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Wissen und Macht in der Adoleszenz in Musils "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß"

Figurenentwicklung und Gattungszugehörigkeit

Magisterarbeit 2011 79 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung
1.1 Die Konzeption der Adoleszenz um 1900
1.2 Figurenkonstellation und Handlung
1.3 Entwicklungs- oder „Formierungsroman“?

2 Der Machtkomplex in Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

2.1 Der Wille zur Macht
2.2 Sexualität
2.3 Magie
2.4 Die Schulklasse als Staat

3 Die Erkenntnis und Wahrnehmung des Törleß'
3.1 Wissenschaft und Metaphysik
3.2 Moral und ästhetisches Empfinden

4 Beurteilung der Figurenentwicklung und Gattungszugehörigkeit

5 Literaturverzeichnis

1 Einführung

Robert Musil wird am 6. November 1880 in Klagenfurt, Österreich, geboren. Seine Eltern Hermine und Alfred Musil schicken ihn später auf die Militärschule Eisenstadt und die Militäroberrealschule von Mährisch-Weißkirchen. Das folgende technische Studium an der Militärakademie in Wien bricht er kurzerhand ab, daraufhin geht er an die Technische Hochschule in Brünn, um dort Maschinenbau zu studieren. In den nächsten Jahren absolviert er ein Militärdienstjahr und wird anschließend als Assistent an der Technischen Hochschule Stuttgart angeheuert. In dieser Zeit – 1902 und 1903 – beginnt er mit der Verfassung seines ersten Romans Die Verwirrungen des Zöglings Törleß. Nachdem er Stuttgart den Rücken gekehrt hat, um ab 1903 in Berlin die Fächer Psychologie und Philosophie zu studieren, stellt er den Roman fertig. Mit seiner Veröffentlichung im Jahr 1906 bricht über Musil schlagartig Erfolg herein. Der provokativen Neuheit seines Buches hat er sowohl Berühmtheit als auch nachhaltige Kritik zu verdanken. „Dem Roman war ein starker Erfolg beschieden, der in erster Linie auf der freimütigen, tabudurchbrechenden Darstellung des Sexuellen und auf der die Pubertätswirren intensiv durchleuchtenden psychologischen Analyse beruhte“[1], erklärt Bernhard Großmann in seiner Interpretation des Törleß.

Wirft man einen Blick in die Sekundärliteratur, so zeigt sich, dass der Roman auf unterschiedliche Weise interpretiert werden kann. Tendenziell lässt sich dabei eine Hervorhebung von drei Kategorien feststellen: Da es sich um das Innenleben eines heranreifenden Jünglings mit pubertären Krisen handelt, liegt es nahe, bei der Interpretation die psychoanalytische Sichtweise anzuwenden. Des Weiteren beschäftigt sich das Werk mit philosophischen Themen, die inspiriert und verwandt sind mit etablierten philosophischen Auffassungen und die die zeitgenössischen Fragen der Intellektuellen widerspiegeln. Im Einklang mit dem Zeitgeist steht auch der dritte Interpretationsansatz, der sich auf den politisch gesellschaftskritischen Aspekt bezieht. Zahlreiche Kritiker sehen einen Zusammenhang zwischen der Spirale der Gewalt in Die Verwirrungen des Zöglings Törleß und dem herrschenden österreichischen Regime sowie der Stimmung im Volk.

Musil weigerte sich, seinen Erstlingsroman in voneinander getrennten wissenschaftlichen Schubladen wie etwa der Politik, Philosophie, Psychoanalyse oder Pädagogik liegen zu sehen. „Als Autor hat er sich darüber geärgert, dass sie [die Kritiker] dem ästhetischen Wert des Buches keine Beachtung geschenkt haben“[2], berichtet Großmann. Damit die künstlerische Leistung Robert Musils erfasst werden kann, muss klar sein, dass eine Enträtselung nur in eine der separierten Kategorien allein nicht funktioniert. Die vorliegende Arbeit wird der Auslegung des Romans nur gerecht, wenn sie ganzheitlich vorgeht. Musils Werk mag als symbiotisch verknüpft mit der psychoanalytischen, historisch-politischen und philosophischen Disziplin verstanden werden, aber auf eine Kategorisierung dieser Art wird in der folgenden Gliederung verzichtet.

Stattdessen interessiert einerseits der Machtkomplex, welcher die Gruppierung um und mit Törleß bildet. Der daraus folgende Gliederungspunkt 2 Der Machtkomplex in Die Verwirrungen des Zöglings Törleß widmet sich deshalb der Rolle der äußeren Einflüsse, die sich auf die Psyche des Jugendlichen auswirken. Andererseits liegt der Fokus auf der psychisch komplexen Hauptgestalt, deren Verwirrung vor allem auf einer intellektuellen Ebene basiert. Daraus resultiert in dieser Arbeit Kapitel 3 Die Erkenntnis und Wahrnehmung des Törleß, der die inneren Denk- und Gefühlsprozesse des Protagonisten zusammenfasst und ihnen auf den Grund geht.

1.1 Die Konzeption der Adoleszenz um 1900

Wenn in der Psychologie von Pubertät und Adoleszenz die Rede ist, dann sollte beachtet werden, dass mit dem Begriff Pubertät hauptsächlich biologische Veränderungen gemeint seien, erklärt der Psychologe Helmut Fend.[3] Die Adoleszenz umfasst „die Besonderheiten der psychischen Gestalt und des psychischen Erlebens im Rahmen eines Entwicklungsmodells.“[4]

Die psychische Entwicklung eines Heranwachsenden ist maßgeblich von historischen und gesellschaftlichen Grundlagen gekennzeichnet, deswegen lohnt sich ein Blick auf die Bedingungen für Jugendliche um 1900.

