmenwechsel und damit der Formen- und Funktionswandel in der Kinderliteratur der siebziger Jahre gekennzeichnet?

- Wandel Kindheitsbild
- Verändertes Themenspektrum
- Veränderung des Gattungsspektrums
- problemorientierte Kinder- und Jugendliteratur
- Verringerung der Differenz zur allgemeinen Literatur

Die antiautoritären Kinderbuchmacher verbinden die Aufklärung der Kinder über die gesellschaftlichen Herrschaftsstrukturen mit dem Aufruf zu Solidarität und Auflehnung gegen jede Form von Unterdrückung. Gegen die vermeintliche Ideologie der heilen Kinderwelt und gegen den apolitischen Zug der herkömmlichen Kinderbücher entsteht die Forderung nach politischer Erziehung durch eine neue Kinderliteratur. „Die neue Kindergeneration will die Kinderliteratur und mit ihr die Kinder aus den (gesellschaftlichen) Freiräumen in die Wirklichkeit und Widersprüchlichkeit der modernen Industriegesellschaft zurückholen“.[2] Als Voraussetzung dafür geht die Literatur nach dem Paradigmenwechsel von einer prinzipiellen Gleichrangigkeit von Kindern und Erwachsenen aus.

„Ihre kindlichen Helden sind denn auch von einer im Vergleich zur vorausgegangenen Epoche ungewöhnlichen Erwachsenheit. Was die bisherigen kinderliterarischen Helden in ihren Spielräumen und Abenteuerwelten erlebten, würde den Protagonisten der neuen KL als unernst, ja als geradezu kindisch erscheinen.[3]

Die neuen Helden werden ernst genommen. Man billigt ihnen ein Urteil zu, respektiert ihre Entschlüsse, gewährt ihnen im Familienverband Mitspracherecht und sieht sie sogar als „Verhandlungspartner“.[4] Scheidungen, Tod, Behinderungen und weitere gesellschaftliche Brennpunkte werden von nun an stärker in den erzählliterarischen Fokus gerückt. Kinder und Eltern erleben eine gemeinsame Wirklichkeit, die sich im problemorientierten Roman wieder findet.

Die Darstellung dieses grundlegenden Wandels der Kindheitsvorstellung in der entsprechenden Literatur soll im weiteren Verlauf der Hausarbeit diskutiert werden.

„Während die sozialkritische Problemerzählung teilweise noch in der Tradition der (didaktischen) Exempelliteratur steht, führt nun die Exploration kindlicher Subjektivität zu einem radikalen Stilwandel, einer Öffnung nämlich zum modernen Roman“.[5]

Ein kennzeichnendes Merkmal dieses Wandels ist das Zurücktreten des auktorialen Erzählers. Der implizite Autor drückt jetzt offen die Wertungspositionen der Erwachsenen aus. „An ihre Stelle treten die moderne Ich-Erzählung und das personale Erzählen mit ihrer aus der Subjektivierung hervorgegangenen Unsicherheit“.[6]

Als frühes Beispiel dieser Erzählweise gilt Christine Nöstlingers „Der Spatz in der Hand“ (1974). In dem realkritischen Kinderbuch spricht ein erwachsener personaler Erzähler aus der Perspektive der kindlichen Figur.

Kann dieser Realistismus als erstes Merkmal der neuen Kinderliteratur betrachtet werden, so ist das „Eindringen von Sozialkritik und Politik auch in die kinderliterarische Phantastik“[7] als weiteres typisches Kennzeichen festzustellen. Aus Märchen und Fabeldichtungen werden politische Parabeln und die Phantastik wird politisiert.

Beispiele hierfür sind Michael Endes „Momo“ (1973) und Astrid Lindgrens „Die Brüder Löwenherz“ (1974). „Auf viele andere phantastische Kinderbücher trifft die Rede von der „sozialen“ oder „eingreifenden“ Phantasie zu“.[8]

In der antiautoritären Kinderliteratur der frühen siebziger Jahre sind es die Kinder selbst, die sich ihre demokratischen Rechte, oft gegen den erbitterten Widerstand der in autoritären Denk- und Verhaltensweisen befangenen Erwachsenen erkämpfen. Diese durch Rangfolgen und Herrschaftsweisen gekennzeichnete Familienstrukturen der 70er Jahre kritisiert Christine Nöstlinger am Beispiel des „Gurkenkönigs“.