In dem Buch Österreichische Geschichte 1890-1990 von Ernst Hanisch wird in einer kleinen Einführung mit dem Titel Das andere Leben: Skizzen aus der Welt um 1900 die Erinnerungsgeschichte einer alten Dame erzählt. Die Erfahrung in ihrer Jugendzeit kurz nach der Jahrhundertwende steht stellvertretend für eine ganze Generation:

Ein zwölfjähriger Bub und ein neunjähriges Mädchen, beide bürgerlicher Herkunft, spielten ein neues Spiel. Von den Aufsicht führenden Fräuleins unbemerkt, küßten sie einander. Das Mädchen brach in Tränen aus, die „Schandtat“ wurde entdeckt – und die Katastrophe war fertig.[5]

Die Problematik dieser Handlung liegt in der damaligen Auffassung von Etikette: Das Mädchen hat unbewusst ein unangebrachtes Auftreten an den Tag gelegt und deshalb der Familie Schande zugetragen. Der Autor Hanisch sieht die Ursache dieses für damalige Zeiten höchst unsittlichen Verhaltens darin begründet: „Die Geschichte ist banal, aber sie beleuchtet das streng standardisierte Verhalten in bürgerlichen Kreisen. Alles verlief formeller, aus einem reichen Repertoire von Höflichkeiten und floskelhaften Prägungen gespeist.“[6] Die Adoleszenz besagter Generation wurde durch unzeitgemäße erzieherische Tradition geprägt, aus der sich eine rebellische Bewegung der Jugend ergab. Friedrich Paulsen prangert 1908 in seiner Analyse der Pädagogik folgende Fehlentwicklung an:

Es gibt in Deutschland zurzeit für Bücher und Zeitschriften, für Romane und Dramen kein beliebteres Thema als die Unterdrückung und Mißhandlung hochstrebender Söhne und Töchter durch eigensinnige, engherzige und unverständige Väter und Mütter, die Niederhaltung und Abmarterung hochbegabter, zur Selbständigkeit des Denkens emporstrebender Jünglinge durch verständnislose, pedantische, herrschsüchtige, blind am Alten hangende Schulmeister. Auf Versammlungen und allgemeinen Erziehungstagen werden die Schrecken dieses grausamen Regiments dargestellt, wie alle tüchtigsten und selbständigen Geister bis zur Erschöpfung gehetzt und geplagt werden, bis sie endlich „unterm Rad“ liegen, oder als „Schülerleichen“ aus dem Wasser gezogen werden.[7]

Ein wichtiger Faktor in dieser Diskussion nimmt die Tabuisierung von Sexualität ein. Der Jugend sprach man strikt jegliche Form des Geschlechtsaktes ab. Mitunter könnte das ein Grund für die gestiegene Jugendkriminalität sein. Der Literaturwissenschaftler Uwe Baur hält es in seiner Törleß -Interpretation für erwähnenswert, dass sich zwischen 1898 und 1906 die Jugendkriminalität um 32 Prozent erhöhte.[8] Erst dadurch reagierte die Gesellschaft und überdachte ihre erzieherischen Traditionen, vor allem weil man „plötzlich die Jugend als Widerstand empfand“[9]. Es wurden nicht nur Lanzen gebrochen im Themenbereich der Sexualität, sondern auch in der Psychologie, die sich endlich gesondert der Altersgruppe zwischen 12 und 19 Jahren widmete.[10] Bevor es jedoch 1910 zu einer ausführlichen psychologisch-wissenschaftlichen Zuwendung kommt, enttabuisiert die Forschung das Thema der Sexualität: „1906 wurde die ‚Zeitschrift für Sexualwissenschaft‘ begründet, 1906 erschien auch das erste Aufklärungsbuch, und zwar von Hans Wegener.“[11] Robert Musil veröffentlicht im selben Jahr seinen ersten Roman, der sich inhaltlich mit pubertärer, sexueller und psychischer Entwicklung befasst.

Die Selbstverständlichkeit Musils, mit der er an das Thema Geschlechtsreife und -verkehr herangeht, vor allem in den homoerotischen Abschnitten, empfinden einige Kritiker und Leser, trotz wachsender Offenheit, als anstößig. Seine Hauptfigur wird mit der aufkeimenden, pubertären Sexualität alleine gelassen und weiß nicht, wohin mit ihr. Während er diese Energie in eine geistige Ebene kanalisiert, zeigen seine Kameraden Aggression und werden gewalttätig, sie vergewaltigen sogar einen Mitschüler. Ebenso wie das von Törleß besuchte Konvikt wurden zahlreiche Schulen der österreichischen Monarchie nach militärischem und christlichem Reglement geführt. Dort herrschten eine strenge Umgangsform und steter Leistungsdruck, um die junge Elite auf deren Führungspositionen vorzubereiten. In Deutschland debattierte man ebenfalls über die Zumutung autoritärer Schulmethoden. Vor allem literarisch setzte man sich mit der „seit Wedekinds ‚Schülertragödie‘ Frühlings Erwachen (1891) in Deutschland geradezu zur aktuellen literarischen Konvention gewordene Problematik der Leistungsschule, an deren Drillmethoden der Einzelne zu zerbrechen droht“[12] auseinander.

Kriminalität war das eine Resultat dieser autoritären Vorgehensweise, doch die Unzufriedenheit junger Menschen führte des Weiteren zu einer anderen traurigen Statistik: Die Selbstmordrate bei Jugendlichen stieg eklatant. Schenkt man dem Glauben, dass Literatur ein Spiegel der Gesellschaft ist, dann findet man die Auswüchse der pädagogischen Fehlentwicklung in den Romanen um 1900. Bemerkenswert viele Jugendromane enden in diesem Zeitraum mit dem Freitod der Hauptfigur. Musils Törleß bleibt zwar am Leben und denkt, trotz ausschweifender Melancholie, nicht einmal an einen Suizid. Nichtsdestotrotz spielt Musil mit seinem Romantitel Die Verwirrungen des Zöglings Törleß auf Goethes Die Leiden des jungen Werther von 1774 an. Der Freitod der Hauptfigur Werther als einziger Ausweg leuchtete vielen Menschen als Lösung ihrer Probleme ein und verursachte eine regelrechte Suizidwelle. Um 1900 ist es der Schulroman, der den Autoren als beliebtes Format dient, um die Missstände in Erziehung und Gesellschaft rigoros aufzuarbeiten. Der gesellschaftlichen Unruhestimmung verleihen die Schriftsteller damit Ausdruck und schildern „tragische Schicksale von Schülern, die von einem starren Leistungsdenken und den Zwängen eines ohne pädagogisches Einfühlungsvermögen verfahrenden Erziehungssystems in den Selbstmord getrieben werden.“[13] Prominente Werke sind zum Beispiel Hermann Hesses Unterm Rad, Frank Wedekinds Frühlings Erwachen oder Emil Strauss' Freund Hein.

Diese drastischen Probleme der Jugendlichen findet man sowohl in der deutschen als auch in der österreichischen Literatur und Realität um 1900. Offensichtlich versagte das damalige pädagogische und gesellschaftliche System für Heranwachsende, denn „die hohe Zahl der literarischen Schülerselbstmorde war keine literarische Übertreibung, sondern entsprach der Wirklichkeit.“[14] Um die Adoleszenz war es demnach schlecht bestellt, da sich die Jugendlichen konfliktreich emanzipieren mussten, bevor sie mit ihren Problemen von Gesellschaft und Wissenschaft ernst genommen wurden.

1.2 Figurenkonstellation und Handlung

Neben der Hauptfigur, auf dessen zentrale Stellung schon im Titel verwiesen wird, tauchen weitere wichtige Charaktere auf: Beineberg, Reiting und Basini sind die Nach- und Rufnamen der Kameraden von Törleß, mit denen er den meisten Umgang pflegt. Es war Absicht von Musil, jede Figur nur auf das zu reduzieren, was entscheidend für die Komposition der Charakterkonstellation ist. Der Autor schreibt in einem Brief: „Die Zeichnung der Charaktere ist stilisiert, alles auf die kürzeste Linie zusammengefasst, keine vollen Menschen dargestellt, sondern jeweils nur deren Schwerlinie.“[15]

Die Stellung der Hauptgestalt innerhalb der verschiedenen Romanfiguren sowie ihre jeweilige Schwerlinie soll im Folgenden kurz paraphrasiert werden. Die Reihenfolge richtet sich nach der augenscheinlichen hierarchischen Ordnung: Die Eltern sowie die Schulleitung sind eher im Hintergrund der Geschichte positioniert. Sie nehmen trotzdem die übergeordnete Instanz ein, die dem Jungen Regeln, Werte und Benehmen vorgibt. Törleß' Eltern sind bis zu seinem Einzug ins Internat elementarer Bezugspunkt. Der Abschied von ihnen am Bahnhof läutet die Adoleszenz bzw. Pubertät ein. Dieser Lebensabschnitt mit all seinen Nebenerscheinungen scheint überstanden, als er am Ende des Romans von seiner Mutter aus dem Konvikt abgeholt wird. Dazwischen liegen vier Jahre Internat und konfliktreiche, innerliche Zerrissenheit. In dem neuen Umfeld der Schule eigenmächtig zu urteilen, stellt sich anfangs als Überforderung heraus, die Törleß mit einem nach Antwort suchenden Brief an daheim lösen möchte. Die Autorität der Eltern verliert jedoch mit der fortschreitenden Dauer seines Aufenthalts an Relevanz. Die Loslösung von ihnen bedeutet für den Protagonisten die Grundlage zur Selbstfindung. Der Zögling muss sich an die Regeln innerhalb des Klassenverbandes und der Schulleitung gewöhnen und dabei ein neues Wertesystem annehmen.

Internatsleitung und Lehrer werden ebenso profil- und namenlos wie die Eltern in den Roman integriert und sind auf ihre soziale Funktion reduziert. Die Lehrer erhalten keine individuelle Persönlichkeit, sondern fungieren als Stellvertreter für ihre Fachrichtung, wie beispielsweise der Mathematik- oder Religionslehrer. Erst in diesem Zusammenhang spielen sie eine Rolle für den Individuationsprozess des Protagonisten. Die Schule zu W. gilt allgemein als Brutlager und Nachzucht für die einflussreiche Elite in Wirtschaft und Politik. Die Ideologie des elitären Instituts sowie die gesellschaftliche Erwartungshaltung an die Zöglinge beeinflusst auf unterschiedliche Art ihr Verhalten.

Wesentlich präsenter als das passive übergeordnete Gefüge der Erwachsenen ist das Binnensystem der Jungengruppe. Törleß schließt sich den dominanten Charakteren Beineberg und Reiting an. Reiting kommt auf die Idee, den Diebstahl des Mitschülers Basini zu nutzen, um ihn gefügig zu machen. Sein Plan geht auf. Diese Intrige führt dazu, dass neckische Quälereien zu schrecklichen Foltermethoden mutieren. Der mächtigste unter den dreien ist Reiting. Raffiniert fädelt er seine Intrigen ein und ist imstande, alle anderen mit seiner Brutalität zu unterdrücken. Selbst den skrupellosen Beineberg hat er einst besiegt. „Beide verbindet die Lust, über andere Menschen zu herrschen, Reiting durch Intrigen und Beineberg durch geheimnisvolle Kräfte“[16], meint der Literaturwissenschaftler Horst Grobe. Reiting strebt eine berufliche Machtposition an und nutzt seine Jugendzeit als vorbereitende Übung, um sich später in der Realität der Erwachsenenwelt durchsetzen zu können. Es heißt im Roman, Reitings Wunsch sei es, ein großer Offizier zu werden (vgl. S. 55). Dabei denkt er an historische Vorbilder wie Napoleon.