3. Phantastische Kinder- und Jugendliteratur

3.1. Theorien

Die geläufigen Definitionen der literarischen Phantastik gehen vom Märchen als Grundmuster des Wunderbaren aus und verstehen es entweder als Sonderform oder als komplementäres Gegenstück der Phantastik. „Märchenhaft“ und „phantastisch“ seien „zwei Sub-species des „Wunderbaren““ heißt es bei dem französischen Literaturwissenschaftler Louis Vax“.[9]

Eine viel diskutierte Theorie des Phantastischen liefert Tzvetan Todorov.

Laut Todorov gibt es die natürliche und die übernatürliche Ordnung aller Weltdinge. Das Phantastische ist in diesem Feld keine selbstständige Gattung, sondern ein Grenzfall und ein Übergangsstadium zugleich. Nach Todorovs Auffassung kommt es auf das Verständnis des Lesers an. Kann er das Geschehen weder einer natürlichen noch einer übernatürlichen Welt zuordnen, so liegt ein phantastischer Text vor.

Einen weiteren Definitionsansatz entwickelt Gerhard Haas, in dem er behauptet, es gäbe einen bildlichen und einen begrifflichen Erkenntnisweg, Phantastik als Form bildlichen Denkens zu verstehen.

[...]


[1] [1] Ewers, Hans-Heino : „Themen, Formen und Funktionswandel der westdeutschen Kinderliteratur seit Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre“; in: Zeitschrift für Germanistik Neue Folge. Jg. V, H. 2, 1995, Seite 259.

[2] Steinz, Jörg und Weinmann, Andrea: „Die neue Kinderliteratur in der Folge der 68er-Bewegung“, in: Lange, Günter (Hg.) Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur, 1: Grundlagen-Gattungen. Hohengehren 2000. Seite 121.

[3] Ewers, Hans-Heino : „Themen, Formen und Funktionswandel der westdeutschen Kinderliteratur seit Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre“; in: Zeitschrift für Germanistik Neue Folge. Jg. V, H. 2, 1995. Seite 262.

[4] Ewers, Hans-Heino : „Themen, Formen und Funktionswandel der westdeutschen Kinderliteratur seit Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre“; in: Zeitschrift für Germanistik Neue Folge. Jg. V, H. 2, 1995. Seite 262.

[5] Steinz, Jörg und Weinmann, Andrea: „Die neue Kinderliteratur in der Folge der 68er-Bewegung“, in: Lange, Günter (Hg.) Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur, 1: Grundlagen-Gattungen. Hohengehren 2000. Seite 125.

[6] Steinz, Jörg und Weinmann, Andrea: „Die neue Kinderliteratur in der Folge der 68er-Bewegung“, in: Lange, Günter (Hg.) Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur, 1: Grundlagen-Gattungen. Hohengehren, 2000, Seite 125.

[7] Steinz, Jörg und Weinmann, Andrea: „Die neue Kinderliteratur in der Folge der 68er-Bewegung“, in: Lange, Günter (Hg.) Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur, 1: Grundlagen-Gattungen. Hohengehren, 2000, Seite 126.

[8] Steinz, Jörg und Weinmann, Andrea: „Die neue Kinderliteratur in der Folge der 68er-Bewegung“, in: Lange, Günter (Hg.) Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur, 1: Grundlagen-Gattungen. Hohengehren, 2000, Seite 126.

[9] „Die phantastische Erzählung“ aus „Kinder- und Jugendliteratur – Ein Lexikon- Autoren, Illustratoren, Verlage, Begriffe“. Seite 1.

Details

Seiten
26
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640945719
ISBN (Buch)
9783656207825
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174182
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
2,0
Schlagworte
Wandel des Kindheitsbildes Paradigmenwechsel Nöstlinger Wir pfeiffen auf den Gurkenkönig Phantastische Kinder- und Jugendliteratur Kindheitsbilder Der kleine Wassermann Preußler

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Der Wandel des Kindheitsbildes. Ottfried Preußlers „Der kleine Wassermann“ und Christine Nöstlingers „Wir pfeifen auf den Gurkenkönig“