Beinebergs Eigenheit ist vor allem von der väterlichen Prägung beeinflusst. Der Vater, ein Kolonialoffizier, ist angetan von mystischen Glaubensansätzen und Esoterik. Der Sohn verkörpert das Ebenbild seines Vaters als eine Art verzerrte Version (vgl. S. 26). Auf ähnlich aggressive Weise wie Reiting versucht Beineberg, seine Lust an Macht zu stillen. Er ist dabei festen Glaubens, „mittels seelischer Kräfte eine Herrschaft sichern zu können“ (S. 26). Es widerstrebt seiner Machtlust, dass er einst als der Schwächere aus dem Zweikampf mit Reiting hervorgegangen ist. Sie rivalisieren um den Vorrang in der Gruppe, während Törleß aufgenommen wird als „geheimer Generalstabschef“ und sich aus diesem Duell heraushält (S. 57). Es versetzt Beinebergs phantastischer Hoffnung, übernatürliche Kräfte zu erlangen, einen herben Rückschlag, als sein ominöses Zauberexperiment scheitert: Nachdem er Basini Gewalt androht, falls er nicht kooperiere, versucht Beineberg sein Opfer zu hypnotisieren. Anstatt Zugriff auf die Kräfte seiner Seele zu bekommen, gaukelt Basini den Trancezustand nur vor.

Törleß' Hang zur Unentschlossenheit und Unsicherheit begründet seine Passivität. Gegen Reitings und Beinebergs Entschluss, Basinis Vergehen nicht dem Direktorat zu melden und selbst Profit daraus zu schlagen, kommt der Zögling nicht an. Obwohl er den festen Regeln der Schule Folge leisten will, betätigt auch er sich später an der Folterung Basinis. Beineberg und Reiting sind Figuren, die in übersteigerter Form ausschließlich dem Drang nach Macht über Menschen und mystischer Erkenntnis nachgehen. Damit weisen sie Wesenszüge auf, die Törleß auch zu eigen seien, meint Grobe.[17] Weil die Zentralfigur Törleß darüber hinaus ein reflektierter, sehr kluger Kopf ist, bekunden seine beiden Schulkameraden Interesse an ihm. Doch der Protagonist besitzt eine ambivalente Persönlichkeit, die dazu führt, dass er sich in Konflikte verstrickt und verzweifelt nach festen Strukturen sucht.

Basini geht Reiting auf den Leim und entwickelt sich deshalb zum Opfer der Gruppe. Wegen eines begangenen Diebstahls ist er den gewalttätigen Übergriffen des Dreiergespanns ausgeliefert. Er wird von allen wegen seiner Schwäche verachtet. Basinis Unterwürfigkeit und seine masochistischen Bedürfnisse verschärfen den Hass auf seine niedere Existenz.

1.3 Entwicklungs- oder „Formierungsroman“?

In der Romankunst Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts etabliert sich vor allem die Darstellung des menschlichen Innenlebens. Die Entstehung des Romans Die Verwirrungen des Zöglings Törleß fällt in eine künstlerische und gesellschaftliche Umbruchzeit, in der sich die Moderne herausbildet. Das literarische Schreiben um die Jahrhundertwende widmet sich der Rätselhaftigkeit des Einzelnen und nicht mehr nur der öffentlichen, gesellschaftlichen Welt. Die Kultivierung der Innerlichkeit wird ersichtlich, wenn man sich die zahlreichen prominenten Romane dieser Zeit vor Augen führt . Viele Dichter nutzten die Gattung Entwicklungs- bzw. Bildungsroman, um „aus der politischen Wirklichkeit die Flucht ins Individuelle, in das Gestrüpp der eigenen Seele“[18] anzutreten, erklärt Baur. Musil schließt sich mit seinem Internatsroman von 1906 dem allgemeinen Trend der künstlerischen Darstellung der Dissoziation von Ich und Welt an und entwirft gleichzeitig etwas Einzigartiges. Er gehört, unter anderem wegen des einschlägigen Erfolgs seines ersten Werks, zu der Riege der Künstler, die die Wiener Moderne geprägt haben.

Im literarischen Gattungsspektrum die eindeutige Zugehörigkeit des Törleß zu eruieren, stellt sich als Herausforderung dar. Jedoch ist es der Versuch einer Ein- und Abgrenzung, der auf die implizierte Fragestellung dieser Arbeit eingeht, nämlich auf die Frage nach seiner Gattungsbestimmung. Musils Werk wird in der Fachliteratur am ehesten mit dem Entwicklungs- bzw. Bildungsroman in Verbindung gebracht – was aber als fragwürdig zu diskutieren bleibt –, deshalb soll der Törleß an dieser Stelle auf seine Gattungstauglichkeit getestet werden. Eine abschließende Betrachtung erfolgt dann in Kapitel 4.

Wesentlich bei einem Entwicklungsroman ist die innere Handlung, die „kein Nebenprodukt des äußeren Geschehens, sondern ein eigendynamischer zielgerichteter Handlungsbereich“[19] ist. Eingeführt wird die Hauptfigur Törleß als ein empfindsamer Junge, dessen Gefühlswelt erschüttert wird, als er seine Eltern verlässt, um für die nächsten Jahre ein renommiertes Konvikt zu besuchen. In dieser Ausgangssituation des Werkes verleiht der auktoriale Erzähler den Gedanken und Gefühlsregungen des Protagonisten Ausdruck. Der auktoriale Stil des Entwicklungsromans eignet sich hervorragend, um den Leser umfassend über die Befindlichkeit der zentralen Figur, aber auch der Nebenfiguren zu informieren. Abschnittsweise lässt der Erzähler die handelnden Personen in direkter Rede zu Wort kommen. Typisch für den Entwicklungsroman sei, dass die Nebendarsteller als Kontrast- oder Parallelfiguren fungieren.[20] Tatsächlich hat Törleß aufgrund seines ambivalenten Charakters einiges mit Beineberg und Reiting gemein, ebenso markant sind jedoch die Differenzen zwischen ihnen.

Mit dem Kennenlernen seiner Mitschüler und dem Leben in einem Konvikt beginnt Törleß' Entwicklungsprozess, der diverse Krisen und Verwirrungen auslöst. Er durchsteht diese Phase seines Lebens, nichtsdestotrotz ist es fraglich, ob er am Ende als ein besserer Mensch hervorgeht. Dem Grundtenor des Entwicklungsromans kommt entgegen, dass der Erkenntniswille von Törleß betont wird. „Der Duktus der Erzählung hat einen finalen Charakter; die erzählten Geschehnisse und ihre Auswirkungen sind eindeutig bezogen auf die Hauptfigur“[21], fasst Großmann zusammen. Was dem Jungen widerfahre, habe den Charakter von Prüfungen, auch im Sinne von Schuldigwerden, so Großmann.[22]

Bis zu diesem Punkt erfüllt Törleß auf den ersten Blick die Erwartungen, die man an die Hauptfigur dieser Romangattung stellt. Bei genauerer Betrachtung des Verlaufs fallen jedoch Unregelmäßigkeiten auf: Sein Individuationsprozess ist entgegen der Tradition des Entwicklungsromans nicht verbunden mit einem Erziehungsideal. Außerdem haben die Geschehnisse bei Törleß nicht zu einer Ernüchterung, moralischen Läuterung oder Einsicht geführt, was ebenso klassifizierender Bestandteil wäre. Zweifellos dient die Gattung des Entwicklungsromans als Schablone, doch ist die Hauptfigur von Törleß eine ausgereifte Persönlichkeit, die ihr Schicksal selbst in die Hand genommen hat? Wenn ja, wo wird dann der Wendepunkt einer eigen-initiativen Entwicklung veranschlagt?

In Die Verwirrungen des Zöglings Törleß stellt sich vielmehr die Frage, ob das Disziplinarsystem der Gesellschaft maßgeblich für die kollektive Vereinheitlichung der Individuen verantwortlich ist. Die Interpretation aus der Sicht eines systemischen Eingriffs in die Entwicklung des Jugendlichen liegt nahe.

Ein kurzer Exkurs in Michel Foucaults Surveiller et punir ist hilfreich, um sich den Einfluss der Disziplin klarzumachen: Abhängig von „einigen großen Justizskandalen, um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert, als sich die Ökonomie der Züchtigung revolutionierte, (...) entstand eine neue Theorie des Rechts und des Verbrechens, eine neue moralische und politische Rechtfertigung der Strafe, eine neue Strafpraxis.“[23] Die „Ökonomie der Züchtigung“ wurde beispielsweise auch auf das Internat übertragen, denn dort wirkte das Prinzip: „plus discrets, mais insidieux et efficaces.“[24] Foucault legt Folgendes fest: „l'internat apparaît comme le régime d'éducation sinon le plus fréquent, du moins le plus parfait.“[25] Die Abgeschiedenheit des Konvikts ist für den Effekt der Erziehung wichtig, „um die aufwachsende Jugend vor den verderblichen Einflüssen einer Großstadt zu bewahren“ (S. 8), heißt es im Törleß. Foucault spezifiziert die Vorgehensweise einer Institution, die sich an dem Disziplinarmechanismus orientiert: „Le succès du pouvoir disciplinaire tient sans doute à l'usage d'instruments simples: le regard hiérarchique, la sanction normalisatrice et leur combinaison dans une procédure qui lui est spécifique, l'examen.“[26] Was für die Militärschule nach Pâris-Duverney gilt, die Foucault als Beispiel aufgreift, entspricht ebenso den Werten elitärer (Militär-)Schulen Österreichs. Nicht nur die Abgeschiedenheit ist ein Erziehungshilfsmittel, sondern auch die Architektur: „Comme l'école-bâtiment doit être un opérateur de dressage.“[27] Im Falle des Konvikts zu W. ist das Gebäude von hohen Mauern umgeben, sodass Zucht und Ordnung durch die Abschottung der elitären Jugendlichen gewährleistet ist. Von dem Zeitpunkt an, „da sich das Tor des Institutes hinter ihm geschlossen hatte“ (S. 9), fühlte sich der Junge wie in einem Gefängnis. Das wundert nicht, wenn an anderer Stelle das Schulgebäude so beschrieben wird: „Noch einmal sah das Ehepaar die hohe, kahle Rückfront des Institutsgebäudes, – die mächtige, langgestreckte Mauer, welche den Park umschloß, dann kamen rechts und links nur mehr graubraune Felder und vereinzelte Obstbäume“(S. 19). Die Abgeschiedenheit sowie Architektur des Konvikts reichen allein natürlich nicht aus, um die Schüler auf künftige Fähigkeiten abzurichten. Foucault zitiert die gewünschten Ziele der Duverney-Militärschule: „Dresser des corps vigoureux, impératif de santé; obtenir des officiers compétents, impératif de qualification; former des militaires obéissants, impératif politique; prévenir la débauche et l'homosexualité, impératif de moralité.“[28] Ganz allgemein zieht Foucault folgenden Rückschluss:

Les institutions disciplinaires ont sécrété une machinerie de contrôle qui a fonctionné comme un microscope de la conduite; les divisions ténues et analytiques qu'elles ont réalisées ont formé, autour des hommes, un appareil d'observation, d'enregistrement et de dressage.[29]

Diese Ideologie bewirkt die sanction normalisatrice, also die Vereinheitlichung des Betragens und Leistens. Nach Foucaults Bericht habe jedoch jedes einzelne Disziplinarsystem ein individuelles Strafsystem, das sich durch ein Justizprivileg nach eigenen Gesetzen richte.[30] Damit sind Bestrafungen gemeint, die aufgrund der Abweichungen von dem erwarteten Benehmen eines Schülers verhängt werden. Für das Internat heißt das konkret, dass die Zöglinge bei den Schulstunden und Mahlzeiten anwesend sein, zu einer bestimmten Zeit zu Bett gehen und Rituale beispielsweise des Gebets einhalten müssen. Da ein Konvikt eine katholische Einrichtung ist, wird hier nach einer christlichen Gehorsamkeit erzogen. Die Vorschriften, auf die sowohl eine Militärschule als auch ein christliches Konvikt Wert legen, unterscheiden sich nur unwesentlich von anderen Einrichtungen, meint Foucault:

A l'atelier, à l'école, à l'armée sévit toute une micropénalité du temps (retards, absences, interruptions des tâches), de l'activité (inattention, négligence, manque de zèle), de la manière d'être (impolitesse, désobéissance), des discours (bavardage, insolence), du corps (attitudes „incorrectes”, gestes non conformes, malpropreté), de la sexualité (immodestie, indécence).[31]

Disziplinarische Strafen in Schulen kann man als „Sub-Justiz“ begreifen, denn sie entstehen sozusagen als Nachahmung der Gerichtsstrafen.

Ausgehend von dem Einblick in Foucaults Theorie soll nun wieder der Bezug zu Musils Roman hergestellt werden: Dass Törleß schon im Titel ausdrücklich die Rolle des Zöglings zugewiesen bekommt, demonstriert, dass er vor allem unter Berücksichtigung des Einfluss nehmenden Systems erforscht werden sollte. Mit dem Hintergrundwissen über die Disziplinargesellschaft lässt sich erschließen, wie sich die jungen Menschen an die Erwartungshaltung des Internats anpassen müssen. Obwohl im Törleß der Druck zur Konformität nur implizit zur Sprache kommt, wird dennoch immer wieder in Form von Andeutungen damit gespielt. Ist die Flucht der Jungengruppe Beineberg, Reiting und Törleß in eine Zone – nämlich in die sogenannte rote Kammer, die dem verurteilenden gesellschaftlichen und strafenden schulischen Blick verborgen bleibt, – eine stille Auflehnung? Oder ist sie gar eine Nachahmung herrschender Disziplinarnormen, wenn man die dort vollzogenen Machtspiele betrachtet?

Im Hinblick auf diese Frage wird das allgemeine Erzählproblem des Entwicklungsromans deutlich:

Einerseits scheint im Konflikt des passiven, formbaren Helden mit der dynamischen vielfältigen Umwelt die zentrale Stellung, die dem Helden als Demonstrationsfigur eines Entwicklungsganges zukommt, bedroht, während andererseits der Entwicklungsroman als Darstellung einer Individuation die strukturelle Dominanz des Individuums fordert.[32]

Es wird zu klären sein, wie viel Raum die Umwelt des Protagonisten einnimmt und welchen Einfluss sie auf die Entwicklung des Zöglings hat. Die Forschungsfrage muss in dem Bewusstsein gestellt werden, dass der Begriff Entwicklung einer dehnbaren Auslegung obliegt. Es ist nicht von Belang, ob es eine Entwicklung im Sinne von Veränderung gegeben hat, denn eine Wandlung ist nicht von der Hand zu weisen. Vielmehr kommt es auf die Frage an: Wie verändert sich die Hauptgestalt? Der Forschungsgegenstand dieser Arbeit bezieht sich demnach auf den Einfluss sowie die Dominanz des Systems in der Adoleszenz des Zöglings. Auch für die Gattungsbestimmung ist vor allem die Diagnose des Entwicklungsstandes des Protagonisten wichtig. Richtungsweisend ist hierbei, ob er eine erfolgreiche Individualisierung oder eine gefährliche Entfremdung sowie Fremdsteuerung erreicht hat. Maßnahmen, die die Zentralfigur ergreift und die aus der Formierung durch das System resultieren, stehen in keinem Bezug zu dem klassischen Helden des Entwicklungs- bzw. Bildungsromans. Eher sollte man zur Debatte stellen, ob man nicht eine Sub- oder Nebengattung mit dem Namen Formierungsroman in Erwägung zieht. Im Anschluss an die nachfolgende analytische und interpretatorische Untersuchung von Die Verwirrungen des Zöglings Törleß werden die Ergebnisse in Kapitel 4 dieser Arbeit zu einer antwortenden Stellungnahme führen.

2 Der Machtkomplex in Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Die rational erfassbaren Lebensräume sind grob das, was Musil unter dem ratioiden Bereich versteht. In diesen Bereich inbegriffen sind beispielsweise die Internatswelt oder das Elternhaus. Bevor diese Felder auf ihre Machtmechanismen geprüft werden, muss der Ausdruck des Ratioiden konkretisiert werden: Klaus Mackowiak hat sich in seinem Buch Genauigkeit und Seele mit Musils komplizierter Definition der ratioiden Welt auseinandergesetzt. Wichtig erscheint zunächst, das „Ratioide“ vom „Rationalen“ zu unterscheiden. In Abgrenzung zu dem Prädikat rational, „dessen Geltungsdrang Menschen sind bzw. deren Handlungen“[33], bezieht sich ratioid auf Lebensbereiche. Die soziale und objektive Lebenswelt könne als ratioid oder nicht-ratioid beurteilt werden, sagt Mackowiak.[34] Diese Einteilung hänge von dem rationalen oder nicht rationalen Umgang der Menschen mit dem jeweiligen sozialen und objektiven Bereich ab.[35] Im Gegensatz zu dem ratioiden Feld gelten bei Musil nicht-ratioide Erlebnisse als singuläre Ereignisse.[36] „Im ratioiden Bereich werden Erlebnisse so aufgearbeitet, daß an ihnen das Allgemeine hervortritt, so daß sie fixier- und übertragbar werden.“[37]

„Das ratioide Gebiet umfaßt – roh umgrenzt – alles wissenschaftlich Systematisierbare, in Gesetze und Regeln zusammenfaßbare. (…) Man kann sagen, das ratioide Gebiet ist beherrscht vom Begriff des Festen und der nicht in Betracht kommenden Abweichungen“[38], fasst Musil zusammen. In engem Zusammenhang mit der ratioiden Welt stehe die Moral: „Nach dem Prinzip der Moral, also einer aufgestülpten Organisationsform des Lebens, verlaufen die alltäglichen Prozesse; diese werden daher nicht mehr als verbunden mit dem jeweils Handelnden erlebt, sondern merkwürdig fremdgesteuert.“[39] In Bezug auf das Ratioide interpretiere Musil „die Moral quasi als Versuch, die Beziehungen zwischen Menschen nach Vorgabe der Methode rationalen Denkens zu organisieren“[40], so Mackowiak.

Aufgrund der Prägung des Zöglings durch den elterlichen, ratioiden Bereich hat er gelernt, Erlebnisse über eigene Abstraktionsleistung zu verbalisieren. Die Orientierung an Regeln, Formeln und Gesetzen des erlernten moralischen Handelns geben dem jungen Knaben anfänglich Sicherheit. Mit den Lebensumständen in dem Konvikt zu W. erfährt er jedoch, dass das Erlebnis im nicht-ratioiden Feld „in einer unabstrahierten, komplexen Konkretheit verbleibt.“[41] Die Konturen von gutem und schlechtem Betragen verwischen plötzlich. Die Veränderung seines Lebensraumes und seines sozialen Umfelds ist der Anstoß für die verwirrenden Zustände.

Angesichts dieser Tatsache müssen zunächst die Strukturen innerhalb der Schul- und Klassenordnung eruiert werden, um anschließend in Kapitel 3 dieser Arbeit die elementare Einwirkung des nicht-ratioiden Felds auf den Jugendlichen zum Vorschein zu bringen. Die nun folgenden Punkte befassen sich hauptsächlich mit dem System des Internats, den darin agierenden Figuren sowie dessen Macht- und Moralstrukturen.

2.1 Der Wille zur Macht

„Alles Geschehen aus Absichten ist reduzierbar auf die Absicht der Mehrung von Macht[42], sagt Friedrich Nietzsche in seiner Abhandlung über den Willen zur Macht. Beschäftigt man sich mit den Figuren Reiting und Beineberg, so erscheinen sie quasi als Prototypen, die ein literarisches Exempel in Anlehnung an Nietzsches Werk Der Wille zur Macht statuieren. Die stete Betonung, dass jede Handlung dieser Personen auf Macht und Herrschaft über andere Menschen ausgerichtet ist, legt es förmlich darauf an, die anthropologisch philosophische Theorie Nietzsches bei der Figurenanalyse zu berücksichtigen. Reiting und Beineberg personifizieren geradezu das Prinzip der Macht, zumindest ist es ein wesentlicher Bestandteil ihrer figuralen Schwerlinie. Es ist deutlich zu erkennen, dass Musils literarische Werke von Nietzsches philosophischen Erkenntnissen geprägt sind. Müller behauptet sogar: „Von niemanden ist Musil so nachhaltig beeinflusst worden wie von Friedrich Nietzsche.“[43] Auf welche Weise jeder Akteur im Törleß der Mehrung von Macht nacheifert, wird in diesem Abschnitt untersucht.

Die Institution „Internat“ gibt das hierarchische System vor: Im Mittelpunkt des Konvikts zu W. steht die Konditionierung von männlichen Jugendlichen auf gesellschaftliche Machtpositionen oder Offiziersposten. Mit dem ausdrücklichen Ziel, zu einem Teil der einflussreichen Elite heranzuwachsen, wird von Anfang an ein leistungsorientiertes Handeln propagiert, und an diesem obersten Ziel orientieren sich die Schüler. Im Rahmen der Klasse bedeutet es, dass viele Duelle meistens auf physische und taktische Weise ausgetragen werden, um schon früh seinen „Marktwert“ zu testen und sich selbst zu schulen. Das System wirkt hier als Katalysator für die Entwicklung einer hierarchischen Hackordnung. Die Machtkämpfe sind dennoch nicht nur Auswirkung des einflussreichen Systems; wenn man nach Nietzsche geht, sind sie Resultate natürlicher, in den Menschen verankerter Prozesse:

„Nützlich“ im Sinne der darwinistischen Biologie, das heißt im Kampf mit anderen sich als begünstigend erweisend. Aber mir scheint schon das Mehrgefühl, das Gefühl des Stärker-werdens, ganz abgesehen vom Nutzen im Kampf, der eigentliche Fortschritt: aus diesem Gefühle entspringt erst der Wille zum Kampf.[44]

Weil die Mehrung der Macht das treibende Ziel ist, entstehe der Wille zum Kampf.[45] Die Verhaltensregeln der Schulordnung sorgen dafür, dass der Machtkampf unter den Schülern seine Grenzen hat, trotzdem entwickelt sich im Geheimen eine eigene Dynamik: Die dominanten Figuren schaffen im Rahmen des Schulsystems ihre spezifische Ordnung. Die Etablierung eines internen Systems bestimmen Reiting und Beineberg; sie verbannen die Ausführung ihrer Strafmaßnahmen an einen bestimmten Ort im Internat, nämlich in die rote Kammer.

Das hierarchische Konstrukt unter den Jugendlichen gründet auf dem Kräftemessen mittels Gewalt und intriganter Raffinesse. Es bilden sich dominante Charaktere heraus, die ihre Macht demonstrieren müssen, um ihre Position in der Rangordnung zu behalten und sich selbst in der effektiven Unterdrückung zu üben. Die Straftat des Kameraden Basini liefert den „Alphatieren“ Beineberg und Reiting eine optimale Vorlage für ihre Machtausübung. „Der Folter voraus geht die Unterwerfung, die Etablierung des Führer-Gefolgschaft-Verhältnisses“[46], legt Hanisch fest und spielt dabei auf die abgesteckten Machtverhältnisse innerhalb der Dreiergruppe an. Es stellt sich heraus, dass Reiting derjenige sei, der am meisten Talent zum Führen habe, da er ein Tyrann sei und „unnachsichtig gegen den, der sich ihm widersetzte“ (S. 56). Er taktiere aber auch mit einer gewissen Liebenswürdigkeit und gewinnenden Art, deswegen habe er im Gegensatz zu Beineberg die Majorität auf seiner Seite (vgl. S. 56). Die Persönlichkeit, die ihn auszeichnet, wird folgendermaßen beschrieben:

[...]


[1] Großmann (1988): Robert Musil. Die Verwirrungen des Zöglings Törleß, S. 12

[2] Großmann (1988): Robert Musil. Die Verwirrungen des Zöglings Törleß, S. 12

[3] Vgl. Fend (2000): Entwicklungspsychologie des Jugendlichen. Ein Lehrbuch für pädagogische und psychologische Berufe, S. 23

[4] Ebd., S. 23

[5] Hanisch (1994): Der lange Schatten des Staates. Österreichische Gesellschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert, S. 19

[6] Ebd., S. 19

[7] Paulsen (1908): Moderne Erziehung und geschlechtliche Sittlichkeit. Einige pädagogische und moralische Betrachtungen für das Jahrhundert des Kindes, S. 3 f.

[8] Vgl. Baur (1973): Zeit- und Gesellschaftskritik in Robert Musils Roman „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“, S. 42

[9] Ebd., S. 42

[10] Ebd., S. 42

[11] Ebd., S. 42

[12] Müller (1971): Dichtung und Wissenschaft. Studien zu Robert Musils Romanen „Die Verwirrungen des Zöglings Törless“ und „Der Mann ohne Eigenschaften“, S. 22

[13] Großmann (1988): Robert Musil. Die Verwirrungen des Zöglings Törleß, S. 15

[14] Baur (1973): Zeit- und Gesellschaftskritik in Robert Musils Roman „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“, S. 43

[15] Grobe (2006): Interpretation zu Robert Musil. Die Verwirrungen des Zöglings Törleß, S. 50 f.

[16] Grobe (2006): Interpretation zu Robert Musil. Die Verwirrungen des Zöglings Törleß, S. 54

[17] Vgl. Grobe (2006): Interpretation zu Robert Musil. Die Verwirrungen des Zöglings Törleß, S. 59

[18] Baur (1973): Zeit- und Gesellschaftskritik in Robert Musils Roman „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“, S. 22

[19] Esselborn-Krumbiegel(1983): Der „Held“ im Roman. Formen des deutschen Entwicklungsromans im frühen 20. Jahrhundert, S. 24

[20] Vgl. Ebd., S. 19

[21] Großmann (1988): Robert Musil. Die Verwirrungen des Zöglings Törleß, S. 14 f.

[22] Vgl. Großmann (1988): Robert Musil. Die Verwirrungen des Zöglings Törleß, S. 15

[23] Foucault (1977): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, S. 2

[24] Foucault (1975): Surveiller et punir. Naissance de la prison, S. 143; übersetzt in: Foucault (1977): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses: „... die diskreter waren, aber vielleicht hinterhältiger und wirksamer“, S. 181

[25] Ebd., S. 143; übersetzt in: ebd.: „... das Internat erscheint, wenn nicht als häufigste, so doch als vollkommenste Erziehungsform“, S. 181

[26] Foucault (1975): Surveiller et punir. Naissance de la prison, S. 172 f.; übersetzt in: Foucault (1977): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses: „Zweifellos liegt der Erfolg der Disziplinarmacht am Einsatz einfacher Instrumente: des hierarchischen Blicks, der normierenden Sanktion und ihrer Kombination im Verfahren der Prüfung“, S. 220

[27] Ebd., S. 175; übersetzt in: ebd.: „Auf ähnliche Weise muß das Schulgebäude ein Dressurmittel sein“, S. 223

[28] Ebd., S. 175; übersetzt in: Ebd.: „Der Gesundheitsimperativ schreibt vor, kräftige Körper heranzuzüchten; der Qualifikationszwang gebietet die Herstellung fähiger Offiziere; der politische Imperativ verlangt die Ausbildung fügsamer Militärs; der moralische Imperativ will die Verhütung von Ausschweifung und Homosexualität“, S. 223

[29] Foucault (1975): Surveiller et punir. Naissance de la prison, S. 175; übersetzt in: Foucault (1977): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses: „Die Disziplinarinstitutionen haben eine Kontrollmaschinerie hervorgebracht, die als Mikroskop des Verhaltens funktioniert; ihre feinen analytischen Unterscheidungen haben um die Menschen einen Beobachtungs-, Registrier- und Dressurapparat aufgebaut“, S. 224

[30] Vgl. ebd., S. 180, übersetzt in: ebd., S. 230

[31] Ebd., S. 180; übersetzt in: ebd.: „Was in der Werkstatt, in der Schule, in der Armee überhandnimmt, ist eine Mikro-Justiz der Zeit (Verspätung, Abwesenheiten, Unterbrechungen), der Tätigkeit (Unaufmerksamkeit, Nachlässigkeit, Faulheit), des Körpers (falsche Körperhaltungen, Gesten, Unsauberkeit), der Sexualität (Unanständigkeit, Schamlosigkeit)“, S. 230

[32] Esselborn-Krumbiegel (1983): Der „Held“ im Roman. Formen des deutschen Entwicklungsromans im frühen 20. Jahrhundert, S. 18

[33] Mackowiak (1995): Genauigkeit und Seele. Robert Musils Kunstauffassung als Kritik der instrumentellen Vernunft, S. 25

[34] Vgl. ebd., S. 25

[35] Vgl. ebd., S. 25

[36] Vgl. ebd., S. 26

[37] Ebd., S. 25

[38] Musil (o.J.): Robert Musil. Essays 1911-1931, S. 1026 f.

[39] Mackowiak (1995): Genauigkeit und Seele. Robert Musils Kunstauffassung als Kritik der instrumentellen Vernunft, S. 29

[40] Ebd., S. 29

[41] Ebd., S. 25

[42] Nietzsche (1996): Der Wille zur Macht. Versuch einer Umwertung aller Werte, S. 443

[43] Müller, Gerd (1971): Dichtung und Wissenschaft. Studien zu Robert Musils Romanen „Die Verwirrungen des Zöglings Törless“ und „Der Mann ohne Eigenschaften“, S. 165

[44] Nietzsche (1996): Der Wille zur Macht. Versuch einer Umwertung aller Werte, S. 436

[45] Vgl. ebd., S. 436

[46] Hanisch (1994): Der lange Schatten des Staates. Österreichische Gesellschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert, S. 255

Details

Seiten
79
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640945641
ISBN (Buch)
9783640945931
Dateigröße
784 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174153
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
2,3
Schlagworte
wissen macht adoleszenz musils verwirrungen zöglings törleß figurenentwicklung gattungszugehörigkeit

Autor

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Titel: Wissen und Macht in der Adoleszenz in Musils "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß"